Auf die Morgenzeit bey Erinnerung Leonorens

[217] Den 10. Jul. 1720.


Ich seh dich zwar, du angenehmer Morgen,

Und zwar nicht sonder Zärtligkeit,

Und diese zwar zu Lust und Leid

Vergangner Ruh und gegenwärtger Sorgen;

Denn wenn bey deinem Blick mir ins Gedächtnüß fällt,

Wie oft dein holder Stern auf Leonorens Wangen

Durch seinen Widerschein mir doppelt aufgegangen,

So fühl ich einen Trost, der Noth und Kummer hält.


Ich lies den Schlaf vergebens auf mich warthen,

Und wenn mein Fleiß die finstre Nacht

Mit Kuß und Büchern zugebracht,

So zogstu mich gleichwohl noch in den Garthen;

Da träufelte mir erst das süße Mannabrodt

Noch reicher als dein Thau vom allerliebsten Munde,

Da macht ich oftermahls mit unserm süßen Bunde,

Ich glaub aus Eifersucht, Auroren noch so roth.


Dies war ein Rest der ehmals güldnen Zeiten,

Die blos die Liebe wieder schenckt,

Die Liebe, so auf nichts gedenckt,

Als durch die Bahn des Lebens froh zu schreiten.

Da hatt ich noch ein Herz, dem kont ich mich vertraun,

Da scheut ich keinen Fall, der unser treu Gespräche

Durch Argwohn oder Neid und Lügen unterbräche;

Da sprach ich oft mit Recht: Hier last uns Hütten baun!


Da sagt ich ihr die heimlichsten Gedancken,

Und was auch ihr von Freud und Gram

Sonst niemahls auf die Zunge kam,

Das brach vor mir des Herzens enge Schrancken;

Die Geister übten sich bey selbst gelaßner Ruh,

An Scherz und Redligkeit einander zu besiegen,

Die Leiber wusten auch ihr Theil davon zu kriegen

Und sazten durch den Kuß einander feurig zu.
[218]

Ach Schweidniz, ach du Bild von Salems Thoren,

Du Lustplaz meiner jungen Zeit,

Die sich den Musen ganz geweiht,

Was hab ich nicht mit dir vor Fried und Heil verloren!

Ich seh durch Thrän und Angst, und sieh, du bist nicht da,

Des Tages tausendmahl mit größrer Angst zurücke

Als jen gefangnes Volck, das mit betrübtem Blicke

Die Gegend Canaans aus Babels Fenstern sah.


Jezt hab ich nichts, Verdruß und Angst zu stillen,

Als etwan die Verzweiflungslust;

Jedoch was quäl ich selbst die Brust?

Verliert euch nur, ihr angenehmen Grillen,

Verliert euch, bis mir einst ein beßrer Glücksstern scheint.

Jezt will ich durch Gefahr mit Fleiß und Hofnung wagen;

Zwey Pfeiler helfen mir die schwere Bürde tragen:

Die Vorsicht in der Höh und hier mein treuer Freund.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 217-219.
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