O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies

[10] 1.

O Jesu Christ,

Dein Kripplein ist

Mein Paradies, da meine Seele weidet!

Hier ist der Ort,

Hier liegt das Wort,

Mit unserm Fleisch persönlich angekleidet.


2.

Dem Meer und Wind

Gehorsam sind,

Gibst sich zum Dienst und wird ein Knecht der Sünder.

Du, Gottes Sohn,

Wirst Erd und Ton,

Gering und schwach wie wir und unsre Kinder.


3.

Du, höchstes Gut,

Hebst unser Blut

In deinen Thron hoch über alle Höhen.

Du, ewge Kraft,

Machst Brüderschaft

Mit uns, die wie ein Dampf und Rauch vergehen.


4.

Was will uns nun

Zuwider tun

Der Seelenfeind mit allem Gift und Gallen?

Was wirft er mir

Und andern für,

Daß Adam ist, und wir mit ihm, gefallen?
[10]

5.

Schweig arger Feind!

Da sitzt mein Freund,

Mein Fleisch und Blut, hoch in dem Himmel droben;

Was du gefällt,

Das hat der Held

Aus Jakobs Stamm zu großer Ehr erhoben.


6.

Sein Licht und Heil

Macht alles heil;

Der Himmelsschatz bringt allen Schaden wieder.

Der Freudenquell

Immanuel

Schlägt Teufel, Höll und all ihr Reich darnieder.


7.

Drum frommer Christ,

Wer du auch bist,

Sei gutes Muts und laß dich nicht betrüben;

Weil Gottes Kind

Dich ihm verbind't,

So kanns nicht anders sein, Gott muß dich lieben.


8.

Gedenke doch,

Wie herrlich hoch

Er über alle Jammer dich geführet!

Der Engel Heer

Ist selbst nicht mehr

Als eben du mit Seligkeit gezieret.


9.

Du siehest ja

Vor Augen da

Dein Fleisch und Blut die Luft und Wolken lenken;

Was will doch sich –

Ich frage dich –

Erheben, dich in Angst und Furcht zu senken?
[11]

10.

Dein blöder Sinn

Geht oft dahin,

Ruft Ach und Weh, läßt allen Trost verschwinden.

Komm her und richt

Dein Angesicht

Zum Kripplein Christi, da, da wirst du's finden.


11.

Wirst du geplagt?

Ei, unverzagt!

Dein Bruder wird dein Unglück nicht verschmähen;

Sein Herz ist weich

Und gnadenreich,

Kann unser Leid nicht ohne Tränen sehen.


12.

Tritt zu ihm zu!

Such Hilf und Ruh!

Er wird's so machen, daß du ihm wirst danken.

Er weiß und kennt

Was beißt und brennt,

Versteht wohl, wie zu Mute sei dem Kranken.


13.

Denn eben drum

Hat er den Grimm

Des Kreuzes auch am Leibe wollen tragen,

Daß seine Pein

Ihm möge sein

Ein unverrückt Erinnrung unsrer Plagen.


14.

Mit einem Wort:

Er ist die Pfort

Zu dieses und des andern Lebens Freuden;

Er macht behend

Ein seligs End

An alle dem, was fromme Herzen leiden.
[12]

15.

Laß aller Welt

Ihr Gut und Geld

Und siehe nur, daß dieser Schatz dir bleibe!

Wer den hier fest

Hält und nicht läßt,

Den ehrt und krönt er dort an Seel und Leibe.

Quelle:
Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 10-13.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Wach auf, mein Herz, und singe: Vollständige Ausgabe seiner Lieder und Gedichte
Erinnerungen 2014: Postkartenkalender - Christliche Lieder & Gedichte
Wach auf, mein Herz, und singe. Gesamtausgabe seiner Lieder und Gedichte
Gedichte Von Paulus Gerhardt (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Fantasiestücke in Callots Manier

Fantasiestücke in Callots Manier

Als E.T.A. Hoffmann 1813 in Bamberg Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot sieht, fühlt er sich unmittelbar hingezogen zu diesen »sonderbaren, fantastischen Blättern« und widmet ihrem Schöpfer die einleitende Hommage seiner ersten Buchveröffentlichung, mit der ihm 1814 der Durchbruch als Dichter gelingt. Enthalten sind u.a. diese Erzählungen: Ritter Gluck, Don Juan, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Der Magnetiseur, Der goldne Topf, Die Abenteuer der Silvester-Nacht

282 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon