[Monsieur, sie sparen die Caressen]

[216] [216] Antwortschreiben einer Braut an einen gewiszen Pfarrer.


Monsieur, sie sparen die Caressen

Mitsamt der freyen Schmeicheley,

Ein Mensch, der den Verstand vergeßen,

Meint, daß ich schon ein Engel sey;

Von ihnen steht mir dieser Tittel,

Mit Gunst gesagt, so gar nicht an.

Warum? Es ist nun mehr kein Mittel,

Das sie und mich verbinden kan.

Mich wundert, daß sie sich nicht schämen,

Als ein berufner Gottes-Mann

Manch schlüpfrig Wort in Mund zu nehmen,

Das keine Keuschheit leiden kan.

Auf Canzeln macht ihr heilger Eifer

Uns Mägdgen stets die Hölle heiß

Und weckt dadurch der Misgunst Geifer,

Der unsern Kuß zu höhnen weis,

Und gleichwohl stellt oft ihr Exempel

Die allergrösten Heuchler vor;

Sie prahlen auf Altar und Tempel

Und donnern in des Pöbels Ohr.

Von außen laßen sie als Engel,

Doch sieht ein Kluger auf den Grund,

So stecken sie voll großer Mängel

So wie des Pharisäers Mund.

Monsieur, sie wollen zwar vexiren,

Das kommt nicht apostolisch raus;

Der Schaafspelz soll sie etwas zieren,

Doch füttert ihn der Wolfsbalg aus.

Sie schwazen viel von Pfafenschäzen

Und reden mir aus Hochmuth ein,

Den Kaufmann hinten an zu sezen,

Und wollen Hahn im Korbe seyn.

Sie mögen mit den blonden Haaren

Und ihrer silbernen Couleur[217]

Zu andern auf die Hochzeit fahren;

Ich weis mein Theil und mag nichts mehr.

Sie schielen an Verstand und Wize,

Der Fehler ist gewis nicht schlecht;

Drum mach ich mir auch jezt zu nüze,

Was nechst ihr Reim geradebrecht.

Ihr Tippelswalde mag sie nähren

Und bald als Suprintenten sehn,

Mir darf es doch kein Brodt gewähren,

Denn dies kan anderwärts geschehn.

Mein Liebster, den ich jezo küße

Und der mich wieder zärtlich küst,

Macht mir das Leben auch so süße,

Als ein hochwürdig Ämtchen ist.

Der Kirchhof unter meinem Kleide

Ist nicht vor ihren Leib bestimmt,

Sie suchen andre Liebesfreude

Bey einer, die mit Quendel glimmt.

Und wollen sie sonst keine Myrthen,

So mögens Hasepappeln seyn,

Die ihren Schlaf und Haar umgürthen;

Adieu, Monsieur, sie sind nicht mein.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 4, Leipzig 1935, S. 216-218.
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