Der 119. Psalm
Ich bin ein Gast auf Erden

[366] 1.

Ich bin ein Gast auf Erden

Und hab hier keinen Stand,

Der Himmel soll mir werden,

Da ist mein Vaterland.

Hier reis ich aus und abe,

Dort, in der ewgen Ruh,

Ist Gottes Gnadengabe,

Die schleußt all Arbeit zu.


2.

Was ist mein ganzes Wesen,

Von meiner Jugend an,

Als Müh und Not gewesen?

So lang ich denken kann,

Hab ich so manchen Morgen,

So manche liebe Nacht

Mit Kummer und mit Sorgen

Des Herzens zugebracht.


3.

Mich hat auf meinen Wegen

Manch harter Sturm erschreckt,

Blitz, Donner, Wind und Regen

Hat mir manch Angst erweckt,

Verfolgung, Haß und Neiden,

Ob ichs gleich nicht verschuldt,

Hab ich doch müssen leiden

Und tragen mit Geduld


4.

So gings den lieben Alten,

An derer Fuß und Pfad

Wir uns noch täglich halten,

Wanns fehlt am guten Rat:

Wie mußte doch sich schmiegen[367]

Der Vater Abraham,

Eh als ihm sein Vergnügen

Und rechte Wohnstatt kam!


5.

Wie manche schwere Bürde

Trug Isaak, sein Sohn!

Und Jakob, dessen Würde

Stieg bis zum Himmelsthron,

Wie mußte der sich plagen,

In was für Weh und Schmerz,

In was für Furcht und Zagen

Sank oft sein armes Herz!


6.

Die frommen heilgen Seelen,

Die gingen fort und fort

Und änderten mit Quälen

Den erstbewohnten Ort;

Sie zogen hin und wieder,

Ihr Kreuz war immer groß,

Bis daß der Tod sie nieder

Legt in des Grabes Schoß.


7.

Ich habe mich ergeben

In gleiches Glück und Leid:

Was will ich besser leben

Als solche großen Leut?

Es muß ja durchgedrungen,

Es muß gelitten sein;

Wer nicht hat wohl gerungen,

Geht nicht zur Freud hinein.


8.

So will ich zwar nun treiben

Mein Leben durch die Welt,

Doch denk ich nicht zu bleiben

In diesem fremden Zelt.[368]

Ich wandre meine Straßen,

Die zu der Heimat führt,

Da mich ohn alle Maßen

Mein Vater trösten wird.


9.

Mein Heimat ist dort droben,

Da aller Engel Schar

Den großen Herrscher loben,

Der alles ganz und gar

In seinen Händen träget

Und für und für erhält,

Auch alles hebt und leget,

Nach dems ihm wohl gefällt.


10.

Zu dem steht mein Verlangen,

Da wollt ich gerne hin;

Die Welt bin ich durchgangen,

Daß ichs fast müde bin.

Je länger ich hier walle,

Je wen'ger find ich Lust,

Die meinem Geist gefalle;

Das meist ist Stank und Wust.


11.

Die Herberg ist zu böse,

Der Trübsal ist zu viel:

Ach komm, mein Gott, und löse

Mein Herz, wann dein Herz will;

Komm, mach ein seligs Ende

An meiner Wanderschaft,

Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft!


12.

Wo ich bisher gesessen,

Ist nicht mein rechtes Haus;

Wann mein Ziel ausgemessen,

So tret ich dann hinaus,[369]

Und was ich hier gebrauchet,

Das leg ich alles ab;

Und wenn ich ausgehauchet,

So scharrt man mich ins Grab.


13.

Du aber, meine Freude,

Du meines Lebens Licht,

Du zeuchst mich, wenn ich scheide,

Hin vor dein Angesicht,

Ins Haus der ewgen Wonne,

Da ich stets freudenvoll

Gleich als die helle Sonne

Nebst andern leuchten soll.


14.

Da will ich immer wohnen,

Und nicht nur als ein Gast,

Bei denen, die mit Kronen

Du ausgeschmücket hast;

Da will ich herrlich singen

Von deinem großen Tun

Und frei von schnöden Dingen

In meinem Erbteil ruhn.

Quelle:
Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 366-370.
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