1829, Ende Januar.
Ich bin jetzt mehr bei Goethe, als je; seit vierzehn Tagen esse ich jeden Mittag mit ihm allein und erquicke mich an seinen himmlischen Gesprächen. In den letzten Tagen hat Goethe sich einige Male nach Ihnen [Auguste Kladzig] erkundigt, welches ich Ihnen sagen muß. Er erzählte mir nämlich, daß der »Faust« in Braunschweig auf die Bühne gebracht worden und zeigte mir einen Brief von Klingemann, worin dieser schrieb, mit wie großem Beifalle das Stück aufgenommen und wie die drei Hauptfiguren – Faust, Mephistopheles und das Gretchen – nach der Vorstellung herausgerufen wurden. Da das Stück nun sich über alle deutsche Bühnen verbreiten wird, und wir es auch hier hoffentlich bald sehen werden, so sprachen wir über die Besetzung. La Roche gaben wir den Mephistopheles und freuten uns, daß dieser bedeutende Künstler eine neue Gelegenheit fände, sein Studium und Talent auf eine Rolle zu verwenden, die ihm zur Entwickelung seiner Kräfte die reichsten [2] Anlässe giebt. Über Faust und Gretchen waren wir nicht entschieden. »Es ist schade,« sagte Goethe, »daß die Kladzig als Künstlerin nicht ausgebildet genug ist; sie ist schön, sie hat den Wuchs, sie hat die Jugend: das wäre ein Gretchen!« – »Ja,« sagte ich, »es ist schade!« Ich sagte keine Silbe weiter, aber in meinem Innern wirkten Goethes Worte fort, und ich freute mich, daß er Ihrer gedachte.
1829, Anfang Februar (?).
Goethe sendet zugleich anliegendes Büchlein [»Relation von dem Kayserlichen Hofe zu Wien .... Cölln 1705«] als Beweis, wie sehr er an Ihren Schilderungen der Kaiserstadt [in »Wiener Briefe« von Rochlitz] theilgenommen und wie lebhaft Ihre liebenswürdige Zuschrift ihn erfreut habe. Er giebt sich der Hoffnung, Sie zum Frühjahr hier zu sehen, mit ganzem Vertrauen auf Ihre Zusage und recht innerlichst froh darüber hin und bittet nur, daß er acht Tage vorher Ihre Ankunft erfahren möge, um alles entfernen zu können, was einem ungestörten Genuß ihres Hierseins irgend in den Weg treten möchte.
1829, Anfang Februar (?).
Goethe konnte sich nicht überwinden, mir zu gestehen, daß er Ihre [des Prinzen Johann von Sachsen] Übersetzung des Dante nicht gelesen habe, sondern nur angefangen. Durch andere war ich darauf vorbereitet und wußte, daß ihn theils das alle seine Zeit in Anspruch nehmende Beginnen einer Überarbeitung der »Wanderjahre«, die Cotta schon für Ostern angekündigt hat, davon abgehalten haben mochte, er theils in den unten abgedruckten (nicht am Ende folgenden) Noten etwas Anstößiges erblickte und sich begnügt hatte, den Geist und Character, wie er sich im Vorworte zeigt, anzuerkennen. Er aber sprach allgemein billigend, lobend.
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Goethe bat sehr dringend um Mittheilung eigener poetischer Schöpfungen Ew. Königlichen Hoheit. Demnach habe ich begonnen, aus der mir anvertrauten Auswahl Ihrer Gedichte einige ausschreiben zu lassen, und erwarte die gnädige Erlaubniß zur Absendung.
1829, 4. Februar.
»Ich habe im Schubarth [›Über Philosophie überhaupt und Hegel's Encyklopädie der philosophischen[4] Wissenschaften insbesondere‹] zu lesen fortgefahren,« sagte Goethe; »er ist freilich ein bedeutender Mensch, und er sagt sogar manches sehr Vorzügliche, wenn man es sich in seine eigene Sprache übersetzt. Die Hauptrichtung seines Buchs geht darauf hinaus: daß es einen Standpunkt außerhalb der Philosophie gebe, nämlich den des gesunden Menschenverstandes, und daß Kunst und Wissenschaft unabhängig von der Philosophie, mittels freier Wirkung natürlicher menschlicher Kräfte immer am besten gediehen sei. Dies ist durchaus Wasser auf unsere Mühle. Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei erhalten, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige, und Schubarth bestätigt also, was ich mein ganzes Leben selber gesagt und gethan habe.
Das einzige, was ich an ihm nicht durchaus loben kann, ist, daß er gewisse Dinge besser weiß, als er sie sagt, und daß er also nicht immer ganz ehrlich zu Werke geht. So wie Hegel zieht auch er die christliche Religion in die Philosophie herein, die doch nichts darin zu thun hat. Die christliche Religion ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat; und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist sie über aller Philosophie erhaben und bedarf von ihr keiner Stütze. So auch bedarf der Philosoph nicht das Ansehen der Religion, um gewisse Lehren zu beweisen, wie z.B. die einer ewigen Fortdauer. [5] Der Mensch soll an Unsterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es ist seiner Natur gemäß, und er darf auf religiöse Zusagen bauen; wenn aber der Philosoph den Beweis für die Unsterblichkeit unserer Seele aus einer Legende hernehmen will, so ist das sehr schwach und will nicht viel heißen. Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Thätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.«
Mein Herz schlug bei diesen Worten vor Bewunderung und Liebe. Ist doch, dachte ich, nie eine Lehre ausgesprochen worden, die mehr zu edeln Thaten reizt als diese; denn wer will nicht bis an sein Ende unermüdlich wirken und handeln, wenn er darin die Bürgschaft eines ewigen Lebens findet!
Goethe ließ ein Portefeuille mit Handzeichnungen und Kupferstichen vorlegen. Nachdem er einige Blätter still betrachtet und umgewendet, reichte er mir einen schönen Stich nach einem Gemälde von Ostade. »Hier,« sagte er, »haben Sie die Scene zu unserm ›Good man und Good wife‹.« Ich betrachtete das Blatt mit großer Freude. Ich sah das Innere einer Bauernwohnung vorgestellt, wo Küche, Wohn- und Schlafzimmer alles in Einem und nur Ein Raum war. Mann und Frau saßen sich nahe gegenüber, die Frau spinnend, der Mann Garn windend, ein Bube zu ihren Füßen. Im [6] Hintergrunde sah man ein Bette sowie überall nur das roheste, allernothwendigste Hausgeräth; die Thür ging unmittelbar ins Freie. Den Begriff beschränkten ehelichen Glücks gab dieses Blatt vollkommen; Zufriedenheit, Behagen und ein gewisses Schwelgen in liebenden ehelichen Empfindungen lag auf den Gesichtern vom Manne und der Frau, wie sie sich einander anblickten. »Es wird einem wohler zu Muthe,« sagte ich, »je länger man dieses Blatt ansieht; es hat einen Reiz ganz eigener Art.« – »Es ist der Reiz der Sinnlichkeit,« sagte Goethe, »den keine Kunst entbehren kann, und der in Gegenständen solcher Art in seiner ganzen Fülle herrscht. Bei Darstellungen höherer Richtung dagegen, wo der Künstler ins Ideelle geht, ist es schwer, daß die gehörige Sinnlichkeit mitgehe, und daß er nicht trocken und kalt werde. Da können nun Jugend oder Alter günstig oder hinderlich sein, und der Künstler muß daher seine Jahre bedenken und danach seine Gegenstände wählen. Meine ›Iphigenie‹ und mein ›Tasso‹ sind mir gelungen, weil ich jung genug war, um mit meiner Sinnlichkeit das Ideelle des Stoffs durchdringen und beleben zu können. Jetzt in meinem Alter wären so ideelle Gegenstände nicht für mich geeignet, und ich thue vielmehr wohl, solche zu wählen, wo eine gewisse Sinnlichkeit bereits im Stoffe liegt. Wenn Genasts hier bleiben, so schreibe ich euch zwei Stücke, jedes in einem Act und in Prosa: das eine von der heitersten Art, mit einer Hochzeit endend, das [7] andere grausam und erschütternd, sodaß am Ende zwei Leichname zurückbleiben. Das letztere rührt noch aus Schiller's Zeit her, und er hat auf mein Antreiben schon eine Scene davon geschrieben. Beide Sujets habe ich lange durchdacht, und sie sind mir so vollkommen gegenwärtig, daß ich jedes in acht Tagen dictiren wollte, wie ich es mit meinem ›Bürgergeneral‹ gethan habe.«
»Thun Sie es,« sagte ich, »schreiben Sie die beiden Stücke auf jeden Fall; es ist Ihnen nach den ›Wanderjahren‹ eine Erfrischung und wirkt wie eine kleine Reise. Und wie würde die Welt sich freuen, wenn Sie dem Theater noch etwas zu Liebe thäten, was niemand mehr erwartet!«
»Wie gesagt,« fuhr Goethe fort, »wenn Genasts hier bleiben, so bin ich gar nicht sicher, daß ich euch nicht den Spaß mache. Aber ohne diese Aussicht wäre dazu wenig Reiz; denn ein Stück auf dem Papiere ist gar nichts. Der Dichter muß die Mittel kennen, mit denen er wirken will, und er muß seine Rollen denen Figuren auf den Leib schreiben, die sie spielen sollen. Habe ich also auf Genast und seine Frau zu rechnen, und nehme ich dazu La Roche, Herrn Winterberger und Madame Seidel, so weiß ich, was ich zu thun habe, und kann der Ausführung meiner Intentionen gewiß sein.
Für das Theater zu schreiben,« fuhr Goethe fort, »ist ein eigenes Ding, und wer es nicht durch und durch kennt, der mag es unterlassen. Ein interessantes [8] Factum, denkt jeder, werde auch interessant auf den Brettern erscheinen; aber mit nichten! Es können Dinge ganz hübsch zu lesen und hübsch zu denken sein, aber auf die Bretter gebracht sieht das ganz anders aus, und was uns im Buche entzückte, wird uns von der Bühne herunter vielleicht kalt lassen. Wenn man meinen ›Hermann und Dorothea‹ liest, so denkt man, das wäre auch auf dem Theater zu sehen. Töpfer hat sich verführen lassen es hinauf zu bringen, allein was ist es, was wirkt es, zumal wenn es nicht ganz vorzüglich gespielt wird, und wer kann sagen, daß es in jeder Hinsicht ein gutes Stück sei? Für das Theater schreiben ist ein Metier, das man kennen soll, und will ein Talent, das man besitzen muß. Beides ist selten, und wo es sich nicht vereinigt findet, wird schwerlich etwas Gutes an den Tag kommen.«
1829, 9. Februar.
Goethe sprach viel über die ›Wahlverwandtschaften‹, besonders daß jemand sich in der Person des Mittler getroffen gefunden, den er früher im Leben nie gekannt und gesehen. »Der Character,« sagte er, »muß also wohl einige Wahrheit haben und in der Welt mehr als einmal existiren. Es ist in den ›Wahlverwandtschaften‹ überall keine Zeile, die ich nicht selber [9] erlebt hätte, und es steckt darin mehr, als irgend jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen im Stande wäre.«
1829, 10. Februar.
Ich fand Goethe umringt von Karten und Plänen in Bezug auf den Bremer Hafenbau, für welches großartige Unternehmen er ein besonderes Interesse zeigte.
Sodann viel über Merck gesprochen, von welchem er mir eine poetische Epistel an Wieland vom Jahre 1776 vorliest, in höchst geistreichen aber etwas derben Knittelversen. Der sehr heitere Inhalt geht besonders gegen Jacobi, den Wieland in einer zu günstigen Recension im ›Merkur‹ überschätzt zu haben scheint, welches Merck ihm nicht verzeihen kann.
Über den Zustand damaliger Cultur, und wie schwer es gehalten, aus der sogenannten Sturm- und Drangperiode sich zu einer höhern Bildung zu retten.
Über seine ersten Jahre in Weimar. Das poetische Talent im Conflikt mit der Realität, die er durch seine Stellung zum Hofe und verschiedenartige Zweige des Staatsdienstes zu höherm Vortheil in sich aufzunehmen genöthigt ist. Deshalb in den ersten zehn Jahren nichts Poetisches von Bedeutung hervorgebracht. Fragmente vorgelesen. Durch Liebschaften verdüstert. Der Vater fortwährend ungeduldig gegen das Hofleben.
[10] Vortheile, daß er den Ort nicht verändert, und daß er dieselben Erfahrungen nicht nöthig gehabt zweimal zu machen.
Flucht nach Italien, um sich zu poetischer Productivität wiederherzustellen. Aberglaube, daß er nicht hinkomme, wenn jemand darum wisse. Deshalb tiefes Geheimniß. Von Rom aus an den Herzog geschrieben.
Aus Italien zurück mit großen Anforderungen an sich selbst.
Herzogin Amalie. Vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinne und Neigung zum Lebensgenuß. Sie hat große Liebe zu seiner Mutter und wünscht, daß sie für immer nach Weimar komme. Er ist dagegen.
Über die ersten Anfänge des ›Faust‹:
»Der ›Faust‹ entstand mit meinem ›Werther‹; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Postpapier geschrieben und nichts daran gestrichen; denn ich hütete mich, eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut war und die nicht bestehen konnte.«
1829, 11. Februar.
Mit Oberbaudirector Coudray bei Goethe zu Tische. Coudray erzählt viel von der weiblichen Industrieschule [11] und dem Waiseninstitut als den besten Einrichtungen dieser Art des Landes, ersteres von der Großfürstin, letzteres vom Großherzog Karl August gegründet. Mancherlei über Theaterdecoration und Wegebau. Coudray legt Goethen den Riß zu einer fürstlichen Capelle vor. Über den Ort, wo der herrschaftliche Stuhl anzubringen, wogegen Goethe Einwendungen macht, die Coudray annimmt. Nach Tisch Soret. Goethe zeigt uns abermals die Bilder von Herrn von Reutern.
1829, 12. Februar.
Goethe liest mir das frisch entstandene, überaus herrliche Gedicht: ›Kein Wesen kann zu nichts zerfallen –‹. »Ich habe,« sagte er, »dieses Gedicht als Widerspruch der Verse: ›Denn alles muß zu nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will –‹, geschrieben, welche dumm sind, und welche meine Berliner Freunde bei Gelegenheit der Naturforschenden Versammlung zu meinem Ärger in goldenen Buchstaben ausgestellt haben.«
Über den großen Mathematiker Lagrange, an welchem Goethe vorzüglich den trefflichen Character hervorhebt. »Er war ein guter Mensch,« sagte er, »und eben deswegen groß; denn wenn ein guter Mensch mit Talent begabt ist, so wird er immer zum Heil der Welt sittlich [12] wirken, sei es als Künstler, Naturforscher, Dichter, oder was alles sonst.
Es ist mir lieb,« fuhr Goethe fort, »daß sie Coudray gestern näher kennen gelernt haben. Er spricht sich in Gesellschaft selten aus, aber so unter uns haben Sie gesehen, welch ein trefflicher Geist und Character in dem Manne wohnt. Er hat anfänglich vielen Widerspruch erlitten, aber jetzt hat er sich durchgekämpft und genießt vollkommene Gunst und Vertrauen des Hofes. Coudray ist einer der geschicktesten Architekten unserer Zeit. Er hat sich zu mir gehalten, und ich mich zu ihm, und es ist uns beiden von Nutzen gewesen. Hätte ich den vor funfzig Jahren gehabt!«
Über Goethes eigene architektonische Kenntnisse. Ich bemerke, er müsse viel in Italien gewonnen haben. »Es gab mir einen Begriff vom Ernsten und Großen,« antwortete er, »aber keine Gewandtheit. Der weimarische Schloßbau hat mich vor allem gefördert. Ich mußte mit einwirken und war sogar in dem Fall, Gesimse zeichnen zu müssen. Ich that es den Leuten von Metier gewissermaßen zuvor, weil ich ihnen in der Intention überlegen war.«
Das Gespräch kam auf Zelter. »Ich habe einen Brief von ihm,« sagte Goethe; »er schreibt unter anderm, daß die Aufführung des ›Messias‹ ihm durch eine seiner Schülerinnen verdorben sei, die eine Arie zu weich, zu schwach, zu sentimental gesungen. Das Schwache ist [13] ein Characterzug unsers Jahrhunderts. Ich habe die Hypothese, daß es in Deutschland eine Folge der Anstrengung ist, die Franzosen los zu werden. Maler, Naturforscher, Bildhauer, Musiker, Poeten, es ist, mit wenigen Ausnahmen, alles schwach, und in der Masse steht es nicht besser.«
»Doch,« sagte ich, »gebe ich die Hoffnung nicht auf, zum ›Faust‹ eine passende Musik kommen zu sehen.«
»Es ist ganz unmöglich,« sagte Goethe. »Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müßte, ist der Zeit zuwider. Die Musik müßte im Character des ›Don Juan‹ sein; Mozart hätte den ›Faust‹ componiren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.«
Sodann, ich weiß nicht mehr in welcher Verbindung und welchem Bezug, sagte Goethe folgendes sehr Bedeutende.
»Alles Große und Gescheidte,« sagte er, »existirt in der Minorität. Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten und die ihre großen Plane einsam durchführten. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenschaften und Gefühle mögen populär werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner Vorzüglicher sein.«
1829, 13. Februar.
Mit Goethe allein zu Tische. »Ich werde nach Beendigung der ›Wanderjahre‹,« sagte er, »mich wieder zur Botanik wenden, um mit Soret die Übersetzung [des ›Versuchs, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären‹] weiter zu bringen. Nur fürchte ich, daß es mich wieder ins Weite führt, und daß es zuletzt abermals ein Alp wird. Große Geheimnisse liegen noch verborgen; manches weiß ich, von vielem habe ich eine Ahnung. Etwas will ich Ihnen vertrauen und mich wunderlich ausdrücken:
Die Pflanze geht von Knoten zu Knoten und schließt zuletzt ab mit der Blüthe und dem Samen. In der Thierwelt ist es nicht anders. Die Raupe, der Bandwurm geht von Knoten zu Knoten und bildet zuletzt einen Kopf; bei den höher stehenden Thieren und Menschen sind es die Wirbelknochen, die sich anfügen und anfügen und mit dem Kopf abschließen, in welchem sich die Kräfte concentriren.
Was so bei einzelnen geschieht, geschieht auch bei ganzen Corporationen. Die Bienen, auch eine Reihe von Einzelheiten, die sich aneinanderschließen, bringen als Gesammtheit etwas hervor, daß auch den Schluß macht und als Kopf des Ganzen anzusehen ist: den Bienenkönig. Wie dieses geschieht, ist geheimnißvoll, schwer auszusprechen, aber ich könnte sagen, daß ich darüber meine Gedanken habe.
[15] So bringt ein Volk seine Helden hervor, die gleich Halbgöttern zu Schutz und Heil an der Spitze stehen; und so vereinigten sich die poetischen Kräfte der Franzosen in Voltaire. Solche Häuptlinge eines Volks sind groß in der Generation, in der sie wirken; manche dauern später hinaus, die meisten werden durch andere ersetzt und von der Folgezeit vergessen.«
Ich freute mich dieser bedeutenden Gedanken. Goethe sprach sodann über Naturforscher, denen es vor allem nur daran liege, ihre Meinung zu beweisen. »Herr von Buch,« sagte er, »hat ein neues Werk herausgegeben, das gleich im Titel eine Hypothese enthält. Seine Schrift soll von Granitblöcken handeln, die hier und dort umherliegen, man weiß nicht wie und woher. Da aber Herr von Buch die Hypothese im Schilde führt, daß solche Granitblöcke durch etwas Gewaltsames von innen hervorgeworfen und zersprengt worden, so deutet er dieses gleich im Titel an, indem er schon dort von ›zerstreuten‹ Granitblöcken redet, wo denn der Schritt zur Zerstreuung sehr nahe liegt und dem arglosen Leser die Schlinge des Irrthums über den Kopf gezogen wird, er weiß nicht wie.
Man muß alt werden, um dieses alles zu übersehen, und Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu können. Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das[16] ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen seit mehr als funfzig Jahren. Außerdem habe ich anderthalb Millionen zu großen Zwecken von fürstlichen Personen ausgeben sehen, denen ich nahe verbunden war und an deren Schritten, Gelingen und Mißlingen ich theilnahm.
Es ist nicht genug, daß man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheidt zu werden, man muß auch in großen Verhältnissen leben und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen.
Ohne meine Bemühungen in den Naturwissenschaften hätte ich jedoch die Menschen nie kennen gelernt wie sie sind. In allen andern Dingen kann man dem reinen Anschauen und Denken, den Irrthümern der Sinne wie des Verstandes, den Characterschwächen und -stärken nicht so nachkommen, es ist alles mehr oder weniger biegsam und schwankend und läßt alles mehr oder weniger mit sich handeln; aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrthümer sind immer des Menschen. Den Unzulänglichen verschmäht sie, und nur dem Zulänglichen, Wahren und Reinen ergiebt sie sich und offenbart ihm ihre Geheimnisse.
Der Verstand reicht zu ihr nicht hinauf, der [17] Mensch muß fähig sein, sich zur höchsten Vernunft erheben zu können, um an die Gottheit zu rühren, die sich in Urphänomenen, physischen wie sittlichen, offenbart, hinter denen sie sich hält und die von ihr ausgehen.
Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Todten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen thun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze.
Die Mineralogie ist daher eine Wissenschaft, für den Verstand, für das praktische Leben, denn ihre Gegenstände sind etwas Todtes, das nicht mehr entsteht, und an eine Synthese ist dabei nicht zu denken. Die Gegenstände der Meteorologie sind zwar etwas Lebendiges, das wir täglich wirken und schaffen sehen, sie setzen eine Synthese voraus, allein der Mitwirkungen sind so mannigfaltige, daß der Mensch dieser Synthese nicht gewachsen ist, und er sich daher in seinen Beobachtungen und Forschungen unnütz abmüht. Wir steuern dabei auf Hypothesen los, auf imaginäre Inseln, aber die eigentliche Synthese wird wahrscheinlich ein unentdecktes Land bleiben. Und mich wundert es nicht, wenn ich bedenke, wie schwer es gehalten, selbst in so einfachen Dingen wie die Pflanze und die Farbe zu einiger Synthese zu gelangen.«
1829, 15. Februar.
Goethe empfing mich mit großem Lobe wegen meiner Redaction der naturhistorischen Aphorismen für die ›Wanderjahre‹. »Werfen Sie sich auf die Natur,« sagte er, »Sie sind dafür geboren, und schreiben Sie zunächst ein Compendium der Farbenlehre.« Wir sprachen viel über diesen Gegenstand.
1829, 17. Februar.
Viel über den ›Großkophta‹ gesprochen. »Lavater,« sagte Goethe, »glaubte an Cagliostro und dessen Wunder. Als man ihn als einen Betrüger entlarvt hatte, behauptete Lavater, dies sei ein anderer Cagliostro, der Wunderthäter Cagliostro sei eine heilige Person.
Lavater war ein herzlich guter Mann, allein er war gewaltigen Täuschungen unterworfen, und die ganz strenge Wahrheit war nicht seine Sache, er belog sich und andere. Es kam zwischen mir und ihm deshalb zum völligen Bruch. Zuletzt habe ich ihn noch in Zürich gesehen, ohne von ihm gesehen zu werden. Verkleidet ging ich in einer Allee, ich sah ihn auf mich zukommen, ich bog außerhalb, er ging an mir vorüber [19] und kannte mich nicht. Sein Gang war wie der eines Kranichs, weswegen er auf dem Blocksberg als Kranich vorkommt.«
Ich fragte Goethe, ob Lavater eine Tendenz zur Natur gehabt, wie man fast wegen seiner ›Physiognomik‹ schließen sollte. »Durchaus nicht,« antwortete Goethe, »seine Richtung ging bloß auf das Sittliche, Religiöse. Was in Lavater's ›Physiognomik‹ über Thierschädel vorkommt, ist von mir.«
Das Gespräch lenkte sich auf die Franzosen, auf die Vorlesungen von Guizot, Villemain und Cousin, und Goethe sprach mit hoher Achtung über den Standpunkt dieser Männer, und wie sie alles von einer freien und neuen Seite betrachteten und überall gerade aufs Ziel losgingen. »Es ist,« sagte Goethe, »als wäre man bis jetzt in einen Garten auf Umwegen und durch Krümmungen gelangt; diese Männer aber sind kühn und frei genug, die Mauer dort einzureißen und eine Thür an derjenigen Stelle zu machen, wo man sogleich auf den breitesten Weg des Gartens tritt.«
Von Cousin kamen wir auf indische Philosophie. »Diese Philosophie,« sagte Goethe, »hat, wenn die Nachrichten des Engländers wahr sind, durchaus nichts Fremdes, vielmehr wiederholen sich in ihr die Epochen, die wir alle selber durchmachen. Wir sind Sensualisten, solange wir Kinder sind; Idealisten, wenn wir lieben und in den geliebten Gegenstand Eigenschaften legen, die nicht eigentlich darin sind; die Liebe wankt, [20] wir zweifeln an der Treue und sind Skeptiker, ehe wir es glaubten. Der Rest des Lebens ist gleichgültig; wir lassen es gehen wie es will und endigen mit dem Quietismus, wie die indischen Philosophen auch.
In der deutschen Philosophie wären noch zwei große Dinge zu thun. Kant hat die ›Kritik der reinen Vernunft‹ geschrieben, womit unendlich viel geschehen, aber der Kreis nicht abgeschlossen ist. Jetzt müßte ein Fähiger, ein Bedeutender die Kritik der Sinne und des Menschenverstands schreiben, und wir würden, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen, in der deutschen Philosophie nicht viel mehr zu wünschen haben.
Hegel,« fuhr Goethe fort, »hat in den ›Berliner Jahrbüchern‹ eine Recension über Hamann geschrieben, die ich in diesen Tagen lese und wieder lese und die ich sehr loben muß. Hegel's Urtheile als Kritiker sind immer gut gewesen.
Villemain steht in der Kritik gleichfalls sehr hoch. Die Franzosen werden zwar nie ein Talent wieder sehen, das dem von Voltaire gewachsen wäre. Von Villemain aber kann man sagen, daß er in seinem geistigen Standpunkt über Voltaire erhaben ist, sodaß er ihn in seinen Tugenden und Fehlern beurtheilen kann.«
1829, 18. Februar.
Wir sprachen über die Farbenlehre, unter anderm über Trinkgläser, deren trübe Figuren gegen das Licht gelb und gegen das Dunkel blau erscheinen, und die also die Betrachtung eines Urphänomens gewähren.
»Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann,« sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »ist das Erstaunen, und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze. Aber den Menschen ist der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich noch nicht genug; sie denken, es müsse noch weiter gehen, und sie sind den Kindern ähnlich, die wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich umwenden, um zu sehen was auf der andern Seite ist.«
Das Gespräch lenkte sich auf Merck, und ich fragte, ob Merck sich auch mit Naturstudien befaßt. »O ja,« sagte Goethe, »er besaß sogar bedeutende naturhistorische Sammlungen. Merck war überall ein höchst vielseitiger Mensch. Er liebte auch die Kunst, und zwar ging dieses so weit, daß wenn er ein gutes Werk in den Händen eines Philisters sah, von dem er glaubte, daß er es nicht zu schätzen wisse, er alles anwendete, um es in seine eigen Sammlung zu bringen. Er hatte [22] in solchen Dingen gar kein Gewissen, jedes Mittel war ihm recht, und selbst eine Art von grandiosem Betrug wurde nicht verschmäht, wenn es nicht anders gehen wollte.« Goethe erzählte dieser Art einige sehr interessante Beispiele.
»Ein Mensch wie Merck,« fuhr er fort, »wird gar nicht mehr geboren, und wenn er geboren würde, so würde die Welt ihn anders ziehen. Es war überall eine gute Zeit, als ich mit Merck jung war: die deutsche Literatur war noch eine reine Tafel, auf die man mit Lust viel Gutes zu malen hoffte; jetzt ist sie so beschrieben und besudelt, daß man keine Freude hat sie anzublicken, und daß ein gescheidter Mensch nicht weiß wohin er noch etwas zeichnen soll.«
1829, 19. Februar.
Mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch. – Er war sehr heiter und erzählte mir, daß ihm am Tage manches Gute widerfahren, und daß er auch ein Geschäft mit Artaria und dem Hof glücklich beendigt sehe.
Wir sprachen sodann viel über ›Egmont‹, der am Abend vorher nach der Bearbeitung von Schiller gegeben worden, und es kamen die Nachtheile zur Erwähnung, die das Stück durch diese Redaction zu leiden hat.
[23] »Es ist in vielfacher Hinsicht nicht gut,« sagte ich, »daß die Regentin fehlt; sie ist vielmehr dem Stücke durchaus nothwendig; denn nicht allein daß das Ganze durch diese Fürstin einen höhern, vornehmern Character erhält, sondern es treten auch die politischen Verhältnisse besonders in Bezug auf den spanischen Hof durch ihre Dialoge Machiavell durchaus reiner und entschiedener hervor.«
»Ganz ohne Frage,« sagte Goethe. »Und dann gewinnt auch Egmont an Bedeutung durch den Glanz, den die Neigung der Fürstin auf ihn wirft, sowie auch Klärchen gehoben erscheint, wenn wir sehen, daß sie selbst über Fürstinnen siegend Egmonts ganze Liebe allein besitzt. Dieses sind alles sehr delikate Wirkungen, die man freilich ohne Gefahr für das Ganze nicht verletzen darf.«
»Auch will mir scheinen,« sagte ich, »daß bei den vielen bedeutenden Männerrollen eine einzige weibliche Figur wie Klärchen zu schwach und etwas gedrückt erscheint. Durch die Regentin aber erhält das ganze Gemälde mehr Gleichgewicht. Daß von ihr im Stücke gesprochen wird, will nicht viel sagen; das persönliche Auftreten macht den Eindruck.«
»Sie empfinden das Verhältniß sehr richtig,« sagte Goethe. »Als ich das Stück schrieb, habe ich, wie Sie denken können, alles sehr wohl abgewogen, und es ist daher nicht zu verwundern, daß ein Ganzes sehr empfindlich leiden muß, wenn man eine Hauptfigur herausreißt, [24] die ins Ganze gedacht worden und wodurch das Ganze besteht. Aber Schiller hatte in seiner Natur etwas Gewaltsames; er handelte oft zu sehr nach einer vorgefaßten Idee, ohne hinlängliche Achtung vor dem Gegenstande, der zu behandeln war.«
»Man möchte auf Sie schelten,« sagte ich, »daß Sie es gelitten und daß Sie in einem so wichtigen Fall ihm so unbedingte Freiheit gegeben.«
»Man ist oft gleichgültiger als billig,« antwortete Goethe. »Und dann war ich in jener Zeit mit andern Dingen tief beschäftigt. Ich hatte so wenig ein Interesse für ›Egmont‹ wie für das Theater; ich ließ ihn gewähren. Jetzt ist es wenigstens ein Trost für mich, daß das Stück gedruckt dasteht, und daß es Bühnen giebt, die verständig genug sind, es treu und ohne Verkürzung ganz so aufzuführen wie ich es geschrieben.«
Goethe erkundigte sich sodann nach der Farbenlehre, und ob ich seinem Vorschlage, ein Compendium zu schreiben, weiter nachgedacht. Ich sagte ihm wie es damit stehe, und so geriethen wir unvermuthet in eine Differenz, die ich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes mittheilen will.
Wer es beobachtet hat, wird sich erinnern, daß bei heitern Wintertagen und Sonnenschein die Schatten auf dem Schnee häufig blau gesehen werden. Dieses Phänomen bringt Goethe in seiner ›Farbenlehre‹ unter die subjectiven Erscheinungen, indem er als Grundlage [25] annimmt, daß das Sonnenlicht zu uns, die wir nicht auf den Gipfeln hoher Berge wohnen, nicht durchaus weiß, sondern durch eine mehr oder weniger dunstreiche Atmosphäre dringend in einem gelblichen Schein herabkomme; und daß also der Schnee, von der Sonne beschienen, nicht durchaus weiß, sondern eine gelblich tingirte Fläche sei, die das Auge zum Gegensatz und also zur Hervorbringung der blauen Farbe anreize. Der auf dem Schnee gesehen werdende blaue Schatten sei demnach eine geforderte Farbe, unter welcher Rubrik Goethe denn auch das Phänomen abhandelt und danach die von Saussure auf dem Montblanc gemachten Beobachtungen sehr consequent zurechtlegt.
Als ich nun in diesen Tagen die ersten Capitel der ›Farbenlehre‹ abermals betrachtete, um mich zu prüfen, ob es mir gelingen möchte, Goethes freundlicher Aufforderung nachzukommen und ein Compendium seiner Farbenlehre zu schreiben, war ich, durch Schnee und Sonnenschein begünstigt, in dem Fall, ebengedachtes Phänomen des blauen Schattens abermals näher in Augenschein zu nehmen, wo ich denn zu einiger Überraschung fand, daß Goethes Ableitung auf einem Irrthum beruhe. Wie ich aber zu diesem Aperçu gelangte, will ich sagen.
Aus den Fenstern meines Wohnzimmers sehe ich gerade gegen Süden, und zwar auf einen Garten, der durch ein Gebäude begrenzt wird, das bei dem niedern Stande der Sonne im Winter mir entgegen einen so [26] großen Schatten wirft, daß er über die halbe Fläche des Gartens reicht.
Auf diese Schattenfläche im Schnee blickte ich nun vor einigen Tagen bei völlig blauem Himmel und Sonnenschein und war überrascht, die ganze Masse vollkommen blau zu sehen. Eine geforderte Farbe, sagte ich zu mir selber, kann dieses nicht sein, denn mein Auge wird von keiner von der Sonne beschienenen Schneefläche berührt, wodurch jener Gegensatz hervorgerufen werden könnte; ich sehe nichts als die schattige blaue Masse. Um aber durchaus sicher zu gehen und zu verhindern, daß der blendende Schein der benachbarten Dächer nicht etwa mein Auge berühre, rollte ich einen Bogen Papier zusammen und blickte durch solche Röhre auf die schattige Fläche, wo denn das Blau unverändert zu sehen blieb.
Daß dieser blaue Schatten also nichts Subjectives sein konnte, darüber blieb mir nun weiter kein Zweifel. Die Farbe stand da, außer mir, selbstständig, mein Subject hatte darauf keinen Einfluß. Was aber war es? Und da sie nun einmal da war, wodurch konnte sie entstehen?
Ich blickte noch einmal hin und umher, und siehe, die Auflösung des Räthsels kündigte sich mir an. Was kann es sein, sagte ich zu mir selber, als der Widerschein des blauen Himmels, den der Schatten herablockt, und der Neigung hat im Schatten sich anzusiedeln? Denn es steht geschrieben: die Farbe ist dem[27] Schatten verwandt, sie verbindet sich gerne mit ihm und erscheint uns gerne in ihm und durch ihn, sobald der Anlaß nur gegeben ist.
Die folgenden Tage gewährten Gelegenheit, meine Hypothese wahr zu machen. Ich ging in den Feldern, es war kein blauer Himmel, die Sonne schien durch Dünste, einem Heerrauch ähnlich, und verbreitete über den Schnee einen durchaus gelben Schein; sie wirkte mächtig genug, um entschiedene Schatten zu werfen, und es hätte in diesem Fall nach Goethes Lehre das frischeste Blau entstehen müssen. Es entstand aber nicht, die Schatten blieben grau.
Am nächsten Vormittag bei bewölkter Atmosphäre blickte die Sonne von Zeit zu Zeit herdurch und warf auf dem Schnee entschiedene Schatten. Allein sie waren ebenfalls nicht blau, sondern grau. In beiden Fällen fehlt der Widerschein des blauen Himmels, um dem Schatten seine Färbung zu geben.
Ich hatte demnach eine hinreichende Überzeugung gewonnen, daß Goethes Ableitung des mehrgedachten Phänomens von der Natur nicht als wahr bestätigt werde, und daß seine diesen Gegenstand behandelnden Paragraphen der ›Farbenlehre‹ einer Umarbeitung dringend bedürften.
Etwas Ähnliches begegnete mir mit den farbigen Doppelschatten, die mit Hilfe eines Kerzenlichts morgens früh bei Tagesanbruch sowie abends in der ersten Dämmerung, desgleichen bei hellem Mondschein, besonders [28] schön gesehen werden. Daß hierbei der eine Schatten, nämlich der vom Kerzenlicht erleuchtete, gelbe, objectiver Art sei und in die Lehre von den trüben Mitteln gehöre, hat Goethe nicht aus gesprochen, obgleich es so ist; den andern, vom schwachen Tages- oder Mondlicht erleuchteten, bläulichen oder bläulichgrünen Schatten aber erklärt er für subjectiv, für eine geforderte Farbe, die durch den auf dem weißen Papier verbreiteten gelben Schein des Kerzenlichts im Auge hervorgerufen werde.
Diese Lehre fand ich nun bei sorgfältigster Beobachtung des Phänomens gleichfalls nicht durchaus bestätigt; es wollte mir vielmehr erscheinen als ob das von außen hereinwirkende schwache Tages- oder Mondlicht einen bläulich färbenden Ton bereits mit sich bringe, der denn theils durch den Schatten, theils durch den fordernden gelben Schein des Kerzenlichts verstärkt werde, und daß also auch hierbei eine objective Grundlage stattfinde und zu beachten sei.
Daß das Licht des anbrechenden Tages wie des Mondes einen bleichen Schein werfe, ist bekannt. Ein bei Tagesanbruch oder im Mondschein angeblicktes Gesicht erscheint blaß, wie genugsame Erfahrungen bestätigen. Auch Shakespeare scheint dieses erkannt zu haben; denn jener merkwürdigen Stelle, wo Romeo bei Tagesanbruch von seiner Geliebten geht und in freier Luft eins dem andern plötzlich so bleich erscheint, liegt diese Wahrnehmung sicher zum Grunde. Die bleich [29] machende Wirkung eines solchen Lichtes aber wäre schon genugsame Andeutung, daß es einen grünlichen oder bläulichen Schein mit sich führen müsse, indem ein solches Licht dieselbige Wirkung thut wie ein Spiegel aus bläulichem oder grünlichem Glase. Doch stehe noch, Folgendes zu weiterer Bestätigung.
Das Licht vom Auge des Geistes geschaut mag als durchaus weiß gedacht werden. Allein das empirische, vom körperlichen Auge wahrgenommene Licht wird selten in solcher Reinheit gesehen; vielmehr hat es, durch Dünste oder sonst modificirt, die Neigung, sich entweder für die Plus- oder Minusseite zu bestimmen und entweder mit einem gelblichen oder bläulichen Ton zu erscheinen. Das unmittelbare Sonnenlicht neigt sich, in solchem Fall entschieden zur Plusseite, zum gelblichen, das Kerzenlicht gleichfalls; das Licht des Mondes aber sowie das bei der Morgen- und Abenddämmerung wirkende Tageslicht, welches beides keine directe, sondern reflectirte Lichter sind, die überdies durch Dämmerung und Nacht modificirt werden, neigen sich auf die passive, auf die Minusseite und kommen zum Auge in einem bläulichen Ton.
Man lege in der Dämmerung oder bei Mondenschein einen weißen Bogen Papier so, daß dessen eine Hälfte vom Mond- oder Tageslichte, dessen andere aber vom Kerzenlichte beschienen werde, so wird die eine Hälfte einen bläulichen, die andere einen gelblichen Ton haben, und so werden beide Lichter, ohne[30] hinzugekommenen Schatten und ohne subjective Steigerung, bereits auf der activen oder passiven Seite sich befinden.
Das Resultat meiner Beobachtungen ging demnach dahin, daß auch Goethes Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus richtig sei, daß bei diesem Phänomen mehr Objectives einwirke, als von ihm beobachtet worden, und daß das Gesetz der subjectiven Forderung dabei nur als etwas Secundäres in Betracht komme.
Wäre das menschliche Auge überall so empfindlich und empfänglich, daß es bei der leisesten Berührung von irgend einer Farbe sogleich disponirt wäre, die entgegengesetzte hervorzubringen, so würde das Auge stets eine Farbe in die andere übertragen und es würde das unangenehmste Gemisch entstehen.
Dies ist aber glücklicherweise nicht so, vielmehr ist ein gesundes Auge so organisirt, daß es die geforderten Farben entweder gar nicht bemerkt, oder, darauf aufmerksam gemacht, sie doch nur mit Mühe hervorbringt, in daß diese Operation sogar einige Übung und Geschicklichkeit verlangt, ehe sie, selbst unter günstigen Bedingungen, gelingen will.
Das eigentlich Characteristische solcher subjectiven Erscheinungen – daß nämlich das Auge zu ihrer Hervorbringung gewissermaßen einen mächtigen Reiz verlangt, und daß, wenn sie entstanden, sie keine Stetigkeit haben, sondern flüchtige, schnell verschwindende Wesen sind – [31] ist bei den blauen Schatten im Schnee sowie bei den farbigen Doppelschatten von Goethe zu sehr außer acht gelassen; denn in beiden Fällen ist von einer kaum merklich tingirten Fläche die Rede, und in beiden Fällen steht die geforderte Farbe beim ersten Hinblick sogleich entschieden da.
Aber Goethe, bei seinem Festhalten am einmal erkannten Gesetzlichen, und bei seiner Maxime, es selbst in solchen Fällen vorauszusetzen, wo es sich zu verbergen scheine, konnte sehr leicht verführt werden, eine Synthese zu weit greifen zu lassen und ein liebgewonnenes Gesetz auch da zu erblicken, wo ein ganz anderes wirkte.
Als er nun heute seine ›Farbenlehre‹ zur Erwähnung brachte und sich erkundigte, wie es mit dem besprochenen Compendium stehe, hätte ich die soeben entwickelten Punkte gern verschweigen mögen; denn ich fühlte mich in einiger Verlegenheit, wie ich ihm die Wahrheit sagen sollte, ohne ihn zu verletzen.
Allein da es mir mit dem Compendium wirklich Ernst war, so mußten, ehe ich in dem Unternehmen sicher vorschreiten konnte, zuvor alle Irrthümer beseitigt und alle Mißverständnisse besprochen und gehoben sein.
Es blieb mir daher nichts übrig, als voll Vertrauen ihm zu bekennen, daß ich nach sorgfältigen Beobachtungen mich in dem Fall befinde, in einigen Punkten von ihm abweichen zu müssen, indem ich sowohl seine [32] Ableitung der blauen Schatten im Schnee als auch seine Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus bestätigt finde.
Ich trug ihm meine Beobachtungen und Gedanken über diese Punkte vor, allein da es mir nicht gegeben ist, Gegenstände im mündlichen Gespräch mit einiger Klarheit umständlich zu entwickeln, so beschränkte ich mich darauf, bloß die Resultate meines Gewahrwerdens hinzustellen, ohne in eine nähere Erörterung des Einzelnen einzugehen, die ich mir schriftlich vorbehielt.
Ich hatte aber kaum zu reden angefangen, als Goethes erhaben-heiteres Wesen sich verfinsterte und ich nur zu deutlich sah, daß er meine Einwendungen nicht billige.
»Freilich,« sagte ich, »wer gegen Euer Excellenz recht haben will, muß früh aufstehen, allein doch kann es sich fügen, daß der Mündige sich übereilt und der Unmündige es findet.«
»Als ob Ihr es gefunden hättet!« antwortete Goethe etwas ironisch spöttelnd; mit Euerer Idee des farbigen Lichtes gehört Ihr in das vierzehnte Jahrhundert, und im übrigen steckt Ihr in der tiefsten Dialektik. Das einzige, was an Euch Gutes ist, besteht darin, daß Ihr wenigstens ehrlich genug seid, um gerade herauszusagen, wie Ihr denkt.
»Es geht mir mit meiner Farbenlehre,« fuhr er darauf etwas heiterer und milder fort, »gerade wie mit der christlichen Religion. Man glaubt eine Weile, [33] treue Schüler zu haben, und ehe man es sich versieht, weichen sie ab und bilden eine Sekte. Sie sind ein Ketzer wie die andern auch, denn Sie sind der erste nicht, der von mir abgewichen ist. Mit den trefflichsten Menschen bin ich wegen bestrittener Punkte in der Farbenlehre auseinander gekommen. Mit *** wegen .... ....und mit *** wegen .....« Er nannte mir hier einige bedeutende Namen [Schopenhauer und Seebeck?].
Wir hatten indeß abgespeist, das Gespräch stockte. Goethe stand auf und stellte sich ans Fenster. Ich trat zu ihm und drückte ihm die Hand; denn, wie er auch schalt, ich liebte ihn, und dann hatte ich das Gefühl, daß das Recht auf meiner Seite und daß er der leidende Theil sei.
Es währte auch nicht lange, so sprachen und scherzten wir wieder über gleichgültige Dinge; doch als ich ging und ihm sagte, daß er meine Widersprüche zu besserer Prüfung schriftlich haben solle, und daß bloß die Ungeschicklichkeit meines mündlichen Vortrags schuld sei, warum er mir nicht recht gebe, konnte er nicht umhin, einiges von Ketzern und Ketzerei mir noch in der Thür halb lachend, halb spottend zuzuwerfen.
Wenn es nun problematisch erscheinen mag, daß Goethe in seiner Farbenlehre nicht gut Widersprüche vertragen konnte, während er bei seinen poetischen Werken sich immer durchaus läßlich erwies und jede[34] gegründete Einwendung mit Dank aufnahm, so löst sich vielleicht das Räthsel, wenn man bedenkt, daß ihm als Poet von außen her die völligste Genugthuung zutheil ward, während er bei der ›Farbenlehre‹, diesem größten und schwierigsten aller seiner Werke, nichts als Tadel und Mißbilligung zu erfahren hatte. Ein halbes Leben hindurch tönte ihm der unverständigste Widerspruch von allen Seiten entgegen, und so war es denn wohl natürlich, daß er sich immer in einer Art von gereiztem kriegerischen Zustande und zu leidenschaftlicher Opposition stets gerüstet befinden mußte.
Es ging ihm in Bezug auf seine Farbenlehre wie einer guten Mutter, die ein vortreffliches Kind nur desto mehr liebt, je weniger es von andern erkannt wird.
»Auf alles, was ich als Poet geleistet habe,« pflegte er wiederholt zu sagen, »bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf thue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.«
1829, 20. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Er ist froh über die Beendigung der ›Wanderjahre‹, die er morgen absenden will. In der Farbenlehre tritt er etwas herüber zu meiner Meinung hinsichtlich der blauen Schatten im Schnee. Er spricht von seiner ›Italienischen Reise‹, die er gleich wieder vorgenommen.
»Es geht uns wie den Weibern,« sagte er; »wenn sie gebären, verreden sie es, wieder beim Manne zu schlafen, und ehe man sich's versieht, sind sie wieder schwanger.«
Über den vierten Band seines ›Lebens‹, in welcher Art er ihn behandeln will, und daß dabei meine Notizen vom Jahre 1824 über das bereits Ausgeführte und Schematisirte ihm gute Dienste thun.
Er liest mir das Tagebuch von Göttling vor, der mit großer Liebenswürdigkeit von frühern jenaischen Fechtmeistern handelt. Goethe spricht viel Gutes von Göttling.
1829, 23. März.
»Ich habe unter meinen Papieren ein Blatt gefunden,« sagte Goethe heute, »wo ich die Baukunst [36] eine erstarrte Musik nenne. Und wirklich, es hat etwas; die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effect der Musik nahe.
Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.
Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und unthätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner innern Natur volle Freiheit, thätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.«
Wir sprachen von Schiller's Briefen und dem Leben, das sie miteinander geführt, und wie sie sich täglich zu gegenseitigen Arbeiten gehetzt und getrieben. »Auch an dem ›Faust‹,« sagte ich, »schien Schiller ein großes Interesse zu nehmen; es ist hübsch, wie er Sie treibt, und sehr liebenswürdig, wie er sich durch seine Idee verleiten läßt, selber am ›Faust‹ fortzuerfinden. Ich habe dabei bemerkt, daß etwas Voreilendes in seiner Natur lag.«
»Sie haben recht,« sagte Goethe, »er war so, wie alle Menschen, die zu sehr von der Idee ausgehen. Auch hatte er keine Ruhe und konnte nie fertig werden, wie Sie an den Briefen über den ›Wilhelm Meister‹ sehen, den er bald so und bald anders haben will. Ich [37] hatte nur immer zu thun, daß ich feststand und seine wie meine Sachen von solchen Einflüssen freihielt und schützte.«
»Ich habe diesen Morgen,« sagte ich, »seine ›Nadowessische Todtenklage‹ gelesen und mich gefreut, wie das Gedicht so vortrefflich ist.«
»Sie sehen,« antwortete Goethe, »wie Schiller ein großer Künstler war und wie er auch das Objective zu fassen wußte, wenn es ihm als Überlieferung vor Augen kam. Gewiß, die ›Nadowessische Todtenklage‹ gehört zu seinen allerbesten Gedichten, und ich wollte nur, daß er ein Dutzend in dieser Art gemacht hätte. Aber können Sie denken, daß seine nächsten Freunde ihn dieses Gedichtes wegen tadelten, indem sie meinten, es trage nicht genug von seiner Idealität? – Ja, mein Guter, man hat von seinen Freunden zu leiden gehabt! Tadelte doch Humboldt auch an meiner Dorothea, daß sie bei dem Überfall der Krieger zu den Waffen gegriffen und dreingeschlagen habe! Und doch, ohne jenen Zug ist ja der Character des außerordentlichen Mädchens, wie sie zu dieser Zeit und zu diesen Zuständen recht war, sogleich vernichtet, und sie sinkt in die Reihe des Gewöhnlichen herab. – Aber Sie werden bei weiterm Leben immer mehr finden, wie wenige Menschen fähig sind, sich auf den Fuß dessen zu setzen, was sein muß, und daß vielmehr alle nur immer das loben und das hervorgebracht wissen wollen, was ihnen selber gemäß ist. Und das waren die Ersten [38] und Besten, und sie mögen nun denken, wie es um die Meinungen der Masse aussah, und wie man eigentlich immer allein stand.
Hätte ich in der bildenden Kunst und in den Naturstudien kein Fundament gehabt, so hätte ich mich in der schlechten Zeit und deren täglichen Einwirkungen auch schwerlich oben gehalten; aber das hat mich geschützt, sowie ich auch Schillern von dieser Seite zu Hilfe kam.«
1829, 24. März.
»Je höher ein Mensch,« sagte Goethe, »desto mehr steht er unter dem Einfluß der Dämonen, und er muß nur immer aufpassen, daß sein leitender Wille nicht auf Abwege gerathe.
So waltete bei meiner Bekanntschaft mit Schillern durchaus etwas Dämonisches ob; wir konnten früher, wir konnten später zusammengeführt werden, aber daß wir es gerade in der Epoche wurden, wo ich die italienische Reise hinter mir hatte und Schiller der philosophischen Spekulationen müde zu werden anfing, war von Bedeutung und für beide von größtem Erfolg.«
1829, Ende März (?).
Die neueren Gedichte Ew. Königl. Hoheit kenne ich [Frh. v. Lützerode] zumtheil, besitze aber keines davon; ich bitte daher um baldigste Zusendung derselben, da mich Goethe an mein Versprechen hat erinnern lassen.
1829, 2. April.
»Ich will Ihnen ein politisches Geheimniß entdecken,« sagte Goethe heute bei Tische, »das sich über kurz oder lang offenbaren wird. Kapodistrias kann sich an der Spitze der griechischen Angelegenheiten auf die Länge nicht halten; denn ihm fehlt eine Qualität, die zu einer solchen Stelle unentbehrlich ist: er ist kein Soldat. Wir haben aber kein Beispiel, daß ein Cabinetsmann einen revolutionären Staat hätte organisiren und Militär und Feldherrn sich hätte unterwerfen können. Mit dem Säbel in der Faust, an der Spitze einer Armee mag man befehlen und Gesetze geben, und man kann sicher sein, daß man gehorcht werde; aber ohne dieses ist es ein mißliches Ding. Napoleon, ohne Soldat zu sein, hätte nie zur höchsten Gewalt emporsteigen können, und so wird sich auch Kapodistrias als [40] Erster auf die Dauer nicht behaupten, vielmehr wird er sehr bald eine secundäre Rolle spielen. Ich sage Ihnen dieses voraus, und Sie werden es kommen sehen; es liegt in der Natur der Dinge und ist nicht anders möglich.«.
Goethe sprach darauf viel über die Franzosen, besonders über Cousin, Villemain und Guizot. »Die Einsicht, Umsicht und Durchsicht dieser Männer,« sagte er, »ist groß; sie verbinden vollkommene Kenntniß des Vergangenen mit dem Geist des 19. Jahrhunderts, welches denn freilich Wunder thut.«
Von diesen kamen wir auf die neuesten französischen Dichter und auf die Bedeutung von classisch und romantisch. »Mir ist ein neuer Ausdruck eingefallen,« sagte Goethe, »der das Verhältniß nicht übel bezeichnet. Das Classische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. Und da sind die Nibelungen classisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht classisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Classisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald imreinen sein.«
Das Gespräch lenkte sich auf Béranger's Gefangenschaft. »Es geschieht ihm ganz recht,« sagte Goethe. »Seine letzten Gedichte sind wirklich ohne Zucht und Ordnung, und er hat gegen König, Staat und friedlichen [41] Bürgersinn seine Strafe vollkommen verwirkt. Seine frühern Gedichte dagegen sind heiter und harmlos und ganz geeignet, einen Zirkel froher glücklicher Menschen zu machen, welches denn wohl das Beste ist, was man von Liedern sagen kann.«
»Ich bin gewiß,« versetzte ich, »daß seine Umgebung nachtheilig auf ihn gewirkt hat, und daß er, um seinen revolutionären Freunden zu gefallen, manches gesagt hat, was er sonst nicht gesagt haben würde. Euer Excellenz sollten Ihr Schema ausführen und das Kapitel von den Influenzen schreiben; der Gegenstand ist wichtiger und reicher, je mehr man darüber nachdenkt.«
»Er ist nur zu reich,« sagte Goethe, »denn am Ende ist alles Influenz, insofern wir es nicht selber sind.«
»Man hat nur darauf zu sehen,« sagte ich, »ob eine Influenz hinderlich und förderlich, ob sie unserer Natur angemessen und begünstigend oder ob sie ihr zuwider ist.«
»Das ist es freilich,« sagte Goethe, »worauf es ankommt, aber das ist auch eben das Schwere, daß unsere bessere Natur sich kräftig durchhalte und den Dämonen nicht mehr Gewalt einräume als billig.«
Beim Nachtisch ließ Goethe einen blühenden Lorbeer und eine japanesische Pflanze vor uns auf den Tisch stellen. Ich bemerkte, daß von beiden Pflanzen eine verschiedene Stimmung ausgehe, daß der Anblick des [42] Lorbeers heiter, leicht, milde und ruhig mache, die japanesische Pflanze dagegen barbarisch, melancholisch wirke.
»Sie haben nicht unrecht,« sagte Goethe, »und daher kommt es denn auch, daß man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluß auf die Gemüthsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiß: wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müßte ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter lustigen Birken sich erginge. Nur muß man bedenken, daß die Menschen im allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir andern, und daß sie im ganzen kräftig vor sich hin leben, ohne den äußern Eindrücken so viele Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiß, daß außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Character eines Volks zu vollenden. Auch ist zu bedenken, daß die frühesten Stämme meistentheils von einem Boden Besitz nahmen, wo es ihnen gefiel, und wo also die Gegend mit dem angeborenen Character der Menschen bereits in Harmonie stand.
Sehen Sie sich einmal um,« fuhr Goethe fort, »hinter Ihnen auf dem Pult liegt ein Blatt, welches ich zu betrachten bitte.«
»Dieses blaue Briefcouvert?« sagte ich.
»Ja,« sagte Goethe. »Nun, was sagen Sie zu der Handschrift? Ist das nicht ein Mensch, dem es groß[43] und frei zu Sinne war, als er die Adresse schrieb? Wem möchten Sie die Hand zutrauen?«
Ich betrachtete das Blatt mit Neigung. Die Züge der Handschrift waren sehr frei und grandios. »Merck könnte so geschrieben haben,« sagte ich.
»Nein,« sagte Goethe, »der war nicht edel und positiv genug. Es ist von Zelter. Papier und Feder hat ihn bei diesem Couvert begünstigt, sodaß die Schrift ganz seinen großen Character ausdrückt. Ich will das Blatt in meine Sammlung von Handschriften legen.«
1829, 3. April.
Mit Oberbaudirector Coudray bei Goethe zu Tische. Coudray erzählte von einer Treppe im großherzoglichen Schloß zu Belvedere, die man seit Jahren höchst unbequem gefunden, an deren Verbesserung der alte Herrscher immer gezweifelt habe, und die nun unter der Regierung des jungen Fürsten vollkommen gelinge.
Auch von dem Fortgange verschiedener Chausseebauten gab Coudray Nachricht, und daß man den Weg über die Berge nach Blankenhain wegen zwei Fuß Steigung auf die Ruthe ein wenig hätte umleiten müssen, wo man doch an einigen Stellen noch achtzehn Zoll auf die Ruthe habe.
[44] Ich fragte Coudray, wieviel Zoll die eigentliche Norm sei, welche man beim Chausseebau in hügeligen Gegenden zu erreichen trachte.
»Zehn Zoll auf die Ruthe« antwortete er, »da ist es bequem.«
»Aber,« sagte ich, »wenn man von Weimar aus irgend eine Straße nach Osten, Süden, Westen oder Norden fährt, so findet man sehr bald Stellen, wo die Chaussee weit mehr als zehn Zoll Steigung auf die Ruthe haben möchte.«
»Das sind kurze unbedeutende Strecken,« antwortete Coudray, »und dann geht man oft beim Chausseebau über solche Stellen in der Nähe eines Ortes absichtlich hin, um demselben ein kleines Einkommen für Vorspann nicht zu nehmen.« Wir lachten über diese redliche Schelmerei. »Und im Grunde,« fuhr Coudray fort, »ist's auch eine Kleinigkeit; die Reisewagen gehen über solche Stellen leicht hinaus, und die Frachtfahrer sind einmal an einige Plackerei gewöhnt. Zudem, da solcher Vorspann gewöhnlich bei Gastwirthen genommen wird, so haben die Fuhrleute zugleich Gelegenheit einmal zu trinken, und sie würden es einem nicht danken, wenn man ihnen den Spaß verdürbe.«
»Ich möchte wissen,« sagte Goethe, »ob es in ganz ebenen flachen Gegenden nicht sogar besser wäre, die gerade Straßenlinie dann und wann zu unterbrechen und die Chaussee künstlich hier und dort ein wenig steigen und fallen zu lassen; es würde das bequeme[45] Fahren nicht hindern, und man gewönne, daß die Straße wegen besserm Abfluß des Regenwassers immer trocken wäre.«
»Das ließe sich wohl machen,« antwortete Coudray, »und würde sich höchst wahrscheinlich sehr nützlich erweisen.«
Coudray brachte darauf eine Schrift hervor, den Entwurf einer Instruction für einen jungen Architekten, den die Oberbaubehörde zu seiner weitern Ausbildung nach Paris zu schicken im Begriff stand. Er las die Instruction, sie ward von Goethe gut befunden und gebilligt. Goethe hatte beim Ministerium die nöthige Unterstützung ausgewirkt; man freute sich, daß die Sache gelungen, und sprach über die Vorsichtsmaßregeln, die man nehmen wolle, damit dem jungen Manne das Geld gehörig zu gute komme und er auch ein Jahr damit ausreiche. Bei seiner Zurückkunft hatte man die Absicht ihn an der neu zu errichtenden Gewerkschule als Lehrer anzustellen, wodurch denn einem talentreichen jungen Mann alsobald ein angemessener Wirkungskreis eröffnet sei. Es war alles gut, und ich gab dazu meinen Segen im stillen.
Baurisse, Vorlegeblätter für Zimmerleute von Schinkel wurden darauf vorgezeigt und betrachtet. Coudray fand die Blätter bedeutend und zum Gebrauch für die künftige Gewerkschule vollkommen geeignet.
Man sprach von Bauten, vom Schall und wie er [46] zu vermeiden, und von großer Festigkeit der Gebäude der Jesuiten. »In Messina,« sagte Goethe, »waren alle Gebäude vom Erdbeben zusammengerüttelt, aber die Kirche und das Kloster der Jesuiten standen ungerührt, als wären sie gestern gebaut. Es war nicht die Spur an ihnen zu bemerken, daß die Erderschütterung den geringsten Effect auf sie gehabt.«
Von Jesuiten und deren Reichthümern lenkte sich das Gespräch auf Katholiken und die Emancipation der Irländer. »Man sieht,« sagte Coudray, »die Emancipation wird zugestanden werden, aber das Parlament wird die Sache so verclausuliren, daß dieser Schritt auf keine Weise für England gefährlich werden kann.«
»Bei den Katholiken,« sagte Goethe, »sind alle Vorsichtsmaßregeln unnütz. Der päpstliche Stuhl hat Interessen, woran wir nicht denken, und Mittel, sie im stillen durchzuführen, wovon wir keinen Begriff haben. Säße ich jetzt im Parlament, ich würde auch die Emancipation nicht hindern, aber ich würde zu Protokoll nehmen lassen, daß wenn der erste Kopf eines bedeutenden Protestanten durch die Stimme eines Katholiken falle, man an mich denken möge.«
Das Gespräch lenkte sich auf die neueste Literatur der Franzosen, und Goethe sprach abermals mit Bewunderung von den Vorlesungen der Herren Cousin, Villemain und Guizot. »Statt des Voltaireschen leichten oberflächlichen Wesens,« sagte er, »ist bei [47] ihnen eine Gelehrsamkeit, wie man sie früher nur bei Deutschen fand. Und nun ein Geist, ein Durchdringen und Auspressen des Gegenstandes, herrlich! es ist als ob sie die Kelter träten. Sie sind alle drei vortrefflich, aber dem Herrn Guizot möchte ich den Vorzug geben, er ist mir der liebste.«
Wir sprachen darauf über Gegenstände der Weltgeschichte, und Goethe äußerte Folgendes über Regenten.
»Um populär zu sein,« sagte er, »braucht ein großer Regent weiter keine Mittel als seine Größe. Hat er so gestrebt und gewirkt, daß sein Staat im Innern glücklich und nach außen geachtet ist, so mag er mit allen seinen Orden im Staatswagen, oder er mag im Bärenfelle und die Cigarre im Munde auf einer schlechten Droschke fahren, es ist alles gleich: er hat einmal die Liebe seines Volkes und genießt immer dieselbige Achtung. Fehlt aber einem Fürsten die persönliche Größe und weiß er nicht durch gute Thaten bei den Seinen sich in Liebe zu setzen, so muß er auf andere Vereinigungsmittel denken, und da giebt es kein besseres und wirksameres als die Religion und den Mitgenuß und die Mitübung derselbigen Gebräuche. Sonntäglich in der Kirche erscheinen, auf die Gemeinde herabsehen und von ihr ein Stündchen sich anblicken lassen, ist das trefflichste Mittel zur Popularität, das man jedem jungen Regenten anrathen möchte, und das, bei aller Größe, selbst Napoleon nicht verschmäht hat.«
Das Gespräch wendete sich nochmals zu den Katholiken, [48] und wie groß der Geistlichen Einfluß und Wirken imstillen sei. Man erzählte von einem jungen Schriftsteller in Hauau, [Koenig] der vor kurzem in einer Zeitschrift, die er herausgegeben, ein wenig heiter über den Rosenkranz gesprochen. Diese Zeitschrift sei sogleich eingegangen, und zwar durch den Einfluß der Geistlichen in ihren verschiedenen Gemeinden. »Von meinem ›Werther‹,« sagte Goethe, »erschien sehr bald eine italienische Übersetzung in Mailand. Aber von der ganzen Auflage war inkurzem auch nicht ein einziges Exemplar mehr zu sehen. Der Bischof war dahintergekommen und hatte die ganze Edition von den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen lassen. Es verdroß mich nicht, ich freute mich vielmehr über den klugen Herrn, der sogleich einsah, daß der ›Werther‹ für die Katholiken ein schlechtes Buch sei, und ich mußte ihn loben, daß er auf der Stelle die wirksamsten Mittel ergriffen, es ganz imstillen wieder aus der Welt zu schaffen.«
1829, 5. April.
Goethe erzählte mir, daß er vor Tische nach Belvedere gefahren sei, um Coudray's neue Treppe im Schlosse in Augenschein zu nehmen, die er vortrefflich gefunden. Auch sagte er mir, daß ein großer versteinerter Klotz angekommen, den er mir zeigen wolle.
[49] »Solche versteinerte Stämme,« sagte er, »finden sich unter dem einundfunfzigsten Grade ganz herum bis nach Amerika, wie ein Erdgürtel. Man muß immer mehr erstaunen. Von der frühern Organisation der Erde hat man gar keinen Begriff, und ich kann es Herrn von Buch nicht verdenken, wenn er die Menschen endoctrinirt, um seine Hypothesen zu verbreiten. Er weiß nichts, aber niemand weiß mehr, und da ist es denn am Ende einerlei, was gelehrt wird, wenn es nur einigermaßen einen Anschein von Vernunft hat.«
Von Zelter grüßte mich Goethe, welches mir Freude machte. Dann sprachen wir von seiner italienischen Reise, und er sagte mir, daß er in einem seiner Briefe aus Italien ein Lied gefunden, das er mir zeigen wolle. Er bat mich, ihm ein Packet Schriften zu reichen, das mir gegenüber auf dem Pulte lag. Ich gab es ihm, es waren seine Briefe aus Italien; er suchte das Gedicht und las:
Cupido, loser eigensinniger Knabe!
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden,
Wie viele Tag' und Nächte bist du geblieben!
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden.
Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben;
Nun sitz' ich an der Erde, Nächte gequälet.
Dein Muthwill' schüret Flamm' auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrath des Winters und senget mich Armen!
Du hast mir mein Geräth verstellt und verschoben;
Ich such' und bin wie blind und irre geworden.
Du lärmst so ungeschickt! Ich fürchte, das Seelchen
Entflieht, um dir zu entfliehen, und räumet die Hütte.
[50] Ich freute mich sehr über dies Gedicht, das mir vollkommen neu erschien. »Es kann Ihnen nicht fremd sein,« sagte Goethe, »denn es steht in der ›Claudine von Villa-Bella‹, wo es der Rugantino singt. Ich habe es jedoch dort zerstückelt, sodaß man darüber hinausliest und niemand merkt, was es heißen will. Ich dächte aber, es wäre gut. Es drückt den Zustand artig aus und bleibt hübsch im Gleichniß; es ist in Art der Anakreontischen. Eigentlich hätten wir dieses Lied und ähnliche andere aus meinen Opern unter den ›Gedichten‹ wieder sollen abdrucken lassen, damit der Componist doch die Lieder beisammen hätte.« Ich fand dieses gut und vernünftig und merkte es mir für die Folge.
Goethe hatte das Gedicht sehr schön gelesen; ich brachte es nicht wieder aus dem Sinne, und auch ihm schien es ferner im Kopfe zu liegen. Die letzten Verse:
Du lärmst so ungeschickt! Ich fürchte, das Seelchen
Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte –
sprach er noch mitunter wie im Traume vor sich hin.
Er erzählte mir sodann von einem neuerschienenen Buche über Napoleon, das von einem Jugendbekannten des Helden [Bourrienne] verfaßt sei und worin man die merkwürdigsten Aufschlüsse erhalte. »Das Buch,« sagte er, »ist ganz nüchtern, ohne Enthusiasmus geschrieben, aber man sieht dabei, welchen groß artigen [51] Character das Wahre hat, wenn es einer zu sagen wagt.«
Auch von einem Trauerspiele eines jungen Dichters erzählte mir Goethe. »Es ist ein pathologisches Product,« sagte er; »die Säfte sind Theilen überflüssig zugeleitet, die sie nicht haben wollen, und andern, die sie bedurft hätten, sind sie entzogen. Das Sujet war gut, sehr gut, aber die Scenen, die ich erwartete, waren nicht da, und andere, die ich nicht erwartete, waren mit Fleiß und Liebe behandelt. Ich dächte, das wäre pathologisch, oder auch romantisch, wenn Sie nach unserer neuen Theorie lieber wollen.«
Wir waren darauf noch eine Weile heiter beisammen, und Goethe bewirthete mich zuletzt noch mit vielem Honig, auch mit einigen Datteln, die ich mitnahm.
1829, 6. April.
Goethe gab mir einen Brief von Egon Ebert, den ich bei Tische las und der mir Freude machte. Wir sprachen viel Löbliches von Egon Ebert und Böhmen, und gedachten auch des Professors Zauper mit Liebe.
»Das Böhmen ist ein eigenes Land,« sagte Goethe. »ich bin dort immer gern gewesen. Die Bildung der Literatoren hat noch etwas Reines, welches im nördlichen [52] Deutschland schon anfängt selten zu werden, indem hier jeder Lump schreibt, bei dem an ein sittliches Fundament und eine höhere Absicht nicht zu denken ist.«
Goethe sprach sodann von Egon Ebert's neuestem epischen Gedicht [Walasta], desgleichen von der frühern Weiberherrschaft in Böhmen, und woher die Sage von den Amazonen entstanden.
Dies brachte die Unterhaltung auf das Epos eines andern Dichters [»Die Völkerschlacht« von Weber], der sich viel Mühe gegeben, sein Werk in öffentlichen Blättern günstig beurtheilt zu sehen. »Solche Urtheile,« sagte Goethe, »sind denn auch hier und dort er schienen. Nun aber ist die ›Hallesche Literaturzeitung‹ dahintergekommen und hat geradezu ausgesprochen, was von dem Gedicht eigentlich zu halten, wodurch denn alle günstigen Redensarten der übrigen Blätter vernichtet worden. Wer jetzt nicht das Rechte will, ist bald entdeckt; es ist nicht mehr die Zeit, das Publikum zum besten zu haben und es in die Irre zu führen.«
»Ich bewundere,« sagte ich, »daß die Menschen um ein wenig Namen es sich so sauer werden lassen, sodaß sie selbst zu falschen Mitteln ihre Zuflucht nehmen.«
»Liebes Kind,« sagte Goethe, »ein Name ist nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines großen Namens wegen fast die halbe Welt in Stücke geschlagen!«
Es entstand eine kleine Pause im Gespräch. Dann aber erzählte Goethe mir Ferneres von dem neuen[53] Buche über Napoleon. »Die Gewalt des Wahren ist groß,« sagte er. »Aller Nimbus, alle Illusion, die Journalisten, Geschichtsschreiber und Poeten über Napoleon gebracht haben, verschwindet vor der entsetzlichen Realität dieses Buchs; aber der Held wird dadurch nicht kleiner, vielmehr wächst er, sowie er an Wahrheit zunimmt.«
»Eine eigene Zaubergewalt,« sagte ich, »mußte er in seiner Persönlichkeit haben, daß die Menschen ihm sogleich zufielen und anhingen und sich von ihm leiten ließen.«
»Allerdings,« sagte Goethe, »war seine Persönlichkeit eine überlegene. Die Hauptsache aber bestand darin, daß die Menschen gewiß waren, ihre Zwecke unter ihm zu erreichen. Deshalb fielen sie ihm zu, sowie sie es jedem thun, der ihnen eine ähnliche Gewißheit einflößt. Fallen doch die Schauspieler einem neuen Regisseur zu, von dem sie glauben, daß er sie in gute Rollen bringen werde. Dies ist ein altes Märchen, das sich immer wiederholt; die menschliche Natur ist einmal so eingerichtet. Niemand dient einem andern aus freien Stücken, weiß er aber, daß er damit sich selber dient, so thut er es gern. Napoleon kannte die Menschen zu gut, und er wußte von ihren Schwächen den gehörigen Gebrauch zu machen.«
Das Gespräch wendete sich auf Zelter. »Sie wissen,« sagte Goethe, »daß Zelter den preußischen Orden bekommen. Nun hatte er aber noch kein [54] Wappen, aber eine große Nachkommenschaft ist da und somit die Hoffnung auf eine weit hinaus dauernde Familie. Er mußte also ein Wappen haben, damit eine ehrenvolle Grundlage sei, und ich habe den lustigen Einfall gehabt, ihm eins zu machen. Ich schrieb an ihn, und er war es zufrieden, aber ein Pferd wollte er haben. Gut, sagte ich, ein Pferd sollst du haben, aber eins mit Flügeln. – Sehen Sie sich einmal um, hinter Ihnen liegt ein Papier, ich habe darauf mit einer Bleifeder den Entwurf gemacht.«
Ich nahm das Blatt und betrachtete die Zeichnung. Das Wappen sah sehr stattlich aus, und die Erfindung mußte ich loben. Das untere Feld zeigte die Thurmzinne einer Stadtmauer, um anzudeuten, daß Zelter in früherer Zeit ein tüchtiger Maurer gewesen. Ein geflügeltes Pferd hebt sich dahinter hervor, nach höhern Regionen strebend, wodurch sein Genius und Aufschwung zum Höhern ausgesprochen war. Dem Wappenschilde oben fügte sich eine Lyra auf, über welcher ein Stern leuchtete, als ein Symbol der Kunst, wodurch der treffliche Freund unter dem Einfluß und Schutz günstiger Gestirne sich Ruhm erworben. Unten dem Wappen anhing der Orden, womit sein König ihn beglückt und geehrt als Zeichen gerechter Anerkennung großer Verdienste.
»Ich habe es von Facius stechen lassen,« sagte Goethe, »und Sie sollen einen Abdruck sehn. Ist es aber nicht artig, daß ein Freund dem andern ein [55] Wappen macht und ihm dadurch gleichsam den Adel giebt?« Wir freuten uns über den heitern Gedanken, und Goethe schickte zu Facius, um einen Abdruck holen zu lassen.
Wir saßen noch eine Weile am Tische, indem wir zu gutem Biscuit einige Gläser alten Rheinwein tranken. Goethe summte Undeutliches vor sich hin. Mir kam das Gedicht von gestern wieder in den Kopf, ich recitirte:
Du hast mir mein Geräth verstellt und verschoben;
Ich such' und bin wie blind und irre geworden –
»Ich kann das Gedicht nicht wieder los werden,« sagte ich, »es ist durchaus eigenartig und drückt die Unordnung so gut aus, die durch die Liebe in unser Leben gebracht wird.«
»Es bringt uns einen düstern Zustand vor Augen,« sagte Goethe.
»Es macht mir den Eindruck eines Bildes,« sagte ich, »eines niederländischen.«
»Es hat so etwas von ›Good man und Good wife‹,« sagte Goethe.
»Sie nehmen mir das Wort von der Zunge,« sagte ich, »denn ich habe schon fortwährend an jenes Schottische denken müssen, und das Bild von Ostade war mir vor Augen.«
»Aber wunderlich ist es,« sagte Goethe, »daß sich beide Gedichte nicht malen lassen; sie geben wohl den [56] Eindruck eines Bildes, eine ähnliche Stimmung, aber gemalt wären sie nichts.«
»Es sind dieses schöne Beispiele,« sagte ich, »wo die Poesie der Malerei so nahe als möglich tritt, ohne aus ihrer eigentlichen Sphäre zu gehen. Solche Gedichte sind mir die liebsten, indem sie Anschauung und Empfindung zugleich gewähren. Wie Sie aber zu dem Gefühl eines solchen Zustandes gekommen sind, begreife ich kaum; das Gedicht ist wie aus einer andern Zeit und einer andern Welt.«
»Ich werde es auch nicht zum zweitenmale machen,« sagte Goethe, »und wüßte auch nicht zu sagen, wie ich dazu gekommen bin; wie uns denn dieses sehr oft geschieht.«
»Noch etwas Eigenes,« sagte ich, »hat das Gedicht. Es ist mir immer als wäre es gereimt, und doch ist es nicht so. Woher kommt das?«
»Es liegt im Rhythmus,« sagte Goethe. »Die Verse beginnen mit einem Vorschlag, gehen trochäisch fort, wo denn der Daktylus gegen das Ende eintritt, welcher eigenartig wirkt und wodurch es einen düster klagenden Character bekommt.« Goethe nahm eine Bleifeder und theilte so ab:
⋃ | ⋃ | ⋃ | ⋃ | ⋃ ⋃ | ⋃.
Von | meinem | breiten | Lager | bin ich ver | trieben.
Wir sprachen über Rhythmus im allgemeinen und kamen darin überein, daß sich über solche Dinge nicht [57] denken lasse. »Der Tact,« sagte Goethe, »kommt aus der poetischen Stimmung, wie unbewußt. Wollte man darüber denken, wenn man ein Gedicht macht, man würde verrückt und brächte nichts Gescheidtes zu stande.«
Ich wartete auf den Abdruck des Siegels. Goethe fing an über Guizot zu reden. »Ich gehe in seinen Vorlesungen fort,« sagte er, »und sie halten sich trefflich. Die diesjährigen gehen etwa bis ins 8. Jahrhundert. Er besitzt einen Tiefblick und Durchblick, wie er mir bei keinem Geschichtschreiber größer vorgekommen. Dinge, woran man nicht denkt, erhalten in seinen Augen die größte Wichtigkeit, als Quellen bedeutender Ereignisse. Welchen Einfluß z.B. das Vorwalten gewisser religiöser Meinungen auf die Geschichte gehabt, wie die Lehre von der Erbsünde, von der Gnade, von guten Werken gewissen Epochen eine solche und eine andere Gestalt gegeben, sehen wir deutlich hergeleitet und nachgewiesen. Auch das römische Recht, als ein fortlebendes, das gleich einer untertauchenden Ente sich zwar von Zeit zu Zeit verbirgt, aber nie ganz verloren geht und immer einmal wieder lebendig hervortritt, sehen wir sehr gut behandelt, bei welcher Gelegenheit denn auch unserm trefflichen Savigny volle Anerkennung zutheil wird.
Wie Guizot von den Einflüssen redet, welche die Gallier in früher Zeit von fremden Nationen empfangen, ist mir besonders merkwürdig gewesen was er von [58] den Deutschen sagt. ›Die Germanen‹, sagt er, ›brachten uns die Idee der persönlichen Freiheit, welche diesem Volke vor allem eigen war‹. Ist das nicht sehr artig und hat er nicht vollkommen recht, und ist nicht diese Idee noch bis auf den heutigen Tag unter uns wirksam? Die Reformation kam aus dieser Quelle wie die Burschenverschwörung auf der Wartburg, Gescheidtes wie Dummes. Auch das Buntscheckige unserer Literatur, die Sucht unserer Poeten nach Originalität, und daß jeder glaubt eine neue Bahn machen zu müssen, sowie die Absonderung und Verisolirung unserer Gelehrten, wo jeder für sich steht und von seinem Punkte aus sein Wesen treibt: alles kommt daher. Franzosen und Engländer dagegen halten weit mehr zusammen und richten sich nacheinander. In Kleidung und Betragen haben sie etwas Übereinstimmendes. Sie fürchten, von einander abzuweichen, um sich nicht auffallend oder gar lächerlich zu machen. Die Deutschen aber gehen jeder seinem Kopfe nach, jeder sucht sich selber genug zu thun, er fragt nicht nach dem andern; denn in jedem lebt, wie Guizot richtig gefunden hat, die Idee der persönlichen Freiheit, woraus denn, wie gesagt, viel Treffliches hervorgeht, aber auch viel Absurdes.«
1829, 7. April.
Ich fand, als ich hereintrat, Hofrath Meyer, der einige Zeit unpäßlich gewesen, mit Goethe am Tisch sitzen, und freute mich, ihn wieder so weit hergestellt zu sehen. Sie sprachen von Kunstsachen, von Peel, der einen Claude Lorrain für viertausend Pfund gekauft, wodurch Peel sich denn besonders in Meyer's Gunst gesetzt hatte. Die Zeitungen wurden gebracht, worein wir uns theilten, in Erwartung der Suppe.
Als an der Tagesordnung kam die Emancipation der Irländer sehr bald zur Erwähnung. »Das Lehrreiche für uns dabei ist,« sagte Goethe, »daß bei dieser Gelegenheit Dinge an den Tag kommen, woran niemand gedacht hat, und die ohne diese Veranlassung nie wären zur Sprache gebracht worden. Recht klar über den irländischen Zustand werden wir aber doch nicht, denn die Sache ist zu verwickelt. So viel aber sieht man, daß dieses Land an Übeln leidet, die durch kein Mittel und also auch nicht durch die Emancipation gehoben werden können. War es bis jetzt ein Unglück, daß Irland seine Übel allein trug, so ist es jetzt ein Unglück, daß England mit hineingezogen wird. Das ist die Sache. Und den Katholiken ist gar nicht zu trauen. Man sieht, welchen schlimmen Stand die zwei Millionen Protestanten gegen die Übermacht der fünf[60] Millionen Katholiken bisher in Irland gehabt haben, und wie z.B. arme protestantische Pächter gedrückt, chikanirt und gequält worden, die von katholischen Nachbarn umgeben waren. Die Katholiken vertragen sich unter sich nicht, aber sie halten immer zusammen, wenn es gegen einen Protestanten geht. Sie sind einer Meute Hunde gleich, die sich untereinander beißen, aber sobald sich ein Hirsch zeigt, sogleich einig sind und in Masse auf ihn losgehen.«
Von den Irländern wendete sich das Gespräch zu den Händeln in der Türkei. Man wunderte sich, wie die Russen, bei ihrer Übermacht, im vorjährigen Feldzuge nicht weiter gekommen. »Die Sache ist die,« sagte Goethe, »die Mittel waren unzulänglich, und deshalb machte man zu große Anforderungen an einzelne, wodurch denn persönliche Großthaten und Aufopferungen geschahen, ohne die Angelegenheit im ganzen zu fördern.«
»Es mag auch ein verwünschtes Lokal sein,« sagte Meyer; »man sieht, in den ältesten Zeiten, daß es in dieser Gegend, wenn ein Feind von der Donau her zu dem nördlichen Gebirge eindringen wollte, immer Händel setzte, daß er immer den hartnäckigsten Widerstand gefunden, und daß er fast nie hereingekommen ist. Wenn die Russen sich nur die Seeseite offen halten, um sich von dorther mit Proviant versehen zu können!«
»Das ist zu hoffen,« sagte Goethe.
»Ich lese jetzt ›Napoleons Feldzug in Ägypten‹,[61] und zwar was der tägliche Begleiter des Helden, was Bourrienne davon sagt, wo denn das Abenteuerliche von vielen Dingen verschwindet und die Facta in ihrer nackten erhabenen Wahrheit dastehen. Man sieht, er hatte bloß diesen Zug unternommen, um eine Epoche auszufüllen, wo er in Frankreich nichts thun konnte, um sich zum Herrn zu machen. Er war anfänglich unschlüssig, was zu thun sei; er besuchte alle französischen Häfen an der Küste des Atlantischen Meeres hinunter, um den Zustand der Schiffe zu sehen und sich zu überzeugen, ob eine Expedition nach England möglich oder nicht. Er fand aber, daß es nicht gerathen sei, und entschloß sich daher zu dem Zuge nach Ägypten.«
»Ich muß bewundern,« sagte ich, »wie Napoleon bei solcher Jugend mit den großen Angelegenheiten der Welt so leicht und sicher zu spielen wußte, als wäre eine vieljährige Praxis und Erfahrung vorangegangen.«
»Liebes Kind,« sagte Goethe, »das ist das Angeborene des großen Talents. Napoleon behandelte die Welt wie Hummel seinen Flügel; beides erscheint uns wunderbar, wir begreifen das eine so wenig wie das andere, und doch ist es so und geschieht vor unsern Augen. Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen und war[62] immer klar und entschieden, was zu thun sei. Er war immer in seinem Element und jedem Augenblick und jedem Zustande gewachsen, so wie es Hummeln gleichviel ist, ob er ein Adagio oder ein Allegro, ob er im Baß oder im Discant spielt. Das ist die Facilität, die sich überall findet wo ein wirkliches Talent vorhanden ist, in Künsten des Friedens wie des Kriegs, am Klavier wie hinter den Kanonen.«
»Man sieht aber an diesem Buche,« fuhr Goethe fort, »wie viele Märchen uns von seinem ägyptischen Feldzuge erzählt worden. Manches bestätigt sich zwar, allein vieles gar nicht, und das meiste ist anders.
Daß er die achthundert türkischen Gefangenen hat erschießen lassen, ist wahr; aber es erscheint als reifer Beschluß eines langen Kriegsrathes, indem nach Erwägung aller Umstände kein Mittel gewesen ist, sie zu retten.
Daß er in die Pyramiden soll hinabgestiegen sein, ist ein Märchen. Er ist hübsch außerhalb stehen geblieben und hat sich von den andern erzählen lassen, was sie unten gesehen.
So auch verhält sich die Sage, daß er orientalisches Costüm angelegt, ein wenig anders. Er hat bloß ein einziges Mal im Hause diese Maskerade gespielt und ist so unter den Seinigen erschienen, zu sehen wie es ihn kleide. Aber der Turban hat ihm nicht gestanden, wie er denn allen länglichen Köpfen nicht steht, und so hat er dieses Costüm nie wieder angelegt.
[63] Die Pestkranken aber hat er wirklich besucht, und zwar um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne, wenn man die Furcht zu überwinden fähig sei. Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Factum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen activen Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen. Das kannte Napoleon zu gut, und er wußte, daß er nichts wagte, seiner Armee ein imposantes Beispiel zu geben.«
»Aber,« fuhr Goethe sehr heiter scherzend fort, »habt Respect! Napoleon hatte in seiner Feldbibliothek was für ein Buch? – Meinen ›Werther‹!«
»Daß er ihn gut studirt gehabt,« sagte ich, »sieht man bei seinem Lever in Erfurt.«
»Er hatte ihn studirt wie ein Criminalrichter seine Acten,« sagte Goethe, »und in diesem Sinne sprach er auch mit mir darüber.
Es findet sich in dem Werke des Herrn Bourrienne eine Liste der Bücher, die Napoleon in Ägypten bei sich geführt, worunter denn auch der ›Werther‹ steht. Das Merkwürdige an dieser Liste aber ist, wie die[64] Bücher unter verschiedenen Rubriken classificirt werden. Unter der Aufschrift ›Politique‹ z.B. finden wir aufgeführt: ›Le vieux testament‹, ›Le nouveau testament‹, ›Le coran‹; woraus man denn sieht, aus welchem Gesichtspunkt Napoleon die religiösen Dinge angesehen.«
Goethe erzählte uns noch manches Interessante aus dem Buche, das ihn beschäftigte. Unter anderm auch kam zur Sprache, wie Napoleon mit der Armee an der Spitze des Rothen Meeres zur Zeit der Ebbe durch einen Theil des trockenen Meerbettes gegangen, aber von der Fluth eingeholt worden sei, sodaß die letzte Mannschaft bis unter die Arme im Wasser habe waten müssen und es also mit diesem Wagstück fast ein pharaonisches Ende genommen hätte. Bei dieser Gelegenheit sagte Goethe manches Neue über das Herankommen der Fluth. Er verglich es mit den Wolken, die uns nicht aus weiter Ferne kommen, sondern die an allen Orten zugleich entstehen und sich überall gleichmäßig fortschieben.
1829, 8. April.
Goethe saß schon am gedeckten Tische, als ich hereintrat; er empfing mich sehr heiter. »Ich habe einen Brief erhalten,« sagte er, »woher? – Von Rom! Aber von wem? – Vom König von Bayern!«
[65] »Ich theile Ihre Freude,« sagte ich. »Aber ist es nicht eigen, ich habe mich seit einer Stunde auf einem Spaziergange sehr lebhaft mit dem Könige von Bayern in Gedanken beschäftigt, und nun erfahre ich diese angenehme Nachricht.«
»Es kündigt sich oft etwas in unserm Innern an,« sagte Goethe. »Dort liegt der Brief, nehmen Sie, setzen Sie sich zu mir her und lesen Sie!«
Ich nahm den Brief, Goethe nahm die Zeitung, und so las ich denn ganz ungestört die königlichen Worte. Der Brief war datirt: Rom den 26. März 1829, und mit einer stattlichen Hand sehr deutlich geschrieben. Der König meldete Goethen, daß er sich in Rom ein Besitzthum gekauft und zwar die Villa di Malta mit anliegenden Gärten, in der Nähe der Villa Ludovisi, am nordwestlichen Ende der Stadt, auf einem Hügel gelegen, sodaß er das ganze Rom überschauen könne und gegen Nordost einen freien Anblick von Sankt-Peter habe. ›Es ist eine Aussicht,‹ schreibt er, ›welche zu genießen man weit reisen würde, und die ich nun bequem zu jeder Stunde des Tages aus den Fenstern meines Eigenthums habe.‹ Er fährt fort sich glücklich zu preisen, nun in Rom auf eine so schöne Weise ansässig zu sein. ›Ich hatte Rom in zwölf Jahren nicht gesehen,‹ schreibt er, ›ich sehnte mich danach wie man sich nach einer Geliebten sehnt; von nun an aber werde ich mit der beruhigten Empfindung zurückkehren, wie man zu einer geliebten Freundin geht.‹ [66] Von den erhabenen Kunstschätzen und Gebäuden spricht er sodann mit der Begeisterung eines Kenners, dem das wahrhaft Schöne und dessen Förderung am Herzen liegt, und der jede Abweichung vom guten Geschmack lebhaft empfindet. Überall war der Brief durchweg so schön und menschlich empfunden und ausgedrückt, wie man es von so hohen Personen nicht erwartet. Ich äußerte meine Freude darüber gegen Goethe.
»Da sehen Sie einen Monarchen,« sagte er, »der neben der königlichen Majestät seine angeborene schöne Menschennatur gerettet hat. Es ist eine seltene Erscheinung und deshalb um so erfreulicher.« Ich sah wieder in den Brief und fand noch einige treffliche Stellen. ›Hier in Rom,‹ schreibt der König, ›erhole ich mich von den Sorgen des Thrones; die Kunst, die Natur sind meine täglichen Genüsse, Künstler meine Tischgenossen.‹ Er schreibt auch, wie er oft an dem Hause vorbeigehe, wo Goethe gewohnt, und wie er dabei seiner gedenke. Aus den ›Römischen Elegien‹ sind einige Stellen angeführt, woraus man sieht, daß der König sie gut im Gedächtniß hat und sie in Rom, an Ort und Stelle, von Zeit zu Zeit wieder lesen mag.
»Ja,« sagte Goethe, »die ›Elegien‹ liebt er besonders; er hat mich hier viel damit geplagt, ich sollte ihm sagen, was an dem Factum sei, weil es in den Gedichten so anmuthig erscheint, als wäre wirklich was Rechtes daran gewesen. Man bedenkt aber selten, daß [67] der Poet meistens aus geringen Anlässen was Gutes zu machen weiß.«
»Ich wollte nur,« fuhr Goethe fort, »daß des Königs ›Gedichte‹ jetzt da wären, damit ich in meiner Antwort etwas darüber sagen könnte. Nach dem Wenigen zu schließen, was ich von ihm gelesen, werden die Gedichte gut sein. In der Form und Behandlung hat er viel von Schiller, und wenn er nun in so prächtigem Gefäße uns den Gehalt eines hohen Gemüths zu geben hat, so läßt sich mit Recht viel Treffliches erwarten.
Indessen freue ich mich, daß der König sich in Rom so hübsch angekauft hat. Ich kenne die Villa, die Lage ist sehr schön, und die deutschen Künstler wohnen alle in der Nähe.«
Der Bediente wechselte die Teller, und Goethe sagte ihm, daß er den großen Kupferstich von Rom im Deckenzimmer am Boden ausbreiten möge. »Ich will Ihnen doch zeigen, an welch einem schönen Platz der König sich angekauft hat, damit Sie sich die Lokalität gehörig denken mögen.« Ich fühlte mich Goethen sehr verbunden.
»Gestern Abend,« versetzte ich, »habe ich die ›Claudine von Villa Bella‹ gelesen und mich sehr daran erbaut. Es ist so gründlich in der Anlage und so verwegen, locker, frech und froh in der Erscheinung, daß ich den lebhaften Wunsch fühle, es auf dem Theater zu sehen.« [68] »Wenn es gut gespielt wird,« sagte Goethe, »macht es sich gar nicht schlecht.«
»Ich habe schon in Gedanken das Stück besetzt,« sagte ich, »und die Rollen vertheilt. Herr Genast müßte den Rugantino machen, er ist für die Rolle wie geschaffen; Herr Franke den Don Pedro; denn er ist von einem ähnlichen Wuchs, und es ist gut, wenn zwei Brüder sich ein wenig gleich sind; Herr La Roche den Basko, der dieser Rolle durch treffliche Maske und Kunst den wilden Anstrich geben würde, dessen sie bedarf.«
»Madame Eberwein,« fuhr Goethe fort, »dächte ich, wäre eine sehr gute Lucinde, und Demoiselle Schmidt machte die Claudine.«
»Zum Alonzo,« sagte ich, »müßten wir eine stattliche Figur haben, mehr einen guten Schauspieler als Sänger, und ich dächte, Herr Öls oder Herr Graff würden da am Platze sein. Von wem ist denn die Oper componirt, und wie ist die Musik?«
»Von Reichardt,« antwortete Goethe, »und zwar ist die Musik vortrefflich. Nur ist die Instrumentirung, dem Geschmack der frühern Zeit gemäß, ein wenig schwach. Man müßte jetzt in dieser Hinsicht etwas nachhelfen und die Instrumentirung ein wenig stärker und voller machen. Unser Lied: ›Cupido, loser, eigensinniger Knabe‹, ist dem Componisten ganz besonders gelungen.«
»Es ist eigen an diesem Liede,« sagte ich, »daß es[69] in eine Art behaglich träumerische Stimmung versetzt, wenn man es sich recitirt.«
»Es ist aus einer solchen Stimmung hervorgegangen,« sagte Goethe, »und da ist denn auch mit Recht die Wirkung eine solche.«
Wir hatten abgespeist. Friedrich kam und meldete, daß er den Kupferstich von Rom im Deckenzimmer ausgebreitet habe. Wir gingen ihn zu betrachten.
Das Bild der großen Weltstadt lag vor uns; Goethe fand sehr bald die Villa Ludovisi und in der Nähe den neuen Besitz des Königs, die Villa di Malta. »Sehen Sie,« sagte Goethe, »was das für eine Lage ist! Das ganze Rom streckt sich ausgebreitet vor Ihnen hin, der Hügel ist so hoch, daß Sie gegen Mittag und Morgen über die Stadt hinaussehen. Ich bin in dieser Villa gewesen und habe oft den Anblick aus diesen Fenstern genossen. Hier, wo die Stadt jenseits der Tiber gegen Nordost spitz ausläuft, liegt Sanct-Peter, und hier der Vatican in der Nähe. Sie sehen, der König hat aus den Fenstern seiner Villa den Fluß herüber eine freie Ansicht dieser Gebäude. Der lange Weg hier, von Norden herein zur Stadt, kommt aus Deutschland; das ist die Porta del Popolo; in einer dieser ersten Straßen zum Thor herein wohnte ich, in einem Eckhause. Man zeigt jetzt ein anderes Gebäude in Rom, wo ich gewohnt haben soll, es ist aber nicht das rechte. Aber es thut nichts; solche Dinge sind [70] im Grunde gleichgültig, und man muß der Tradition ihren Lauf lassen.«
Wir gingen wieder in unser Zimmer zurück. – »Der Kanzler,« sagte ich, »wird sich über den Brief des Königs freuen.«
»Er soll ihn sehen,« sagte Goethe.
»Wenn ich in den Nachrichten von Paris die Reden und Debatten in den Kammern lese,« fuhr Goethe fort, »muß ich immer an den Kanzler denken, und zwar daß er dort recht in seinem Element und an seinem Platze sein würde; denn es gehört zu einer solchen Stelle nicht allein daß man gescheidt sei, sondern daß man auch den Trieb und die Lust zu reden habe, welches sich doch beides in unserm Kanzler vereinigt. Napoleon hatte auch diesen Trieb zu reden, und wenn er nicht reden konnte, mußte er schreiben oder dictiren. Auch bei Blücher finden wir, daß er gern redete, und zwar gut und mit Nachdruck, welches Talent er in der Loge ausgebildet hatte. Auch unser Großherzog redete gern, obgleich er lakonischer Natur war, und wenn er nicht reden konnte, so schrieb er. Er hat manche Abhandlung, manches Gesetz abgefaßt, und zwar meistentheils gut. Nur hat ein Fürst nicht die Zeit und die Ruhe, sich in allen Dingen die nöthige Kenntniß des Details zu verschaffen. So hatte er in seiner letzten Zeit noch eine Ordnung gemacht, wie man restaurirte Gemälde bezahlen solle. Der Fall war sehr artig; denn wie die Fürsten sind, so hatte er die Beurtheilung der [71] Restaurationskosten mathematisch auf Maß und Zahlen festgesetzt. Die Restauration, hatte er verordnet, soll fußweise bezahlt werden! Hält ein restaurirtes Gemälde zwölf Quadratfuß, so sind zwölf Thaler zu zahlen; hält es vier, so zahlt vier. Dies war fürstlich verordnet, aber nicht künstlerisch; denn ein Gemälde von zwölf Quadratfuß kann in einem Zustande sein, daß es mit geringer Mühe an einem Tage zu restauriren wäre; ein anderes aber von vier kann sich derart befinden, daß zu dessen Restauration kaum der Fleiß und die Mühe einer ganzen Woche hinreichen. Aber die Fürsten lieben als gute Militärs mathematische Bestimmungen und gehen gern nach Maß und Zahl großartig zu Werke.«
Ich freute mich dieser Anekdote. Sodann sprachen wir noch manches über Kunst und derartige Gegenstände.
»Ich besitze Handzeichnungen,« sagte Goethe, »nach Gemälden von Raphael und Dominichin, worüber Meyer eine merkwürdige Äußerung gemacht hat, die ich Ihnen doch mittheilen will.«
›Die Zeichnungen‹, sagte Meyer, ›haben etwas Ungeübtes, aber man sieht, daß derjenige, der sie machte, ein zartes richtiges Gefühl von den Bildern hatte, die vor ihm waren, welches denn in die Zeichnungen übergegangen ist, sodaß sie uns das Original sehr treu vor die Seele rufen. Würde ein jetziger Künstler jene Bilder copiren, so würde er alles weit besser und [72] vielleicht auch richtiger zeichnen; aber es ist vorauszusagen, daß ihm jene treue Empfindung des Originals fehlen, und daß also seine bessere Zeichnung weit entfernt sein würde, uns von Raphael und Dominichin einen so reinen vollkommenen Begriff zu geben.‹
»Ist das nicht ein sehr artiger Fall?« sagte Goethe. »Es könnte ein Ähnliches bei Übersetzungen stattfinden. Voß hat z.B. sicher eine treffliche Übersetzung vom Homer gemacht; aber es wäre zu denken, daß jemand eine naivere, wahrere Empfindung des Originals hätte besitzen und auch wiedergeben können, ohne im ganzen ein so meisterhafter Übersetzer wie Voß zu sein.«
Ich fand dieses alles sehr gut und wahr und stimmte vollkommen bei. Da das Wetter schön und die Sonne noch hoch am Himmel war, so gingen wir ein wenig in den Garten hinab, wo Goethe zunächst einige Baumzweige in die Höhe binden ließ, die zu tief in die Wege herabhingen.
Die gelben Krokus blühten sehr kräftig. Wir blickten auf die Blumen und dann auf den Weg, wo wir denn vollkommen violette Bilder hatten. »Sie meinten neulich,« sagte Goethe, »daß das Grüne und Rothe sich gegenseitig besser hervorrufe als das Gelbe und Blaue, indem jene Farben auf einer höhern Stufe ständen und deshalb vollkommener, gesättigter und wirksamer wären als diese. Ich kann das nicht zugeben. Jede Farbe, sobald sie sich dem Auge entschieden darstellt, wirkt zur Hervorrufung der geforderten gleich kräftig; [73] es kommt bloß darauf an, daß unser Auge in der rechten Stimmung, daß ein zu helles Sonnenlicht nicht hindere, und daß der Boden zur Aufnahme des geforderten Bildes nicht ungünstig sei. Überall muß man sich hüten, bei den Farben zu zarte Unterscheidungen und Bestimmungen zu machen, indem man gar zu leicht der Gefahr ausgesetzt wird, vom Wesentlichen ins Unwesentliche, vom Wahren in die Irre und vom Einfachen in die Verwickelung geführt zu werden.«
Ich merkte mir dieses als eine gute Lehre in meinen Studien. Indessen war die Zeit des Theaters herangerückt, und ich schickte mich an zu gehen. »Sehen Sie zu,« sagte Goethe lachend, indem er mich entließ, »daß Sie die Schrecknisse der ›Dreißig Jahre aus dem Leben eines Spielers‹1 heute gut überstehen.«
1 Die Enkelin des Philosophen, lebte längere Zeit in Müllers Hause und kam mit Goethe vielfach in Berührung.
1829, 10. April.
»In Erwartung der Suppe will ich Ihnen indeß eine Erquickung der Augen geben.« Mit diesen freundlichen Worten legte Goethe mir einen Band vor mit Landschaften von Claude Lorrain.
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[74] »Da sehen Sie einmal einen vollkommenen Menschen,« sagte Goethe, »der schön gedacht und empfunden hat und in dessen Gemüth eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele auszudrücken. Und das ist eben die wahre Idealität, die sich realer Mittel so zu bedienen weiß, daß das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt, als sei es wirklich.«
»Ich dächte,« sagte ich, »das wäre ein gutes Wort und zwar ebenso gültig in der Poesie wie in den bildenden Künsten.«
»Ich sollte meinen,« sagte Goethe.
»Indessen,« fuhr er fort, »wäre es wohl besser, Sie sparten sich den fernern Genuß des trefflichen Claude zum Nachtisch, denn die Bilder sind wirklich zu gut, um viele davon hintereinander zu sehen.«
»Ich fühle so,« sagte ich, »denn mich wandelt jedesmal eine gewisse Furcht an, wenn ich das folgende Blatt umwenden will. Es ist eine Furcht eigener Art, die ich vor diesem Schönen empfinde, so wie es uns wohl mit einem trefflichen Buche geht, wo gehäufte kostbare Stellen uns nöthigen innezuhalten, und wir nur mit einem gewissen Zaudern weiter gehen.«
»Ich habe dem König von Bayern geantwortet,«[75] versetzte Goethe nach einer Pause, »und Sie sollen den Brief lesen.«
»Das wird sehr lehrreich für mich sein,« sagte ich, »und ich freue mich dazu.«
»Indeß,« sagte Goethe, »steht hier in der ›Allgemeinen Zeitung‹ ein Gedicht an den König, das der Kanzler mir gestern vorlas, und das Sie doch auch sehen müssen.« Goethe gab mir das Blatt, und ich las das Gedicht imstillen.
»Nun, was sagen Sie dazu?« sagte Goethe.
»Es sind die Empfindungen eines Dilettanten,« sagte ich, »der mehr guten Willen als Talent hat und dem die Höhe der Literatur eine gemachte Sprache überliefert, die für ihn tönt und reimt, während er selber zu reden glaubt.«
»Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe; »ich halte das Gedicht auch für ein sehr schwaches Product: es giebt nicht die Spur von äußerer Anschauung, es ist bloß mental, und das nicht im rechten Sinne.«
»Um ein Gedicht gut zu machen,« sagte ich, »dazu gehören bekanntlich große Kenntnisse der Dinge, von denen man redet, und wem nicht, wie Claude Lorrain, eine ganze Welt zu Gebote steht, der wird, bei den besten ideellen Richtungen, selten etwas Gutes zu Tage bringen.«
»Und das Eigene ist,« sagte Goethe, »daß nur das geborene Talent eigentlich weiß worauf es ankommt,[76] und daß alle übrigen mehr oder weniger in der Irre gehen.«
»Das beweisen die Ästhetiker,« sagte ich, »von denen fast keiner weiß, was eigentlich gelehrt werden sollte, und welche die Verwirrung der jungen Poeten vollkommen machen. Statt vom Realen zu handeln, handeln sie vom Idealen, und statt den jungen Dichter darauf hinzuweisen, was er nicht hat, verwirren sie ihm das, was er besitzt. Wem z.B. von Haus aus einiger Witz und Humor angeboren wäre, wird sicher mit diesen Kräften am besten wirken, wenn er kaum weiß, daß er damit begabt ist; wer aber die gepriesenen Abhandlungen über so hohe Eigenschaften sich zu Gemüthe führte, würde sogleich in dem unschuldigen Gebrauch dieser Kräfte gestört und gehindert werden, das Bewußtsein würde diese Kräfte paralysiren, und er würde, statt einer gehofften Förderung, sich unsaglich gehindert sehen.«
»Sie haben vollkommen recht, und es wäre über dieses Kapitel vieles zu sagen.
Ich habe indeß,« fuhr er fort, »das neue Epos von Egon Ebert gelesen, und Sie sollen es auch thun, damit wir ihm vielleicht von hier aus ein wenig nachhelfen. Das ist nun wirklich ein recht erfreuliches Talent, aber diesem neuen Gedicht mangelt die eigentliche poetische Grundlage, die Grundlage des Realen. Landschaften, Sonnen-Auf- und Untergänge, Stellen wo die äußere Welt die seinige war, sind vollkommen [77] gut und nicht besser zu machen. Das übrige aber, was in vergangenen Jahrhunderten hinauslag, was der Sage angehörte, ist nicht in der gehörigen Wahrheit erschienen, und es mangelt diesem der eigentliche Kern. Die Amazonen und ihr Leben und Handeln sind ins Allgemeine gezogen, in das, was junge Leute für poetisch und romantisch halten und was dafür in der ästhetischen Welt gewöhnlich passirt.«
»Es ist dies ein Fehler,« sagte ich, »der durch die ganze jetzige Literatur geht. Man vermeidet das specielle Wahre, aus Furcht, es sei nicht poetisch, und verfällt dadurch in Gemeinplätze.«
»Egon Ebert,« sagte Goethe, »hätte sich sollen an die Überlieferung der Chronik halten, da hätte aus seinem Gedicht etwas werden können. Wenn ich bedenke, wie Schiller die Überlieferung studirte, was er sich für Mühe mit der Schweiz gab, als er seinen ›Tell‹ schrieb, und wie Shakespeare die Chroniken benutzte und ganze Stellen daraus wörtlich in seine Stücke aufgenommen hat, so könnte man einem jetzigen jungen Dichter auch wohl dergleichen zumuthen. In meinem ›Clavigo‹ habe ich aus den Memoiren des Beaumarchais ganze Stellen.«
»Es ist aber so verarbeitet,« sagte ich, »daß man es nicht merkt, es ist nicht stoffartig geblieben.«
»So ist es recht,« sagte Goethe, »wenn es so ist.«
Goethe erzählte mir sodann einige Züge von Beaumarchais. »Er war ein toller Christ,« sagte er, »und[78] Sie müssen seine Memoiren lesen. Prozesse waren sein Element, worin es ihm erst eigentlich wohl wurde. Es existiren noch Reden von Advocaten aus einem seiner Prozesse, die zu dem Merkwürdigsten, Talentreichsten und Verwegensten gehören, was je in dieser Art verhandelt worden. Eben diesen berühmten Prozeß verlor Beaumarchais. Als er die Treppe des Gerichtshofs hinabging, begegnete ihm der Kanzler, der hinauf wollte. Beaumarchais sollte ihm ausweichen, allein dieser weigerte sich und bestand darauf, daß jeder zur Hälfte Platz machen müsse. Der Kanzler, in seiner Würde beleidigt, befahl den Leuten sei nes Gefolgs, Beaumarchais auf die Seite zu schieben, welches geschah, worauf denn Beaumarchais auf der Stelle wieder in den Gerichtssaal zurückging und einen Prozeß gegen den Kanzler anhängig machte, den er gewann.«
Ich freute mich über diese Anekdote, und wir unterhielten uns bei Tische heiter fort über verschiedene Dinge.
»Ich habe meinen ›Zweiten Aufenthalt in Rom‹ wieder vorgenommen,« sagte Goethe, »damit ich ihn endlich los werde und an etwas anderes gehen kann. Meine gedruckte ›Italienische Reise‹ habe ich, wie Sie wissen, ganz aus Briefen redigirt. Die Briefe aber, die ich während meines zweiten Aufenthalts in Rom geschrieben, sind nicht der Art, um davon vorzüglichen Gebrauch machen zu können: sie enthalten zu viele Bezüge nach Haus, auf meine weimarischen Verhältnisse,