7. Der 143. Psalm

Ein Psalm Davids

[12] Herr, Herr, erhöre mich und nimb mein Flehen an.

So was vor dir dein Recht und Wahrheit gelten kan,

so schaffe mir auch Recht. Doch führ nicht ins Gerichte

mich, deinen Sündiger. Was hält wol das Gewichte

für Unschuld deinem Satz? Und wenn die große Welt

auf einen blachen Platz dir vor die Augen stellt'

ihr ungezähltes Volk, so würd' in solchen allen

ja nicht auf einen nur dein rechtes Urteil fallen,

daß er sei ohne Schuld. Diß bitt' ich nur allein,

daß ich des Feindes Spiel so gar nicht möge sein.

Denn er verfolget mir aufs äußerste mein Leben,

ich muß in steter Furcht für seinem Trutzen schweben.[12]

Für ihm verkriech' ich mich, ich bin sein ewger Raub.

Ereilet er mich denn, so wirft er mich in Staub

und in ein finster Loch, da mich kein Liecht bestralet,

ich bin den Todten gleich. Wenn er so hoch herpralet,

so ängstet sich mein Geist. Mein Herze wird verzehrt,

daß er ohn' Unterlaß so grimmig an mich fährt,

daß ich so hülflos bin. Denk ich denn an die Werke

die du vorhin getan durch deiner Hände Stärke,

so tret' ich auch vor dich und bringe sie dir für,

und bitte, daß du auch so wollest helfen mir.

Ich strecke Nacht und Tag zu dir die lassen Arme,

nach dir, Herr, durstet mich in diesem dürren Harme,

wie ein entsaftet Land, das sich zum Himmel neigt,

und der erzürnten Burg die tiefen Risse zeigt,

gleich einem Seufzenden. Merk auf, Herr, Herr, erhöre!

erschein', erscheine bald in deiner großen Ehre,

eh mir der Geist entwischt, der nicht herwiederzeucht,

wenn er uns einmal nur durch unsre Lippen fleucht!

Verbirg dein Antlitz nicht, du Sonne meiner Seelen!

sonst werd' ich denen gleich, so in die schwarze Hölen

des Todes fahren ab, als wie in einen Schacht,

ohn' alle Wiederkunft, und sind in langer Nacht.

Herr, säume dich doch nicht! Laß deine frühe Gnade

mir bald zu wissen tun, und daß ich auf dem Pfade,

den du wilst, geh' herein, so mache mir ihn kund!

Nach dir Herr, Herr, nach dir seufz' ich mit Seel und Mund'.

Ich hoffe bloß auf dich. Gott, du bist mein Erretter,

und meiner Zuflucht Schutz entgegen alle Spötter,

die mir den Tod gedräut. Ich steife mich auf dich,

und achte sie für nichts. Hinwieder, lehre mich

nach deinem Willen tun, denn du bist mein Regierer!

Dein guter werther Geist sei allezeit mein Führer

auf wolgebahnter Bahn! Verhänge, Herr, doch nicht,

daß der, so dir dein Lob des hohen Namens spricht,

fahr' unerquicket hin! Führ' aus den großen Nöten

mein' halberlegne Seel' und laß sie nicht gar töten!

Gott, weil du bist gerecht, so sihe doch darein

und laß mich Armen nicht in steter Unruh sein![13]

Verstöre meinen Feind von deiner Güte wegen!

Setz' ihnen dich für mich zur rechten Rach' entgegen!

Du wirst, Herr, richten wol die Seelenängster hin,

wenn du nur denken wilst, daß ich dein Knecht noch bin.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 12-14.
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