3. Der 38. Psalm

Ein Psalm Davids, zum Gedächtnüß

[5] Jehovah, straf mich nicht, wenn deines Zorrens Flammen

verzehren alle Gunst, gehn über mir zusammen!

Wenn deines Grimmes Loh in vollem Sturme fährt,

die dieses alles auch in einem Nu verheert,

dann züchtige mich nicht! Du siehst ohn diß die Schmerzen,

so deine grimme Pfeil' erregen meinem Herzen.

Für deinem Dräuen, Herr, ist nichts an mir gesund,

dein' Hand ist mir zu schwer, sie schlägt mich krank und wund;

mein Leib ist strimenvoll, ich habe keinen Friede,

ich, wolgeplagter Mensch, in irgends einem Gliede.

Der schwere Sündenschmerz greift auch die Knochen an,

der übermachte Schmerz, und wütet was er kan.

Die Größe meiner Schuld ist über mich gestiegen,

hoch über dieses Haupt. Ich muß, ich muß erliegen.

Sie drückt mich unter sich, wie von der schweren Bürd'

ein schwacher Rücken gar in sich gequetschet wird.

Die Haut ist voller Wust, die Torheitwunden stinken,

die Schwere gehen auf. Ich muß für Schmerzen sinken.

Ich gehe manchen Tag ganz traurig, krumb, gebückt,

die Lenden dorren aus. Da ist nichts, das erquickt

den ungesunden Leib und lindert meine Beulen.

Ich bin nicht itzo ich. Ich muß für Unruh heulen,

die mir mein Leben frißt. Herr, du weists besser noch

als ich dirs klagen kan, was mich drückt für ein Joch.

Diß Seufzen kennest du. Mein mattes Herze zittert,

die erste Kraft ist hin, der ganze Leib erschüttert.

Die Glieder werden welk, der blöden Augen Liecht

ist wie ein dicker Dampf. Da ist kein Kläger nicht,

der Beileid mit mir trägt. Ein Greuel ists zu sagen!

Ja, auch die Freunde selbst, die scheuen meine Plagen

und stehen weit von mir. Der vor mein Nächster war,

ist jetzt der Ferneste. Verstoßen bin ich gar.

Was noch das Größest ist, die Feinde seh' ich stellen

auf allen Seiten auf, wie sie nur mögen fällen[6]

mein abgeseelte Seel'. Hier lauren sie und dort

und reden wider mich nur lauter Schadenswort

und bergens listiglich. Ich aber muß nicht hören,

muß wie ein Tauber sein, darf ihren Rat nicht stören,

ganz einem Stummen gleich, der sich nicht schützen kan,

wenn ihm zur Ungebühr ein Schimpf wird angetan.

Auf dich, Herr, Herr, auf dich harr ich in diesen Nöten!

du, mein Gott, wirst ja nicht mich gar so lassen töten.

Erhör', erhöre mich, auf daß ich ihrer Rott',

im Fall mirs übel geht, nicht gar muß sein ein Spott!

Wenn dein Verhängnüß mich ließ auf dem Glatten wanken,

hilf Gott, was würden sie nicht haben für Gedanken,

wie würden sie sich doch hoch rühmen wider mich!

Es ist kein mühsamer, kein ärmer Mensch, als ich.

Ich bin zu steter Angst und Leiden nur geboren.

Mein Schmerz ist immer neu. Herr, nimb doch du zu Ohren

mein heiser Notgeschrei! Dir beicht' ich meine Schuld,

ich sorge stets für sie. Herr, habe doch Geduld,

und töte mich nicht gar! Sie, meine Feinde, leben

und trutzen auf die Macht. Sie seh' ich oben schweben

und größer sein als ich, die mich, weiß nicht, warumb

aus selbstgefastem Haß und Gramsein rennen umb,

die mir für Segen Fluch, für Gutes Böses gönnen.

Herr, wirstu länger auch dem Übel zusehn können?

Ach eile, weil die Not ietzt in dem Höchsten ist,

weil du mein' ein'ge Hülf' und starker Beistand bist!


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 5-7.
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