Wanderlid für Raisende Leut

[843] Inn der weis, Der Thorecht, etc.


1.

Inn deim Namen, O Hoher GOT,

geb ich mich auf die Strasen:

Ich wag es auf dein Güt vnd Gnod,

du wirst mich nun nicht lasen.

Dan du bist je anch vnser GOT,

der vnserm ein vnd ausgang rhot,

du thatst es so bestellen,

Auf das, so wir Raisen allhie,

denken, das wir sint Pilger ie

vnd dorthin müsen stellen.


2.

Zu Raisend Leuten hastu lust

vnd fränd zuhelfen juen,

Dan auch dein liber Son je mußt

raisend sein Amt beginnen

Als er floh inn Egipten gschwind,

da Herodes nachtracht dem Kind

das er es pring zu falle,

So Raißten auch die Väter all

vnd das Volk Israel zumal

vnd die Aposteln alle.


3.

Wie nun denselben gholfen hast,

das sie jr thun erraichten,

Also wöll auch dein Gnadē glast

meim fürnemen vorlenchten:

Wie forgingst dem Volk Israel

Nacht vnd tags inn der Wolken hell,

also dein Gnad mir scheine,

Las vber mich aufgehn dein Güt,

wie die schön Morgenröt herplüht,

dein trost mich stäts anscheine.


4.

Kom vns heut vor mit deiner Gnad,

frü vns dein Güt erwecke,

Behüt vns auch den Abend spat,

das vns nicht args erschrecke,

Dz vnser Gaist auch wach zu Nacht

zu dir, der du hältst die Schiltwacht

durch ganze Engelshaufen,

Welche sich vm vns lägern her

wie ain stark Wagenburg zur Wehr

widers Teufels anlaufen.


5.

Dein Engel gib mir allzeit zu,

die mich auf meim Weg laiten,

Vnd pringen mich gsund haim zu Rhu,

vnd mein geschäft beraiten,

Gleichwie der Jung Tobias het

den Raphael zum Gfärten stät,

vnd jm glücklich erginge:

Dan wa du nicht zur seiten bist,

da praucht der Teufel gleich sein list,

das er inn Not vns pringe.


6.

O HERR, bewar für Wassersnot,

für Lebensgfärlichkaiten,

für des Schwerds schärf vnd gähem Tod,

für Gift vnd schnell Krankhaiten,

Für Vngewitter, Hagel, Feur,

für Thirn vnd Menschen vngeheur,

für Vnnützen Gefärten,

Für vnverschamten Herzen auch,

rochlosen Leuten, argem prauch

vnd anderen beschwerden.


7.

Erhalt mich Nüchtern auf der fart,

dan Fülle pringt mutwillen.

Schaff, das mein Herz sei rain verwart,

nichts arges zu erfüllen.

Bewar mein Zung vor falscher Red,

trug, schandparkait vnd Afterred,

das ich kainn ärger, schmähe;

Verleih mir auch gnad, Rhat vnd Kräft,

das ich nuzlich ausricht mein gschäft

vnd allain auf dich sehe.


8.

Beweis dich mir, wie dich beweist

dort Jacob, dem Erzvater,

Als er weit zu dem Laban raißt

vor seines Pruders hader;

Halt mir, was jm dein Güt verhaißt,

als er weit inn Egipten Raißt,

da du jm thätst zusagen

›Ich will zihen hinab mit dir,

vnd will dich herauf füren mir‹:

wer wolt zu dem Wort zagen?


9.

Kontstu die Kinder Israel

durch vngbant Wüsten füren,

Ja durch das Mör on allen fäl,

was solt mir dan nicht gbüren?

Dieweil ich je auch binn dein Kind,

der dir durch dein Son binn Versünt

vnd durch sein Lib dir Libe:

So führ mich nun durch deinen Sun

auf diser Rais in meinem thun,

das mich nichts args betrübe.[843]


10.

Zu dir mein Gsicht heb ich allain,

daher all hülf entspriset.

Vom HERREN scheint mir hülf herein,

von GOT mein Trost herfliset.

Dan Er die Sünd verzeihen kan,

vnd nimmt mich gern vm Christum an,

der dis Elend versuchte,

Damit er aus dem Jamertal

vns prächt inn seines Vaters Sal

vnd das Verloren suchte.


11.

O Christe, frü stärk mich dein Gnad

wie ain Tauwolk des Morgens;

Erquik mich wie der Regen spat,

so darf ich nicht vil sorgens.

Mir soll nicht grausen vberal,

ob ich wandert im finstern thal,

weil mich tröstet dein Stecken,

Dein Stab mich vor dem Fall wol stüzt,

dein ausgestreckter Schilt mich schützt,

wer wolt drunter erschrecken?


12.

Vm solche deine Güt, O GOT,

wollen wir dir Lobsingen,

So bald die libe Sonn aufgoht

mit den Feldvöglin klingen,

Vnd abends wann die Nacht einpricht

dir danken für dein Ewigs Licht,

welchs inn vns pflanzt dein Gaiste.

O GOT, schlis inn dein Hand mein Sel,

mich vnd das mein ich dir besel,

dein Hülf zur Rais mir laiste.

Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Leipzig 1874, S. 843-844.
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