Barbara Allen

[296] Es war im Herbst, im bunten Herbst,

Wenn die rotgelben Blätter fallen,

Da wurde John Graham vor Liebe krank,

Vor Liebe zu Barbara Allen.


Seine Läufer liefen hinab in die Stadt

Und suchten, bis sie gefunden:

»Ach, unser Herr ist krank nach dir,

Komm, Lady, und mach' ihn gesunden.«
[296]

Die Lady schritt zum Schloß hinan,

Schritt über die marmornen Stufen,

Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:

»John Graham, du ließest mich rufen.«


»Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst,

Und die rotgelben Blätter fallen –

Hast du kein letztes Wort für mich?

Ich sterbe, Barbara Allen.«


»John Graham, ich hab' ein letztes Wort,

Du warst mein all und eines;

Du teiltest Pfänder und Bänder aus,

Mir aber gönntest du keines.


John Graham, und ob du mich lieben magst,

Ich weiß, ich hatte dich lieber,

Ich sah nach dir, du lachtest mich an

Und gingest lachend vorüber.


Wir haben gewechselt, ich und du,

Die Sprossen der Liebesleiter,

Du bist nun unten, du hast es gewollt,

Ich aber bin oben und heiter.«


Sie ging zurück. Eine Meil' oder zwei,

Da hörte sie Glocken schallen;

Sie sprach: »Die Glocken klingen für ihn,

Für ihn und für – Barbara Allen.


Liebe Mutter, mach ein Bett für mich,

Unter Weiden und Eschen geborgen;

John Graham ist heute gestorben um mich,

Und ich sterbe um ihn morgen.«
[297]

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 296-298.
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Gedichte (Ausgabe 1898)
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