Ich hab in Gottes Herz und Sinn mein Herz und Sinn ergeben

[205] 1.

Ich hab in Gottes Herz und Sinn

Mein Herz und Sinn ergeben:

Was böse scheint, ist mir Gewinn,

Der Tod selbst ist mein Leben.

Ich bin ein Sohn

Des, der den Thron

Des Himmels aufgezogen;

Ob er gleich schlägt

Und Kreuz auflegt,

Bleibt doch sein Herz gewogen.


2.

Das kann mir fehlen nimmermehr,

Mein Vater muß mich lieben!

Wenn er mich auch gleich wirft ins Meer,

So will er mich nur üben[205]

Und mein Gemüt

In seiner Güt

Gewöhnen fest zu stehen;

Halt ich den Stand,

Weiß seine Hand

Mich wieder zu erhöhen.


3.

Ich bin ja von mir selber nicht

Entsprungen noch formieret,

Mein Gott ists, der mich zugericht't,

An Leib und Seel gezieret,

Der Seelen Sitz

Mit Sinn und Witz,

Den Leib mit Fleisch und Beinen:

Wer so viel tut,

Des Herz und Mut

Kanns nimmer böse meinen.


4.

Woher wollt ich mein Aufenthalt

Auf dieser Erd erlangen?

Ich wäre längsten tot und kalt,

Wo mich nicht Gott umfangen

Mit seinem Arm,

Der alles warm,

Gesund und fröhlich machet;

Was er nicht hält,

Das bricht und fällt,

Was er erfreut, das lachet.


5.

Zudem ist Weisheit und Verstand

Bei ihm ohn alle Maßen,

Zeit, Ort und Stund ist ihm bekannt,

Zu tun und auch zu lassen.

Er weiß, wenn Freud,

Er weiß, wenn Leid

Uns, seinen Kindern, diene;[206]

Und was er tut,

Ist alles gut,

Obs noch so traurig schiene.


6.

Du denkest zwar, wenn du nicht hast,

Was Fleisch und Blut begehret,

Als sei mit einer großen Last

Dein Glück und Heil beschweret,

Hast spät und früh

Viel Sorg und Müh,

An deinen Wunsch zu kommen,

Und denkest nicht,

Daß, was geschicht,

Gescheh zu deinem Frommen.


7.

Fürwahr, der dich geschaffen hat

Und sich zur Ehr erbauet,

Der hat schon längst in seinem Rat

Ersehen und beschauet

Aus wahrer Treu,

Was dienlich sei

Dir und den Deinen alle;

Laß ihm doch zu,

Daß er nur tu

Das, was ihm wohlgefalle.


8.

Wanns Gott gefällt, so kanns nicht sein,

Er wird dich letzt erfreuen:

Was du jetzt nennest Kreuz und Pein,

Wird dir zum Trost gedeihen.

Wart in Geduld:

Die Gnad und Huld

Wird sich doch endlich finden;

All Angst und Qual

Wird auf einmal

Gleichwie ein Dampf verschwinden.
[207]

9.

Das Feld kann ohne Ungestüm

Gar keine Früchte tragen:

So fällt auch Menschenwohlfahrt üm

Bei lauter guten Tagen.

Die Aloe

Bringt bittres Weh,

Macht gleichwohl rote Wangen:

So muß ein Herz

Durch Angst und Schmerz

Zu seinem Heil gelangen.


10.

Ei nun, mein Gott, so fall ich dir

Getrost in deine Hände;

Nimm mich und mach es du mit mir

Bis an mein letztes Ende

Wie du wohl weißt,

Daß meinem Geist

Dadurch sein Nutz entstehe

Und deine Ehr

Je mehr und mehr

Sich in ihr selbst erhöhe.


11.

Willst du mir geben Sonnenschein,

So nehm ichs an mit Freuden,

Solls aber Kreuz und Unglück sein,

Will ichs geduldig leiden.

Soll mir allhier

Des Lebens Tür

Noch ferner offen stehen:

Wie du mich führst

Und führen wirst,

So will ich gern mitgehen.


12.

Soll ich denn auch des Todes Weg

Und finstre Straßen reisen:[208]

Wohlan, so tret ich Bahn und Steg,

Den mir dein Augen weisen.

Du bist mein Hirt,

Der alles wird

Zu solchem Ende kehren,

Daß ich einmal

In deinem Saal

Dich ewig möge ehren.

Quelle:
Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 205-209.
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