[219] Auf das Absterben eines Kindes


Wie aber, werden denn auch Knospen abgebrochen?

Des Todes Allmanach zehlt statt der Jahre Wochen.

Muß denn der Sonne Gold im Aufgang untergehn?

Merckt man im Februar auch schon Aprillenwetter?

Verliert im schönsten May der frischste Baum die Blätter,

Was wird denn allererst im Herbste wohl geschehn?

O du verworfne Zeit, was führstu nicht vor Sitten?

Du reißt die Ähren schon noch vor dem Erndten aus,

Was kaum gewesen ist, hat schon den Fall erlidten;

Ich frag und zwar mit Recht: Was wird zulezt daraus?


Kan denn ein zarter Zweig dem Wetter nicht entgehen?

Die alle Eigenschaft des Donnerstrahls verstehen,

Versichern, seine Wut schlag in die Cedern ein.

Doch seht mir hier einmahl den Ungrund ihres Wißen,

Er hat ja einen Reiß, der kaum gepfropft, zerschmißen,

Der Lorbeer selber wird hinfort nicht sicher seyn;

Ihr Bäume, fürchtet euch, es ist um euch geschehen,

Wenn erst des Donners Glut um eure Sproßen spielt,

So werdt ihr Laub und Blat zugleich versenget sehen,

Gott gebe, daß es nur die Wurzel selbst nicht fühlt.


Es muß gewis dem Tod an Rechenbüchern fehlen,

Er will die Nullen nicht vor gut und gültig zehlen,

Er sieht oft 10. und 1. vor gleiche Zahlen an.

Aus Alter wird er selbst das Alterthum verkennen,

Die gelben Haare muß er warlich greise nennen,

Weil er der Jugend Kranz so frey entblättern kan.

Ich seh es im Voraus, nun geht es bald zum Ende,

Die Zeichen sind schon da von unsrer lezten Zeit,

Seht hier, ein schwaches Kind, das seine beiden Hände

An statt der Füße braucht, lauft in die Ewigkeit.
[219]

Ihr, denen zwar mein Kiel zum Trost vermeint zu schreiben,

Kan euer Geist doch wohl in seinem Cörper bleiben?

Ich zage ja dabey und leide nicht so viel;

Des Vaters bester Trost geht auf einmahl verloren,

Und was die Mutter sich zur Hofnung hat gebohren,

Erlanget doch nicht einst der frommen Wüntsche Ziel.

Daß ihr so zärtlich thut bey eures Kindes Leichen,

Verdenckt euch keiner nicht als ein Aemilius;

Wen Stoa nicht gelehrt, wird diesen Schmerzen weichen,

Und wenn er gleich nicht will, so weis ich, daß er muß.


Timantes lernte erst die Schwäche seines Wißen,

Als einst des Kindes Tod des Vaters Herz zerrißen

Und er die Traurigkeit von diesem ziehen sollt.

Was Wunder, wenn ich hier die Leichentücher faße

Und euch, betrübtes Paar, dahinter sezen laße,

Wenn ich von eurem Schmerz den Abriß geben wollt.

Weint euch nur immer satt! Es mindert doch das Leiden,

Denn auf der Thränensee schift mancher Jammer hin,

Wer so geängstigt wird, der kan es nicht vermeiden,

Ich dencke nur daran, da ich erstarret bin.


Doch halt, ich irre nur, was hab ich her geschrieben?

Warum sollt ihr euch denn so ungemein betrüben?

Bedenckt euch selbst nur recht, weswegen sollt ihrs thun?

Ich habe nur im Traum dies Klagelied gesezet;

Wenn ihr die Sache selbst, nicht blos das Ansehn schäzet,

So ist der Kummer fort, und ihr könt sicher ruhn.

Wenn euch des Kindes Wohl Vergnügen nur gebiehret,

So sehe ich denn nicht, wie dies euch kräncken kan,

Denn ob ihr es hier gleich drey Tage lang verlieret,

So treft ihrs dermahleinst im Tempel wieder an.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 6, Leipzig 1937, S. 219-220.
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