[321] 8/2635.
Rom d. 5. Jan. 88.
Ich schrieb dir neulich du solltest die Stimmen zu Kaysers Oper nach Zürch schicken. Wir haben unsere Gesinnungen geändert behalte sie nur bey dir.
Deine fortgesetzten Beobachtungen (unterm 17. Dec.) sind recht brav, nur glaube ich noch immer, du folgerst zu geschwind und zu schneidend für eine so zarte Sache. Fahre fort zu sehen, zu kombiniren, zu folgern.
Collinas Wesen wirst du nach deinem guten Verstande in Richtigkeit setzen helfen, thue was du kannst, doch sorge dabey, daß das Verhältniß rein bleibe. Du hast dem Italiäner seine ersten Bier und Weinschliche gut abgemerckt.
Lebe wohl. Schreibe mir von Zeit zu Zeit und liebe mich.
G.
8/2636.
Rom d. 19. Jan. 88.
Diese Woche ist wieder fleisig zugebracht worden. Anatomie und Perspecktiv sind vorwärts geruckt, wenn man gleich immer mehr zu thun hofft als man würcklich thut.
[322] Die beyden ersten Ackte Claudinens sind heute auch fertig geworden. Ich lasse sie nun abschreiben und nächsten Sonnabend d. 26. sollen sie abgehen. Sie können also, wenn alles in der Ordnung auf der Post geht d. 11. Febr. bey Euch seyn. Sage das Herdern damit er seine Maasregeln darnach nehme. Der dritte Ackt soll sobald als möglich folgen.
Es ist schweer so ein Werckchen, nach erkannten Gesetzen, mit Einsicht und Verstand und zugleich mit Leichtigkeit und Laune zu machen. Es geht viel Zeit darüber hin.
d. 17ten am Feste des Heiligen Antonius Abbas machten wir uns einen lustigen Tag. Es war das schönste Wetter von der Welt. Es hatte die Nacht Eis gefroren, der Tag war heiter und warm. Bey der Kirche des Heiligen werden Pferde, Ochsen, Esel geweiht, welches ein lustig Specktakul ist. Die Thiere sind an Köpfen und Schwänzen mit Bändern geputzt man bringt die Thiere vor einer kleinen Kapelle vorbey, wo ein Priester mit einem großen Wedel versehen, das Wasser nicht spart und auf die Thiere losspritzt. Andächtige Kutscher bringen Herzen und erhalten dagegen geweihte Bildchen, die Herrschafften schicken Almosen und Geschencke. Alles damit die vierfüsigen Geschöpfe ein Jahr über für allem Anfall sicher bleiben sollen. Nachher machten wir eine große Tour und erfreuten uns unter einem so glücklichen Himmel, umgeben von den interessantesten Gegenständen, [323] wohl und vergnügt einen schönen Tag gelebt zu haben.
Wenn ich von deinen Übeln, von deinem Zahnweh höre, wird mir's im Gemüthe wie ich dirs nicht ausdrucken kann, daß dir unter dem unglücklichen Himmel das Leben unter Schmerzen hingehn soll. Ich habe doch diese ganze Zeit keine Empfindung aller der Übel gehabt die mich in Norden peinigten und lebe mit eben derselben Constitution hier wohl und munter, so sehr als ich dort litt.
Ich habe manche Anzeigen daß ich dieses Wohlseyn, wie manches andre Gute, in Italien zurücklassen werde.
Still und ohne weiter zu dencken und zu grübeln benutz ich jeden Tag und eile mir die nötigsten Kenntnisse zu erwerben, suche ein wenig mich in Übung zu setzen. Doch ist das alles nichts. Wer Rom verläßt muß auf Kunst Verzicht thun, ausserhalb ist alles Pfuscherey.
Wenn du nur einen Abend bey uns seyn solltest unter den vielen Gypssachen, wenn man die besten Sachen neben einander setzen kann und sich dann das fürtreffliche vom Guten so sehr, ja unendlich absondert. Ich spreche nicht aus wie glücklich ich bin, daß ich da zu sehen anfange, wo ich Zeitlebens nur getappt habe.
Es sey nun und werde wie es wolle; so hab ich das Vergnügen genossen und einen guten Grund gelegt. Keiner der mir nun aus Rom nach Norden [324] kommt, kann mir imponiren oder etwas weiß machen und da doch einmal Kunst und Nachbildung eine der entschiedensten Eigenschaften meiner Natur sind; so bin ich wenigstens ganzer geworden als ich war, wenn ich auch schon wieder einen großen Teil in Rom zurück lassen muß.
Grüße die Freunde und Fritzen.
Der Herzog ist wohl noch nicht zurück?
Laß doch Bertuchen sagen: ich werde ihm für Masken Zeichnungen und Beschreibungen sorgen.
Empfiel mich der Herzoginn.
Der dritte Ackt von Claudinen wird ganz kurz werden, es ist schon wie ihr sehen werdet eine so große Masse Musick in den beyden ersten, daß man im letzten Haushältisch zu Wercke gehen muß. Leider hab ich vielen poetischen Stoff wegwerfen und der Möglichkeit des Gesanges aufopfern müssen.
Lebe wohl und liebe mich.
G.
Dein Brief No 39. kommt eben an. Tausend Danck! Grüse Fritzen. Seine Augen machen mir Sorge.
8/2637.
Rom d. 25. Jan. 88.
Welche Freude und Zufriedenheit mir Ihr Brief, an einem schönen Tage gebracht hat, kann ich Ihnen[325] nicht ausdrucken und hätte die Sorge für Ihre Gesundheit mich nicht wieder herabgestimmt; so könnte ich den gestrigen Tag als den fröhlichsten ansehn, den ich in Rom erlebt habe. Ich lief gleich nach erhaltnem Briefe ins Weite, denn wie Tristram die horizontale Lage für diejenige hält, in welcher man Freude und Schmerz am besten genießt und trägt; so ist es bey mir das Wandeln in freyer Luft, da dacht ich denn recht vieles durch und setze mich heute früh zu schreiben damit Sie durch den zurückkehrenden Courier einige Blätter erhalten.
Zuförderst dancke ich aufs schönste für das Tableau politique. Ich folge dem Lauf der Welt in den Zeitungen nach und um desto angenehmer war mir diese Ausfüllung und Bestimmung meiner allgemeinern Ideen. Der Antheil den Sie an den Geschäfften des Vaterlands und der Welt nehmen, liegt mir zunächst am Herzen, ich freue mich über alles was Ihnen gelingt, es ist mir tröstlich daß Ihre Mühe und Aufopferung anerkannt und mit einem ehrenvollen Zutrauen gelohnt wird. Lassen Sie mich von Zeit zu Zeit wissen wie die Sachen stehen, an Ihrem gestrigen Briefe hab ich nun eine Weile zu zehren.
Sie wünschen, daß ich Ihre Frau Mutter in Italien erwarten möge, ich will mich darüber aufrichtig erklären.
Ostern war der letzte Termin den ich meinem Bleiben in Italien gesetzt hatte, auch Sie schienen [326] mich im Frühjahre zu Hause zu erwarten und ich habe rationem vitae et studiorum (worüber ich ein besonder Blat wenn ich Zeit habe beylege) völlig darauf eingerichtet, daß ich nach dem Feste Rom ohne Widerwillen verlassen kann. Ich erwartete daß Sie zu Hause anlangen und mir nach Lage der Sachen Ihre Gesinnung schreiben würden. Nun anticipiren Sie solche, ich kann mich darnach einrichten und will nun auch über die Reise der Frau Mutter meine Gedancken eröffnen. Jemehr ich mich bemühte nachzudencken und zu sorgen, wie ich ihr als ein getreuer Vorläufer den Weg bereiten könnte, desto mehr sah ich wie wenig man thun kann und wie nachher alles auf den Augenblick ankommt. Die größte Schwierigkeit war diejenige, welcher Sie erwähnen, daß Ihre Frau Mutter, mit Anstand, auch Menschen sehe, doch ohne zusehr seccirt zu werden, ohne zuviel Zeit über den wechselseitigen Egards zu verliehren. Ich habe mich zwar ganz aus der Welt gehalten, kenne aber doch so ziemlich die hiesige Societät, sie ist wie überall und noch überdieß sehr exigeant, weil man würcklich in dem großen Rom ein wenig kleinstädtisch ist. Die Herzoginn muß eine römische Dame zur Seite haben welche sie überall einführt, und wenigstens zu Anfangs begleitet. Ich habe mit Angelika (die ein Engel von Verstand und Conduite ist) darüber gesprochen und wir haben wohl zwey Damen gefunden, doch ist bey einer jeden wieder ein Aber. Der Senator [327] ist wieder zurück er wird gewiß alles thun, indeß bleibt es immer eine gefährliche Sache sich ganz fremden Menschen in die Hände zu liefern und es ist immer das Resultat zu befürchten das Sie in Ihrem Briefe so lebhaft schildern. Eben so ists in Florenz und Neapel. Am ersten Ort kann die Herzoginn nicht ausweichen Milady Kuper zu sehn und auch den Hof, wenn er nicht in Pisa ist, in Neapel ist derselbe Fall. Genug ich könnte wohl im allgemeinen einige Lebensregeln geben, die aber doch am Ende nur auf einen Polonius Seegen hinaus liefen.
Wenn es nun aber Ihre Gesinnung ist daß ich in Italien bleiben soll; so wird es meine Schuldigkeit für alles und auch für diesen Punckt zu sorgen. Nun paßt es grade daß ich zu meiner bißherigen ratione vitae übergehe.
Die Hauptabsicht meiner Reise war: mich von den phisisch moralischen Übeln zu heilen die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten; sodann den heisen Durst nach wahrer Kunst zu stillen, das erste ist mir ziemlich das letzte ganz geglückt.
Da ich ganz frey war, ganz nach meinem Wunsch und Willen lebte; so konnte ich nichts auf andre, nichts auf Umstände, Zwang oder Verhältnisse schieben, alles kehrte unmittelbar auf mich zurück und ich habe mich recht durchaus kennen lernen und unter manchen Mängeln und Fehlern ist der welchen [328] Sie rügen nicht der letzte. Ganz unter fremden Menschen, in einem fremden Lande zu leben, auch nicht einen bekannten Bedienten zu haben an den man sich hätte anlehnen können, hat mich aus manchen Träumen geweckt, ich habe an munterm und resolutem Leben viel gewonnen. Als ich zuerst nach Rom kam, bemerckt ich bald daß ich von Kunst eigentlich gar nichts verstand und daß ich biß dahin nur den allgemeinen Abglanz der Natur in den Kunstwercken, bewundert und genossen hatte, hier that sich eine andre Natur, ein weiteres Feld der Kunst vor mir auf, ja ein Abgrund der Kunst, in den ich mit desto mehr Freude hineinschaute, als ich meinen Blick an die Abgründe der Natur gewöhnt hatte. Ich überließ mich gelassen den sinnlichen Eindrücken, so sah ich Rom, Neapel, Sicilien und kam auf Corpus Domini nach Rom zurück. Die großen Scenen der Natur hatten mein Gemüth ausgeweitet und alle Falten herausgeglättet, von der Würde der Landschafts Mahlerey hatte ich einen Begriff erlangt, ich sah Claude und Poussin mit andern Augen, mit Hackert, der nach Rom kam, war ich vierzehn Tage in Tivoli, dann sperrte mich die Hitze zwey Monate in das Haus, ich machte Egmont fertig und fing an Perspecktiv zu treiben und ein wenig mit Farben zu spielen. So kam der September heran, ich ging nach Fraskati, von da nach Castello und zeichnete nach der Natur und konnte nun leicht bemercken was mir [329] fehlte. Gegen Ende Oktobers kam ich wieder in die Stadt und da ging eine neue Epoche an. Die Menschengestalt zog nunmehr meine Blicke auf sich und wie ich vorher, gleichsam wie von dem Glanz der Sonne, meine Augen von ihr weggewendet, so konnte ich nun mit Entzücken sie betrachten und auf ihr verweilen. Ich begab mich in die Schule, lernte den Kopf mit seinen Theilen zeichnen und nun fing ich erst an die Antiken zu verstehen. Damit brachte ich November und December hin und schrieb indessen Erwin und Elmire auch die Hälfte von Claudinen. Mit dem ersten Januar stieg ich vom Angesicht aufs Schlüsselbein, verbreitete mich auf die Brust und so weiter, alles von innen heraus, den Knochen Bau, die Muskeln wohl studiert und überlegt, dann die Antiken Formen betrachtet, mit der Natur verglichen und das karackteristische sich wohl eingeprägt. Meine sorgfältige, ehmalige Studien der Osteologie und der Körper überhaupt, sind mir sehr zu statten gekommen und ich habe gestern die Hand, als den letzten Theil der mir übrig blieb, absolvirt. Die nächste Woche werden nun die vorzüglichsten Statuen und Gemählde Roms mit frischgewaschnen Augen besehen.
Diesen Cursum habe ich an der Hand eines Schweitzers, Nahmens Meyer, eines gar verständigen und guten Künstlers, gemacht, und ein junger Hanauer, Nahmens Büry, der mit mir zusammen wohnt und ein gar resolutes gutes Wesen ist hat mir nicht wenig[330] geholfen. Meine Absicht ist nun, im Februar einige Landschaftszeichnungen zu kopiren, einige Veduten nach der Natur zu zeichnen und zu koloriren und so auch darin sichrer zu werden. Den März wollte ich anwenden, das wichtigste nochmals zu durchlaufen, einige Menschen zu sehen, dann die Benedicktion aufladen und von Rom für dießmal Abschied nehmen. Bestimmt mich nun aber Ihr Wille hier zu bleiben, Ihrer Frau Mutter zu dienen; so werde ich von Ostern an ein neues Leben beginnen, um mich zu dem Posten eines Reisemarschalls zu qualificiren. Ich nehme ein neues Blat, um Ihnen meinen Plan vorzulegen und Ihre Approbation einzuholen.
Bisher habe ich allen widerstanden die mich in die Welt ziehen wollten, weil es mir am ersten um meine Hauptsachen zu thun war, weil die Welt nicht giebt sondern nimmt und weil ich täglich mehr Abneigung empfinde etwas halb zu thun. Nun aber werde ich mich equippiren, einen Bedienten anschaffen mein Quartier besser bestellen, genug mich so einrichten daß ich als der Ihrige öffentlich auftreten kann und am anständigen nichts fehlt. Zuerst will ich den Cardinal Herzan und den Senator besuchen, dann zum Card. Staatssekretair und zu Card. Bernis gehn, somit sind die Schleußen aufgezogen und das übrige folgt von selbst, ich will den Monat Aprill ganz dieser Ausbreitung widmen, denn ich muß mich selbst wieder daran gewöhnen und das Leben mit mehreren Menschen[331] auch als Studium und Übung tracktiren. Ich habe schon das Vertrauen eines verständigen Mannes, der in der Welt lebt erworben, mit dessen Hülfe will ich bald alle Verhältniße kennen lernen und sehen was die Herzoginn zu thun und zu lassen hat.
Was den Genuß der Natur und der Kunst betrifft; so bin ich gewiß daß ihr ihn niemand so verschaffen kann, wie ich es im Stande bin, kann ich noch das Verhältniß gegen das Publikum schicklich und wenig lästig machen; so werde ich mich meines Dienstes nicht zu schämen haben.
Vielleicht schickt es sich im May eine Excursion nach Neapel zu machen. Ich präsentire mich alsdenn auch dort bey Hofe und sondire das Terrain, eben so machte ich es in Florenz, wenn ich der Herzoginn entgegen gehe, denn es wäre meine Absicht sie in Verona zu empfangen. Kommt sie alsdenn mit jemand an, der schon bekannt (und wie ich mich zu betragen hoffe, beliebt) ist; so macht sich alles leichter, besonders da man sowohl in Neapel als Florenz auf einem natürlichen Fuß bey Hofe (insofern sich das dencken läßt) lebt und alles ohne Etiquette und Steifheit wird abgethan werden können. Was die häuslichen Einrichtungen betrifft, diese sollen bestens bedacht werden. Einen großen Dienst werde ich der Herzoginn erzeigen können: ihr alle leidige Verkäufer vom Halse zu halten, welche ein wahres aufpassendes Geschmeiß sind und ein besonder [332] Geschick haben Reisende zu kompromittiren und sich anzudringen.
Ich werde ihr einige Sachen bestellen und anschaffen, die ihr Freude machen mit wenigem, ich habe diese Materie aus dem Fundament zu studiren Gelegenheit gehabt.
Wegen meiner Ausgaben dient folgendes zur Nachricht. Ich habe die Summe, welche ich Ihrer Güte und Vorsorge dancke bisher fort erhoben und sie nach Abzug dessen was mir meine fortgehende Wirthschafft kostet auf die Reise verwendet, dabey noch 1000 rh. welche mir die vier ersten Bände meiner Schriften eintrugen verzehrt. Bey meiner Lebensart hätte ich sollen wohlfeiler davon kommen, allein meine Existenz ist wieder auf eine wahre Wilhelmiade hinausgelaufen. Doch kann ich völlig zufrieden seyn meine Entzwecke aus dem Grunde erreicht zu haben. Auch habe ich Bedacht gehabt mein Inkognito selbst, durch eine mäßige und schickliche Freygebigkeit respecktable zu machen und dadurch daß ich einige Künstler immer mit mir leben ließ, zugleich Lehrer Freunde und Diener erworben. Es hat sich alles so hübsch gemacht, daß ich völlig zufrieden seyn kann. Das Osterquartal und den Betrag des fünften Bandes, hatte ich zu meiner Rückreise bestimmt und wäre ohne das mindeste Derangement in meine alte Haushaltung wieder eingetreten. Auch will ich gern wenn Sie mir Ihre Güte kontinuiren was mir dieses Jahr von meinen Schriften [333] einkommt fernerhin anwenden und werde mir nur das surplus von Ihrer Frau Mutter erbitten, damit ich rein und ohne Sorgen bleibe. Daß ich mich ein wenig equippiren und ein ander Quartier beziehen muß, wird einigen Aufwand machen. So weit meine Vorschläge, welchen ich Ihren Beyrath und Billigung wünsche.
Noch will ich niemand entschieden schreiben daß ich hier bleibe, auch von Ihnen noch von Weimar aus nähere Bestimmung erwarten. Ich schreibe auch Ihrer Frau Mutter nichts und richte mich nur indessen gelassen hier drauf ein.
Was Ihre innere Wirthschaft betrifft, haben Sie an Schmidten, einen trefflichen Rathgeber, er ist ein Haushälter von Haus aus, ohne Ihre Finanzen in seinen Händen zu wissen, könnte ich nicht einen Augenblick ruhig seyn. Von Wetkens Tod wird wohl zu profitiren seyn. Sollten Sie etwa den alten Bachmann zum Assessor machen; so gedencken Sie Seidels den ich Ihnen in einem Briefe schon empfohlen. Lassen Sie seine Fähigkeiten prüfen, für seine Treue und Honnettetät steh ich.
Das nunmehr versicherte Glück des Bergwercks freut mich unendlich und wir können nun mit ernstlichen Anstalten dem Wercke entgegen gehn. An Voigten haben Sie einen tüchtigen Arbeiter, geben Sie ihm zu den Ilmenauer Sachen einen jungen Mann zu. Ich habe schon deshalb an ihn geschrieben, er wird mit[334] Schmidt sprechen und man wird Ihnen die Sache vorlegen. Ich wiederhohle nochmals: daß wenn Sie bey Ihrer Zurückkunft mich nötig finden sollten; ich auf jeden Winck zu kommen bereit bin. Gar manches macht mir den Rückweg nach Hause reitzend. Ohne Ihren Umgang, den Umgang geprüfter Freunde länger zu leben ist denn doch so eine Sache. Das Herz wird in einem fremden Lande, merck ich, leicht kalt und frech, weil Liebe und Zutrauen selten angewandt ist. Ich habe nun soviel in Kunst- und Natur-Kenntniß profitirt, daß ein weiteres Studium durch die Nähe unsrer Akademie Jena sehr erleichtert werden würde. Hier ist man gar zu sehr von Hülfsmitteln entblößt. Dann hoffte ich auch meine Schriften mit mehr Musse und Ruhe zu endigen, als in einem Lande wo alles einen ausser sich ruft. Besonders wenn es mir nun Pflicht wird der Welt zu leben.
Bestätigen Sie mir Ihren Willen daß ich Ostern hier bleiben soll; so sehe ich mich als einen Diener der Herzoginn an und subordinire meine übrige Existenz dieser Pflicht. Es wird mir Anfangs wunderbar vorkommen und doch für die Zukunft heilsam seyn, daß ich genötigt werde wieder unter allerley Menschen zu leben.
Luchesini habe ich, seit er wieder in Rom ist, kaum gesehen. Er lebt ganz in der Welt, wie es seine Bestimmung fordert und auch zu Hause ist er nicht einen Augenblick allein. Seit Neapel, da er mir von [335] Ihnen und den Geschäfften erzählte, habe ich kein vertraulich Wort mit ihm sprechen können, so geneigt ich um Ihret und Meinetwillen dazu war. Sowohl in Neapel als nachher in Rom, da ich nur seine Ankunft erfuhr, bin ich zu ihm geeilt, wenn ich ihn nicht traf, hab ich mir einen zweyten Weg nicht reuen lassen. Dagegen hat er mich weder durch ein p. p. c. geehrt, noch mir auch seine zweyte Ankunft in Rom nur wissen lassen. Wir wohnen in derselben Straße, etwa 500 Schritte von einander, er ist den ganzen Tag in der Kutsche und es ist ihm nie eingefallen nur vorm Hause zu halten und ein Billet heraufzuschicken. Ich rechne es auf die Geschäfftigkeit seines Geistes, der hier zu thun genug findet. Ich bin ihm zu nichts nütze drum sucht er mich nicht. Ich finde es natürlich und bitte daß Sie Sich nichts mercken lassen. Er ist hier natürlich sehr gern gesehn und sie ist auch wohl gelitten.
Nun wäre wohl Zeit, daß ich dießmal schlöße. Ich habe lang die Freude nicht gehabt mich ganz offen und frey gegen Sie zu erklären und kann nun auch nicht endigen.
Meine größte Sorge, die ich zu Hause habe ist Fritz. Er tritt in die Zeit wo die Natur sich zu regen anfängt und wo leicht sein übriges Leben verdorben werden kann. Sehen Sie doch auch ein wenig auf ihn.
Gehen Sie mit Sich Selbst so gelind als möglich[336] um. Ihre phisischen Übel lassen mich nie ohne Sorge und es muß auch Ihr Gemüth, in einem immer geschäftigen und doch meist genußlosen Leben, leiden.
Erhalten Sie mir Ihre Liebe ein Geschenck das mir jeden ältern Verlust ersetzte und mir jeden neueren ertragen machte und bleiben Sie überzeugt daß bey einer wahren Harmonie der Gemüther man einander immer wieder begegnet, wenn man noch so weit auseinander zu gehen scheint.
G.
Schicken Sie mir doch gelegentlich die ausführliche französche Adresse des Coadjutors.
8/2638.
Heute meine liebe erhälst du wenig. Diese ganze Woche ist auf Claudinen gewendet worden und heute bin ich herzlich müde und habe das Schreiben satt. Genieße die beyden Ackte mit Herders und laß sie dir statt des heutigen Briefes seyn. Schreibt mir bald wie es euch gefällt auch wie Erwin gefallen hat. Ihr müßt immer dencken daß diese Stücke gespielt und gesungen werden müssen, zum Lesen, auch zum blosen Aufführen hätte man sie viel besser machen können und müssen. Grüße Fritzen. Liebe mich. Lebe wohl.
G.
[337] Eben kommt dein Brief No 1. ich dancke dir. Auch Alle vorhergehende Numern 39 incl. sind angekommen, setze mir deine Liebe fort.
Grüße Fritzen. Es ist albern von Krausen die Zeichnung der Angelika zu radiren ohne vorher anzufragen. Doch mag es hingehn.
Grüße die Imhof herzlich. Gieb von meinen Zeichnungen die ich dir schicke nichts aus den Händen. Lebe wohl. Liebe mich.
d. 26. Jan 88.
G.
8/2639.
Rom, d. 26. Jan. 88.
Ich erhalte zwey Briefe von dir, die mir deinen Eifer für mein Bestes zeigen, ich eile dich mit wenigen Worten zu beruhigen, mit dem ausdrücklichen Beding: gegen niemand etwas zu erwähnen, nur darfst du wohl, wenn man mit Besorgnissen pp. an dich kommt zu erkennen geben: daß du über mich und meinen Zustand ruhig seyst. Ich sage dir also daß alles was ich thue, mit des Herzogs Willen und nach seinem Willen geschieht, daß auch mein Kommen oder Außenbleiben ganz von seinem Wincke abhängen wird, daß mein Verhältniß zu ihm so gut und rein ist, als es jemals war und daß es unmöglich ist je gestört zu werden.
[338] Nimm also diese Herzstärckung gegen alle Hauche der Dämonen aller Art und laß dich nichts anfechten, widme dich immer mehr deiner eigentlichen Bestimmung, ich hoffe es wird dein gedacht werden. Lebe wohl.
G.
8/2640.
Rom d. 27. Jan. [- 9. Febr.] 88.
Ich kann nicht Einen Posttag länger verschieben Ihnen zu schreiben, ob mir gleich die Narren allerley Art heute den Kopf sehr verwüstet haben. Das Karneval ist angegangen und da unsere Strase der Schauplatz desselben ist; so sehen wir acht unruhige Tage vor uns. Es war sehr schönes Wetter. Fusgänger und Kutschen für den ersten Tag zahlreich genug. Da ich nicht weit vom Obelisk wohne; so ist aus unsern Fenstern ein schöner Anblick. Der Obelisk, hinter ihm die Porta del Popolo, vor dem Obelisk, nach dem Cors zu, eine lange mit Teppichen behängte Bühne für Zuschauer, vor der Bühne das Seil hinter dem die Pferde gehalten werden die sich zum Ablaufen sträuben und bäumen. Der Platz an beyden Seiten gleichfalls mit Bühnen für Zuschauer und die Strase hin, auf 3000 Schritte, alles voller Kutschen an beyden Seiten und voll Menschen, nur ein schmaler Lauf für die Pferde. Als Pferderennen [339] betrachtet ist es wenig oder nichts, die ganze Lokalität zusammen ist interessant und merckwürdig.
So sieht es unter dem römischen Himmel aus und ich höre Sie haben auch nur zu schönes Wetter in Deutschland. Was soll daraus werden.
Nun aber auch, mein bester Gefährte und Geleitsmann in den Tiefen, lassen Sie uns unter die Erde steigen so weit es uns die Wasser erlauben.
Alles was ich als dramatischer Dichter und Romanenschreiber an dem Menschengeschlecht verschuldet habe, daß ich die Herzen so oft nach Belieben erfreut und gequält, das haben Sie reichlich durch Ihren letzten Brief gerochen. Er war trefflich komponirt um mich alle Freude und Hoffnungen mit empfinden zu lassen und sodann, wenn schon nicht die Hoffnung doch die nächste Freude zu ersäufen. Aber nur getrost. Noch ist ein gutes Glück bey unserm Bergbau. Wir haben doch jetzt die gewisse Anzeige und müssen immer bedencken: daß es törig wäre da zu verzweiflen, wenn das begegnet was man voraussehen konnte.
d. 2. Febr.
Ich ward abgehalten diesen Brief zu endigen, nun soll er heute auch gewiß fort.
So eben erhalte ich Ihren Brief vom 14. Jan. und dancke auch für dieses Andencken.
Möge das Haupt Kunstzeug so glücklich gerathen, als das Interims K. Zeug und uns biß auf die Tiefe bringen und möge Ihre anhaltende Betriebsamkeit[340] überall so erkannt werden, wie ich sie erkenne. Glauben Sie, daß ich dagegen was in meinen Kräften steht, gewiß thun werde, um die Enge Ihres häuslichen Zustandes auszuweiten.
Die Abwesenheit unsers gnädigsten Herrn von Hause setzt mich auch in einige Verlegenheit.
Ich erwarte von seinen Wincken die Bestimmung meines Kommens. Indessen, habe ich mich ganz angeschickt, nach Ostern Rom zu verlassen, auch schon Bücher und alle meine Studien nach der Natur, an meine Mutter, mit einer Gelegenheit abgesendet, mein Herz neigt sich zu meinen Freunden und aus diesem Paradiese wieder in die thätige Welt.
d. 9. Febr.
Noch einen Posttag blieb dieses Blat liegen. Es waren gar zu lärmende Tage und auf heute mußte ich den Schluß meines fünften Bandes völlig in Ordnung setzen, er geht mit diesem Briefe ab. Ich wünsche ihm wenn er Ostern erscheint auch Ihren Beyfall.
Des Hrn. Bruders Briefe habe ich erhalten. Dancken Sie ihm ich werde seine Cabinetchen zu empfehlen suchen. Wegen der Hornschiefer kann ich ihm schlechten Trost geben. Ich habe keine Lava die ihm ähnlich wäre gefunden und habe ihn schon in Deutschland nicht für vulkanisch gehalten. Er soll gegen seine Widersacher nur defensive gehn. Komme ich einmal zurück und kann wieder an diese Materie dencken; [341] so giebt es vielleicht ein Mittel beyde Parteyen mit Ehren zu vereinigen. Leben Sie recht wohl, empfehlen Sie mich den Ihrigen und gedencken mein in guten Stunden.
Goethe.
Ich sehe wohl ein daß die dießmalige Nachricht ans Publikum eine eigentliche Composition, ein Kunstwerck werden wird.
Grüßen Sie doch gelegentlich H. u. Fr. v. Trebra von mir aufs Beste.
8/2641.
Rom, den 9. Febr. 88.
Ew. Hochedelgeb.
Brief vom 27. Novbr. vorigen Jahrs erhalte ich erst heute, eben da ich in Begriff stehe an Sie zu schreiben.
Es ist mir angenehm, daß Sie wegen der verschiedenen Mängel unserer Ausgabe einige Auskunst geben. Ich glaube gern, daß Ihnen manches selbst Mißvergnügen gemacht hat und weiß recht gut, daß bey einem solchen Unternehmen sich manche Hinderniße in den Weg legen.
Ich halte mir ein Exemplar, in welches ich wie die Zeit erlaubt, hineinschaue, um alle Druckfehler, Auslassungen, und was mir sonst vorkommt, zu korrigiren [342] und zu notiren. Es ist dieses eine gute Vorarbeit zu einer künftigen Ausgabe.
Heute geht der letzte Ackt Claudinens an Herrn Herder ab. Leider kann ich nur, und das knapp genug, den fünften Band zur Ostermesse bringen. Als ich nach geendigtem Egmont, die beyden Singspiele Erwin und Claudine durchsah, um mit kleinen Correckturen nachzuhelfen, sah ich gar bald daß ohne völlige Umarbeitung aus beyden Stücken nichts werden könne. Ich entschloß mich dazu und werde erst in dem Augenblicke fertig. Das Publikum wird hoffe ich zufrieden seyn, in diesem Bande nicht allein Egmont als ein Ganzes, sondern noch dabey zwey neue Singspiele zu finden. Von den Scizzen der ersten Ausgabe ist nur der Nahme und einige Liedchen übriggeblieben. Der folgende Band wird wahrscheinlich Tasso, Lila, Jery und Bätely und die Fischerinn enthalten. Mit diesen Stücken geht es mir nicht besser als mit obgenannten Operetten. Ich muß sie ganz neu arbeiten, wenn sie in Gesellschaft der vorigen Bände sich nicht schämen sollen. So wird man aus einem ins andere geführt. Die schwerste Arbeit die mir bevorsteht ist Faust. Doch eins nach dem andern.
Die Vermischte Gedichte zum letzten Bande habe ich auch schon gesammelt und meist zusammengeschrieben; doch will auch dieser achte Band wohl ausgedacht und ausgeziert seyn.
[343] Die Kupfer zu den drey folgenden Bänden hoffe ich auch hier stechen zu lassen. Wenns möglich ist; so laß ich sie bald und alle nach einander machen, denn Herr Lips hat einen Ruf nach Florenz erhalten. Für die beyden Platten zum dritten und fünften Bande erhält Herr Lips 8 Carolin oder französche Louisdor. Wollen Sie wegen der zwey Vignetten zur Iphigenie noch etwas zulegen; so wird es ihn freuen. Künftig will ich auch für die Titel Vignetten hier sorgen lassen, damit alles mehr Einheit habe.
Wollen Sie das Geld für Herrn Lips zugleich mit dem Betrag des fünften Bandes an den Cammerkalkulator Seidel auszahlen, so kann ich Herrn Lips hier befriedigen.
Den Buchhändler Chiupponi und Sigr. Niorrazzi kenne ich nicht.
Die Litteraturzeitung wird künftig regelmäsig litterarische Beyträge aus Italien erhalten. Herr Legations Rath Bertuch kann Ihnen von den interessantesten Wercken, jedesmal, wenn Sie ihn darum ersuchen, einige Notiz geben.
Ich sehne mich recht nach der Vollendung unserer Ausgabe der acht Bände, um alsdann an neue Arbeiten zu gehen. Sie können denken, was für eine Menge Stoff ich dieß Jahr gesammelt habe, mehr als ich je zu verarbeiten hoffen kann.
Herr Legations Rath Bertuch schreibt mir daß Sie[344] eine liebenswürdige Braut gefunden haben, ich wünsche Ihnen das beste Glück zu dieser Verbindung.
Leben Sie recht wohl.
Goethe.
Allem Irrthum auszuweichen notire ich nochmals:
Der fünfte Band.
Wozu das Titel Kupfer schon in Hrn. Herders Händen ist, enthält:
Egmont.
Claudine von Villa Bella.
Erwin und Elmire.
8/2642.
Rom d. 9. Febr. 88.
Mit der heutigen Post geht an Hrn. Herder der dritte Ackt Claudinens ab. Der ganze fünfte Band ist nun in seinen Händen. Mache nun deine Sache mit Göschen und sorge daß du das Geld gegen den letzten Theil des Manuscripts gleich erhaltest. Gieb es nicht eher aus der Hand, du brauchst dich nur auf deinen Auftrag zu beziehen.
Nun habe ich wegen Fritzens etwas mit dir zu reden. Überlege doch, ob du Zeit Musse und Lust hast dich seiner anzunehmen und ihm einigen Unterricht zu geben. Ich wünsche es besonders, da ich noch[345] nicht weiß wie es mit mir auf Ostern wird. Mein Gedancke wäre: daß du ihm von dem Rechnungswesen im allgemeinen Begriffe gäbest, dann im besondern was zu dieser und jener Art, besonders bey Cammern und Ämtern nötig ist, ihn eben in den Begriff leitetest, von dem was bey einem Rechnungs Amte vorkommt, seine Fähigkeit zum mechanischen prüftest um überhaupt zu sehen, wo sein Gemüth hinauswill. Du könntest ihm einen sinnlichen Begriff von den Einkünften des Fürsten geben, von der Art, wie sie zu er heben, zu verwahren, zu berechnen pp. Genug ihn mit pracktischem lebendigem Sinne in den Vorhof kameralistischer Beschäftigungen führen. Und mir schriftlich oder mündlich deine Gedancken sagen. Du findest wohl Zeit hierzu und übernimmst wohl gerne dieses Geschäfte, das löblich ist und wodurch du mir eine Sorge abnimmst. Dencke zugleich an sein physisches Wohl und mache dir eine Angelegenheit zu sehen: wie es mit der Entwicklung seiner Kräfte geht und wird. Sprich Fr. v. Stein über das alles, ich habe ihr schon deßhalb geschrieben. Du begreifst meine Absicht und wirst sie gut durchdencken und ihr entgegen arbeiten. Hast du nur einen vierwöchentlichen Versuch gemacht, so läßt sich weiter und Bestimmtes über die Sache handeln.
Über deine Microscopische Beobachtungen und noch mehr über deine Gedancken dabey müssen wir uns dereinst mündlich umständlicher erklären. Es sind zu [346] zarte Sachen, und die Bestimmung der Worte und Ausdrücke verlangt große Genauigkeit die in Schriften kaum, in Briefen nie erhalten werden kann.
Du wirst von Göschen auch noch ausser dem stipulirten Gelde für den 5. Band, eine Summe, für die Kupferstiche erhalten. Ich schicke zugleich die Quittungen aufs Osterquartal, damit du alles berichtigen kannst: Denn ich wünsche, daß du mir 250 Scudi an Hrn. Hofr. Reifenstein auszahlen lassest. Wenn das Geld Ostern hier ist; so ist es gut.
Grüße Collina und gieb ihm inliegendes Blat, er wird dir die Summe von 16 Scudi zahlen die er mir schuldig ist.
Lebe wohl und laß mich hören daß du wohl bist und mich liebst.
G.
8/2643.
Rom d. 16. Febr.
Als ich Ihre liebe Hand unter einem Umschlag von Fr. v. Stein erblickte, dachte ich ein Wort aus Weimar von Ihnen zu erhalten. Es war noch aus Maynz es erfreute mich recht, da es mir Ihre Wiedergenesung versichert. Ich war gutmüthig genug, bey Lesung Ihres Briefs, den mir der Curier brachte, an Hämorroiden zu dencken und sehe nun freylich daß die Nachbarschaft gelitten hat. Wenn nur durch diese [347] verdrüßliche Inoculation alles Böse aufeinmal aus dem Körper getrieben worden ist. Ich werde nicht verfehlen mit dem geheimnißvollen Sigillo [es folgen die Symbole für: Mercur Waage Widder Löwe Scorpion] den bösen Geistern zu trutzen. Sie schreiben so überzeugend, daß man ein cervello tosto sein müßte, um nicht in den süßen Blumen Garten gelockt zu werden. Es scheint daß Ihre gute Gedancken unterm 22. Jan. unmittelbar nach Rom gewürckt haben, denn ich könnte schon von einigen anmutigen Spazirgängen erzählen.
So viel ist gewiß und haben Sie, als ein Doctor longe experientissimus, vorkommen recht, daß eine dergleichen mäßige Bewegung, das Gemüth erfrischt und den Körper in ein köstliches Gleichgewicht bringt. Wie ich solches in meinem Leben mehr als einmal erfahren, dagegen auch die Unbequemlichkeit gespürt habe, wenn ich mich von dem breiten Wege, auf dem engen Pfad der Enthaltsamkeit und Sicherheit einleiten wollte.
Ich habe zeither fleisig an meinen Operibus fort geboßelt und getüftelt. Erwin, Claudine, Lila, Jeri ist alles in bester Ordnung. Auch meine kleinen Gedichte so ziemlich. Nun steht mir fast nichts als der Hügel Tasso und der Berg Faustus vor der Nase. Ich werde weder Tag noch Nacht ruhen biß, beyde fertig sind. Ich habe zu beyden eine sonderbare Neigung und neuerdings wunderbare Aussichten und Hoffnungen. Alle diese Recapitulationen alter Ideen, diese Bearbeitungen solcher Gegenstände, von denen [348] ich auf immer getrennt zu seyn glaubte, zu denen ich fast mit keiner Ahndung hinreichte, machen mir große Freude. Dieses Summa Summarum meines Lebens giebt mir Muth und Freude, wieder ein neues Blat zu eröffnen.
Die Caracktere die Sie mir schildern sind sehr interessant und neu, wie alles, was recht gesehen und recht gesprochen ist. Soviel weiß ich daß ich subito wenn die acht Bände absolvirt sind den Wilhelm ausschreibe und zwar an Ihrer Seite und wenns in Aschersleben seyn sollte. Gebe der Himmel daß ich mich nie wieder appesantire und wenn Sie fortfahren wollen als Leibarzt an mir zu handeln; so sollen Sie Freude, wenigstens an der Folgsamkeit des Patienten haben.
Ihre Nachfrage nach Raphaels Schädel, erinnert mich an meine Versäumniß. Diese köstliche Reliquie habe ich noch nicht besucht, noch das schöne Bild von ihm nicht gesehen das in der Akademie von St. Luca hängt. Ich will nächste Woche hingehen, und mich bey Rath Reifenstein erkundigen, welche Wege man einzuschlagen hat, um den Schädelformen zu lassen. Ihre andern Aufträge werde ich besorgen. Noch immer hoffe ich auf eine Antike Nemesis. Mir sind sonst artige Steinchen in die Hände gekommen. Ich habe etwa fünfzig, unter denen fünfe sind, die einem immer Spas machen können. Der Stein mit den Kriegern war nicht zu haben. Der Händler wollte keinen [349] Preis recht angeben und hat ihn nun an einen seiner Kunden geschickt, von dem er einen fortwährenden Austrag hat.
Die beyden Blätter Kupferstiche will ich gleich ins Haus nehmen und sie recht studiren ob die Abdrücke das Geld werth sind. Ich irrte in meinem letzten Brief, der St. Lorenz ist nur von Marc Anton aber das Blatt der Blätter. Man würde schon vergnügt seyn einen Fetzen davon zu besitzen. Der Kindermord ist von einem gleichzeitigen treflichen Kupferstecher. Beyde nach Bacio Bandinelli.
Sobald die Platanen bey Nemi Blätter haben, will ich mir zur Pflicht machen, den famosen Trog mit dem Beywesen zu zeichnen. Überhaupt hoffe ich nun balde mit etwas gedachterem und ausgeführterem aufwarten zu können.
Ich weiß nicht soll ich mirs zur Tugend oder zum Fehler rechnen, daß ich, ohngeachtet Sie so bestimmt als gütig, meinen längern Aufenthalt in Italien voraussetzen, noch von Weimar aus die Bestätigung Ihres Willens erwarte, eh ich mich recht breit hier nieder zu setzen wage.
Das Kupfer zu Egmont ist von Angelika gezeichnet von Lips gestochen. Es freut mich wenn es Ihnen gefällt. Ich kann die Stunde nicht erwarten biß Sie Egmont gelesen haben und ich Ihre Meynung drüber vernehme.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlinn auf [350] das angelegentlichste und fahren Sie fort in Liebe meiner zu gedencken. Ihre Briefe sind wie die Tramontane, sie machen den Himmel heiter.
8/2644.
Rom, den 16. Februar 1788.
Du hättest lange einen Brief von mir haben sollen, denn die deinigen erfreuen mich sehr, auch denke ich oft an dich, und wenn ich meinem zweiten Fritz etwas zu Liebe thue, so thu' ich im Herzen es mit um deines Namens willen. Dieser zweite Fritz ist um zehn Jahre älter als du, und eben auch ein vernünftiger Kindskopf. Du wirst dich gut mit ihm vertragen, wenn du ihn einmal zu sehen kriegst. Er hat mich auch recht lieb. Da er einen erstaunlichen Abscheu für Schnee, Eis u. s. w. und Allem, was nach Norden schmeckt, empfindet (er ist sehr jung nach Rom gekommen), so ist der Abendsegen: »Die Zwillinge sind in der Nähe«, auf seinen Zustand abgeändert worden. Und wenn er Abends bei Tische anfängt einzuschlafen, so wird Folgendes recitirt:
Der Segen wird gesprochen!
Die Riesin liegt in den Wochen;
Die Wölfe sind ausgekrochen.
Sie liegt zwischen Eis, und Nebel und Schnee,
Tränke gerne Eicheln- und Rübenkaffee,
[351] Wenn sie ihn nur hätte! –
Da läuft die Maus! –
Kind geh' zu Bette
Und lösche die Lichter aus.
Ich werde mich freuen, wenn ich diesen Abendsegen einmal über dich sprechen kann. Recitire ihn Herder's und dem Fräulein Göchhausen.
Wenn du durch Thurneisen die Sepia erhältst, so gieb ein Paar Stückchen an Herrn Rath Krause. Es war nicht artig von ihm, daß er ohne Anfrage deine Zeichnung radirt hat, indessen mag es gut seyn.
Die Crystallisationen liegen, wie Ihr vermuthet, im Marmorschränkchen, im Cabinett, wo Tischbein's Bild hängt. Der Schlüssel ist größer, als die zu den übrigen Steinschränken, und sollte bei ihnen an einem Bunde seyn.
Das Carneval ist recht lustig abgelaufen, es war schön Wetter und das Volk vergnügt ohne ausgelassen zu seyn. Außer den letzten Abend der Mocoli, wo ein solches Geschrei und ein Precipizio war, das sich nicht denken läßt. Doch ist Niemand dabei zu Schaden gekommen. Angelika hat dein dabei gedacht, und dich zu uns in den Wagen gewünscht.
Was du aus meinem Hause brauchst, das nimm zu dir, ich freue mich, wenn dir etwas von dem Meinigen nützlich ist.
Unsere kleine Haushaltung geht recht ordentlich. Herr Kayser komponirt die Symphonie, die Lieder[352] und Zwischenspiele zu Egmont. Herr Schütz von Frankfurt malt ein Bild und zeichnet mancherlei. Herr Bury von Hanau, sonst Fritz der Zweite, macht Zeichnungen nach Michael Angelo in der Kapelle Sixtina. Unsre Alte kocht, unser Alter (der Vater von Filippo) schleicht herum, die hinckende Magd schwätzt mehr als sie thut, ein Bedienter, der ein Ex-Jesuit ist, bessert die Röcke aus und wartet auf, und das Kätzchen kriegt viele Lerchenköpfe, die oft gegessen werden. Es fehlt Niemand als du, um von Allen zu lernen, und an Allem Theil zu nehmen.
Du schriebst neulich von einem Grab der Miß Gore bei Rom. Vor einigen Abenden, da ich traurige Gedanken hatte, zeichnete ich meines bei der Pyramide des Cestius, ich will es gelegentlich fertig tuschen, und dann sollst du es haben.
In einigen Tagen werde ich dagegen lustige Gegenden aus Neapel und Sicilien in farbigen Zeichnungen erhalten, die alle betrübte Gedanken vertreiben sollen. –
Ich habe wieder allerlei Steinchen gefunden, ein recht sonderbares, womit ich diesen Brief siegeln will. Ein Adler, der an der Brust ein Löwenhaupt und hinterrücks einen Widderkopf trägt. Du kannst es mit einem Mikroscop ansehen, die drei Köpfchen sind gar natürlich gemacht und über dem Widderkopfe geht eine Kornähre in die Höh'. Was sich die Alten dabei gedacht haben, mag der Himmel wissen.
[353] Lebe recht wohl und grüße alle Freunde, besonders deine Großeltern, die Tanten und die Onkels, Lottchen Lengfeld, Frau von Lichtenberg, Frau von Kalb, Frau von Eglofstein, und wer sonst mein gedenken mag.
Schreibe mir immer und laß dich nicht verdrießen, wenn ich nicht immer, nicht gleich antworte. Bei Herrn Rath Bertuch wirst du Masken des römischen Carnevals sehen, die lustig genug sind. Lebe wohl.
G.
8/2645.
[Februar?]
Es scheint daß man in dem Studio de tedeschi, in contro al Rondanini, von einer Extremität zur andern gehe. Vorige Woche zeichnete man die Menschen wie sie Gott erschaffen hat, und diese Woche will man sie ganz in Stahl und Eisen kleiden.
Nach diesem Eingang folgt eine Bitte, theuerste Freundinn.
Besitzen Sie ein Kupfer, worauf ein Held in nordischer Rüstung, das heisst von Kopf zu Fuß gewaffnet, vorgestellt wird; so bitte ich darum auf einige Tage.
Es ist eine sonderbare Zaubergeschichte in Arbeit, welche ich Sonntags vorzulegen hoffe. Am sbagliren wollen wirs nicht fehlen lassen, in Hoffnung einmal zu treffen.
[354] Ich bitte nicht um Vergebung, denn ich habe einmal General Pardon.
Leben Sie bestens wohl.
G.
8/2646.
[15. März.]
Beyliegender Brief den mir der alte Collina gegeben hat und den ich eben leße ist so zu erklären: daß eben der gute Alte kein Gedächtniß mehr hat und sich keiner Sache mehr erinnert. Denn er hätte sonst wissen können, daß er durch mich an seinen Sohn Briefe schicken kann, ferner daß sein Sohn ihm von der Reise und bey der Ankunft in Weimar geschrieben hat, denn er hat mir ja alle die Briefe selbst gezeigt. Sage das also Collina damit er nicht irre wird und glaube sein Vater habe die Briefe nicht empfangen.
Deinen Brief vom 25. Febr. erhalte ich heut. Ich werde, sobald möglich von Rom aufbrechen. Wegen Fritzen vertrau ich dir ganz, es soll mich freuen, selbst Zeuge deiner Bemühungen zu seyn und mitzuwürcken.
Was Claudinen betrifft; so fehlen dir einige Data das Stück ganz richtig zu beurtheilen. Habe ich eine fette Oper gemacht; so ist mein Zweck erreicht. Du bist eben ein prosaischer Deutscher und meynst ein Kunstwerck müße sich verschlingen laßen wie eine[355] Auster. Weil du die Verse nicht zu lesen verstehst, denckst du es solle niemand in Versen schreiben.
Wäre diese Claudine komponirt und vorgestellt wie sie geschrieben ist; so solltest du anders reden. Was Musikus, Ackteur, Dekorateur dazu thun müssen und was es überhaupt heißt: ein solches Ganze von seiner Seite anzulegen daß die übrigen mitarbeiten und mitwürcken können, kann der Leser nicht hinzuthun und glaubt doch immer er müße es können weil es geschrieben oder gedruckt ist. Davon mehr, wenn wir uns wiedersehen, Wie auch über deine salinische Beobachtungen. Du wirst dich ereifern, wenn ich dir sage, daß ich noch gar nicht überzeugt bin, daß ich dich vielmehr gewiß zu überzeugen hoffe. Es versteht sich, daß ich alle deine Beobachtungen als wahr annehme, nur andre Folgerungen daraus ziehe.
Lebe wohl.
NB. Der alte Collin fängt seinen Brief an: Caro Padre. Auch daraus ist zu ersehen wie schwach der gute Alte ist.
G.
8/2647.
Rom d. 17. [und 18.] März 88.
Ihren freundlichen, herzlichen Brief beantworte ich sogleich mit einem fröhlichen: ich komme! So werden meine Hoffnungen, Wünsche und so wird mein erster Vorsatz erfüllt. Ich fühle ganz den Umfang Ihrer[356] Güte, mein erster und nächster Danck soll eine unbedingte Aufrichtigkeit seyn. Die Zartheit womit Sie mich behandeln, heißt mich alle sogenannte Delikatessen zu vermeiden, welche genau betrachtet wohl öfter Prätensionen scheinen möchten. Ihrer Frau Mutter hätte ich, wenn Sie es nötig und schicklich gehalten hätten, gerne meine Dienste in Italien gewiedmet, ob ich gleich wohl einsehe, daß ich dabey mehr würde eingebüßt haben als sie durch meine Gegenwart gewinnen konnte. Doch glaube ich durch manche Vorbereitung auch für dieselbe nicht ganz unnütze in Italien gewesen zu seyn.
Diese Woche geht im Taumel vorüber, man muß mit dem Strome fortziehen. Sobald uns der dritte Feyertag erschienen ist mache ich ernstliche Anstalt zur Abreise. Ich erwarte noch einiges von Neapel, habe für mich und andre mancherley in Ordnung zu setzen, sovielerley Fäden abzulösen, die sich dieses Jahr angesponnen und seit Ihrem Maynzer Briefe sich mit einiger Sicherheit fester geknüpft haben. Alles übersehen, glaube ich Ende Aprils gewiß in Florenz zu seyn. Ich werde eilen das merckwürdigste dieser Stadt, die Arbeiten Correges in Parma, sodann Mayland zu sehen und durchzugehen und wünschte dann über Chiavenna und Chur, über Lindau, Augsburg und Nürnberg den Weg nach Hause zu nehmen. Ich habe meiner Mutter schon die Hoffnung benommen mich auf der Rückreise wieder zu sehen und habe sie auf eine andere [357] Gelegenheit vertröstet. Sowohl noch von Rom aus, als auf der Reise werde ich fleißig schreiben und von meinen Zuständen und meiner Wandrung Nachricht geben.
Wie ich nun nach diesen Aspeckten erst in der Hälfte Juni zu Hause anlangen könnte; so würde ich noch eine Bitte hinzufügen: daß Sie mir, nach meiner Ankunft, dem Gegenwärtigen den Urlaub gönnen wollten, den Sie dem Abwesenden schon gegeben haben. Mein Wunsch ist: bey einer sonderbaren und unbezwinglichen Gemüthsart, die mich, sogar in völliger Freyheit und im Genuß des erflehtesten Glücks, manches hat leiden machen, mich an Ihrer Seite, mit den Ihrigen, in dem Ihrigen wiederzufinden, die Summe meiner Reise zu ziehen und die Masse mancher Lebenserinnerungen und Kunstüberlegungen in die drey letzten Bände meiner Schriften zu schließen.
Ich darf wohl sagen: ich habe mich in dieser anderthalbjährigen Einsamkeit selbst wiedergefunden; aber als was? – Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdaurendes würckendes Leben, jene fürstliche Kenntniß: wozu die Menschen zu brauchen sind, immer mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen läßt; dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Nehmen Sie mich als Gast auf, laßen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maas meiner Existenz ausfüllen und des Lebens genießen;[358] so wird meine Kraft, wie eine nun geöffnete, gesammelte, gereinigte Quelle von einer Höhe, nach Ihrem Willen leicht dahin oder dorthin zu leiten seyn. Ihre Gesinnungen, die Sie mir vorläufig in Ihrem Briefe zu erkennen geben sind so schön und für mich bis zur Beschämung ehrenvoll. Ich kann nur sagen: Herr hie bin ich, mache aus deinem Knecht was du willst. Jeder Platz, jedes Plätzchen die Sie mir aufheben, sollen mir lieb seyn, ich will gerne gehen und kommen, niedersitzen und aufstehn.
Alles was ich bißher gesagt und gebeten habe gründet sich auf den Begriff, daß Sie meiner jetzt nicht unmittelbar nicht im mechanischen bedürfen. Ohne die Gewißheit daß Sie mit meinem Vikarius höchst zufrieden seyn würden, hätte ich mich nicht entfernen, nicht solange verweilen können. Er ist auf alle Weise ein Mann zu solchen Plätzen geschaffen, welche ich nur einnahm um sie zur rechten Zeit einem fähigern abtreten zu können. Wie freut mich's daß sie gekommen ist. Ich kann nicht anders als denen Einrichtungen welche Sie machen wollen den vollkommensten Beyfall geben. Die Authorität, Responsabilität und der anhaltende unmittelbare Einfluß eines würcklichen Präsidenten ist auf alle Weise nötig, um die Sachen in Ordnung zu bringen und darin zu erhalten; auch an Wedeln glaube ich wird Sie Ihre Wahl nicht trügen. Die Kriegskommission [359] werden Sie doch auch, im gegenwärtigen Falle, mit dem Präsidio der Cammer verbunden laßen?
Die Cassen Revision und die neue Ordnung ist ein treffliches Institut, dadurch wird dem übelgesinnten Diener das Mittel genommen sich mit dem ungerechten Mammon Freunde zu machen, dem redlichen wird auf einmal aus mancher Verlegenheit geholfen. Hätte ich beym Antritt meiner Interims Administration mehr Kenntniß des Details, in denen damals einigermaßen verworrnen Zuständen mehr Entschloßenheit, bey einem allgemeinen, öffentlichen und heimlichen Widersetzen mehr Festigkeit gehabt; so hätte ich Ihnen manchen Verlust und mir manche Sorge, Verdruß und wohl gar Schiefheit ersparen können. Es war Ihnen Selbst mit der Zeit vorbehalten zu thun was unter an dern Verhältnißen andre nur gewünscht hatten.
Das Verhältniß das Sie mir zur Cammer erhalten wollen, ist, ich wiederhohle es, so ehrenvoll, daß ich gleich beschämt bin es anzunehmen, als verlegen es abzulehnen. Ich habe schon einmal meine Gründe gesagt warum ich mich zu dem letzteren neige und würde sie wieder verstärckt anführen, wenn ich nicht fühlte daß es beynahe eben so unbescheiden sey eine vorzügliche Gunst eigensinnig abzulehnen, als sie hartnäckig ertrotzen zu wollen.
Mein bestes Verhältniß zu Ihrem ökonomischen wird immer die Freundschaft zu meinem Nachfolger[360] bleiben, die sich, wie ich hoffe, künftig in einem genauern Umgange immer fester schließen und zu Ihrem Dienste enger verbinden soll. Besonders sehne ich mich recht, mich mit ihm über allgemeine Grundsätze zu besprechen, welche in keiner Session ausgemacht und nur still und ohne Geräusch durch die Geschäfte, von einem einsichtsvollen, wohldenckenden und standhaften Manne durchgeführt werden können.
Da sich, nach meiner Rechnung, meine Rückkunft biß in die Hälfte Juni verziehen möchte; so ersuche ich Sie ja alle Einrichtungen die Sie nötig finden, sobald als möglich zu machen. In dem Geiste und Sinne wie ich Sie handeln sehe, können Sie nichts thun, was nicht auch mir, sowohl fürs Ganze, als für mein Individuum wünschenswerth scheinen sollte. Selbst wird es mir Freude machen in eine eingerichtete Haußhaltung zu treten, so viele schwanckende Gemüther welche theils durch Ihre Abwesenheit, theils durch unbestimmte Lagen zweifelhaft und ängstlich waren beruhigt zu finden und nicht als einer der ordnen und entscheiden hilft, sondern als einer der sich in das entschiedne und geordnete mit Freuden fügt aufzutreten. Sie sind gut berathen und werden es nach der Art wie Sie zu Wercke gehen immer besser seyn.
d. 18. März.
Nach Ihrer Ermahnung bin ich sogleich nach St. Luca gegangen und habe Raphaels Schädel und [361] dem schönen Bilde welches den Heiligen, da er die ihm erscheinende Madonna mahlt, vorstellt mit reiner Freude gehuldigt. Der Schädel ist von der schönsten Bildung und ich halte ihn ächt. Rath Reifenstein hat schon die Erlaubniß von der Akademie erhalten ihn formen zu laßen, es wird in diesen Tagen geschehen. Ich habe einige Sorge biß diese Operation vorüber ist. Da der Schädel im Grabe gelegen und gemodert hat, ist er mürbe und ich fürchte diese herrliche Reliquie leidet. Dem Former wird alle Sorgfalt empfohlen und Sie werden große Freude haben den Abguß zu besitzen.
Die Kupfer wird man mir wohl überlassen. Das eine ist eine Welt und der Abdruck sehr frisch, ob er gleich an einigen Orten gelitten hat und schlecht auf gezogen ist. Angelika besitzt einen Abdruck der nicht so gut und aus vielen Fetzen zusammengeleimt ist. Man weiß diese Sachen hier zu schätzen. Auch sind die Albert Dürers in großem Werthe.
Rath Reifenstein hat mir neulich ein Geschenck gemacht, das wertheste Gastgeschenck das er mir zum Abschiede hätte geben können: Original Radirungen von Claude Lorrain. Sie sind unschätzbar wie alles von seiner Hand.
Diese und noch manche Zeugniße bringe ich mit daß ich im Paradiese war. Sollte mir das Glück wollen die Gores bey Ihnen zu treffen; so würden auch diesen lieben Kindern, die Blicke in's gelobte, [362] von ihnen wohl gekannte Land, die ich ihnen verschaffen kann, gewiß Freude machen. Auch bringe ich Kaysern mit, dessen Talent, hoffe ich, nicht wenig beytragen soll Harmonie und Geschmack zu verbreiten. Er studirt jetzt die ältere Musick aufs emsigste und wird einigen Genuß derselben gewiß auch über den Alpen verschaffen können, wenn gleich das non plus ultra ihrer Ausführung in die Sixtinische Kapelle gebannt zu seyn scheint.
Der Gute Genius segne den allgemeinen Geist im Ganzen, wie er bey Ihnen zu Hause ist. Alles was Herder unter Ihren Auspiciis unternimmt giebt mir die größten Hoffnungen, und ich freue mich in jedem Sinne daran Theil nehmen zu können.
Daß Sie für ihn und für Voigten sorgen, erregt auch meine herzlichste Danckbarkeit. Sie kommen allen meinen Wünschen und Bitten zuvor. Möchte ich doch auch Ihrer völlig wiederhergestellten Gesundheit ganz gewiß werden, möchten Sie Sich durch Ihre mancherley äussern Verhältniße, durch Übernahme des Regiments keine disproportionirte Last aufgelegt haben. Es werde und wende sich alles zu Ihrem besten. Leben Sie wohl, und verzeihen mein unzusammenhängendes Schreiben. Dieser ganze Morgen war unruhig und unterbrochen. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlinn Durchl. aufs beste. Ich siegle diesen Brief gleich, ob er schon erst d. 22. abgeht.
G.
[363] 8/2648.
Bey der Benennung der Personen zu Claudinen ist ein Irrthum vorgefallen. Statt
Pedro von Castellvecchio, unter dem Nahmen Sebastian von Rovero.
Soll es heisen
Pedro von Castellvecchio, unter dem Nahmen Pedro von Rovero.
Wäre es zu spät das Blat umdrucken zu laßen; so wünschte ich daß eine kleine Note am Ende des Bandes, das Publikum davon unterrichtete, weil dieser Irrthum Einfluß auf das Stück hat.
Da ich übrigens nach Deutschland wieder zurückkehre, so wird sich wegen der übrigen Bände in der Nähe besser verhandlen laßen.
Ew. Hochedelgeb.
Rom, den 21. März
ergebener Diener
1788.
Goethe.
8/2649.
[24. März.]
Hochwohlgebohrner Freyherr,
Insonders Hochgeehrtester
Herr Geheimderath,
Solang als unser gnädigster Herr von Maynz in Weimar erwartet wurde; solange stehe ich schon [364] im Begriff mein Andencken bey Ew. Exzell. zu erneuern und mir die Fortdauer Ihrer Gewogenheit zu erbitten. Allein ich hielt meinen Brief zurück, um zugleich mit Gewißheit die Nachricht meiner Rückkehr geben zu können.
Ich verehre die Gesinnungen, welche mir Durchl. der Herzog in ihren letzten Briefen zu erkennen geben und bin wie immer bereit meine geringen Kräfte, an welchem Platz es auch seye, in ihrem Dienst zu verwenden. Erhalten mir Ew. Exzell. Ihre Freundschaft, welche zu verdienen ich mir immer zur Pflicht gerechnet habe.
Diese letzte Monate habe ich hier sehr vergnügt zugebracht, indem ich gleichsam erst die Früchte meiner Applikation auf das Studium der Kunst, in reinerer und verständigerer Betrachtung der edelsten Gegen stände genoßen.
Seit mehr als acht Tagen leben wir in beständiger Zerstreuung. Die Feyerlichkeiten der heiligen Woche sind nun vorüber, noch stehen uns zwey Feuerwercke bevor. Es ist wohl schwerlich möglich etwas prächtigers zu sehen als das Ensemble der gestrigen Funcktionen. Auch die päpstliche Demuth der stillen Woche ist schon stolz genug.
Der Frühling ist schon in vollem Flor, er wird sich dießmal für mich verlängern da ich mit ihm nach Norden reise.
[365] Empfehlen Sie mich der Frau Gemahlinn aufs beste und erhalten mir ein geneigtes Andencken, biß zu dem vergnügten Augenblick, da ich die Ehre haben werde mich wieder vorzustellen.
Ew. Exzell.
Rom
ganz gehorsamster
d. zweyten Osterfeyertag.
Goethe.
1788.
[41] 8/2649a.
Rom d. 24 März 88.
Nun kann ich endlich das fröhliche Wort niederschreiben: ich komme! Eher wollte ich auch keine Feder ansetzen, biß ich deßen gewiß war.
Mit Freuden folge ich den Wincke unsers gnädigsten Herrn und dem Rufe meiner Freunde. Auch Sie theuerster Herr Collega zähle ich unter die, welchen meine Ankunft einiges Vergnügen macht. Wie sehr hoffe ich Sie gesund und wohl zu umarmen, und in guter Stunde allerley italiänische Späße zu erzählen. Die Freylichkeiten der heiligen Woche habe ich alle gesehen, einige (als die Fußwaschung und das Speisen der Pilger) nicht ohne Beschwerlichkeit. Die Musick in der Sixtinischen Capelle ist einzig und überhaupt sind alle Funcktionen mit unglaublichen Geschmack und Anstand disponirt und eingerichtet. Heute und Morgen Abend steht uns noch das Feuerwerck von der Engelsburg bevor, dann werde ich mein Herz und meinen Sinn von dieser Stadt der Musen wegwenden, welche gefährlicher als Sirenen singen.
Ich bin sehr fleißig gewesen und doch, wie es zu gehen pflegt, nicht so fleißig als ich wünsche. Ich bringe allerley zierliche Sachen mit, woran für Künstler und Liebhaber manches zu lernen seyn wird.
Unser gnädigster Herr hat mir manches über verschiedene Einrichtungen geschrieben, die er gemacht hat, [42] und zu machen ist, auch über mein eigen Verhältniß zeigt er die gnädigsten Gesinnungen. Ich unterschreibe alles und werde an jedem Platze, auf jeder Stelle meine Treue und meinen guten Willen wie ehemals zu zeigen bereit seyn. Für die erste Zeit nach meiner Rückkunft habe ich noch um einigen Urlaub gebeten, damit ich mich in ein, während meiner Abwesenheit so mannigfaltig verändertes Verhältniß wieder zurecht finden möge.
In dieser Gegend hat der Frühling schon mit Macht und Lust seinen Einzug gehalten. Da es diesen Winter viel geregnet, so treibt das Grün gar lebhaft.
Schon lange sind die Gemüßgärten frisch bepflanzt und die Küchengewächse grünen in zierlichen Beeten. Der Lorbeer, das Biburnum, der Buchs, die Mandeln, Pfirsiche, die Citronen blühen theils, theils haben sie verblüht. Alle Dächer sind grün, und die alten Mauern werden durch das neue gelbliche Laub des Epheus und durch die herunter hängenden Blüten des Viburnum gar lustig. Anemonen, Ranunkeln, Tulipanen, Hyazinten, Primel pp stehn in allen Gärten munter und froh, die ersten sogar auf Wiesen. Alles macht Vergnügen und wenn ich nun nach Norden ziehe werde ich den Frühling immer vor mir finden. Im Ganzen ist es mir sehr lieb nicht noch einen Versuch eines Italiänischen Sommers zu machen.
Leben Sie recht wohl auf deutschem Grund und Boden, wo ich Sie bald zu umarmen hoffe. Empfehlen [43] Sie mich Ihrer Frau Gemahlinn. Die Frauenzimmerchen und Carlen werde ich ja wohl recht groß antreffen. Empfehlen Sie mich allen Freunden. Krause höre ich ist sehr fleißig und macht gute Sachen.
Ganz der Ihrige
Goethe.
[365] 8/2650.
Rom d. 28. März [- 2. April] 88.
Ihr Brief mein bester Fürst und Herr, in welchem Sie mir Ihre Gedancken über Egmont eröffnen, hat das Verlangen nur vermehrt mich mit Ihnen über solche und andre Gegenstände mündlich zu unterhalten. Bemerckungen wie die, welche Sie mir schreiben, sind zwar für den Autor nicht sehr tröstlich, bleiben aber doch dem Menschen äusserst wichtig und wer beyde in sich nie getrennt hat weiß solche Erinnerungen zu schätzen und zu nutzen. Einiges was Ihnen nicht behagte liegt in der Form und Constitution des Stücks und war nicht zu ändern ohne es aufzuheben. Andres z. B. die Bearbeitung des ersten Ackts, hätte mit Zeit und Muße wohl nach Ihren Wünschen geschehen können. Noch andres, wie z. B. die Aüsserung Machiavellens, war mit einem Federstrich ausgelöscht. Es war ein schweres Unternehmen, ich hätte nie geglaubt es zu vollenden, nun steht das [366] Stück da, mehr wie es seyn konnte als wie es seyn sollte.
Gewiß auch konnte kein gefährlicherer Leser für das Stück seyn als Sie. Wer selbst auf dem Punckte der Existenz steht um welchen der Dichter sich spielend dreht, dem können die Gauckeleyen der Poesie, welche aus dem Gebiet der Wahrheit ins Gebiet der Lüge schwanckt weder genug thun, weil er es beßer weiß, noch können sie ihn ergötzen, weil er zu nah steht und es vor seinem Auge kein Ganzes wird. Doch alles sey auf die guten Stunden aufgespart, die ich mir neben Ihnen verspreche.
Ich leße jetzt das Leben des Tasso, das Abbate Serassi und zwar recht gut geschrieben hat. Meine Absicht ist, meinen Geist mit dem Charackter und den Schicksalen dieses Dichters zu füllen, um auf der Reise etwas zu haben das mich beschäftigt. Ich wünsche das angefangne Stück, wo nicht zu endigen, doch weit zu führen, eh ich zurückkomme. Hätte ich es nicht angefangen; so würde ich es jetzt nicht wählen und ich erinnere mich wohl noch daß Sie mir davon abriethen. Indeßen wie der Reitz der mich zu diesem Gegenstande führte aus dem innersten meiner Natur entstand; so schließt sich auch jetzt die Arbeit die ich unternehme um es zu endigen ganz sonderbar ans Ende meiner Italiänischen Laufbahn, und ich kann nicht wünschen daß es anders seyn möge. Wir wollen sehen was es wird.
[367] Lila ist fertig, Jery auch, meine kleinen Gedichte sind bald zusammengeschrieben, so bliebe mir für den nächsten Winter, die Ausarbeitung Fausts übrig, zu dem ich eine ganz besondre Neigung fühle. Möge ich nur halb so reüssiren, als ich wünsche und hoffe!
d. 2. Apr.
In vierzehn Tagen dencke ich hier loß und ledig zu seyn. Seit den Osterfeyertagen ist mir schon soviel durch den Kopf gegangen als wenn ein halb Jahr vorüber wäre. Jene Funcktionen kann man nicht ohne Verwunderung ansehen. Es ist gewiß in der Welt nie ein solches Ensemble gewesen und man kann den Schein, die Representation nicht höher treiben. Ich habe die Meße des ersten Ostertags, welche unter der Peterskuppel, vor dem hohen Altar celebrirt wird, von oben, von einer der Tribunen gesehen, welche an den Pfeilern angebracht sind, worauf die Kuppel ruht. Man sieht ohngefähr von der Höhe wie aus Ihren Fenstern herunter, man glaubt in gewißen Augenblicken seinen Augen kaum, was da für eine Kunst, ein Verstand, ein Geschmack durch Jahrhunderte zusammengearbeitet haben um einen Menschen bey lebendigem Leibe zu vergöttern!
Ich hätte in dieser Stunde ein Kind, oder ein Gläubiger seyn mögen um alles in seinem höchsten Lichte zu sehen.
Leben Sie recht wohl. Wenn mir die Freunde,[368] gleich nach Ankunft dieses Briefs ein Wort nach Florenz schreiben wollen; so trifft es mich unter beyliegender Adreße. Haben Sie die Güte ihnen das Blätchen zu kommuniciren.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlinn. Meine Abfahrt aus Rom zeige ich an. Behalten Sie mich lieb und laßen Sie mich an Ihrer Seite die ersten Freuden unseres Zusammenlebens wiederfinden.
G.
8/2651.
Rom d. 5. Apr. 88.
Ihr werthes Schreiben vom 29. Febr. habe ich zur rechten Zeit erhalten und eile nur einige Worte darauf zu sagen weil in dieser letzten Zeit, sich mehr als ich wünschte zusammendrängt.
Hrn. Siebenkees werde ich leider nicht mehr erleben, ich werde ihn den zurückbleibenden Freunden empfehlen.
Wegen der Masken werde ich noch sorgen, die Beschreibung des Carnevals können wir mündlich absprechen. Auf Hrn. Rath Krausens Arbeiten freue ich mich sehr und hoffe sehr auf seinen Beystand in mancherley Dingen.
Der Parck Durchl. des Herzogs wird unter Ihrer Aufsicht gewiß gedeihen. Ich hoffe er wird mich grün und fröhlich empfangen.
[369] Das Gedicht auf Miedings Tod hätte ich mit Freuden in der Pandora gesehen, wenn nicht meine Absicht wäre Michael den sechsten und achten Band herauszugeben und Ostern mit dem siebenten, welcher den Faust und also die große Girandel enthält zu schließen.
Auf der Reise wird Tasso durchgedacht und also auf einer Wandrung, die Schicksale eines Mannes dramatisirt, dessen ganzes Leben ein Hin und Herwandern war. Leben Sie recht wohl.
Ew. Wohlgeb. ergebenster
Goethe.
Durchl. der Herzog haben mir einige Aufträge gegeben, ich bitte deßhalb 200 Scudi an Hrn. Hofrath Reifenstein
für Rechnung Durchl. des
Herzogs von Weimar
auszahlen zu laßen.
[27] 8/2651a.
Rom d. Apr. 88.
Wenn der Druck des fünften Bandes geendigt seyn wird, ersuche ich Sie sogleich:
Ein Exemplar desselben in roth Saffian gebunden, wie die vier ersten waren, sodann
Vier brochirte Exemplare an Herrn Hofrath Reifenstein mit der fahrenden Post zu senden, wohlgepackt und mit Wachstuch umgeben.
Da ich in der Hälfte Juni wieder in Weimar einzutreffen hoffe; so werden wir wegen der übrigen Bände Abrede nehmen können. Ich wünschte Michael [28] den sechsten und achten Band herauszugeben und Ostern mit dem siebenten zu schließen.
Doch davon mündlich weiter. Leben Sie recht wohl.
Goethe.
Ich bitte zu sorgen daß alle 5 Exemplare mit guten Kupfern versehen seyen.
[369] 8/2652.
Rom d. 19. Apr. 88.
Den 22. oder 23. gehe ich von hier ab und hoffe bald bey Euch zu seyn.
Da ich Kaysern mitbringe, und wünschte, daß du die erste Zeit im Hause bliebst, biß ich mich erst wieder gefunden habe, so wird Collina wohl ausziehen[370] müssen. Geh zur Fräul. Jöchhausen und sage ihr das und richtet es aufs beste ein. Sorge, daß die Summe von 400 Scudi baldigst an Herrn Hofrath Reifenstein für Rechnung Philipp Seidels ausgezahlt werde, ich habe Ursachen, deinen Nahmen zu wählen.
Lebe wohl. Ich lege ein Briefchen an die Fräul. bey, welches du ihr bringen kannst. Grüße Collina, und wen du sonst magst. Ich bin wohl. Das Frühjahr ist hier mit Regen, Kühle, Donnerwettern und heiterm Himmel abwechselnd, aber unendlich schön. Kayser sollte Fritzens Stube nehmen, die du ihm bereiten könntest.
G.
[371] 8/2653.
Florenz d. 6. May 88.
Da ich von dem Magnetenberge einmal loß bin, zeigt meine Nadel wieder nach Norden; ich bin hier, das heißt: schon wieder bey Ihnen. Ich habe fast alles gesehen, was Florenz an Kunstsachen enthält und man könnte wohl mit großem Nutzen einige Zeit hier verweilen; auch das Staatsgebäude naher zu betrachten würde zu manchen Gedancken Anlaß geben.
Die Medicäische Venus übertrifft alle Erwartung und übersteigt allen Glauben. Wie manche andre kostbare Antiken sind noch hier! An Gemälden treffliche Sachen. Besonders habe ich mich an die älteren Meister gehalten; ich kenne nun die Urväter recht genau und so lernt man ihre Schüler und Nachfolger erst kennen und schätzen. Der Wunsch der sich in mir immer wiederhohlt ist es mit Ihnen zu genießen oder Ihnen davon aufzupacken.
Raphaels Schädel kommt wahrscheinlich vor mir an; die untere Kinlade fehlt, sie wird in St. Luca nicht aufbewahrt. Der Guß ist sehr glücklich gerathen, es ist ein rechter Schatz. Die Form kommt nach.
Die Marck Antonios habe ich zuletzt noch per fas[372] et nefas erwischt. Ich konnte sie nicht zurück lassen und man machte mir Schwürigkeiten.
Am vorletzten Tage habe ich noch für ein geringes etwas für Sie gekauft das Ihnen auch gewiß Freude macht. Die Geschichte der Psyche nach Zeichnungen von Raphael 32 Blat. Aus diesen hat er hernach die Süjets zur Farnesina genommen und sind daher doppelt interessant. Die 32 Blat sind nicht gleich, sonst wären sie unbezahlbar, aber die Hälfte ist sehr gut und alte Abdrücke. Einige gar so schön daß man sich nicht genug drüber freuen kann.
An Musick bringen wir auch kostbare Sachen der alten Zeit mit. Kayser ist nun ganz in den alten Meistern. Ich hoffe die Umstände sollen sich fügen, daß er das, was wir bringen, genießbar machen kann.
Wir haben das schönste Wetter, ich wünsche Ihnen ein gleiches. Leben Sie recht wohl Behalten Sie mich lieb und empfehlen mich Ihrer Frau Gemahlinn auf das angelegentlichste.
Wahrscheinlich gehe ich d. 9ten von hier ab. Von Mayland schreibe ich wieder.
Ich freue mich sehr auf die Correges zu Parma und auf das Abendmal von Vinci in Mayland. Leben Sie recht wohl.
G.
[373] 8/2654.
Mayland d. 23. May 88.
Sähe ich Mayland jetzt im Herwege und käme aus den Gebürgen in diese weite Gegend, diese frey gelegne Stadt, Zögen sich die fernen Apeninen ahndungsvoll am Horizont hin, was würde ich für Hymnen singen und für Freude unter diesem schönen Himmel am Obste u. s. w. haben. Nun ist mir verwöhnten Römer nichts recht und ich bin doch sonst eine genügsame Seele.
Gestern war ich auf dem Dom, welchen zu erbauen man ein ganzes Marmorgebirg in die abgeschmacktesten Formen gezwungen hat. Die armen Steine werden noch täglich gequält, denn der Unsinn oder vielmehr der Armsinn ist noch lange nicht zu Stande.
Ich sah die Hügel um den Comer See, die hohen Bündtner und Schweitzer Gebirge vor mir wie ein Ufer liegen, an dem ich nach einer wunderlichen Fahrt wieder landen werde. Wir waren am 22. Abends hier und gedencken, wie ich schon aus Rom schrieb, über Chiavenna und Chur zu gehen, den Splügen zu versuchen, den Adula zu grüßen und dann ein wenig seitwärts nach Constanz zu rücken. Dort wollen wir den 4. Juni eintreffen und im Adler die Spur jener [374] famosen Wandrung aussuchen und die gute Schultheß von Zürch treffen, welche ich sprechen und begrüßen muß, ohne den Kreis des Propheten zu berühren.
An der Bestimmtheit der Datums unsrer Reise, sehen Sie daß ich mich bestrebe den Canzler Schmidt seel. nachzuahmen, damit ich wenigstens von einer Seite der Zucht und Ordnung zu nähern suche. Denn übrigens bin ich ganz entsetzlich verwildert. Ich habe zwar in meinem ganzen Leben nicht viel getaugt und da ist mein Trost daß Sie mich eben so sehr nicht verändert finden sollen.
Der Abschied aus Rom hat mich mehr gekostet als es für meine Jahre recht und billig ist, indessen habe ich mein Gemüth nicht zwingen können und habe mir auf der Reise völlige Freyheit gelaßen. Darüber habe ich denn jede Stunde wenigstens siebenerley Humor und es freut mich von Herzen daß die Sudeley dieses Briefs ins lustige Siebentel fällt.
Wie mir hier, da ich nun bald zwey Jahre an die solideste Kunst gewohnt bin, die Kramläden, vom Nürnberger Tand an biß zu den französchen Rebus,
emaillirt und mit Steinchen eingefaßt, vorkommen, kann ich gar nicht sagen.
[375] Dagegen ist das Abendmal des Leonard da Vinci noch ein rechter Schlußstein in das Gewölbe der Kunstbegriffe. Es ist in seiner Art ein einzig Bild und man kan nichts mit vergleichen.
Kayser studirt hier den Ambrosianischen Ritus, bringt ein Buch Messen von Palestrina und das Motett vom Palmsonntag lamentabatur Jacob, von Morales, auch das tu es Petrus von Scarlatti pp mit. Daß nur Bode nichts davon erfährt, sonst kommen wir übler an als Starke, besonders wenn er wissen sollte, daß ich meine größte Spekulation darauf richte: ein Madonnen-Bild zu mahlen, das noch bey meinen Lebzeiten in Rom Wunder thun soll. Leben Sie tausendmal wohl. Verzeihen Sie meinem italiänischen Schreibzeug und meinen Poßen, ich werde schon wieder dafür büsen müßen. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlinn zu Gnaden und laßen mich das alte Glück voriger Zeit, einen gnädigen Herren und einen theilnehmenden Freund wieder finden.
G.
8/2655.
Mayland d. 24. May 88.
Manche Schuld mein l. Knebel werde ich dir mündlich abzutragen haben, denn ich habe dir lange nicht geschrieben. In der letzten römischen Zeit hatte ich nichts mehr zu sagen, es ging hart zu da ich mich[376] trennte. Nun wittre ich wieder Gebirgs und Vaterlands Luft da wird mirs denn, wo nicht besser, doch anders.
Erst heute hat mich die Mineralogie wieder einmal angelächelt. Ich war beym Vater Pini und sah seine Berge kristallisirten Feldspaths und ward wieder einmal nach einem Stück Stein lüstern. Er hat mir einiges versprochen, es ist ein guter behaglicher Mann.
Nun habe ich eine schöne Reise vor mir. Auf Como über den See nach Cleven Chur und so weiter. Da wird auch manch Stück Granit betreten und wieder einmal geklopft werden. Ich kaufe hier einen Hammer und werde an den Felsen pochen um des Todes Bitterkeit zu vertreiben.
In Rom wurde kein Stein mehr angesehen wenn er nicht gestaltet war. Die Form hatte allen Anteil an der Materie verdrängt. Jetzt wird eine Crystallisation schon wieder wichtig und ein unförmlicher Stein zu etwas. So hilft sich die menschliche Natur, wenn nicht zu helfen ist.
Ich höre von fern, und kann es ohne das vermuthen daß mein Egmont in alle Welt ausgangen ist. Ich wünsche daß er auch gedruckt meinen Freunden Freude mache, die ihm, da er als Manuscript kam eine gute Aufnahme gönnten.
Jetzt bin ich an einer sonderbaren Aufgabe, an Tasso. Ich kann und darf nichts darüber [377] sagen. Die ersten Ackte müßen fast ganz aufgeopfert werden.
Nun lebe wohl. Bald werden wir uns sehen. Ich bringe vieles mit wenn Ihr nur im Fall seyd es zu genießen. Liebe mich.
G.
[378] 8/2656.
[5. Juni?]
Daß ich von Constanz an dich nach Rom zu schreiben habe, ist wohl eine seltsame Sache, die mir noch völlig den Kopf verwirren könnte. Gestern Abend lese ich in der Vaterlandschronik, du seiest würklich mit Dalbergen verreist. Ich glaube es und ergebe mich drein, ob es gleich für mich ein sehr harter Fall ist. Reise glücklich und erbrich den Brief gesund, da wo ich in meinem Leben das erstemal unbedingt glücklich war. Angelika wird dir ihn geben. Vielleicht erhältst du zu gleicher Zeit noch einen; denn ich schreibe gleich, wenn ich nach Hause komme, und Ihr haltet Euch wohl auf.
Wenn Ihr einen Antiquar braucht, wie Ihr denn einen braucht, so nehmt einen Deutschen, der Hirt heißt. Er ist ein Pedante, weiß aber viel und wird jedem Fremden nützlich sein. Er nimmt des Tages mit einem Zechin vorlieb. Wenn Ihr ihm etwas mehr gebt, so wird er dankbar sein. Er ist übrigens ein durchaus redlicher Mensch. Alsdann suche einen jungen Maler Bury }incontro Rondanini, den ich lieb habe, und laß dir die farbigen Zeichnungen weisen, die er jetzt nach Carrache macht. Er arbeitet sehr [379] brav. Mache, daß sie Dalberg sieht und etwas bestellt. Dieser junge Mensch ist gar brav und gut, und wenn du etwa das Museum oder sonst eine wichtige Sammlung mit ihm, zum zweitenmal, aber NB. allein sehen willst, so wird es dir Freude machen und Nutzen schaffen. Er ist kein großer Redner, besonders vor mehreren. Meyer, der Schweizer, ist, fürchte ich, schon in Neapel. Wo er auch sei, mußt du ihn kennen lernen.
Ich weiß nicht, ob ich mache oder träume, da ich dir dieses schreibe. Es ist eine starke Prüfung, die über mich ergeht. Lebe wohl, genieße, was dir bescheert ist. Einer meiner angelegentlichsten Wünsche ist erfüllt.
Wenn du nach Castell-Gandolfo kommst, so frage nach einer Pinie, die nicht weit von Herrn Jenkins' Haus, nicht weit vom kleinen Theater steht. Diese hatte ich in den Augen, als ich dich so sehnlich wünschte. Lebe wohl. Ich gehe zu den Deinigen, und will ihnen die Zeit deiner Abwesenheit verleben helfen.
G.
Wahrscheinlich wird Euch Hofrath Reiffenstein an einige Orte führen. Ich empfehle Hirten also zum Supplemente.
Moritzen mußt du auch sehen. Du wirst noch andere finden: Lips etc.
[1] 9/2657.
[Ende Juni.]
Ich hoffte Sie noch heute früh zu sehen, verzeihen Sie daß ich Ihnen untreu werde. Diesen Mittag gehe ich nach Tiefurt, heute Abend wünscht mich Herder sehr. Morgen früh wünschte ich eine privat Conferenz mit Prinz August, dann erwarte ich Ihre Befehle. Von Rom habe ich gute Nachrichten. Meyer und Büry sind so glücklich gewesen ein Bild von Carrache zu erwischen wovon sie mir gleich eine Zeichnung schicken die ich beylege. Die guten Menschen sind über diesen Glücksfall sehr froh und ich mit ihnen. Bitte gelegentlich um die Grotta di Trofonio. Moritz läßt sich Ihnen zu Gnaden empfehlen, er hofft, wenn Sie eine gute Meynung von ihm faßen könnten, daß sein Glück dadurch sehr befördert und beschleunigt werden dürfte. Leben Sie recht wohl.
G.
[43] 9/2657a.
Beykommende zwey Kästchen Pasten gehören Herrn Thurneyßen in Franckfurt, welcher mir den Auftrag giebt, sie Ihnen übersenden zu laßen. Haben Sie die Güte solche, nach der, mit ihm genommnen Abrede, an ihn zu überschicken.
Ich bin glücklich zu Hause angekommen und schicke diesen Brief nach Rom daß er mit den Kästchen wieder nach Florenz zurückgehe.
Grüßen Sie mir die liebe kleine Frau und behalten mich in gütigem Andencken. Weimar d. 30 Juni 88.
J. W. v. Goethe.
[1] 9/2658.
[Concept.]
[Mitte Juli.]
Ich habe auf die Ankunft der sämtlichen Exemplare gewartet um Ihnen zu schreiben. Sie sind nun endlich[2] leider sehr spät angekommen. Auch haben sich dabey verschiedne Irrthümer in Absicht auf die Qualität der Exemplare gefunden welche ich nicht weitläuftig auseinander setzen sondern nur so viel sagen will, daß ich gegen 4 gebundne und 3 auf holländisch Papier gedruckte rohe Exemplare, welche ich entweder Herrn Leg. R. Bertuch einhändigen oder Ihnen grade zurück schicken kann, 7 rohe auf ordinair Schreibpapier sobald als möglich zu erhalten wünschte. Obgedachte-Exemplare sowohl gebunden als roh kann ich entweder dem Herren Rath Bertuch oder sie Ihnen unmittelbar zurückschicken.
Ehe ich von Rom abgieng und selbst auf der Reise suchte ich zwey Bände, den 6ten und 8ten, dergestalt vorzubereiten daß solche noch auf Michaeli erscheinen sollten, allein ich finde mich nach meiner Ankunft hierher von so mancherley Zerstreuungen umgeben daß ich in nichts weiter geruckt bin, und fürchte daß ich vor einigen Monaten nicht in der Lage kommen mögte, nur einen Band zu endigen dessen Ausgabe alsdenn auf Michaeli nicht mehr besorgt werden könnte. Indessen werde ich mein möglichstes thun, denn es ist mir sehr viel daran gelegen das ich die übernommene Verbindlichkeit einmal los werde.
Für die Titel Kupfer und Vignetten zu denen übrigen Bänden will ich sorgen. Zum sechten Band sind sie sehr gut gerathen. Ich wünsche wohl zu leben und hoffe bald von Ihnen zu hören.
Weimar d. 15. Jul. 88
J.W.v. Goethe.
[3] 9/2659.
[Mitte Juli.]
Ich danke dir für das überschickte und für die Besorgung, das Geld will ich dir gleich oder allenfalls Fritzen geben der doch deine Haushaltung fortführt.
Diesen Nachmittag will ich suchen bey Zeit vom Hof abzukommen, ich komme zu dir hinüber.
Heute früh komm ich auch noch einen Augenblick. Gerne will ich alles hören was du mir zu sagen hast, ich muß nur bitten daß du es nicht zu genau mit meinem jetzt so zerstreuten, ich will nicht sagen zerrissnen Wesen nehmest. Dir darf ich wohl sagen daß mein innres nicht ist wie mein äußres. Lebe wohl.
G.
9/2660.
Ja mein Lieber ich bin wieder zurück und sitze in meinem Garten, hinter der Rosen Wand, unter den Aschenzweigen und komme nach und nach zu mir selbst. Ich war in Italien sehr glücklich, es hat sich so mancherley in mir entwickelt, das nur zulange stockte, Freude und Hoffnung ist wieder ganz in mir lebendig geworden. Mein hiesiger Aufenthalt wird mir sehr nützlich seyn. Denn da ich ganz mir selbst wiedergegeben bin; so kann mein Gemüth, das die größten [4] Gegenstände der Kunst und Natur fast zwey Jahre auf sich würcken ließ, nun wieder von innen heraus würcken, sich weiter kennen lernen und ausbilden.
Hamans Verlust ist hart, ich hatte nie gerechnet ihn zu sehen, seine geistige Gegenwart war mir immer nah. Und doch was muß die Nähe solch eines Menschen seyn! Was muß er dir geworden seyn! und wie sehr mußt du seinen Abschied empfinden. Laß uns solang wir leben einander was möglich ist seyn und bleiben.
Mich erfreut sehr daß dir an Egmont manches gefällt, ich habe nun die beste Unterhaltung mit meinen entfernten Freunden, da ich meine Schriften ausarbeite. Jetzt bin ich an Tasso, Faust soll eine Winterarbeit werden und sobald ich die 8 Bände vom Stapel habe, soll Wilhelm dran, zu dem ich große Neigung fühle.
Empfiehl mich der Fürstinn. Ihre Worte sind mir wahre Wohlthat, ich danke dir daß du mir sie verschafft hast. Ich meynte es so herzlich zu ihr und begriff nicht daß sie mir nicht schrieb. Gelegentlich schicke ich ihr einige Zeichnungen.
Grüße deine Schwestern und deine Kinder, gedenckt mein. liebe mich und laß manchmal von dir hören. Herder geht in vierzehn Tagen ab. Ich verliere viel an ihm.
Weimar d. 21. Juli 1788.
Goethe.
[5] 9/2661.
[22. Juli.]
Die Papiere der Voß habe ich in der Stadt, ich will sie ihr bringen oder schicken, ich weiß daß sie solche nicht durch die Hände der Meyern will gehen laßen. Ich dancke dir fürs Frühstück. Fritz soll mir lieb seyn, es freut mich immer seine Gegenwart, und wenn ich ihm was seyn kann. Laß mir die Archiv Scheine zurück und Lebe wohl. Mögest du in dem stillen Kochberg vergnügt und vorzüglich gesund seyn. Ich will so fortleben wie ich kann ob es gleich eine sonderbare Aufgabe ist. Kayser geht mit der Herzoginn wieder fort, das sage nicht weiter, ob ich gleich dencke es ist kein Geheimniß mehr und so schließt sich alle Hoffnung auf die schöne Tonkunst ganz für mich zu. Der trübe Himmel verschlingt alle Farben. Herder geht nun auch und – so lebe tausendmal wohl.
G.
9/2662.
Sie kommen mir durch Ihr gütiges Schreiben auf eine freundliche Weise zuvor, und beschämen mich dadurch um so mehr, als ich gewissermassen Ihr Schuldner geblieben bin. Ich mußte fürchten daß Sie mich für inkonsequent halten möchten, da ich, bey meinem Eintritt [6] nach Rom, mein Verlangen Ihnen zu dienen bezeigte und nachher, ausser einer vorläufigen Antwort, nichts wieder von mir hören ließ. Allein ich darf zu meiner Entschuldigung sagen: daß es mir sonderbar genug und im Grunde doch ganz natürlich gegangen ist. Ich erkenne es jetzt selbst erst nach meiner Rückkunft, aus den Briefen die ich von dorther an meine Freunde schrieb und die mir jetzt wieder zu Gesicht kommen.
Im Anfange hatte ich noch Lust und Muth das einzelne zu bemercken, es nach meiner Art zu behandeln und zu beurtheilen; allein je weiter ich in die Sachen kam, je mehr ich den Umfang der Kunst übersehen lernte desto weniger unterstand ich mich zu sagen und meine letzten Briefe sind eine Art Verstummen oder, wie Herder sich ausdrückt: Schüsseln, in denen man die Speisen vermißt.
Wenn ich mich werde gesammelt haben, werde ich erst selbst erkennen was ich mir erworben habe und dann wird leider gleich das Gefühl eintreten von dem was mir noch abgeht. Was ich dem Publiko vorlegen könnte sind Bruchstücke, die wenig bedeuten und niemand befriedigen.
Daß Herder zu eben der Zeit als ich hier ankomme, weggeht, ist mir ein sehr leidiger Vorfall. So sehr ich ihm die Reise gönne; so mußte ich dich nothwendig wünschen: daß er mir entweder hier oder ich ihm dort nützlich seyn möchte.
[7] Nach meinen Verhältnissen kann ich nicht hoffen Ihnen sobald in Göttingen aufzuwarten, ob ich es gleich herzlich wünsche, denn der größte Theil von dem was mir abgeht, ist eben das was Sie im Überfluße besitzen.
Sollte ich über das was ich an alter und neuer Kunst bemerckt ein allgemeines Glaubensbekenntniß hersetzen, so würde ich sagen: daß man zwar nicht genug Ehrfurcht für das, was uns von alter und neuerer Zeit übrig ist, empfinden kann, daß aber ein ganzes Leben dazu gehört diese Ehrfurcht recht zu bedingen, den Werth eines jeden Kunstwerks in seiner Art zu erkennen und davon, als einem Menschenwercke, weder zu viel zu verlangen, noch auch wieder sich allzuleicht befriedigen zu lassen.
Wenn ich geneigt wäre etwas auf das Papier zu bringen; so wären es vorerst sehr einfache Sachen. Z.B. inwiefern die Materie, woraus gebildet worden, den klugen Künstler bestimmt, das Werk so und nicht anders zu bilden. So geben die verschiednen Steinarten gar artige Aufschlüße über Baukunst, jede Veränderung des Materials und des Mechanismus, giebt dem Kunstwerke eine andere Bestimmung und Beschränkung. Die Alten waren, nach allem, was ich bemercken konnte, auch besonders hierin unaussprechlich klug und ich habe mich oft mit großem Interesse in diese Betrachtung vertieft.
Sie sehen daß ich sehr von der Erde anfange und[8] daß es manchmal scheinen dürfte, als behandelte ich die geistige Sache zu irdisch; aber man erlaube mir zu bemercken: daß die Götter der Griechen nicht im siebenten oder zehnten Himmel, sondern auf dem Olymp trohnten und nicht von Sonne zu Sonne, sondern allenfalls von Berg zu Berg einen riesenmäßigen Schritt thaten. Es ist gut daß mich der Raum nötigt aufzuhören. Ich empfehle mich Ihnen bestens und bitte mich mit Ihrem Angedenken zu erfreuen.
Weimar d. 24. Jul. 1788.
Goethe.
9/2663.
[Ende Juli oder Anfang August.]
Hier lieber die Papiere zurück.
Es liegt diese Vorstellungsart soweit von meiner daß ich das Rauschen eines Wasserfalls besser verstehe als solch einen Diskurs, ich habe nichts drauf zu sagen: als daß mich Gott bewahren möge einen Arm oder Finger als einen Conus anzusehen. Übrigens muß es jedem erlaubt seyn um den Felsen, den niemand ersteigt, nach seiner Art sich herumzutummeln, auf seinem Steckenpferde herumzureiten, welches Rechts ich mich ja auch weidlich bedient habe. Die Abschrift meines Reise Journals gäbe ich höchst ungerne aus Händen, meine Absicht war sie ins Feuer zu werfen. Ich weiß schon wie es geht. So was sieht immer [9] noch einer und wieder einer, es wird noch einmal abgeschrieben und endlich habe ich den Verdruß diese Pudenda irgendwo gedruckt zu sehn. Denn es ist im Grunde sehr dummes Zeug, das mich jetzt anstinckt. Du kannst sie nirgends brauchen als in Verona. Auf dem Rückwege würde sie dir fatal seyn und ich bin in Unruhe wenn ich das Zeug auf Reisen weiß. Es ist nicht Knauserey sondern redliche Schaam daß ich die Blätter nicht hergeben mag.
Ich sehe dich noch heute. Adieu.
G.
9/2664.
Ew. Wohlgeb.
habe ich die Ehre wieder auf deutschem Grund und Boden zu begrüßen, von dem ich so lange entfernt gewesen.
Gegenwärtiges erlasse ich auf Befehl meines gnädigsten Herrn, welchem die Nachricht zugekommen, daß der Kriegsrath Merck in Darmstadt sich in einer traurigen Gemüthslage befinde und daß seine Freunde seinetwegen in Sorgen seien. Da es uns nun sehr interessirt von diesem werthen Manne einige Nachricht zu erhalten und Ew. Wohlgeb. als sein Freund bekannt sind, so soll ich Sie ersuchen sich doch baldmöglichst um die Gesundheits- und Gemüthsumstände unsres Freundes zu erkundigen und an mich einige[10] gefällige Nachricht zu ertheilen. Ich hoffe bei dieser Gelegenheit von Ihrem Befinden und Ihren Arbeiten zu hören, der mich mit aller Hochachtung unterzeichne
Ew. Wohlgeb.
Weimar
ergebener Diener
den 8. Aug 1788.
J. W. v. Goethe.
9/2665.
Es war mir sehr erfreulich Fritzen wieder zu sehen, er wird mir wohl bleiben wenn alles sich entfernt. Herder ist nun fort, die Herzogin geht auf den Freytag, der Herzog hat einen bösen Fuß, sonst wär er Sonnabends mit den Gores gegangen. Ich soll im Sept. mit nach Dresden, wenn man in ihrer Art mit ihnen lebt, sie sind aber in sittlichen und Kunstbegriffen so eingeschränckt, daß ich gewissermaßen gar nicht mit ihnen reden kann. Sie sind glücklich, ich mag sie auch nicht in ihrem Glück stören, so wenig ich daran Theil nehmen kann.
Mein achter Band ist bald zusammengeschrieben. Wenn ihn Wieland durchgesehn hat, erhältst du ihn eh er nach Leipzig geht, er soll auf Michael herauskommen. Tasso rückt auch obgleich langsam ich habe noch immer Zutrauen zu dem Stück. Lebe wohl. Liebe mich. Danck fürs Frühstück. W. d. 12. Aug. 88.
G.
[11] 9/2666.
Mit Freuden höre ich daß alles so gut daß Sie alles zu Ihrer Zufriedenheit getroffen haben. Das Rad muß würcklich eine ansehnliche Maschine seyn und sich ehrwürdig in der Finsterniß herumdrehen. Daß Sie einige Lachter schon gewältigt haben, ist auch ein guter Anfang. Wie sehr ich mit Ihnen zu seyn wünsche können Sie dencken. das Geschäfte in Ilmenau muß mir immer werth bleiben und Ihre Gegenwart dabey, Ihr Würcken macht mir alles doppelt interessant.
Güßfeld hat von mir Abschied genommen, ich bin in allgemeinen Terminis mit ihm geblieben, er schien ganz leidlich disponirt.
Die Herzoginn Mutter ist gestern weg, heute der Herzog, die Englische Familie auch und wir sind nun im kleineren Kreise. Kehren Sie bald wieder damit wir manche Stunde froher und nützlicher Unterhaltung erneuern. Herder hat von Bamberg geschrieben er ist wohl. Leben Sie wohl! grüßen Sie die Ihrigen bestens. W. d. 16. Aug. 88.
G.
9/2667.
Den Herzog hat sein Fuß gezwungen zurückzukehren, er wird nicht zum Regimente und wahrscheinlich auch [12] nicht nach Dresden gehen können. Es ist wieder ein rechtes Probestück wie er sich und andern das Leben sauer macht. Ich mache so ein Gesicht als möglich und bin in einer innerlichen Verzweiflung, nicht über diesen besondern Fall, sondern weil dieser Fall wieder sein und unser ganzes Schicksal repräsentirt. Ich mag nichts weiter sagen und klagen.
In einiger Zeit schicke ich dir die Abschriften meine Gedichte, Wieland hat sie jetzt.
Fritz ist gar gut, nur helfe ich auch ihm wenig, wie ich denn überhaupt gänzlich unnütz bin.
Herders Briefe sind gar interessant. Wie viel menschlicher reist er als ich.
Lebe wohl, erfreue dich deiner Einsamkeit! es wird nicht lange währen; so hab ich, wills Gott, sie auch wieder gewonnen, um sie nie zu verlassen. Adieu.
W. d. 24. Aug. 88.
G.
9/2668.
d. 30. August.
Ich danke dir für deinen Brief und für die stille Feier meines Geburtstages. Wir haben daran getanzt bis nach Mitternacht. Auch sind mir sonst allerlei freundliche Dinge begegnet, welche guten Augurii sind. Wir wollen der besten Hoffnungen leben.
Fahre wohl wieder in die Berge. Mir sind meine vulkanischen Sachen angekommen und [13] einiges Erfreuliche aus Sicilien. Besonders eine Schwerpathdruse von der Schönheit.
Mit dem Herzog geht es recht gut. Das heißt die Wunde bessert sich merklich. Wenn er Geduld hat auszuharren; so wird er bald kurirt seyn.
Lebe wohl. Gedenke mein.
G.
9/2669.
Vergieb mir meine Liebe, wenn mein letzter Brief ein wenig konfus war, es wird sich alles geben und auflösen, man muß nur sich und den Verhältnißen Zeit lassen.
Ich fürchte mich dergestalt für Himmel und Erde daß ich schwerlich zu dir kommen kann. Die Witterung macht mich ganz unglücklich und ich befinde mich nirgends wohl als in meinem Stübchen, da wird ein Caminfeuer angemacht und es mag regnen wie es will.
Deiner Schwester fällt der Tod ihres Mannes sehr empfindlich, sie wird auch einsehn lernen daß er zu ihrem Glück gestorben sey.
Des Herzogs geht sehr viel besser, nur fürchte ich, er wird die Cur nicht ganz auswarten und es wird wieder umschlagen. Es sind schon vier Wochen.
Sey doch so gut mir die Briefe die ich auf der Reise an dich geschrieben zu schicken wenn du sie mit hast, oder anzuzeigen wo sie liegen, wenn sie noch [14] hier sind, ich will nach und nach etwas daraus zusammen schreiben, und es dem Wieland in den Merckur geben. So sehe ich nach selbst was ich habe und ob ich was habe. Ohne einen solchen Vorsatz hätte ich die alten Papiere gar nicht wieder ansehen mögen.
Von Rom hab ich eine sehr schöne Muse in einen Sardonix geschnitten erhalten. Fritz hat dir sagt er davon geschrieben. Er ist recht gut und artig. Lebe wohl, grüße Stein und behalte mich lieb.
d. 31. Aug. 88.
G.
9/2670.
[Anfang September.]
Indem du beschäfftigt bist mir einen Freundschaftsdienst zu erzeigen, komme ich dir einen Gegendienst anzubieten, der nicht ganz so uneigennützig ist.
Du hast mir neulich gesagt daß du wünschest ich möchte dir von meinen Reisebemerckungen manchmal etwas für den Merkur geben. Bisher habe ich meine Journale, die Briefe, die ich hierher geschrieben, unzähliche zerstreute Blätter durchgesehn und wünsche selbst nach und nach etwas in Ordnung zu sehen. Allein ohne Compelle ist dazu bey mir keine Hoffnung. Ich wollte dich also fragen ob du Lust hättest eine Folge solcher kleinen Aufsätze nach und nach in den Merkur aufzunehmen und zwar so daß ich mich [15] engagirte monatlich vom nächsten Sept. biß zu Ende des Jahrs 89 mehr oder weniger zu liefern, damit ich eine Aufsatz mit dem andern verbinden, einen durch den andern erläutern kann. Ich habe so vielerley, so mancherley, das doch nach meiner Vorstellungs und Bemerckens-Art immer zusammenhängt und verbunden ist. Naturgeschichte, Kunst, Sitten pp., alles amalgamirt sich bey mir. Heute früh dicktirte ich einen Beytrag zur Witterungs Lehre, der sich ganz natürlich mit der Lustperspektiv endigte.
Genug es steht dir mancherley nach und nach zu Dienste.
Nun wünschte ich zu wissen ob dir der Vorschlag annehmlich sey? Ob du monatlich etwas magst? Wieviel ohngefähr an Blätter und Bogenzahl dir recht wäre? Und, damit unser Contract ganz rein werde, was du mir dagegen an Gold oder Silber geben willst? Ob ich gleich keine Kinder zu ernähren habe; so muß ich doch darauf dencken etwas in den Beutel zu leiten, da so viel hinaus geleitet wird. Lebe wohl. Wenn wir einig sind arbeite ich dir gleich auf eine Paar Monate voraus. Lebe wohl und liebe mich.
G.
[16] 9/2671.
In der Hoffnung daß meine gnädigste Fürstinn glücklich in Mayland anlangen werde, schicke ich dieses Briefchen ab um Sie daselbst zu begrüßen. Ich bin Ihnen, wie so viele andre im Geiste nachgefolgt, doch gewiß mit eignen Gedancken und Empfindungen. Mögen Sie recht rein das manigfaltige Gute genießen das Ihnen auf Wegen und Stegen von nun an begegnen muß.
Mehr kann ich fast nicht sagen. Von hier ist wenig zu erzählen.
Des Herzogs Fuß beßert sich sehr, er wird wohl noch ins sächsische Lager gehn. Alles ist übrigens still und ich arbeite ganz leise fort.
Behalten Sie mich in gnädigem Andenken und halten die Fräulein an daß sie mir schreibe, biß jetzt habe ich noch keine Zeile gesehen.
Ich empfehle mich zu Gnaden.
W. d. 1. Sept. 88.
Goethe.
[28] 9/2671a.
Ich dancke für die überschickten Vasen, sie sind glücklich angekommen. Die Arbeit daran ist recht schön.
Der achte Band ist meist beysammen, ich laße ihn nochmal abschreiben und gehe ihn durch. An dem Titelkupfer wie an der Vignette wird in Rom gearbeitet, wenn wir sie nur zeitig erhalten. Ich will die Platten auf der reitenden Post kommen laßen. Schreiben Sie mir den letzten Termin, wenn Sie das Manuscript haben müßen.
Die kleinen Zeichnungen von Herrn Rath Krause werden nicht wohl angebracht werden können. Die Einrichtung die ich dem Bande gegeben leidet keine Zwischen Kupfer und die Kupfer zum Titul erhalten wir wie gesagt von Rom.
Ich werde mit dem Manuscript ein Verzeichniß schicken wie ich die Abgabe der Exemplare künftig erwarte. Das letztemal ist wieder zu meinem und Ihrem Schaden und zu niemandes Nutzen allerley versehen [29] worden. Die Exemplare die ich zurückgebe hat Herr Rath Bertuch.
Ein junger Mann Nahmens Vulpius hat ein Paar Bändchen Operetten geschrieben, davon auch ein Theil komponirt ist, er wünscht dazu einen Verleger zu finden. Können Sie ihm hierinn und sonst behülflich seyn; so geschieht auch mir ein Gefalle.
Leben Sie recht wohl und schreiben Sie mir wann das Mscpt angekommen muß damit ich mich darnach richte.
Empfehlen Sie mich Ihrer Gattinn.
W. d. 1. Sept. 88.
G.
[16] 9/2672.
Du bist wieder zu Hause angekommen wozu ich Glück wünsche.
[17] Sey doch so gut mir sobald als möglich die
Mémoires de l'Acadamie des Sciences
von 1751
zu schicken der Band wird wohl gebunden seyn.
Ich habe wieder einen schönen geschnittnen Stein von Rom erhalten.
Lebe wohl.
W. d. 2. S. 88.
G.
9/2673.
Nun, lieber Bruder, sollst du auch einmal etwas von mir finden. Ich habe mich der Briefe an deine Frau sehr gefreut. Mögest du immer gleich vergnügt und empfänglich immer weiter reisen.
Des Herzogs böser Fuß hält ihn wider seinen Willen hier und auf dem Canapee; er nimmt sich jetzt, da er die Nothwendigkeit sieht, sehr zusammen und läßt sich nicht merken, wie fatal es ihm ist; innerlich aber ist er in einer schlimmen Lage. Er hat sich in der Neigung zu dem Mädchen so ganz indulgirt, wie in seinem politischen Getreibe: beides hat keinen Zweck; wie soll es Zufriedenheit gewähren? Die Herzogin leistet ihm treue Gesellschaft mit guter Laune und Geduld. Ich esse alle Mittage mit ihnen und bin auch einen großen Theil des Tages dorten, wenn niemand anders da ist. So vergeht eine Zeit nach der andern; man wird des Lebens weder gewahr noch froh.
[18] Deinen vierten Band habe ich größtentheils gelesen. Im 16. Buche habe ich mich sehr gefreut zu sehen, wie du die Völkerwanderungen von dem beginnst, was noch geblieben ist, von den ersten in die Gebirge getriebenen Völkern. Es giebt ein gar gutes und faßliches Bild. Das Christenthum hast du nach Würden behandelt; ich danke dir für mein Theil. Ich habe nun auch Gelegenheit, von der Kunstseite es näher anzusehen, und da wirds auch recht erbärmlich. Überhaupt sind mir bei dieser Gelegenheit so manche Gravamina wieder rege geworden. Es bleibt wahr: das Mährchen von Christus ist Ursache, daß die Welt noch 10/m Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstand kommt, weil es ebenso viel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffs braucht, um es zu vertheidigen als es zu bestreiten. Nun gehn die Generationen durch einander, das Individuum ist ein armes Ding, es erkläre sich für welche Partei es wolle, das Ganze ist nie ein Ganzes, und so schwankt das Menschengeschlecht in einer Lumperei hin und wieder, das alles nichts zu sagen hätte, wenn es nur nicht auf Punkte, die dem Menschen so wesentlich sind, so großen Einfluß hätte. Wir wollen es gut sein lassen. Sieh du dich nur in der Römischen Kirche recht um, und ergötze dich an dem, was in ihr ergötzlich ist.
In meinen Schriften bin ich nur wenig vorgerückt. Der achte Band ist beinahe zusammen. Wieland hat ihn gegenwärtig in der Revision. Es sind [19] noch einige Kleinigkeit dazu gekommen, das Übrige kennst Du.
Sonst weiß ich dir beinahe nichts zu sagen. Daß Frau und Kinder wohl sind, erfährst du von ihnen selbst; sie haben mich mit einer Bisquitetorte und ein Paar Kränzen, nebst fremden Früchten, zum Geburtstage erfreut.
Das Wetter ist immer sehr betrübt und ertödtet meinen Geist; wenn das Barometer tief steht und die Landschaft keine Farben hat, wie kann man leben?
Lebe wohl und glücklich! Du hast ja unerwartet eine Reisegefährtin gefunden; möge das Eurer Reise nicht schaden!
Fast hätte ich vergessen, dir für die Meistersängersprüche zu danken. Es ist sehr artig zu sehen, wie sie mit den platten Lebens- und Handwerksbegriffen gespielt haben.
Den 4. September.
Prinz August ist gekommen, mit dem ich vielleicht die nächste Woche nach Gotha gehe. Morgen fahre ich mit deiner Frau und der kleinen Schardt nach Kochberg. Es scheint, wir werden gut Wetter haben. Übrigens drücken wir uns unter dem cimmerischen Himmel, der unglaublich auf mich lastet. Alles wollte ich gerne übertragen, wenn es nur immer heiter wäre.
Lebe wohl. Du wirst nun wissen, was eine reine Atmosphäre ist, und wirst es noch mehr erfahren. Grüße deine Reisegesellschaft. Wie der Mensch ist,[20] muß es ihm werden. Da hast du nun gar noch ein zierlich Weibchen im Wagen.
Lebe wohl. Gedenke mein! Du brauchst mir nicht zu schreiben. Die Briefe an die Frau werden mir ganz oder zum Theil mitgetheilt.
Grüße Dalberg. In Rom findest du die versprochene Nachricht über die Deutschen Künstler zu Eurem Gebrauch.
W. den 4. September 88.
G.
9/2674.
Die Kurze will ich dir besorgen. Noch haben wir Ursache das Beste zu hoffen, wir sind auf dem Wege die Wasser zu gewältigen die uns vertrieben hatten, eben als wir die ungeheure Masse Gips durchsuncken hatten und auf das Dachgestein, das über dem Flöz liegt kamen. Der Bergsekretair und der Hofrath Voigt werden sich deines Grußes freuen, der Bergs. ist ein recht wackrer Mann und sehr vorzüglicher Mann in vielem Betracht.
Du verlangst einen jungen Mann zum Sekretair und zum Unterricht deiner Kinder, und ich habe eben einen, den ich gar gerne unterbringen möchte, ich wünschte nur daß er auch dir recht wäre. Sonderbar ists daß ich neulich ihn dir empfehlen wollte, auch etwa der Fürstinn, weil euch doch manches vorkommt [21] und daß eben mit deinem Brief einer von ihm ankommt, worinn er mir seine Noth klagt und meine Intercession anruft.
Er hat von Jugendauf Disposition zu den Wissenschaften gezeigt, und hat früh aus Neigung und Noth geschrieben und drucken laßen. Er heißt Vulpius, du hast seinen Nahmen irgendwo gelesen. Das ist nun nicht eben die beste Rekommandation. Wir erschröken über unsre eigne Sünden, wenn wir sie an andern erblicken. Es ward ihm sauer genug auf eine solche Weise sich und einige Geschwister zu unterhalten, er kam nicht zeitig genug hier in eine gewiße Carriere, sehnte sich nach einem Posten und ward Sekretair bey einem Kreisgesandten von Soden in Nürnberg, der ihm nun den Abschied giebt, weil ein andrer für weniger Geld noch mehr Arbeit im Hause übernehmen will. Er schreibt eine Hand, die nicht schön aber gemüthlich ist. Von seinem französisch kann ich nicht sagen wie weit es geht, er versteht es, soviel weiß ich daß er artig Italiänisch kann. Er hat eine gute Bildung und aus seinen Handlungen und Äusserungen schließe ich ein gutes Gemüth. Ich habe mich seiner vor einigen Jahren angenommen, in meiner Abwesenheit verlohr er jede Unterstützung und ging wie schon gesagt nach Nürnberg. Freylich kann ich nicht sagen daß ich ihn genau kenne. Ich habe mich für ihn interessirt ohne ihn zu beobachten, ich habe [22] ihm einige Unterstützung verschafft, ohne ihn zu prüfen. Seit mehr als zwey Jahren habe ich nicht gesehn und kann dir ihn also nur bedingt empfehlen. So viel kann ich sagen daß ich ihn, wenn ich einen solchen Menschen brauchte, zum Versuch selbst nehmen würde, das ist aber noch nicht genug für dich. Bedencke nun was ich da gesagt habe, ich will ihm schreiben, dich nicht nennen, ihn über sein latein französisch u.s.w. befragen. Für ihn wäre es ein großes Stück wenn du ihn nähmst, aber es ist die Frage ob du auch bedient wärest.
Sonst weiß ich jetzt niemanden, will mich aber doch erkundigen. Ich danke dir für das Vertrauen.
Von deinem Georg habe ich immer das beste gehoft, und war unzufrieden mit Euch daß Ihr immer mit dem Kinde unzufrieden waret. Ein Blat das groß werden soll, ist voller Runzeln und Knittern eh es sich entwickelt, wenn man nun nicht Geduld hat und es gleich so glat haben will wie ein Weidenblat dann ists übel. ich wünsche dir Glück zu dieser Vaterfreude.
Ich bin wohl und wunderlich. Laß bald wieder von