Hubert in Hof

[276] (Zur Begrüßung Huberts v. H.

am 2. Weihnachtsfeiertag 1887)


Hubert der Maler – am Isarstrand

Sitzt er in Bajuvarenland.


Er sitzt und sinnt: Wohl bin ich froh

In der Mönchestadt, in Monaco,

Wohl trink' ich hier Weihen-Stephan am Quell,

Und doch mein Aug', es wird trüb und hell,

Mein Aug', es sieht, als wär' es im Traum,

Am Lützowplatz einen Weihnachtsbaum.

Es geht nicht länger, ich will nach Haus,

Mir geht hier Laun' und Stimmung aus,

Ich reis' auch gleich, ohne lange zu schreiben,

Und wenn fünf Minuten in Hof wir bleiben,

So telegraphier' ich nach Berlin-West:

»Komme noch heute, komme zum Fest.

Hubert in Hof.«


Gesagt, getan. Er nimmt ein Billett.

Ei, das Reisen, es ist doch nett,

Der Wagen ist warm, die Sitze sind breit,

Und draußen so still. Und wie hübsch es schneit.[276]

»Ich mache mir nichts aus Sturm und Regen,

Aber Schnee, der komme meinetwegen,

Den schüttelt man ab, der macht nicht naß,

Schneewetter, vor allem lieb' ich das,

Schnee dämpft selbst des Eilzugs Gestöhn und Gedröhn,

Schnee ist bloß hübsch, Schnee ist bloß schön!«


So Hubert, als er in erster Stund'

In Nähe von Freysing sich befund.

Auch in Ingolstadt noch. Aber schon bei Fürth

Die Sache ziemlich bedenklich wird,

Es schneit und schneit, es fällt und fällt,

Ein Schneehaufe wird die ganze Welt,

Bäume, Dächer, Kirchturmspitzen,

Alle schon tief in der Kappe sitzen,

Und als die Maschine, die längst nicht mehr fleucht,

Sich bis nach Hof hin durchgekeucht,

Da sitzen sie fest, der Zug steht still,

Die Wand nicht weiter sich öffnen will,

Und die Schaffner rufen: »Aussteigen; zu Nacht

Wird vorläufig hier Quartier gemacht.«

Entsetzen, Lachen, Fluchen, Gewimmer,

Alles stürzt in das Wartezimmer,

Nur einer kennt eine höhere Pflicht,

Er telegraphiert: »Erwartet mich nicht.

Eingeschneit. Macht Euch keine Sorgen.

Ich sitze hier fest, komm' also morgen.

Hubert in Hof.«


Das klang noch zunächst vergnüglich fast,

Aber die Länge, sie hat die Last,

Ihr alle kennt den Ausspruch ja:

»Früh um acht in Potsdam, was soll ich da?«

Und Potsdam ist immer doch Potsdam noch,

Aber »Hof«, da reißt denn der Faden doch;

Wen kann es trösten, wer kann dran genesen,

Daß Jean Paul in Hof auf der Schule gewesen?[277]


Und der Wartesaal! Himmel, welche Gerüche,

Dunst und Wrasen aus Keller und Küche,

Von Stiefelsohlen die Schneekrustenschmelze,

Zigarren aus Östreich, Judenpelze,

Körbe mit Eiern, mit Hering, mit Käse,

Kanonenöfen mit Glutgebläse,

Zwiebelbeefsteak, bayrische Würste,

Gepfeffert, gesalzen von wegen der Dürste.

Ja Dürste! Riesig wächst der Wunsch

Nach Glühwein, Knickebein, Grog und Punsch,

Salate von Fisch, Mayonnaise von Hummer.

Manch vermostrichte Zeitungsnummer,

Vier Wochen alte Kladderadatsche,

Witze, politisches Getratsche,

Harfenistinnen, Geige, Klaviergeklimper,

Courmacher, derb und mit Gezimper,

Und allviertelstündlich ein neuer Rapport:

»Es schneit und schneit noch immer fort.«

So sitzen sie fest und spielen Skat,

Und nach Haus hin sehnt sich, früh und spat,

Hubert in Hof.


Doch Gott sei Dank, 's steht irgendwo

(Konfuz oder König Salomo),

»Ein jedes Ding hat seine Zeit«,

Und so hat's denn auch endlich ausgeschneit.

»Einsteigen!« erklingt das süße Wort,

Und wieder norderwärts geht es fort,

Lokomotive, tapfrer Held,

Schlägt sich durch bis Bitterfeld.

In Wittenberg, wie Sirenengesang,

»Apfelkuchen!« klingt es den Bahnsteig entlang,

Aber Wachs ins Ohr, nur nicht kosten woll'n,

Es ruft ja der beßre Weihnachtsstoll'n –

Er ruft ... Und treppauf mit einem Satz

Ist Hubert jetzt heim am Lützowplatz,

Hubert in Hof.[278]


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 276-279.
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