Warnung vor der Wollust

[245] Der Wollust Reiz zu widerstreben,

Dies, Jugend, liebst du Glück und Leben,

Laß täglich deine Weisheit sein.

Entflieh der schmeichelnden Begierde;

Sie raubet dir des Herzens Zierde,

Und ihre Freuden werden Pein.


Laß, ihr die Nahrung zu verwehren,

Nie Speis und Trank dein Herz beschweren,

Und sei ein Freund der Nüchternheit.

Versage dir, dich zu besiegen,

Auch öfters ein erlaubt Vergnügen,

Und steure deiner Sinnlichkeit.


Laß nicht dein Auge dir gebieten;

Und sei, die Wollust zu verhüten,

Stets schamhaft gegen deinen Leib.

Entflieh des Witzlings freien Scherzen,

Und such im Umgang edler Herzen

Dir Beispiel, Witz und Zeitvertreib.


Der Mensch, zu Fleiß und Arbeit träge,

Fällt auf des Müßigganges Wege

Leicht in das Netz des Bösewichts.

Der Unschuld Schutzwehr sind Geschäfte.

Entzieh der Wollust ihre Kräfte

Im Schweiße deines Angesichts.


Erwacht ihr Trieb, dich zu bekämpfen;

So wach auch du, ihn früh zu dämpfen,

Eh er die Freiheit dir verwehrt.

Ihn bald in der Geburt ersticken,

Ist leicht; schwer ist's, ihn unterdrücken,

Wenn ihn dein Herz zuvor genährt.


Oft kleiden sich des Lasters Triebe

In die Gestalt erlaubter Liebe,

Und du erblickst nicht die Gefahr.[245]

Ein langer Umgang macht dich freier;

Und oft wird ein verbotnes Feuer

Aus dem, was anfangs Freundschaft war.


Dein fühlend Herz wird sich's verzeihen;

Es wird des Lasters Ausbruch scheuen,

Indem es seinen Trieb ernährt.

Du wirst dich stark und sicher glauben,

Und kleine Fehler dir erlauben,

Bis deine Tugend sich entehrt.


Doch nein, du sollst sie nicht entehren,

Du sollst dir stets die Tat verwehren;

Ist drum dein Herz schon tugendhaft?

Ist's Sünde nur, die Tat vollbringen?

Sollst du nicht auch den Trieb bezwingen,

Nicht auch den Wunsch der Leidenschaft?


Begierden sind es, die uns schänden;

Und ohne daß wir sie vollenden,

Verletzen wir schon unsre Pflicht.

Wenn du vor ihnen nicht errötest,

Nicht durch den Geist die Lüste tötest:

So rühme dich der Keuschheit nicht!


Erfülle dich, scheinst du zu wanken,

Oft mit dem mächtigen Gedanken:

Die Unschuld ist der Seele Glück.

Einmal verscherzt und aufgegeben,

Verläßt sie mich im ganzen Leben,

Und keine Reu bringt sie zurück.


Denk oft bei dir: Der Wollust Bande

Sind nicht nur dem Gewissen Schande,

Sie sind auch vor der Welt ein Spott.

Und könnt ich auch in Finsternissen

Den Greul der Wollust ihr verschließen:

So sieht und findet mich doch Gott.
[246]

Die Wollust kürzt des Lebens Tage,

Und Seuchen werden ihre Plage,

Da Keuschheit Heil und Leben erbt.

Ich will mir dies ihr Glück erwerben.

Den wird Gott wiederum verderben,

Wer seinen Tempel hier verderbt.


Wie blühte nicht des Jünglings Jugend!

Doch er vergaß den Weg der Tugend;

Und seine Kräfte sind verzehrt.

Verwesung schändet sein Gesichte,

Und predigt schrecklich die Geschichte

Der Lüste, die den Leib verheert.


So rächt die Wollust an den Frechen

Früh oder später die Verbrechen,

Und züchtigt dich mit harter Hand.

Ihr Gift wird dein Gewissen quälen;

Sie raubet dir das Licht der Seelen,

Und lohnet dir mit Unverstand.


Sie raubt dem Herzen Mut und Stärke,

Raubt ihm den Eifer edler Werke,

Den Adel, welchen Gott ihm gab;

Und unter deiner Lüste Bürde

Sinkst du von eines Menschen Würde

Zur Niedrigkeit des Tiers herab.


Drum fliehe vor der Wollust Pfade,

Und wach und rufe Gott um Gnade,

Um Weisheit in Versuchung an.

Erzittre vor dem ersten Schritte;

Mit ihm sind schon die andern Tritte

Zu einem nahen Fall getan.


Quelle:
Christian Fürchtegott Gellert: Werke, Band 1, Frankfurt a.M. 1979, S. 245-247.
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