Amor schlafend

[172] Amor lag in tiefem Schlaf,

Unter einer Schar von Schäfern;

Phyllis traf ihn an, und sang,

Ihn noch tiefer einzuschläfern!


Aber plötzlich aufgeweckt

Von dem sanften Schäferliede,

Stutzt er, sieht sich munter um,

Und des trägen Schlummers müde,


Springet er vom Lager auf,

Das von Veilchen und Levkojen

Ihm die Erde wachsen ließ;

Rüstig nimmt er Pfeil und Bogen!


Doris flieht in dicken Wald,

Da vor ihm sich zu verstecken,

Amor sieht es, machet Lärm,

Alle Schäfer aufzuwecken!
[172]

Alle Schäfer springen auf,

Folgen ihm mit Jägereile!

Doris fliehet, auf der Flucht

Trifft er sie mit seinem Pfeile!


Tausend Seufzer sandt' ich fort,

Wenig ließ mich Phyllis hoffen!

Aber der gerührte Gott

Hatte sie für mich getroffen.

Quelle:
Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ausgewählte Werke, Leipzig 1885, S. 172-173.
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