1830

[177] 1240.*


1830, 3. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe zeigte mir das englische Taschenbuch ›Keepsake‹ für 1830, mit sehr schönen Kupfern und einigen höchst interessanten Briefen von Lord Byron, die ich zum Nachtisch las. Er selbst hatte derweil die neueste französische Übersetzung seines ›Faust‹ von Gérard zur Hand genommen, worin er blätterte und mitunter zu lesen schien.

»Es gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf,« sagte er, »wenn ich bedenke, daß dieses Buch noch jetzt in einer Sprache gilt, in der vor fünfzig Jahren Voltaire geherrscht hat. Sie können sich hierbei nicht denken, was ich mir denke, und haben keinen Begriff von der Bedeutung, die Voltaire und seine großen Zeitgenossen in meiner Jugend hatten, und wie sie die ganze sittliche Welt beherrschten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich hervor, was diese Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene Füße in ein wahres Verhältniß zur Natur zu stellen.«

Wir sprachen über Voltaire Ferneres, und Goethe recitirte mir das Gedicht ›Les Systèmes‹, woraus ich mir abnahm, wie sehr er solche Sachen in seiner Jugend mußte studirt und sich angeeignet haben.

[178] Die erwähnte Übersetzung von Gérard, obgleich größtentheils in Prosa, lobte Goethe als sehr gelungen. »Im Deutschen,« sagte er, »mag ich den ›Faust‹ nicht mehr lesen, aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.

Der ›Faust‹,« fuhr er fort, »ist doch ganz etwas Inkommensurables, und alle Versuche, ihn dem Verstande näher zu bringen, sind vergeblich. Auch muß man bedenken, daß der erste Theil aus einem etwas dunkeln Zustande des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.«


[178] 1241.*


1830, 10. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Heute zum Nachtisch bereitete Goethe mir einen hohen Genuß, indem er mir die Scene vorlas, wo Faust zu den Müttern geht.

Das Neue, Ungeahnte des Gegenstandes, sowie die Art und Weise wie Goethe mir die Scene vortrug, ergriff mich wundersam, sodaß ich mich ganz in die Lage von Faust versetzt fühlte, den bei der Mittheilung des Mephistopheles gleichfalls ein Schauer überläuft.

Ich hatte das Dargestellte wohl gehört und wohl empfunden, aber es blieb mir so vieles räthselhaft, daß [179] ich mich gedrungen fühlte, Goethe um einigen Aufschluß zu bitten. Er aber, in seiner gewöhnlichen Art, hüllte sich in Geheimnisse, indem er mich mit großen Augen anblickte und mir die Worte wiederholte:

Die Mütter! Mütter! 's klingt so wunderlich!


»Ich kann Ihnen weiter nichts verrathen,« sagte er darauf, »als daß ich beim Plutarch gefunden, daß im griechischen Alterthume von Müttern als Gottheiten die Rede gewesen. Dies ist alles, was ich der Überlieferung verdanke, das übrige ist meine eigene Erfindung. Ich gebe Ihnen das Manuscript mit nach Hause, studiren Sie alles wohl und sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen.«


[179] 1242.*


1830, 11. Januar.


Mit Friedrich von Müller

Ich traf Goethen gegen Abend ziemlich abgespannt und einsilbig, es gelang mir jedoch, nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn endlich munter, gesprächig und heiter zu machen.

Darüber war ich sehr froh; denn nichts ist peinlicher als das Zusammensein mit ihm, wenn er jeden Gesprächsfaden sogleich fallen läßt, oder abreißt, auf jede Frage mit: »Gute Menschen! es ist ihnen aber nicht zu helfen;« oder »da mögt ihr jungen Leute zusehen, [180] ich bin zu alt dazu,« antwortet und manche lange Pause mit nichts als hm! hm! ausfüllt, auch wohl den Kopf wie aus Schläfrigkeit sinken läßt.

Als ich ihn an den Brief an den König von Bayern mahnte, fing er zuerst Feuer. »Wenn ich nur jemanden hätte, der meine Briefe, wenn sie fertig dictirt sind, gleich expedirte.

Aber gar oft, wenn die Reinschrift mir vorliegt, gefallen sie mir nicht mehr, weil sich indeß meine Stimmung verändert hat. Während ich dictire, denke ich mir die Person, an die ich schreibe, als gegenwärtig, überlasse mich naiverweise dem Eindruck des Moments und meinem Gefühl, später aber vermisse ich jene Gegenwart und finde nun manches absurd und unpassend für den Abwesenden. Der Brief an den König ist fertig, sogar mundirt, aber ich kann mich nicht entschließen ihn abzusenden.«

Labourdonnaye's Austritt aus dem Ministerium piquirte ihn; er möchte die wahre Ursache wissen. Auf meine Frage, was er denn eigentlich bei der jetzigen Krisis in Paris prophezeie? erwiederte er: »Leider glaube ich, daß die Minister irgend einen Gewaltschritt thun werden, aber ich kann mir doch nicht denken, daß die Liberalen sich gewaltsam opponiren, es sind zu wenige Revolutionsmomente dermalen im Volke vorhanden, und dem Gouvernement stehen lauter Leute gegenüber, die zu viel zu verlieren haben. Ich bin jetzt im zehnten Bande der St. Simon'schen Memoiren, die [181] mich aber zu ennuyiren anfangen, da die Periode der Regentschaft herangekommen! Habe ich mich schon geärgert, daß der verständige, kluge, brave St. Simon unter Louis XIV. keinen Einfluß gewonnen, so ist es nun doppelt verdrießlich, ihn unter dem Halbmenschen Orleans so ganz null an politisch praktischer Wirksamkeit zu sehen. Jener König ist doch noch eine stattliche Figur, ein Tyrann, ein Herrscher von prononcirter Farbe gewesen, aber Orleans weiß durchaus nicht was er will, ist rein gar nichts.«

Als ich von der bewundernswürdigen Menge seiner täglichen Lectüre sprach, versicherte er, im Durchschnitt wenigstens einen Octavband täglich zu lesen. So habe er kürzlich einen ganzen Band absurder Krummacher'scher Predigten durchlesen, ja einen Aufsatz darüber zusammen zu bringen versucht, den er an Röhr mittheilen wolle. Mir freilich werde seine Geduld dabei verwunderlich erscheinen, weil ich diese Predigten nur in Beziehung auf mich beurtheile; aber ihm sei daran gelegen, so ein tolles Individuum ganz kennen zu lernen und zu ergründen, wie es sich zu unserer Zeit und Bildung verhielte und sich darin habe gestalten können. Das zweite Gedicht »An Ihn« im Chaos1 hielt er von einem Manne verfaßt; es sei bei aller poetischen Formgerechtigkeit [182] gar zu unweiblich, abstract, ja arrogant. Er redete mir sehr zu, doch meinen Pisaner Excurs ins Chaos zu geben und lobte meine italienischen Tagebücher ungemein.


1 Es könnte nur die Stelle sein:

Mich trennt das Meer von den Geliebten,

die aber bis 1829 in allen Cotta'schen Ausgaben der Werke Goethes richtig lautet.


[182] 1243.*


1830, 18. Januar.


Mit Friedrich Soret

Goethe sprach über Lavater und sagte mir viel Gutes von seinem Character. Auch Züge von ihrer frühern intimen Freundschaft erzählte mir Goethe, und wie sie zu jener Zeit oft brüderlich zusammen in einem und demselbigen Bette geschlafen. »Es ist zu bedauern,« fügte er hinzu, »daß ein schwacher Mysticismus dem Aufflug seines Genies so bald Grenzen setzte.«


[182] 1244.*


1830, 22. Januar.


Mit Friedrich Soret

Wir sprachen über die »Geschichte Napoleons« von Walter Scott.

»Es ist wahr,« sagte Goethe, »man kann dem Verfasser dabei große Ungenauigkeiten und eine ebenso große Parteilichkeit vorwerfen, allein gerade diese beiden Mängel geben seinem Werke in meinen Augen einen ganz besondern Werth. Der Erfolg des Buchs war in [183] England über alle Begriffe groß, und man sieht also, daß Walter Scott eben in seinem Haß gegen Napoleon und die Franzosen der wahre Dolmetscher und Repräsentant der englischen Volksmeinung und des englischen Nationalgefühls gewesen ist. Sein Buch wird keineswegs ein Dokument für die Geschichte Frankreichs, allein es wird eins für die Geschichte Englands sein. Auf jeden Fall aber ist es eine Stimme, die bei diesem wichtigen historischen Prozeß nicht fehlen durfte.

Überhaupt ist es mir angenehm, über Napoleon die entgegengesetztesten Meinungen zu hören. Ich lese jetzt das Werk von Bignon [Histoire de France depuis le 18 brumaire jusqu'à la paix de Tilsit], welches mir einen ganz besondern Werth zu haben scheint.«


[183] 1245.*


1830, 24. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

»Ich habe dieser Tage einen Brief von unserm berühmten Salzbohrer in Stotternheim [Salinendirector Glenck] erhalten,« sagte Goethe, »der einen merkwürdigen Eingang hat und wovon ich Ihnen erzählen muß.

›Ich habe eine Erfahrung gemacht‹, schreibt er, ›die mir nicht verloren sein soll.‹ Was aber folgt auf solchen Eingang? Es handelt sich um nichts Geringeres als den Verlust von wenigstens tausend Thalern. Den[184] Schacht, wo es durch weichern Boden und Gestein zwölfhundert Fuß tief zum Steinsalz hinabgeht, hat er unvorsichtigerweise an den Seiten nicht unterstützt; der weichere Boden hat sich abgelöst und die Grube unten so verschlämmt, daß es jetzt einer höchst kostspieligen Operation bedarf, um den Schlamm herauszubringen. Er wird sodann die zwölfhundert Fuß hinunter metallene Röhren einsetzen, um für die Folge vor einem ähnlichen Unglück sicher zu sein. Er hätte es gleich thun sollen, und er hätte es auch sicher gleich gethan, wenn solche Leute nicht eine Verwegenheit besäßen, wovon man keinen Begriff hat, die aber dazu gehört, um eine solche Unternehmung zu wagen. Er ist aber durchaus ruhig bei dem Unfall und schreibt ganz getrost: ›Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.‹ Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat, und der, ohne zu klagen, gleich wieder thätig ist und immer auf den Füßen steht. Was sagen Sie dazu, ist es nicht artig?«

»Es erinnert mich an Sterne,« antwortete ich, »welcher beklagt, sein Leiden nicht wie ein vernünftiger Mann benutzt zu haben.«

»Es ist etwas Ähnliches,« sagte Goethe.

»Auch muß ich an Behrisch denken,« fuhr ich fort, »wie er Sie belehrt was Erfahrung sei, welches Kapitel ich gerade dieser Tage zu abermaliger Erbauung gelesen: ›Erfahrung aber ist, daß man erfahrend erfährt, [185] was erfahren zu haben man nicht gern erfahren haben möchte.‹«

»Ja,« sagte Goethe lachend, »das sind die alten Späße, womit wir so schändlich unsere Zeit verdarben!«

»Behrisch,« fuhr ich fort, »scheint ein Mensch gewesen zu sein voller Anmuth und Zierlichkeit. Wie artig ist der Spaß im Weinkeller, wo er abends den jungen Menschen verhindern will, zu seinem Liebchen zu gehen, dieses auf die heiterste Weise voll bringt, indem er seinen Degen umschnallt, bald so und bald so, sodaß er alle zum Lachen bringt und den jungen Menschen die Stunde des Rendezvous darüber vergessen macht.«

»Ja,« sagte Goethe, »es war artig; es wäre eine der anmuthigsten Scenen auf der Bühne, wie denn Behrisch überall für das Theater ein guter Charakter war.«

Wir wiederholten darauf gesprächsweise alle die Wunderlichkeiten, die von Behrisch in Goethes ›Leben‹ erzählt werden. Seine graue Kleidung, wo Seide, Sammt und Wolle gegeneinander eine abstechende Schattierung gemacht, und wie er darauf studirt habe, immer noch ein neues Grau auf seinen Körper zu bringen; dann wie er die Gedichte geschrieben, den Setzer nachgeäfft und den Anstand und die Würde des Schreibenden hervorgehoben; auch wie es sein Lieblingszeitvertreib gewesen, im Fenster zu liegen, die Vorbeigehenden zu mustern und ihren Anzug in Gedanken so zu verändern, [186] daß es höchst lächerlich gewesen sein würde, wenn die Leute sich so gekleidet hätten.

»Und dann sein gewöhnlicher Spaß mit dem Postboten,« sagte Goethe, »wie gefällt Ihnen der, ist der nicht auch lustig?«

»Der ist mir unbekannt,« sagte ich, »es steht davon nichts in Ihrem Leben.«

»Wunderlich!« sagte Goethe. »So will ich es Ihnen denn erzählen.

Wenn wir zusammen im Fenster lagen, und Behrisch in der Straße den Briefträger kommen sah, wie er von einem Hause ins andere ging, nahm er gewöhnlich einen Groschen aus der Tasche und legte ihn bei sich ins Fenster. ›Siehst du den Briefträger?‹ sagte er dann zu mir gewendet, ›er kommt immer näher und wird gleich hier oben sein, das sehe ich ihm an. Er hat einen Brief an dich, und was für einen Brief, keinen gewöhnlichen Brief, er hat einen Brief mit einem Wechsel – mit einem Wechsel! ich will nicht sagen wie stark. – Siehst du, jetzt kommt er herein. Nein! – Aber er wird gleich kommen. Da ist er wieder. Jetzt! – Hier, hier herein, mein Freund! hier herein! – Er geht vorbei! Wie dumm! O wie dumm! Wie kann einer nur so dumm sein und so unverantwortlich handeln! So unverantwortlich in doppelter Hinsicht: unverantwortlich gegen dich, indem er dir den Wechsel nicht bringt, den er für dich in Händen hat, und ganz unverantwortlich gegen sich selbst, indem er sich um[187] einen Groschen bringt, den ich schon für ihn zurechtgelegt hatte und den ich nun wieder einstecke.‹ So steckte er denn den Groschen mit höchstem Anstande wieder in die Tasche, und wir hatten etwas zu lachen.«

Ich freute mich dieses Scherzes, der den übrigen vollkommen gleichsah. Ich fragte Goethe, ob er Behrisch später nie wiedergesehen.

»Ich habe ihn wiedergesehen,« sagte Goethe, »und zwar bald nach meiner Ankunft in Weimar, ungefähr im Jahre 1776, wo ich mit dem Herzog eine Reise nach Dessau machte, wohin Behrisch von Leipzig aus als Erzieher des Erbprinzen [vielmehr des Grafen Waldersee] berufen war. Ich fand ihn noch ganz wie sonst, als seinen Hofmann und vom besten Humor.«

»Was sagte er dazu,« fragte ich, »daß Sie in der Zwischenzeit so berühmt geworden?«

»›Hab' ich es dir nicht gesagt?‹ war sein Erstes, ›war es nicht gescheidt, daß du damals die Verse nicht drucken ließest, und daß du gewartet hast, bis du etwas ganz Gutes machtest? Freilich, schlecht waren damals die Sachen auch nicht; denn sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammengeblieben, so hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie dir auch geschrieben und es wäre ebenso gut gewesen.‹ Sie sehen, er war noch ganz der Alte. Er war bei Hofe sehr gelitten, ich sah ihn immer an der fürstlichen Tafel.

[188] Zuletzt habe ich ihn im Jahre 1801 gesehen, wo er schon alt war, aber immer noch in der besten Laune. Er bewohnte einige sehr schöne Zimmer im Schlosse, deren eins er ganz mit Geranien angefüllt hatte, womit man damals eine besondere Liebhaberei trieb. Nun hatten aber die Botaniker unter den Geranien einige Unterscheidungen und Abtheilungen gemacht und einer gewissen Sorte den Namen Pelargonien beigelegt. Darüber konnte sich nun der alte Herr nicht zufrieden geben, und er schimpfte auf die Botaniker. ›Die dummen Kerle!‹ sagte er; ›ich denke, ich habe das ganze Zimmer voll Geranien, und nun kommen sie und sagen, es seien Pelargonien. Was thu' ich aber damit, wenn es keine Geranien sind, und was soll ich mit Pelargonien!‹ So ging es nun halbe Stunden lang fort, und Sie sehen, er war sich vollkommen gleich geblieben.«

Wir sprachen sodann über die ›Classische Walpurgisnacht‹, deren Anfang Goethe mir vor einigen Tagen gelesen. »Der mythologischen Figuren, die sich hierbei zudrängen,« sagte er, »sind eine Unzahl; aber ich hüte mich und nehme bloß solche, die bildlich den gehörigen Eindruck machen. Faust ist jetzt mit dem Chiron zusammen, und ich hoffe, die Scene soll mir gelingen. Wenn ich mich fleißig dazuhalte, kann ich in ein paar Monaten mit der ›Walpurgisnacht‹ fertig sein. Es soll mich nun aber auch nichts wieder vom ›Faust‹ abbringen; denn es wäre doch toll genug, wenn ich es [189] erlebte ihn zu vollenden! Und möglich ist es; der fünfte Act ist so gut wie fertig, und der vierte wird sich sodann wie von selber machen.«

Goethe sprach darauf über seine Gesundheit und pries sich glücklich, sich fortwährend vollkommen wohl zu befinden. »Daß ich mich jetzt so gut halte,« sagte er, »verdanke ich Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefahren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Doch wir wollen nicht sagen wie gut er ist, damit er uns nicht genommen werde.«


[189] 1246.*


1830, 25. Januar.


Mit Friedrich Soret

Ich brachte Goethen die Verzeichnisse, die ich über die hinterlassenen Schriften Dumont's als Vorbereitung einer Herausgabe derselben gemacht hatte. Goethe las sie mit vieler Sorgfalt und schien erstaunt über die Masse von Kenntnissen, Interessen und Ideen, die er bei dem Autor so verschiedener und reichhaltiger Manuscripte vorauszusetzen Ursache habe.

»Dumont,« sagte er, »muß ein Geist von großem Umfange gewesen sein. Unter den Gegenständen, die er behandelt hat, ist nicht ein einziger, der nicht an sich interessant und bedeutend wäre, und die Wahl der Gegenstände zeigt immer, was einer für ein Mann[190] und wes Geistes Kind er ist. Nun kann man zwar nicht verlangen, daß der menschliche Geist eine solche Universalität besitze, um alle Gegenstände mit einem gleichen Talent und Glück zu behandeln, aber wenn es auch dem Autor mit allen nicht auf gleiche Weise gelungen sein sollte, so giebt schon der bloße Vorsatz und Wille, sie zu behandeln, mir von ihm eine sehr hohe Meinung. Ich finde besonders merk würdig und schätzbar, daß bei ihm überall eine praktische, nützliche und wohlwollende Tendenz vorwaltet.«

Ich hatte ihm zugleich die ersten Kapitel der ›Reise nach Paris‹ mitgebracht, die ich ihm vorlesen wollte, die er aber vorzog allein zu betrachten.

Er scherzte darauf über die Schwierigkeit des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien und vorbereitende Kenntnisse sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten, als wenn es eben nichts weiter als ein Roman wäre.

»Die guten Leutchen,« fuhr er fort, »wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.«


[190] 1247.*


1830, 27. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Mittags mit Goethe sehr vergnügt bei Tische. Er sprach mit großer Anerkennung über Herrn von Martius. [191] »Sein Aperçu der Spiraltendenz,« sagte er, »ist von der höchsten Bedeutung. Hätte ich bei ihm noch etwas zu wünschen, so wäre es, daß er sein entdecktes Urphänomen mit entschiedener Kühnheit durchführte, und daß er die Courage hätte, ein Factum als Gesetz auszusprechen, ohne die Bestätigung allzu sehr im Weiten zu suchen.«

Er zeigte mir darauf die Verhandlungen der Naturforschenden Versammlung zu Heidelberg, mit hintergedruckten Facsimiles der Handschriften, die wir betrachten und auf den Charakter schließen.

»Ich weiß recht gut,« sagte Goethe, »daß bei diesen Versammlungen für die Wissenschaft nicht so viel herauskommt als man sich denken mag, aber sie sind vortrefflich, daß man sich gegenseitig kennen und möglicherweise lieben lerne, woraus denn folgt, daß man irgend eine neue Lehre eines bedeutenden Menschen wird gelten lassen, und dieser wiederum geneigt sein wird, uns in unsern Richtungen eines andern Faches anzuerkennen und zu fördern. Auf jeden Fall sehen wir, daß etwas geschieht, und niemand kann wissen was dabei herauskommt.«

Goethe zeigte mir sodann einen Brief eines englischen Schriftstellers mit der Adresse: An Se. Durchlaucht den Fürsten Goethe. »Diesen Titel,« sagte Goethe lachend, »habe ich wahrscheinlich den deutschen Journalisten zu danken, die mich aus allzu großer Liebe wohl den deutschen Dichterfürsten genannt haben. Und [192] so hat denn der unschuldige deutsche Irrthum den ebenso unschuldigen Irrthum des Engländers zur Folge gehabt.«

Goethe kam darauf wieder auf Herrn von Martius zurück und rühmte an ihm, daß er Einbildungskraft besitze. »Im Grunde,« fuhr er fort, »ist ohne diese hohe Gabe ein wirklich großer Naturforscher gar nicht zu denken. Und zwar meine ich nicht eine Einbildungskraft, die ins Vage geht und sich Dinge imaginirt, die nicht existiren; sondern ich meine eine solche, die den wirklichen Boden der Erde nicht verläßt und mit dem Maßstabe des Wirklichen und Erkannten zu geahnten, vermutheten Dingen schreitet. Da mag sie denn prüfen, ob denn dieses Geahnte auch möglich sei und ob es nicht in Widerspruch mit andern bewußten Gesetzen komme. Eine solche Einbildungskraft setzt aber freilich einen weiten, ruhigen Kopf voraus, dem eine große Übersicht der lebendigen Welt und ihrer Gesetze zu Gebote steht.«

Während wir sprachen, kam ein Paket mit einer Übersetzung der ›Geschwister‹ ins Böhmische [von Czelakowsky], die Goethen große Freude zu machen schien.


[193] 1248.*


1830, 27. Januar.


Mit Friedrich von Müller

Ich traf ihn freundlich, doch etwas weniger munter als sonst; er war höchst bekümmert um die Großherzogin-Mutter.

Als Pendant zur Gagern'schen Politik-Haustafel hatte er von 1828 Notizen an seine Schlafkammerthüre angenagelt, und bemerkte dabei: »Ich disponire bei der Bibliothekcasse über nichts, was nicht baar vorliegt; nur die Majestäten dürfen sich dem Bankerott nähern. Man bildet sich vergebens ein, daß man allen literarischen Erscheinungen face machen könnte; es geht einmal nicht; man tappt in allen Jahrhunderten, in allen Welttheilen herum und ist doch nicht überall zu Hause, stumpft sich Sinn und Urtheil ab, verliert Zeit und Kraft. Mir geht es selbst so; ich bereue es aber zu spät. Man liest Folianten und Quartanten durch und wird um nichts klüger, als wenn man alle Tage in der Bibel läse; man lernt nur, daß die Welt dumm ist, und das kann man in der Seifengasse hier zunächst auch erproben.«

Er zeigte mir, wie die jetzt kleinere Venus gerade in so schöner, naher Conjunction mit dem Monde steht, auch den hellglänzenden Orion, und sprach lange über den hohen Werth der Astronomie.


[194] 1249.*


1830, 31. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische. Wir sprachen über Milton. »Ich habe vor nicht langer Zeit seinen ›Simson‹ gelesen,« sagte Goethe, »der so im Sinne der Alten ist wie kein anderes Stück irgend eines neueren Dichters. Er ist sehr groß; und seine eigene Blindheit ist ihm zu statten gekommen, um den Zustand Simsons mit solcher Wahrheit darzustellen. Milton war in der That ein Poet, und man muß vor ihm allen Respect haben.«

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf die dortige Bühne gebracht.

Goethe liest in der französischen Zeitschrift ›Le Temps‹ einen Artikel über die enorme Besoldung der englischen Geistlichkeit, die mehr beträgt als die in der ganzen übrigen Christenheit zusammen. »Man hat behauptet,« sagte Goethe, »die Welt werde durch Zahlen regiert; das aber weiß ich, daß die Zahlen uns belehren, ob sie gut oder schlecht regiert werde.«


[195] 1250.*


1830, 31. Januar.


Mit Friedrich Soret

und Erbgroßherzog Karl Alexander

Besuch bei Goethe in Begleitung des Prinzen. Er empfing uns in seinem Arbeitszimmer.

Wir sprachen über die verschiedenen Ausgaben seiner Werke, wobei es mir auffallend war, von ihm zu hören, daß er den größten Theil dieser Editionen selber nicht besitze. Auch die erste Ausgabe seines ›Römischen Carneval‹, mit Kupfern nach eigenen Originalzeichnungen, besitze er nicht. Er habe, sagte er, in einer Auktion sechs Thaler dafür geboten, ohne sie zu erhalten.

Er zeigte uns darauf das erste Manuscript seines ›Götz von Berlichingen‹, ganz in der ursprünglichen Gestalt wie er es vor länger als funfzig Jahren auf Anregung seiner Schwester in wenigen Wochen geschrieben. Die schlanken Züge der Handschrift trugen schon ganz den freien klaren Charakter, wie ihn seine deutsche Schrift später immer behalten und auch noch jetzt hat. Das Manuscript war sehr reinlich, man las ganze Seiten ohne die geringste Correktur, sodaß man es eher für eine Copie als für einen ersten raschen Entwurf hätte halten sollen.

Seine frühesten Werke hat Goethe, wie er uns sagte, alle mit eigener Hand geschrieben, auch seinen ›Werther‹; doch ist das Manuscript verloren gegangen. [196] In späterer Zeit dagegen hat er fast alles dictirt, und nur Gedichte und flüchtig notirte Pläne finden sich von seiner eigenen Hand. Sehr oft hat er nicht daran gedacht, von einem neuen Product eine Abschrift nehmen zu lassen; vielmehr hat er häufig die kostbarste Dichtung dem Zufall preisgegeben, indem er öfter als einmal das einzige Exemplar, das er besaß, nach Stuttgart in die Druckerei schickte.

Nachdem wir das Manuscript des ›Berlichingen‹ genugsam betrachtet, zeigte Goethe uns das Original seiner ›Italienischen Reise‹. In diesen täglich niedergeschriebenen Beobachtungen und Bemerkungen finden sich in Bezug auf die Handschrift dieselbigen guten Eigenschaften wie bei seinem ›Götz‹. Alles ist entschieden, fest und sicher, nichts ist corrigirt, und man sieht, daß dem Schreibenden das Detail seiner augenblicklichen Notizen immer frisch und klar vor der Seele stand. Nichts ist veränderlich und wandelbar, ausgenommen das Papier, das in jeder Stadt, wo der Reisende sich aufhielt, in Format und Farbe stets ein anderes wurde.


[196] 1251.*


1830, 3. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische. Wir sprachen über Mozart. »Ich habe ihn als siebenjährigen Knaben gesehen,«[197] sagte Goethe, »wo er auf einer Durchreise ein Concert gab. Ich selber war etwa vierzehn Jahre alt, und ich erinnere mich des kleinen Mannes in seiner Frisur und Degen noch ganz deutlich.« Ich machte große Augen, und es war mir ein halbes Wunder, zu hören daß Goethe alt genug sei, um Mozart als Kind gesehen zu haben.


[197] 1252.*


1830, 3. Februar.


Mit Friedrich Soret

Wie sprachen über den ›Globe‹ und ›Temps‹, und dies führte auf die französische Literatur und Literatoren.

»Guizot,« sagte Goethe unter anderm, »ist ein Mann nach meinem Sinne, er ist solide. Er besitzt tiefe Kenntnisse, verbunden mit einem aufgeklärten Liberalismus, der, über den Parteien stehend, seinen eigenen Weg geht. Ich bin begierig, zu sehen welche Rolle er in den Kammern spielen wird, wozu man ihn jetzt gewählt hat.«

»Leute, die ihn nur oberflächlich zu kennen scheinen,« erwiederte ich, »haben mir ihn als etwas pedantisch geschildert.«

»Es bleibt zu wissen übrig,« entgegnete Goethe, »welche Sorte von Pedanterie man ihm vorwirft. Alle bedeutenden Menschen, die in ihrer Lebensweise eine[198] gewisse Regelmäßigkeit und feste Grundsätze besitzen, die viel nachgedacht haben und mit den Angelegenheiten des Lebens kein Spiel treiben, können sehr leicht in den Augen oberflächlicher Beobachter als Pedanten erscheinen. Guizot ist ein weitsehender, ruhiger, festhaltender Mann, der der französischen Beweglichkeit gegenüber gar nicht genug zu schätzen und gerade ein solcher ist wie sie ihn brauchen.

Villemain,« fuhr Goethe fort, »ist vielleicht glänzender als Redner. Er besitzt die Kunst einer gewandten Entwickelung ausdemgrunde, er ist nie verlegen um schlagende Ausdrücke, wodurch er die Aufmerksamkeit fesselt und seine Hörer zu lautem Beifall fortreißt; aber er ist weit oberflächlicher als Guizot und weit weniger praktisch.

Was Cousin betrifft, so kann er zwar uns Deutschen wenig geben, indem die Philosophie, die er seinen Landsleuten als etwas Neues bringt, uns seit vielen Jahren bekannt ist. Allein er ist für die Franzosen von großer Bedeutung; er wird ihnen eine ganz neue Richtung geben.

Cuvier, der große Naturkenner, ist bewundernswürdig durch seine Darstellung und seinen Stil; niemand exponirt ein Factum besser als er; allein er besitzt fast gar keine Philosophie; er wird sehr unterrichtete Schüler erziehen, aber wenig tiefe.«

Alles dieses zu hören war mir um so interessanter, als es mit den Ansichten Dumont's über die gedachten [199] Männer sehr nahe zusammentraf. Ich versprach Goethen, ihm die betreffenden Stellen aus dessen Manuscripten abzuschreiben, damit er sie mit seiner eigenen Meinung gelegentlich vergleichen möge.

Die Erwähnung Dumont's brachte das Gespräch auf dessen Verhältniß zu Bentham, worüber sich Goethe also äußerte:

»Es ist für mich ein interessantes Problem,« sagte er, »wenn ich sehe, daß ein so vernünftiger, so gemäßigter und so praktischer Mann wie Dumont der Schüler und treue Verehrer dieses Narren Bentham sein konnte.«

»Bentham,« erwiederte ich, »ist gewissermaßen als eine doppelte Person zu betrachten. Ich unterscheide Bentham das Genie, das die Principien ersann, die Dumont der Vergessenheit entzog, indem er sie ausarbeitete, und Bentham den leidenschaftlichen Mann, der aus übertriebenem Nützlichkeitseifer die Grenzen seiner eigenen Lehre überschritt und dadurch sowohl in der Politik als in der Religion zum Radicalen ward.«

»Das aber,« erwiederte Goethe, »ist eben ein neues Problem für mich, daß ein Greis die Laufbahn eines langen Lebens damit beschließen kann, in seinen letzten Tagen noch ein Radicaler zu werden.«

Ich suchte diesen Widerspruch zu lösen, indem ich bemerkte, daß Bentham, in der Überzeugung von der Vortrefflichkeit seiner Lehre und seiner Gesetzgebung, und bei der Unmöglichkeit sie ohne eine völlige Veränderung [200] des herrschenden Systems in England einzuführen, sich um so mehr von seinem leidenschaftlichen Eifer habe fortreißen lassen, als er mit der äußern Welt wenig in Berührung komme und die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes nicht zu beurtheilen vermöge.

»Dumont dagegen,« fuhr ich fort, »der weniger Leidenschaft und mehr Klarheit besitzt, hat die Überspannung Bentham's nie gebilligt und ist weit entfernt gewesen, selber in einen ähnlichen Fehler zu fallen. Er hat überdies den Vortheil gehabt, die Principien Bentham's in einem Lande in Anwendung zu bringen, das in Folge politischer Ereignisse zu jener Zeit gewissermaßen als ein neues zu betrachten war, nämlich in Genf, wo denn auch alles vollkommen gelang und der glückliche Erfolg den Werth des Princips an den Tag legte.«

»Dumont,« erwiederte Goethe, »ist eben ein gemäßigter Liberaler, wie es alle vernünftigen Leute sind und sein sollen, und wie ich selber es bin, und in welchem Sinne zu wirken ich während eines langen Lebens mich bemüht habe.

Der wahre Liberale,« fuhr er fort, »sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken als er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorschreiten die öffentlichen Gebrechen[201] nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln zugleich oft ebenso viel Gutes mit zu verderben. Er begnügt sich in dieser stets unvollkommenen Welt so lange mit dem Guten, bis ihn das Bessere zu erreichen Zeit und Umstände begünstigen.«


[201] 1253.*


1830, 5. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Von 4 1/2 bis 6 Uhr war ich bei Goethe, zum Theil mit Ottilie. Er war sehr aufgeweckt und wir sprachen viel von der jüngsten Hofmaskerade, was denn zu lebhaften Erinnerungen an den Aufzug von 1810 Anlaß gab. »Mein Gott,« sagte ich, »schon volle 20 Jahre!« »Ja,« erwiederte er, »wenn die Zeit nicht noch so geschwinde liefe, wäre sie gar zu absurd.

›Du gehest vorüber, eh' ich's merke, und verwandelst dich, eh' ich's gewahr werde‹, steht im Hiob; ich hab' es zum Motto meiner Morphologie genommen.«

Er war sehr böse, ja zornig, daß man wagen wollte, der Großherzogin-Mutter den Maskenzug vorzuführen; »wenn man 80 Jahr alt ist, darf man grob sein, und ich will es auch sein.«

Er zeigte mir eines Berliner Professors1 neuestes[202] Werk über die Weisheit des Empedokles, lobte es, fügte aber alsbald hinzu: »Glücklich alle, die sich nicht mit solchem abstrusen Zeug abzugeben haben!«


1 Verwechslung! Damals war ›Faust‹ ja schon sogar in Weimar aufgeführt gewesen! Überhaupt fordert Förster's Erzählung zersetzende Kritik heraus.


[202] 1254.*


1830, 7. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann u.a.

Mit Goethe zu Tische. Mancherlei Gespräche über den Fürst Primas; daß er ihn an der Tafel der Kaiserin von Österreich durch eine geschickte Wendung zu vertheidigen gewagt. Des Fürsten Unzulänglichkeit in der Philosophie, sein dilettantischer Trieb zur Malerei, ohne Geschmack. Bild, der Miß Gore geschenkt. Seine Gutherzigkeit und Weichheit alles wegzugeben, sodaß er zuletzt in Armuth dagestanden.

Gespräche über den Begriff des Desobligeanten.

Nach Tische stellt sich der junge Goethe, mit Walter und Wolf, in seinem Maskenanzuge als Klingsor dar und fährt an Hof.


[202] 1255.*


1830, 10. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe zu Tische. Er sprach mit wahrer Anerkennung über das Festgedicht Riemer's zur Feier des 2. Februar. »Überall,« fügte Goethe hinzu, »was [203] Riemer macht, kann sich vor Meister und Gesellen sehen lassen.«

Wir sprachen sodann über die ›Classische Walpurgisnacht‹, und daß er dabei auf Dinge komme, die ihn selber überraschen. Auch gehe der Gegenstand mehr auseinander als er gedacht.

»Ich habe jetzt etwas über die Hälfte,« sagte er, »aber ich will mich dazuhalten, und hoffe bis Ostern fertig zu sein. Sie sollen früher nichts weiter davon sehen, aber sobald es fertig ist, gebe ich es Ihnen mit nach Hause, damit Sie es in der Stille prüfen. Wenn Sie nun den achtunddreißigsten und neununddreißigsten Band zusammenstellten, sodaß wir Ostern die letzte Lieferung absenden könnten, so wäre es hübsch, und wir hätten den Sommer zu etwas Großem frei. Ich würde im ›Faust‹ bleiben und den vierten Act zu überwinden suchen.« Ich freute mich dazu und versprach ihm meinerseits jeden Beistand.

Goethe schickte darauf seinen Bedienten, um sich nach der Großherzogin-Mutter zu erkundigen, die sehr krank geworden und deren Zustand ihm bedenklich schien.

»Sie hätte den Maskenzug nicht sehen sollen,« sagte er, »aber fürstliche Personen sind gewohnt ihren Willen zu haben, und so ist denn alles Protestiren des Hofs und der Ärzte vergeblich gewesen. Dieselbige Willenskraft, mit der sie Napoleon widerstand, setzt sie auch ihrer körperlichen Schwäche entgegen; und so sehe [204] ich es schon kommen, sie wird hingehen, wie der Großherzog, in voller Kraft und Herrschaft des Geistes, wenn der Körper schon aufgehört haben wird zu gehorchen.«

Goethe schien sichtbar betrübt und war eine Weile stille. Bald aber sprachen wir wieder über heitere Dinge, und er erzählte mir von einem Buche, zur Rechtfertigung von Hudson Lowe [von diesem selbst] geschrieben.

»Es sind darin Züge der kostbarsten Art,« sagte er, »die nur von unmittelbaren Augenzeugen herrühren können. Sie wissen, Napoleon trug gewöhnlich eine dunkelgrüne Uniform. Von vielem Tragen und Sonne war sie zuletzt völlig unscheinbar geworden, sodaß die Nothwendigkeit gefühlt wurde, sie durch eine andere zu ersetzen. Er wünschte dieselbe dunkelgrüne Farbe, allein auf der Insel waren keine Vorräthe dieser Art; es fand sich zwar ein grünes Tuch, allein die Farbe war unrein und fiel ins Gelbliche. Eine solche Farbe auf seinen Leib zu nehmen, war nun dem Herrn der Welt unmöglich, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alte Uniform wenden zu lassen und sie so zu tragen.

Was sagen Sie dazu? Ist es nicht ein vollkommen tragischer Zug? Ist es nicht rührend, den Herrn der Könige zuletzt soweit reducirt zu sehen, daß er eine gewendete Uniform tragen muß? Und doch, wenn man bedenkt, daß ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit [205] Füßen getreten hatte, so ist das Schicksal, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde; es ist eine Nemesis, die nicht umhin kann, in Erwägung der Größe des Helden immer noch ein wenig galant zu sein. Napoleon giebt uns ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich ins Absolute zu erheben und alles der Ausführung einer Idee zu opfern.«

Wir sprachen noch manches dahin Bezügliche, und ich ging darauf ins Theater.


[205] 1256.*


1830, 10. Februar.


Mit Friedrich Soret

Heute nach Tische war ich einen Augenblick bei Goethe. Er freute sich des herannahenden Frühlings und der wieder länger werdenden Tage. Dann sprachen wir über die Farbenlehre. Er schien an der Möglichkeit zu zweifeln, seiner einfachen Theorie Bahn zu machen. »Die Irrthümer meiner Gegner,« sagte er, »sind seit einem Jahrhundert zu allgemein verbreitet, als daß ich auf meinem einsamen Wege hoffen könnte noch diesen oder jenen Gefährten zu finden. Ich werde allein bleiben! Ich komme mir oft vor wie ein Mann in einem Schiffbruch, der ein Brett ergreift, das nur einen einzigen zu tragen imstande ist; dieser eine rettet sich, während alle übrigen jämmerlich ersaufen.«


[206] 1257.*


1830, 10. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Als er über Magnetismus und die Seherin von Prevorst [Friederike Hauffe] sprach, bemerkte er, »ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüber laufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen, ja, sie müssen darin liegen, aber man ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin. Ich habe nie eine Somnambule sehen mögen.«

Darauf sprach er lange und bewegt über die gefährliche Krankheit der Großherzogin-Mutter, die ihn tief bekümmerte. »Schwebt sie mir doch noch lebhaft vor den Augen, als ich sie im Jahre 1774 schlank und leicht in den Wagen steigen sah, der sie nach Rußland brachte, es war auf der Zeil zu Frankfurt. Und seit jener ersten Bekanntschaft blieb ich ihr treu ergeben; nie hat der geringste Mißklang stattgefunden.«


[206] 1258.*


1830, 14. Februar.


Nach dem Tode der Großherzogin Luise

Diesen Mittag auf meinem [Eckermann's] Wege zu Goethe, der mich zu Tische eingeladen hatte, traf[207] mich die Nachricht von dem soeben erfolgten Tode der Großherzogin-Mutter. Wie wird das bei seinem hohen Alter auf Goethe wirken? war mein erster Gedanke, und so betrat ich mit einiger Apprehension das Haus. Die Dienerschaft sagte mir, daß seine Schwiegertochter soeben zu ihm gegangen sei, um ihm die betrübende Botschaft mitzutheilen. Seit länger als funfzig Jahren, sagte ich mir, ist er dieser Fürstin verbunden gewesen, er hat ihrer besondern Huld und Gnade sich zu erfreuen gehabt, ihr Tod muß ihn tief berühren. Mit solchen Gedanken trat ich zu ihm ins Zimmer; allein ich war nicht wenig überrascht, ihn vollkommen heiter und kräftig mit seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln am Tisch sitzen und seine Suppe essen zu sehen, als ob eben nichts passirt wäre. Wir sprachen ganz heiter fort über gleichgültige Dinge. Nun fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten; Frau von Goethe blickte mich an und wir redeten lauter, damit die Töne der Todesglocken sein Inneres nicht berühren und erschüttern möchten; denn wir dachten, er empfände wie wir. Er empfand aber nicht wie wir, es stand in seinem Innern gänzlich anders. Er saß vor uns gleich einem Wesen höherer Art, von irdischen Leiden unberührbar. Hofrath Vogel ließ sich melden; er setzte sich zu uns und erzählte die einzelnen Umstände von dem Hinscheiden der hohen Verewigten, welches Goethe in seiner bisherigen vollkommensten Ruhe und Fassung aufnahm. Vogel ging wieder, und wir setzten unser [208] Mittagsessen und Gespräche fort. Auch vom ›Chaos‹ war viel die Rede und Goethe pries die Betrachtungen über das Spiel in der letzten Nummer als ganz vorzüglich. Als Frau von Goethe mit ihren Söhnen hinaufgegangen war, blieb ich mit Goethe allein. Er erzählte mir von seiner ›Classischen Walpurgisnacht‹, daß er damit jeden Tag weiter komme, und daß ihm wunderbare Dinge über die Erwartung gelängen. Dann zeigte er mir einen Brief des Königs von Bayern, den er heute erhalten, und den ich mit großem Interesse las. Die edle treue Gesinnung des Königs sprach sich in jeder Zeile aus, und Goethen schien es besonders wohlzuthun, daß der König gegen ihn sich fortwährend so gleich bleibe. Hofrath Soret ließ sich melden und setzte sich zu uns. Er kam mit beruhigenden Trostesworten der kaiserlichen Hoheit an Goethe, die dazu beitrugen, dessen heiter gefaßte Stimmung noch zu erhöhen. Goethe setzt seine Gespräche fort; er erwähnt die berühmte Ninon de Lenclos, die in ihrem sechzehnten Jahre bei großer Schönheit dem Tode nahe gewesen und die Umstehenden in völliger Fassung mit den Worten getröstet habe: ›Was ist's denn weiter? Lasse ich doch lauter Sterbliche zurück!‹ Übrigens habe sie fortgelebt und sei neunzig Jahre alt geworden, nachdem sie bis in ihr achtzigstes Hunderte von Liebhabern beglückt und zur Verzweiflung gebracht.

Goethe spricht darauf über Gozzi und dessen Theater [209] zu Venedig, wobei die improvisirenden Schauspieler bloß die Sujets erhielten. Gozzi habe die Meinung gehabt, es gebe nur sechsunddreißig tragische Situationen; Schiller habe geglaubt, es gebe mehr, allein es sei ihm nicht einmal gelungen, nur so viele zu finden.

Sodann manches Interessante über Grimm, dessen Geist und Charakter und sehr geringes Vertrauen zum Papiergelde.


[209] 1259.*


1830, 14. Februar.


Mit Friedrich Soret

Der heutige Tag war für Weimar ein Tag der Trauer; die Großherzogin Luise starb diesen Mittag halb zwei Uhr. Die regierende Frau Großherzogin befahl mir, bei Fräulein von Waldner und Goethe in ihrem Namen einen Condolenzbesuch zu machen.

Ich ging zuerst zu Fräulein von Waldner. Ich fand sie in Thränen und tiefer Betrübniß und sich ganz dem Gefühl ihres erlittenen Verlustes überlassend. »Ich war,« sagte sie, »seit länger als funfzig Jahren im Dienste der verewigten Fürstin. Sie hatte mich selbst zu ihrer Ehrendame erwählt und diese freie Wahl ihrerseits war mein Stolz und mein Glück. Ich habe mein Vaterland verlassen, um ihrem Dienste zu leben. Hätte sie mich doch auch jetzt mit sich genommen,[210] damit ich nicht nach einer Wiedervereinigung mit ihr so lange zu seufzen brauchte!«

Ich ging darauf zu Goethe. Aber wie ganz anders waren die Zustände bei ihm! Er fühlte den ihn betroffenen Verlust gewiß nicht weniger tief, allein er schien seiner Empfindungen auf alle Weise Herr bleiben zu wollen. Ich fand ihn noch mit einem guten Freunde bei Tische sitzen und eine Flasche Wein trinken. Er sprach lebhaft und schien überall in sehr heiterer Stimmung. »Wohlan,« sagte er, als er mich sah, »kommen Sie her, nehmen Sie Platz! Der Schlag, der uns lange gedroht, hat endlich getroffen, und wir haben wenigstens nicht mehr mit der grausamen Ungewißheit zu kämpfen. Wir müssen nun sehen wie wir uns mit dem Leben wieder zurechtsetzen.«

»Dort sind ihre Tröster,« sagte ich, indem ich auf seine Papiere zeigte. »Die Arbeit ist ein treffliches Mittel, uns in Leiden wieder emporzurichten.«

»Solange es Tag ist,« erwiederte Goethe, »wollen wir den Kopf schon oben halten, und solange wir noch hervorbringen können, werden wir nicht nachlassen.«

Er sprach darauf über Personen, die ein hohes Alter erreicht, und erwähnte auch die berühmte Ninon. »Noch in ihrem neunzigsten Jahre,« sagte er, »war sie jung, aber sie verstand es auch, sich im Gleichgewicht zu erhalten, und machte sich aus den irdischen Dingen nicht mehr als billig. Selbst der Tod konnte ihr [211] keinen übermäßigen Respect einflößen. Als sie in ihrem achtzehnten Jahre von einer schweren Krankheit genaß und die Umstehenden ihr die Gefahr schilderten, in der sie geschwebt, sagte sie ganz ruhig: ›Was wäre es denn weiter gewesen! Hätte ich doch lauter Sterbliche zurückgelassen!‹ Sie lebte darauf noch über siebzig Jahre, liebenswürdig und geliebt und alle Freuden des Lebens genießend, aber bei diesem ihr eigenthümlichen Gleichmuth sich stets über jeder verzehrenden Leidenschaftlichkeit erhaben haltend. Ninon verstand es; es giebt wenige, die ihr es nachthun.«

Er reichte mir sodann einen Brief des Königs von Bayern, den er heute erhalten hatte und der zu seiner heitern Stimmung wahrscheinlich nicht wenig beigetragen. »Lesen Sie,« sagte er, »und gestehen Sie, daß das Wohlwollen, das der König mir fortwährend bewahrt, und das lebhafte Interesse, das er an den Fortschritten der Literatur und höhern menschlichen Entwickelung nimmt, durchaus geeignet ist mir Freude zu machen. Und daß ich diesen Brief gerade heute erhielt, dafür danke ich dem Himmel als für eine besondere Gunst.«

Wir sprachen darauf über das Theater und dramatische Poesie. »Gozzi,« sagte Goethe, »wollte behaupten, daß es nur sechsunddreißig tragische Situationen gebe. Schiller gab sich alle Mühe noch mehrere zu finden, allein er fand nicht einmal so viele als Gozzi.«

[212] Dies führte auf einen Artikel des ›Globe‹, und zwar auf eine kritische Beleuchtung des ›Gustav Wasa‹ von Arnault. Die Art und Weise, wie der Recensent sich dabei benommen, machte Goethen viel Vergnügen und fand seinen vollkommenen Beifall. Der Beurtheilende hatte sich nämlich damit begnügt, alle Reminiscenzen des Autors namhaft zu machen, ohne ihn selber und seine poetischen Grundsätze weiter anzugreifen. »Der ›Temps‹,« fügte Goethe hinzu, »hat sich in seiner Kritik nicht so weise benommen. Er maßt sich an, dem Dichter den Weg vorschreiben zu wollen, den er hätte gehen müssen. Dies ist ein großer Fehler, denn damit erreicht man nicht, ihn zu bessern. Es giebt überhaupt nichts Dümmeres, als einem Dichter zu sagen: Dies hättest Du müssen so machen, und dieses so! Ich spreche als alter Kenner. Man wird aus einem Dichter nie etwas anderes machen, als was die Natur in ihn gelegt hat. Wollt ihr ihn zwingen ein anderer zu sein, so werdet ihr ihn vernichten.

Meine Freunde, die Herren vom ›Globe‹, wie gesagt, machen es sehr klug: sie drucken eine lange Liste aller Gemeinplätze, die der Herr Arnault aus allen Ecken und Enden hergeliehen hat, und indem sie dieses thun, deuten sie sehr geschickt die Klippe an, vor welcher der Autor sich künftig zu hüten hat. Es ist fast unmöglich, heutzutage noch eine Situation zu finden, die durchaus neu wäre, bloß die Anschauungsweise und die Kunst, sie zu behandeln und darzustellen, kann neu [213] sein, und hierbei muß man umsomehr vor jeder Nachahmung sich in Acht nehmen.«

Goethe erzählte uns darauf die Art und Weise, wie Gozzi sein Theater dell' arte zu Venedig eingerichtet hatte, und wie seine improvisirende Truppe beliebt gewesen. »Ich habe,« sagte er, »zu Venedig noch zwei Actricen jener Truppe gesehen, besonders die Brighella, und habe noch mehrern solcher improvisirten Stücke mit beigewohnt. Die Wirkung, die diese Leute hervorbrachten, war außerordentlich.«

Goethe sprach sodann über den Neapolitaner Pulcinell. »Ein Hauptspaß dieser niedrig-komischen Personnage,« sagte er, »bestand darin, daß er zuweilen auf der Bühne seine Rolle als Schauspieler auf einmal ganz zu vergessen schien. Er that als wäre er wieder nach Hause gekommen, sprach vertraulich mit seiner Familie, erzählte von dem Stücke, in welchem er gespielt, und von einem andern, worin er noch spielen solle; auch genirte er sich nicht, kleinen Naturbedürfnissen ungehinderte Freiheit zu lassen. ›Aber, lieber Mann,‹ rief ihm sodann seine Frau zu, ›du scheinst dich ja ganz zu vergessen; bedenke doch die werthe Versammlung, vor welcher du dich befindest!‹ – ›È vero! È vero!‹ erwiederte darauf Pulcinell, sich wieder besinnend, und kehrte unter großem Applaus der Zuschauer in sein voriges Spiel zurück. Das Theater des Pulcinell ist übrigens von solchem Ruf, das niemand in guter Gesellschaft sich rühmt, darin gewesen [214] zu sein. Frauen, wie man denken kann, gehen überall nicht hin, es wird nur von Männern besucht.

Der Pulcinell ist in der Regel eine Art lebendige Zeitung. Alles, was den Tag über sich in Neapel Auffallendes zugetragen hat, kann man abends von ihm hören. Diese Localinteressen, verbunden mit dem niedern Volksdialect, machen es jedoch dem Fremden fast unmöglich, ihn zu verstehen.«

Goethe lenkte das Gespräch auf andere Erinnerungen seiner frühern Zeit. Er sprach über sein geringes Vertrauen zum Papiergelde, und welche Erfahrungen er in dieser Art gemacht. Als Bestätigung erzählte er uns eine Anekdote von Grimm, und zwar aus der Zeit der Französischen Revolution, wo dieser, es in Paris nicht mehr für sicher haltend, wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und in Gotha lebte.

»Wir waren,« sagte Goethe, »eines Tages bei Grimm zu Tische. Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch es herbeiführte, genug, Grimm rief mit einem Male: ›Ich wette, daß kein Monarch in Europa ein Paar so kostbare Handmanschetten besitzt als ich, und daß keiner dafür einen so hohen Preis bezahlt hat, als ich es habe.‹ Es läßt sich denken, daß wir ein lautes ungläubiges Erstaunen ausdrückten, besonders die Damen, und daß wir alle sehr neugierig waren, ein Paar so wunderbare Handmanschetten zu sehen. Grimm stand also auf und holte aus seinem Schränkchen ein Paar Spitzenmanschetten von so großer Pracht, [215] daß wir alle in laute Verwunderung ausbrachen. Wir versuchten es, sie zu schätzen, konnten sie jedoch nicht höher halten als etwa zu hundert bis zweihundert Louisdor. Grimm lachte und rief: ›Ihr seid sehr weit vom Ziele! Ich habe Sie mit zweimalhundertundfunfzigtausend Franken bezahlt und war noch glücklich, meine Assignaten so gut angebracht zu haben; am nächsten Tage galten sie keinen Groschen mehr.‹«


[184] 1768.*


1830, 14. (?) Februar.


Beim Tode der Großherzogin

Louise von Sachsen

Am 14. Februar 1830 folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe ...., Goethe, der Vater, sagte mit trübem Blick: »Ich komme mir selber mythisch vor, da ich so allein übrig bleibe.«


[215] 1260.*


1830, 15. Februar.


Mit Friedrich Soret

Ich war diesen Vormittag einen Augenblick bei Goethe, um mich im Namen der Frau Großherzogin nach seinem Befinden zu erkundigen. Ich fand ihn betrübt und gedankenvoll und von der gestrigen etwas gewaltsamen Aufgeregtheit keine Spur. Er schien die Lücke, die der Tod in ein fünfzigjähriges freundschaftliches Verhältniß gerissen, heute tief zu empfinden. »Ich muß mit Gewalt arbeiten,« sagte er, »um mich oben zu halten und mich in diese plötzliche Trennung zu schicken. Der Tod ist doch etwas so Seltsames, daß man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns theuern Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang [216] aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, daß es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.«


[216] 1261.*


1830, 16. Februar.


Mit Friedrich von Müller

und Clemens Wenzeslaus Coudray

Als .. Coudray erschien, ließ er sich die Zeichnungen zum Trauerparade-Saal vorlegen und sprach mit Ruhe und Theilnahme lange darüber. Er freute sich, daß die Beerdigung des Morgens sein solle; er hasse die des Nachmittags; wenn man vom Tische aufstehe, einem Leichen-Conduct zu begegnen, sei gar zu widerwärtig und mahne an jenes kleine Skelett von Silber, was der abgeschmackte reiche Römer Trimalchio1 seinen Gästen immer beim Desert als Memento mori zuschob. »Übrigens,« setzte er sehr ernst hinzu, »imponirt mir ein Sarg nicht, das könnt Ihr doch wohl denken.«


1 In Nr. 13: »Kann ich trösten, darf ich necken?« [Es ist mit derselben Chiffre gezeichnet, wie: »Ist das Chaos doch beim Himmel.«


[216] 1262.*


1830, 17. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Wir sprachen über das Theater, und zwar über die Farben der Decorationen und Anzüge. Das Resultat war folgendes:

[217] »Im allgemeinen sollen die Decorationen einen für jede Farbe der Anzüge des Vordergrundes günstigen Ton haben, wie die Decorationen von Beuther, welche mehr oder weniger ins Bräunliche fallen und die Farben der Gewänder in aller Frische heraussetzen. Ist aber der Decorationsmaler von einem so günstigen unbestimmten Tone abzuweichen genöthigt, und ist er in dem Falle, etwa ein rothes oder gelbes Zimmer, ein weißes Zelt oder einen grünen Garten darzustellen, so sollen die Schauspieler klug sein und in ihren Anzügen dergleichen Farben vermeiden. Tritt ein Schauspieler mit einer rothen Uniform und grünen Beinkleidern in ein rothes Zimmer, so verschwindet der Oberkörper und man sieht bloß die Beine; tritt er mit demselbigen Anzuge in einen grünen Garten, so verschwinden seine Beine und sein Oberkörper geht auffallend hervor. So sah ich einen Schauspieler mit weißer Uniform und ganz dunkeln Beinkleidern, dessen Oberkörper in einem weißen Zelt, und dessen Beine auf einem dunkeln Hintergrunde gänzlich verschwanden.

Und selbst,« fügte Goethe hinzu, »wenn der Decorationsmaler in dem Falle wäre, ein rothes oder gelbes Zimmer oder einen grünen Garten oder Wald zu machen, so sollen diese Farben immer etwas schwach und duftig gehalten werden, damit jeder Anzug im Vordergrunde sich ablöse und die gehörige Wirkung thue.«

Wir sprechen über die ›Ilias‹ und Goethe macht[218] mich auf das schöne Motiv aufmerksam, daß der Achill eine Zeit lang in Unthätigkeit versetzt werde, damit die übrigen Helden zum Vorschein kommen und sich entwickeln mögen.

Von seinen ›Wahlverwandtschaften‹ sagt er, daß darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden. Dasselbe von der Geschichte in Sesenheim.

Nach Tische ein Portefeuille der niederländischen Schule durchgesehen. Ein Hafenstück, wo Männer auf der einen Seite frisches Wasser einnehmen und auf der andern Würfel auf einer Tonne spielen, gab Anlaß zu schönen Betrachtungen, wie das Reale vermieden, um der Wirkung der Kunst nicht zu schaden. Der Deckel der Tonne hat das Hauptlicht; die Würfel sind geworfen, wie man an den Gebärden der Männer sieht, aber sie sind auf der Fläche des Deckels nicht gezeichnet, weil sie das Licht unterbrochen und also nachtheilig gewirkt haben würden.

Sodann die Studien von Ruysdael zu seinem Kirchhof betrachtet, woraus man sah, welche Mühe sich ein solcher Meister gegeben.


[218] 1263.*


1830, 18. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Er war vom Heimfahren der großherzoglichen Beerdigungs-Equipagen früh nach 5 Uhr geweckt worden, [219] doch ziemlich heiter gestimmt, ja aufgeregter als gewöhnlich. Ich und sein Sohn mußten ihm alle Beerdigungsfeierlichkeiten genau erzählen. Ich eröffnete ihm mein Nekrolog-Vorhaben, das er sehr billigte, und vor allem ein Schema aufzusetzen anrieth. Nicht allzu liberal dürfe man die Fürstin schildern; sie habe vielmehr standhaft an ihren Rechten gehalten. Ihre gesellige Herablassung sei mehr das Auslaufen ihrer Standesrichtung gewesen. Ihr Mißverhältniß zur Schwiegermutter, ja zur Tochter sei als Naturerscheinung der Weiblichkeit anzusehen, unwillkürlich gewesen. Im Französischen habe man ein Sprichwort: Schwiegermütter von Zucker gebacken, schmecken dennoch bitter. Bei ihrer Lebensschilderung gelte es de voir venir son caractère (sie herankommen zu sehen).

Er erzählte vom Verbrennen aller seiner Briefe bis 1786, als er nach Italien zog. Es lerne ja doch Niemand viel aus alten Briefen, man werde nicht klüger durch antécédents.

Was gut in den Briefen gewesen, habe seine Wirkung schon auf den Empfänger und durch ihn auf die Welt schon vollendet; das Übrige falle eben ab wie taube Nüsse und welke Blätter.

Alles käme darauf an, ob Briefe aufregend, productiv, belebend seien.

Rochlitzens Briefe, wie schön und lieb auch, förderten ihn doch niemals, sie seien meist nur sentimental. Bestimmte einzelne Mittheilungen der durch die[220] Wanderjahre empfangenen Eindrücke habe Rochlitz verweigert, statt dessen die alberne Idee gefaßt, das Ganze systematisch construiren und analysiren zu wollen. Das sei rein unmöglich, das Buch gebe sich nur für ein Aggregat aus.

Lange war er nicht so lebhaft und traulich sich aussprechend, so bündig, belehrend und anregend, wie heute. Von seiner Jugend sagte er: »Ich war ein leidlicher Kerl, ließ mich auf keine Klatschereien ein, stand Jedem in guten Dingen zu Diensten, und so kam ich durch.«


[220] 1264.*


1830, 21. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe zu Tische. Er zeigt mir die Luftpflanze, die ich mit großem Interesse betrachte. Ich bemerke darin ein Bestreben, ihre Existenz so lange wie möglich fortzusetzen, ehe sie einem folgenden Individuum erlaubt sich zu manifestiren.

»Ich habe mir vorgenommen,« sagte Goethe darauf, »in vier Wochen so wenig den ›Temps‹ als ›Globe‹ zu lesen. Die Sachen stehen so, daß sich innerhalb dieser Periode etwas ereignen muß, und so will ich die Zeit erwarten, bis mir von außen eine solche Nachricht kommt. Meine ›Classische Walpurgisnacht‹ wird dabei gewinnen, und ohnehin sind jenes Interessen, wovon [221] man nichts hat, welches in manchen Fällen nicht genug bedacht wird.«

Er giebt mir sodann einen Brief von Boisserée aus München, der ihm Freude gemacht und den ich gleichfalls mit hohem Vergnügen lese. Boisserée spricht besonders über den ›Zweiten Aufenthalt in Rom‹, sowie über einige Punkte des letzten Heftes von ›Kunst und Alterthum‹. Er urtheilt über diese Dinge so wohlwollend als gründlich, und wir finden Veranlassung, über die seltene Bildung und Thätigkeit dieses bedeutenden Mannes viel zu reden.

Goethe erzählte mir darauf von einem neuen Bilde von Cornelius als sehr brav durchdacht und ausgeführt, und es kommt zur Sprache, daß die Gelegenheit zur guten Färbung eines Bildes in der Composition liege.


[221] 1265.*


1830, 22. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Goethe zeigte heute Kupferstiche von Cornelius und sprach vom Plutonischen1 Reich in der Glyptothek und Laborde's Zeichnungen von Pera und Umgegend. Ich theilte ihm die wohlgeschriebene Vertheidigung der Gedichte des Königs von Bayern gegen die höhnische Kritik im ›Universel‹ mit.

[222] Zur Biographie der Großherzogin-Mutter gab er die Formel: »Ächte Fürstlichkeit durch die Weimarischen individuellen Zustände ins Idyllische hinüber gezogen.« Er freute sich sehr der ausgleichenden Aufschlüsse, die Demoiselle Lorch2 über die Ursachen der Verstimmung zwischen Prinzeß Caroline und ihrer Mutter gegeben. Vom sel. Großherzog sagte er: »Er war eigentlich zum Tyrannen geneigt, wie keiner, aber er ließ alles um sich her ungehindert gehen, so lange es nur ihn nicht selbst in seiner Eigenschaft berührte.

Es ist unglaublich, wie viel er in seinem Kreise aufgeregt und zu wie vielen schweren Leistungen er angeregt und aufgefordert hat. Gewiß, wo auch sein Geist im Weltall seine Rolle gefunden, er wird dort seine Leute wieder gut zu pflegen wissen.« Der Großherzog ließ sich anmelden, und so mußten wir abbrechen.

Daß er das Falk'sche3 Gedicht auf den Tod der Großherzogin verwarf, that mir leid. Er beschuldigte es des Sansculotismus, und sprach sich überhaupt ungünstig über Falk aus.


1 B. H. C. Lommatzsch, die Weisheit des Empedokles nach ihren Quellen und deren Auslegung philosoph. bearb. Berlin 1830.


2 Vergl. Petronius Satirae Cap. 34 (Bücheler).


3 P. v. Cornelius' Orpheus in der Unterwelt.


[223] 1266.*


1830, 24. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe zu Tische. Wir sprechen über den Homer. Ich bemerke, daß sich die Einwirkung der Götter unmittelbar ans Reale anschließe. – »Es ist unendlich zart und menschlich,« sagte Goethe, »und ich danke Gott, daß wir aus den Zeiten heraus sind, wo die Franzosen diese Einwirkung der Götter Maschinerie nannten. Aber freilich, so ungeheuere Verdienste nachzuempfinden, bedurfte einiger Zeit; denn es erforderte eine gänzliche Umwandlung ihrer Cultur.«

Goethe sagte mir sodann, daß er in die Erscheinung der Helena noch einen Zug hineingebracht, um ihre Schönheit zu erhöhen, welches durch eine Bemerkung von mir veranlaßt worden und meinem Gefühl zur Ehre gereiche.

Nach Tische zeigte Goethe mir den Umriß eines Bildes von Cornelius, den Orpheus vor Plutos Throne darstellend, um die Eurydice zu befreien. Das Bild erschien uns wohl überlegt und das Einzelne vortrefflich gemacht, doch wollte es nicht recht befriedigen und dem Gemüth kein rechtes Behagen geben. Viel leicht, dachten wir, bringt die Färbung eine größere Harmonie hinein; vielleicht auch wäre der folgende Moment günstiger gewesen, wo Orpheus über das Herz des Pluto bereits gesiegt hat und ihm die Eurydice zurückgegeben [224] wird. Die Situation hätte sodann nicht mehr das Gespannte, Erwartungsvolle, vielmehr würde sie vollkommene Befriedigung gewähren.


[224] 1267.*


1830, 9. Mai.


Mit Andreas Eduard Kozmian

Auf der Rückreise aus Paris im Jahre 1830 verdankte ich es der gütigen Vermittlung der Frau v. Goethe, daß mir ihr Schwiegervater den Tag und die Stunde bestimmte, da er mich bei sich empfangen wolle, und mich davon mittels folgender Worte benachrichtigte, die er mit Bleistift eigenhändig auf seine Visitenkarte geschrieben hatte: »wünscht, da er heute verhindert ist, Herrn v. Kozmian morgen Sonntags um 12 Uhr bei sich zu sehen.«

Ich verfehlte nicht die Mittagsstunde, welche mir bestimmt worden. In Goethes Wohnung angelangt, fand ich ihn meinen Besuch erwartend in eben jenem Zimmer, worin er das Jahr vorher seine versammelten Gäste empfangen hatte. Als er mich mit einnehmender Freundlichkeit bewillkommt, dankte ich ihm in französischer Sprache – denn in der deutschen fühlte ich mich nicht sicher genug, mit Goethe zu sprechen – für die theuersten Erinnerungen meiner Reise, welche ich ihm zu verdanken hätte.

»Mit Befriedigung sehe ich immer Fremde bei mir,[225] welche mich besuchen wollen,« – erwiederte Goethe auch in französischer Sprache, die er mit Leichtigkeit handhabte. – »Ihre Gesellschaft vertritt gewissermaßen die Annehmlichkeit des Reisens, die ich mir in meinem Alter nicht erlauben darf. Ich unterrede mich mit Ihnen, und so reise ich auch, ohne den Platz zu verlassen. Heute zum Beispiel wandr' ich in Polen« – sagte er lächelnd.

Diese Worte dienten als Einleitung zu einem Gespräche über mein Vaterland, dessen Vergangenheit und Gegenwart, und weiter über seine Literatur. Ich sprach von dem neuen Geiste, von der neuen Richtung der polnischen Literatur und Kritik, von dem Führer der neuen Schule, welchen Goethe vor einigen Monaten in Weimar kennen gelernt hatte.

»Ich bedaure,« sagte Goethe, »daß der Schatz Ihrer ältern und neuern Literatur für mich unerreichbar ist; mit Vergnügen würde ich ihre heutige Entwickelung und die Richtung, welche diese genommen hat, verfolgen. Edel sind solche Bestrebungen, die Literatur national und von den Fesseln der Nachahmung frei zu machen. Mögen aber die jungen Dichter Übertreibungen aus dem Wege gehen! Mögen sie die Fehler und Irrthümer vermeiden, die allen Neophyten eigen sind: mögen sie vor übermäßigem Eifer, vor Fanatismus in ihrem Glauben auf der Hut sein! Mögen sie neue Muster schaffen, jedoch die alten dabei spottender Verachtung nicht preisgeben!«...

[226] »Wie ich glaube,« fuhr Goethe fort, »wird die neu erstehende Schule besonders an nationalen Stoffen Gefallen finden. In alten Geschichten, Überlieferungen, Vorstellungen, sogar Vorurtheilen, wird sie auf Poesie treffen. Jede Nation hat ihre poetische Flur – warum auf fremden nach Blumen suchen, wenn die heimische so üppigen Wuchs darbeut? Auch die Vergangenheit Polens ist reich an Poesie. Seine Geschichte enthält manche Ereignisse, manchen Character, wohl imstande, einen Dichter zu begeistern. So bin ich z.B. erstaunt, daß noch keiner Ihrer Dichter das Leben Kasimir's, ›der Mönch‹ zubenannt, behandelt hat. Man könnte daraus eine Dichtung oder ein historisches Drama voll ergreifender Gemälde bilden. Man muß sich nur diesen Jüngling vorstellen! Die nichtswürdige Mutter hat ihn aus dem Vaterlande entführt, in ihm Haß gegen seine Landsleute und seine Heimath zu erwecken versucht; er, der Krone beraubt, tritt trotz königlichen Geblütes, trotz Jugendreiz und -kraft, auf Drängen eben jener Mutter, ohne Beruf in ein Kloster. Man muß sich seinen Seelenkampf vorstellen, den Kampf religiöser Gefühle mit den sprossenden Leidenschaften der Jugend; wie er diese überwindet und für immer von der Welt scheidet, unter den Ordensbrüdern von Clugny sich verliert, selbst den alten Namen ändert und ein Mönch des elften Jahrhunderts wird. Da widerhallt das Kloster von der Kunde, daß Boten eines fernen Volkes gekommen seien, welche ihren Fürsten suchen. Kasimir, [227] in der klösterlichen Demuth verharrend, wollte sich noch verborgen halten. Die polnischen Abgesandten können ihn unter der zahlreichen Schaar der Mönche nicht erkennen, aber ihre Thränen, ihr Bericht von dem Unglück des Landes erwecken in dem jungen Fürsten neue Gefühle: eine Zähre erglänzt im Auge eines der Mönche und verräth Kasimir; die Abgesandten erkennen ihn. Länger kann er sich nicht verbergen; er beugt das Haupt vor dem Willen Gottes, giebt seinen Namen kund und sieht zu seinen Füßen Krone und Scepter. Allein der Klosterabt weigert sich ihn freizulassen. Es eilen also die Abgesandten nach Rom, bringen vom heiligen Vater die mit bedeutenden Opfern erkaufte Lösung der Gelübde und geleiten den jungen Fürsten zum Throne seiner Väter. Sobald er im Lande erschienen, eilt das gemeine Volk ihm entgegen; Väter, Mütter, Kinder umringen, begrüßen ihn mit Jubel, und er, von höherer Macht unterstützt, schlichtet – kaum daß sein Fuß den Heimathboden berührt – die inneren Zwistigkeiten, zügelt die Feinde, straft die Aufrührer, befestigt Frieden und Ordnung und eröffnet eine Reihe glorreicher Herrscher. Ist dies für eine Dichtung oder für ein historisches Drama kein gar poesiereicher Stoff?«

»Ohne Zweifel« – entgegnete ich – »müßte er, so aufgefaßt und ausgeführt, zu einem schönen Werke werden, allein um daranzugehen bedürfe es der Kraft des Dichters des ›Götz von Berlichingen‹; vielleicht[228] wäre dieser Gegenstand seiner Feder nicht unwürdig?«

»Eine neue, so großartige Arbeit« – sagte Goethe – »könnte ich nicht unternehmen; denn wo ist die Garantie, daß ich sie vollende? Übrigens gehört dieser geschichtliche Stoff von rechtswegen einem polnischen Autor.« – Indem wir über Literatursprachen, fragte mich Goethe nach den neuen französischen Producten. Aufmerksam hörte er meinen Bericht an über die erste Vorstellung des Shakespeare'schen ›Othello‹ in französischer Sprache auf Corneille's und Racine's Bühne, ebenso über die Aufführung von ›Hernani‹ [von Hugo], den er noch nicht kannte.

»Victor Hugo« – sagte Goethe – »besitzt ausgezeichnete Fähigkeiten; ohne Zweifel erneut und erfrischt er die französische Poesie, allein man muß fürchten, daß wenn nicht er, so doch seine Schüler und Nachahmer in der Richtung, welche sie zu schaffen gewagt, zu weit gehen dürften. Die französische Nation ist die Nation der Extreme; sie kennt in nichts Maß. Mit gewaltiger moralischer und physischer Kraft ausgestattet, könnte das französische Volk die Welt heben, wenn es den Centralpunkt zu finden vermöchte, es scheint aber nicht zu wissen, daß wenn man große Lasten heben will, man ihre Mitte auffinden muß. Es ist dies das einzige Volk auf Erden, in dessen Geschichte wir die Bartholomäusnacht und die Feier der ›Vernunft‹, den Despotismus Ludwig's XIV. und die Orgien der Sansculotten, [229] beinahe in demselben Jahre die Einnahme von Moskau und die Capitulation von Paris finden. Somit muß man fürchten, daß auch in der Literatur nach dem Despotismus eines Boileau Zügellosigkeit und Verwerfung aller Gesetze eintrete.«

»Auch ich« – sagte ich – »theile diese Furcht, allein ich kann nicht verschweigen, daß die Formen, die einst imschwange gewesen, heute als Muster nicht mehr dienen können. Die tragischen Werke der französischen Meister lesen wir immer mit Freude, aber auf der Scene dargestellt, interessiren sie das heutige Publicum nicht. Stünde Racine auf, so würde er heute selbst die Fehler vermeiden, welche wir in seinen Werken finden.«

»Glauben Sie mir« – sagte Goethe – »wünschen wir uns einen neuen Racine selbst mit den Fehlern des alten! Die Meisterwerke der französischen Bühne bleiben Meisterwerke für immer. Ihre Darstellung hat mich selbst in jungen Jahren, noch in Frankfurt, höchst interessirt; damals faßte ich zuerst den Gedanken, Dramen zu schreiben. Die heutige Schule kann für die Literatur viel thun, allein niemals soviel, als die frühere gethan hat.«...

Da ich durch längeres Reden die theuern Augenblicke des Dichters nicht in Anspruch nehmen wollte erhob ich mich, um zu gehen, aber Goethe beliebte mich noch zurückzuhalten und that weitere Fragen inbetreff Frankreichs, dessen bedeutenderer Schriftsteller und des [230] Zustandes der Künste. Als ich der ausgezeichneten Bilder Scheffer's erwähnte, welche Faust und Gretchen darstellen, fragte er mich, welchen Charakter der Maler ihnen gegeben, ob er des Dichters Absicht verstanden, und ob dies Faust und Gretchen Goethe's oder Scheffer's seien.

Nach dieser einstündigen Unterredung nahm ich von dem Dichter Abschied.


[230] 1268.*


1830, 1. März.


Mittag bei Goethe

Bei Goethe zu Tische mit Hofrath Voigt aus Jena. Die Unterhaltung geht um lauter naturhistorische Gegenstände, wobei Hofrath Voigt die vielseitigsten Kenntnisse entwickelt. Goethe erzählt, daß er einen Brief erhalten mit der Einwendung, daß die Kotyledonen keine Blätter seien, und zwar weil sie kein Auge hinter sich hätten. Wir überzeugen uns aber an verschiedenen Pflanzen, daß die Kotyledonen allerdings Augen hinter sich haben, so gut wie jedes folgende Blatt. Voigt sagt, daß das Aperçu von der Metamorphose der Pflanze eine der fruchtbarsten Entdeckungen sei, welche die neuere Zeit im Fache der Naturforschung erfahren.

Wir reden über Sammlungen ausgestopfter Vögel, wobei Goethe erzählt, daß ein Engländer mehrere Hunderte lebendiger Vögel in großen Behältern gefüttert [231] habe. Von diesen seien einige gestorben, und er habe sie ausstopfen lassen. Diese ausgestopften hätten ihm nun so gefallen, daß ihm der Gedanke gekommen, ob es nicht besser sei, sie alle todtschlagen und ausstopfen zu lassen; welchen Gedanken er denn auch alsobald ausgeführt habe.

Hofrath Voigt erzählt, daß er im Begriff sei Cuviers ›Naturgeschichte‹ in fünf Bänden zu übersetzen und mit Ergänzungen und Erweiterungen herauszugeben.

Nach Tische, als Voigt gegangen war, zeigte Goethe mir das Manuscript seiner ›Walpurgisnacht‹ und ich bin erstaunt über die Stärke, zu der es in den wenigen Wochen herangewachsen.


[231] 1269.*


1830, 1. März.


Mit Friedrich von Müller

»Schiller war ganz ein anderer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen. Ich hingegen hatte immer die alberne Abneigung von dem, was mich gerade am meisten interessirte, zu sprechen.

Ja bei der Herzogin-Mutter freilich konnte ich zuweilen eine Stunde amüsiren; wenn das artige Wesen ›die Kehle‹ [Henriette v. Wolfskehl, nachmals Freifrau v. Fritsch] umhertrippelte und ›Närrischer Geheimerath‹ [232] sagte, da improvisirte ich oft eine Erzählung, die sich hören ließ; ich hatte damals des Zeugs zu viel im Kopfe und Motive zu Hunderten.«


[232] 1270.*


1830, 3. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Mit Goethe vor Tisch spazieren gefahren. Er spricht günstig über mein Gedicht in Bezug auf den König von Bayern, indem er bemerkt, daß Lord Byron vortheilhaft auf mich gewirkt. Mir fehle jedoch noch dasjenige, was man Convenienz heiße, worin Voltaire so groß gewesen. Diesen wolle er mir zum Muster vorschlagen.

Darauf bei Tische reden wir viel über Wieland, besonders über den ›Oberon‹, und Goethe ist der Meinung, daß das Fundament schwach sei, und der Plan vor der Ausführung nicht gehörig gegründet worden. Daß zur Herbeischaffung der Barthaare und Backenzähne ein Geist benutzt werde, sei gar nicht wohl erfunden, besonders weil der Held sich dabei ganz unthätig verhalte. Die anmuthige, sinnliche und geistreiche Ausführung des großen Dichters aber mache das Buch dem Leser so angenehm, daß er an das eigentliche Fundament nicht weiter denke und darüber hinauslese.

Wir reden fort über viele Dinge, und so kommen[233] wir auch wieder auf die Entelechie. »Die Hartnäckigkeit des Individuums, und daß der Mensch abschüttelt, was ihm nicht gemäß ist,« sagte Goethe, »ist mir ein Beweis, daß so etwas existire.« Ich hatte seit einigen Minuten dasselbige gedacht und sagen wollen, und so war es mir doppelt lieb, daß Goethe es aussprach. »Leibniz,« fuhr er fort, »hat ähnliche Gedanken über solche selbstständige Wesen gehabt, und zwar, was wir mit dem Ausdruck Entelechie bezeichnen, nannte er Monaden.«


[233] 1271.*


1830, 5. März.


Mit Friedrich Soret

Eine ..... [Enkelin] der Jugendgeliebten Goethes .... [der Frau V. Türkheim, die Gräfin Waldner-Freundstein] war einige Zeit in Weimar. Ich drückte heute gegen Goethe mein Bedauern über ihre Abreise aus. »Sie ist so jung,« sagte ich, »und zeigt eine so erhabene Gesinnung und einen so reifen Geist, wie man ihn bei solchem Alter selten findet. Ihr Erscheinen hat überhaupt in Weimar großen Eindruck gemacht. Wäre sie länger geblieben, sie hätte für manchen gefährlich werden können.«

»Wie sehr thut es mir leid,« erwiederte Goethe, »daß ich sie nicht öfter gesehen, und daß ich anfänglich immer verschoben habe sie einzuladen, um mich ungestört [234] mit ihr zu unterhalten und die geliebten Züge ihrer Verwandten in ihr wieder aufzusuchen.

Der vierte Band von ›Wahrheit und Dichtung‹,« fuhr er fort, »wo Sie die jugendliche Glücks- und Leidensgeschichte meiner Liebe zu Lili erzählt finden werden, ist seit einiger Zeit vollendet. Ich hätte ihn längst früher geschrieben und herausgegeben, wenn mich nicht gewisse zarte Rücksichten gehindert hätten, und zwar nicht Rücksichten gegen mich selber, sondern gegen die damals noch lebende Geliebte. Ich wäre stolz gewesen, es der ganzen Welt zu sagen, wie sehr ich sie geliebt, und ich glaube, sie wäre nicht erröthet zu gestehen, daß meine Neigung erwiedert wurde. Aber hatte ich das Recht, es öffentlich zu sagen ohne ihre Zustimmung? Ich hatte immer die Absicht, sie darum zu bitten; doch zögerte ich damit hin, bis es denn endlich nicht mehr nöthig war.

Indem Sie,« fuhr Goethe fort, »mit solchem Antheil über das liebenswürdige junge Mädchen reden, das uns jetzt verläßt, erwecken Sie in mir alle meine alten Erinnerungen. Ich sehe die reizende Lili wieder in aller Lebendigkeit vor mir, und es ist mir als fühlte ich wieder den Hauch ihrer beglückenden Nähe. Sie war in der That die erste, die ich tief und wahrhaft liebte. Auch kann ich sagen, daß sie die letzte gewesen; denn alle kleinen Neigungen, die mich in der Folge meines Lebens berührten, waren, mit jener ersten verglichen, nur leicht und oberflächlich.

[235] Ich bin,« fuhr Goethe fort, »meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen als in der Zeit jener Liebe zu Lili. Die Hindernisse, die uns auseinanderhielten, waren im Grunde nicht unübersteiglich – und doch ging sie mir verloren!

Meine Neigung zu ihr hatte etwas so Delicates und etwas so Eigenthümliches, daß es jetzt in Darstellung jener schmerzlich-glücklichen Epoche auf meinen Stil Einfluß gehabt hat. Wenn Sie künftig den vierten Band von ›Wahrheit und Dichtung‹ lesen, so werden Sie finden, daß jene Liebe etwas ganz anderes ist als eine Liebe in Romanen.«

»Dasselbige,« erwiederte ich, »könnte man auch von Ihrer Liebe zu Gretchen und Friederike sagen. Die Darstellung von beiden ist gleichfalls so neu und originell, wie die Romanschreiber dergleichen nicht erfinden und ausdenken. Es scheint dieses von der großen Wahrhaftigkeit des Erzählers herzurühren, der das Erlebte nicht zu bemänteln gesucht, um es zu größerm Vortheil erscheinen zu lassen, und der jede empfindsame Phrase vermieden, wo schon die einfache Darlegung der Ereignisse genügte.

Auch ist die Liebe selbst,« fügte ich hinzu, »sich niemals gleich; sie ist stets original und modificirt sich stets nach dem Charakter und der Persönlichkeit derjenigen, die wir lieben.«

»Sie haben vollkommen recht,« erwiederte Goethe; »denn nicht bloß wir sind die Liebe, sondern es ist es[236] auch das uns anreizende liebe Object. Und dann, was nicht zu vergessen, kommt als ein mächtiges Drittel noch das Dämonische hinzu, das jede Leidenschaft zu begleiten pflegt und das in der Liebe sein eigentliches Element findet. In meinem Verhältniß zu Lili war es besonders wirksam; es gab meinem ganzen Leben eine andere Richtung, und ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß meine Herkunft nach Weimar und mein jetziges Hiersein davon eine unmittelbare Folge war.«


[236] 1272.*


1830, 6. März.


Mit Friedrich Soret

Goethe liest seit einiger Zeit die ›Memoiren‹ von Saint-Simon.

»Mit dem Tode von Ludwig dem Vierzehnten,« sagte er mir vor einigen Tagen, »habe ich jetzt halt gemacht. Bis dahin hat mich das Dutzend Bände in hohem Grade interessirt, und zwar durch den Contrast der Willensrichtungen des Herrn und der aristokratischen Tugend des Dieners. Aber von dem Augenblick an, wo jener Monarch abgeht, und eine andere Personnage auftritt, die zu schlecht ist, als daß Saint-Simon sich zu seinem Vortheil neben ihr ausnehmen könnte, machte die Lectüre mir keine Freude mehr; der Widerwille trat ein, und ich verließ das Buch da, wo mich der ›Tyrann‹ verließ.«

[237] Auch den ›Globe‹ und den ›Temps‹, den Goethe seit mehreren Monaten mit dem größten Eifer las, hat er seit etwa vierzehn Tagen zu lesen aufgehört. Sowie die Nummern bei ihm unter Kreuzband ankommen, legt er sie uneröffnet beiseite. Indeß bittet er seine Freunde, ihm zu erzählen was in der Welt vorgeht. Er ist seit einiger Zeit sehr productiv und ganz vertieft im zweiten Theile seines ›Faust‹. Besonders ist es die ›Classische Walpurgisnacht‹, die ihn seit einigen Wochen ganz hinnimmt und die dadurch auch rasch und bedeutend heranwächst. In solchen durchaus productiven Epochen liebt Goethe die Lectüre überhaupt nicht, es wäre denn daß sie als etwas Leichtes und Heiteres ihm als ein wohlthätiges Ausruhen diente, oder auch daß sie mit dem Gegenstande, den er eben unter Händen hat, in Harmonie stände und dazu behilflich wäre. Er meidet sie dagegen ganz entschieden, wenn sie so bedeutend und aufregend wirkte, daß sie seine ruhige Production stören und sein thätiges Interesse zersplittern und ablenken könnte. Das letztere scheint jetzt mit dem ›Globe‹ und ›Temps‹ der Fall zu sein. »Ich sehe,« sagte er, »es bereiten sich in Paris bedeutende Dinge vor; wir sind am Vorabend einer großen Explosion. Da ich aber darauf keinen Einfluß habe, so will ich es ruhig abwarten, ohne mich von dem spannenden Gange des Dramas unnützerweise täglich aufregen zu lassen. Ich lese jetzt so wenig den ›Globe‹ als den ›Temps‹, und [238] meine ›Walpurgisnacht‹ rückt dabei gar nicht schlecht vorwärts.«

Er sprach darauf über den Zustand der neuesten französischen Literatur, die ihn sehr interessirt. »Was die Franzosen,« sagte er, »bei ihrer jetzigen literarischen Richtung für etwas Neues halten, ist im Grunde weiter nichts als der Wiederschein desjenigen, was die deutsche Literatur seit funfzig Jahren gewollt und geworden. Der Keim der historischen Stücke, die bei ihnen jetzt etwas Neues sind, findet sich schon seit einem halben Jahrhundert in meinem ›Götz‹. Übrigens,« fügte er hinzu, »haben die deutschen Schriftsteller niemals daran gedacht und nie in der Absicht geschrieben, auf die Franzosen einen Einfluß ausüben zu wollen. Ich selbst habe immer nur mein Deutschland vor Augen gehabt, und es ist erst seit gestern oder ehegestern, daß es mir einfällt meine Blicke westwärts zu wenden, um auch zu sehen wie unsere Nachbarn jenseits des Rheins von mir denken. Aber auch jetzt haben sie auf meine Productionen keinen Einfluß. Selbst Wieland, der die französischen Formen und Darstellungsweisen nachgeahmt, ist im Grunde immer deutsch geblieben und würde sich in einer Übertragung schlecht ausnehmen.«


[239] 1273.*


1830, 7. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Um 12 Uhr zu Goethe, den ich heute besonders frisch und kräftig fand. Er eröffnete mir, daß er seine ›Classische Walpurgisnacht‹ habe zurücklegen müssen, um die letzte Lieferung fertig zu machen. »Hierbei aber,« sagte er, »bin ich klug gewesen, daß ich aufgehört habe, wo ich noch in gutem Zuge war und noch viel bereits Erfundenes zu sagen hatte. Auf diese Weise läßt sich viel leichter wieder anknüpfen, als wenn ich so lange fortgeschrieben hätte bis es stockte.« Ich merkte mir dieses als eine gute Lehre.

Es war die Absicht gewesen, vor Tische eine Spazierfahrt zu machen, allein wir fanden es beiderseits so angenehm im Zimmer, daß die Pferde abbestellt wurden.

Unterdessen hatte der Bediente Friedrich eine große von Paris angekommene Kiste ausgepackt. Es war eine Sendung vom Bildhauer David, in Gips abgegossene Portraits, Basreliefs, von siebenundfunfzig berühmten Personen. Friedrich trug die Abgüsse in verschiedenen Schiebläden herein und es gab große Unterhaltung, alle die interessanten Persönlichkeiten zu betrachten. Besonders erwartungsvoll war ich auf Mérimée; der Kopf erschien so kräftig und verwegen wie sein Talent, und Goethe bemerkte, daß er etwas [240] Humoristisches habe. Victor Hugo, Alfred de Bigny, Emile Deschamps zeigten sich als reine, freie, heitere Köpfe. Auch erfreuten uns die Portraits der Demoiselle Gay, der Madame Tastu und anderer junger Schriftstellerinnen. Das kräftige Bild von Fabvier erinnerte an Menschen früherer Jahrhunderte, und wir hatten Genuß, es wiederholt zu betrachten. So gingen wir von einer bedeutenden Person zur andern, und Goethe konnte nicht umhin wiederholt zu äußern, daß er durch diese Sendung von David einen Schatz besitze, wofür er dem trefflichen Künstler nicht genug danken könne. Er werde nicht unterlassen, diese Sammlung Durchreisenden vorzuzeigen und sich mündlich über einzelne ihm noch unbekannte Personen unterrichten zu lassen.

Auch Bücher waren in der Kiste verpackt gewesen, die er in die vordern Zimmer tragen ließ, wohin wir folgten und uns zu Tische setzten. Wir waren heiter und sprachen von Arbeiten und Vorsätzen hin und her. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,« sagte Goethe, »und besonders nicht, daß er allein arbeite; vielmehr bedarf er der Theilnahme und Anregung, wenn etwas gelingen soll. Ich verdanke Schillern die ›Achilleïs‹ und viele meiner Balladen, wozu er mich getrieben, und Sie können es sich zurechnen, wenn ich den zweiten Theil des ›Faust‹ zustande bringe. Ich habe es Ihnen schon oft gesagt, aber ich muß es wiederholen, damit Sie es wissen.« Ich freute [241] mich dieser Worte, im Gefühl, daß daran viel Wahres sein möge.

Beim Nachtisch öffnete Goethe eins der Packete. Es waren die Gedichte von Émile Deschamps, begleitet von einem Brief, den Goethe mir zu lesen gab. Hier sah ich nun zu meiner Freude, welcher Einfluß Goethen auf das neue Leben der französischen Literatur zugestanden wird, und wie die jungen Dichter ihn als ihr geistiges Oberhaupt verehren und lieben. So hatte in Goethes Jugend Shakespeare gewirkt. Von Voltaire läßt sich nicht sagen, daß er auf junge Poeten des Auslandes einen Einfluß der Art gehabt, daß sie sich in seinem Geist versammelten und ihn als ihren Herrn und Meister erkannten. Überall war der Brief von Émile Deschamps mit sehr liebenswürdiger, herzlicher Freiheit geschrieben. »Man blickt in den Frühling eines schönen Gemüths,« sagte Goethe.

Ferner befand sich unter der Sendung von David ein Blatt mit dem Hute Napoleons in den verschiedensten Stellungen. »Das ist etwas für meinen Sohn,« sagte Goethe und sendete das Blatt schnell hinauf. Es verfehlte auch seine Wirkung nicht, indem der junge Goethe sehr bald herunterkam und voller Freude diese Hüte seines Helden für das Nonplusultra seiner Sammlung erklärte. Ehe fünf Minuten vergingen, befand sich das Bild unter Glas und Rahmen und an seinem Ort unter den übrigen Attributen und Denkmälern des Helden.


[242] 1274.*


1830, 7. März.


Mit Friedrich von Müller

Ich traf Goethe in den vordern Zimmern. Eine von David eben erhaltene Sendung von Büchern und Medaillons verbarg er mir. Er war aufgeregter als gewöhnlich. – »Nun laßt nur mit allen Glocken läuten; macht, daß Ihr die Alten alle begrabt und seht zu, wie Ihr mit den Jungen fertig werdet. Seid nur lustig und wohlgemuth dabei, das ist die Hauptsache.«

Als ich ihm St. Aignan's Condolenzbrief zeigte und hinzu fügte: »Wie wollen Sie in so wenig Zeilen mehr und Verbindlicheres ausdrücken?« nahm er es ganz übel und nannte es eine triviale Redensart, die man ihm gegenüber nicht brauchen sollte. Doch lenkte er gleich wieder in Scherz über. An Reinhard könne er unter einem Monat nicht schreiben; man fordere zu viel von ihm, er müsse Bankerott mit seiner Zeit machen. Wenn man die achtziger Jahre überschritten habe, gehe nicht alles so leicht von der Hand.

Niemand frage darnach, wie viel Mühe ihm die Herausgabe seiner Werke mache, und dann nehme doch niemand, wenn sie erschienen, sonderlich Notiz davon. Von Auguste Jacobi1 sagte er: sie verwandle mit [243] ihrem scharfen Geiste alle Poesie augenblicks in Prosa, versire in beständiger Klarheit, aber des Irrthums. Eben als ich mehr darüber mittheilen wollte, trat Coudray ein.


1 Demois. Caroline Lorch, frühere Kammerfrau bei der Herzogin Amalia, dann bei der Großherzogin Louise.


[243] 1275.*


1830, 14. März.


Mit Friedrich von Müller

Als ich ihm Feuerbach's theilnehmende Nachfrage meldete, entgegnete er: »Nun, antworten Sie nur, mein Bündel sei geschnürt und ich warte auf Ordre zum Abmarsch.« Als es sich nun um die Kenntniß einiger Stael'schen Briefe handelte, sagte er ausweichend: »Es kommt doch bei all' dem Auslesen alter Briefe nichts heraus.«


[243] 1276.*


1830, 14. März.


Mit Friedrich Soret

Abends bei Goethe. Er zeigte mir alle jetzt geordneten Schätze der Kiste von David, mit deren Auspackung ich ihn vor einigen Tagen beschäftigt fand. Die Gipsmedaillons mit den Profilen der vorzüglichsten jungen Dichter Frankreichs hatte er in großer Ordnung auf Tischen nebeneinandergelegt. Er sprach dabei abermals über das außerordentliche Talent David's, das ebenso groß sei in der Auffassung als in[244] der Ausführung. Auch zeigte er mir eine Menge der neuesten Werke, die ihm durch die Vermittelung David's von den ausgezeichnetsten Talenten der romantischen Schule als Autorgeschenke verehrt worden. Ich sah Werke von Sainte-Beuve, Ballanche, Victor Hugo, Balzac, Alfred de Vigny, Jules Janin und andern. »David,« sagte er, »hat mir durch diese Sendung schöne Tage bereitet. Die jungen Dichter beschäftigen mich nun schon die ganze Woche und gewähren mir durch die frischen Eindrücke, die ich von ihnen empfange, ein neues Leben. Ich werde über die mir sehr lieben Portaits und Bücher einen eigenen Catalog machen und beiden in meiner Kunstsammlung und Bibliothek einen besondern Platz geben.« Man sah es Goethen an, daß diese Huldigung der jungen Dichter Frankreichs ihn innerlichst beglückte.

Er lag darauf einiges in den ›Studien‹ von Émile Deschamps. Die Übersetzung der ›Braut von Corinth‹ lobte er als treu und sehr gelungen. »Ich besitze,« sagte er, »das Manuscript einer italienischen Übersetzung dieses Gedichts, welches das Original bis zum Rhythmus wiedergiebt.«

Die ›Braut von Corinth‹ gab Goethen Anlaß, auch von seinen übrigen Balladen zu reden. »Ich verdanke sie größtentheils Schillern,« sagte er, »der mich dazu trieb, weil er immer etwas Neues für seine ›Horen‹ [vielmehr für die ›Musenalmanache‹] brauchte. Ich hatte sie alle schon seit vielen Jahren im Kopf, sie beschäftigten meinen Geist als [245] anmuthige Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen und womit die Phantasie mich spielend beglückte. Ich entschloß mich ungern dazu, diesen mir seit so lange befreundeten glänzenden Erscheinungen ein Lebewohl zu sagen, indem ich ihnen durch das ungenügende dürftige Wort einen Körper verlieh. Als sie auf dem Papiere standen, betrachtete ich sie mit einem Gemisch von Wehmuth; es war mir als sollte ich mich auf immer von einem geliebten Freunde trennen.

Zu andern Zeiten,« fuhr Goethe fort, »ging es mir mit meinen Gedichten gänzlich anders. Ich hatte davon vorher durchaus keine Eindrücke und keine Ahnung, sondern sie kamen plötzlich über mich und wollten augenblicklich gemacht sein, sodaß ich sie auf der Stelle instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben mich getrieben fühlte. In solchem nachtwandlerischen Zustande geschah es oft, daß ich einen ganz schief liegenden Papierbogen vor mir hatte, und daß ich dieses erst bemerkte, wenn alles geschrieben war, oder wenn ich zum Weiterschreiben keinen Platz fand. Ich habe mehrere solcher in der Diagonale geschriebenen Blätter besessen; sie sind mir jedoch nach und nach abhanden gekommen, sodaß es mir leid thut, keine Proben solcher poetischen Vertiefung mehr vorzeigen zu können.«

Das Gespräch lenkte sich sodann auf die französische Literatur zurück, und zwar auf die allerneueste ultraromantische [246] Richtung einiger nicht unbedeutenden Talente. Goethe war der Meinung, daß diese im Werden begriffene poetische Revolution der Literatur selber im hohen Grade günstig, den einzelnen Schriftstellern aber, die sie bewirken, nachtheilig sei.

»Bei keiner Revolution,« sagte er, »sind die Extreme zu vermeiden. Bei der politischen will man anfänglich gewöhnlich nichts weiter als die Abstellung von allerlei Mißbräuchen, aber ehe man es sich versieht, steckt man tief in Blutvergießen und Greueln. So wollten auch die Franzosen bei ihrer jetzigen literarischen Umwälzung anfänglich nichts weiter als eine freiere Form, aber dabei bleiben sie jetzt nicht stehen, sondern sie verwerfen neben der Form auch den bisherigen Inhalt. Die Darstellung edler Gesinnungen und Thaten fängt man an für langweilig zu erklären, und man versucht sich in Behandlung von allerlei Verruchtheiten. An die Stelle des schönen Inhalts griechischer Mythologie treten Teufel, Hexen und Vampyre, und die erhabenen Helden der Vorzeit müssen Gaunern und Galeerensklaven Platz machen. Dergleichen ist pikant! Das wirkt! Nachdem aber das Publicum diese stark gepfefferte Speise einmal gekostet und sich daran gewöhnt hat, wird es nur immer nach Mehrerem und Stärkerm begierig. Ein junges Talent, das wirken und anerkannt sein will, und nicht groß genug ist, auf eigenem Wege zu gehen, muß sich dem Geschmack des Tages bequemen, ja es muß seine Vorgänger im Schreck- und Schauerlichen [247] noch zu überbieten suchen. In diesem Jagen nach äußern Effectmitteln aber wird jedes tiefere Studium und jedes stufenweise gründliche Entwickeln des Talents und Menschen von innen heraus ganz außer Acht gelassen. Das ist aber der größte Schaden, der dem Talent begegnen kann, wiewohl die Literatur im allgemeinen bei dieser augenblicklichen Richtung gewinnen wird.«

»Wie kann aber,« versetzte ich, »ein Bestreben, das die einzelnen Talente zu Grunde richtet, der Literatur im allgemeinen günstig sein?«

»Die Extreme und Auswüchse, die ich bezeichnet habe,« erwiederte Goethe, »werden nach und nach verschwinden, aber zuletzt wird der sehr große Vortheil bleiben, daß man neben einer freiern Form auch einen reichern, verschiedenartigern Inhalt wird erreicht haben und man keinen Gegenstand der breitesten Welt und des mannigfaltigsten Lebens als unpoetisch mehr wird ausschließen. Ich vergleiche die jetzige literarische Epoche dem Zustande eines heftigen Fiebers, das zwar an sich nicht gut und wünschenswerth ist, aber eine bessere Gesundheit als heitere Folge hat. Dasjenige wirklich Verruchte, was jetzt oft den ganzen Inhalt eines poetischen Werks ausmacht, wird künftig nur als wohlthätiges Ingrediens eintreten, ja, man wird das augenblicklich verbannte durchaus Reine und Edle bald mit desto größerm Verlangen wieder hervorsuchen.«

»Es ist mir auffallend,« bemerkte ich, »daß auch[248] Mérimée, der doch zu Ihren Lieblingen gehört, durch die abscheulichen Gegenstände seiner ›Guzla‹ gleichfalls jene ultraromantische Bahn betreten hat.«

»Mérimée,« erwiederte Goethe, »hat diese Dinge ganz anders tractirt als seine Mitgesellen. Es fehlt freilich diesen Gedichten nicht an allerlei schauerlichen Motiven von Kirchhöfen, nächtlichen Kreuzwegen, Gespenstern und Vampyren, allein alle diese Widerwärtigkeiten berühren nicht das Innere des Dichters, er behandelt sie vielmehr aus einer gewissen objectiven Ferne und gleichsam mit Ironie. Er geht dabei ganz zu Werke wie ein Künstler, dem es Spaß macht, auch einmal so etwas zu versuchen. Er hat sein eigenes Innere, wie gesagt, dabei gänzlich verleugnet, ja er hat dabei sogar den Franzosen verleugnet, und zwar so sehr, daß man diese Gedichte der ›Guzla‹ anfänglich für wirklich illyrische Volksgedichte gehalten, und also nur wenig gefehlt hat, daß ihm die beabsichtigte Mystification gelungen wäre.

Mérimée,« fuhr Goethe fort, »ist freilich ein ganzer Kerl; wie denn überhaupt zum objectiven Behandeln eines Gegenstandes mehr Kraft und Genie gehört als man denkt. So hat auch Byron trotz seiner Stark vorwaltenden Persönlichkeit zuweilen die Kraft gehabt, sich gänzlich zu verleugnen, wie dies an einigen seiner dramatischen Sachen und besonders an seinem ›Marino Faliero‹ zu sehen. Bei diesem Stück vergißt man ganz, daß Byron, ja daß ein Engländer es geschrieben. [249] Wir leben darin ganz und gar zu Venedig und ganz und gar in der Zeit, in der die Handlung vorgeht. Die Personen reden ganz aus sich selber und aus ihrem eigenen Zustande heraus, ohne etwas von subjectiven Gefühlen, Gedanken und Meinungen des Dichters an sich zu haben. Daß ist die rechte Art. Von unsern jungen französischen Romantikern der übertriebenen Sorte ist das freilich nicht zu rühmen. Was ich auch von ihnen gelesen: Gedichte, Romane, dramatische Arbeiten, es trug alles die persönliche Farbe des Autors, und es machte mich nie vergessen, daß ein Pariser, daß ein Franzose es geschrieben; ja selbst bei behandelten ausländischen Stoffen blieb man doch immer in Frankreich und Paris, durchaus befangen in allen Wünschen, Bedürfnissen, Conflicten und Gährungen des augenblicklichen Tages.«

»Auch Béranger,« warf ich versuchend ein, »hat nur Zustände der großen Hauptstadt und nur sein eigenes Innere ausgesprochen.«

»Das ist auch ein Mensch danach,« erwiederte Goethe, »dessen Darstellung und dessen Inneres etwas werth ist. Bei ihm findet sich der Gehalt einer bedeutenden Persönlichkeit. Béranger ist eine durchaus glücklich begabte Natur, fest in sich selber begründet, rein aus sich selber entwickelt und durchaus mit sich selber in Harmonie. Er hat nie gefragt: Was ist an der Zeit? was wirkt? was gefällt? und Was machen die andern? damit er es ihnen nachmache. Er hat[250] immer nur aus dem Kern seiner eigenen Natur heraus gewirkt, ohne sich zu bekümmern was das Publicum oder was diese oder jene Partei erwarte. Er hat freilich in verschiedenen bedenklichen Epochen nach den Stimmungen, Wünschen und Bedürfnissen des Volks hingehorcht, allein das hat ihn nur in sich selber befestigt, indem es ihm sagte, daß sein eigenes Innere mit dem des Volks in Harmonie stand, aber es hat ihn nie verleitet, etwas anderes auszusprechen, als was bereits in seinem eigenen Herzen lebte.

Sie wissen, ich bin im ganzen kein Freund von sogenannten politischen Gedichten, allein solche wie Béranger sie gemacht hat, lasse ich mir gefallen. Es ist bei ihm nichts aus der Luft gegriffen, nichts von bloß imaginirten oder imaginären Interessen, er schießt nie ins Blaue hinein, vielmehr hat er stets die entschiedensten und zwar immer bedeutende Gegenstände. Seine liebende Bewunderung Napoleon's und das Zurückdenken an die großen Waffenthaten, die unter ihm geschehen, und zwar zu einer Zeit, wo diese Erinnerung den etwas gedrückten Franzosen ein Trost war; dann sein Haß gegen die Herrschaft der Pfaffen und gegen die Verfinsterung, die mit den Jesuiten wieder einzubrechen droht: das sind denn doch Dinge, denen man wohl seine völlige Zustimmung nicht versagen kann. Und wie meisterhaft ist bei ihm die jedesmalige Behandlung! Wie wälzt und rundet er den Gegenstand in seinem Innern, ehe er ihn ausspricht! [251] Und dann, wenn alles reif ist, welcher Witz, Geist, Ironie und Persiflage, und welche Herzlichkeit, Naivetät und Grazie werden nicht von ihm bei jedem Schritte entfaltet! Seine Lieder haben jahraus jahrein Millionen froher Menschen gemacht, sie sind durchaus mundrecht auch für die arbeitende Classe, während sie sich über das Niveau des Gewöhnlichen so sehr erheben, daß das Volk im Umgange mit diesen anmuthigen Geistern gewöhnt und genöthigt wird, selbst edler und besser zu denken. Was wollen Sie mehr? Und was läßt sich überhaupt Besseres von einem Poeten rühmen?«

»Er ist vortrefflich, ohne Frage,« erwiederte ich. »Sie wissen selbst, wie sehr ich ihn seit Jahren liebe; auch können Sie denken, wie wohl es mir thut, Sie so über ihn reden zu hören. Soll ich aber sagen, welche von seinen Liedern ich vorziehe, so gefallen mir denn doch seine Liebesgedichte besser als seine politischen, bei denen mir ohnehin die speciellen Bezüge und Anspielungen nicht immer deutlich sind.«

»Das ist Ihre