Der Adler auf dem Mäuseturm

[79] Auf weißer Flagge weht ein Aar

Hoch auf dem Mäuseturm bei Bingen;

Er zeigt ein tüchtig Klauenpaar,

Trägt eine Kron' und reckt die Schwingen.

Vom Sonnebrand und Schnee und Sturm

Sind ihm die Federn glatt geschlichtet –

Was Teufel, in den Mäuseturm,

O Adler, hast du dich geflüchtet?


Hast du aus deiner Fülle Horn

Etwa gleich Hatto, jenem Alten,

Zu Mehl und Brot das teure Korn

Dem Mund des Volkes vorenthalten?

Will dir ein rächend Mäuseheer,

Wie jenem Bischof einst, ans Leben?

Gereicht auch dir zu Schutz und Wehr

Hattos zerfallne Trümmer eben?
[79]

Nicht doch! du geizest nicht mit Brot!

Jüngst noch1, bei ew'gem Sommerregen,

Hast du geöffnet unsrer Not

All deiner Vorrathshäuser Segen!

Du ließest Hunsrück, Eifel, Ahr

Brotkorn, soviel sie brauchten, fassen;

Du hast auch sonst manch schlechtes Jahr

Vom Most die Steuer uns erlassen!


Drum nicht als Wucherer am Rhein

Flohst du auf jene Mauerkronen!

Doch: – Brot aus Korne nicht allein

Begehren heut die Nationen!

Sie wollen mehr, als was man kaut;

Sie heben dreist den kräft'gen Nacken;

Sie sehn sich um und rufen laut:

»Wo wird der Freiheit Brot gebacken?«


Das Brot nun freilich, guter Aar,

Hältst du mit allzu festen Krallen;

Wohl ließest du auch – wahr bleibt wahr! –

Von Freiheit jüngst ein Wörtchen fallen!

Es schien des Volkes Hungerschrei

Recht in der Seele zu kränken;

Du schienst an eine Bäckerei

Von Freiheitsbrot im Ernst zu denken!


Du schienst – ja doch, es war nur Schein!

O Aar, du bist ein karger Reicher!

Wie schnell die Segel zogst du ein,

Wie schnell verschlossest du die Speicher!

Du gabst – doch gleich auch nahmst du – schier,

Um unsern Hunger noch zu schärfen;

Um doppeltheiße Qual und Gier

In unser lechzend Herz zu werfen!


O, flieg nicht fort auf solcher Bahn!

Brot für den Geist! o, woll' es brechen!

Gib. gib! Es könnte Mäusezahn

Auch diese Brotverweigrung rächen!

O, nimm die Sache nicht zu leicht!

Und hättest du die Macht von Greifen –

Es wagte dennoch sich vielleicht

An deinen Horst ein strafend Pfeifen!
[80]

Drum sei gedenk und auf der Hut!

Mag Hatto warnen dich und führen!

Der sagte auch: »An meinen Hut

Lass' keines Menschen Hand ich rühren!«

Ja doch, was half ihm sein Gepoch'?

Wozu war ihm sein Hochmut nütze?

Es fraßen ihn die Mäuse doch –

Ihn selbst zusamt der Bischofsmütze!


Asmannshausen, Mai 1844.


Fußnoten

1 1842


Quelle:
Ferdinand Freiligrath: Werke in sechs Teilen. Band 2, Berlin u.a. [1909], S. 79-81.
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