Großer Vorhof des Palasts.


[346] Fackeln.


MEPHISTOPHELES als Aufseher voran.

Herbei, herbei! Herein, herein!

Ihr schlotternden Lemuren,

Aus Bändern, Sehnen und Gebein

Geflickte Halbnaturen.

LEMUREN im Chor.

Wir treten dir sogleich zur Hand,

Und wie wir halb vernommen,[346]

Es gilt wohl gar ein weites Land,

Das sollen wir bekommen.


Gespitzte Pfähle, die sind da,

Die Kette lang zum Messen;

Warum an uns der Ruf geschah,

Das haben wir vergessen.

MEPHISTOPHELES.

Hier gilt kein künstlerisch Bemühn;

Verfahret nur nach eignen Maßen!

Der Längste lege längelang sich hin,

Ihr andern lüftet ringsumher den Rasen;

Wie man's für unsre Väter tat,

Vertieft ein längliches Quadrat!

Aus dem Palast ins enge Haus,

So dumm läuft es am Ende doch hinaus.

LEMUREN mit neckischen Gebärden grabend.

Wie jung ich war und lebt' und liebt',

Mich deucht, das war wohl süße;

Wo's fröhlich klang und lustig ging,

Da rührten sich meine Füße.

Nun hat das tückische Alter mich

Mit seiner Krücke getroffen;

Ich stolpert' über Grabes Tür,

Warum stand sie just offen!

FAUST aus dem Palaste tretend, tastet an den Türpfosten.

Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!

Es ist die Menge, die mir frönet,

Die Erde mit sich selbst versöhnet,

Den Wellen ihre Grenze setzt,

Das Meer mit strengem Band umzieht.

MEPHISTOPHELES beiseite.

Du bist doch nur für uns bemüht

Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen,

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren; –

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft's hinaus.

FAUST.

Aufseher!

MEPHISTOPHELES.

Hier![347]

FAUST.

Wie es auch möglich sei,

Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,

Ermuntere durch Genuß und Strenge,

Bezahle, locke, presse bei!

Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,

Wie sich verlängt der unternommene Graben.

MEPHISTOPHELES halblaut.

Man spricht, wie man mir Nachricht gab,

Von keinem Graben, doch vom Grab.

FAUST.

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,

Verpestet alles schon Errungene;

Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,

Das Letzte wär' das Höchsterrungene.

Eröffn' ich Räume vielen Millionen,

Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde

Sogleich behaglich auf der neusten Erde,

Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,

Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.

Im Innern hier ein paradiesisch Land,

Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,

Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.

Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,

Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

Und so verbringt, umrungen von Gefahr,

Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.

Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.

Zum Augenblicke dürft' ich sagen:

Verweile doch, du bist so schön!

Es kann die Spur von meinen Erdetagen

Nicht in Äonen untergehn. –

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück

Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.


Faust sinkt zurück, die Lemuren fassen ihn auf und legen ihn auf den Boden.
[348]

MEPHISTOPHELES.

Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück,

So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;

Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,

Der Arme wünscht ihn festzuhalten.

Der mir so kräftig widerstand,

Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.

Die Uhr steht still –

CHOR.

Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.

Der Zeiger fällt.

MEPHISTOPHELES.

Er fällt, es ist vollbracht.

CHOR.

Es ist vorbei.

MEPHISTOPHELES.

Vorbei! ein dummes Wort.

Warum vorbei?

Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!

Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!

Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!

»Da ist's vorbei!« Was ist daran zu lesen?

Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,

Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.

Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.

Quelle:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 3, Hamburg 1948 ff, S. 346-349.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Faust. Eine Tragödie
Faust I: Der Tragödie Erster Teil (Fischer Klassik)
Faust 1. Der Tragödie erster Teil.
Faust. Der Tragödie Erster Teil: Reclam XL - Text und Kontext
Faust: Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust
Faust Eine Tragödie: Erster und zweiter Teil

Buchempfehlung

Müllner, Adolph

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Ein lange zurückliegender Jagdunfall, zwei Brüder und eine verheiratete Frau irgendwo an der skandinavischen Nordseeküste. Aus diesen Zutaten entwirft Adolf Müllner einen Enthüllungsprozess, der ein Verbrechen aufklärt und am selben Tag sühnt. "Die Schuld", 1813 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, war der große Durchbruch des Autors und verhalf schließlich dem ganzen Genre der Schicksalstragödie zu ungeheurer Popularität.

98 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon