6. Auf die Weise des 101. Psalms

[239] Ich habe mich mit mir nun ganz besprochen.

Der leichten Welt ihr Gutsein oder Pochen

soll mich forthin nicht weder krank noch froh

mehr machen so.
[239]

Was ist es mehr mit allen ihren Günsten,

die, Nebeln gleich und leichten leeren Dünsten,

so bald sie nur und eh' sie fast entstehn,

so bald vergehn?


So kan mir auch ihr Zorn auf mehr nicht schaden,

als daß er mir zerreißt des Lebens Faden.

Not, Armut, Pein und was sie Tötlichs dreut

scheint nur ein Leid.


Sie mag mich denn gleich sieden oder braten,

sie muß mich doch der Seelen lassen raten,

die ihren Grimm, wie sauer sie ihn macht,

doch nur verlacht.


Gott, der ist der, der nicht nur hie mit Nöten,

der dort auch kan mit Höllenängsten töten,

da Leib und Geist durch einen Tod verdirbt,

der nimmer stirbt.


Laß keine Furcht, als deine, mich erschrecken,

o der du uns vom Tode wirst erwecken!

Laß, Höchster, mich bewegen keine Lust,

als die du tust!


Enthalte mich in diesen trüben Zeiten,

da Gut und Bös in vollen Lärmen streiten,

da falscher Schein mit wahrer Schönheit kriegt

und fast wie siegt!


O wahre Zier, itzt lenke meine Sinnen,

daß sie nur dich alleine lieb gewinnen!

Itzt wend auf nichts als dich nur meinen Mut,

o höchstes Gut!


Ich will forthin mit streitenden Gebeten

die böse Welt zu meinen Füßen treten,

will blos auf den mein Herze stellen hin,

von dem ich bin.


Er meint es gut und will mich nur versuchen,

ob ich ihn wol will segnen oder fluchen;

er ist gerecht, wird mehr nicht, als ich kan,

mir muten an.


Was er legt auf, das hilft er selbsten tragen

und macht es so mit allen unsern Plagen,[240]

daß endlich anders man nicht sagen kan

als: wol getan!


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 239-241.
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