14. An Herrn M. Christof Buhlen, von seiner Charitillen

[349] 1632 Herbat.


Zwar ich hatte längst in Willen,

Buhle, du gelehrter Man,

dir und deiner Charitillen

einen Ton zu stimmen an,

daß man könt' auch künftig sagen,

daß ich Lust zu euch getragen.


Seit mir aber meine Freuden

mein Verhängnüß mißgegünt,

und die von mir müssen scheiden,

die mein Sin noch stets besint,

ist mir etwas anzufangen

alle Lieb' und Lust vergangen.


Und wo ist denn Charitille,

Charitille, deine Zier,

deine Hülle, deine Fülle

und dein ganzes Du nach dir,

Charitille, der zu Ehren

ich ein Lied soll lassen hören?


Deine Lust, sie ist entwichen,

deine Zier ist weit von dir.[349]

Du auch bist ihr nach geschlichen,

nur dein Schatten ist noch hier,

nun uns Gottes Eifer rühret

und in ein solch Elend führet.


Schöne Stadt, ich trag' Erbarmen

über deinen schweren Fall,

daß dich Furcht und Tod umarmen

hier und da und überall.

Wenn, ach! wenn wol wirds geschehen,

daß wir dich in Frieden sehen?


Ich, wie sehr ich sonst verletzet

über der Rubellen bin,

werde doch itzt mehr verhetzet

zu betrüben meinen Sin,

weil ich dich, du werter Buhle,

nicht seh' in der Liebes-Schule.


Weiln auch deine Charitille

nicht bei uns zugegen ist,

so ist Alles öd' und stille,

Alles hat sein Leid erkiest.

Nichts will Fröligkeit beginnen,

weil die Freud' ist selbst von hinnen.


Phöbus scheint mir selbst zu trauren,

er verkürzt den müden Tag,

weil er um bewußte Mauren

seine Zier nicht sehen mag.

Lune will mich blässer deuchten

und die Sternen minder leuchten.


Da man sonsten hin und wieder

um den Pleiß- und Elsterstrand

hörte manche schöne Lieder,

da ist itzt ein Stillestand.

Alle Hirten, alle Heerden

sieht man stündlich dünner werden.


Aller Trost ist hin verschwunden

mit dem Sommer und mit ihr.

Du hast keine Lust empfunden,

seit sie, Freund, nicht ist bei dir.[350]

Doch so mach dir nicht zu bange!

Sie wird sein von dir nicht lange.


Zweierlei hat man vom Lieben,

so man standhaft ausverharrt:

in dem Absein das Betrüben,

Freuen in der Gegenwart.

Lust und Leid ist der ergeben,

wer in treuer Brunst will leben.


Kommt doch bald, ihr edlen Tage,

komm doch bald, du güldne Zeit,

daß mein Buhle frölich sage:

Weg, verhaßte Traurigkeit!

Ich bin aller Not entnommen;

Charitille, sei willkommen!


Denn will ich auch lustig singen

und mit euch mich freuen sehr,

obgleich ich von gleichen Dingen

nichts zu hoffen nimmermehr.

Muß schon ich mich stets betrüben,

doch seh' ich gern' Andre lieben.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 349-351.
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