1801

[64] Zu Anfang des Jahrs überfiel mich eine grimmige Krankheit; die Veranlassung dazu war folgende: Seit der[64] Aufführung »Mahomets« hatte ich eine Übersetzung des »Tancred« von Voltaire begonnen und mich damit beschäftigt; nun aber ging das Jahr zu Ende, und ich mußte das Werk ernstlich angreifen; daher begab ich mich Hälfte Dezembers nach Jena, wo ich in den großen Zimmern des herzoglichen Schlosses einer altherkömmlichen Stimmung sogleich gebieten konnte. Auch diesmal waren die dortigen Zustände meiner Arbeit günstig; allein die Emsigkeit, womit ich mich daran hielt, ließ mich den schlimmen Einfluß der Lokalität diesmal wie schon öfter übersehen. Das Gebäude liegt an dem tiefsten Punkte der Stadt, unmittelbar an der Mühllache; Treppe sowie Treppengebäude von Gips, als einer sehr kalten und verkältenden Steinart, an die sich bei eintretendem Tauwetter die Feuchtigkeit häufig anwirft, machen den Aufenthalt besonders im Winter sehr zweideutig. Allein, wer etwas unternimmt und leistet, denkt er wohl an den Ort, wo es geschieht? Genug, ein heftiger Katarrh überfiel mich, ohne daß ich deshalb in meinem Vorsatz irre geworden wäre.

Damals hatte das Brownische Dogma ältere und jüngere Mediziner ergriffen; ein junger Freund, demselben ergeben, wußte von der Erfahrung, daß peruvianischer Balsam, verbunden mit Opium und Myrrhen, in den höchsten Brustübeln einen augenblicklichen Stillstand verursache und dem gefährlichen Verlauf sich entgegensetze. Er riet mir zu diesem Mittel, und in dem Augenblick war Husten, Auswurf und alles verschwunden. Wohlgemut begab ich mich in Professor Schellings Begleitung nach Weimar, als gleich zu Anfange des Jahrs der Katarrh mit verstärkter Gewalt zurückkehrte und ich in einen Zustand geriet, der mir die Besinnung raubte. Die Meinigen waren außer Fassung, die Ärzte tasteten nur, der Herzog, mein gnädigster Herr, die Gefahr überschauend, griff sogleich persönlich ein und ließ durch einen Eilboten den Hofrat Stark von Jena herüberkommen. Es vergingen einige Tage, ohne daß ich zu einem völligen Bewußtsein zurückkehrte, und als ich nun durch die Kraft der Natur und ärztliche Hülfe mich selbst wieder gewahr wurde, fand ich die Umgebung des rechten[65] Auges geschwollen, das Sehen gehindert und mich übrigens in erbärmlichem Zustande. Der Fürst ließ in seiner sorgfältigen Leitung nicht nach, der hocherfahrne Leibarzt, im Praktischen von sicherm Griff, bot alles auf, und so stellte Schlaf und Transpiration mich nach und nach wieder her.

Innerlich hatte ich mich indessen schon wieder so gestaltet, daß am 19. Januar die Langeweile des Zustandes mir eine mäßige Tätigkeit abforderte, und so wendete ich mich zur Übersetzung des Theophrastischen Büchleins »Von den Farben«, die ich schon längst im Sinne gehabt. Die nächsten Freunde, Schiller, Herder, Voigt, Einsiedel und Loder, waren tätig, mich über fernere böse Stunden hinauszuheben. Am 22. war schon bei mir ein Konzert veranstaltet, und Durchlaucht dem Herzog konnt ich am 24., als am Tage, wo er nach Berlin reiste, für die bis zuletzt ununterbrochene Sorgfalt mit erheitertem Geiste danken: denn an diesem Tage hatte sich das Auge wieder geöffnet, und man durfte hoffen, frei und vollständig abermals in die Welt zu schauen. Auch konnte ich zunächst mit genesendem Blick die Gegenwart der durchlauchtigsten Herzogin Amalia und ihrer freundlich-geistreichen Umgebung bei mir verehren.

Am 29. durchging ich die Rolle der Amenaide mit Demoiselle Caspers, einer sich heranbildenden Schauspielerin. Freund Schiller leitete die Proben, und so gab er mir denn auch den 30. abends nach der Aufführung Nachricht von dem Gelingen. So ging ich ferner dieselbe Rolle mit Demoiselle Jagemann durch, deren Naturell und Verdienst als Schauspielerin und Sängerin damals ein Verehrer nach unmittelbaren Eindrücken hätte schildern sollen.

Brauchbar und angenehm in manchen Rollen war Ehlers als Schauspieler und Sänger, besonders in dieser letzten Eigenschaft geselliger Unterhaltung höchst willkommen, indem er Balladen und andere Lieder der Art zur Gitarre mit genauester Präzision der Textworte ganz unvergleichlich vortrug. Er war unermüdet im Studieren des eigentlichsten Ausdrucks, der darin besteht, daß der Sänger nach einer Melodie die verschiedenste[66] Bedeutung der einzelnen Strophen hervorzuheben und so die Pflicht des Lyrikers und Epikers zugleich zu erfüllen weiß. Hievon durchdrungen, ließ er sich's gern gefallen, wenn ich ihm zumutete, mehrere Abendstunden, ja bis tief in die Nacht hinein dasselbe Lied mit allen Schattierungen aufs pünktlichste zu wiederholen: denn bei der gelungenen Praxis überzeugte er sich, wie verwerflich alles sogenannte Durchkomponieren der Lieder sei, wodurch der allgemein lyrische Charakter ganz aufgehoben und eine falsche Teilnahme am einzelnen gefordert und erregt wird.

Schon am 7. Februar regte sich in mir die produktive Ungeduld, ich nahm den »Faust« wieder vor und führte stellenweise dasjenige aus, was in Zeichnung und Umriß schon längst vor mir lag.

Als ich zu Ende vorigen Jahrs in Jena den »Tancred« bearbeitete, ließen meine dortigen geistreichen Freunde den Vorwurf laut werden, daß ich mich mit französischen Stücken, welche bei der jetzigen Gesinnung von Deutschland nicht wohl Gunst erlangen könnten, so emsig beschäftige und nichts Eigenes vornähme, wovon ich doch so manches hatte merken lassen. Ich rief mir daher »Die natürliche Tochter« vor die Seele, deren ganz ausgeführtes Schema schon seit einigen Jahren unter meinen Papieren lag.

Gelegentlich dacht ich an das Weitere; allein durch einen auf Erfahrung gestützten Aberglauben, daß ich ein Unternehmen nicht aussprechen dürfe, wenn es gelingen solle, verschwieg ich selbst Schillern diese Arbeit und erschien ihm daher als unteilnehmend, glauben- und tatlos. Ende Dezember find ich bemerkt, daß der erste Akt der »Natürlichen Tochter« vollendet worden.

Doch fehlte es nicht an Ableitungen, besonders naturwissenschaftlichen, sowie ins Philosophische und Literarische. Ritter besuchte mich öfters, und ob ich gleich in seine Behandlungsweise mich nicht ganz finden konnte, so nahm ich doch gern von ihm auf, was er von Erfahrungen überlieferte und was er nach seinen Bestrebungen, sich ins Ganze auszubilden, getrieben[67] war. Zu Schelling und Schlegel blieb ein tätiges, mitteilendes Verhältnis. Tieck hielt sich länger in Weimar auf, seine Gegenwart war immer anmutig fördernd. Mit Paulus blieb ebenfalls ein immer gleiches Verbündnis; wie denn alle diese Verhältnisse durch die Nähe von Weimar und Jena sich immerfort lebendig erhielten und durch meinen Aufenthalt am letztern Orte immer mehr bestätigt wurden.

Von Naturhistorischem berührte mich weniges; ein krummer Elefantenzahn ward nach einem großen Regenguß in der Gelmeröder Schlucht entdeckt. Er lag höher als alle die bisherigen Reste dieser frühern Geschöpfe, welche in den Tuffsteinbrüchen, eingehüllt in dieses Gestein, wenig Fuß über der Ilm gefunden werden; dieser aber ward unmittelbar auf dem Kalkflöz unter der aufgeschwemmten Erde im Gerölle entdeckt, über der Ilm etwa zweihundert. Er ward zu einer Zeit gefunden, wo ich, dergleichen Gegenständen entfremdet, daran wenig Anteil nahm. Die Finder hielten die Materie für Meerschaum und schickten solche Stücke nach Eisenach; nur kleine Trümmer waren mir zugekommen, die ich auf sich beruhen ließ. Bergrat Werner jedoch, bei einem abermaligen belehrenden Besuche, wußte sogleich die Sache zu entscheiden, und wir erfreuten uns der von einem Meister des Fachs ausgesprochenen Beruhigung.

Auch die Verhältnisse, in die ich durch den Besitz des Freiguts zu Roßla gekommen war, forderten aufmerksame Teilnahme für einige Zeit, wobei ich jedoch die Tage, die mir geraubt zu werden schienen, vielseitig zu benutzen wußte. Der erste Pachter war auszuklagen, ein neuer einzusetzen, und man mußte die Erfahrungen für etwas rechnen, die man im Verfolg so fremdartiger Dinge nach und nach gewonnen hatte.

Zu Ende März war ein ländlicher Aufenthalt schon erquicklich genug. Ökonomen und Juristen überließ man das Geschäft und ergötzte sich einstweilen in freier Luft, und weil die Konklusion »ergo bibamus« zu allen Prämissen paßt, so ward auch bei dieser Gelegenheit manches herkömmliche und willkürliche Fest gefeiert; es fehlte nicht an Besuchen, und die Kosten[68] einer wohlbesetzten Tafel vermehrten das Defizit, das der alte Pachter zurückgelassen hatte.

Der neue war ein leidenschaftlicher Freund von Baumzucht; seiner Neigung gab ein angenehmer Talgrund von dem fruchtbarsten Boden Gelegenheit zu solchen Anlagen. Die eine buschige Seite des Abhangs, durch eine lebendige Quelle geschmückt, rief dagegen meine alte Parkspielerei zu geschlängelten Wegen und geselligen Räumen hervor; genug, es fehlte nichts als das Nützliche, und so wäre dieser kleine Besitz höchst wünschenswert geblieben. Auch die Nachbarschaft eines bedeutenden Städtchens, kleinerer Ortschaften, durch verständige Beamte und tüchtige Pächter gesellig, gaben dem Aufenthalt besondern Reiz; die schon entschiedene Straßenführung nach Eckartsberga, welche unmittelbar hinter dem Hausgarten abgesteckt wurde, veranlaßte bereits Gedanken und Plane, wie man ein Lusthäuschen anlegen und von dort an den belebenden Meßfuhren sich ergötzen wollte, so daß man sich auf dem Grund und Boden, der einträglich hätte werden sollen, nur neue Gelegenheiten zu vermehrten Ausgaben und verderblichen Zerstreuungen mit Behagen vorbereitete.

Eine fromme, fürs Leben bedeutende Feierlichkeit fiel jedoch im Innern des Hauses in diesen Tagen vor. Die Konfirmation meines Sohnes, welche Herder nach seiner edlen Weise verrichtete, ließ uns nicht ohne rührende Erinnerung vergangner Verhältnisse, nicht ohne Hoffnung künftiger freundlicher Bezüge.

Unter diesen und andern Ereignissen war der Tag hingegangen; Ärzte sowohl als Freunde verlangten, ich solle mich in ein Bad begeben, und ich ließ mich, nach dem damaligen Stärkungssystem, um so mehr für Pyrmont bestimmen, als ich mich nach einem Aufenthalt in Göttingen schon längst gesehnt hatte.

Den 5. Juni reiste ich ab von Weimar, und gleich die ersten Meilen waren mir höchst erfrischend; ich konnte wieder einen teilnehmenden Blick auf die Welt werfen, und obgleich von keinem ästhetischen Gefühl begleitet, wirkte er doch höchst[69] wohltätig auf mein Inneres. Ich mochte gern die Folge der Gegend, die Abwechselung der Landesart bemerken, nicht weniger den Charakter der Städte, ihre ältere Herkunft, Erneuerung, Polizei, Arten und Unarten. Auch die menschliche Gestalt zog mich an und ihre höchst merkbaren Verschiedenheiten; ich fühlte, daß ich der Welt wieder angehörte.

In Göttingen bei der »Krone« eingekehrt, bemerkt ich, als eben die Dämmerung einbrach, einige Bewegung auf der Straße; Studierende kamen und gingen, verloren sich in Seitengäßchen und traten in bewegten Massen wieder vor. Endlich erscholl auf einmal ein freudiges »Lebehoch!«, aber auch im Augenblick war alles verschwunden. Ich vernahm, daß dergleichen Beifallsbezeugungen verpönt seien, und es freute mich um so mehr, daß man es gewagt hatte, mich nur im Vorbeigehen aus dem Stegreife zu begrüßen. Gleich darauf erhielt ich ein Billett, unterzeichnet Schumacher aus Holstein, der mir auf eine anständig vertrauliche Art den Vorsatz meldet, den er und eine Gesellschaft junger Freunde gehegt, mich zu Michaeli in Weimar zu besuchen, und wie sie nunmehr hofften, hier am Ort ihren Wunsch befriedigt zu sehen. Ich sprach sie mit Anteil und Vergnügen. Ein so freundlicher Empfang wäre dem Gesunden schon wohltätig gewesen, dem Genesenden ward er es doppelt.

Hofrat Blumenbach empfing mich nach gewohnter Weise. Immer von dem Neusten und Merkwürdigsten umgeben, ist sein Willkommen jederzeit belehrend. Ich sah bei ihm den ersten Aerolithen, an welches Naturerzeugnis der Glaube uns erst vor kurzem in die Hand gegeben ward. Ein junger Kestner und von Arnim, früher bekannt und verwandten Sinnes, suchten mich auf und begleiteten mich zur Reitbahn, wo ich den berühmten Stallmeister Ayrer in seinem Wirkungskreise begrüßte. Eine wohlbestellte Reitbahn hat immer etwas Imposantes; das Pferd steht als Tier sehr hoch, doch seine bedeutende, weitreichende Intelligenz wird auf eine wundersame Weise durch gebundene Extremitäten beschränkt. Ein Geschöpf, das bei so bedeutenden, ja großen Eigenschaften sich[70] nur im Treten, Laufen, Rennen zu äußern vermag, ist ein seltsamer Gegenstand für die Betrachtung, ja man überzeugt sich beinahe, daß es nur zum Organ des Menschen geschaffen sei, um, gesellt zu höherem Sinne und Zwecke, das Kräftigste wie das Anmutigste bis zum Unmöglichen auszurichten.

Warum denn auch eine Reitbahn so wohltätig auf den Verständigen wirkt, ist, daß man hier, vielleicht einzig in der Welt, die zweckmäßige Beschränkung der Tat, die Verbannung aller Willkür, ja des Zufalls mit Augen schaut und mit dem Geiste begreift. Mensch und Tier verschmelzen hier dergestalt in eins, daß man nicht zu sagen wüßte, wer denn eigentlich den andern erzieht. Dergleichen Betrachtungen wurden bis aufs höchste gesteigert, als man die zwei Paare sogenannter weißgeborner Pferde zu sehen bekam, welche Fürst Sanguszko in Hannover für eine bedeutende Summe gekauft hatte.

Von da zu der allerruhigsten und unsichtbarsten Tätigkeit überzugehen war in oberflächlicher Beschauung der Bibliothek gegönnt; man fühlt sich wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet.

Hofrat Heyne zeigte mir Köpfe Homerischer Helden, von Tischbein in großem Maßstabe ausgeführt; ich kannte die Hand des alten Freundes wieder und freute mich seiner fortgesetzten Bemühungen, durch Studium der Antike sich der Einsicht zu nähern, wie der bildende Künstler mit dem Dichter zu wetteifern habe. Wieviel weiter war man nicht schon gekommen als vor zwanzig Jahren, da der treffliche, das Echte vorahnende Lessing vor den Irrwegen des Grafen Caylus warnen und gegen Klotz und Riedel seine Überzeugung verteidigen mußte, daß man nämlich nicht nach dem Homer, sondern wie Homer mythologisch-epische Gegenstände bildkünstlerisch zu behandeln habe.

Neue und erneuerte Bekanntschaften fanden sich wohlwollend ein. Unter Leitung Blumenbachs besah ich abermals die Museen und fand im Steinreiche mir noch unbekannte außereuropäische Musterstücke.[71]

Und wie denn jeder Ort den fremden Ankömmling zerstreuend hin und her zieht und unsere Fähigkeit, das Interesse mit den Gegenständen schnell zu wechseln, von Augenblick zu Augenblick in Anspruch nimmt, so wußte ich die Bemühung des Professors Osiander zu schätzen, der mir die wichtige Anstalt des neu und sonderbar erbauten Akkouchierhauses sowie die Behandlung des Geschäftes erklärend zeigte.

Den Lockungen, mit denen Blumenbach die Jugend anzuziehen und sie unterhaltend zu belehren weiß, entging auch nicht mein zehnjähriger Sohn. Als der Knabe vernahm, daß von den vielgestaltigen Versteinerungen der Hainberg wie zusammengesetzt sei, drängte er mich zum Besuch dieser Höhe, wo denn die gewöhnlichen Gebilde häufig aufgepackt, die seltnern aber einer spätern emsigen Forschung vorbehalten wurden.

Und so entfernte ich mich den 12. Juni von diesem einzig bedeutenden Orte in der angenehm beruhigenden Hoffnung, mich zur Nachkur länger daselbst aufzuhalten.

Der Weg nach Pyrmont bot mir neue Betrachtungen dar: das Leinetal mit seinem milden Charakter erschien freundlich und wöhnlich; die Stadt Einbeck, deren hoch aufstrebende Dächer mit Sandsteinplatten gedeckt sind, machte einen wundersamen Eindruck. Sie selbst und die nächste Umgegend mit dem Sinne Zadigs durchwandelnd, glaubt ich zu bemerken, daß sie vor zwanzig, dreißig Jahren einen trefflichen Burgemeister müsse gehabt haben. Ich schloß dies aus bedeutenden Baumpflanzungen von ungefähr diesem Alter.

In Pyrmont bezog ich eine schöne, ruhig gegen das Ende des Orts liegende Wohnung bei dem Brunnenkassierer, und es konnte mir nichts glücklicher begegnen, als daß Griesbachs ebendaselbst eingemietet hatten und bald nach mir ankamen. Stille Nachbarn, geprüfte Freunde, so unterrichtete als wohlwollende Personen trugen zur ergötzlichen Unterhaltung das Vorzüglichste bei. Prediger Schütz aus Bückeburg, jenen als Bruder und Schwager und mir als Gleichnis seiner längst bekannten Geschwister höchst willkommen, mochte sich gern von[72] allem, was man wert und würdig halten mag, gleichfalls unterhalten.

Hofrat Richter von Göttingen, in Begleitung des augenkranken Fürsten Sanguszko, zeigte sich immer in den liebenswürdigsten Eigenheiten, heiter auf trockne Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und paradox, bald gründlich und offen.

Mit solchen Personen fand ich mich gleich anfangs zusammen; ich wüßte nicht, daß ich eine Badezeit in besserer Gesellschaft gelebt hätte, besonders da eine mehrjährige Bekanntschaft ein wechselseitig duldendes Vertrauen eingeleitet hatte.

Auch lernte ich kennen Frau von Weinheim, ehemalige Generalin von Bauer, Madame Scholin und Raleff, Verwandte von Madame Sander in Berlin. Amnutige und liebenswürdige Freundinnen machten diesen Zirkel höchst wünschenswert.

Leider war ein stürmisch-regnerisches Wetter einer öftern Zusammenkunft im Freien hinderlich; ich widmete mich zu Hause der Übersetzung des Theophrast und einer weitern Ausbildung der sich immer mehr bereichernden »Farbenlehre«.

Die merkwürdige Dunsthöhle in der Nähe des Ortes, wo das Stickgas, welches mit Wasser verbunden so kräftig heilsam auf den menschlichen Körper wirkt, für sich unsichtbar eine tödliche Atmosphäre bildet, veranlaßte manche Versuche, die zur Unterhaltung dienten. Nach ernstlicher Prüfung des Lokals und des Niveaus jener Luftschicht konnte ich die auffallenden und erfreulichen Experimente mit sicherer Kühnheit anstellen. Die auf dem unsichtbaren Elemente lustig tanzenden Seifenblasen, das plötzliche Verlöschen eines flackernden Strohwisches, das augenblickliche Wiederentzünden, und was dergleichen sonst noch war, bereitete staunendes Ergötzen solchen Personen, die das Phänomen noch gar nicht kannten, und Bewunderung, wenn sie es noch nicht im Großen und Freien ausgeführt gesehen hatten. Und als ich nun gar dieses geheimnisvolle Agens, in Pyrmonter Flaschen gefüllt, mit nach Hause trug und in jedem anscheinend leeren Trinkglas das Wunder des auslöschenden Wachsstocks wiederholte, war die Gesellschaft völlig zufrieden und der unglaubige Brunnenmeister so[73] zur Überzeugung gelangt, daß er sich bereit zeigte, mir einige dergleichen wasserleere Flaschen den übrigen gefüllten mit beizupacken, deren Inhalt sich auch in Weimar noch völlig wirksam offenbarte.

Der Fußpfad nach Lügde, zwischen abgeschränkten Weideplätzen her, ward öfters zurückgelegt. In dem Örtchen, das einigemal abgebrannt war, erregte eine desperate Hausinschrift unsere Aufmerksamkeit; sie lautet:


Gott segne das Haus!

Zweimal rannt ich heraus,

Denn zweimal ist's abgebrannt,

Komm ich zum drittenmal gerannt,

Da segne Gott meinen Lauf,

Ich bau's wahrlich nicht wieder auf.


Das Franziskanerkloster ward besucht und einige dargebotene Milch genossen. Eine uralte Kirche außerhalb des Ortes gab den ersten unschuldigen Begriff eines solchen früheren Gotteshauses mit Schiff und Kreuzgängen unter einem Dach bei völlig glattem, unverziertem Vordergiebel. Man schrieb sie den Zeiten Karls des Großen zu; auf alle Fälle ist sie für uralt zu achten, es sei nun der Zeit nach oder daß sie die uranfänglichen Bedürfnisse jener Gegend ausspricht.

Mich und besonders meinen Sohn überraschte höchst angenehm das Anerbieten des Rektors Werner, uns auf den sogenannten Kristallberg hinter Lügde zu führen, wo man bei hellem Sonnenschein die Äcker von tausend und aber tausend kleinen Bergkristallen widerschimmern sieht. Sie haben ihren Ursprung in kleinen Höhlen eines Mergelsteins und sind auf alle Weise merkwürdig als ein neueres Erzeugnis, wo ein Minimum der im Kalkgestein enthaltenen Kieselerde, wahrscheinlich dunstartig befreit, rein und wasserhell in Kristalle zusammentritt.

Ferner besuchten wir die hinter dem Königsberge von Quäkern angelegte wie auch betriebene Messerfabrik und fanden uns veranlaßt, ihrem ganz nah bei Pyrmont gehaltenen Gottesdienst[74] mehrmals beizuwohnen, dessen, nach langer Erwartung für improvisiert gelten sollende Rhetorik kaum jemand das erstemal, geschweige denn bei wiederholtem Besuch, für inspiriert anerkennen möchte. Es ist eine traurige Sache, daß ein reiner Kultus jeder Art, sobald er an Orte beschränkt und durch die Zeit bedingt ist, eine gewisse Heuchelei niemals ganz ablehnen kann.

Die Königin von Frankreich, Gemahlin Ludwig des XVIII., unter dem Namen einer Gräfin Lille, erschien auch am Brunnen in weniger, aber abgeschlossener Umgebung.

Bedeutende Männer habe ich noch zu nennen: Konsistorialrat Horstig und Hofrat Marcard, den letztern als einen Freund und Nachfolger Zimmermanns.

Das fortdauernde üble Wetter drängte die Gesellschaft öfters ins Theater. Mehr dem Personal als den Stücken wendete ich meine Aufmerksamkeit zu. Unter meinen Papieren find ich noch ein Verzeichnis der sämtlichen Namen und der geleisteten Rollen; der zur Beurteilung gelassene Platz hingegen ward nicht ausgefüllt. Iffland und Kotzebue taten auch hier das Beste, und Eulalia, wenn man schon wenig von der Rolle verstand, bewirkte doch durch einen sentimental-tönend weichlichen Vortrag den größten Effekt; meine Nachbarinnen zerflossen in Tränen.

Was aber in Pyrmont apprehensiv wie eine böse Schlange sich durch die Gesellschaft windet und bewegt, ist die Leidenschaft des Spiels und das daran bei einem jeden, selbst wider Willen, erregte Interesse. Man mag, um Wind und Wetter zu entgehen, in die Säle selbst treten oder in bessern Stunden die Allee auf und ab wandeln, überall zischt das Ungeheuer durch die Reihen; bald hört man, wie ängstlich eine Gattin den Gemahl nicht weiterzuspielen anfleht, bald begegnet uns ein junger Mann, der in Verzweiflung über seinen Verlust die Geliebte vernachlässigt, die Braut vergißt; dann erschallt auf einmal ein Ruf grenzenloser Bewunderung: die Bank sei gesprengt! Es geschah diesmal wirklich in Rot und Schwarz. Der vorsichtige Gewinner setzte sich alsbald in eine Postchaise,[75] seinen unerwartet erworbenen Schatz bei nahen Freunden und Verwandten in Sicherheit zu bringen. Er kam zurück, wie es schien mit mäßiger Börse, denn er lebte stille fort, als wäre nichts geschehen.

Nun aber kann man in dieser Gegend nicht verweilen, ohne auf jene Urgeschichten hingewiesen zu werden, von denen uns römische Schriftsteller so ehrenvolle Nachrichten überliefern. Hier ist noch die Umwallung eines Berges sichtbar, dort eine Reihe von Hügeln und Tälern, wo gewisse Heereszüge und Schlachten sich hatten ereignen können. Da ist ein Gebirgs-, ein Ortsname, der dorthin Winke zu geben scheint; herkömmliche Gebräuche deuten sogar auf die frühesten, roh feiernden Zeiten, und man mag sich wehren und wenden, wie man will, man mag noch soviel Abneigung beweisen vor solchen aus dem Ungewissen ins Ungewissere verleitenden Bemühungen, man findet sich wie in einem magischen Kreise befangen, man identifiziert das Vergangene mit der Gegenwart, man beschränkt die allgemeinste Räumlichkeit auf die jedesmal nächste und fühlt sich zuletzt in dem behaglichsten Zustande, weil man für einen Augenblick wähnt, man habe sich das Unfaßlichste zur unmittelbaren Anschauung gebracht.

Durch Unterhaltungen solcher Art, gesellt zum Lesen von so mancherlei Heften, Büchern und Büchelchen, alle mehr oder weniger auf die Geschichte von Pyrmont und die Nachbarschaft bezüglich, ward zuletzt der Gedanke einer gewissen Darstellung in mir rege, wozu ich nach meiner Weise sogleich ein Schema verfertigte.

Das Jahr 1582, wo auf einmal ein wundersamer Zug aus allen Weltgegenden nach Pyrmont hinströmte und die zwar bekannte, aber noch nicht hochberühmte Quelle mit unzähligen Gästen heimsuchte, welche bei völlig mangelnden Einrichtungen sich auf die kümmerlichste und wunderlichste Art behelfen mußten, ward als prägnanter Moment ergriffen und auf einen solchen Zeitpunkt, einen solchen unvorbereiteten Zustand vorwärts und rückwärts ein Märchen erbaut, das zur Absicht hatte, wie die »Amusements des eaux de Spaa«, sowohl[76] in der Ferne als der Gegenwart eine unterhaltende Belehrung zu gewähren. Wie aber ein so löbliches Unternehmen unterbrochen und zuletzt ganz aufgegeben worden, wird aus dem Nachfolgenden deutlich werden. Jedoch kann ein allgemeiner Entwurf unter andern kleinen Aufsätzen dem Leser zunächst mitgeteilt werden.

Ich hatte die letzten Tage bei sehr unbeständigem Wetter nicht auf das angenehmste zugebracht und fing an zu fürchten, mein Aufenthalt in Pyrmont würde mir nicht zum Heil gedeihen. Nach einer so hochentzündlichen Krankheit mich abermals im Brownischen Sinne einem so entschieden anregenden Bade zuzuschicken war vielleicht nicht ein Zeugnis richtig beurteilender Ärzte. Ich war auf einen Grad reizbar geworden, daß mich nachts die heftigste Blutsbewegung nicht schlafen ließ, bei Tage das Gleichgültigste in einen exzentrischen Zustand versetzte.

Der Herzog, mein gnädigster Herr, kam den 9. Juli in Pyrmont an, ich erfuhr, was sich zunächst in Weimar zugetragen und was daselbst begonnen worden; aber eben jener aufgeregte Zustand ließ mich einer so erwünschten Nähe nicht genießen. Das fortdauernde Regenwetter verhinderte jede Geselligkeit im Freien; ich entfernte mich am 17. Juli, wenig erbaut von den Resultaten meines Aufenthalts.

Durch Bewegung und Zerstreuung auf der Reise, auch wohl wegen unterlassenen Gebrauchs des aufregenden Mineralwassers, gelangt ich in glücklicher Stimmung nach Göttingen. Ich bezog eine angenehme Wohnung bei dem Instrumentenmacher Krämer an der Allee im ersten Stocke. Mein eigentlicher Zweck bei einem längern Aufenthalt daselbst war, die Lücken des historischen Teils der »Farbenlehre«, deren sich noch manche fühlbar machten, abschließlich auszufüllen. Ich hatte ein Verzeichnis aller Bücher und Schriften mitgebracht, deren ich bisher nicht habhaft werden können; ich übergab solches dem Herrn Professor Reuß und erfuhr von ihm sowie von allen übrigen Angestellten die entschiedenste Beihülfe. Nicht allein ward mir, was ich aufgezeichnet hatte, vorgelegt, sondern auch[77] gar manches, das mir unbekannt geblieben war, nachgewiesen. Einen großen Teil des Tags vergönnte man mir auf der Bibliothek zuzubringen, viele Werke wurden mir nach Hause gegeben, und so verbracht ich meine Zeit mit dem größten Nutzen. Die Gelehrtengeschichte von Göttingen, nach Pütter, studierte ich nun am Orte selbst mit größter Aufmerksamkeit und eigentlichster Teilnahme, ja ich ging die Lektionskatalogen vom Ursprung der Akademie sorgfältig durch, woraus man denn die Geschichte der Wissenschaften neuerer Zeit gar wohl abnehmen konnte. Sodann beachtete ich vorzüglich die sämtlichen physikalischen Kompendien, nach welchen gelesen worden, in den nach und nach aufeinander folgenden Ausgaben, und in solchen besonders das Kapitel von Licht und Farben.

Die übrigen Stunden verbracht ich sodann in großer Erheiterung. Ich müßte das ganze damals lebende Göttingen nennen, wenn ich alles, was mir an freundlichen Gesellschaften, Mittags- und Abendtafeln, Spaziergängen und Landfahrten zuteil ward, einzeln aufführen wollte. Ich gedenke nur einer angenehmen nach Weende mit Professor Bouterwek zu Oberamtmann Westfeld und einer andern, von Hofrat Meiners veranstalteten, wo ein ganz heiterer Tag zuerst auf der Papiermühle, dann in Dappoldshausen, ferner auf der Plesse, wo eine stattliche Restauration bereitet war, in Gesellschaft des Professor Fiorillo zugebracht und am Abend auf Mariaspring traulich beschlossen wurde.

Die unermüdliche, durchgreifende Belehrung Hofrat Blumenbachs, die mir soviel neue Kenntnis und Aufschluß verlieh, erregte die Leidenschaft meines Sohnes für die Fossilien des Hainberges. Gar manche Spazierwege wurden dorthin vorgenommen, die häufig vorkommenden Exemplare gierig zusammengesucht, den seltnern emsig nachgespürt. Hierbei ergab sich der merkwürdige Unterschied zweier Charaktere und Tendenzen: Indes mein Sohn mit der Leidenschaft eines Sammlers die Vorkommnisse aller Art zusammentrug, hielt Eduard, ein Sohn Blumenbachs, als geborner Militär, sich bloß an die Belemniten[78] und verwendete solche, um einen Sandhaufen, als Festung betrachtet, mit Palisaden zu umgeben.

Sehr oft besucht ich Professor Hoffmann und ward den Kryptogamen, die für mich immer eine unzugängliche Provinz gewesen, näher bekannt. Ich sah bei ihm mit Bewunderung die Erzeugnisse kolossaler Farrenkräuter, die das sonst nur durch Mikroskope Sichtbare dem gewöhnlichen Tagesblick entgegenführten. Ein gewaltsamer Regenguß überschwemmte den untern Garten, und einige Straßen von Göttingen standen unter Wasser. Hieraus erwuchs uns eine sonderbare Verlegenheit. Zu einem herrlichen, bei Hofrat Martens angestellten Gastmahl sollten wir uns in Portechaisen hinbringen lassen. Ich kam glücklich durch, allein der Freund, mit meinem Sohne zugleich eingeschachtelt, ward den Trägern zu schwer, sie setzten wie bei trocknem Pflaster den Kasten nieder, und die geputzten Insitzenden waren nicht wenig verwundert, den Strom zu ihnen hereindringen zu fühlen.

Auch Professor Seyffer zeigte mir die Instrumente der Sternwarte mit Gefälligkeit umständlich vor. Mehrere bedeutende Fremde, deren man auf frequentierten Universitäten immer als Gäste zu finden pflegt, lernt ich daselbst kennen, und mit jedem Tag vermehrte sich der Reichtum meines Gewinnes über alles Erwarten. Und so hab ich denn auch der freundlichen Teilnahme des Professor Sartorius zu gedenken, der in allem und jedem Bedürfen, dergleichen man an fremden Orten mehr oder weniger ausgesetzt ist, mit Rat und Tat fortwährend zur Hand ging, um durch ununterbrochene Geselligkeit die sämtlichen Ereignisse meines dortigen Aufenthaltes zu einem nützlichen und erfreulichen Ganzen zu verflechten.

Auch hatte derselbe in Gesellschaft mit Professor Hugo die Geneigtheit, einen Vortrag von mir zu verlangen und, was ich denn eigentlich bei meiner »Farbenlehre« beabsichtige, näher zu vernehmen. Einem solchen Antrage durft ich wohl, halb Scherz, halb Ernst, zu eigner Fassung und Übung nachgeben; doch konnte bei meiner noch nicht vollständigen Beherrschung[79] des Gegenstandes dieser Versuch weder mir noch ihnen zur Befriedigung ausschlagen.

So verbracht ich denn die Zeit so angenehm als nützlich und mußte noch zuletzt gewahr werden, wie gefährlich es sei, sich einer so großen Masse von Gelehrsamkeit zu nähern: denn indem ich, um einzelner in mein Geschäft einschlagender Dissertationen willen, ganze Bände dergleichen akademischer Schriften vor mich legte, so fand ich nebenher allseitig so viel Anlockendes, daß ich bei meiner ohnehin leicht zu erregenden Bestimmbarkeit und Vorkenntnis in vielen Fächern hier- und dahin gezogen ward und meine Kollektaneen eine bunte Gestalt anzunehmen drohten. Ich faßte mich jedoch bald wieder ins Enge und wußte zur rechten Zeit einen Abschluß zu finden.

Indes ich nun eine Reihe von Tagen nützlich und angenehm, wie es wohl selten geschieht, zubrachte, so erlitt ich dagegen zur Nachtzeit gar manche Unbilden, die im Augenblick höchst verdrießlich und in der Folge lächerlich erscheinen.

Meine schöne und talentvolle Freundin Demoiselle Jagemann hatte kurz vor meiner Ankunft das Publikum auf einen hohen Grad entzückt; Ehemänner gedachten ihrer Vorzüge mit mehr Enthusiasmus, als den Frauen lieb war, und gleicherweise sah man eine erregbare Jugend hingerissen; aber mir hatte die Superiorität ihrer Natur- und Kunstgaben ein großes Unheil bereitet. Die Tochter meines Wirtes, Demoiselle Krämer, hatte von Natur eine recht schöne Stimme, durch Übung eine glückliche Ausbildung derselben erlangt, ihr aber fehlte die Anlage zum Triller, dessen Anmut sie nun von einer fremden Virtuosin in höchster Vollkommenheit gewahr worden; nun schien sie alles übrige zu vernachlässigen und nahm sich vor, diese Zierde des Gesanges zu erringen. Wie sie es damit die Tage über gehalten, weiß ich nicht zu sagen, aber nachts, eben wenn man sich zu Bette legen wollte, erstieg ihr Eifer den Gipfel: bis Mitternacht wiederholte sie gewisse kadenzartige Gänge, deren Schluß mit einem Triller gekrönt werden sollte, meistens aber häßlich entstellt, wenigstens ohne Bedeutung abgeschlossen wurde.[80]

Andern Anlaß zur Verzweiflung gaben ganz entgegengesetzte Töne; eine Hundeschar versammelte sich um das Eckhaus, deren Gebell anhaltend unerträglich war. Sie zu verscheuchen, griff man nach dem ersten besten Werfbaren, und da flog denn manches Ammonshorn des Hainberges, von meinem Sohne mühsam herbeigetragen, gegen die unwillkommenen Ruhestörer, und gewöhnlich umsonst. Denn wenn wir alle verscheucht glaubten, bellt' es immerfort, bis wir endlich entdeckten, daß über unsern Häuptern sich ein großer Hund des Hauses, am Fenster aufrecht gestellt, seine Kameraden durch Erwiderung hervorrief.

Aber dies war noch nicht genug; aus tiefem Schlafe weckte mich der ungeheure Ton eines Hornes, als wenn es mir zwischen die Bettvorhänge hineinbliese. Ein Nachtwächter unter meinem Fenster verrichtete sein Amt auf seinem Posten, und ich war doppelt und dreifach unglücklich, als seine Pflichtgenossen an allen Ecken der auf die Allee führenden Straßen antworteten, um durch erschreckende Töne uns zu beweisen, daß sie für die Sicherheit unserer Ruhe besorgt seien. Nun er wachte die krankhafte Reizbarkeit, und es blieb mir nichts übrig, als mit der Polizei in Unterhandlung zu treten, welche die besondere Gefälligkeit hatte, erst eins, dann mehrere dieser Hörner um des wunderlichen Fremden willen zum Schweigen zu bringen, der im Begriff war, die Rolle des Oheims in »Humphrey Clinker« zu spielen, dessen ungeduldige Reizbarkeit durch ein paar Waldhörner zum tätigen Wahnsinn gesteigert wurde.

Belehrt, froh und dankbar reiste ich den 14. August von Göttingen ab, besuchte die Basaltbrüche von Dransfeld, deren problematische Erscheinung schon damals die Naturforscher beunruhigte. Ich bestieg den Hohen Hahn, auf welchem das schönste Wetter die weite Umsicht begünstigte und den Begriff der Landschaft vom Harz her deutlicher fassen ließ. Ich begab mich nach Hannövrisch-Münden, dessen merkwürdige Lage auf einer Erdzunge, durch die Vereinigung der Werra und Fulda gebildet, einen sehr erfreulichen Anblick darbot.[81] Von da begab ich mich nach Kassel, wo ich die Meinigen mit Professor Meyer antraf. Wir besahen unter Anleitung des wackern Nahl, dessen Gegenwart uns an den frühern römischen Aufenthalt gedenken ließ, Wilhelmshöhe an dem Tage, wo die Springwasser das mannigfaltige Park- und Gartenlokal verherrlichten. Wir beachteten sorgfältig die köstlichen Gemälde der Bildergalerie und des Schlosses, durchwandelten das Museum und besuchten das Theater. Erfreulich war uns das Begegnen eines alten teilnehmenden Freundes, Major von Truchseß, der in frühern Jahren durch redliche Tüchtigkeit sich in die Reihe der Götze von Berlichingen zu stellen verdient hatte.

Den 21. August gingen wir über Hoheneichen nach Kreuzburg; am folgenden Tage, nachdem wir die Salinen besehen, gelangten wir nach Eisenach, begrüßten die Wartburg und den Mädelstein, wo sich manche Erinnerung von zwanzig Jahren her belebte. Die Anlagen des Handelsmanns Röse waren zu einem neuen, unerwarteten Gegenstand indessen herangewachsen.

Darauf gelangte ich nach Gotha, wo Prinz August mich nach altem freundschaftlichen Verhältnis in seinem angenehmen Sommerhause wirtlich aufnahm und die ganze Zeit meines Aufenthalts eine im Engen geschlossene Tafel hielt, wobei der Herzog und die teuren von Frankenbergischen Gatten niemals fehlten.

Herr von Grimm, der, vor den großen revolutionären Unbilden flüchtend, kurz vor Ludwig dem Sechzehnten, glücklicher als dieser, von Paris entwichen war, hatte bei dem altbefreundeten Hofe eine sichre Freistatt gefunden. Als geübter Weltmann und angenehmer Mitgast konnte er doch eine innere Bitterkeit über den großen erduldeten Verlust nicht immer verbergen. Ein Beispiel, wie damals aller Besitz in nichts zerfloß, sei folgende Geschichte: Grimm hatte bei seiner Flucht dem Geschäftsträger einige hunderttausend Franken in Assignaten zurückgelassen; diese wurden durch Mandate noch auf geringeren Wert reduziert, und als nun jeder Einsichtige, die Vernichtung auch dieser Papiere voraus fürchtend, sie in[82] irgendeine unzerstörliche Ware umzusetzen trachtete – wie man denn z.B. Reis, Wachslichter, und was dergleichen nur noch zum Verkaufe angeboten wurde, begierlich aufspeicherte –, so zauderte Grimms Geschäftsträger wegen großer Verantwortlichkeit, bis er zuletzt in Verzweiflung noch etwas zu retten glaubte, wenn er die ganze Summe für eine Garnitur Brüsseler Manschetten und Busenkrause hingab. Grimm zeigte sie gern der Gesellschaft, indem er launig den Vorzug pries, daß wohl niemand so kostbare Staatszierden aufzuweisen habe.

Die Erinnerung früherer Zeiten, wo man in den achtziger Jahren in Gotha gleichfalls zusammen gewesen, sich mit poetischen Vorträgen, mit ästhetisch-literarischen Mitteilungen unterhalten, stach freilich sehr ab gegen den Augenblick, wo eine Hoffnung nach der andern verschwand und man sich, wie bei einer Sündflut kaum auf den höchsten Gipfeln, so hier kaum in der Nähe erhabener Gönner und Freunde gesichert glaubte. Indessen fehlte es nicht an unterhaltender Heiterkeit. Meinen eintretenden Geburtstag wollte man mit gnädiger Aufmerksamkeit bei einem solchen geschlossenen Mahle feiern; schon an den gewöhnlichen Gängen sah man einigen Unterschied; beim Nachtisch aber trat nun die sämtliche Livree des Prinzen in stattlich gekleidetem Zug herein, voran der Haushofmeister; dieser trug eine große, von bunten Wachsstöcken flammende Torte, deren ins Halbhundert sich belaufende Anzahl einander zu schmelzen und zu verzehren drohte, anstatt daß bei Kinderfeierlichkeiten der Art noch Raum genug für nächstfolgende Lebenskerzen übrigbleibt.

Auch mag dies ein Beispiel sein, mit welcher anständigen Naivetät man schon seit soviel Jahren einer wechselseitigen Neigung sich zu erfreuen gewußt, wo Scherz und Aufmerksamkeit, guter Humor und Gefälligkeit geistreich und wohlwollend das Leben durchaus zierlich durchzuführen sich gemeinsam beeiferten.

In der besten Stimmung kehrte ich am 30. August nach Weimar zurück und vergaß über den neu andringenden Beschäftigungen, daß mir noch irgendeine Schwachheit als Folge des[83] erduldeten Übels und einer gewagten Kur möchte zurückgeblieben sein. Denn mich empfingen schon zu der nunmehrigen dritten Ausstellung eingesendete Konkurrenzstücke. Sie ward abermals mit Sorgfalt eingerichtet, von Freunden, Nachbarn und Fremden besucht und gab zu mannigfaltigen Unterhaltungen, zu näherer Kenntnis mitlebender Künstler und der daraus herzuleitenden Beschäftigung derselben Anlaß. Nach geendigter Ausstellung erhielt der in der römisch-antiken Schule zu schöner Form und reinlichster Ausführung gebildete Nahl die Hälfte des Preises wegen Achill auf Skyros, Hoffmann aus Köln hingegen, der farben- und lebenslustigen niederländischen Schule entsprossen, wegen Achills Kampf mit den Flüssen die andere Hälfte; außerdem wurden beide Zeichnungen honoriert und zur Verzierung der Schloßzimmer aufbewahrt.

Und hier ist wohl der rechte Ort, eines Hauptgedankens zu erwähnen, den der umsichtige Fürst den Weimarischen Kunstfreunden zur Überlegung und Ausführung gab.

Die Zimmer des neu einzurichtenden Schlosses sollten nicht allein mit anständiger fürstlicher Pracht ausgestattet werden, sie sollten auch den Talenten gleichzeitiger Künstler zum Denkmal gewidmet sein. Am reinsten und vollständigsten ward dieser Gedanke in dem von durchlauchtigster Herzogin bewohnten Eckzimmer ausgeführt, wo mehrere Konkurrenz- und sonstige Stücke gleichzeitiger deutscher Künstler, meist in Sepia, unter Glas und Rahmen auf einfachen Grund angebracht wurden. Und so wechselten auch in den übrigen Zimmern Bilder von Hoffmann aus Köln und Nahl aus Kassel, von Heinrich Meyer aus Stäfa und Hummel aus Neapel, Statuen und Basreliefe von Tieck, eingelegte Arbeit und Flacherhobenes von Catel in geschmackvoller, harmonischer Folge. Daß jedoch dieser erste Vorsatz nicht durchgreifender ausgeführt worden, davon mag der gewöhnliche Weltgang die Schuld tragen, wo eine löbliche Absicht oft mehr durch den Zwiespalt der Teilnehmenden als durch äußere Hindernisse gefährdet wird.[84]

Meiner Büste, durch Tieck mit großer Sorgfalt gefertigt, darf ich einschaltend an dieser Stelle wohl gedenken.

Was den Gang des Schloßbaues in der Hauptsache betrifft, so konnte man demselben mit desto mehr Beruhigung folgen, als ein paar Männer wie Gentz und Rabe darin völlig aufgeklärt zu wirken angefangen. Ihr zuverlässiges Verdienst überhob aller Zweifel in einigen Fällen, die man sonst mit einer gewissen Bangigkeit sollte betrachtet haben: denn im Grunde war es ein wunderbarer Zustand. Die Mauern eines alten Gebäudes standen gegeben, einige neuere, ohne genugsame Umsicht darin vorgenommene Anordnungen schienen überdachteren Planen hinderlich und das Alte so gut als das Neue höheren und freieren Unternehmungen im Wege; weshalb denn wirklich das Schloßgebäude manchmal aussah wie ein Gebirg, aus dem man, nach indischer Weise, die Architektur heraushauen wollte. Und so leiteten diesmal das Geschäft gerade ein paar Männer, die freilich als geistreiche Künstler mit frischem Sinn herankamen und von denen man nicht abermals abzuändernde Abänderungen, sondern eine schließliche Feststellung des Bleibenden zu erwarten hatte.

Ich wende nunmehr meine Betrachtungen zum Theater zurück. Am 24. Oktober, als am Jahrstag des ersten Maskenspieles »Paläophron und Neoterpe«, wurden »Die Brüder«, nach Terenz von Einsiedel bearbeitet, aufgeführt und so eine neue Folge theatralischer Eigenheiten eingeleitet, die eine Zeitlang gelten, Mannigfaltigkeit in die Vorstellungen bringen und zu Ausbildung gewisser Fertigkeiten Anlaß geben sollten.

Schiller bearbeitete Lessings »Nathan«, ich blieb dabei nicht untätig. Den 28. November ward er zum erstenmal aufgeführt, nicht ohne bemerklichen Einfluß auf die deutsche Bühne.

Schiller hatte »Die Jungfrau von Orleans« in diesem Jahr begonnen und geendigt; wegen der Aufführung ergaben sich manche Zweifel, die uns der Freude beraubten, ein so wichtiges Werk zuerst auf das Theater zu bringen. Es war der Tätigkeit Ifflands vorbehalten, bei den reichen Mitteln, die[85] ihm zu Gebote standen, durch eine glänzende Darstellung dieses Meisterstücks sich für alle Zeiten in den Theaterannalen einen bleibenden Ruhm zu erwerben.

Nicht geringen Einfluß auf unsre diesjährigen Leistungen erwies Madame Unzelmann, welche zu Ende Septembers in Hauptrollen bei uns auftreten sollte. Gar manches Unbequeme, ja Schädliche hat die Erscheinung von Gästen auf dem Theater; wir lehnten sie sonst möglich ab, wenn sie uns nicht Gelegenheit gaben, sie als neue Anregung und Steigerung unserer bleibenden Gesellschaft zu benutzen; dies konnte nur durch vorzügliche Künstler geschehen. Madame Unzelmann gab acht wichtige Vorstellungen hintereinander, bei welchen das ganze Personal in bedeutenden Rollen auftrat und schon an und für sich, zugleich aber im Verhältnis zu dem neuen Gaste, das möglichste zu leisten hatte. Dies war von unschätzbarer Anregung. Nichts ist trauriger als der Schlendrian, mit dem sich der einzelne, ja eine Gesamtheit hingehen läßt; aber auf dem Theater ist es das Allerschlimmste, weil hier augenblickliche Wirkung verlangt wird und nicht etwa ein durch die Zeit selbst sich einleitender Erfolg abzuwarten ist. Ein Schauspieler, der sich vernachlässigt, ist mir die widerwärtigste Kreatur von der Welt, meist ist er inkorrigibel, deshalb sind neues Publikum und neue Rivale unentbehrliche Reizmittel: jenes läßt ihm seine Fehler nicht hingehen, dieser fordert ihn zu schuldiger Anstrengung auf. Und so möge denn nun auch das auf dem deutschen Theater unaufhaltsame Gastrollenspielen sich zum allgemeinen Besten wirksam erweisen.

Stolbergs öffentlicher Übertritt zum katholischen Kultus zerriß die schönsten früher geknüpften Bande. Ich verlor dabei nichts, denn mein näheres Verhältnis zu ihm hatte sich schon längst in allgemeines Wohlwollen aufgelöst. Ich fühlte früh für ihn als einen wackern, liebenswürdigen, liebenden Mann wahrhafte Neigung; aber bald hatte ich zu bemerken, daß er sich nie auf sich selbst stützen werde, und sodann erschien er mir als einer, der außer dem Bereich meines Bestrebens Heil und Beruhigung suche.[86]

Auch überraschte mich dieses Ereignis keineswegs, ich hielt ihn längst für katholisch, und er war es ja der Gesinnung, dem Gange, der Umgebung nach, und so konnt ich mit Ruhe dem Tumulte zusehen, der aus einer späten Manifestation geheimer Mißverhältnisse zuletzt entspringen mußte.

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 16, Berlin 1960 ff, S. 64-87.
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