1824

919.*


1824, 2. Januar.


Mittag bei Goethe

und mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische, in heitern Gesprächen. Eine junge Schönheit der weimarischen Gesellschaft kam zur Erwähnung, wobei einer der Anwesenden bemerkte, daß er fast auf dem Punkte stehe, sie zu lieben, obgleich ihr Verstand nicht eben glänzend zu nennen.

»Pah!« sagte Goethe lachend, »als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu thun hätte! Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge als den Verstand. Wir lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den Charakter, ihre Fehler, ihre Capricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche sonst; aber wir lieben nicht ihren Verstand. Ihren Verstand achten wir, wenn er glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unsern Augen unendlich an Werth gewinnen. Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits lieben; allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre uns zu entzünden und eine Leidenschaft zu erwecken.«

[1] Man fand an Goethes Worten viel Wahres und Überzeugendes und war sehr bereit, den Gegenstand ebenfalls von dieser Seite zu betrachten.

Nach Tische und als die übrigen gegangen waren, blieb ich bei Goethe sitzen und verhandelte mit ihm noch mancherlei Gutes.

Wir sprachen über die englische Literatur, über die Größe Shakespeares, und welch einen ungünstigen Stand alle englischen dramatischen Schriftsteller gehabt, die nach jenem poetischen Riesen gekommen.

»Ein dramatisches Talent,« fuhr Goethe fort, »wenn es bedeutend war, konnte nicht umhin von Shakespeare Notiz zu nehmen, ja es konnte nicht umhin ihn zu studiren. Studirte es ihn aber, so mußte ihm bewußt werden, daß Shakespeare die ganze Menschennatur nach allen Richtungen hin und in allen Tiefen und Höhen bereits erschöpft habe, und daß im Grunde für ihn, den Nachkömmling, nichts mehr zu thun übrigbleibe. Und woher hätte einer den Muth nehmen sollen, nur die Feder anzusetzen, wenn er sich solcher bereits vorhandener unergründlicher und unerreichbarer Vortrefflichkeiten in ernster anerkennender Seele bewußt war!

Da hatte ich es freilich vor funfzig Jahren in meinem lieben Deutschland besser. Ich konnte mich sehr bald mit dem Vorhandenen abfinden, es konnte mir nicht lange imponiren und mich nicht sehr aufhalten. Ich ließ die deutsche Literatur und das Studium derselben sehr bald hinter mir und wendete[2] mich zum Leben und zur Production. So nach und nach vorschreitend, ging ich in meiner natürlichen Entwickelung fort und bildete mich nach und nach zu den Productionen heran, die mir von Epoche zu Epoche gelangen. Und meine Idee vom Vortrefflichen war auf jeder meiner Lebens- und Entwickelungsstufen nie viel größer, als was ich auch auf jeder Stufe zu machen im Stande war. Wäre ich aber als Engländer geboren, und wären alle jene vielfältigen Meisterwerke bei meinem ersten jugendlichen Erwachen mit all ihrer Gewalt auf mich eingedrungen, es hätte mich überwältigt, und ich hätte nicht gewußt, was ich hätte thun wollen. Ich hätte nicht so leichten frischen, Muthes vorschreiten können, sondern mich sicher erst lange besinnen und umsehen müssen, um irgendwo einen neuen Ausweg zu finden.«

Ich lenkte das Gespräch auf Shakespeare zurück. »Wenn man ihn,« sagte ich, »aus der englischen Literatur gewissermaßen herausreißt und als einen einzelnen nach Deutschland versetzt und betrachtet, so kann man nicht umhin seine riesenhafte Größe als ein Wunder anzustaunen. Sucht man ihn aber in seiner Heimath auf, versetzt man sich auf den Boden seines Landes und in die Atmosphäre des Jahrhunderts, in dem er lebte, studirt man ferner seine Mitlebenden und unmittelbaren Nachfolger, athmet man die Kraft, die uns aus Ben Jonson, Massinger, Marlow und Beaumont und Fletcher anweht, so bleibt zwar Shakespeare immer[3] noch eine gewaltig hervorragende Größe, aber man kommt doch zu der Überzeugung, daß viele Wunder seines Geistes einigermaßen zugänglich werden, und daß vieles von ihm in der kräftigen productiven Luft seines Jahrhunderts und seiner Zeit lag.«

»Sie haben vollkommen recht,« erwiederte Goethe. »Es ist mit Shakespeare wie mit den Gebirgen der Schweiz. Verpflanzen Sie den Montblanc unmittelbar in die große Ebene der Lüneburger Haide, und Sie werden vor Erstaunen über seine Größe keine Worte finden. Besuchen Sie ihn aber in seiner riesigen Heimath, kommen Sie zu ihm über seine großen Nachbarn: die Jungfrau, das Finsteraarhorn, den Eiger, das Wetterhorn, den Gotthard und Monte-Rosa, so wird zwar der Montblanc immer ein Riese bleiben, allein er wird uns nicht mehr in ein solches Erstaunen setzen.

Wer übrigens nicht glauben will,« fuhr Goethe fort, »daß vieles von der Größe Shakespeares seiner großen kräftigen Zeit angehört, der stelle sich nur die Frage, ob er denn eine solche staunenerregende Erscheinung in dem heutigen England von 1824, in diesen schlechten Tagen kritisirender und zersplitternder Journale für möglich halte. Jenes ungestörte, unschuldige, nachtwandlerische Schaffen, wodurch allein etwas Großes gedeihen kann, ist gar nicht mehr möglich. Unsere jetzigen Talente liegen alle auf dem Präsentirteller der Öffentlichkeit. Die täglich[4] an funfzig verschiedenen Orten erscheinenden kritischen Blätter und der dadurch im Publicum bewirkte Klatsch lassen nichts Gesundes aufkommen. Wer sich heutzutage nicht ganz davon zurückhält und sich nicht mit Gewalt isolirt, ist verloren. Es kommt zwar durch das schlechte, größtentheils negative ästhetisirende und kritisirende Zeitungswesen eine Art Halbkultur in die Massen, allein dem hervorbringenden Talent ist es ein böser Nebel, ein fallendes Gift, das den Baum seiner Schöpfungskraft zerstört vom grünen Schmuck der Blätter bis in das tiefste Mark und die verborgenste Faser.

Und dann, wie zahm und schwach ist seit den lumpigen paar hundert Jahren nicht das Leben selber geworden! Wo kommt uns noch eine originelle Natur unverhüllt entgegen! Und wo hat einer die Kraft, wahr zu sein und sich zu zeigen wie er ist! Das wirkt aber zurück auf den Poeten, der alles in sich selber finden soll, während von außen ihn alles im Stich läßt.«

Das Gespräch wendete sich auf den ›Werther‹. »Das ist auch so ein Geschöpf,« sagte Goethe, »das ich gleich dem Pelikan mit dem Blute meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten. Übrigens habe ich das Buch, wie ich schon öfter gesagt, seit seinem Erscheinen nur ein einziges mal wieder gelesen und mich gehütet,[5] es abermals zu thun. Es sind lauter Brandraketen! Es wird mir unheimlich dabei, und ich fürchte den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging.«

Ich erinnerte an sein Gespräch mit Napoleon, das ich aus der Skizze kenne, die unter seinen ungedruckten Papieren vorhanden und die ich ihn wiederholt ersucht habe weiter auszuführen. »Napoleon,« sagte ich, »bezeichnet gegen Sie im ›Werther‹ eine Stelle, die ihm einer scharfen Prüfung gegenüber nicht Stich zu halten scheint, welches Sie ihm auch zugeben. Ich möchte sehr gern wissen, welche Stelle er gemeint hat.« – »Rathen Sie!« sagte Goethe mit einem geheimnißvollen Lächeln. – »Nun,« sagte ich, »ich dächte fast, es wäre die, wo Lotte Werthern die Pistolen schickt, ohne gegen Albert ein Wort zu sagen und ohne ihm ihre Ahnungen und Befürchtungen mitzutheilen. Sie haben sich zwar alle Mühe gegeben, dieses Schweigen zu motivieren, allein es scheint doch alles gegen die dringende Nothwendigkeit, wo es das Leben des Freundes galt, nicht Stich zu halten.« – »Ihre Bemerkung,« erwiderte Goethe, »ist freilich nicht schlecht. Ob aber Napoleon dieselbe Stelle gemeint hat oder eine andere, halte ich für gut nicht zu verrathen. Aber wie gesagt, Ihre Beobachtung ist ebenso richtig wie die seinige.«

Ich brachte zur Erwähnung, ob denn die große Wirkung, die der ›Werther‹ bei seinem Erscheineu gemacht, wirklich in der Zeit gelegen. »Ich kann mich,«[6] sagte ich, »nicht zu dieser allgemein verbreiteten Ansicht bekennen. Der ›Werther‹ hat Epoche gemacht, weil er erschien, nicht weil er in einer gewissen Zeit erschien. Es liegt in jeder Zeit so viel unausgesprochenes Leiden, so viel heimliche Unzufriedenheit und Lebensüberdruß, und in einzelnen Menschen so viele Mißverhältnisse zur Welt, so viele Conflicte ihrer Natur mit bürgerlichen Einrichtungen, daß der ›Werther‹ Epoche machen würde und wenn er erst heute erschiene.«

»Sie haben wohl recht,« erwiederte Goethe, »weßhalb denn auch das Buch auf ein gewisses Jünglingsalter noch heute wirkt wie damals. Auch hätte ich kaum nöthig gehabt, meinen eigenen jugendlichen Trübsinn aus allgemeinen Einflüssen meiner Zeit und aus der Lectüre einzelner englischer Autoren herzuleiten. Es waren vielmehr individuelle, nahe liegende Verhältnisse, die mir auf die Nägel brannten und mir zu schaffen machten, und die mich in jenen Gemüthszustand brachten, aus dem der ›Werther‹ hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! Das war es.

Die vielbesprochene Wertherzeit gehört, wenn man es näher betrachtet, freilich nicht dem Gange der Weltkultur an, sondern dem Lebensgange jedes einzelnen, der mit angeborenem freien Natursinn sich in die beschränkenden Formen einer veralteten Welt finden und schicken lernen soll. Gehindertes Glück, gehemmte Thätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen,[7] und es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der ›Werther‹ käme als wäre er bloß für ihn geschrieben.«[8]


920.*


1824, 4. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Heute nach Tische ging Goethe mit mir das Portefeuille von Rafael durch. Er beschäftigt sich mit Rafael sehr oft, um sich immerfort im Verkehr mit dem Besten zu erhalten und sich immerfort zu üben, die Gedanken eines hohen Menschen nachzudenken. Dabei macht es ihm Freude, mich in ähnliche Dinge einzuführen.

Hernach sprachen wir über den ›Divan‹, besonders über das ›Buch des Unmuths‹, worin manches ausgeschüttet, was er gegen seine Feinde auf dem Herzen hatte.

»Ich habe mich übrigens sehr mäßig gehalten,« fügte er hinzu; »wenn ich alles hätte aussprechen wollen was mich wurmte und mir zu schaffen machte, so hätten die wenigen Seiten wohl zu einem ganzen Bande anwachsen können. Man war im Grunde nie mit mir zufrieden und wollte mich immer anders, als es Gott gefallen hatte mich zu machen. Auch war man selten mit dem zufrieden, was ich hervorbrachte. Wenn ich mich Jahr und Tag mit ganzer Seele abgemüht[8] hatte, der Welt mit einem neuen Werke etwas zu Liebe zu thun, so verlangte sie, daß ich mich noch obendrein bei ihr bedanken sollte, daß sie es nur erträglich fand. Lobte man mich, so sollte ich das nicht in freudigem Selbstgefühl als einen schuldigen Tribut hinnehmen, sondern man erwartete von mir irgend eine ablehnende bescheidene Phrase, worin ich demüthig den völligen Unwerth meiner Person und meines Werkes an den Tag lege. Das aber widerstrebte meiner Natur, und ich hätte müssen ein elender Lump sein, wenn ich so hätte heucheln und lügen wollen. Da ich nun aber stark genug war, mich in ganzer Wahrheit so zu zeigen wie ich fühlte, so galt ich für stolz und gelte noch so bis auf den heutigen Tag. In religiösen Dingen, in wissenschaftlichen und politischen, überall machte es mir zu schaffen, daß ich nicht heuchelte, und daß ich den Muth hatte, mich auszusprechen wie ich empfand.

Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edeln über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, daß Drei Eins sei und Eins Drei. Das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, daß mir damit auch nur im mindesten wäre geholfen gewesen.

Ferner bekam es mir schlecht, daß ich einsah, die Newton'sche Lehre vom Licht und der Farbe sei ein Irrthum, und daß ich den Muth hatte, dem allgemeinen[9] Credo zu widersprechen. Ich erkannte das Licht in seiner Reinheit und Wahrheit, und ich hielt es meines Amtes, dafür zu streiten. Jene Partei aber trachtete in allem Ernst, das Licht zu verfinstern, denn sie behauptete, das Schattige sei ein Theil des Lichtes. Es klingt absurd, wenn ich es so ausspreche, aber doch ist es so; denn man sagte: die Farben, welche doch ein Schattiges und Durchschattetes sind, seien das Licht selber, oder, was aus eins hinauskommt, sie seien des Lichtes bald so und bald so gebrochene Strahlen.«

Goethe schwieg, während aus seinem bedeutenden Gesicht ein ironisches Lächeln verbreitet war. Er fuhr fort:

»Und nun gar in politischen Dingen! Was ich da für Noth und was ich da zu leiden gehabt, mag ich gar nicht sagen. Kennen Sie meine ›Aufgeregten‹?«

»Erst gestern,« erwiederte ich, »habe ich wegen der neuen Ausgabe Ihrer Werke das Stück gelesen und von Herzen bedauert, daß es unvollendet geblieben. Aber wie es auch ist, so wird sich jeder Wohldenkende zu Ihrer Gesinnung bekennen.«

»Ich schrieb es zur Zeit der französischen Revolution,« fuhr Goethe fort, »und man kann es gewissermaßen als mein politisches Glaubensbekenntniß jener Zeit ansehen. Als Repräsentanten des Adels hatte ich die Gräfin hingestellt und mit den Worten, die ich ihr in den Mund gelegt, ausgesprochen, wie der Adel eigentlich denken soll. Die Gräfin kommt soeben aus Paris[10] zurück, sie ist dort Zeuge der revolutionären Vorgänge gewesen und hat daraus für sich selbst keine schlechte Lehre gezogen. Sie hat sich überzeugt, daß das Volk wohl zu drücken, aber nicht zu unterdrücken ist, und daß die revolutionären Aufstände der untern Klassen eine Folge der Ungerechtigkeit der Großen sind. Jede Handlung, die mir unbillig scheint, sagt sie, will ich künftig streng vermeiden, auch werde ich über solche Handlungen anderer in der Gesellschaft und bei Hofe meine Meinung laut sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen und wenn ich auch unter dem Namen einer Demokratin verschrien werden sollte!

Ich dächte,« fuhr Goethe fort, »diese Gesinnung wäre durchaus respectabel. Sie war damals die meinige und ist es noch jetzt. Zum Lohne dafür aber belegte man mich mit allerlei Titeln, die ich nicht wiederholen mag.«

»Man braucht nur den ›Egmont‹ zu lesen,« versetzte ich, »um zu erfahren, wie Sie denken. Ich kenne kein deutsches Stück, wo der Freiheit des Volks mehr das Wort geredet würde als in diesem.«

»Man beliebt einmal,« erwiderte Goethe, »mich nicht so sehen zu wollen wie ich bin, und wendet die Blicke von allem hinweg was mich in meinem wahren Lichte zeigen könnte. Dagegen hat Schiller, der, unter uns, weit mehr ein Aristokrat war als ich, der aber weit mehr bedachte, was er sagte, als ich, das merkwürdige[11] Glück, als besonderer Freund des Volks zu gelten. Ich gönne es ihm von Herzen und tröste mich damit, daß es andern vor mir nicht besser gegangen.

Es ist wahr, ich konnte kein Freund der französischen Revolution sein; denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten mich täglich und stündlich, während ihre wohlthätigen Folgen damals noch nicht zu ersehen waren. Auch konnte ich nicht gleichgültig dabei sein, daß man in Deutschland künstlicherweise ähnliche Scenen herbeizuführen trachtete, die in Frankreich Folge einer großen Nothwendigkeit waren. Ebenso wenig aber war ich ein Freund herrischer Willkür. Auch war ich vollkommen überzeugt, daß irgend eine große Revolution nie Schuld des Volks ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, sodaß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Nothwendige von unten her erzwungen wird. Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich einen Freund des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweideutiger Titel, den ich mir verbitten möchte. Wenn das Bestehende alles vortrefflich, gut und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawider; da aber neben vielem Guten zugleich viel Schlechtes, Ungerechtes und Unvollkommenes besteht, so heißt ein Freund des Bestehenden oft nicht[12] viel weniger als ein Freund des Veralteten und Schlechten.

Die Zeit aber ist in ewigem Fortschreiten begriffen, und die menschlichen Dinge haben alle funfzig Jahre eine andere Gestalt, sodaß eine Einrichtung, die im Jahre 1800 eine Vollkommenheit war, schon im Jahre 1850 vielleicht ein Gebrechen ist. Und wiederum ist für eine Nation nur das gut, was aus ihrem eigenen Kern und ihrem eigenen allgemeinen Bedürfniß hervorgegangen, ohne Nachäffung einer andern; denn was dem einen Volk aus einer gewissen Altersstufe eine wohlthätige Nahrung sein kann, erweist sich vielleicht für ein anderes als ein Gift. Alle Versuche, irgend eine ausländische Neuerung einzuführen, wozu das Bedürfniß nicht im tiefen Kern der eigenen Nation wurzelt, sind daher thöricht und alle beabsichtigten Revolutionen solcher Art ohne Erfolg; denn sie sind ohne Gott, der sich von solchen Pfuschereien zurückhält. Ist aber ein wirkliches Bedürfniß zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm und sie gelingt. Er war sichtbar mit Christus und seinen ersten Anhängern; denn die Erscheinung der neuen Lehre der Liebe war den Völkern ein Bedürfniß; er war ebenso sichtbar mit Luther; denn die Reinigung jener durch Pfaffenwesen verunstalteten Lehre war es nicht weniger. Beide genannten großen Kräfte aber waren nicht Freunde des Bestehenden; vielmehr waren beide lebhaft durchdrungen,[13] daß der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse, und daß es nicht ferner im Unwahren, Ungerechten und Mangelhaften so fortgehen und bleiben könne.«[14]


921a.*


1824, 9. Januar.


Mit Friedrich von Müller

Von 6 1/2 bis gegen 9 Uhr – etwas zu lang – war ich bei Goethe, der sich in der Hinterstube aufhielt. Mein Bemühen für die Frau Szymanowska einen Empfehlungsbrief an Humboldt zu erhalten, war vergeblich. Endlich, meinte er, müsse man schreiben: »Da Sie zu den Naturforschern gehören, die Alles durch Vulcane erzeugt halten, so sende ich Ihnen einen weiblichen Vulcan, der Alles vollends versengt und verbrennt, was noch übrig ist.«[14]


921b.*


1824, 20. Januar.


Mit Friedrich von Müller

Ich war zu Mittag bei ihm, bloß Ulrike und Walther speisten mit.

Die Jenaischen Jubiläumsfestlichkeiten und Gedichte auf Lenz gaben den nächsten Stoff zum Gespräch. Er fand viele Freude an dem handschriftlichen Gedicht eines Studenten aus Gotha: der Dichter habe sich den Überblick seines ganzen reichen Gegenstandes verschafft, und nur so könne man etwas Tüchtiges leisten.

Vom künftigen Jubelfeste des Großherzogs, 3. September 1825, sprachen wir viel, da mir daran gelegen war seine Ideen zu erforschen. Ich schlug Medaille, Triumphbogen, Versammlung von Deputirten aus allen[14] Ortschaften vor. Zur Medaille, wenn das Bild des Fürsten darauf geprägt werden sollte, meinte er, bedürfe es durchaus der Einwilligung des Großherzogs selbst. Überraschung dürfe ohnehin bei einem Fürsten nicht statuirt werden.

Die Idee des Triumphbogens am Eingange des Schloßhofes sprach ihn sehr an, Repräsentanten des Landes aber seien langweilig, wenn nicht schöne Repräsentantinnen dazu kämen.

Nach Tische sprachen wir wohl noch anderthalb Stunden stehend. Er war sehr gemüthlich und heiter. Der Zustand der Mineralogie sei jetzt gar zu wunderbar. Leonhard und andere, die früher auf rechtem Wege gewandelt, hätten sich selbst zu überbieten gesucht und verirrt. Mit Recht nenne man die pyhsikalischen Wissenschaften die »exacten«, weil man die Irrthümer darin klar nachweisen könne. Im Ästhetischen, wo alles vom Gefühl abhänge, sei dies freilich nicht möglich. »Fürs Ästhetische bin ich eigentlich geboren, doch jetzt zu alt dazu, wende ich mich den Naturstudien immer mehr zu.«

Er zeigte ein schönes, dem Großherzoge verehrtes, antikes Schild, etwa aus dem sechzehnten Jahrhundert, und ein scherzhaftes Collectivgedicht von Tiefurter Genossen aus den Jahren 1780 an den damals mit ihm zu Ilmenau hausenden Herzog, das er jetzt erst aufgefunden und dem Erbgroßherzog zum 2. Februar zu verehren willens sei. Eine zierliche Dedication im[15] Lapidarstyl, eine erklärende Einleitung, ein Verzeichniß der verschiedenen Verfasser, gleichsam einen Theaterzettel; zum Schlusse hatte er sinnig dazu geschrieben, das Ganze elegant in dunkelrothes Maroquin-Papier mit grünseidenen Schleifen einbinden lassen. Viel erzählte er dann von »Alonzo et la révolution d'Espagne«1, historischer Roman in vier Bänden á la Walter Scott, woraus er nun seit vierzehn Tagen viel Aufklärung über die innern Zustände Spaniens geschöpft. Er lobte die Darstellungsweise höchlich; mir rieth er ab, meine Zeit daran zu wenden und erweckte doch immer die Lust dazu von Neuem. Als ich ihn über die Schicklichkeit eines besonderen Gedichts für die englischen Dichtergestalten zum nahen Maskenballe befrug, billigte er meine Scrupel und schlug Mittheilung an Riemer zur Aufnahme in sein größeres Gedicht vor. Er sei selbst geneigt, wenn ein schönes Kind ihn darum begrüße, einige anonyme Verse zu spenden.

Lange war er nicht so redselig, so gemüthlich mittheilend, so ruhig heiter gewesen.


1 Salvandy's Roman heißt: Alonzo ou L'Espagne.[16]


922.*


1824, 27. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe sprach mit mir über die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte, mit deren Ausarbeitung er sich gegenwärtig[16] beschäftigt. Es kam zur Erwähnung, daß diese Epoche seines späteren Lebens nicht die Ausführlichkeit des Details haben könne wie die ›Jugendepoche von Wahrheit und Dichtung‹.

»Ich muß,« sagte Goethe, »diese späteren Jahre mehr als Annalen behandeln; es kann darin weniger mein Leben als meine Thätigkeit zur Erscheinung kommen. Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall mit den ausführlichen Bänden von ›Wahrheit und Dichtung‹ abschließt. Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse als etwas dabei herauskommt. Und dann, das Leben eines deutschen Gelehrten, was ist es? Was in meinem Falle daran etwa Gutes sein möchte, ist nicht mitzutheilen, und das Mittheilbare ist nicht der Mühe werth. Und wo sind denn die Zuhörer, denen man mit einigem Behagen erzählen möchte?

Wenn ich auf mein früheres und mittleres Leben zurückblicke, und nun in meinem Alter bedenke, wie wenige noch von denen übrig sind, die mit mir jung waren, so fällt mir immer der Sommeraufenthalt in einem Bade ein. Sowie man ankommt, schließt man Bekanntschaften und Freundschaften mit solchen, die schon eine Zeit lang dort waren und die in den nächsten Wochen wieder abgehen. Der Verlust ist schmerzlich. Nun hält man sich an die zweite Generation, mit der[17] man eine gute Weile fortlebt und sich auf das innigste verbindet. Aber auch diese geht und läßt uns einsam mit der dritten, die nahe vor unserer Abreise ankommt und mit der man auch gar nichts zu thun hat.

Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein imgrunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von Neuem gehoben sein wollte. Meine Annalen werden es deutlich machen, was hiermit gesagt ist. Der Ansprüche an meine Thätigkeit, sowohl von außen als innen, waren zu viele.

Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen. Allein wie sehr war dieses durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftlichen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr in der Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen und würde als Dichter weit mehr gemacht haben. So aber sollte sich bald nach meinem ›Götz‹ und ›Werther‹ an mir das Wort eines Weisen bewähren, welcher sagte: wenn man der Welt etwas zu Liebe gethan habe, so wisse sie dafür zu sorgen, daß man es nicht zum zweitenmal thue.

Ein weitverbreiteter Name, eine hohe Stellung im[18] Leben sind gute Dinge. Allein mit all meinem Namen und Stande habe ich es nicht weiter gebracht, als daß ich, um nicht zu verletzen, zu der Meinung anderer schweige. Dieses würde nun in der That ein sehr schlechter Spaß sein, wenn ich dabei nicht den Vortheil hätte, daß ich erfahre, wie die andern denken, aber sie nicht, wie ich.«[19]


923.*


1824, 14. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Als ich heute mit Goethe über die zahmen Xenien in seinem neuesten Hefte ›Kunst und Alterthum‹ sprach, äußerte er: »Ich gebe gern von Zeit zu Zeit eine Partie solcher Reimsprüche aus; jeder kann nach eigener Lust eine Erfahrung, einen Lebenszustand hineinlegen oder daran knüpfen. Sie kommen mir oft in der wunderbarsten Anwendung wieder zurück und bilden sich lebendig immer weiter aus. Hat man doch auch aus der Bibel, aus Horaz und Virgil Denksprüche auf fast alle Ereignisse des Lebens!«

Wir kamen auf die Paria's-Gedichte zu sprechen und auf den ewigen Hang der Menschen zu Unterscheidung der Kasten. »Jeder Mensch,« sagte er, »schlägt die Vortheile der Geburt blos deßwegen so hoch an, weil sie etwas Unbestreitbares sind. Alles was man erwirbt, leistet, durch Anstrengung verdient, bleibt dagegen[19] ewig von der Verschiedenheit der Urtheile und Ansichten abhängig. Eine Aussöhnung hierüber ist vergeblich, macht das Übel nur schlimmer, wie es z.B. die Bürger mit dem Luxus einer Hoftafel nicht versöhnt, wenn man einige aus ihrer Mitte zuweilen daran Theil nehmen läßt.«

Das Gespräch wandte sich auf Napoleon und Goethes Gespräch mit ihm, zu dessen Niederschreibung ich ihn lebhaft antrieb. Er meinte, ich solle doch nur erst meine eigenen Memoires aus jener Zeit niederschreiben, recht gegenständlich, ohne alle subjective Einmischung; das werde auch ihn dann zu Darstellungen aus jener Zeit aufregen.[20]


924.*


1824, 15. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Heute vor Tisch hatte Goethe mich zu einer Spazierfahrt einladen lassen. Ich fand ihn frühstückend, als ich zu ihm ins Zimmer trat; er schien sehr heiterer Stimmung.

»Ich habe einen angenehmen Besuch gehabt,« sagte er mir freudig entgegen; »ein sehr hoffnungsvoller junger Mann, Meyer aus Westfalen, ist vorhin bei mir gewesen. Er hat Gedichte gemacht, die sehr viel erwarten lassen. Er ist erst achtzehn Jahre alt und schon unglaublich weit.

[20] Ich freue mich,« sagte Goethe darauf lachend, »daß ich jetzt nicht achtzehn Jahre alt bin. Als ich achtzehn war, war Deutschland auch erst achtzehn, da ließ sich noch etwas machen; aber jetzt wird unglaublich viel gefordert, und es sind alle Wege verrannt. Deutschland selbst steht in allen Fächern so hoch, daß wir kaum alles übersehen können, und nun sollen wir noch Griechen und Lateiner sein, und Engländer und Franzosen dazu! Ja obendrein hat man die Verrücktheit, auch nach dem Orient zu Weisen, und da muß denn ein junger Mensch ganz konfus werden.

Ich habe ihm zum Trost meine kolossale Juno gezeigt, als ein Symbol, daß er bei den Griechen verharren und dort Beruhigung finden möge. Er ist ein prächtiger junger Mensch! Wenn er sich vor Zersplitterung in Acht nimmt, so kann etwas aus ihm werden. Aber, wie gesagt, ich danke dem Himmel, daß ich jetzt, in dieser durchaus gemachten Zeit, nicht jung bin. Ich würde nicht zu bleiben wissen. Ja selbst wenn ich nach Amerika flüchten wollte, ich käme zu spät, denn auch dort wäre es schon zu helle.«[21]


925.*


1824, 22. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

und August von Goethe

Zu Tische mit Goethe und seinem Sohn .....

Nach Tische legte Goethe uns kolorirte Zeichnungen italienischer Gegenden vor, besonders des nördlichen[21] Italien mit den Gebirgen der angrenzenden Schweiz und dem Lago Maggiore. Die Borromäischen Inseln spiegelten sich im Wasser, man sah am Ufer Fahrzeuge und Fischergeräth, wobei Goethe bemerklich machte, daß dies der See aus seinen ›Wanderjahren‹ sei. Nordwestlich, in der Richtung nach dem Monte-Rosa, stand das den See begrenzende Vorgebirge in dunkeln blauschwarzen Massen, so wie es kurz nach Sonnenuntergang zu sein pflegt.

Ich machte die Bemerkung, daß mir, als einem in der Ebene Geborenen, die düstere Erhabenheit solcher Massen ein unheimliches Gefühl errege, und daß ich keineswegs Lust verspüre, in solchen Schluchten zu wandern.

»Dieses Gefühl,« sagte Goethe, »ist in der Ordnung. Denn imgrunde ist dem Menschen nur der Zustand gemäß, worin und wofür er geboren worden. Wen nicht große Zwecke in die Fremde treiben, der bleibt weit glücklicher zu Hause. Die Schweiz machte anfänglich auf mich so großen Eindruck, daß ich dadurch verwirrt und beunruhigt wurde; erst bei wiederholtem Aufenthalt, erst in späteren Jahren, wo ich die Gebirge blos in mineralogischer Hinsicht betrachtete, konnte ich mich ruhig mit ihnen befassen.«

Wir besahen darauf eine große Folge von Kupferstichen nach Gemälden neuer Künstler aus einer französischen Galerie. Die Erfindung in diesen Bildern war fast durchgehends schwach, sodaß wir unter vierzig[22] Stücken kaum vier bis fünf gute fanden. Diese guten waren: ein Mädchen, das sich einen Liebesbrief schreiben läßt; eine Frau in einem maison á vendre, das niemand kaufen will; ein Fischfang; Musikanten vor einem Muttergottesbilde. Auch eine Landschaft in Poussins Manier war nicht übel, wobei Goethe sich folgendermaßen äußerte: »Solche Künstler,« sagte er, »haben den allgemeinen Begriff von Poussins Landschaften aufgefaßt, und mit diesem Begriff wirken sie fort. Man kann ihre Bilder nicht gut und nicht schlecht nennen. Sie sind nicht schlecht weil überall ein tüchtiges Muster hindurchblickt; aber man kann sie nicht gut heißen, weil den Künstlern gewöhnlich Poussins große Persönlichkeit fehlt. Es ist unter den Poeten nicht anders und es giebt deren, die sich z.B. in Shakespeare's großer Manier sehr unzulänglich ausnehmen würden.«

Zum Schluß Rauch's Modell zu Goethes Statue, für Frankfurt bestimmt, lange betrachtet und besprochen.[23]


926.*


1824, 24. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Heute um 1 Uhr zu Goethe. Er legte mir Manuscripte vor, die er für das erste Heft des fünften Bandes von Kunst und Alterthum diktirt hatte. Zu meiner Beurtheilung des deutschen ›Paria‹ [Trauerspiel von Michael Beer] fand ich von ihm einen Anhang gemacht, sowohl in Bezug auf das[23] französische Trauerspiel [»Le paria« von Delavigne] als seine eigene lyrische Trilogie, wodurch denn dieser Gegenstand gewissermaßen in sich geschlossen war.

»Es ist gut,« sagte Goethe, »daß sie bei Gelegenheit Ihrer Recension sich die indischen Zustände zu eigen gemacht haben; denn wir behalten von unsern Studien am Ende doch nur das, was wir praktisch anwenden.«

Ich gab ihm recht und sagte, daß ich bei meinem Aufenthalt auf der Akademie diese Erfahrung gemacht, indem ich von den Vorträgen der Lehrer nur das behalten, zu dessen Anwendung eine praktische Richtung in mir gelegen; dagegen hätte ich alles, was nicht später bei mir zur Ausübung gekommen, durch aus vergessen. »Ich habe,« sagte ich, »bei Heeren alte und neue Geschichte gehört, aber ich weiß davon kein Wort mehr. Würde ich aber jetzt einen Punkt der Geschichte in der Absicht studiren, um ihn etwa dramatisch darzustellen, so würde ich solche Studien mir sicher für immer zu eigen machen.«

»Überall,« sagte Goethe, »treibt man auf Akademien viel zu viel und gar zu viel Unnützes. Auch dehnen die einzelnen Lehrer ihre Fächer zu weit aus, bei weitem über die Bedürfnisse der Hörer. In früherer Zeit wurde Chemie und Botanik als zur Arzneikunde gehörig vorgetragen, und der Mediciner hatte daran genug. Jetzt aber sind Chemie und Botanik eigene unübersehbare Wissenschaften geworden, deren jede ein[24] ganzes Menschenleben erfordert, und man will sie dem Mediciner mit zumuthen! Daraus aber kann nichts werden; das eine wird über das andere unterlassen und vergessen. Wer klug ist, lehnt daher alle zerstreuende Anforderungen ab und beschränkt sich auf Ein Fach und wird tüchtig in Einem.«

Darauf zeigte mir Goethe eine kurze Kritik, die er über Byron's ›Kain‹ geschrieben und die ich mit großem Interesse las.

»Man sieht,« sagte er, »wie einem freien Geiste wie Byron die Unzulänglichkeit der kirchlichen Dogmen zu schaffen gemacht, und wie er sich durch ein solches Stück von einer ihm aufgedrungenen Lehre zu befreien gesucht. Die englische Geistlichkeit wird es ihm freilich nicht Dank wissen; mich soll aber wundern, ob er nicht in Darstellung nachbarlicher biblischer Gegenstände fortschreiten wird, und ob er sich ein Sujet wie den Untergang von Sodom und Gomorrha wird entgehen lassen.«

Nach diesen literarischen Betrachtungen lenkte Goethe mein Interesse auf die bildende Kunst, indem er mir einen antiken geschnittenen Stein zeigte, von welchem er schon tags vorher mit Bewunderung gesprochen. Ich war entzückt bei der Betrachtung der Naivetät des dargestellten Gegenstandes. Ich sah einen Mann, der ein schweres Gefäß von der Schulter genommen, um einen Knaben daraus trinken zu lassen. Diesem aber ist es noch nicht bequem, noch nicht mundrecht genug, das[25] Getränk will nicht fließen, und indem er seine beiden Händchen an das Gefäß legt, blickt er zu dem Manne hinauf und scheint ihn zu bitten, es noch ein wenig zu neigen.

»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Goethe. »Wir Neuern,« fuhr er fort, »fühlen wohl die große Schönheit eines solchen rein natürlichen, rein naiven Motivs, wir haben auch wohl die Kenntniß und den Begriff, wie es zu machen wäre; allein wir machen es nicht, der Verstand herrscht vor, und es fehlt immer diese entzückende Anmuth.«

Wir betrachteten darauf eine Medaille von Brandt in Berlin, den jungen Theseus darstellend, wie er die Waffen seines Vaters unter dem Steine hervornimmt. Die Stellung der Figur hatte viel Löbliches, jedoch vermißten wir eine genugsame Anstrengung der Glieder gegen die Last des Steins. Auch erschien es keineswegs gut gedacht, daß der Jüngling schon in der einen Hand die Waffen hält, während er noch mit der andern den Stein hebt; denn nach der Natur der Sache wird er zuerst den schweren Stein zur Seite werfen und dann die Waffen aufnehmen. »Dagegen,« sagte Goethe, »will ich Ihnen eine antike Gemme zeigen, worauf derselbe Gegenstand von einem Alten behandelt ist.«

Er ließ von Stadelmann einen Kasten herbeiholen, worin sich einige hundert Abdrücke antiker Gemmen fanden, die er bei Gelegenheit seiner italienischen Reise sich aus Rom mitgebracht. Da sah ich nun denselbigen[26] Gegenstand von einem alten Griechen behandelt, und zwar wie anders! Der Jüngling stemmt sich mit aller Anstrengung gegen den Stein, auch ist er einer solchen Last gewachsen, denn man sieht das Gewicht schon überwunden und den Stein bereits zu dem Punkt gehoben, um sehr bald zur Seite geworfen zu werden. Seine ganze Körperkraft wendet der junge Held gegen die schwere Masse, und nur seine Blicke richtet er niederwärts auf die unten vor ihm liegenden Waffen.

Wir freuten uns der großen Naturwahrheit dieser Behandlung.

»Meyer pflegt immer zu sagen,« fiel Goethe lachend ein, »wenn nur das Denken nicht so schwer wäre! – Das Schlimme aber ist,« fuhr er heiter fort, »daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man muß von Natur richtig sein, sodaß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen und uns zurufen: da sind wir!«[27]


927.*


1824, 25. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe zeigte mir heute zwei höchst merkwürdige Gedichte [eine der unterdrückten Elegien und das Tagebuch], beide in hohem Grade sittlich in ihrer Tendenz, in einzelnen Motiven jedoch so ohne allen Rückhalt natürlich und wahr, daß die Welt dergleichen unsittlich[27] zu nennen pflegt, weshalb er sie denn auch geheim hielt und an eine öffentliche Mittheilung nicht dachte.

»Könnten Geist und höhere Bildung,« sagte er, »ein Gemeingut werden, so hätte der Dichter ein gutes Spiel; er könnte immer durchaus wahr sein und brauchte sich nicht zu scheuen, das Beste zu sagen. So aber muß er sich immer in einem gewissen Niveau halten; er hat zu bedenken, daß seine Werke in die Hände einer gemischten Welt kommen, und er hat daher Ursache, sich in Acht zu nehmen, daß er der Mehrzahl guter Menschen durch eine zu große Offenheit kein Ärgerniß gebe. Und dann ist die Zeit ein wunderlich Ding. Sie ist ein Tyrann, der seine Launen hat und der zu dem, was einer sagt und thut, in jedem Jahrhundert ein ander Gesicht macht. Was den alten Griechen zu sagen erlaubt war, will uns zu sagen nicht mehr anstehen, und was Shakespeare's kräftigen Mitmenschen durchaus anmuthete, kann der Engländer von 1820 nicht mehr ertragen, sodaß in der neuesten Zeit ein Family-Shakspeare ein gefühltes Bedürfniß wird.«

»Auch liegt sehr vieles in der Form,« fügte ich hinzu. »Das eine jener beiden Gedichte, in dem Ton und Versmaß der Alten, hat weit weniger Zurückstoßendes. Einzelne Motive sind allerdings an sich widerwärtig, allein die Behandlung wirft über das Ganze so viel Großheit und Würde, daß es uns wird als hörten wir einen kräftigen Alten und als wären wir in die Zeit griechischer Heroen zurückversetzt. Das[28] andere Gedicht dagegen, in dem Ton und der Versart von Meister Ariost, ist weit verfänglicher. Es behandelt ein Abenteuer von heute, in der Sprache von heute, und indem es dadurch ohne alle Umhüllung ganz in unsere Gegenwart hereintritt, erscheinen die einzelnen Kühnheiten bei weitem verwegener.«

»Sie haben recht,« sagte Goethe, »es liegen in den verschiedenen poetischen Formen geheimnißvolle große Wirkungen. Wenn man den Inhalt meiner ›Römischen Elegien‹ in den Ton und in die Versart von Byron's ›Don Juan‹ übertragen wollte, so müßte sich das Gesagte ganz verrucht ausnehmen.«

Die französischen Zeitungen wurden gebracht. Der beendigte Feldzug der Franzosen in Spanien unter dem Herzog von Angoulême hatte für Goethe großes Interesse. »Ich muß die Bourbons wegen dieses Schrittes durchaus loben,« sagte er, »denn erst hierdurch gewinnen sie ihren Thron, indem sie die Armee gewinnen. Und das ist erreicht. Der Soldat kehrt mit Treue für seinen König zurück, denn er hat aus seinen eigenen Siegen sowie aus den Niederlagen der vielköpfig befehligten Spanier die Überzeugung gewonnen, was für ein Unterschied es sei, einem einzelnen gehorchen oder vielen. Die Armee hat den alten Ruhm behauptet, und an den Tag gelegt, daß sie fortwährend in sich selber brav sei und daß sie auch ohne Napoleon zu siegen vermöge.«

Goethe wendete darauf seine Gedanken in der Geschichte[29] rückwärts und sprach sehr viel über die preußische Armee im siebenjährigen Kriege, die durch Friedrich den Großen an ein beständiges Siegen gewöhnt und dadurch verwöhnt worden, sodaß sie in späterer Zeit aus zu großem Selbstvertrauen so viele Schlachten verloren. Alle einzelnen Details waren ihm gegenwärtig, und ich hatte sein glückliches Gedächtniß zu bewundern.

»Ich habe den großen Vortheil,« fuhr er fort, »daß ich zu einer Zeit geboren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten, sodaß ich vom siebenjährigen Kriege, sodann von der Trennung Amerikas von England, ferner von der französischen Revolution, und endlich von der ganzen Napoleonischen Zeit bis zum Untergange des Helden und den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war. Hierdurch bin ich zu ganz andern Resultaten und Einsichten gekommen, als allen denen möglich sein wird, die jetzt geboren werden und die sich jene großen Begebenheiten durch Bücher aneignen müssen, die sie nicht verstehen.

Was uns die nächsten Jahre bringen werden, ist durchaus nicht vorherzusagen; doch ich fürchte, wir kommen so bald nicht zur Ruhe. Es ist der Welt nicht gegeben, sich zu bescheiden: den Großen nicht, daß kein Mißbrauch der Gewalt stattfinde, und der Masse nicht, daß sie in Erwartung allmählicher Verbesserungen mit einem mäßigen Zustande sich begnüge. Könnte man die Menschheit vollkommen machen, so[30] wäre auch ein vollkommener Zustand denkbar; so aber wird es ewig herüber- und hinüberschwanken, der eine Theil wird leiden, während der andere sich wohlbefindet, Egoismus und Neid werden als böse Dämonen immer ihr Spiel treiben, und der Kampf der Parteien wird kein Ende haben. Das Vernünftigste ist immer, daß jeder sein Metier treibe, wozu er geboren ist und was er gelernt hat, und daß er den andern nicht hindere, das seinige zu thun. Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der Bauer hinter dem Pfluge, und der Fürst wisse zu regieren. Denn dies ist auch ein Metier, das gelernt sein will, und das sich niemand anmaßen soll, der es nicht versteht.«

Goethe kam darauf wieder auf die französischen Zeitungen. »Die Liberalen,« sagte er, »mögen reden; denn wenn sie vernünftig sind, hört man ihnen gern zu, allein den Royalisten, in deren Händen die ausübende Gewalt ist, steht das Reden schlecht, sie müssen handeln. Mögen sie Truppen marschiren lassen, und köpfen und hängen, das ist recht, allein in öffentlichen Blättern Meinungen bekämpfen und ihre Maßregeln rechtfertigen, das will ihnen nicht kleiden. Gäbe es ein Publikum von Königen, da möchten sie reden.

In dem, was ich selber zu thun und zu treiben hatte,« fuhr Goethe fort, »habe ich mich immer als Royalist behauptet. Die andern habe ich schwatzen lassen, und ich habe gethan was ich für gut fand. Ich übersah meine Sache und wußte wohin ich wollte. Hatte ich[31] als einzelner einen Fehler begangen, so konnte ich ihn wieder gut machen, hätte ich ihn aber zu dreien und mehrern begangen, so wäre ein Gutmachen unmöglich gewesen, denn unter vielen ist zu vielerlei Meinung.«

Darauf bei Tische war Goethe von der heitersten Laune. Er zeigte mir das Stammbuch der Frau von Spiegel, worein er sehr schöne Verse geschrieben. Es war ein Platz für ihn zwei Jahre lang offen gelassen, und er war nun froh, daß es ihm gelungen, ein altes Versprechen endlich zu erfüllen. Nachdem ich das Gedicht an Frau von Spiegel gelesen, blätterte ich in dem Buche weiter, wobei ich auf manchen bedeutenden Namen stieß. Gleich auf der nächsten Seite stand ein Gedicht von Tiedge, ganz in der Gesinnung und dem Tone seiner »Urania« geschrieben. »In einer Anwandlung von Verwegenheit,« sagte Goethe, »war ich im Begriff einige Verse darunterzusetzen; es freut mich aber, daß ich es unterlassen, denn es ist nicht das erste Mal, daß ich durch rückhaltslose Äußerungen gute Menschen zurückgestoßen und die Wirkung meiner besten Sachen verdorben habe.

Indessen,« fuhr Goethe fort, »habe ich von Tiedge's ›Urania‹ nicht wenig auszustehen gehabt; denn es gab eine Zeit, wo nichts gesungen und nichts deklamirt wurde, als die ›Urania‹. Wo man hinkam, fand man die ›Urania‹ auf allen Tischen; die ›Urania‹ und die Unsterblichkeit war der Gegenstand jeder Unterhaltung.[32] Ich möchte keineswegs das Glück entbehren, an eine künftige Fortdauer zu glauben, ja ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, daß alle diejenigen auch für dieses Leben todt sind, die kein anderes hoffen; allein solche unbegreifliche Dinge liegen zu fern, um ein Gegenstand täglicher Betrachtung und gedankenzerstörender Speculation zu sein. Und ferner: wer eine Fortdauer glaubt, der sei glücklich imstillen, aber er hat nicht Ursache sich darauf etwas einzubilden. Bei Gelegenheit von Tiedge's ›Urania‹ indeß machte ich die Bemerkung, daß, eben wie der Adel, so auch die Frommen eine gewisse Aristokratie bilden. Ich fand dumme Weiber, die stolz waren, weil sie mit Tiedge an Unsterblichkeit glaubten, und ich mußte es leiden, daß manche mich über diesen Punkt aus eine sehr dünkelhafte Weise examinirte. Ich ärgerte sie aber, indem ich sagte: es könne mir ganz recht sein, wenn nach Ablauf dieses Lebens uns ein abermaliges beglücke; allein ich wolle mir ausbitten, daß mir drüben niemand von denen begegne, die hier daran geglaubt hätten; denn sonst würde meine Plage erst recht angehen! Die Frommen würden um mich herumkommen und sagen: Haben wir nicht recht gehabt? Haben wir es nicht vorhergesagt? Ist es nicht eingetroffen? Und damit würde denn auch drüben der Langeweile kein Ende sein.

Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen,« fuhr Goethe fort, »ist für vornehme Stände und besonders[33] für Frauenzimmer, die nichts zu thun haben. Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt und der daher täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die künftige Welt aus sich beruhen und ist thätig und nützlich in dieser. Ferner sind Unsterblichkeitsgedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum besten weggekommen sind, und ich wollte wetten: wenn der gute Tiedge ein besseres Geschick hätte, so hätte er auch bessere Gedanken.«[34]


928.*


1824, 26. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe zu Tische. – Nachdem gegessen und abgeräumt war, ließ er durch Stadelmann große Portefeuilles mit Kupferstichen herbeischleppen. Auf den Mappen hatte sich einiger Staub gesammelt, und da keine passenden Tücher zum Abwischen in der Nähe waren, so ward Goethe unwillig und schalt seinen Diener. »Ich erinnere dich zum letzten Mal,« sagte er; »denn gehst du nicht noch heute, die oft verlangten Tücher zu kaufen, so gehe ich morgen selbst, und du sollst sehen, daß ich Wort hatte!« Stadelmann ging.

»Ich hatte einmal einen ähnlichen Fall mit dem Schauspieler Becker,« fuhr Goethe gegen mich heiter fort, »der sich weigerte, einen Reiter im ›Wallenstein‹[34] zu spielen. Ich ließ ihm aber sagen, wenn er die Rolle nicht spielen wolle, so würde ich sie selber spielen. Das wirkte; denn sie kannten mich beim Theater und wußten, daß ich in solchen Dingen keinen Spaß verstand, und daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu thun.«

»Und würden Sie im Ernst die Rolle gespielt haben?« fragte ich.

»Ja,« sagte Goethe, »ich hätte sie gespielt und würde den Herrn Becker heruntergespielt haben, denn ich kannte die Rolle besser als er.«

Wir öffneten darauf die Mappen und schritten zur Betrachtung der Kupfer und Zeichnungen. Goethe verfährt hierbei inbezug auf mich sehr sorgfältig, und ich fühle, daß es seine Absicht ist, mich in der Kunstbetrachtung auf eine höhere Stufe der Einsicht zu bringen. Nur das in seiner Art durchaus Vollendete zeigt er mir und macht mir des Künstlers Intention und Verdienst deutlich, damit ich erreichen möge, die Gedanken der Besten nachzudenken und den Besten gleich zu empfinden. »Dadurch,« sagte er heute, »bildet sich das, was wir Geschmack nennen. Denn den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Beste, und wenn sie sich darin befestigen, so haben Sie einen Maßstab für das übrige, das Sie nicht überschätzen, aber doch schätzen werden. Und ich zeige Ihnen das Beste in jeder Gattung, damit Sie[35] sehen, daß keine Gattung gering zu achten, sondern daß jede erfreulich ist, sobald ein großes Talent darin den Gipfel erreichte. Dieses Bild eines französischen Künstlers z.B. ist galant wie kein anderes und daher ein Musterstück seiner Art.«

Goethe reichte mir das Blatt, und ich sah es mit Freuden. In einem reizenden Zimmer eines Sommerpalais, wo man durch offene Fenster und Thüren die Aussicht in den Garten hat, sieht man eine Gruppe der anmuthigsten Personen. Eine sitzende schöne Frau von etwa dreißig Jahren hält ein Notenbuch, woraus sie soeben gesungen zu haben scheint. Etwas tiefer, an ihrer Seite sitzend, lehnt sich ein junges Mädchen von etwa funfzehn. Rückwärts am offenen Fenster steht eine andere junge Dame, sie hält eine Laute und scheint noch Töne zu greifen. In diesem Augenblick ist ein junger Herr hereingetreten, auf den die Blicke der Frauen sich richten; er Scheint die musikalische Unterhaltung unterbrochen zu haben, und indem er mit einer leichten Verbeugung vor ihnen steht, macht er den Eindruck, als sagte er entschuldigende Worte, die von den Frauen mit Wohlgefallen gehört werden.

»Das, dächte ich,« sagte Goethe, »wäre so galant wie irgend ein Stück von Calderon, und sie haben nun in dieser Art das Vorzüglichste gesehen. Was aber sagen Sie hierzu?«

Mit diesen Worten reichte er mir einige radirte Blätter des berühmten Thiermalers Roos, lauter Schafe,[36] und diese Thiere in allen ihren Lagen und Zuständen. Das Einfältige der Physiognomien, das Häßliche, Struppige der Haare, alles mit der äußersten Wahrheit, als wäre es die Natur selber.

»Mir wird immer bange,« sagte Goethe, »wenn ich diese Thiere ansehe. Das Beschränkte, Dumpfe, Träumende, Gähnende ihres Zustandes zieht mich in das Mitgefühl desselben hinein; man fürchtet, zum Thier zu werden, und möchte fast glauben, der Künstler sei selber eins gewesen. Auf jeden Fall bleibt es im hohen Grade erstaunenswürdig, wie er sich in die Seele dieser Geschöpfe hat hineindenken und hineinempfinden können, um den innern Character in der äußern Hülle mit solcher Wahrheit durchblicken zu lassen. Man sieht aber, was ein großes Talent machen kann, wenn es bei Gegenständen bleibt, die seiner Natur analog sind.«

»Hat denn dieser Künstler,« sagte ich, »nicht auch Hunde, Katzen und Raubthiere mit einer ähnlichen Wahrheit gebildet? Ja hat er, bei der großen Gabe sich in einen fremden Zustand hineinzufühlen, nicht auch menschliche Charactere mit einer gleichen Treue behandelt?«

»Nein!« sagte Goethe, »alles das lag außer seinem Kreise; dagegen die frommen grasfressenden Thiere, wie Schafe, Ziegen, Kühe und dergleichen, ward er nicht müde ewig zu wiederholen; dies war seines Talents eigentliche Region, aus der er auch zeitlebens nicht herausging. Und daran that er wohl. Das Mitgefühl[37] der Zustände dieser Thiere war ihm angeboren, die Kenntniß ihres Psychologischen war ihm gegeben, und so hatte er denn auch für deren Körperliches ein so glückliches Auge. Andere Geschöpfe dagegen waren ihm vielleicht nicht so durchsichtig, und es fehlte ihm daher zu ihrer Darstellung sowohl Beruf als Trieb.«

Durch diese Äußerung Goethes ward manches Analoge in mir aufgeregt, das mir wieder lebhaft vor die Seele trat. So hatte er mir vor einiger Zeit gesagt, daß dem echten Dichter die Kenntniß der Welt angeboren sei, und daß er zu ihrer Darstellung keineswegs vieler Erfahrung und einer großen Empirie bedürfe. »Ich schrieb meinen ›Götz von Berlichingen‹,« sagte er, »als junger Mensch von zweiundzwanzig und erstaunte zehn Jahre später über die Wahrheit meiner Darstellung. Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich dergleichen nicht, und ich mußte also die Kenntniß mannigfaltiger menschlicher Zustände durch Anticipation besitzen. Überhaupt hatte ich nur Freude an der Darstellung meiner innern Welt, ehe ich die äußere kannte. Als ich nachher in der Wirklichkeit fand, daß die Welt so war, wie ich sie mir gedacht hatte, war sie mir verdrießlich, und ich hatte keine Lust mehr, sie darzustellen. Ja ich möchte sagen: hätte ich mit Darstellung der Welt so lange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre meine Darstellung Persiflage geworden.«

»Es liegt in den Charakteren,« sagte er ein andermal, »eine gewisse Nothwendigkeit, eine gewisse Consequenz,[38] vermöge welcher bei diesem oder jenem Grundzuge eines Characters gewisse secundäre Züge stattfinden. Dieses lehrt die Empirie genugsam, es kann aber auch einzelnen Individuen die Kenntniß davon angeboren sein. Ob bei mir Angeborenes und Erfahrung sich vereinige, will ich nicht untersuchen; aber soviel weiß ich: wenn ich jemand eine Viertelstunde gesprochen habe, so will ich ihn zwei Stunden reden lassen.«

So hatte Goethe von Lord Byron gesagt, daß ihm die Welt durchsichtig sei, und daß ihm ihre Darstellung durch Anticipation möglich. Ich äußerte darauf einige Zweifel, ob es Byron z.B. gelingen möchte, eine untergeordnete thierische Natur darzustellen, indem seine Individualität mir zu gewaltsam erscheine, um sich solchen Gegenständen mit Liebe hinzugeben. Goethe gab dieses zu und erwiderte, daß die Anticipation sich überall nur so weit erstrecke, als die Gegenstände dem Talent analog seien, und wir wurden einig, daß in dem Verhältniß, wie die Anticipation beschränkt oder umfassend sei, das darstellende Talent selbst von größerm oder geringerm Umfange befunden werde.

»Wenn Euere Excellenz behaupten,« sagte ich daraus, »daß dem Dichter die Welt angeboren sei, so haben Sie wohl nur die Welt des Innern dabei im Sinne, aber nicht die empirische Welt der Erscheinung und Convenienz; und wenn also dem Dichter eine wahre Darstellung derselben gelingen soll, so muß doch wohl die Erforschung des Wirklichen hinzukommen?«

[39] »Allerdings,« erwiederte Goethe, »es ist so. Die Region der Liebe, des Hasses, der Hoffnung, der Verzweiflung, und wie die Zustände und Leidenschaften der Seele heißen, ist dem Dichter angeboren, und ihre Darstellung gelingt ihm. Es ist aber nicht angeboren, wie man Gericht hält, oder wie man im Parlament oder bei einer Kaiserkrönung verfährt, und um nicht gegen die Wahrheit solcher Dinge zu verstoßen, muß der Dichter sie aus Erfahrung oder Überlieferung sich aneignen. So konnte ich im ›Faust‹ den düstern Zustand des Lebensüberdrusses im Helden sowie die Liebesempfindungen Gretchens recht gut durch Anticipation in meiner Macht haben; allein um z.B. zu sagen:


Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe

Des späten Monds mit feuchter Glut heran1

bedurfte es einiger Beobachtung der Natur.«

»Es ist aber,« sagte ich, »im ganzen ›Faust‹ keine Zeile, die nicht von sorgfältiger Durchforschung der Welt und des Lebens unverkennbare Spuren trüge, und man wird keineswegs erinnert, als sei Ihnen das alles, ohne die reichste Erfahrung, nur so geschenkt worden.«

»Mag sein,« antwortete Goethe; »allein hätte ich nicht die Welt durch Anticipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben,[40] und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz todtes und vergebliches Bemühen. Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge, so würden wir auch außer uns dergleichen nicht wahrnehmen.«


1 Im »Faust« I, 3852 steht aber:

Des rothen Monds mit später Gluth heran.][41]


929.*


1824, 28. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

»Es giebt vortreffliche Menschen,« sagte Goethe, »die nichts aus dem Stegreife, nichts obenhin zu thun vermögen, sondern deren Natur es verlangt, ihre jedesmaligen Gegenstände mit Ruhe tief zu durchdringen. Solche Talente machen uns oft ungeduldig, indem man selten von ihnen erlangt, was man augenblicklich wünscht; allein auf diesem Wege wird das Höchste geleistet.«

Ich brachte das Gespräch auf Ramberg. »Das ist freilich ein Künstler ganz anderer Art,« sagte Goethe, »ein höchst erfreuliches Talent, und zwar ein improvisirendes, das nicht seinesgleichen hat. Er verlangte einst in Dresden von mir eine Aufgabe. Ich gab ihm den Agamemnon, wie er, von Troja in seine Heimat zurückkehrend, vom Wagen steigt, und wie es ihm unheimlich wird, die Schwelle seines Hauses zu betreten. Sie werden zugeben, daß dies ein Gegenstand der allerschwierigsten[41] Sorte ist, der bei einem andern Künstler die reiflichste Überlegung würde erfordert haben. Ich hatte aber kaum das Wort ausgesprochen, als Ramberg schon an zu zeichnen fing, und zwar mußte ich bewundern, wie er den Gegenstand sogleich richtig auffaßte. Ich kann nicht leugnen, ich möchte einige Blätter von Ramberg's Hand besitzen.«

Wir sprachen sodann über andere Künstler, die in ihren Werken leichtsinnig verfahren und zuletzt in Manier zu Grunde gehen.

»Die Manier,« sagte Goethe, »will immer fertig sein und hat keinen Genuß an der Arbeit. Das echte, wahrhaft große Talent aber findet sein höchstes Glück in der Ausführung. Roos ist unermüdlich in emsiger Zeichnung der Haare und Wolle seiner Ziegen und Schafe, und man sieht an dem unendlichen Detail, daß er während der Arbeit die reinste Seligkeit genoß und nicht daran dachte, fertig zu werden.

Geringern Talenten genügt nicht die Kunst als solche; sie haben während der Ausführung immer nur den Gewinn vor Augen, den sie durch ein fertiges Werk zu erreichen hoffen. Bei so weltlichen Zwecken und Richtungen aber kann nichts Großes zustande kommen.«[42]


930.*


1824, 29. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich ging um 12 Uhr zu Goethe, der mich vor Tische zu einer Spazierfahrt hatte einladen lassen. Ich fand ihn frühstückend, als ich zu ihm hereintrat, und setzte mich ihm gegenüber, indem ich das Gespräch auf die Arbeiten brachte, die uns gemeinschaftlich in Bezug aus die neue Ausgabe seiner Werke beschäftigen. Ich redete ihm zu, sowohl seine ›Götter, Helden und Wieland‹ als auch seine ›Briefe des Pastors‹ in diese neue Edition mit auszunehmen.

»Ich habe,« sagte Goethe, »auf meinem jetzigen Standpunkte über jene jugendlichen Productionen eigentlich kein Urtheil. Da mögt ihr Jüngern entscheiden. Ich will indeß jene Anfänge nicht schelten: ich war freilich noch dunkel und strebte in bewußtlosem Drange vor mir hin, aber ich hatte ein Gefühl des Rechten, eine Wünschelruthe, die mir anzeigte, wo Gold war.«

Ich machte bemerklich, daß dieses bei jedem großen Talent der Fall sein müsse, indem es sonst bei seinem Erwachen in der gemischten Welt nicht das Rechte ergreifen und das Verkehrte vermeiden würde.

Es war indeß angespannt, und wir fuhren den Weg nach Jena hinaus. Wir sprachen verschiedene Dinge, Goethe erwähnte die neuen französischen Zeitungen.

[43] »Die Constitution in Frankreich,« sagte er, »bei einem Volke, das so viele verdorbene Elemente in sich hat, ruht auf ganz anderm Fundamente als die in England. Es ist in Frankreich alles durch Bestechungen zu erreichen, ja die ganze französische Revolution ist durch Bestechungen geleitet worden.«

Darauf erzählte mir Goethe die Nachricht von dem Tode Eugen Napoleons, Herzogs von Leuchtenberg, die diesen Morgen eingegangen, welcher Fall ihn tief zu betrüben schien. »Er war einer von den großen Characteren,« sagte Goethe, »die immer seltener werden, und die Welt ist abermals um einen bedeutenden Menschen ärmer. Ich kannte ihn persönlich; noch vorigen Sommer war ich mit ihm in Marienbad zusammen. Er war ein schöner Mann von etwa zweiundvierzig Jahren, aber er schien älter zu sein, und das war kein Wunder, wenn man bedenkt, was er ausgestanden und wie in seinem Leben sich ein Feldzug und eine große That auf die andere drängte. Er theilte mir in Marienbad einen Plan mit, über dessen Ausführung er viel mit mir verhandelte. Er ging nämlich damit um, den Rhein mit der Donau durch einen Kanal zu vereinigen. Ein riesenhaftes Unter- nehmen, wenn man die widerstrebende Localität bedenkt. Aber jemandem, der unter Napoleon gedient und mit ihm die Welt erschüttert hat, erscheint nichts unmöglich. Karl der Große hatte schon denselbigen Plan und ließ auch mit der Arbeit anfangen; allein[44] das Unternehmen gerieth bald ins Stocken: der Sand wollte nicht Stich halten, die Erdmassen fielen von beiden Seiten immer wieder zusammen.«[45]


931.*


1824, Ende Februar und Anfang März.


Mit Heinrich Meyer

Dank für Ihre [Rauch's] mir sehr werthe Zuschrift vom 26. des vergangenen Monats, welche ich dem Herrn Staatsminister v. Goethe mitgetheilt und von demselben Auftrag erhalten habe, Ihnen zu melden: das Gipsmodell zu einer sitzenden, ihn darstellenden Statue sei glücklich bei ihm angelangt und habe ihn sehr erfreut. Auch mir ist das Anschauen dieses Modells vergönnt worden, noch ehe Ihr vorgedachter Brief angekommen war, und wir glaubten beide übereinstimmend: mit dem Werk, als Entwurf zu einer in Lebensgröße oder drüber auszuführenden Statue könne man ganz wohl zufrieden sein, ja, es sei für gelungen zu achten; es wäre indessen zu wünschen, daß man sich über die etwa vorzunehmenden Abänderungen, ehe die Ausführung im Großen stattfindet, noch mündlich besprechen könnte; denn im schriftlichen Verkehr ist es theils schwer, sich gehörig deutlich zu machen, theils spricht sich jeder Vorschlag als Meinung, ich möchte sagen dictatorisch aus, Herr Staatsminister v. Goethe aber, und wofern auch mir erlaubt sein sollte mitzusprechen,[45] möchten bloß gemeinschaftlich berathend mit Ihnen übereinkommen, hier sei indessen antwortend auf Ihre freundliche, gütige Zuschrift über einiges unmaßgeblich sich geäußert.

Das von Ihnen geschehene Ablehnen des wirklichen gegenwärtigen Costümes ist allen Beifalls würdig. Was wäre da Befriedigendes zu leisten? Und was ließe sich auch bei der sorgfältigsten Ausarbeitung in Marmor auf diesem Wege hoffen? – Ich bediene mich der eigenen Worte des Herrn Staatsministers v. Goethe: »Wie das Costüme, so würde auch die Statue selbst in wenigen Jahren veralten.« – Die antike Bekleidungsweise, welche Sie.. für das Modell gewählt haben, ist ohne allen Zweifel die beste. Ein Bild dieser Art kann für alle Zeiten, rückwärts und vorwärts, gelten, und also möchte... das übersendete Modell als Fundament für die im Großen auszuführende Statue einstweilen angenommen werden. Eine völlige Umbildung scheint uns nicht verlangt werden zu dürfen. Das ruhige Sitzen ist ganz angemessen, und in diesem Sinne wird künftig von selbst das heftige Zurückgehen des linken Arms gemildert, der angezogene rechte Fuß mehr vorwärts gebracht werden; dieses letztere gewährt auch für den Faltenwurf um die Kniee den Vortheil größerer Flächen, ruhigerer Maßen .....

In Beziehung auf den Vorschlag von einer Statue oder vielmehr Gruppe, wo der Dichter auf reichem Throne sitzt, neben ihm eine in den Saiten seiner Leier[46] spielende Psyche, will ich mich abermals mit Herrn v. Goethes eigenen Worten erklären, indem dieselben auch meine Ansicht und, wie ich aus Ihrem Briefe entnehme, die Ihrige ebenfalls ausdrücken; er sagte nämlich: »Der Vorschlag mit der Psyche scheint zu dem Runden keineswegs geeignet. In einem kleinen Relief würde es als artiger Gedanke erheitern.«[47]


1723.*


1824, 5. März.


Mit Friedrich von Müller u.a.

Von 5-8 Uhr war ich bei Goethe mit Coudray und Ottilie, welche von Berlin zurückgekehrt war. Das Gespräch drehte sich um Alexander v. Humboldt und sein Verhältniß zu Harftens in Bayreuth und um den Improvisator Sprizzi, wobei er äußerte: »Alles kommt auf die Erfindung der Methode der Behandlung des gegebenen Sujets an. Kein langes Nachdenken kann die Erfindung ersetzen, die bloß Sache des Moments ist.«[120]


932.*


1824, 8. März.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Ich traf ihn um 4 Uhr ganz alleine und sehr gemüthlich. Zuerst zeigte er mir sein neu zusammengebrachtes Münzcabinet ephemerer und erloschener Souverainetäten, Iturbidens Wappen mit einem Adler auf dem Cactus, schöne kleine Münzen von Columbia.

Das Gespräch fiel auf Selbstkenntniß. »Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst kennen lernen, sich nie rein als Object betrachten. Andre kennen mich besser als ich mich selbst. Nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen und richtig würdigen lernen, darauf sollte man sich beschränken. Mit allem Streben nach Selbstkenntniß, das die Priester, das die Moral uns predigen, kommen wir nicht weiter im Leben, gelangen weder zu Resultaten noch zu wahrer innerer Besserung. Doch will ich diese Ansicht nicht eben für ein[47] Evangelium ausgeben. Was sind travers? Falsche Stellungen zur Außenwelt. Wer hat sie nicht? Jede Lebensstufe hat die ihr eignen.«

Riemer kam späterhin zu uns. Ich erzählte, Schmidt sei von Mad. Milder höchsteingenommen, sie übersteige Alles, was seine Phantasie sich von einer vollkommenen Sängerin gedacht.

»Ganz natürlich«, sagte Goethe; »denn die Phantasie kann sich nie eine Vortrefflichkeit so vollkommen denken, als sie im Individuum wirklich erscheint. Nur vager, neblicht, unbestimmter, grenzenloser denkt sie sich die Phantasie. Aber niemals in der characteristischen Vollständigkeit der Wirklichkeit. Es erregt mir daher immer Schmerz, wenn man ein wirkliches Kunst- oder Naturgebilde mit der Vorstellung vergleicht, die man sich davon gemacht hatte, und dadurch sich den reinen Genuß des erstern verkümmert. Vermag doch unsere Einbildungskraft nicht einmal das Bild eines wirklich gesehenen, schönen Gegenstandes getreu wiederzugeben; immer wird die Vorstellung etwas Neblichtes, Verschwimmendes enthalten.«

Auf meine Klage, daß diese Beschränkung unsrer Natur uns so viel Herrliches entziehe, erwiderte er: »Ei, das ist ja ein Glück, was würden wir anfangen, wenn alle die unzähligen Empfindungen, die uns z.B. ein Hummel'sches Spiel giebt, uns fortwährend blieben? dann würden ja auch die vergangenen Schmerzen immerfort uns peinigen. Seien wir froh, daß für das Gute,[48] Angenehme doch immer noch ziemlich viele Reproductionskraft in uns wohnt.«

Das Gespräch fiel wieder auf Alonzo, dessen Pietät und milde Religiosität, ohne Frömmelei, er ungemein hervorhob. Der Frau v. Helvig neueste Übersetzung schwedischer Gedichte fand ebenfalls seinen großen Beifall, und dann ward Byron's ›Kain‹ und ›Sündfluth‹ abermals analysirt. »Ich begreife recht, wie ein so großes Genie sich nach so vielen herrlichen Productionen überall ennuyiren konnte und daher die griechischen Angelegenheiten nur als einen neuen Zeitvertreib leidenschaftlich ergriff.«

Zugleich bat er mich, ihm einen Artikel aus dem Moniteur über ›Kain‹ zu übersetzen, um seine eignen Äußerungen über dieses Werk in Kunst und Alterthum »zu retouchiren«. »So oft die Franzosen,« setzte er hinzu, »ihre Philisterei aufgeben und wo sie es thun, stehen sie weit über uns im kritischen Urtheil und in der Auffassung origineller Geisteswerke. Interessant ist alles, was uns interessirt.«[49]


933.*


1824, 16. März.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Soret

Von 5-7 Uhr war ich bei ihm erst allein, dann mit Soret.

Das Gespräch fiel auf Kirmsens Abgang von der Theater-Intendanz.

[49] »Ei nun,« sagte er, »Kirms hat sich in einer Zeit Verdienste erworben, wo es noch galt zu sparen, mit Wenigem viel zu machen. Ich hatte keinen Heller für meine Direction, ich wendete noch viel Geld daran, die Acteurs herauszufüttern und genoß das Vorrecht eines Souverains, genereus zu sein nach Herzenslust. Ja wir sind aus einer alten, andern Zeit her und brauchen uns ihrer nicht zu schämen.

Heute war ich nach langer Zeit wieder in meinem Parkgarten; gerne würde ich öfter dort verweilen, wenn es nur nicht zu viel Apprehension gäbe. Die alten selbstgepflanzten Bäume, die alten Erinnerungen machen mir aber ganz unheimliche Eindrücke. Drei1 ganze Jahre habe ich förmlich dort gewohnt, und bin oft nach der Redoute des Nachts im Tabarro hinausgelaufen. Nie habe ich meine Naturstudien so innig als dort getrieben, die Natur mit ganz andern Augen geschaut und sie in jeder Stunde des Tags und der Nacht belauscht.«

Wir kamen auf seine Ilmenauer Bergbaurede zu sprechen und meine Analyse derselben an Soret machte ihm Lust, sie selbst wieder zu lesen, wiewohl er meinte, daß ich wohl in meine Darlegung vieles aus dem neunzehnten Jahrhundert hineingetragen habe.

»Ich kam höchst unwissend in allen Naturstudien nach Weimar, und erst das Bedürfniß, dem Herzog bei[50] seinen mancherlei Unternehmungen, Bauten, Anlagen, praktische Rathschläge geben zu können, trieb mich zum Studium der Natur.

Ilmenau hat mir viele Zeit, Mühe und Geld gekostet, dafür habe ich aber auch etwas dabei gelernt und mir eine Anschauung der Natur erworben, die ich um keinen Preis umtauschen möchte. Mit allen Naturlehrern und Schriftstellern getraue ich mir es aufzunehmen; sie scheuen mich auch alle, wenn sie schon oft nicht meiner Meinung sind.«


1 In Wahrheit 9 Jahre. (Schöll.)[51]


1724.*


1824, 16. März.


Mit Friedrich von Müller

[Ergänzung zu Nr. 933. Im Anschluß an »dann mit Soret«:]


Goethe billigte nicht, daß Oesterreich die Mailänder Verschworenen begnadigt habe, daß der König von Preußen zwei Hallische Studenten, die als Militairs widerspänstig gewesen, begnadigen wolle.[120]


934.*


1824, 22. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe von Tische nach seinem Garten gefahren.

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Die Luft war sommerartig, angenehm; es wehte ein sehr linder Südwestwind. Einzelne kleine Gewitterwolken zogen am heitern Himmel herüber; sehr hoch bemerkte man sich auflösende Cirrusstreifen. Wir betrachteten die Wolken genau und sahen, daß sich die ziehenden geballten der untern Region gleichfalls auflösten, woraus Goethe schloß, daß das Barometer im Steigen begriffen sein müsse.

Goethe sprach darauf sehr viel über das Steigen und Fallen des Barometers, welches er die »Wasserbejahung«[51] und »Wasserverneinung« nannte. Er sprach über das Ein- und Ausathmen der Erde nach ewigen Gesetzen, über eine mögliche Sündfluth bei fortwährender Wasserbejahung. Ferner: daß jeder Ort seine eigene Atmosphäre habe, daß jedoch in den Barometerständen von Europa eine große Gleichheit stattfinde. Die Natur sei incommensurabel, und bei den großen Irregularitäten sei es sehr schwer, das Gesetzliche zu finden.

Während er mich so über höhere Dinge belehrte, gingen wir in dem breiten Sandwege des Gartens auf und ab. Wir traten in die Nähe des Hauses, das er seinem Diener aufzuschließen befahl, um mir später das Innere zu zeigen. Die weißabgetünchten Außenseiten sah ich ganz mit Rosenstöcken umgeben, die, von Spalieren gehalten, sich bis zum Dache hinaufgerankt hatten. Ich ging um das Haus herum und bemerkte zu meinem besondern Interesse an den Wänden in den Zweigen des Rosengebüsches eine große Zahl mannigfaltiger Vogelnester, die sich vom vorigen Sommer her erhalten hatten und jetzt bei mangelndem Laube den Blicken freistanden, besonders Nester der Hänflinge und verschiedener Art Grasemücken, wie sie höher oder niedriger zu bauen Neigung haben.

Goethe führte mich darauf in das Innere des Hauses, das ich vorigen Sommer zu sehen versäumt hatte. Unten fand ich nur ein wohnbares Zimmer, an dessen Wänden einige Karten und Kupferstiche hingen,[52] desgleichen ein farbiges Porträt Goethes in Lebensgröße, und zwar von Meyer gemalt bald nach der Zurückkunft beider Freunde aus Italien. Goethe erscheint hier im kräftigen mittlern Mannesalter, sehr braun und etwas stark. Der Ausdruck des wenig belebten Gesichts ist sehr ernst; man glaubt einen Mann zu sehen, dem die Last künftiger Thaten auf der Seele liegt.

Wir gingen die Treppe hinauf in die obern Zimmer; ich fand deren drei und ein Kabinettchen, aber alle sehr klein und ohne eigentliche Bequemlichkeit. Goethe sagte, daß er in frühern Jahren hier eine ganze Zeit mit Freuden gewohnt und sehr ruhig gearbeitet habe.

Die Temperatur dieser Zimmer war etwas kühl, und wir trachteten wieder nach der milden Wärme im Freien. In dem Hauptwege in der Mittagssonne auf- und abgehend, kam das Gespräch auf die neueste Literatur, auf Schelling und unter andern auch auf einige neue Schauspiele von Platen.

Bald jedoch kehrte unsere Aufmerksamkeit auf die uns umgebende nächste Natur zurück. Die Kaiserkronen und Lilien sproßten schon mächtig, auch kamen die Malven zu beiden Seiten des Weges schon grünend hervor.

Der obere Theil des Gartens, am Abhange des Hügels, liegt als Wiese mit einzelnen zerstreut stehenden Obstbäumen. Wege schlängeln sich hinauf, längs der Höhe hin und wieder herunter, welches einige[53] Neigung in mir erregte, mich oben umzusehen. Goethe schritt, diese Wege hinansteigend, mir rasch voran, und ich freute mich über seine Rüstigkeit.

Oben an der Hecke fanden wir eine Pfauhenne, die vom fürstlichen Park herübergekommen zu sein schien; wobei Goethe mir sagte, daß er in Sommertagen die Pfauen durch ein beliebtes Futter herüberzulocken und herzugewöhnen pflege.

An der andern Seite den sich schlängelnden Weg herabkommend, fand ich von Gebüsch umgeben einen Stein mit den eingehauenen Versen des bekannten Gedichts:


Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten –

und ich hatte das Gefühl, daß ich mich an einer klassischen Stelle befinde.

Ganz nahe dabei kamen wir auf eine Baumgruppe halbwüchsiger Eichen, Tannen, Birken und Buchen. Unter den Tannen fand ich ein herabgeworfenes Gewölle eines Raubvogels; ich zeigte es Goethen, der mir erwiederte, daß er dergleichen an dieser Stelle häufig gefunden, woraus ich schloß, daß diese Tannen ein beliebter Aufenthalt einiger Eulen sein mögen, die in dieser Gegend häufig gefunden werden.

Wir traten um die Baumgruppe herum und befanden uns wieder an dem Hauptwege in der Nähe des Hauses. Die soeben umschrittenen Eichen, Tannen, Birken und Buchen, wie sie untermischt stehen, bilden hier einen Halbkreis, den innern Raum grottenartig[54] überwölbend, worin wir uns auf kleinen Stühlen setzten, die einen runden Tisch umgaben. Die Sonne war so mächtig, daß der geringe Schatten dieser blätterlosen Bäume bereits als eine Wohlthat empfunden ward. »Bei großer Sommerhitze,« sagte Goethe, »weiß ich keine bessere Zuflucht als diese Stelle. Ich habe die Bäume vor vierzig Jahren alle eigenhändig gepflanzt, ich habe die Freude gehabt, sie heranwachsen zu sehen, und genieße nun schon seit geraumer Zeit die Erquickung ihres Schattens. Das Laub dieser Eichen und Buchen ist der mächtigsten Sonne undurchdringlich; ich sitze hier gern an warmen Sommertagen nach Tische, wo denn auf diesen Wiesen und auf dem ganzen Park umher oft eine Stille herrscht, von der die Alten sagen würden: daß der Plan schlafe.«

Indessen hörten wir es in der Stadt zwei Uhr schlagen und fuhren zurück.[55]


1725.*


1824, 24. März.


Mit Friedrich von Müller

[Ergänzungen zu Nr. 934. Anfang:]


Von 5-7 Uhr allein bei ihm. Betrübniß über Ulrikens Zustand. Über die Hahnling'sche Klage gegen den Schauspieler Seidel: er würde ihn bestraft haben. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er der falschen »Wanderjahre«. »Eigentlich beruht das ächte Lustspiel lediglich auf Persönlichkeiten und Zoten.« Der »Rehbock« sei deshalb eines von Kotzebue's besten Stücken, zumal die Zweideutigkeiten insofern unschuldig seien, als sie nicht träfen. – Der Faschingsaufzug in Köln interessirte ihn sehr. – Erlanger Freunde haben auf die bittere Kritik contra Graf Platen ein Spottgedicht gefertigt. Knebel und Herder haben durch ihr Mißwollen bei ähnlichen literarischen Erscheinungen ihm (Goethe'n) viele Tage verbittert, doch habe er größere Einsicht in das menschliche Herz erlangt.


[Ergänzungen zu Nr. 934. Nach: »rathen?«:]


Er zeigte uns ein sehr interessantes Portefeuille von Zeichnungen und Entwürfen, worunter besonders der zu dem Schmettau'schen Grabmal [mit der Unterschrift] Feriunt ruinae sehr merkwürdig. Unartige Ablehnung[121] meiner Nachfrage nach Boisserére's Einleitung zu dem Kölner Domabrisse.


[Ergänzungen zu Nr. 934. Schluß:]


D'Alton's jetzigen Bericht könne er nicht brauchen, er würde ihn zur Justruirung bringen; es dringe so viel auf ihn ein, daß man sich sehr zusammenhalten müsse, um, wo nicht verwirrt, doch vom Nothwendigsten abgehalten zu werden.[122]


935.*


1824, 24. März.


Mit Friedrich von Müller

»Es ist doch besser schlechtes Wetter, als gar keines,« soll Prinz August von Gotha einst gesagt haben. Dies war heute ein Haupttext der Goethe'schen Unterhaltung.

Er sagte, dieser Spruch falle ihm immer ein, wenn er sich über etwas Unvollkommenes ärgere.

[55] So über die schlechte Außenseite der hiesigen Bibliothek. Nie habe er ein Wort darüber verloren, ob er wohl kaum zweifle, daß es ihm leicht gewesen sein würde, den Fürsten zur Abhülfe des Übelstandes zu vermögen.

Schon Schiller habe 1802 an Humboldt geschrieben: »wenn Goethe nur einen Funken Glauben hätte, so würden manche Sachen hier sich bessern lassen etc.«

Viel wurde über die Jubelfeier des Großherzogs gesprochen, besonders über die zu schlagende Medaille; Goethes Neigung zum Negiren und seine ungläubige Neutralität traten wieder recht entschieden hervor. Eine untergehende Sonne über einem Meere, sagte er mit der Legende: »Auch im Untergehen bleibt sie dieselbe« (nach Nonnus)1, wäre ein für allemal das großartigste Symbol, aber wer wollte dazu rathen?

Überhaupt war er heute in jener bitter humoristischen Stimmung und sophistischen Widerspruchsart, die man so ungern zuweilen an ihm wahrnimmt. Über Gruithusens Behauptung im Monde eine Festung entdeckt zu haben, gerieth er ganz außer sich.

»Den Unsinn verbreitet, offenbare Irrthümer als[56] baare Wahrheit ausgegeben zu sehen, ist das Schrecklichste, was einem Vernünftigen begegnen kann. So ist aber die liebe Menschheit. Indeß muß sie Gott wohl nicht anders haben wollen, sonst hätte er anders mit ihr angefangen.«


1 Von Nonnus ist der gemeinte Pentamenter:

DYOMENOS GAR, OMÔS HÊLIOS ESTIN ETI

nicht, sondern er steht in der im Jahre 1817 erschienenen, Goethe gewidmeten Schrift des spätern Grafen Uwarow: Nonnus von Panopolis der Dichter (St. Petersburg 1817). Wieder gedruckt in den Études de Philologie et de Critique 1843 pag. 169 sq.[57]


936.*


1824, 30. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Abends bei Goethe. Ich war allein mit ihm. Wir sprachen vielerlei und tranken eine Flasche Wein dazu. Wir sprachen über das französische Theater im Gegensatze zum deutschen.

»Es wird schwer halten,« sagte Goethe, »daß das deutsche Publicum zu einer Art von reinem Urtheil komme, wie man es etwa in Italien und Frankreich findet. Und zwar ist uns besonders hinderlich, daß auf unsern Bühnen alles durcheinander gegeben wird. An derselbigen Stelle, wo wir gestern den ›Hamlet‹ sahen, sehen wir heute den ›Staberle‹ [Bühnenfigur von Bäuerle], und wo uns morgen die ›Zauberflöte‹ entzückt, sollen wir übermorgen an den Späßen des ›Neuen Sonntagskindes‹ Gefallen finden. Dadurch entsteht beim Publicum eine Confusion im Urtheil, eine Vermengung der verschiedenen Gattungen, die es nie gehörig schätzen und begreifen lernt. Und dann hat jeder seine individuellen Forderungen und seine persönlichen Wünsche, mit denen[57] er sich wieder nach der Stelle wendet, wo er sie realisirt fand. An demselbigen Baum, wo er heute Feigen gepflückt, will er sie morgen wieder pflücken, und er würde ein sehr verdrießliches Gesicht machen, wenn etwa über Nacht Schlehen gewachsen wären. Ist aber jemand Freund von Schlehen, der wendet sich an die Dornen.

Schiller hatte den guten Gedanken, ein eigenes Haus für die Tragödie zu bauen, auch jede Woche ein Stück bloß für Männer zu geben. Allein dies setzte eine sehr große Residenz voraus und war in unsern kleinen Verhältnissen nicht zu realisiren.«

Wir sprachen über die Stücke von Iffland und Kotzebue, die Goethe in ihrer Art sehr hoch schätzte. »Eben aus dem gedachten Fehler,« sagte er, »daß niemand die Gattungen gehörig unterscheidet, sind die Stücke jener Männer oft sehr ungerechterweise getadelt worden. Man kann aber lange warten, ehe ein paar so populäre Talente wiederkommen.«

Ich lobte Iffland's ›Hagestolzen‹, die mir von der Bühne herunter sehr wohl gefallen hatten. »Es ist ohne Frage Iffland's bestes Stück,« sagte Goethe; »es ist das einzige, wo er aus der Prosa ins Ideelle geht.«

Er erzählte mir darauf von einem Stück, welches er mit Schiller als Fortsetzung der ›Hagestolzen‹ gemacht, aber nicht geschrieben, sondern blos gesprächsweise gemacht. Goethe entwickelte mir die Handlung[58] Scene für Scene; es war sehr artig und heiter, und ich hatte daran große Freude.

Goethe sprach darauf über einige neue Schauspiele von Platen. »Man sieht,« sagte er, »an diesen Stücken die Einwirkung Calderons. Sie sind durchaus geistreich und in gewisser Hinsicht vollendet, allein es fehlt ihnen ein specifisches Gewicht, eine gewisse Schwere des Gehalts. Sie sind nicht der Art, um im Gemüth des Lesers ein tiefes und nachwirkendes Interesse zu erregen, vielmehr berühren sie die Saiten unsers Innern nur leicht und vorübereilend. Sie gleichen dem Kork, der auf dem Wasser schwimmend keinen Eindruck macht, sondern von der Oberfläche sehr leicht getragen wird. Der Deutsche verlangt einen gewissen Ernst, eine gewisse Größe der Gesinnung, eine gewisse Fülle des Innern, weshalb denn auch Schiller von allen so hoch gehalten wird. Ich zweifle nun keineswegs an Platens sehr tüchtigem Character, allein das kommt, wahrscheinlich aus einer abweichenden Kunstansicht, hier nicht zur Erscheinung. Er entwickelt eine reiche Bildung, Geist, treffenden Witz und sehr viele künstlerische Vollendung, allein damit ist es, besonders bei uns Deutschen, nicht gethan.

Überhaupt: der persönliche Character des Schriftstellers bringt seine Bedeutung beim Publicum hervor, nicht die Künste seines Talents. Napoleon sagte von Corneille: ›S'il vivait, je le ferais Prince‹ – und er las ihn nicht. Den Racine las er, aber von diesem[59] sagte er es nicht. Deshalb steht auch der Lafontaine bei den Franzosen in so hoher Achtung, nicht seines poetischen Verdienstes wegen, sondern wegen der Großheit seines Characters, der aus seinen Schriften hervorgeht.«

Wir kamen sodann auf die ›Wahlverwandtschaften‹ zu reden, und Goethe erzählte mir von einem durchreisenden Engländer, der sich scheiden lassen wolle, wenn er nach England zurückkäme. Er lachte über solche Thorheit und erwähnte mehrere Beispiele von Geschiedenen, die nachher doch nicht hätten voneinander lassen können.

»Der selige Reinhard in Dresden,« sagte er, »wunderte sich oft über mich, daß ich in Bezug auf die Ehe so strenge Grundsätze habe, während ich doch in allen übrigen Dingen so läßlich denke.«

Diese Äußerung Goethes war mir aus dem Grunde merkwürdig, weil sie ganz entschieden an den Tag legt, wie er es mit jenem so oft gemißdeuteten Romane eigentlich gemeint hat.

Wir sprachen darauf über Tieck und dessen persönliche Stellung zu Goethe.

»Ich bin Tieck herzlich gut,« sagte Goethe, »und er ist auch im ganzen sehr gut gegen mich gesinnt; allein es ist in seinem Verhältniß zu mir doch etwas, wie es nicht sein sollte. Und zwar bin ich daran nicht schuld, und er ist es auch nicht, sondern es hat seine Ursachen anderer Art.[60]

Als nämlich die Schlegel anfingen bedeutend zu werden, war ich ihnen zu mächtig, und um mich zu balanciren, mußten sie sich nach einem Talent umsehen, das sie mir entgegenstellten. Ein solches fanden sie in Tieck, und damit er mir gegenüber in den Augen des Publicums genugsam bedeutend erscheine, so mußten sie mehr aus ihm machen, als er war. Dieses schadete unserm Verhältniß; denn Tieck kam dadurch zu mir, ohne es sich eigentlich bewußt zu werden, in eine schiefe Stellung.

Tieck ist ein Talent von hoher Bedeutung, und es kann seine außerordentlichen Verdienste niemand besser erkennen als ich selber; allein wenn man ihn über ihn selbst erheben und mir gleichstellen will, so ist man im Irrthum. Ich kann dieses gerade heraussagen, denn was geht es mich an, ich habe mich nicht gemacht. Es wäre ebenso, wenn ich mich mit Shakespeare vergleichen wollte, der sich auch nicht gemacht hat und der doch ein Wesen höherer Art ist, zu dem ich hinaufblicke und das ich zu verehren habe.«

Goethe war diesen Abend besonders kräftig, heiter und aufgelegt. Er holte ein Manuscript ungedruckter Gedichte herbei, woraus er mir vorlas. Es war ein Genuß ganz einziger Art, ihm zuzuhören, denn nicht allein daß die originelle Kraft und Frische der Gedichte mich in hohem Grade anregte, sondern Goethe zeigte sich auch beim Vorlesen von einer mir bisher unbekannten, höchst bedeutenden Seite. Welche Mannigfaltigkeit[61] und Kraft der Stimme! Welcher Ausdruck und welches Leben des großen Gesichts voller Falten! Und welche Augen![62]


937.*


1824, 3. April.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Von 6 1/2 – 8 1/2 war ich mit Riemer bei ihm. Er dankte sehr für Mittheilungen interessanter Pariser Blätter, verbat sie sich aber doch, weil sie ihn zu sehr zerstreuten und gleichwohl nicht genug förderten. »Quatremère de Quincy«, sagte er, »hat im richtigen Gefühl, daß die gewöhnliche Nachahmungstheorie falsch sei, eine Formel gesucht, aber die richtige nicht gefunden.«

Die Nachahmung der Natur durch die Kunst ist um so glücklicher, je tiefer das Object in den Künstler eingedrungen und je größer und tüchtiger seine Individualität selbst ist. Ehe man andern etwas darstellt, muß man den Gegenstand erst in sich selbst neu producirt haben.

Darauf kam er auf Geh. Rath Wolf zu sprechen. »Dieser Freund ist,« äußerte er, »oft der unverträglichste, unleidlichste aller Sterblichen durch sein ewiges Negiren; deßhalb bin ich so oft mit ihm zerfallen. Wenn er kommt, ist es als wenn ein beißiger Hund, ein reißendes Ungethüm ins Haus träte. Ich kann wohl auch[62] bestialisch sein und verstehe mich gar sehr darauf; aber es ist doch verdrießlich, die rauhe Seite herauskehren zu müssen. Oft hatte ich etwas von ihm gelernt; wenn ich es nach zwei Tagen wieder vorbrachte, behandelte er es wie die größte Absurdität. Einst war ich mit ihm im Bade zu Tennstedt, als mein Geburtstag herannahte, da betrog ich ihn um einen ganzen Tag im Kalender und machte, daß er am 27. August abreiste; denn mir war Angst, er würde mir an meinem Geburtstage ableugnen, daß ich geboren sei.« Bitter klagte er über den gestörten häuslichen Frieden durch Ulrikens höchst bedenklichen Unfall. Doch wer nicht verzweifeln kann, muß nicht leben; nur feige sich ergeben, sei ihm das Verhaßteste. »Ich will nicht hoffen und fürchten, wie ein gemeiner Philister,« setzte er hinzu; »daher ist das Geschwätz der Ärzte und ihr Trösten mir am allermeisten zuwider.«

Klinger's Erklärung1 in den öffentlichen Blättern gegen Glower zu Gunsten Goethes freute ihn sehr. Er verglich sie mit Hutten's Schrift »Epistolae obscurorum virorum« zu Gunsten Reuchlin's. Großes Lob spendete er Wieland's schönen Billets, die er mir lesen zu lassen versprach.


1 Sie bezieht sich auf die pseudonyme Schrift »Goethe als Mensch und Schriftsteller«. Eine Erklärung Klinger's steht z.B. in der Abendzeitung 1824 Nr. 81.[63]


938.*


1824, 14. April.


Mit Johann Peter Eckermann u.a.

Um 1 Uhr mit Goethe spazieren gefahren. Wir sprachen über den Stil verschiedener Schriftsteller.

»Den Deutschen,« sagte Goethe, »ist imganzen die philosophische Speculation hinderlich, die in ihren Stil oft ein unsinnliches, unfaßliches, breites und aufdröselndes Wesen hineinbringt. Je näher sie sich gewissen philosophischen Schulen hingegeben, desto schlechter schreiben sie. Diejenigen Deutschen aber, die als Geschäfts- und Lebemenschen blos aufs Praktische gehen, schreiben am besten. So ist Schiller's Stil am prächtigsten und wirksamsten, sobald er nicht philosophirt, wie ich noch heute an seinen höchst bedeutenden Briefen gesehen, mit denen ich mich gerade beschäftige.

Gleicherweise giebt es unter deutschen Frauenzimmern geniale Wesen, die einen ganz vortrefflichen Stil schreiben, sodaß sie sogar manche unserer gepriesenen Schriftsteller darin übertreffen.

Die Engländer schreiben in der Regel alle gut, als geborene Redner und als praktische, auf das Reale ge richtete Menschen.

Die Franzosen verleugnen ihren allgemeinen Character auch in ihrem Stil nicht. Sie sind geselliger Natur und vergessen als solche nie das Publicum, zu dem sie reden; sie bemühen sich klar zu sein, um[64] ihren Leser zu überzeugen, und anmuthig, um ihm zu gefallen.

Im ganzen ist der Stil eines Schriftstellers ein treuer Abdruck seines Innern: will jemand einen klaren Stil schreiben, so sei es ihm zuvor klar in seiner Seele; und will jemand einen großartigen Stil schreiben, so habe er einen großartigen Character.«

Goethe sprach darauf über seine Gegner, und daß dieses Geschlecht nie aussterbe. »Ihre Zahl ist Legion,« sagte er, »doch ist es nicht unmöglich, sie einigermaßen zu klassificiren.

Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten ohne mich zu kennen. Die ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht was sie thaten.

Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören.

Ferner kommt eine große Anzahl derer, die aus Mangel an eigenem Succeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele.

Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen;[65] denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner Bildung ernst war und ich an meiner Veredlung unablässig arbeitete, so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war. Überhaupt war ein abgemachtes Werk mir ziemlich gleichgültig; ich befaßte mich nicht weiter damit und dachte sogleich an etwas Neues.

Eine fernere große Masse zeigte sich als meine Gegner aus abweichender Denkungsweise und verschiedenen Ansichten. Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden, und so möchten sich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise vollkommen harmoniren. Setze ich dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjectiver Richtung begriffen, während ich in meinem objectiven Bestreben im Nachtheile und völlig allein stand.

Schiller hatte in dieser Hinsicht vor mir große[66] Avantagen. Ein wohlmeinender General gab mir daher einst nicht undeutlich zu verstehen, ich möchte es doch machen wie Schiller. Darauf setzte ich ihm Schiller's Verdienste erst recht auseinander; denn ich kannte sie doch besser als er. Ich ging auf meinem Wege ruhig fort, ohne mich um den Succeß weiter zu bekümmern, und von allen meinen Gegnern nahm ich so wenige Notiz als möglich.«

Wir fuhren zurück und waren darauf bei Tische sehr heiter. Frau von Goethe erzählte viel von Berlin, woher sie vor kurzem gekommen; sie sprach mit besonderer Wärme von der Herzogin von Cumberland, die ihr viel Freundliches erwiesen. Goethe erinnerte sich dieser Fürstin, die als sehr junge Prinzeß eine Zeitlang bei seiner Mutter gewohnt, mit besonderer Neigung.[67]


939.*


1824, 19. April


Mittag bei Goethe


a.

Der größte Philologe unserer Zeit, Friedrich August Wolf aus Berlin, ist hier, auf seiner Durchreise nach dem südlichen Frankreich begriffen. Goethe gab ihm zu Ehren heute ein Diner, wobei von weimarischen Freunden Generalsuperintendent Röhr, Kanzler von Müller, Oberbaudirector Coudray, Professor Riemer und Hofrath Rehbein außer mir [Eckermann] anwesend[67] waren. Über Tische ging es äußerst heiter zu: Wolf gab manchen geistreichen Einfall zum besten; Goethe, in der anmuthigsten Laune, spielte immer den Gegner. »Ich kann mit Wolf nicht anders auskommen,« sagte Goethe mir später, »als daß ich immer als Mephistopheles gegen ihn agire. Auch geht er sonst mit seinen innern Schätzen nicht hervor.«

Die geistreichen Scherze über Tische waren zu flüchtig und zu sehr die Frucht des Augenblicks, als daß man sich ihrer hätte bemächtigen können. Wolf war in witzigen und schlagenden Antworten und Wendungen sehr groß, doch kam es mir vor, als ob Goethe dennoch eine gewisse Superiorität über ihn behauptet hätte.


b.

Heute waren Geheimer Rath Wolf, Röhr, Coudray und Rehbein zum Diner bei Goethe. Letzterer war heiter und ironisch, während Wolf weit sanfter, doch voll beißender Wortspiele war. Als Wolf das Berliner Theater tadelte, sagte Goethe: »Zu den Kirschen muß man nur Kinder und Sperlinge schicken.«


c.

Grade am zweiten Festtage, wo mir [F. A. Wolf] Goethe eine große Mittagsgesellschaft eingeladen hatte, gerieth er, der mit Reden zu aller Erstaunen unerschöpflich war, über Ihre [Varnhagen v. Ense's »Biographischen] Denkmale«, die man in Weimar noch[68] wenig zu kennen schien und pries sie so aus dem Busch, daß der Superintendent Röhr neben mir blaß und erschrocken ward, sie noch nicht gesehen zu haben .... In gewisser Hinsicht, sagte Goethe, hätten Sie etwas Ultra-Plutarchisches damit geliefert; das Plutarchische Parallele zöge sich ohnehin durch die drei gewaltigen Kerle [Graf Bückeburg, Graf Schulenburg und Baron Neuhof] fein durch. Auch Stil und Ausdruck wurden hochbelobt, und besonders gefiel ihm die letzte Periode des Schlußstücks. Aber das alles ist blos Einzelheit; er konnte nicht aufhören zu preisen, und billig hätten Ihnen gegen 4 Uhr den 19. April die Ohren tüchtig klingen sollen. Nach geschlossenem Panegyrikus bekam denn auch Ihr lieber Nachbar Streckfuß einige laudes über seine Übersetzungen und auch die kleinern eignen Gedichte.[69]


940.*


1824, 21. April


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich August Wolf

Mit Wolf machte ich Besuch bei Goethe, der heute sehr launig war und Wolfen ironisirte. »Ihr Diätfehler ist gar nicht schuld an Ihrem Übelsein; es ist ein bloßer Ausfluß Ihrer Höflichkeit, weil Sie zu Hofe gewesen und den Großherzog nicht herab zu sich in den Schloßhof bestellt haben. Überhaupt geht die Krankheit dem Menschen gar nichts an, er muß sie ignoriren, nur die Gesundheit verdient remarquirt zu werden.«[69]


1726.*


1824, 26. April.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Bis 8 1/2 bei Goethe, meist mit Riemer. Er sprach über Rafaels Bilderbibel. Das Alte Testament sei noch sehr mäßig in Metaphern und Hyperbeln gegen die andern orientalischen Schriften. Diese Leute hätten immer in der Natur gelebt, daher ihre Bilder aus unmittelbarer Anschauung. Dann sprach er von der Anmuth und Frische der serbischen Lieder: eine ganz neue Menschheit gehe einem darin auf; von Rochlitzens Liebenswürdigkeit, der sich stets in würdiger Mitte gehalten. Mein Bild von Schmeller habe eine gewisse Innigkeit. »Die Pedanten haben eigentlich immer Recht.«[122]


941.*


1824, 2. Mai.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe machte mir Vorwürfe, daß ich eine hiesige angesehene Familie nicht besucht. »Sie hätten,« sagte er, »im Laufe des Winters dort manchen genußreichen Abend verleben, auch die Bekanntschaft manches bedeutenden Fremden dort machen können; das ist Ihnen nun, Gott weiß durch welche Grille, alles verloren gegangen.«

»Bei meiner erregbaren Natur,« antwortete ich, »und bei meiner Disposition, vielseitig Interesse zu nehmen und in fremde Zustände einzugehen, hätte mir nichts lästiger und verderblicher sein können als eine zu große Fülle neuer Eindrücke. Ich bin nicht zu Gesellschaften erzogen und nicht darin hergekommen. Meine frühern Lebenszustände waren der Art, daß es mir ist als hätte ich erst seit der kurzen Zeit zu leben angefangen, die ich in Ihrer Nähe bin. Nun ist mir alles neu. Jeder Theaterabend, jede Unterredung mit Ihnen macht in meinem Innern Epoche. Was an anders cultivirten und anders gewöhnten Personen gleichgültig vorübergeht, ist bei mir im höchsten Grade wirksam, und da die Begier mich zu belehren groß ist, so ergreift meine Seele alles mit einer gewissen Energie und saugt daraus so viele Nahrung als möglich. Bei solcher Lage meines Innern hatte ich daher im Laufe des letzten[70] Winters am Theater und dem Verkehr mit Ihnen vollkommen genug, und ich hätte mich nicht neuen Bekanntschaften und anderm Umgange hingeben können, ohne mich im Innersten zu zerstören.«

»Ihr seid ein wunderlicher Christ,« sagte Goethe lachend; »thut was Ihr wollt, ich will Euch gewähren lassen.«

»Und dann,« fuhr ich fort, »trage ich in die Gesellschaft gewöhnlich meine persönlichen Neigungen und Abneigungen und ein gewisses Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden. Ich suche eine Persönlichkeit, die meiner eigenen Natur gemäß sei; dieser möchte ich mich gern hingeben und mit den andern nichts zu thun haben.«

»Diese Ihre Naturtendenz,« erwiederte Goethe, »ist freilich nicht geselliger Art; allein was wäre alle Bildung, wenn wir unsere natürlichen Richtungen nicht wollten zu überwinden suchen! Es ist eine große Thorheit, zu verlangen, daß die Menschen zu uns harmoniren sollen. Ich habe es nie gethan. Ich habe einen Menschen immer nur als ein für sich bestehendes Individuum angesehen, das ich zu erforschen und das ich in seiner Eigenthümlichkeit kennen zu lernen trachtete, wovon ich aber durchaus keine weitere Sympathie verlangte. Dadurch habe ich es nun dahin gebracht, mit jedem Menschen umgehen zu können, und dadurch allein entsteht die Kenntniß mannigfaltiger Charactere sowie die nöthige Gewandtheit im Leben. Denn gerade bei widerstrebenden[71] Naturen muß man sich zusammennehmen, um mit ihnen durchzukommen, und dadurch werden alle die verschiedenen Seiten in uns angeregt und zur Entwickelung und Ausbildung gebracht, sodaß man sich denn bald jedem Vis-à-vis gewachsen fühlt. So sollen Sie es auch machen. Sie haben dazu mehr Anlage, als Sie es selber glauben; und das hilft nun einmal nichts: Sie müssen in die große Welt hinein, Sie mögen sich stellen wie Sie wollen.«

Ich merkte mir diese guten Worte und nahm mir vor, soviel wie möglich danach zu handeln.

Gegen Abend hatte Goethe mich zu einer Spazierfahrt einladen lassen. Unser Weg ging durch Oberweimar über die Hügel, wo man gegen Westen die Ansicht des Parks hat. Die Bäume blühten, die Birken waren schon belaubt und die Wiesen durchaus ein grüner Teppich, über welche die sinkende Sonne herstreifte. Wir suchten malerische Gruppen und konnten die Augen nicht genug aufthun. Es ward bemerkt, daß weißblühende Bäume nicht zu malen, weil sie kein Bild machen, sowie daß grünende Birken nicht im Vordergrunde eines Bildes zu gebrauchen, indem das schwache Laub dem weißen Stamme nicht das Gleichgewicht zu halten vermöge; es bilde keine großen Partien, die man durch mächtige Licht- und Schattenmassen herausheben könne. »Ruysdael,« sagte Goethe, »hat daher nie belaubte Birken in den Vordergrund gestellt, sondern bloße Birkenstämme, abgebrochene, die kein Laub[72] haben. Ein solcher Stamm paßt vortrefflich in den Vordergrund; denn seine helle Gestalt tritt auf das mächtigste heraus.«

Wir sprachen sodann, nach flüchtiger Berührung anderer Gegenstände, über die falsche Tendenz solcher Künstler, welche die Religion zur Kunst machen wollen, während ihnen die Kunst Religion sein sollte. »Die Religion,« sagte Goethe, »steht in demselbigen Verhältniß zur Kunst wie jedes andere höhere Lebensinteresse auch. Sie ist blos als Stoff zu betrachten, der mit allen übrigen Lebensstoffen gleiche Rechte hat. Auch sind Glaube und Unglaube durchaus nicht diejenigen Organe, mit welchen ein Kunstwerk aufzufassen ist, vielmehr gehören dazu ganz andere menschliche Kräfte und Fähigkeiten. Die Kunst aber soll für diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie auffassen; thut sie das nicht, so versteht sie ihren Zweck und geht ohne die eigentliche Wirkung an uns vorüber. Ein religiöser Stoff kann indeß gleichfalls ein guter Gegenstand für die Kunst sein, jedoch nur in dem Falle, wenn er allgemein menschlich ist. Deshalb ist eine Jungfrau mit dem Kinde ein durchaus guter Gegenstand, der hundertmal behandelt worden und immer gern wieder gesehen wird.«

Wir waren indeß um das Gehölz, das Webicht, gefahren und bogen in der Nähe von Tiefurt in den Weg nach Weimar zurück, wo wir die untergehende Sonne im Anblick hatten. Goethe war eine Weile in[73] Gedanken verloren, dann sprach er zu mir die Worte eines Alten:


Untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne.

»Wenn einer fünfundsiebzig Jahre alt ist,« fuhr er darauf mit großer Heiterkeit fort, »kann es nicht fehlen, daß er mitunter an den Tod denke. Mich läßt dieser Gedanke in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur, es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit, es ist der Sonne ähnlich, die blos unsern irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.«

Die Sonne war indeß hinter dem Ettersberge hinabgegangen; wir spürten in dem Gehölz einige Abendkühle und fuhren desto rascher in Weimar hinein und an seinem Hause vor. Goethe bat mich, noch ein wenig mit hinaufzukommen, welches ich that. Er war in äußerst guter, liebenswürdiger Stimmung. Er sprach darauf besonders viel über die Farbenlehre, über seine verstockten Gegner, und daß er das Bewußtsein habe, in dieser Wissenschaft etwas geleistet zu haben.

»Um Epoche in der Welt zu machen,« sagte er bei dieser Gelegenheit, »dazu gehören bekanntlich zwei Dinge: erstens daß man ein guter Kopf sei, und zweitens daß man eine große Erbschaft thue. Napoleon erbte die französische Revolution, Friedrich der Große den schlesischen Krieg, Luther die Finsterniß der Pfaffen, und mir ist der Irrthum der Newton'schen Lehre zutheil[74] geworden. Die gegenwärtige Generation hat zwar keine Ahnung, was hierin von mir geleistet worden; doch künftige Zeiten werden gestehen, daß mir keineswegs eine schlechte Erbschaft zugefallen.«

Goethe hatte mir heute früh ein Convolut Papiere in Bezug auf das Theater zugesendet; besonders fand ich darin zerstreute einzelne Bemerkungen, die Regeln und Studien enthaltend, die er mit Wolff und Grüner durchgemacht, um sie zu tüchtigen Schauspielern zu bilden. Ich fand diese Einzelheiten von Bedeutung und für junge Schauspieler in hohem Grade lehrreich, weshalb ich mir vornahm, sie zusammenzustellen und daraus eine Art von Theaterkatechismus zu bilden. Goethe billigte dieses Vorhaben, und wir sprachen die Angelegenheit weiter durch. Dies gab Veranlassung, einiger bedeutender Schauspieler zu gedenken, die aus seiner Schule hervorgegangen, und ich fragte bei dieser Gelegenheit unter andern auch nach der Frau von Heygendorff. »Ich mag auf sie gewirkt haben,« sagte Goethe, »allein meine eigentliche Schülerin ist sie nicht. Sie war auf den Brettern wie geboren und gleich in allem sicher und entschieden, gewandt und fertig wie die Ente auf dem Wasser. Sie bedurfte meiner Lehre nicht, sie that instinktmäßig das Rechte, vielleicht ohne es selber zu wissen.«

Wir sprachen darauf über die manchen Jahre seiner Theaterleitung, und welche unendliche Zeit er damit für sein schriftstellerisches Wirken verloren. »Freilich,«[75] sagte Goethe, »ich hätte indeß manches gute Stück schreiben können, doch wenn ich es recht bedenke, gereut es mich nicht. Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.«[76]


942.*


1824, 5. Mai.


Mit Johann Peter Eckermann

Die Papiere, welche die Studien enthalten, die Goethe mit den Schauspielern Wolff und Grüner gemacht, haben mich diese Tage lebhaft beschäftigt, und es ist mir gelungen, diese höchst zerstückelten Notizen in eine Art Form zu bringen, sodaß daraus etwas entstanden ist, das wohl für den Anfang eines Katechismus für Schauspieler gelten könnte.

Ich sprach heute mit Goethe über diese Arbeit, und wir gingen die einzelnen Gegenstände durch. Besonders wichtig wollte uns erscheinen, was über die Aussprache und Ablegung von Provinzialismen angedeutet worden.

»Ich habe in meiner langen Praxis,« sagte Goethe, »Anfänger aus allen Gegenden Deutschlands kennen gelernt. Die Aussprache der Norddeutschen ließ im ganzen wenig zu wünschen übrig; sie ist rein und kann in mancher Hinsicht als musterhaft gelten. Dagegen[76] habe ich mitgeborenen Schwaben, Österreichern und Sachsen oft meine Noth gehabt. Auch Eingeborene unserer lieben Stadt Weimar haben mir viel zu schaffen gemacht. Bei diesen entstehen die lächerlichsten Mißgriffe daraus, daß sie in den hiesigen Schulen nicht angehalten werden, das B vom P und das D vom T durch eine markirte Aussprache stark zu unterscheiden. Man sollte kaum glauben, daß Sie B, P, D und T überhaupt für vier verschiedene Buchstaben halten, denn sie sprechen nur immer von einem weichen und einem harten B und von einem weichen und einem harten D und scheinen dadurch stillschweigend anzudeuten, daß P und T gar nicht existiren. Aus einem solchen Munde klingt denn Pein wie Bein, Paß wie Baß, und Teckel wie Deckel.«

»Ein hiesiger Schauspieler,« versetzte ich, »der das T und D gleichfalls nicht gehörig unterschied, machte in diesen Tagen einen Fehler ähnlicher Art, der sehr auffallend erschien. Er spielte einen Liebhaber, der sich eine kleine Untreue hatte zu Schulden kommen lassen, worüber ihm das erzürnte junge Frauenzimmer allerlei heftige Vorwürfe macht. Ungeduldig, hatte er zuletzt auszurufen: ›O Ende!‹ Er konnte aber das T vom D nicht unterscheiden und rief: ›O ente!‹ (O Ente!), welches denn ein allgemeines Lachen erregte.«

»Der Fall ist sehr artig,« erwiederte Goethe, »und verdiente wohl in unsern Theaterkatechismus mit aufgenommen zu werden.«

[77] »Eine hiesige junge Sängerin,« fuhr ich fort, »die das T vom D gleichfalls nicht unterscheiden konnte, hatte neulich zu sagen: ›Ich will dich den Eingeweihten übergeben.‹ Da sie aber das T wie D sprach, so klang es als sagte sie: ›Ich will Dich den Eingeweiden übergeben.‹«

»So hatte neulich,« fuhr ich fort, »ein hiesiger Schauspieler, der eine Bedientenrolle spielte, einem Fremden zu sagen: ›Mein Herr ist nicht zu Haus, er sitzt im Rathe.‹ Da er aber das T vom D nicht unterschied, so klang es als sagte er: ›Mein Herr ist nicht zu Haus, er sitzt im Rade.‹ «

»Auch diese Fälle,« sagte Goethe, »sind nicht schlecht, und wir wollen sie uns merken. So wenn einer das P und B nicht unterscheidet und ausrufen soll: ›Packe ihn an!‹ aber statt dessen ruft: ›Backe ihn an!‹ so ist es abermals lächerlich. Gleicherweise,« fuhr Goethe fort, »wird hier das Ü häufig wie J ausgesprochen, wodurch nicht weniger die schändlichsten Mißverständnisse veranlaßt werden. So habe ich nicht selten statt Küstenbewohner – Kistenbewohner, statt Thürstück – Thierstück, statt gründlich – grindlich, statt Trübe – Triebe, und statt Ihr müßt – Ihr mißt vernehmen müssen, nicht ohne Anwandlung von einigem Lachen.«

»Dieser Art,« versetzte ich, »ist mir neulich im Theater ein sehr spaßhafter Fall vorgekommen, wo eine Dame in einer mißlichen Lage einem Manne folgen[78] soll, den sie vorher nie gesehen. Sie hatte zu sagen: ›Ich kenne dich zwar nicht, aber ich setze mein ganzes Vertrauen in den Edelmuth deiner Züge.‹ Da sie aber das Ü wie J sprach, so sagte sie: ›Ich kenne dich zwar nicht, aber ich setze mein ganzes Vertrauen in den Edelmuth deiner Ziege.‹ Es entstand ein großes Gelächter.«

»Dieser Fall ist abermals gar nicht schlecht,« erwiederte Goethe, »und wir wollen ihn uns gleichfalls merken. So auch,« fuhr er fort, »wird hier das G und K häufig miteinander verwechselt und statt G – K und statt K – G gesprochen, wahrscheinlich abermals aus der Ungewißheit, ob ein Buchstabe weich oder hart sei, eine Folge der hier so beliebten Lehre. Sie werden im hiesigen Theater wahrscheinlich sehr oft Kartenhaus für Gartenhaus, Kasse für Gasse, klauben für glauben, bekränzen für begrenzen, und Kunst für Gunst bereits gehört haben oder noch künftig hören.«

»Etwas Ähnliches,« erwiederte ich, »ist mir allerdings vorgekommen. Ein hiesiger Schauspieler hatte zu sagen: ›Dein Gram geht mir zu Herzen.‹ Er sprach aber das G wie K und sagte sehr deutlich: ›Dein Kram geht mir zu Herzen.‹«

»Dergleichen Verwechselungen von G und K,« versetzte Goethe, »hören wir übrigens nicht blos von Schauspielern, sondern auch wohl von sehr gelehrten Theologen. Mir passirte einst persönlich ein Fall der Art, den ich Ihnen doch erzählen will.

Als ich nämlich vor einigen Jahren mich einige[79] Zeit in Jena aufhielt und im Gasthof Zur Tanne logirte, ließ sich eines Morgens ein Studiosus der Theologie bei mir melden. Nachdem er sich eine Weile mit mir ganz hübsch unterhalten, rückte er beim Abschiede gegen mich mit einem Anliegen ganz eigener Art hervor. Er bat mich nämlich, ihm doch am nächsten Sonntage zu erlauben, statt meiner predigen zu dürfen. Ich merkte sogleich, woher der Wind wehte, und daß der hoffnungsvolle Jüngling einer von denen sei, die das G und K verwechseln. Ich erwiederte ihm also mit aller Freundlichkeit, daß ich ihm in dieser Angelegenheit zwar persönlich nicht helfen könne, daß er aber sicher seinen Zweck erreichen würde, wenn er die Güte haben wolle, sich an den Herrn Archidiakonus Koethe zu wenden.«[80]


943.*


1824, 6. Mai.


Mit Johann Peter Eckermann

Als ich im vorigen Sommer nach Weimar kam, war es, wie gesagt, nicht meine Absicht, hier zu bleiben, ich wollte vielmehr blos Goethe's persönliche Bekanntschaft machen und dann an den Rhein gehen wo ich an einem passenden Orte längere Zeit zu verweilen gedachte.

Gleichwohl ward ich in Weimar durch Goethe's besonderes Wohlwollen gefesselt; auch gestaltete sich mein[80] Verhältniß zu ihm immer mehr zu einem praktischen, indem er mich immer tiefer in sein Interesse zog und mir als Vorbereitung einer vollständigen Ausgabe seiner Werke manche nicht unwichtige Arbeit übertrug.

So stellte ich im Laufe dieses Winters unter anderm verschiedene Abtheilungen ›Zahmer Xenien‹ aus den konfusesten Convoluten zusammen, redigirte einen Band neuer Gedichte sowie den erwähnten Theaterkatechismus und eine skizzirte Abhandlung über den Dilettantismus in den verschiedenen Künsten.

Jener Vorsatz, den Rhein zu sehen, war indeß in mir beständig wach geblieben, und damit ich nicht ferner den Stachel einer unbefriedigten Sehnsucht in mir tragen möchte, so rieth Goethe selber dazu, einige Monate dieses Sommers auf einen Besuch jener Gegenden zu verwenden.

Es war jedoch sein ganz entschiedener Wunsch, daß ich nach Weimar zurückkehren möchte. Er führte an, daß es nicht gut sei, kaum geknüpfte Verhältnisse wieder zu zerreißen, und daß alles im Leben, wenn es gedeihen wolle, eine Folge haben müsse. Er ließ dabei nicht undeutlich merken, daß er mich in Verbindung mit Riemer dazu ausersehen, ihn nicht allein bei der bevorstehenden neuen Ausgabe seiner Werke thätigst zu unterstützen, sondern auch jenes Geschäft mit gedachtem Freunde allein zu übernehmen, im Fall er bei seinem hohen Alter abgerufen werden sollte.

Er zeigte mir diesen Morgen große Convolute seiner[81] Correspondenz, die er im sogenannten Büstenzimmer hatte auseinanderlegen lassen. »Es sind dies alle Briefe,« sagte er, »die seit Anno 1780 von den bedeutendsten Männern der Nation an mich eingegangen; es steckt darin ein wahrer Schatz von Ideen, und es soll ihre öffentliche Mittheilung Euch künftig vorbehalten sein. Ich lasse jetzt einen Schrank machen, wohinein diese Briefe nebst meinem übrigen literarischen Nachlasse gelegt werden. Das sollen Sie erst alles in Ordnung und beieinander sehen, bevor Sie Ihre Reise an treten, damit ich ruhig sei und eine Sorge weniger habe.«

Er eröffnete mir sodann, daß er diesen Sommer Marienbad abermals zu besuchen gedenke, daß er jedoch erst Ende Juli gehen könne, wovon er mir alle Gründe zutraulich entdeckte. Er äußerte den Wunsch, daß ich noch vor seiner Abreise zurück sein möchte, um mich vorher noch zu sprechen.[82]


944.*


1824, 18. Mai.


Mit Johann Peter Eckermann

und Friedrich Wilhelm Riemer

Abends bei Goethe in Gesellschaft mit Riemer. Goethe unterhielt uns von einem englischen Gedicht [von Scafe], das die Geologie zum Gegenstande hat. Er machte uns davon erzählungsweise eine improvisirte Übersetzung mit so vielem Geist, Einbildungskraft und[82] guter Laune, daß jede Einzelheit lebendig vor Augen trat, als wäre alles eine im Moment entstehende Erfindung von ihm selber. Man sah den Helden des Gedichts, den König Coal, in glänzendem Audienzsaal auf seinem Throne sitzen, seine Gemahlin Pyrites an seiner Seite, in Erwartung der Großen des Reichs. Nach ihrer Rangordnung eintretend, erschienen nach und nach und wurden dem Könige vorgestellt: Herzog Granit, Marquis Schiefer, Gräfin Porphyry, und so die übrigen, die alle mit einigen treffenden Beiwörtern und Späßen characterisirt wurden. Es tritt ferner ein: Sir Lorenz Urkalk, ein Mann von großen Besitzungen und bei Hofe wohlgelitten. Er entschuldigt seine Mutter, die Lady Marmor, weil ihre Wohnung etwas entfernt sei; übrigens wäre sie eine Dame von großer Cultur- und Politurfähigkeit. Daß sie heute nicht bei Hofe erscheine, hätte übrigens wohl seinen Grund in einer Intrigue, in welche sie sich mit Canova eingelassen, der ihr sehr schön thue. Tuffstein, mit Eidechsen und Fischen sein Haar verziert, schien etwas betrunken. Hans Mergel und Jakob Thon kommen erst gegen das Ende; letzterer der Königin besonders lieb, weil er ihr eine Muschelsammlung versprochen. Und so ging die Darstellung in dem heitersten Tone eine ganze Weile fort; doch war das Detail zu groß, als daß ich mir den weitern Verlauf hätte merken können.

»Ein solches Gedicht,« sagte Goethe, »ist ganz[83] darauf berechnet, die Weltleute zu amüsiren, indem es zugleich eine Menge nützlicher Kenntnisse verbreitet, die eigentlich niemand fehlen sollten. Es wird dadurch in höhern Kreisen der Geschmack für die Wissenschaft angeregt, und man weiß immer nicht, wieviel Gutes in der Folge aus einem so unterhaltenden Halbscherz entstehen kann. Mancher gute Kopf wird vielleicht veranlaßt, im Kreise seines persönlichen Bereichs selber zu beobachten; und solche individuelle Wahrnehmungen aus der uns umgebenden nächsten Natur sind oft um so schätzbarer, je weniger der Beobachtende ein eigentlicher Mann vom Fache war.«

»Sie scheinen also andeuten zu wollen,« versetzte ich, »daß man um so schlechter beobachte, je mehr man wisse?«

»Wenn das überlieferte Wissen mit Irrthümern verbunden,« erwiederte Goethe, »allerdings! Sobald man in der Wissenschaft einer gewissen beschränkten Confession angehört, ist sogleich jede unbefangene treue Auffassung dahin. Der entschiedene Vulkan ist wird immer nur durch die Brille des Vulkanisten sehen, sowie der Neptunist und der Bekenner der neuesten Hebungstheorie durch die seinige. Die Weltanschauung aller solcher in einer einzigen ausschließenden Richtung befangenen Theoretiker hat ihre Unschuld verloren, und die Objecte erscheinen nicht mehr in ihrer natürlichen Reinheit. Geben sodann diese Gelehrten von ihren Wahrnehmungen Rechenschaft, so erhalten wir ungeachtet[84] der höchsten persönlichen Wahrheitsliebe des einzelnen dennoch keineswegs die Wahrheit der Objecte, sondern wir empfangen die Gegenstände immer nur mit dem Geschmack einer sehr starken subjectiven Beimischung.

Weit entfernt aber bin ich, zu behaupten, daß ein unbefangenes rechtes Wissen der Beobachtung hinderlich wäre, vielmehr behält die alte Wahrheit ihr Recht, daß wir eigentlich nur Augen und Ohren für das haben, was wir kennen. Der Musiker vom Fach hört beim Zusammenspiel des Orchesters jedes Instrument und jeden einzelnen Ton heraus, während der Nichtkenner in der massenhaften Wirkung des Ganzen befangen ist. So sieht ferner der bloß genießende Mensch nur die anmuthige Fläche einer grünen oder blumigen Wiese, während dem beobachtenden Botaniker ein unendliches Detail der verschiedenartigsten einzelnen Pflänzchen und Gräser in die Augen fällt.

Doch hat alles sein Maaß und Ziel, und wie es schon in meinem ›Götz‹ heißt, daß das Söhnlein vor lauter Gelehrsamkeit seinen eigenen Vater nicht erkennt, so stoßen wir auch in der Wissenschaft auf Leute, die vor lauter Gelehrsamkeit und Hypothesen nicht mehr zum Sehen und Hören kommen. Es geht bei solchen Leuten alles rasch nach innen; sie sind von dem, was sie in sich herumwälzen, so occupiert, daß es ihnen geht wie einem Menschen in Leidenschaft, der in der Straße seinen liebsten Freunden vorbeirennt, ohne sie zu sehen.[85] Es gehört zur Naturbeobachtung eine gewisse ruhige Reinheit des Innern, das von gar nichts gestört und präoccupiert ist. Dem Kinde entgeht der Käfer an der Blume nicht, es hat alle seine Sinne für ein einziges einfaches Interesse beisammen, und es fällt ihm durchaus nicht ein, daß zu gleicher Zeit etwa auch in der Bildung der Wolken sich etwas Merkwürdiges ereignen könne, um seine Blicke zugleich auch dorthin zu wenden.«

»Da könnten also,« erwiederte ich, »die Kinder und ihresgleichen recht gute Handlager in der Wissen schaft abgeben.«

»Wollte Gott,« fiel Goethe ein, »wir wären alle nichts weiter als gute Handlanger! Eben weil wir mehr sein wollen und überall einen großen Apparat von Philosophie und Hypothesen mit uns herumführen, verderben wir es.«

Es entstand eine Pause im Gespräch, die Riemer unterbrach, indem er den Lord Byron und dessen Tod zur Erwähnung brachte. Goethe machte darauf eine glänzende Auseinandersetzung seiner Schriften und war voll des höchsten Lobes und der reinsten Anerkennung. »Übrigens,« fuhr er fort, »obgleich Byron so jung gestorben ist, so hat doch die Literatur hinsichtlich einer gehinderten weitern Ausdehnung nicht wesentlich verloren. Byron konnte gewissermaßen nicht weiter gehen. Er hatte den Gipfel seiner schöpferischen Kraft erreicht, und was er auch in der Folge noch gemacht haben würde, so hätte er doch die seinem Talent gezogenen[86] Grenzen nicht erweitern können. In dem unbegreiflichen Gedicht seines ›Jüngsten Gerichts‹ hat er das Äußerste gethan, was er zu thun fähig war.«

Das Gespräch lenkte sich sodann auf den italienischen Dichter Torquato Tasso, und wie sich dieser zu Lord Byron verhalte; wo denn Goethe die große Überlegenheit des Engländers an Geist, Welt und productiver Kraft nicht verhehlen konnte. »Man darf,« fügte er hinzu, »beide Dichter nicht miteinander vergleichen, ohne den einen durch den andern zu vernichten. Byron ist der brennende Dornstrauch, der die heilige Zeder des Libanon in Asche legt. Das große Epos des Italieners hat seinen Ruhm durch Jahrhunderte behauptet; aber mit einer einzigen Zeile des ›Don Juan‹ könnte man das ganze ›Befreite Jerusalem‹ vergiften.«[87]


945.*


1824, 26. Mai.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich nahm heute Abschied von Goethe, um meine Lieben in Hannover und sodann den Rhein zu besuchen .... Goethe war sehr herzlich und schloß mich in seine Arme. »Wenn Sie in Hannover bei Rehbergs,« sagte er, »vielleicht meine alte Jugendfreundin Charlotte Kestner sehen, so sagen Sie ihr Gutes von mir. In Frankfurt werde ich Sie meinen Freunden Willemers, dem Grafen Reinhard und Schlossers empfehlen.[87] Auch in Heidelberg und Bonn finden Sie Freunde, die mir treu ergeben sind und bei denen Sie die beste Aufnahme finden werden. Ich hatte vor, diesen Sommer wieder einige Zeit in Marienbad zuzubringen, doch werde ich nicht eher gehen, als bis Sie zurück sind.«[88]


946.*


1824, 31. Mai.


Mit Heinrich Meyer

Herr Staatsminister v. Goethe grüßt freundlichst und freut sich, Sie [Rauch] zu sehen und mit Ihnen das Erforderliche wegen der Statue zu überlegen. Er wird zuverlässig noch den ganzen Monat Junius, wahrscheinlich noch einen Theil des Julius in Weimar zubringen; doch läßt sich dieses letztere nicht geradezu als gewiß versichern, indem zufällige Ereignisse auf seine Entschlüsse wirken können. Nochmals hat er mir seine große Zufriedenheit zu erkennen gegeben darüber, daß Sie die Bemerkungen, welche ich Ihnen letzthin in Betreff des Gypsmodells für die sitzende Statue freimüthig mitgetheilt, wohl aufgenommen haben, und ich antwortete darauf mit einem Vers von Wieland:


Den guten Tänzern ist gut geigen.[88]


947.*


1824, 6. Juni.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Am Pfingsttage, 6. Juni, besuchte ich ihn Nachmittags nach Hoftafel. Er saß im Hemdärmel und trank mit Riemer. Ersteres war Ursache, daß er Gräfin Line Egloffstein nicht annahm. »Sie möge doch, sagte er zu Ottilien, des Abends zu mir kommen, nicht wenn Freunde da sind, mit denen ich tiefsinnig oder erhaben bin.« Nicht leicht habe ich ihn geistreicher und lebhafter gesehen.

Einige Anecdoten, die ich von Kirchnern1 in Frankfurt erzählte, brachten das Gespräch auf Humor.

»Nur, wer kein Gewissen oder keine Verantwortung hat, sagte er, kann humoristisch sein. Musaeus konnte es sein, der seine Schule schlecht genug versah, und sich um Nichts und um Niemand bekümmerte. Freilich humoristische Augenblicke hat wohl Jeder; aber es kommt darauf an, ob der Humor eine beharrliche Stimmung ist, die durchs ganze Leben geht.«

»Wahrscheinlich deßwegen,« sagte ich »weil dem Humoristen mehr an seiner Stimmung, als an dem Gegenstand gelegen ist; weil er jene unendlich höher, als diese, anschlägt.« »Ganz recht commentirt,« erwiederte er, »und sogar ganz in meinem Sinne.«

[89] »Wieland z.B. hatte Humor, weil er ein Skeptiker war und den Skeptikern ist es mit Nichts ein großer Ernst. Wieland hielt sich niemandem responsabel, nicht seiner Familie, nicht seinem Fürsten und handelte auch so. Wem es aber bitterer Ernst ist mit dem Leben, der kann kein Humorist sein. Wer untersteht sich denn Humor zu haben, wenn er die Unzahl von Verantwortlichkeiten gegen sich selbst und Andere erwägt, die auf ihm lasten? Wenn er mit Ernst gewisse bestimmte Zwecke erreichen will? Unter den großen Staatsmännern hat bloß der Herzog von Ossuna Humor gehabt, aber aus Menschenverachtung. Doch damit will ich den Humoristen keine Vorwürfe machen. Muß man denn gerade ein Gewissen haben? Wer fordert es denn?«

Ich führte an, daß irgend ein Schriftsteller gesagt habe, der Humor sei nichts anders als der Witz des Herzens.

Goethe ergrimmte auf's Heftigste über die Redensart »Nichts anders«.

»So,« schrie er, »sagte einst Cicero:

Die Freundschaft ist nichts anderes als etc. O du Esel, du einfältiger Bursche, du heilloser Kerl, der nach Griechenland läuft, um Weisheit zu holen und nichts Klügeres als jene unsinnige Phrase herausbringt. ›Nichts anderes!‹ Lauter Negation, lauter Herabsetzung! Ich werde gleich wüthend, wenn ich dergleichen höre. Nie konnte ich vor Matthisson2 Achtung[90] haben, wegen des absurden Liedes: ›Namen, ich3 nenne dich nicht‹.

Und ›Witz des Herzens‹, welcher Unsinn! Ich weiß nicht, was Herz ist und will ihm Witz beilegen! Dergleichen Phrasen streifen an meinem Ohre vorüber wie zerplatzte Luftblasen; der Verstand findet absolut nichts darin; das ist hohles Zeug.«

Es dauerte lange, ehe er sich beruhigte und dabei strömten die schlagendsten Einfälle aus seinem Munde.

Weber's4 Vorlesung über die »Braut von Korinth« gefiel ihm, »doch,« fügte er hinzu, »habe ich nicht aus Phlegons von Tralles, eines Freigelassenen Kaiser Hadrians, Tractat von wunderbaren Dingen, sondern wo anders her das Sujet genommen, es aber meist vom Stoffartigen entkleidet. Philinnion hieß die Braut.

Die Gegensätze der heidnischen und christlichen Religion bieten allerdings eine reiche Fundgrube für die Poesie.«

Darauf auf den Dichter Immermann kommend, bemerkte er: »Ich lasse Immermann gewähren und kann[91] ihn mir nicht recht construiren. Wie kann ich über ein erst Werdendes, Problematisches urtheilen? habe ich nicht mit meinen eigenen Werken genug zu thun? Und Sie wissen, daß ich ein fortwährend Werdendes statuire.«

So fuhr er lange im Tone der Orakelsprüche fort, z.B.

»Gegen einen Grundsatz statuire ich keine Erfahrung. Ich leugne sie geradezu.«

»Alles Tragische beruht auf einem unausgleichbaren Gegensatz. So wie Ausgleichung eintritt oder möglich wird, schwindet das Tragische.«

»Kirchner's Kopf paßt nicht zu seinem Rumpf und Leib. Schleppte er nicht am letztern eine so große Last herum, so würde er noch viel mehr Teufelszeug machen, noch viel lebendiger sein. Er ist ein kluger Schelm, der klügste in Frankfurt. Dort herrscht der krasseste Geldstolz, die Köpfe sind dumpf, beschränkt und düster. Da taucht nun auf einmal so ein Lichtkopf wie Kirchner auf! Ich will wetten, oder vielmehr de credulitate schwören, er schickt zu Michaelis keine weitern Frankfurter nach Jena.«

»Meine Freunde theile ich in Hoffer und Verzweifler. An der Spitze der erstern: der Kanzler, der letztern: Meyer. Dieser steht so hoch im Verzweifeln, daß er wieder zu hoffen anfängt.« (Riemer nannte ihn: »Auszweifler«.)


1 Anton Kirchner, Pfarrer, der Geschichtsschreiber Frankfurts.


2 Ein entschiedener Irrthum. Das Gedicht ist von W. Ueltzen.


3 Richtiger:

Namen nennen Dich nicht,

Dich bilden Griffel und Pinsel

Sterblicher Künstler nicht nach.


4 Wilh. Ernst Weber, Vorlesungen zur Ästhetik, vornehmlich in Bezug auf Goethe und Schiller. Hannover 1831. pag 193-201; Die Geschichte der Braut von Korinth aus einem antiken Actenstücke vorgelesen im Museum zu Frankfurt a. M. am 23. April 1824.[92]


948.*


1824, 13. Juni.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Nach Hofe war ich bei Goethe mit Riemer. Er sprach von Rousseau's Botanique und des Großherzogs Lossagen vom Handel mit Buchhändler Jügel wegen der Rafaelischen Tapeten.

»Wenn man für einen Fürsten handelt und spricht, muß man sein wie ein Scharfrichter, seine Befehle rasch, streng, glattweg vollziehen.«

Über Byron's Tod äußerte er, daß er gerade zu rechter Zeit erfolgt sei. Sein griechisches Unternehmen hat etwas Unreines gehabt und hätte nie gut endigen können.

»Es ist eben ein Unglück, daß so ideenreiche Geister ihr Ideal durchaus verwirklichen, ins Leben einführen wollen. Das geht nun einmal nicht, das Ideal und die gemeine Wirklichkeit müssen streng geschieden bleiben.«[93]


1727.*


1824, 13. Juni.


Mit Friedrich von Müller

[Ergänzungen zu Nr. 948. Schluß:]


Über Nagler's Gesandtschaftsposten; über meine sanguinischen Hoffnungen bei solchen Vorfällen. Anstettens Brief hatte er der Großfürstin noch immer nicht gezeigt: »Ich bin ohnehin viel zu communicativ; ich will es mir abgewöhnen.« Als ich ihn durch poetische Trostgründe wegen Ulrike [v. Levetzow?] und auch wegen Schiller's Verlust, den er vonneuem lebhaft und schmerzlich beklagte, beruhigen wollte, sagte er: »Das sind lauter Scheingründe; so etwas ist rhetorisch wol hübsch und gut, aber es kann mir nicht helfen: verloren bleibt verloren! Alle Einbildung kann mir die glückliche Vergangenheit nicht wiedergeben.«[123]


949.*


1824, 22. Juni.


Mit der Großherzogin Luise

und Christian Rauch

Morgens wurde ich durch Goethe der verständigen und geistreichen regierenden Frau Großherzogin vorgestellt. Goethe sprach bei dieser Gelegenheit seinen[93] vollkommensten Beifall über die Aufrisse und Pläne des von Schinkel in Berlin zu erbauenden großen Kunstmuseums umständlich und deutlich aus.[94]


950.*


1824, 30. Juni.


Mit Friedrich von Müller,

Clemens Wenzeslaus Coudray,

Friedrich Wilhelm Riemer

und Heinrich Meyer

Heute war ich mit Coudray, später mit Riemer, endlich noch mit Meyer, der vor seiner Karlsbader Reise Abschied nehmen wollte, bei Goethe. Nie sah ich ihn geistreicher, lebhafter, humoristischer, offner. Er forderte mich auf die Gedichte zum Pentazonium1 herbeizuschaffen, die Motive zu den fünf Zonen zu schematisiren. Über das »vir semisecularis« müßte Eichstädt consultirt werden, keine jüngern Philologen; nur fünfzigjährige mindestens sind hier patres curiae »Im Geistreichen« sagte er, »rasch vorwärts, im Conventionellen, Positiven, Recipirten aber vielfach umgefragt, umgeschaut, ja selbst pedantisch!«

Riemer wollte nun gleich eine Disputation halten, ob es Pente oder Pentazonium oder gar Penta oder Heptasolium heiße.

Coudray hatte eine »brillante« Idee, die Loge Amalia möge zur Jubelfeier des Großherzogs Carl August Preisaufgaben für Maler stellen. Goethe extemporirte[94] sofort ein Programm; »aber,« sagte er, »die sächsische Geschichte hat nur zwei große Momente als brauchbare Motive: 1) Kurfürst Friedrich der Weise lehnt die Kaiserwürde ab, und 2) Herzog Bernhard ergreift nach Gustav Adolfs Tode das Commando.« In der Entwicklung dieser Motive, die nur beide zusammen den Gegenstand erschöpfen, war Goethe bewundernswürdig. Welche Gegenwart aller Anschauungen, und welche Abstractionen! Bei Aburtheilung einiger Maler, Schadow, Kolbe, Macco, Hartmann, kam das Gespräch auf Nahls Gemälde im grünen Zimmer des Großherzogs, das Goethe, obwohl Carl August es getadelt, doch für das beste halte.

Das katholische Regulativ2 gab Goethen Gelegenheit grelle Ausfälle über die Mysterien der christlichen Religion, vorzüglich über die immaculata conceptio S. Mariae, da Mutter Anna schon immaculata concipirt haben soll. –

Dann kritisirte er die lettres Romaines3, deren Verfasser in Rom nie gewesen sei; sie seien eine Parteischrift, die alles Ideale ins Gemeine herabziehe und alle Symbole ihres höhern Sinnes entkleide. »Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde.«

[95] Nach Meyer's und Coudray's Weggang kam das Gespräch auf Spanien. Goethe entwickelte in großen characteristischen Umrissen die ältere Geschichte Spaniens, den langen Kampf mit den Mauren, die darauf entstandene Isolirung und Opposition der einzelnen Provinzen, und wie nothwendig alle Bewohner sich aufreiben mußten. Dem Buche Spanien und die Revolution ertheilte er großes Lob. »Der jetzige Zustand der Welt – Klarheit in allen Verhältnissen – ist dem Individuum sehr förderlich, wenn es sich auf sich selbst beschränken will; will es aber eingreifen in die bewegten Räder des Weltganges, glaubt es als ein Theil des Ganzen selbstthätig nach eigenen Ideen wirken, schaffen oder hemmen zu müssen, so geht es um so leichter zu Grunde. Ich meines Theils möchte in keiner andern Zeit gelebt haben. Man muß nur sich auf sich selbst zurückziehen, das Rechte still in angewiesenen Kreisen thun; wer will einem dann etwas anhaben?«


1 Pentazonium Vinariense dem dritten September 1825 gewidm., von Coudray gez., gest. von Schwerdgeburth.


2 Gesetz über die Verhältnisse der kathol. Kirchen und Schulen vom 7. November 1823. Weimarisches Reg.-Blatt Nr. 16 von 1823.


3 Jedenfalls sind die Tablettes Romaines cont. des faits, des anecdotes et des observations sur les moeurs etc. par un Français; Paris, Février 1824 gemeint[96]


951.*


1824, Ende Juni oder Anfang Juli.


Mit Friedrich von Müller

»Ich spreche nicht gern von Julie« [Gräfin Egloffstein], sagte er [Goethe] mir jüngst, »ich empfinde im Stillen zu viel über ihr Wegleiben und über den zögernden Gang ihrer Hofanstellung. Wir können uns doch nicht rühmen, eine vorzüglichere Person ihrer Art[96] kennen gelernt zu haben. Aber wenn sie klug, wenn sie nicht dunkel über sich selbst wäre, so käme sie unverweilt zurück. Das allein könnte und müßte der Sache schnell ein Ende machen. Ihre Erscheinung würde das alte Interesse der Fürstlichkeiten an ihr rasch beleben, und der zarteste und doch der wirksamste stillschweigende Vorwurf für sie sein. Und glauben Sie mir: Fürsten trösten sich leicht wegen Abwesender, aber nur sehr schwer lassen sie Anwesende, für die sie sich interessiren, unbefriedigt. Was soll ihr, Juliens, längeres Wegbleiben heißen? Es hat keinen vernünftigen Sinn. Es sieht einer Boutade, einem Ertrotzenwollen durch Wegbleiben ähnlich. Es schadet ihr offenbar bei den Herrschaften, die sie sehr ungern vermissen. Sie gehört zu uns: hier ist ihre Stelle. Was will sie in den Wäldern, in den Teichen? – Frau v. Eschwege1 wird nicht gehen, bis Julie kommt, dann aber gewiß in kürzester Zeit. Glauben Sie, der Großherzog würde Julie ein zweites Mal wegreisen lassen, ohne ihr die Stelle einzuräumen? Das ist undenkbar. Kurz! sprecht mir nicht mehr davon, ich ärgere mich zu sehr. Es war unrecht schon, daß sie das erste Mal wegging, viel unrechter, ja abgeschmackt ist es, daß sie so lange wegbleibt, als jene nicht das Feld von selbst räumt; das heißt ja, ihr selbst den Wechselbrief verlängern. Schwatzt mir nicht von Delicatessen, von unangenehmer[97] Empfindung beim Wiederkommen vor erreichtem Ziel, von gekränktem Ehrgefühl! Das ist für Philisterseelen allenfalls, nicht aber Juliens würdig. Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen, sich über kleine Unannehmlichkeiten hinwegsetzen und grandios genug denken, sich selbst und der Macht seiner Persönlichkeit zu vertrauen.«

– – – – – –

Und wie wird Goethe sich freuen, wenn Sie seinem – Rathe, darf ich nicht sagen; denn Sie wissen, daß er stets im Munde führt: »Die Menschen lassen sich ja nicht rathen« – aber: Winke, Wunsche, gefolgt sind.


1 An deren Stelle Julie Egloffstein treten sollte.[98]


1728.*


1824, Anfang Sommers.


Mit Gottlieb Heinrich Adolf Wagner

Goethe äußerte diesen Sommer gegen Wagner, der ihn in Weimar besuchte: die nördlichen protestantischen Staaten müßten zum Heile der Welt eng verbunden bleiben gegen die nordöstlichen Barbaren; hauptsächlich gehörten Preußen und England in diesen Bund.[123]


952.*


1824, 11. Juli.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Seit ›Ourica‹ [Roman der Herzogin v. Duras] habe ich alles abgelehnt. Man wollte mir auch einen Poete Delavigne aufdringen und dessen Gedicht1 L'école des vieillards; ich improvisirte dagegen folgendes:


Was reimt der Junge, der Franzos,

Uns alte Herren zu belehren?

Die Zeit ist wie der Teufel los,

Die weiß allein uns zu bekehren.


Und so hoff' ich denn auch dieses Gedicht los zu sein, da ich die Materie besser zu verstehen glaube, als der Gelbschnabel von Verfasser.«


1 Lustspiel.[98]


953.*


1824, 30. Juli.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

[Im Anschluß an den Brief an Knebel vom 30. Juli 1824 über die altenglischen Schauspieler im 1. Bande von Shakespeare's Vorschule von Tieck, namentlich »Arden von Feversham«, den Goethe als Werk Shakespeare's anspricht:]


»Es ist der ganze rein treue Ernst des Auffassens und Wiedergebens ohne Spur von Rücksicht auf den Effect, vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch. – Mir erscheint Shakespeare in jeder Zeile, und zwar der junge, dem es zu thun ist, sich selbst von den Tiefen der Menschheit Rechenschaft zu geben, dem aber die eigentliche Breterbühne so gut wie null ist. Dieser Umstand scheint mir durch alle seine Stücke durchzugehen.«[99]


1729.*


1824, Juli. (?)


Mit Gottlob Friedrich Ernst von Schönborn

In Weimar empfing Goethe mich und mein Buch [übersetzter Schauspiele von Lope de Vega], ja selbst meinen kleinen, mich ihn mitzunehmen peinigenden Neffen sehr holdselig und väterlich; ich fand den alten Herrn schöner und größer (an Leibesstatur), als vor zwei Jahren; keine Spur von Krankheit, warme und schalkhafte Augen. Er sprach schön über Sie [Ludwig Tieck], über Shakespeare, über Calderon, und ich verließ ihn nach einer Stunde, viel zufriedener über ihn, als über mich; denn ich weiß nicht, was für ein Dämon in mich gefahren war, ihm tausend Dinge sagen, ich glaube gar, ihm gefallen zu wollen, worüber ich, bald dieß bald jenes vergessend, bald manches im bewegten Gespräch nicht anbringen könnend, mir in holdem Wechsel bald ein zerstreutes, bald ein albernes Aussehen anfühlte.[124]


954.*


1824, Anfang August.


Mit Johann Peter Eckermann

Seit etwa acht Tagen bin ich von meiner Rheinreise zurück. Goethe äußerte bei meiner Ankunft eine lebhafte Freude, und ich meinerseits war nicht weniger glücklich, wieder bei ihm zu sein. Er hatte sehr viel zu reden und mitzutheilen, sodaß ich die ersten Tage wenig von seiner Seite kam. Seine frühere Absicht, nach Marienbad zu gehen, hat er aufgegeben, er will diesen Sommer gar keine Reise machen. »Nun, da Sie[99] wieder hier sind,« sagte er gestern, »kann es noch einen recht hübschen August für mich geben.«

Vor einigen Tagen communicirte er mir die Anfänge einer Fortsetzung von ›Wahrheit und Dichtung‹, ein auf Quartblättern geschriebenes Heft, kaum von der Stärke eines Fingers. Einiges ist ausgeführt, das meiste jedoch nur in Andeutungen enthalten. Doch ist bereits eine Abtheilung in fünf Bücher gemacht, und die schematisirten Blätter sind so zusammengelegt, daß man bei einigem Studium den Inhalt des Ganzen wohl übersehen kann .....

Um nun bei Goethe für die unterbrochene und seit Jahren ruhende Arbeit neue Lust und Liebe zu erregen, habe ich diese Angelegenheit nicht allein sogleich mündlich mit ihm besprochen, sondern ich habe ihm auch heute... Notizen zugehen lassen, damit es ihm vor die Augen trete, was vollendet ist und welche Stellen noch einer Ausführung und anderweiten Anordnung bedürfen.[100]


955.*


1824, einige Tage vor 16. August.


Mit Johann Peter Eckermann

Der Verkehr mit Goethe war in diesen Tagen sehr reichhaltig, ich jedoch mit andern Dingen zu beschäftigt, als daß es mir möglich gewesen, etwas Bedeutendes aus der Fülle seiner Gespräche niederzuschreiben.

[100] Nur folgende Einzelheiten finden sich in meinem Tagebuche notirt, wovon ich die Verbindung und die Anlässe vergessen, aus denen sie hervorgegangen:

»Menschen sind schwimmende Töpfe, die sich aneinander stoßen.«

»Am Morgen sind wir am klügsten, aber auch am sorglichsten; denn auch die Sorge ist eine Klugheit, wiewohl nur eine passive. Die Dummheit weiß von keiner Sorge.«

»Man muß keine Jugendfehler ins Alter hineinnehmen, denn das Alter führt seine eigenen Mängel mit sich.«

»Das Hofleben gleicht einer Musik, wo jeder seine Takte und Pausen halten muß.«

»Die Hofleute müßten vor Langeweile umkommen wenn sie ihre Zeit nicht durch Ceremonie auszufüllen wüßten.«

»Es ist nicht gut, einem Fürsten zu rathen, auch in der geringfügigsten Sache abzudanken.«

»Wer Schauspieler bilden will, muß unendliche Geduld haben.«[101]


1540.*


1824, 13. September.


Mit Wilhelm Häring und Karl Grüneisen.1


a.

Ich war nicht mehr Student und was already printed, als ich das zweite Mal nach Weimar reiste, um Goethe zu sehen. Ein werther Freund aus Württemberg – er war auch already printed – begleitete mich; er hatte denselben Zweck .... Mein Freund, obgleich Dichter, war doch auch Theolog, – und er ist jetzt [1838] ein sehr würdiger Geistlicher – und als Theolog mochte er nicht dulden, daß der Mensch noch Götter habe neben dem Einen. Er lächelte über meinen Enthusiasmus [bei dem Gedanken,[372] Goethe zu sehen]; er meinte: Goethe sei zwar ein großer Poet, aber doch immer ein Mensch mit sehr vielen Schwächen, und wenn zwar das Verlangen, ihn zu sehen, löblich sei, müsse man doch nicht zittern und beben ....

Wir sandten, in Weimar angelangt, unsere Empfehlungsbriefe in das Goethesche Haus und wurden auf den Nachmittag 5 Uhr, wie man uns vorausgesagt, beschieden .... Es schlug fünf! – Die Pforte öffnete sich .... ›Excellenz werden alsbald erscheinen!‹ sagte der Kammerdiener auf die für uns bereitgestellten Stühle weisend, und wenige Secunden darauf, als habe sie schon hinter der Thür bereit gestanden, trat die Excellenz ein. Von Kopf bis Fuß in glänzendem Schwarz, den großen blitzenden Stern auf der Brust. Wir verbeugten uns tief, wir stammelten einige Silben, die Excellenz erwiederte andere und deutete einladend auf die Stühle .... Die Excellenz spielte, die Hände halb vor sich auf dem Schooße gefaltet, mit den Daumen ein Rad schlagend. Wir saßen ehrfurchtsvoll übergebeugt, um keinen Laut zu verlieren. Unsere Empfehlungsbriefe waren vollgewichtig, die Unterhaltung war sofort eingeleitet und floß in dem ebenmäßigen Gleise fort, wie es unter anständigen Leuten Sitte ist, die sich nichts zu sagen haben.

Ich weiß nicht, ob es schon das Wort Excellenz auf der Lippe des Kammerdieners war, oder der glänzende schwarze Frack, oder der blitzende große Stern,[373] was meinen Zauber mit einem Male verschwinden ließ und mich plötzlich in die baare Wirklichkeit zurückversetzte. Das Herz schlug ganz ruhig, das Fieber war fort; nicht Goethe der Dichter des ›Werther‹, ›Götz‹, ›Faust‹, nicht der Liedersänger war zu uns getreten, sondern Goethe der vornehme Mann gab uns Audienz .... Äußere Vornehmheit mag wohl auf den ersten Moment einschüchtern, kann aber nicht fesseln. Die aufgeregten Geister waren auf mehr vorbereitet; sie ließen sich durch das gebotene Weniger nicht einmal frappiren, und ich war im Moment darauf wieder ein ganz freier Mann; statt verlegen zu sein und hinzuhorchen, wohin der Meister die Unterhaltung leiten dürfte, ergriff ich im Gefühle eines gewissen Übermuthes das Wort und versuchte Wendungen, damit wir mehr erhielten, als man uns geben wollte.

Aber es fruchtete wenig. Vielleicht war auch der Versuch, insofern er ihn gemerkt hat, Goethen nicht gelegen, und er umwickelte noch mehr seine Meinungen, als es vorhin seine Absicht war. Er erkundigte sich, in welchen Kreisen wir in Stuttgart und Berlin lebten, lobte den Herrn v. Cotta und den Herrn v. Varnhagen und sagte, daß letzterer ein sehr respectabler Mann sei und sein Zirkel sehr zu empfehlen. Raumer's ›Hohenstaufen‹ waren eben erschienen; Goethe sagte auf mein Anklopfen: »Diese werden uns für den Winter viel Beschäftigung geben.« Das Theater kam auch an die Reihe; Wolff's Darstellung des König Johann gab[374] zu einem indirecten Complimente für den Mann, welcher uns den großen Künstler gebildet, Anlaß, und ich hörte von Goethe, daß Wolff ein wohlgebildeter, beachtungswerther Künstler sei. Hinsichts jenes Shakespeare'schen Dramas und des ›Standhaften Prinzen‹ von Calderon schien eine Meinung aus den umwobenen Worten herauszublicken, daß nämlich eine Theaterdirection auf realen Begriffe ihres Publicums Rücksicht zu nehmen habe und fremdartige Vorstellungen erst dann wagen dürfe, wenn die Ansichten dafür geebnet seien. Alsdann – meinte ich – käme ›König Johann‹ wenigstens nicht zu früh, da Müllner uns bereits mit den ergreifendsten Auftritten daraus in seinem ›Yngurd‹ handgreiflich genug vertraut gemacht habe. Goethe senkte etwas lächelnd den Blick und meinte: auch dieser Mann habe seine Verdienste, und es sei immer löblich, das Publicum auf diese Art mit werthvollen Werken bekannt zu machen, insofern es noch nicht anderzeit sei, ihm diese Werke selbst vorzuführen.

Wir gingen, nachdem die Thüre hinter uns geschlossen, lange, ohne ein Wort zu sprechen, in derselben Allee auf und ab, die wir vorhin mit bangen Schritten gemessen hatten; von Bangigkeit war nicht mehr die Rede .... Also das war Goethe! ich sprach es aus, oder es stand auf meinem Gesicht zu lesen. Mein Freund lachte laut auf. Ich bat mir seine Meinung aus. – »Nun, er hat mir sehr gefallen, viel mehr, als ich gedacht. Diese herrliche Gestalt,[375] diese offene, mächtige Stirn und vor allem das klare große Auge des alten Mannes! Ich habe ihn ordentlich liebgewonnen und nehme den freundlichsten Eindruck von ihm auf meine Reise mit.« – Das Predigen war nun an ihm, und es gab die besten Texte von überspannten Erwartungen, die allemal trügen, vom selbstgezogenen Nimbus, der für die ächte Verehrung gefährlich sei und von einem Extrem zum andern führe ....

In Wilhelm Hauff's ›Memoiren des Satans‹ wurde ich in der sarkastischen Schilderung des Besuches bei Goethe lebhaft an meinen eigenen erinnert, und ich fand darin sogar Reminiscenzen, welche mir jetzt entfallen sind. Wilhelm Hauff war nicht in Weimar gewesen; er hatte Goethe nicht gesehen; er componirte nach mündlichen Mittheilungen seiner Landsleute, und der Freund, mit dem ich die Rolle des Verzückten nach dem Besuche ausgetauscht, stand dem Seligen nahe im Leben.


b.

Grüneisen erzählte oft, in welch gehobener Stimmung Häring sich befunden, ehe sie zusammen zu Goethe gingen; wie Häring ein Notizbuch mit Bleistift zu sich gesteckt, um darin alsbald alles zu verzeichnen, was Goethe gesprochen und was sie in dessen Haus gesehen .... Goethe empfing sie im Frack mit großem Ordensstern und ging zuerst auf Grüneisen[376] zu, sprach von Cotta und von der kleinen Liedersammlung, die bei Cotta erschienen, und endlich von Gr.'s bevorstehender Studienreise nach Italien. So dann wandte er sich an Häring, mit dem sich das Gespräch vornehmlich über Berlin und das Theater erstreckte.


1 Den Namen des Württembergers, der mit Häring bei Goethe war, zu ermitteln, ist den unermüdlichen Nachforschungen der Herrn Oberlandesgerichtsrath Dr. Schoenhardt gelungen.[377]


1730.*


1824, 28. September.


Mit Bettina von Arnim geb. Brentano

Abends 6 Uhr in Weimar eingetroffen, Goethe allein in weißem Schlafrock von mir überrascht, bei einer Karlsbader Wasserflasche und einem eisernen[124] Küchenleuchter. Er unterhielt sich sehr gut bei meiner Beschreibung von Rödelheim ..... Von Guaita's Bürgermeisterschaft verlangte er auch eine Relation; er sagte, er habe eine wahre Anhänglichkeit an die Verfassung seiner Vaterstadt, die zugleich auch einen poetischen Grund habe, und es sei ihm lieb, von mir bestätigt zu hören, was ihm schon von andern mitgetheilt sei, daß Guaita der Mann sei, der auf ihre Rechte und ihre Gebräuche den wahren Werth zu lesen wisse. Da ich ihn fragte, warum er denn das Bürgerrecht aufgegeben, da er doch denken könne, daß dieß den Frankfurtern höchst kränkend sein müsse, sagte er: »die mir dazu riethen, sind Meister dieser Sache; es ist ihre eigene Zukunft und nicht die meinige. Ich habe nie den Übermuth gehabt, gegen den Willen meiner Kinder etwas für ihre Existenz als wichtig zu behaupten oder durchzusetzen. Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner Wiege bequemer, meiner bürgerlichen Existenz gemäßer, oder meiner poetischen Ansicht entsprechender denke, ich könnte keine liebere Stadt, als Frankfurt nennen; sie hat das edelste Verhältniß und das bedeutendste zur Geschichte unserer Tage; sie ist gerade groß genug, daß sie die Ambition eines jungen, regsamen Gemüthes befriedige; sie hatte zumwenigsten in meiner Zeit eine lebendige Theilnahme, durch die ich allein zu meiner Entwickelung kam, und meiner Mutter, die vielleicht in jeder andern Stadt ein trübes, einsames Leben geführt hätte, ist bis in ihr spätestes[125] Alter geehrt und geliebt von allen Mitbürgern, ein glückliches Leben zutheil geworden. Sie hat sich oft darüber in ihren Briefen gegen mich geäußert, und ich, der ich für ihr Dasein so wenig thun konnte, war dadurch sehr erleichtert und werde gewiß jedem Frankfurter, der mir nahe kommt, meinen Dank in der freundlichsten Gesinnung in Vergeltung bringen.« – Ich mußte ihm nun noch alle einzelne Familienglieder und deren Nachkommenschaft hernennen .....

Die beiden Mädchen mit der alten Claudine [Brentano] (Piautaz) hab' ich ihm auch beschrieben. Sophie mußte zu einer Vergleichung der jüngsten Sibylle des Pietro Perugino herhalten, während Claudine [Brentano], die Jüngere, einem schönen Portrait des Vandyck, das Goethe kennt, ihre Vergegenwärtigung zu danken hatte; zu Verschönerung des Rödelheimer Besitzes habe ich nichts beigetragen, als daß ich den kleinen grünen Nachen ganz vergoldet habe und ihm beschrieben, wie bei warmen Sommernächten der edelgebildete George [Brentano], seine melancholische Stimme mit der Guitarre begleitend, sich bei Mondenschein von seinen beiden Töchtern auf der Nidda rudern lasse, während die alte Claudine mit bescheidener, mütterlicher Vorsicht das Steuerruder lenke. Er fand dieß eine höchst malerische Situation zu einem Familienportrait, und ich versicherte ihm, daß es auch ganz und gar das gegenseitige Verhältniß der beschriebenen Personen ausdrücke. Und so hab' ich[126] denn auf einer Seite nicht gelogen; denn die glücklich liebenden Töchter eines so glücklichen Vaters bestreben sich ja allein, ihn sanft über die Wellen seines Lebensstromes hingleiten zu machen, und unsere Claudine verbringt ihre Tage im Segenerbitten und Sorgen für alle. George der Jüngere trat auf mit einem muthigen Engländer am Zaum und einem schönen Jagdhunde voll Witz und Übermuth, der es bei dem Familienfrühstück zu Buffotänzen und Kunstsprüngen zum Excelliren bringe. Die Miniaturen von George, von denen er genaue Relation haben wollte, waren über alle Beschreibung; ich habe ihm daher nur gesagt, daß die Compositionen sowol wie die Ausführung mit nichts Ähnlichem zu vergleichen seien, und das in jedem handgroßen Bilde eine Anordnung für ein wandgroßes sei. Das von [Ludwig] Grimm radirte Portrait unseres Franz hat er gesehen .....

Da ich Goethe erzählte, daß man ihn dieß Jahr in Winkel erwartet habe, und daß Toni [Brentano geb. v. Birckenstock] expreß ein Faß Zweiundzwanziger habe anstecken lassen für ihn, wurde er trocken im Halse und beorderte einen ziemlich trinkbaren Rambaß1, der seine Wirkung nicht verfehlte. Er trank die Gesammtheit meiner sämmtlichen wunderlich liebenswürdigen Familie; ich stieß noch einmal apart auf die Burgermeisterschaft[127] Guaita's an. »Dieser möge jedoch nicht so seltsamliche Sprünge im Kopf haben, wie Du,« sagte er, »sonst könnte die gute Stadt Frankfurt eine zu krause Perrücke bekommen.« Ich bedeutete ihm, daß ich unter der gemäßigten Zuchtruthe seiner Kritik mich stets wohlbefunden, und daß die Frau Burgermeisterin Meline das schönste Exemplar eines pflichterfüllten Eheweibes sei und, so wie er im Rathe der Stadt, sie sich im häuslichen Kreise einzig auszeichne. – Hiermit befahl er mich zum Klavier, wo ich ihm die Lieder, die ich von ihm componirt, vorspielen sollte; der Kammerjungfer befahl er ein paar schönste silberne Leuchter, die in seinem Cabinet, wo er mehrere Gipsbüsten hat, stehen, zu holen; allein diese hielt die Büsten für Geisterköpfe, und wir gingen nun alle drei in Procession: ich mit dem Licht, Goethe mit dem Weinglas und die Kammerjungfer mit den Leuchtern; es wurden Wachslichter aufgesetzt und gesungen. Zu meiner Mortification gefiel ihm das Lied von Maxis componirt, welches ich ihm auch vorsang, am besten; er sagte: »Nun, das läßt sich hören; es ist einfach und edel componirt, und die Melodie prägt sich meinem Gehör ein.« Ich mußte es mit allen Versen zweimal singen und für seine Schwiegertochter abschreiben.


1 Rambaß (Rambas, Rampas) nennt man in der Maingegend in etwas despectirlicher Weise einen mittelmäßigen Wein.[128]


1731.*


1824, 29. September.


Mit Bettina von Arnim

Den Mitwoch ..... Abend war ich wieder bei Goethe allein; wer uns da beobachtete, hätte der Nachwelt was zu erzählen gehabt. Seine Eigenthümlichkeit entwickelte sich ganz: erst knurrte er mich an, dann liebkoste er mit den schmeichelhaftesten Worten, um mich wieder gut zu machen. Die Weinflasche hatte er im Nebenzimmer, weil ich ihm Vorwürfe am vorigen Abend gemacht hatte über sein Trinken; er ging unter irgend einem Vorwand ungefähr sechsmal vom Theater ab, um ein Glas zu trinken. Ich ließ mir nichts merken, aber beim Abschied sagte ich ihm, daß zwölf Gläser Wein ihm nicht schaden würden, und er habe doch am heutigen Abend nur sechs getrunken. Er sagte: »Woher weißt Du das so bestimmt?« – Ich habe die Bouteille glucksen hören im Nebenzimmer und dann das Glas in Deine Gurgel, und dann hast Du es mir wie Salomon im Hohen Liede seiner Geliebten mit Deinem Athem verrathen. »Du bist ein arger Schelm«, sagte er; »mache, daß Du fortkömmst!« und nahm das Licht, um mir hinauszuleuchten. Ich aber nahm den Vorsprung und kniete mich an die Schwelle seines Zimmers: Nun will ich sehen, ob ich Dich einsperren kann, und ob Du ein guter oder ein böser Geist bist, wie die Rolle im »Faust«; ich küsse diese[129] Schwelle und segne sie, über die täglich der herrlichste Menschengeist und mein bester Freund hinausschreitet. »Über Dich und Deine Liebe schreite ich nicht hinaus«, sagte er, »die ist mir zu theuer, und um Deinen Geist schleiche ich mich so herum« (indem er das Plätzchen sorgfältig umschritt); »denn Du bist sehr pfiffig, und es ist besser in gutem Vernehmen mit Dir zu sein.« Und so entließ er mich mit Thränen in den Augen; ich blieb noch vor der Thür im Dunkeln stehen, um meine Rührung zu verschlucken. Ich überlegte es mir, daß diese Thür, die ich eben mit eigner Hand zugemacht hatte, ihn aller Wahrscheinlichkeit nach auf ewig von mir getrennt habe. Wer ihm nahe ist, kann nur bekennen, daß sein Genie sich zumtheil in Güte aufgelöst habe; das Sonnenfeuer seines Geistes hat sich in mildes Purpurlicht beim Untergang verwandelt.[130]


1732.*


1824, 1.? October.


Mit Heinrich Heine

Auf dem Brocken ergriff ihn das Verlangen, zur Verehrung Goethe's nach Weimar zu pilgern, und durch ein Billet vom 1. October erbat er sich eine Audienz bei dem greisen Dichterfürsten, dem er bereits anderthalb Jahre vorher seine Gedichte und Tragödien übersandt hatte. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Besuch für Heine's Selbstgefühl und Eitelkeit[130] eine tiefe Demüthigung bedeutete. Nachdem er zu seinem Verdruß vermuthlich auf eine Frage Goethe's nach seiner Wanderung erzählte, daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten, richtete Goethe plötzlich die Frage an ihn: ›Womit beschäftigen Sie sich jetzt?‹ Rasch antwortete der Dichter: »Mit einem Faust.« Goethe stutzte einwenig und fragte in spitzigem Tone: ›Haben Sie weiter keine Geschäfte in Weimar, Herr Heine?‹ – Heine empfahl sich schnell.[131]


956.*


1824, 11. October.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Bei Goethe fand ich Riemer, der mit ihm arbeitete. Sei es die unwillkommene Störung, sei es die Aufregung[101] durch des kleinen Walthers Unfall, der den Arm gebrochen, und meine übelangebrachte Tröstung, kurz Goethe war sehr heftig, widerstrebend. In Politicis überspränge ich oft alle Grenzen und spräche gar zu leichtsinnig ab. Gemüthlich sprach er nur über Raumer's Geschichte der Hohenstaufen, an welchem er gerade das Nüchterne, das Freihalten von allen philosophischen Ansichten lobte. Und doch wenn man die vier Bände durchlesen, habe man nichts gewonnen als die Überzeugung, daß es damals noch schlechter als jetzt hergegangen. Die Weltgeschichte sei eigentlich nur ein Gewebe von Unsinn für den höhern Denker, und wenig aus ihr zu lernen: »Ich ziehe Raumern hundertmal dem Johannes v. Müller vor.«

Das Geistreichste, was er sagte, war, daß er die jetzigen Griechenkämpfe als ein Analogon und Surrogat der Kreuzzüge ansehe, wie diese auch jene zur Schwächung der Macht der Osmanen überhaupt höchst heilsam seien.[102]


957.*


1824, 14. October.


Mit Friedrich von Müller

Nach Tische war ich kurz bei Goethe, der über Graf Reinhard bemerkte: Ihm sei wie einem, der stets mit einem Reffe auf dem Rücken durch das Leben gehe.[102]


958.*


1824, 16. October.


Mit Friedrich von Müller

Goethe zeigte sich mir höchst unzufrieden mit dem Bilde1 vor der neuen Ausgabe des Werther, ohne jenes doch vorzuzeigen. »Ich habe die Idee gehabt, mich nach einem alten Bilde von Kraus graviren zu lassen, damit die Leute doch sehen, wie ein Verfasser solch tollen Zeugs ungefähr beantlitzt gewesen.«


1 Gestochen von Schule.[103]


959.*


1824, 23. October.


Mit Friedrich von Müller

Goethe scherzte viel, und schrieb unter anderm in ein englisches Dictionnaire Ottiliens:


Dicke Bücher, vieles Wissen,

Ach, was werd' ich lernen müssen!

Will's nicht in den Kopf mir gehen,

Mag es nur im Buche stehen.


Dann zeigte er uns sein erstes Manuscript, den »Gottfried von Berlichingen«, das sehr reinlich, fast ohne alle Correcturen war, und sprach dann von der geheimen Tendenz des deutschen Fürstenbundes gegen Friedrich II. Anmaßungen, während dieser selbst dazu anzutreiben vermocht wurde. Der Kronprinz sei im Geheimniß gewesen, und von dem alten Fürsten von Dessau die Idee ausgegangen.[103]


1736.*


1824, Herbst.


Mit Caroline von Wolzogen

Hat Goethe mit Dir nicht über die Correspondenz [zwischen Schiller und Goethe] gesprochen? Es geht übrigens alles gut. Er sagte mir: gegen Ostern werde das Manuscript fertig sein und Cotta müsse noch mehr bezahlen, als er anfangs gedacht .... Goethe ist in den besten Principien über diese Dinge.[133]


1733.*


1824, 2. November.


Mit Friedrich von Müller

Bei Goethe nur kurze Zeit, da er nicht aufgelegt schien; doch schilderte er Betty Jacobi sehr prägnant als eine heitere, kräftige, kluge, von Sentimentalität ganz freie Niederländerin. Jacobi's Briefe könne er, vorerst wenigstens, nicht lesen: es zerstreue ihn nur, rege alte Zustände zur Gährung auf, und könne doch zu nichts helfen, zu nichts führen. Jacobi sei auch so ein Hans Dampf gewesen, der mit klugen Frauen sich in Correspondenz eingelassen, was zu nichts führe.[131]


1734.*


1824, 8. November.


Mit Friedrich von Müller

Von 5-6 1/2 bei Goethe im Dunkeln. Feine Zurechtweisung unklarer politischer Urtheile. »Meine Kinder sprechen auch oft wie Neulinge in der Welt, die eben erst von der Confirmation herkommen. Haben nicht vonjeher Abenteurer und Söldlinge aller Nationen sich auf beiden Seiten befunden? Was ist denn nun viel Aufhebens davon zu machen, daß einige Österreicher und Engländer bei den Türken gefunden werden? Die Geschichte sollte doch lehren, daß nichts Neues unter der Sonne geschieht.« .... Er habe fast vor, eine pragmatische Geschichte der demagogischen Umtriebe auf unsern Universitäten zu schreiben, die erst im zwanzigsten Jahrhundert solle gedruckt werden.[132]


960.*


1824, 9. November.


Mit Johann Peter Eckermann

Abends bei Goethe. Wir sprachen über Klopstock und Herder, und ich hörte ihm gerne zu, wie er die großen Verdienste dieser Männer gegen mich auseinandersetzte.

»Unsere Literatur,« sagte er, »wäre ohne diese gewaltigen Vorgänger das nicht geworden, was sie jetzt ist. Mit ihrem Auftreten waren sie der Zeit voran und haben sie gleichsam nach sich gerissen; jetzt aber ist die Zeit ihnen vorangeeilt, und sie, die einst so nothwendig und wichtig waren, haben jetzt aufgehört Mittel zu sein. Ein junger Mensch, der heutzutage seine Kultur aus Klopstock und Herder ziehen wollte, würde sehr zurückbleiben.«

Wir sprachen über Klopstock's ›Messias‹ und seine ›Oden‹ und gedachten ihrer Verdienste und Mängel. Wir waren einig, daß Klopstock zur Anschauung und Auffassung der sinnlichen Welt und Zeichnung von Characteren keine Richtung und Anlage gehabt, und daß ihm also das Wesentlichste zu einem epischen und dramatischen Dichter, ja man könnte sagen zu einem Dichter überhaupt, gefehlt habe.

»Mir fällt hier jene Ode ein,« sagte Goethe, »wo er die deutsche Muse mit der britischen einen Wettlauf machen läßt; und in der That, wenn man bedenkt, was[104] es für ein Bild giebt, wenn die beiden Mädchen miteinander laufen und die Beine werfen und den Staub mit ihren Füßen erregen, so muß man wohl annehmen, der gute Klopstock habe nicht lebendig vor Augen gehabt und sich nicht sinnlich ausgebildet, was er machte; denn sonst hätte er sich unmöglich so vergreifen können.«

Ich fragte Goethe, wie er in der Jugend zu Klopstock gestanden, und wie er ihn in jener Zeit angesehen.

»Ich verehrte ihn,« sagte Goethe, »mit der Pietät, die mir eigen war; ich betrachtete ihn wie meinen Oheim. Ich hatte Ehrfurcht vor dem, was er machte, und es fiel mir nicht ein, darüber denken und daran etwas aussetzen zu wollen. Sein Vortreffliches ließ ich auf mich wirken und ging übrigens meinen eigenen Weg.«

Wir kamen auf Herder zurück, und ich fragte Goethe, was er für das beste seiner Werke halte. »Seine ›Ideen zur Geschichte der Menschheit‹,« antwortete Goethe, »sind unstreitig das vorzüglichste. Später warf er sich auf die negative Seite, und da war er nicht erfreulich.«

»Bei der großen Bedeutung Herders,« versetzte ich, »kann ich nicht mit ihm vereinigen, wie er in gewissen Dingen so wenig Urtheil zu haben schien. Ich kann ihm z.B. nicht vergeben, daß er, zumal bei dem damaligen Stande der deutschen Literatur, das Manuscript[105] des ›Götz von Berlichingen‹ ohne Würdigung seines Guten mit spöttelnden Anmerkungen zurücksandte. Es mußte ihm doch für gewisse Gegenstände an allen Organen fehlen.«

»In dieser Hinsicht war es arg mit Herder,« erwiederte Goethe; »ja wenn er als Geist in diesem Augenblick hier gegenwärtig wäre,« fügte er lebhaft hinzu, »er würde uns nicht verstehen.«

»Dagegen muß ich den Merck loben,« sagte ich, »daß er Sie trieb, den ›Götz‹ drucken zu lassen.«

»Das war freilich ein wunderlicher bedeutender Mensch,« erwiederte Goethe. »›Laß das Zeug drucken!‹ sagte er; ›es taugt zwar nichts, aber laß es nur drucken!‹ Er war nicht für das Umarbeiten, und er hatte recht; denn es wäre wohl anders geworden, aber nicht besser.«[106]


1735.*


1824, 16. November.


Mit Friedrich von Müller

Nachmittags bei Goethe, der Wachler's Literaturgeschichte sehr lobte und über die Schäden aller Accomodation sprach, die nothwendig entstehen, wenn man zur Erklärung eines Phänomens ein halbwahres System zugiebt.[132]


961.*


1824, 18. November.


Mit Friedrich von Müller

Nachmittags von 4 bis 5 Uhr weilte ich bei Goethen. Ein Frankfurter, Herr Fellner, wurde angemeldet und abgeschlagen. »Man muß den Leuten abgewöhnen, einen unangemeldet zu überfallen, man bekommt doch immer andere fremde Gedanken durch solche Besuche, muß sich in ihre Zustände hineindenken. Ich will keine fremden Gedanken, ich habe an meinen eigenen genug, kann mit diesen nicht fertig werden.«

[106] Darauf theilt er den ausgesonnenen Plan zu Regulirung der vom Großherzog vergönnten öftern Benutzung der neuen Kunst- und Bücherschätze auf der Bibliothek mit. Nach einem gewissen Turnus sollen acht bis neun Familienhäupter, jedes alle drei bis sechs Wochen, eine Karte erhalten, auf welche sie dann mit einer beliebig gewählten Gesellschaft zwei Vormittagsstunden, des Montags oder Donnerstags, die ausgelegten literarischen Neuigkeiten beschauen mögen.

Goethe war heute ausnehmend mild, ruhig, innerlichst heiter.

Er kam bald wieder auf Lord Byron zu sprechen. »Byron,« sagte er, »stellt den alten Pope blos deßhalb so hoch, um an ihm eine unbezwingliche Mauer zum Hinterhalt zu haben. Gegen Pope ist Byron ein Riese, gegen Shakespeare aber freilich wieder nur ein Zwerg gewesen. Die Ode auf den Tod des Generals Moore ist eine der schönsten Dichtungen Byrons. Shelley muß ein armseliger Wicht sein, wenn er dieß nicht gefühlt hat, überhaupt scheine Byron viel zu gut gegen ihn gewesen. Daß Byron bei dem Gefangenen von Chillon Ugolino zum Vorbild genommen, ist durchaus nicht zu tadeln, die ganze Natur gehört dem Dichter an; nun aber wird jede geniale Kunstschöpfung auch ein Theil der Natur, und mithin kann der spätere Dichter sie so gut benutzen wie jede andere Naturerscheinung.

Mad. Louise Belloc hat sehr Unrecht, wenn sie[107] Thomas Moore der Byron'schen Lorbeerkrone würdig hält. Höchstens in einem Ragout dürfte Moore einzelne Lorbeerblätter genießen. An einem so herrlichen Gedicht, wie das Byron'sche auf General Moore, zehre ich einen ganzen Monat lang und verlange nach nichts anderem. Wäre Byron am Leben geblieben, er würde für Griechenland noch ein Lykurg oder Solon geworden sein.

Lord Stratfords Abreise von Konstantinopel ist sehr bedeutungsreich, ohne Zweifel ein Symptom, daß die Engländer die griechische Sache für gewonnen halten. Aus Europa kann man aber nun einmal die Türken doch nicht treiben, da keine christliche Macht Konstantinopel besitzen darf, ohne Herr der Welt zu werden, aber beschneiden, reduciren kann man die türkische Macht in Europa, so weit als die griechischen Kaiser in den letzten zwei Jahrhunderten.«[108]


962.*


1824, 24. November.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich besuchte Goethe abends vor dem Theater und fand ihn sehr wohl und heiter. Er erkundigte sich nach den hier anwesenden jungen Engländern, und ich sagte ihm, daß ich die Absicht habe, mit Herrn Doolan eine deutsche Übersetzung des Plutarch zu lesen. Dies führte das Gespräch auf die römische und griechische[108] Geschichte, und Goethe äußerte sich darüber folgendermaßen:

»Die römische Geschichte,« sagte er, »ist für uns eigentlich nicht mehr an der Zeit. Wir sind zu human geworden, als daß uns die Triumphe des Cäsar nicht widerstehen sollten. So auch die griechische Geschichte bietet wenig Erfreuliches. Wo sich dieses Volk gegen äußere Feinde wendet, ist es zwar groß und glänzend, allein die Zerstückelung der Staaten und der ewige Krieg im Innern, wo der eine Grieche die Waffen gegen den andern kehrt, ist auch desto unerträglicher. Zudem ist die Geschichte unserer eigenen Tage durchaus groß und bedeutend; die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen so gewaltig hervor, daß jene von Marathon und ähnliche andere nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere einzelnen Helden nicht zurückgeblieben: die französischen Marschälle und Blücher und Wellington sind denen des Alterthums völlig an die Seite zu setzen.«

Das Gespräch wendete sich auf die neueste französische Literatur und der Franzosen täglich zunehmendes Interesse an deutschen Werken.

»Die Franzosen,« sagte Goethe, »thun sehr wohl, daß sie anfangen unsere Schriftsteller zu studiren und zu übersetzen; denn beschränkt in der Form und beschränkt in den Motiven wie sie sind, bleibt ihnen kein anderes Mittel, als sich nach außen zu wenden. Man mag uns Deutschen eine gewisse Formlosigkeit vorwerfen,[109] allein wir sind ihnen doch an Stoff überlegen. Die Theaterstücke von Kotzebue und Iffland sind so reich an Motiven, daß sie sehr lange daran werden zu pflücken haben, bis alles verbraucht sein wird. Besonders aber ist ihnen unsere philosophische Idealität willkommen; denn jedes Ideelle ist dienlich zu revolutionären Zwecken.

Die Franzosen,« fuhr Goethe fort, »haben Verstand und Geist, aber kein Fundament und keine Pietät. Was ihnen im Augenblick dient, was ihrer Partei zu gute kommen kann, ist ihnen das Rechte. Sie loben uns daher auch nie aus Anerkennung unserer Verdienste, sondern nur wenn sie durch unsere Ansichten ihre Partei verstärken können.«

Wir sprachen darauf über unsere eigene Literatur, und was einigen unserer neuesten jungen Dichter hinderlich.

»Der Mehrzahl unserer jungen Poeten,« sagte Goethe, »fehlt weiter nichts, als daß ihre Subjectivität nicht bedeutend ist, und daß sie im Objectiven den Stoff nicht zu finden wissen. Im höchsten Falle finden sie einen Stoff, der ihnen ähnlich ist, der ihrem Subjecte zusagt; den Stoff aber um sein selbst willen, weil er ein poetischer ist, auch dann zu ergreifen, wenn er dem Subject widerwärtig wäre, daran ist nicht zu denken.

Aber, wie gesagt, wären es nur bedeutende Personagen, die durch große Studien und Lebensverhältnisse[110] gebildet würden, so möchte es, wenigstens um unsere jungen Dichter lyrischer Art, dennoch sehr gut stehen.«[111]


963.*


1824, 25. November.


Mit Friedrich von Müller

Von 4 – 5 1/2 Uhr war ich ganz allein bei Goethe. Er sprach von Walter Scott, der durch seine Schriftstellerei an 80,000 Pfund gewann, aber sich selbst und seinen wahren Ruhm dafür verkauft habe; denn im Grunde sei er doch zum Pfuscher geworden; denn seine meisten Romane seien nicht viel werth, doch immer noch viel zu gut fürs Publicum. – Den Schrittschuh-Almanach1 mit Gedichten von Klopstock, Cramer u.s.w., meinte er, verstehe jetzt kein Mensch mehr recht. Klopstock war doch immer sehr vornehmthuerisch, steif und ungelenk in seinen Dichtungen, und über »Fiesco«, bei Gelegenheit der Bearbeitung von Ancelot äußerte er, es sei ein wildes Stück, das den Todeskeim gleich in sich getragen habe. Diese Verschwörungsgeschichten alle, die den frühern Dichtern im Kragen staken, sind im Grunde nichts als revolutionäre Schwärmereien, gewöhnlich ist der Ermordete gerade der Beste oder Unentbehrlichste.


1 Der Eislauf . . . Taschenbuch. Nürnberg 1825.[111]


964.*


1824, 3. December.


Mit Johann Peter Eckermann

und Friedrich von Müller

Es war mir in diesen Tagen ein Antrag zugekommen, für ein englisches Journal unter sehr vortheilhaften Bedingungen monatliche Berichte über die neuesten Erzeugnisse deutscher Literatur einzusenden. Ich war sehr geneigt, das Anerbieten anzunehmen, doch dachte ich, es wäre vielleicht gut, die Angelegenheit zuvor mit Goethe zu bereden.

Ich ging deßhalb diesen Abend zur Zeit des Lichtanzündens zu ihm. Er saß bei herabgelassenen Rouleaux vor einem großen Tisch, auf welchem gespeist worden und wo zwei Lichter brannten, die zugleich sein Gesicht und eine kolossale Büste beleuchteten, die vor ihm auf dem Tische stand und mit deren Betrachtung er sich beschäftigte. »Nun,« sagte Goethe, nachdem er mich freundlich begrüßt, auf die Büste deutend, »wer ist das?« – »Ein Poet, und zwar ein Italiener scheint es zu sein,« sagte ich. »Es ist Dante,« sagte Goethe. »Er ist gut gemacht, es ist ein schöner Kopf, aber er ist doch nicht ganz erfreulich. Er ist schon alt, gebeugt, verdrießlich, die Züge schlaff und herabgezogen, als wenn er eben aus der Hölle käme. Ich besitze eine Medaille, die bei seinen Lebzeiten gemacht worden, da ist alles bei weitem schöner.« Goethe stand auf und holte die Medaille. »Sehen Sie, was hier[112] die Nase für Kraft hat, wie die Oberlippe so kräftig aufschwillt, und das Kinn so strebend ist und mit den Knochen der Kinnlade so schön zusammenfließt! Die Partie um die Augen, die Stirn ist in diesem kolossalen Bilde fast dieselbige geblieben, alles übrige ist schwächer und älter. Doch damit will ich das neue Werk nicht schelten, das im ganzen sehr verdienstlich und sehr zu loben ist.«

Goethe erkundigte sich sodann, wie ich in diesen Tagen gelebt, und was ich gedacht und getrieben. Ich sagte ihm, daß mir eine Aufforderung zugekommen, unter sehr vortheilhaften Bedingungen für ein englisches Journal monatliche Berichte über die neuesten Erzeugnisse deutscher schöner Prosa einzureichen, und daß ich sehr geneigt sei, das Anerbieten anzunehmen.

Goethes Gesicht, das bisher so freundlich gewesen, zog sich bei diesen Worten ganz verdrießlich, und ich konnte in jeder seiner Mienen die Mißbilligung meines Vorhabens lesen.

»Ich wollte,« sagte er, »Ihre Freunde hätten Sie in Ruhe gelassen. Was wollen Sie sich mit Dingen befassen, die nicht in Ihrem Wege liegen und die den Richtungen Ihrer Natur ganz zuwider sind? Wir haben Gold-, Silber- und Papiergeld, und jedes hat seinen Werth und seinen Kurs, aber um jedes zu würdigen, muß man den Kurs kennen. Mit der Literatur ist es nicht anders. Sie wissen wohl die Metalle zu schätzen, aber nicht das Papiergeld, Sie sind darin nicht hergekommen,[113] und da wird Ihre Kritik ungerecht sein und Sie werden die Sachen vernichten. Wollen Sie aber gerecht sein und jedes in seiner Art anerkennen und gelten lassen, so müssen Sie sich zuvor mit unserer mittlern Literatur ins Gleichgewicht setzen und sich zu seinen geringen Studien bequemen. Sie müssen zurückgehen und sehen, was die Schlegel gewollt und geleistet, und dann alle neuesten Autoren: Franz Horn, Hoffmann, Clauren u.s.w., alle müssen Sie lesen. Und das ist nicht genug. Auch alle Zeitschriften, vom ›Morgenblatt‹ bis zur ›Abendzeitung‹, müssen Sie halten, damit Sie von allem Neuhervortretenden sogleich in Kenntniß sind, und damit verderben Sie Ihre schönsten Stunden und Tage. Und dann: alle neuen Bücher, die Sie einigermaßen gründlich anzeigen wollen, müssen Sie doch auch nicht blos durchblättern, sondern sogar studiren. Wie würde Ihnen das munden! Und endlich, wenn Sie das Schlechte schlecht finden, dürfen Sie es nicht einmal sagen, wenn Sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, mit aller Welt in Krieg zu gerathen.

Nein, wie gesagt, schreiben Sie das Anerbieten ab, es liegt nicht in Ihrem Wege. Überhaupt hüten Sie sich vor Zersplitterung und halten Sie Ihre Kräfte zusammen. Wäre ich vor dreißig Jahren so klug gewesen, ich würde ganz andere Dinge gemacht haben. Was habe ich mit Schiller an den ›Horen‹ und ›Musenalmanachen‹ nicht für Zeit verschwendet![114] Gerade in diesen Tagen, bei Durchsicht unserer Briefe ist mir alles recht lebendig geworden, und ich kann nicht ohne Verdruß an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns mißbrauchte und die für uns selbst ganz ohne Folge waren. Das Talent glaubt freilich, es könne das auch, was es andere Leute thun sieht; allein es ist nicht so, und es wird seine faux-frais bereuen. Was haben wir davon, wenn unsere Haare auf eine Nacht gewickelt sind? Wir haben Papier in den Haaren, das ist alles, und am andern Abend sind sie doch wieder schlicht.

Es kommt darauf an,« fuhr Goethe fort, »daß Sie sich ein Kapital bilden, das nie ausgeht. Dieses werden Sie erlangen in dem begonnenen Studium der englischen Sprache und Literatur. Halten Sie sich dazu und benutzen Sie die treffliche Gelegenheit der jungen Engländer zu jeder Stunde. Die alten Sprachen sind Ihnen in der Jugend größtentheils entgangen, deßhalb suchen Sie in der Literatur einer so tüchtigen Nation wie die Engländer einen Halt! Zudem ist ja unsere eigene Literatur größtentheils aus der ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauerspiele, woher haben wir sie denn, als von Goldsmith, Fielding und Shakespeare? Und noch heutzutage, wo wollen Sie denn in Deutschland drei literarische Helden finden, die dem Lord Byron, Moore und Walter Scott an die Seite zu setzen wären? Also noch einmal, befestigen Sie sich im Englischen, halten Sie[115] Ihre Kräfte zu etwas Tüchtigem zusammen, und lassen Sie alles fahren, was für Sie keine Folge hat und Ihnen nicht gemäß ist!«

Ich freute mich, daß ich Goethe zu reden gebracht, und war in meinem Innern vollkommen beruhigt und entschlossen, nach seinem Rath in alle Wege zu handeln.

Herr Kanzler von Müller ließ sich melden und setzte sich zu uns. Und so kam das Gespräch wieder auf die vor uns stehende Büste des Dante und dessen Leben und Werke. Besonders ward der Dunkelheit jener Dichtungen gedacht, wie seine eigenen Landsleute ihn nie verstanden, und daß es einem Ausländer um so mehr unmöglich sei, solche Finsternisse zu durchdringen. »Ihnen,« wendete sich Goethe freundlich zu mir, »soll das Studium dieses Dichters von Ihrem Beichtvater hiermit durchaus verboten sein.«

Goethe bemerkte ferner, daß der schwere Reim an jener Unverständlichkeit vorzüglich mit schuld sei. Übrigens sprach Goethe von Dante mit aller Ehrfurcht, wobei es mir merkwürdig war, daß ihm das Wort Talent nicht genügte, sondern daß er ihn eine Natur nannte, als womit er ein Umfassenderes, Ahnungsvolleres, tiefer und weiter um sich Blickendes ausdrücken zu wollen schien.[116]


965.*


1824, 9. December.


Mit Johann Peter Eckermann,

Clemens Wenzeslaus Coudray

und Friedrich Wilhelm Riemer

Ich ging gegen Abend zu Goethe. Er reichte mir freundlich die Hand entgegen und begrüßte mich mit dem Lobe meines Gedichts zu Schellhorns Jubiläum. Ich brachte ihm dagegen die Nachricht, daß ich geschrieben und das englische Anerbieten abgelehnt habe.

»Gottlob,« sagte er, »daß Sie wieder frei und in Ruhe sind. Nun will ich Sie gleich noch vor etwas warnen. Es werden die Componisten kommen und eine Oper haben wollen; aber da seien Sie gleichfalls nur standhaft und lehnen Sie ab; denn das ist auch eine Sache, die zu nichts führt und womit man seine Zeit verdirbt.«

Goethe erzählte mir darauf, daß er dem Verfasser des ›Paria‹ durch Nees von Esenbeck den Comödienzettel nach Bonn geschickt habe, woraus der Dichter sehen möge, daß sein Stück hier gegeben worden. »Das Leben ist kurz,« fügte er hinzu, »man muß sich einander einen Spaß zu machen suchen.«

Die Berliner Zeitungen lagen vor ihm, und er erzählte mir von der großen Wasserfluth in Petersburg. Er gab mir das Blatt, daß ich es lesen möchte. Er sprach dann über die schlechte Lage von Petersburg und lachte beifällig über eine Äußerung Rousseaus, welcher gesagt habe, daß man ein Erdbeben dadurch[117] nicht verhindern könne, daß man in die Nähe eines feuerspeienden Berges eine Stadt baue. »Die Natur geht ihren Gang,« sagte er, »und dasjenige, was uns als Ausnahme erscheint, ist in der Regel.«

Wir gedachten darauf der großen Stürme, die an allen Küsten gewüthet, sowie der übrigen gewaltsamen Naturäußerungen, welche die Zeitungen gemeldet, und ich fragte Goethe, ob man wohl wisse, wie dergleichen zusammenhänge. »Das weiß niemand,« antwortete Goethe, »man hat kaum bei sich von solchen geheimen Dingen eine Ahnung, viel weniger könnte man es aussprechen.«

Oberbaudirector Coudray ließ sich melden, deßgleichen Professor Riemer; beide gesellten sich zu uns, und so wurde denn die Wassersnoth von Petersburg abermals durchgesprochen, wobei Coudray uns durch Zeichnung des Plans jener Stadt die Einwirkungen der Newa und übrige Lokalität deutlich machte.[118]


966.*


1824, 9. December.


Mit Friedrich von Müller

Goethe fiel gegen alle Vergleichungen heftig aus; denn »man macht sie nur aus Bequemlichkeit, um sich ein selbständiges Urtheil zu ersparen.«[118]


967.*


1824, 17. December.


Mit Friedrich von Müller

und Johann Peter Eckermann

Ich traf Goethe bei der Lectüre der neuen Übersetzung von ›Tausend und Einer Nacht‹ von Habicht, v. Hagen und Schall, die er sehr lobte und, da sie aus dem Urtext, der französischen vorzieht.

»Diese Märchen,« sagte er, »müssen mir über die trüben Tage weghelfen; ist es doch, als ob das Bewußtsein, in wenig Tagen der Sonne wieder näher zu kommen, uns schon jetzt erwärmte.«

Ich brachte ihm von Gagern merkwürdige Handschriften. Er holte ähnliche herbei in großer Zahl. Eckermann trat ein, das Gespräch kam auf Byron's Conversations. »Ich lese sie nun zum zweiten Male, ich möchte sie nicht missen und doch lassen sie einen peniblen Eindruck zurück. Wie viel Geklatsche oft nur um eine elende Kleinigkeit; welche Empfindlichkeit über jedes alberne Urtheil der Journalisten, welch' ein wüstes Leben mit Hunden, Affen, Pfauen, Pferden; alles ohne Folge und Zusammenhang.

Nur über Anschauungen urtheilt Byron vortrefflich und klar, Reflexion ist nicht seine Sache, seine Urtheile und Combinationen sind dann oft die eines Kindes.

Wie viel zu geduldig läßt er sich Plagiate vorwerfen, scharmutzirt nur zu seiner Vertheidigung, statt mit schwerem Geschütz die Gegner niederzudonnern.

[119] Gehört nicht Alles, was die Vor- und Mitwelt geleistet, dem Dichter von Rechtswegen an? Warum soll er sich scheuen, Blumen zu nehmen, wo er sie findet? Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes. Hab' ich nicht auch im Mephistopheles den Hiob und ein Shakespeare-Lied mir angeeignet? Byron war meist unbewußt ein großer Dichter, selten wurde er seiner selbst froh.«

Das Taschenbuch für Österreichische Geschichte von Hormayr mit Graf Sternbergs Bild führte das Gespräch auf Böhmen. »Dort war eine große Cultur im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert einheimisch, ehe man im übrigen Deutschland daran dachte. Prag mit seinen 40.000 Studenten, welch' eine Erscheinung! Aus allen Winkeln Deutschlands und aus der Schweiz waren Lehrer hingegangen, die jeder gleich seine Zuhörerschaar mitbrachte. Jedermann dürstete nach griechischer und lateinischer Kenntniß. Man räumte den Professoren die größten Rechte und Freiheiten ein; als man sie nun späterhin beschränken wollte, wurden sie wild und zogen aus. Damals wurde Leipzig durch solch eine ausgewanderte Schaar emporgehoben, der man das Paulinum einräumte. Ja, die Geschichte läßt ganz wundersame Phänomene hervortreten, je nachdem man sie aus einem bestimmten Kreispunkte betrachtet.

Und doch kann eigentlich Niemand aus der Geschichte etwas lernen, denn sie enthält ja nur eine Masse von Thorheiten und Schlechtigkeiten.«

[120] Er war im schönsten Zuge, allgemeine Ansichten und Betrachtungen aus der innern Fülle seines Geistes hervorströmen zu lassen, und dabei höchst mild und treuherzig.[121]


968.*


1824, December.


Mit Friedrich von Müller

An einem Decemberabend l824 sagte Goethe bezüglich auf Klinger: »Alte Freunde muß man nicht wiedersehen, man versteht sich nicht mehr mit ihnen, jeder hat eine andere Sprache bekommen.

Wem es Ernst um seine innere Cultur ist, hüte sich davor; denn der alsdann hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken und man trübt sich das reine Bild des frühern Verhältnisses.«[121]


969.*


1824, Ende December (?).


Über neugriechische Lieder

Goethe hat die kleinste Meinung von den bewußten Griechenliedern. »Schlagt ihn todt! Schlagt ihn todt! Lorbern her! Blut! Blut!« sagte er, »das ist noch keine Poesie.« Ob er gerecht ist, kann ich [Therese v Jakob] nicht beurtheilen, da ich die Sachen nicht kenne; gegen den Übersetzer [Fauriel?] aber war er es nicht.[121]


Quelle:
Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896, Band 5, S. 106-123.
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