Zahme Xenien

1

[637] Ich rufe dich, verrufnes Wort,

Zur Ordnung auf des Tags:

Denn Wichte, Schelme solchen Schlags,

Die wirken immer fort.


»Warum willst du dich von uns allen

Und unsrer Meinung entfernen?«

Ich schreibe nicht, euch zu gefallen,

Ihr sollt was lernen!


»Ist denn das klug und wohlgetan?

Was willst du Freund' und Feinde kränken!«

Erwachsne gehn mich nichts mehr an,

Ich muß nun an die Enkel denken.


Und sollst auch du und du und du

Nicht gleich mit mir zerfallen;

Was ich dem Enkel zuliebe tu,

Tu ich euch allen.


Verzeiht einmal dem raschen Wort,

Und so verzeiht dem Plaudern;

Denn jetzo wär's nicht ganz am Ort,

Wie bis hieher zu zaudern.
[637]

Wer in der Weltgeschichte lebt,

Dem Augenblick sollt er sich richten?

Wer in die Zeiten schaut und strebt,

Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.


»Sag mir, worauf die Bösen sinnen?«

Andern den Tag zu verderben,

Sich den Tag zu gewinnen:

Das, meinen sie, heiße erwerben.


»Was ist denn deine Absicht gewesen,

Jetzt neue Feuer anzubrennen?«

Diejenigen sollen's lesen,

Die mich nicht mehr hören können.


Einen langen Tag über lebt ich schön,

Eine kurze Nacht.

Die Sonne war eben im Aufgehn,

Als ich zu neuem

Tag erwacht.


»Deine Zöglinge möchten dich fragen:

Lange lebten wir gern auf Erden,

Was willst du uns für Lehre sagen?«

Keine Kunst ist's, alt zu werden,

Es ist Kunst, es zu ertragen.


Nachdem einer ringt,

Also ihm gelingt,

Wenn Manneskraft und Hab

Ihm Gott zum Willen gab.
[638]

Den hochbestandnen Föhrenwald

Pflanzt ich in jungen Tagen,

Er freut mich so! –! –! – Man wird ihn bald

Als Brennholz niederschlagen.


Die Axt erklingt, da blinkt schon jedes Beil,

Die Eiche fällt, und jeder holzt sein Teil.


Ein alter Mann ist stets ein König Lear! –

Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,

Ist längst vorbeigegangen,

Was mit und an dir liebte, litt,

Hat sich woanders angehangen;

Die Jugend ist um ihretwillen hier,

Es wäre törig zu verlangen:

Komm, ältele du mit mir.


Gutes zu empfangen, zu erweisen,

Alter! geh auf Reisen. –

Meine Freunde Sind aus einer Mittelzeit,

Eine schöne Gemeinde,

Weit und breit,

Auch entfernt,

Haben sie von mir gelernt,

In Gesinnung treu;

Haben nicht an mir gelitten,

Ich hab ihnen nichts abzubitten;

Als Person komm ich neu.

Wir haben kein Konto miteinander,

Sind wie im Paradies selbander.
[639]

Mit dieser Welt ist's keiner Wege richtig;

Vergebens bist du brav, vergebens tüchtig,

Sie will uns zahm, sie will sogar uns nichtig!


Von heiligen Männern und von weisen

Ließ' ich mich recht gern unterweisen,

Aber es müßte kurz geschehn,

Langes Reden will mir nicht anstehn:

Wornach soll man am Ende trachten?

Die Welt zu kennen und sie nicht verachten.


Hast du es so lange wie ich getrieben,

Versuche wie ich das Leben zu lieben.


Ruhig soll ich hier verpassen

Meine Müh und Fleiß;

Alles soll ich gelten lassen,

Was ich besser weiß.


Hör auf doch, mit Weisheit zu prahlen, zu prangen,

Bescheidenheit würde dir löblicher stehn:

Kaum hast du die Fehler der Jugend begangen,

So mußt du die Fehler des Alters begehn.


Liebe leidet nicht Gesellen,

Aber Leiden sucht und hegt sie;

Lebenswoge, Well auf Wellen,

Einen wie den andern trägt sie.
[640]

Einsam oder auch selbander,

Unter Lieben, unter Leiden,

Werden vor- und nacheinander

Einer mit dem andern scheiden.


Wie es dir nicht im Leben ziemt,

Mußt du nach Ruhm auch nicht am Ende jagen:

Denn bist du nur erst hundert Jahr berühmt,

So weiß kein Mensch mehr was von dir zu sagen.


Ins holde Leben wenn dich Götter senden,

Genieße wohlgemut und froh!

Scheint es bedenklich, dich hinaus zu wenden,

Nimm dir's nicht übel: allen scheint es so.


Nichts vom Vergänglichen,

Wie's auch geschah!

Uns zu verewigen,

Sind wir ja da.


Hab ich gerechterweise verschuldet

Diese Strafe in alten Tagen?

Erst hab ich's an den Vätern erduldet,

Jetzt muß ich's an den Enkeln ertragen.


»Wer will der Menge widerstehn?«

Ich widerstreb ihr nicht, ich laß sie gehn:

Sie schwebt und webt und schwankt und schwirrt,

Bis sie endlich wieder Einheit wird.
[641]

»Warum erklärst du's nicht und läßt sie gehn?«

Geht's mich denn an, wenn sie mich nicht verstehn?


»Sag nur, wie trägst du so behäglich

Der tollen Jugend anmaßliches Wesen?«

Fürwahr, sie wären unerträglich,

Wär ich nicht auch unerträglich gewesen.


Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert;

Das Neue klingt, das Alte klappert.


»Warum willst du nicht mit Gewalt

Unter die Toren, die Neulinge schlagen!«

Wär ich nicht mit Ehren alt,

Wie wollt ich die Jugend ertragen!


»Was wir denn sollen?

Sag uns, in diesen Tagen.«

Sie machen, was sie wollen,

Nur sollen sie mich nicht fragen.


»Wie doch, betriegerischer Wicht,

Verträgst du dich mit allen?«

Ich leugne die Talente nicht,

Wenn sie mir auch mißfallen.


Wenn einer auch sich überschätzt,

Die Sterne kann er nicht erreichen,

Zu tief wird er herabgesetzt,

Da ist denn alles bald im gleichen.
[642]

Fahrt nur fort, nach eurer Weise

Die Welt zu überspinnen!

Ich in meinem lebendigen Kreise

Weiß das Leben zu gewinnen.


Mir will das kranke Zeug nicht munden,

Autoren sollten erst gesunden.


Zeig ich die Fehler des Geschlechts,

So heißt es: Tue selbst was Rechts.


»Du Kräftiger, sei nicht so still,

Wenn auch sich andere scheuen.«

Wer den Teufel erschrecken will,

Der muß laut schreien.


»Du hast an schönen Tagen

Dich manchmal abgequält!«

Ich habe mich nie verrechnet,

Aber oft verzählt.


Über Berg und Tal,

Irrtum über Irrtum allzumal,

Kommen wir wieder ins Freie;

Doch da ist's gar zu weit und breit,

Nun suchen wir in kurzer Zeit

Irrgang und Berg aufs neue.
[643]

Gibt's ein Gespräch, wenn wir uns nicht betrügen,

Mehr oder weniger versteckt?

So ein Ragout von Wahrheit und von Lügen,

Das ist die Köcherei, die mir am besten schmeckt.


Kennst du das Spiel, wo man im lust'gen Kreis

Das Pfeifchen sucht und niemals findet,

Weil man's dem Sucher, ohn daß er's weiß,

In seines Rockes hintre Falten bindet,

Das heißt: an seinen Steiß?


Mit Narren leben wird dir gar nicht schwer,

Versammle nur ein Tollhaus um dich her.

Bedenke dann, das macht dich gleich gelind,

Daß Narrenwärter selbst auch Narren sind.


Wo recht viel Widersprüche schwirren,

Mag ich am liebsten wandern;

Niemand gönnt dem andern –

Wie lustig! – das Recht zu irren.


Stämme wollen gegen Stämme pochen,

Kann doch einer, was der andere kann!

Steckt doch Mark in jedem Knochen,

Und in jedem Hemde steckt ein Mann.


Hat Welscher-Hahn an seinem Kropf,

Storch an dem Langhals Freude;

Der Kessel schilt den Ofentopf,

Schwarz sind sie alle beide.
[644]

»Wie gerne säh ich jeden stolzieren,

Könnt er das Pfauenrad vollführen.


Warum nur die hübschen Leute

Mir nicht gefallen sollen?«

Manchen hält man für fett,

Er ist nur geschwollen.


Da reiten sie hin! wer hemmt den Lauf!

Wer reitet denn? Stolz und Unwissenheit.

Laß sie reiten! da ist gute Zeit,

Schimpf und Schade sitzen hinten auf.


»Wie ist dir's doch so balde

Zur Ehr und Schmach gediehn?«

Blieb' der Wolf im Walde,

So würd er nicht beschrien.


Die Freunde


Oh! laß die Jammerklagen:

Da nach den schlimmsten Tagen

Man wieder froh genießt.


Hiob


Ihr wollet meiner spotten:

Denn ist der Fisch gesotten,

Was hilft es, daß die Quelle fließt?


Was willst du mit den alten Tröpfen,

Es sind Knöpfe, die nicht mehr knöpfen.
[645]

Laß im Irrtum sie gebettet,

Suche weislich zu entfliehn,

Bist ins Freie du gerettet,

Niemand sollst du nach dir ziehn.


Aber alles, was begegnet

Froh, mit reinem Jugendsinn,

Sei belehrt, es sei gesegnet!

Und das bleibe dir Gewinn.


Ins Sichere willst du dich betten!

Ich liebe mir inneren Streit:

Denn wenn wir die Zweifel nicht hätten,

Wo wäre denn frohe Gewißheit?


»Was willst du, daß von deiner Gesinnung

Man dir nach ins Ewige sende?«

Er gehörte zu keiner Innung,

Blieb Liebhaber bis ans Ende.


»Triebst du doch bald dies, bald das!

War es ernstlich, war es Spaß?«

Daß ich redlich mich beflissen,

Was auch werde, Gott mag's wissen.


»Dir warum doch verliert

Gleich alles Wert und Gewicht?«

Das Tun interessiert,

Das Getane nicht.
[646]

»So still und so sinnig!

Es fehlt dir was, gesteh es frei.«

Zufrieden bin ich,

Aber mir ist nicht wohl dabei.


Weißt du, worin der Spaß des Lebens liegt?

Sei lustig! – Geht es nicht, so sei vergnügt.
[647]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 637-648.
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