Amor und Hymen

[176] Amor.


Bruder, wollen wir uns beide

Heut' in deinem Wäldchen hier

Eine kleine Freude machen,

Sage Bruder, wollen wir?


Hymen.


Amor ist nicht mehr mein Bruder;

Der in meinem Myrtenhain

Mich in meiner Freude störet,

Könnte der mein Bruder sein?


[176] Amor.


Amor hätt' in deiner Freude

Dich gestöret? sage mir,

Denn du scheinst auf ihn zu zürnen,

Brüderchen, was that er dir?


Hymen.


Brüderchen, will ich nicht hören,

Bis du wieder artig bist,

Und mit seinem lieben Amor

Hymen ausgesöhnet ist!


Seit der Rosenblüte haben

Wir die Hand uns nicht gereicht!

Daß du mir die Fackel nahmest,

Das vergess' ich nicht so leicht!


Amor.


Brüderchen, mit deiner Fackel

Wolltest, hinterlistig, du

Meinen Dichter überfallen,

Was bewegte dich dazu?


Warum willst du so gewaltig,

Daß er sich vermählen soll?

O dann säng' er Ehelieder!

Ei! das wolltest du ja wohl!

Quelle:
Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ausgewählte Werke, Leipzig 1885, S. 176-177.
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