1813

[242] Die erneuerte Gegenwart Brizzis hatte der Oper einen eigenen Schwung gegeben, auch die Aufführung derselben italienisch möglich gemacht. Keinem Sänger ist diese Sprache ganz fremd: denn er muß sein Talent mehrenteils in selbiger produzieren; sie ist überhaupt für den, dem die Natur ein glückliches Ohr gegönnt, leicht zu erlernen. Zu größerer Bequemlichkeit und schnellerer Wirkung ward ein Sprachmeister angestellt. Ebenso hatte Ifflands Gegenwart alle Aufmerksamkeit unserer Schauspieler angeregt, und sie wetteiferten allzusamt, würdig neben ihm zu stehen. Wer in die Sache tief genug hineinsah, konnte wohl erkennen, daß die Übereinstimmung, die Einheit unserer Bühne diesem großen Schauspieler vollkommene Leichtigkeit und Bequemlichkeit gab, sich wie auf einem reinen Element nach Gefallen zu bewegen. Nach seiner Abreise wurde alles wieder ernstlich und treulich fortgesetzt, aber jedes künstlerische Bestreben durch Furcht vor immer näher herandringenden Kriegsereignissen dergestalt gelähmt, daß man sich begnügen mußte, mit den Vorräten auszulangen.

Poetischer Gewinn war dieses Jahr nicht reichlich; drei Romanzen: »Der Totentanz«, »Der getreue Eckart« und »Die wandelnde Glocke« verdienten einige Erwähnung. »Der Löwenstuhl«, eine Oper, gegründet auf die alte Überlieferung, die ich nachher in der Ballade »Die Kinder, die hören es gerne« ausgeführt, geriet ins Stocken und verharrte darin. Der Epilog zum »Essex« darf wohl auch erwähnt werden.

Der dritte Band meiner Biographie ward redigiert und abgedruckt und erfreute sich, ungeachtet äußerer mißlicher Umstände, einer guten Wirkung. Das italienische Tagebuch ward näher beleuchtet und zu dessen Behandlung Anstalt gemacht, ein Aufsatz zu Wielands Andenken in der Trauerloge vorgelesen und zu vertraulicher Mitteilung dem Druck übergeben.

Im Felde der Literatur ward manches Ältere, Neuere und Verwandte vorgenommen und mehr oder weniger durch Fortsetzung der Arbeit irgendeinem Ziele näher gebracht; besonders[242] ist das Studium zu erwähnen, das man Shakespearen in bezug auf seine Vorgänger widmete.

Geographische Karten zu sinnlicher Darstellung der über die Welt verteilten Sprachen wurden mit Wilhelm von Humboldts Teilnahme bearbeitet, begrenzt und illuminiert; ebenso ward ich von Alexander von Humboldt veranlaßt, die Berghöhen der Alten und Neuen Welt in ein vergleichendes landschaftliches Bild zu bringen.

Hier ist nun am Platze, mit wenigem auszusprechen, wie ich das Glück, gleichzeitig mit den vorzüglichsten Männern zu leben, mir zu verdienen suchte.

Von dem Standpunkte aus, worauf es Gott und der Natur mich zu setzen beliebt und wo ich zunächst den Umständen gemäß zu wirken nicht unterließ, sah ich mich überall um, wo große Bestrebungen sich hervortaten und andauernd wirkten. Ich meinesteils war bemüht, durch Studien, eigene Leistungen, Sammlungen und Versuche ihnen entgegenzukommen und so, auf den Gewinn dessen, was ich nie selbst erreicht hätte, treulich vorbereitet, es zu verdienen, daß ich unbefangen, ohne Rivalität oder Neid, ganz frisch und lebendig dasjenige mir zueignen durfte, was von den besten Geistern dem Jahrhundert geboten ward. Und so zog sich mein Weg gar manchen schönen Unternehmungen parallel, nahm seine Richtung grad auf andere zu; das Neue war mir deshalb niemals fremd, und ich kam nicht in Gefahr, es mit Überraschung aufzunehmen oder wegen veralteten Vorurteils zu verwerfen.

Als Zeichen der Aufmerksamkeit auf das Allerbesonderste brachte ich Durchzeichnungen von Bildern aus einer alten Handschrift des »Sachsenspiegels« Kennern und Liebhabern in die Hände, welche denn auch davon den löblichsten Gebrauch machten und die Symbolik eines in Absicht auf bildende Kunst völlig kindischen Zeitalters gar sinnig und überzeugend auslegten.

Des Allerneuesten hier zu erwähnen, sendete mir Abbate Monti, früherer Verhältnisse eingedenk, seine Übersetzung der »Ilias«.[243]

Als Kunstschätze kamen mir ins Haus: Gipsabguß von Jupiters Kolossalbüste, kleine Herme eines indischen Bacchus von rotem antiken Marmor, Gipsabgüsse von Peter Vischers Statuen der Apostel am Grabmal des heiligen Sebaldus zu Nürnberg. Vorzüglich bereicherten eine meiner liebwertesten Sammlungen päpstliche Münzen, doppelt erwünscht teils wegen Ausfüllung gewisser Lücken, teils weil sie die Einsichten in die Geschichte der Plastik und der bildenden Kunst überhaupt vorzüglich beförderten. Freund Meyer setzte seine Kunstgeschichte fort; Philostrats Gemälde belebten sich wieder, man studierte Heynes Arbeiten darüber; die kolossale Statue Domitians, von Statius beschrieben, suchte man sich gleichfalls zu vergegenwärtigen, zu restaurieren und an Ort und Stelle zu setzen. Die Philologen Riemer und Hand waren mit Gefälligkeit beirätig. Viscontis »Iconographie grecque« ward wieder aufgenommen, und in jene alten Zeiten führte mich unmittelbar ein höchst willkommenes Geschenk. Herr Bröndsted beschenkte mich im Namen der zu so bedeutenden Zwecken nach Griechenland Gereisten mit einem zum Spazierstabe umgeformten Palmenzweig von der Akropolis; eine bedeutende griechische Silbermünze vertrat die Stelle des Knopfes.

Damit man ja recht an solchen Betrachtungen festgehalten werde, fand sich Gelegenheit, die Dresdener Sammlung der Originalien sowohl als der Abgüsse mit Muße zu betrachten.

Indessen zog denn doch auch die Meisterschaft mancher Art, die den Neuern vorzüglich zuteil geworden, eine gefühlte Aufmerksamkeit an sich. Bei Betrachtung Ruisdaelischer Arbeiten entstand ein kleiner Aufsatz: »Der Landschaftsmaler als Dichter«.

Von Mitlebenden hatte man Gelegenheit, die Arbeiten Kerstings kennenzulernen, und Ursache, sie wertzuschätzen.

Naturwissenschaften, besonders Geologie, erhielten sich gleichfalls in der Reihe. Von Teplitz aus besuchte ich die Zinnwerke von Graupen, Zinnwald und Altenberg; in Bilin erfreute ich mich der Leitung des erfahrnen, klar denkenden Dr. Reuß;[244] ich gelangte unter seiner Führung bis an den Fuß des Biliner Felsens, wo auf dem Klingstein in Masse der säulenförmige unmittelbar aufsteht: eine geringe Veränderung der Bedingungen mag die Veränderung dieses Gestaltens leicht bewirkt haben.

Die in der Nähe von Bilin sich befindenden Granaten, deren Sortieren und Behandlung überhaupt ward mir gleichfalls ausführlich bekannt.

Ebensoviel wäre von anderer Seite ein Besuch von Dr. Stolz in Aussig zu rühmen; auch hier erschien das große Verdienst eines Mannes, der seinen Kreis zunächst durchprüft und dem ankommenden Gast gleich so viel Kenntnisse mitteilt, als ihm ein längerer Aufenthalt kaum hätte gewähren können.

Aus dem mannigfaltigen Bücherstudium sind hier abermals Trebras »Erfahrungen vom Innern der Gebirge« und Charpentiers Werke zu nennen. Es war meine Art, auf Ansichten und Überzeugungen mitlebender Männer vorzüglich zu achten, besonders wenn sie nicht gerade der Schnurre des Tags angemessene Bewegung machen konnten.

Das intentionierte Schwefelbad zu Berka gab zu mancherlei Diskussionen Gelegenheit; man versuchte, was man voraussehen konnte, und ließ bewenden, was man nicht hätte beabsichtigen sollen.

Die entoptischen Farben erregten Aufmerksamkeit; unabhängig hievon hatte ich einen Aufsatz über den Doppelspat geschrieben.

Und so bemerke ich am Schlusse, daß die Instrumente für die jenaische Sternwarte bestellt und Klugens Werk über den animalischen Magnetismus beachtet wurde.

Bedeutende Personen wurden von mir gesehen. In Tharandt Forstmeister Cotta; in Teplitz Dr. Kapp, Graf Brühl, General Thielmann, Rittmeister von Schwanenfeld, Professor Dittrich vom Gymnasium zu Komotau, Großfürstinnen Katharina und Maria.

Nach der Schlacht von Leipzig in Weimar gesehen: Wilhelm von Humboldt; Graf Metternich; Staatskanzler von Hardenberg;[245] Prinz Paul von Württemberg; Prinz August von Preußen; Kurprinzeß von Hessen; Professor Jahn, Chemikus; Hofrat Rochlitz.

Hier muß ich noch einer Eigentümlichkeit meiner Handlungsweise gedenken. Wie sich in der politischen Welt irgendein ungeheures Bedrohliches hervortat, so warf ich mich eigensinnig auf das Entfernteste. Dahin ist denn zu rechnen, daß ich von meiner Rückkehr aus Karlsbad an mich mit ernstlichstem Studium dem chinesischen Reich widmete und dazwischen, eine notgedrungene unerfreuliche Aufführung des »Essex« im Auge, der Schauspielerin Wolff zuliebe und um ihre fatale Rolle zuletzt noch einigermaßen glänzend zu machen, den »Epilog zu ›Essex‹« schrieb, gerade an dem Tage der Schlacht von Leipzig.

Zum Behuf meiner eigenen Biographie zog ich aus den »Frankfurter Gelehrten Zeitungen« vom Jahr 1772 und 1773 die Rezensionen aus, welche ganz oder zum Teil mir gehörten. Um in jene Zeiten mich noch mehr zu versetzen, studierte ich Mösers »Phantasien«, sodann aber auch Klingers Werke, die mich an die unverwüstliche Tätigkeit nach einem besondern, eigentümlichen Wesen gar charakteristisch erinnerten. In Absicht auf allgemeineren Sinn in Begründung ästhetischen Urteils hielt ich mich immerfort an Ernestis »Technologie griechischer und römischer Redekunst« und bespiegelte mich darinnen scherz- und ernsthaft mit nicht weniger Beruhigung, daß ich Tugenden und Mängel nach ein paar tausend Jahren als einen großen Beweis menschlicher Beschränktheit in meinen eigenen Schriften unausweichlich wieder zurückkehren sah.

Von Ereignissen bemerke vorläufig: Der französische Gesandte wird in Gotha überrumpelt und entkommt. Ein geringes Korps Preußen besetzt Weimar und will uns glauben machen, wir seien unter seinem Schutze sicher. Die Freiwilligen betragen sich unartig und nehmen nicht für sich ein. Ich reise ab, Begegnisse unterwegs. In Dresden russische Einquartierung, nachts mit Fackeln. Ingleichen der König von Preußen. In Teplitz Vertraulichkeiten. Vorläufige Andeutungen einer allgemeinen[246] Verbindung gegen Napoleon. Schlacht von Lützen. Franzosen in Dresden. Waffenstillstand. Aufenthalt in Böhmen. Lustmanœuvre zwischen Bilin, Ossegg und Dux. Mannigfache Ereignisse in Dresden. Rückkehr nach Weimar. Die jüngste französische Garde zieht ein. General Travers, den ich als jenen Begleiter des Königs von Holland kennengelernt, wird bei mir zu seiner höchsten Verwunderung einquartiert. Die Franzosen ziehen alle vorwärts. Schlacht von Leipzig. Die Kosaken schleichen heran; der französische Gesandte wird hier genommen; die Franzosen von Apolda und Umpferstedt her andrängend. Die Stadt wird vom Ettersberg her überfallen. Die Österreicher rücken ein.

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 16, Berlin 1960 ff, S. 242-247.
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