1831, 1. Januar.
Von Goethes Briefen an verschiedene Personen, wovon die Concepte seit dem Jahre 1807 geheftet aufbewahrt und vorhanden sind, habe ich in den letzten Wochen einige Jahrgänge sorgfältig betrachtet, und will nunmehr in nachstehenden Paragraphen einige allgemeine Bemerkungen niederschreiben, die bei einer künftigen Redaction und Herausgabe vielleicht möchten genutzt werden.
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Heute nach Tische besprach ich mit Goethe die vorstehende Angelegenheit punktweise, wo er denn diesen meinen Vorschlägen seine beifällige Zustimmung gab. »Ich werde,« sagte er, »in meinem Testament Sie zum Herausgeber dieser Briefe ernennen und darauf hindeuten, daß wir über das dabei zu beobachtende Verfahren im Allgemeinen miteinander einig geworden.«
1831, 5. Januar.
Ich war von 6 bis 8 Uhr Abends bei ihm. Er genehmigte völlig den letzten Testamentsentwurf und [2] zeigte sich sehr dankbar dafür, daß ich ihm diese große Sorge von der Brust nahm. Wir sprachen dann von Sternberg's schöner Beschreibung seiner Fahrt nach Helgoland. Walter Scott's Briefe über Geistererscheinungen und Hexerei hatte Goethe eben gelesen und lobte sie sehr; auch berührte er Niebuhr's gehaltvollen Brief bei Übersendung des zweiten Theils seiner Römischen Geschichte, in deren Vorrede ein Zeitalter der Barbarei als Folge der französischen Revolutionen geweissagt wird. »Der Wahnsinn des französischen Hofes,« äußerte Goethe, »hat den Talisman zerbrochen, der den Dämon der Revolutionen gefesselt hielt.«
»Die Phantasie wird durch Niebuhr's Werk zerstört,« sagte Goethe; »aber die klare Einsicht gewinnt ungemein.«
Darauf sprach er von dem merkwürdigen Condolenzbrief des Kaufmanns Massow in Calbe an Goethe und dessen Dankbrief an Vogel.
Goethe meinte: es müsse doch ein innerlicher, empfindungswarmer Mensch sein.
»Ja, ja, es leben doch hier und da noch gute Menschen, die durch meine Schriften erbaut worden. Wer sie und mein Wesen überhaupt verstehen gelernt, wird doch bekennen müssen, daß er eine gewisse innere Freiheit gewonnen.
Die Abende in Calbe mögen manchmal lang sein; da freut sich denn so einer, wenn er eine Ahnung bekommt, was eigentlich im Menschen steckt. Aber was [3] hilft es ihm wohl? Zum rechten Durchdringen kommt es doch nicht leicht. Ach es ist unsäglich, wie sich die armen Menschen auf der Erde abquälen!«
Es schien ihm Bedürfniß diesen Abend recht viel, was mir interessant sein möchte, mitzutheilen. »Man sollte das öfter thun«, sagte er; »oft kann man damit einem Freunde Freude machen und mancher gute Gedanke keimt dabei auf. Nun, wenn ich nur erst meine Testamentssorge vom Herzen habe, dann wollen wir wieder frisch auftreten. Zehn neue Bände meiner Schriften sind fast schon parat. Vom zweiten Theil des ›Faust‹ der fünfte Act und der zweite fast ganz; der vierte muß noch gemacht werden, doch im Nothfall könnte man ihn sich selbst construiren, da der Schlußpunkt im fünften Act gegeben ist.«
Ich fand Goethen diesen Abend ganz besonders liebenswürdig und mild, und ich jammerte fast wegeilen zu müssen, um Devrient noch in der ›Aussteuer‹ [von Iffland] zu sehen.
1831, 17. Januar.
Ich fand Coudray bei Goethe in Betrachtung architektonischer Zeichnungen. Ich hatte ein Fünffrankenstück von 1830 mit dem Bildniß Karls X. bei mir, das ich vorzeigte. Goethe scherzte über den zugespitzten[4] Kopf. »Das Organ der Religiosität erscheint bei ihm sehr entwickelt,« bemerkte er. »Ohne Zweifel hat er aus übergroßer Frömmigkeit nicht für nöthig gehalten, seine Schuld zu bezahlen; dagegen sind wir sehr tief in die seinige gerathen, indem wir es seinem Geniestreich verdanken, daß man jetzt in Europa so bald nicht wieder zur Ruhe kommen wird.«
Wir sprachen darauf über ›Rouge et Noir‹, welches Goethe für das beste Werk von Stendhal hält. »Doch kann ich nicht leugnen,« fügte er hinzu, »daß einige seiner Frauencharaktere ein wenig zu romantisch sind. Indessen zeugen sie alle von großer Beobachtung und psychologischem Tiefblick, sodaß man denn dem Autor einige Unwahrscheinlichkeiten des Details gern verzeihen mag.«
1831, 23. Januar.
Mit dem Prinzen bei Goethe. Seine Enkel amusirten sich mit Taschenspielerkunststückchen, worin besonders Walther geübt ist. »Ich habe nichts dawider,« sagte Goethe, »daß die Knaben ihre müßigen Stunden mit solchen Thorheiten ausfüllen. Es ist, besonders in Gegenwart eines kleinen Publicums, ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und Erlangung einiger körperlichen und geistigen Gewandtheit, woran wir [5] Deutschen ohnehin keinen Überfluß haben. Der Nachtheil allenfalls entstehender kleiner Eitelkeit wird durch solchen Gewinn vollkommen aufgewogen.«
»Auch sorgen schon die Zuschauer für die Dämpfung solcher Regungen,« bemerkte ich, »indem sie dem kleinen Künstler gewöhnlich sehr scharf auf die Finger sehen und schadenfroh genug sind, seine Fehlgriffe zu verhöhnen und seine kleinen Geheimnisse zu seinem Verdruß öffentlich aufzudecken.«
»Es geht ihnen wie den Schauspielern,« versetzte Goethe, »die heute gerufen und morgen gepfiffen werden, wodurch denn alles im schönsten Gleise bleibt.«
1831, 9. Februar.
Ich las gestern mit dem Prinzen in Vossens ›Luise‹ weiter und hatte über das Buch für mich im Stillen manches zu bemerken. Die großen Verdienste der Darstellung der Localität und äußern Zustände der Personen entzückten mich, jedoch wollte mir erscheinen, daß das Gedicht eines höhern Gehaltes entbehre, welche Bemerkung sich mir besonders an solchen Stellen aufdrang, wo die Personen in wechselseitigen Reden ihr Inneres auszusprechen in dem Fall sind. Im ›Vicar of Wakefield‹ ist auch ein Landprediger mit seiner Familie dargestellt, allein der Poet besaß eine höhere [6] Weltcultur, und so hat sich dieses auch seinen Personen mitgetheilt, die alle ein mannigfaltigeres Innere an den Tag legen. In der ›Luise‹ steht alles auf dem Niveau einer beschränkten mittlern Cultur, und so ist freilich immer genug da, um einen gewissen Kreis von Lesern durchaus zu befriedigen. Die Verse betreffend, so wollte es mir vorkommen, als ob der Hexameter für solche beschränkte Zustände viel zu prätentiös, auch oft ein wenig gezwungen und geziert sei, und daß die Perioden nicht immer natürlich genug hinfließen, um bequem gelesen zu werden.
Ich äußerte mich über diesen Punkt heute Mittag bei Tische gegen Goethe. »Die frühern Ausgaben jenes Gedichts,« sagte er, »sind in solcher Hinsicht weit besser, sodaß ich mich erinnere, es mit Freuden vorgelesen zu haben. Später jedoch hat Voß viel daran gekünstelt und aus technischen Grillen das Leichte, Natürliche der Verse verdorben. Überhaupt geht alles jetzt auf's Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technische Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre, aber ich würde auf die Hauptsache losgehen und so gute Dinge zu sagen suchen, daß jeder gereizt werden sollte, es zu lesen und auswendig zu lernen.«
1831, 11. Februar.
Heute bei Tische erzählte mir Goethe, daß er den vierten Act des ›Faust‹ angefangen habe und so fortzufahren gedenke, welches mich sehr beglückte.
Sodann sprach er mit großem Lobe über Karl Schöne, einen jungen Philologen in Leipzig, der ein Werk über die Costüme in den Stücken des Euripides geschrieben und, bei großer Gelehrsamkeit, doch davon nicht mehr entwickelt habe als eben zu seinen Zwecken nöthig.
»Ich freue mich,« sagte Goethe, »wie er mit productivem Sinn auf die Sache losgeht, während andere Philologen der letzten Zeit sich gar zu viel mit dem Technischen und mit langen und kurzen Silben zu schaffen gemacht haben.
Es ist immer ein Zeichen einer unproductiven Zeit, wenn sie so ins Kleinliche des Technischen geht, und ebenso ist es ein Zeichen eines unproductiven Individuums, wenn es sich mit dergleichen befaßt.
Und dann sind auch wieder andere Mängel hinderlich. So finden sich z.B. im Grafen Platen fast alle Haupterfordernisse eines guten Poeten: Einbildungskraft, Erfindung, Geist, Productivität besitzt er im hohen Grade, auch findet sich bei ihm eine vollkommene technische Ausbildung und ein Studium und ein Ernst [8] wie bei wenigen andern, allein ihn hindert seine unselige polemische Richtung.
Daß er in der großen Umgebung von Neapel und Rom die Erbärmlichkeiten der deutschen Literatur nicht vergessen kann, ist einem so hohen Talent gar nicht zu verzeihen. Der ›Romantische Ödipus‹ trägt Spuren, daß, besonders was das Technische betrifft, gerade Platen der Mann war, um die beste deutsche Tragödie zu schreiben, allein nachdem er in gedachtem Stück die tragischen Motive parodistisch gebraucht hat, wie will er jetzt noch in allem Ernst eine Tragödie machen!
Und dann, was nie genug bedacht wird: solche Händel occupiren das Gemüth, die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Production ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten. Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zu Grunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken.«
1831, 12. Februar.
Ich lese im Neuen Testament und gedenke eines Bildes, das Goethe mir in diesen Tagen zeigte, wo Christus auf dem Meere wandelt und Petrus, ihm [9] auf den Wellen entgegenkommend, in einem Augenblick anwandelnder Muthlosigkeit sogleich einzusinken anfängt.
»Es ist dies eine der schönsten Legenden,« sagte Goethe, »die ich vor allen lieb habe. Es ist darin die hohe Lehre ausgesprochen, daß der Mensch durch Glauben und frischen Muth im schwierigsten Unternehmen siegen werde, dagegen bei anwandelndem geringstem Zweifel sogleich verloren sei.«
1831, 13. Februar.
Bei Goethe zu Tische. Er erzählt mir, daß er im vierten Act des ›Faust‹ fortfahre, und daß ihm jetzt der Anfang so gelungen, wie er es gewünscht. »Das, was geschehen sollte,« sagte er, »hatte ich, wie Sie wissen, längst; allein mit dem Wie war ich noch nicht ganz zufrieden, und da ist es mir nun lieb, daß mir gute Gedanken gekommen sind. Ich werde nun diese ganze Lücke, von der ›Helena‹ bis zum fertigen fünften Act, durcherfinden und in einem ausführlichen Schema niederschreiben, damit ich sodann mit völligem Behagen und Sicherheit ausführen und an den Stellen arbeiten kann, die mich zunächst anmuthen. Dieser Act bekommt wieder einen ganz eigenen Charakter, sodaß er, wie eine für sich bestehende kleine Welt, das [10] Übrige nicht berührt und nur durch einen leisen Bezug zu dem Vorhergehenden und Folgenden sich dem Ganzen anschließt.«
»Er wird also,« sagte ich, »völlig im Charakter des Übrigen sein; denn im Grunde sind doch der Auerbach'sche Keller, die Hexenküche, der Blocksberg, der Reichstag, die Maskerade, das Papiergeld, das Laboratorium, die Classische Walpurgisnacht, die Helena lauter für sich bestehende kleine Weltenkreise, die, in sich abgeschlossen, wohl aufeinander wirken, aber doch einander wenig angehen. Dem Dichter liegt daran, eine mannigfaltige Welt auszusprechen, und er benutzt die Fabel eines berühmten Helden bloß als eine Art von durchgehender Schnur, um darauf aneinanderzureihen was er Lust hat. Es ist mit der ›Odyssee‹ und dem ›Gil-Blas‹ auch nicht anders.«
»Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe; »auch kommt es bei einer solchen Composition bloß darauf an, daß die einzelnen Massen bedeutend und klar seien, während es als ein Ganzes immer incommensurabel bleibt, aber eben deswegen gleich einem unaufgelösten Problem die Menschen zu wiederholter Betrachtung immer wieder anlockt.«
Ich erzählte sodann von dem Brief eines jungen Militärs, dem ich nebst andern Freunden gerathen hatte, in ausländische Dienste zu gehen, und der nun, da er die fremden Zustände nicht nach seinem Sinne gefunden, auf alle diejenigen schilt, die ihm gerathen.
[11] »Es ist mit dem Rathgeben ein eigenes Ding,« sagte Goethe, »und wenn man eine Weile in der Welt gesehen hat, wie die gescheidtesten Dinge mißlingen und das Absurdeste oft zu einem glücklichen Ziele führt, so kommt man wohl davon zurück, jemanden einen Rath ertheilen zu wollen. Imgrunde ist es auch von dem, der einen Rath verlangt, eine Beschränktheit und von dem, der ihn giebt, eine Anmaßung. Man sollte nur Rath geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will. Bittet mich ein anderer um guten Rath, so sage ich wohl, daß ich bereit sei ihn zu geben, jedoch nur mit dem Beding, daß er versprechen wolle nicht danach zu handeln.«
Das Gespräch lenkte sich auf das Neue Testament, indem ich erzählte, daß ich die Stelle nachgelesen, wo Christus auf dem Meere wandelt und Petrus ihm entgegengeht. »Wenn man die Evangelisten lange nicht gelesen,« sagte ich, »so erstaunt man immer wieder über die sittliche Großheit der Figuren. Man findet in den hohen Anforderungen an unsere moralische Willenskraft auch eine Art von kategorischem Imperativ.«
»Besonders,« sagte Goethe, »finden Sie den kategorischen Imperativ des Glaubens, welches sodann Mohammed noch weiter getrieben hat.«
»Übrigens,« sagte ich, »sind die Evangelisten, wenn man sie näher ansieht, voller Abweichungen und Widersprüche, und die Bücher müssen wunderliche Schicksale [12] gehabt haben, ehe sie so beisammengebracht sind, wie wir sie nun haben.«
»Es ist ein Meer auszutrinken«, sagte Goethe, »wenn man sich in eine historische und kritische Untersuchung dieserhalb einläßt. Man thut immer besser, sich ohne weiteres an das zu halten, was wirklich da ist, und sich davon anzueignen, was man für seine sittliche Cultur und Stärkung gebrauchen kann. Übrigens ist es hübsch, sich die Localität deutlich zu machen, und da kann ich Ihnen nichts Besseres empfehlen als das herrliche Buch von Röhr über Palästina. Der verstorbene Großherzog hatte über dieses Buch eine solche Freude, daß er es zweimal kaufte, indem er das erste Exemplar, nachdem er es gelesen, der Bibliothek schenkte und das andere für sich behielt, um es immer in seiner Nähe zu haben.«
Ich wunderte mich über des Großherzogs Theilnahme an solchen Dingen. »Darin,« sagte Goethe, »war er groß. Er hatte Interesse für alles, wenn es einigermaßen bedeutend war, es mochte nun in ein Fach schlagen in welches es wollte. Er war immer vorschreitend, und was in der Zeit irgend an guten neuen Erfindungen und Einrichtungen hervortrat, suchte er bei sich einheimisch zu machen. Wenn etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte oft wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte, allein er ignorirte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging immer sogleich wieder auf [13] etwas Neues los. Es war dieses eine eigene Größe seines Wesens, und zwar nicht durch Bildung gewonnen, sondern angeboren.«
Zum Nachtisch betrachteten wir einige Kupfer nach neuesten Meistern, besonders im landschaftlichen Fach, wobei mit Freuden bemerkt wurde, daß daran nichts Falsches wahrzunehmen. »Es ist seit Jahrhunderten so viel Gutes in der Welt,« sagte Goethe, »daß man sich billig nicht wundern sollte, wenn es wirkt und wieder Gutes hervorruft.«
»Es ist nur das Üble,« sagte ich, »daß es so viele falsche Lehren giebt, und daß ein junges Talent nicht weiß, welchem Heiligen es sich widmen soll.«
»Davon haben wir Proben,« sagte Goethe; »wir haben ganze Generationen an falschen Maximen verloren gehen und leiden sehen, und haben selber darunter gelitten. Und nun in unsern Tagen die Leichtigkeit, jeden Irrthum durch den Druck sogleich allgemein predigen zu können! Mag ein solcher Kunstrichter nach einigen Jahren auch besser denken, und mag er auch seine bessere Überzeugung öffentlich verbreiten, seine Irrlehre hat doch unterdeß gewirkt und wird auch künftig gleich einem Schlingkraut neben dem Guten immer fortwirken. Mein Trost ist nur, daß ein wirklich großes Talent nicht irrezuleiten und nicht zu verderben ist.«
Wir betrachteten die Kupfer weiter. »Es sind wirklich gute Sachen,« sagte Goethe; »Sie sehen reine[14] hübsche Talente, die was gelernt und die sich Geschmack und Kunst in bedeutendem Grade angeeignet haben. Allein doch fehlt diesen Bildern allen etwas und zwar: das Männliche. – Merken Sie sich dieses Wort, und unterstreichen Sie es. Es fehlt den Bildern eine gewisse zudringliche Kraft, die in früheren Jahrhunderten sich überall aussprach und die dem jetzigen fehlt, und zwar nicht bloß in Werken der Malerei, sondern auch in allen übrigen Künsten. Es lebt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läßt, ob es so ist durch die Zeugung oder durch eine schwächere Erziehung und Nahrung.«
»Man sieht aber dabei,« sagte ich, »wie viel in den Künsten auf eine große Persönlichkeit ankommt, die freilich in frühern Jahrhunderten besonders zu Hause war. Wenn man in Venedig vor den Werken von Tizian und Paul Veronese steht, so empfindet man den gewaltigen Geist dieser Männer in ihrem ersten Aperçu von dem Gegenstande wie in der letzten Ausführung. Ihr großes energisches Empfinden hat die Glieder des ganzen Bildes durchdrungen, und diese höhere Gewalt der künstlerischen Persönlichkeit dehnt unser eigenes Wesen aus und erhebt uns über uns selbst, wenn wir solche Werke betrachten. Dieser männliche Geist, von dem Sie sagen, findet sich auch ganz besonders in den Rubens'schen Landschaften. Es sind freilich auch nur Bäume, Erdboden, Wasser, Felsen und Wolken, allein seine kräftige Gesinnung ist in die [15] Formen gefahren, und so sehen wir zwar immer die bekannte Natur, allein wir sehen sie von der Gewalt des Künstlers durchdrungen und nach seinem Sinne von Neuem hervorgebracht.«
»Allerdings,« sagte Goethe, »ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles, allein doch hat es unter den Kritikern und Kunstrichtern der neuesten Zeit schwache Personnagen gegeben, die dieses nicht zugestehen und die eine große Persönlichkeit bei einem Werke der Poesie oder Kunst nur als eine Art von geringer Zugabe wollten betrachtet wissen.
Aber freilich, um eine große Persönlichkeit zu empfinden und zu ehren, muß man auch wiederum selber etwas sein. Alle, die dem Euripides das Erhabene abgesprochen, waren arme Heringe und einer solchen Erhebung nicht fähig, oder sie waren unverschämte Charlatane, die durch Anmaßlichkeit in den Augen einer schwachen Welt mehr aus sich machen wollten und auch wirklich machten, als sie waren.«
1831, 14. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Er hatte die ›Memoiren‹ des General Rapp gelesen, wodurch das Gespräch auf Napoleon kam, und welch ein Gefühl die Madame Lätitia müsse gehabt haben, sich als Mutter so vieler [16] Helden und einer so gewaltigen Familie zu wissen. »Sie hatte Napoleon, ihren zweiten Sohn, geboren als sie achtzehn Jahre alt war und ihr Gemahl dreiundzwanzig, sodaß also die frischeste Jugendkraft der Eltern seinem physischen Theile zu gute kam. Neben ihm gebiert sie drei andere Söhne, alle bedeutend begabt, tüchtig und energisch in weltlichen Dingen und alle mit einem gewissen poetischen Talent. Auf solche vier Söhne folgen drei Töchter, und zuletzt Jérôme, der am schwächsten von allen ausgestattet gewesen zu sein scheint.
Das Talent ist freilich nicht erblich, allein es will eine tüchtige physische Unterlage, und da ist es denn keineswegs einerlei, ob jemand der Erst- oder Letztgeborene, und ob er von kräftigen und jungen, oder von schwachen und alten Eltern ist gezeugt worden.«
»Merkwürdig ist,« sagte ich, »daß sich von allen Talenten das musikalische am frühesten zeigt, sodaß Mozart in seinem fünften, Beethoven in seinem achten, und Hummel in seinem neunten Jahre schon die nächste Umgebung durch Spiel und Compositionen in Erstaunen setzten.«
»Das musikalische Talent,« sagte Goethe, »kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas Angeborenes, Inneres ist, das von außen keiner großen Nahrung und keiner aus dem Leben gezogenen Erfahrung bedarf. Aber freilich eine Erscheinung wie Mozart bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu[17] erklären ist. Doch wie wollte die Gottheit überall Wunder zu thun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen, und nicht begreifen woher sie kommen!«
1831, 15. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Ich erzähle ihm vom Theater: er lobt das gestrige Stück, ›Heinrich der Dritte‹ von Dumas, als ganz vortrefflich, findet jedoch natürlich, daß es für das Publikum nicht die rechte Speise gewesen. »Ich hätte es unter meiner Direction nicht zu bringen gewagt,« sagte er; »denn ich erinnere mich noch gar wohl, was wir mit dem ›Standhaften Prinzen‹ für Noth gehabt, um ihn beim Publikum einzuschwärzen, der doch noch weit menschlicher und poetischer ist und im Grunde weit näher liegt als ›Heinrich der Dritte‹.«
Ich rede vom ›Groß-Kophta‹ den ich in diesen Tagen abermals gelesen. Ich gehe die einzelnen Scenen gesprächsweise durch und schließe mit dem Wunsch, es einmal auf der Bühne zu sehen.
»Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »daß Ihnen das Stück gefällt, und daß Sie herausfinden was ich hineingearbeitet habe. Es war im Grunde keine geringe[18] Operation, ein ganz reales Factum erst poetisch und dann theatralisch zu machen. Und doch werden Sie zugeben, daß das Ganze recht eigentlich für die Bühne gedacht ist. Schiller war auch sehr für das Stück, und wir haben es einmal gegeben, wo es sich denn für höhere Menschen wirklich brillant machte. Für das Publikum im Allgemeinen jedoch ist es nicht; die behandelten Verbrechen behalten immer etwas Apprehensives, wobei es den Leuten nicht heimlich ist. Es fällt seinem verwegenen Charakter nach ganz in den Kreis der ›Clara Gazul‹, und der französische Dichter könnte mich wirklich beneiden, daß ich ihm ein so gutes Sujet weggenommen. Ich sage: ein so gutes Sujet; denn im Grunde ist es nicht bloß von sittlicher, sondern auch von großer historischer Bedeutung; das Factum geht der Französischen Revolution unmittelbar voran und ist davon gewissermaßen das Fundament. Die Königin, der fatalen Halsbandgeschichte so nahe verflochten, verlor ihre Würde, ja ihre Achtung, und so hatte sie denn in der Meinung des Volks den Standpunkt verloren, um unantastbar zu sein. Der Haß schadet niemanden, aber die Verachtung ist es, was den Menschen stürzt. Kotzebue wurde lange gehaßt, aber damit der Dolch des Studenten sich an ihn wagen konnte, mußten ihn gewisse Journale erst verächtlich machen.«
1831, 17. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Ich bringe ihm seinen ›Aufenthalt in Karlsbad‹ vom Jahre 1807, dessen Redaction ich am Morgen beendigt. Wir reden über kluge Stellen, die darin als flüchtige Tagesbemerkungen vorkommen. »Man meint immer,« sagte Goethe lachend, »man müsse alt werden um gescheidt zu sein; im Grunde aber hat man bei zunehmenden Jahren zu thun, sich so klug zu erhalten als man gewesen ist. Der Mensch wird in seinen verschiedenen Lebensstufen wohl ein anderer, aber er kann nicht sagen, daß er ein besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem zwanzigsten Jahre recht haben als in seinem sechzigsten.
Man sieht freilich die Welt anders in der Ebene, anders auf den Höhen des Vorgebirgs, und anders auf den Gletschern des Urgebirgs. Man sieht auf dem einen Standpunkt ein Stück Welt mehr als auf dem andern; aber das ist auch alles, und man kann nicht sagen, daß man auf dem einen mehr recht hätte als auf dem andern. Wenn daher ein Schriftsteller aus verschiedenen Stufen seines Lebens Denkmale zurückläßt, so kommt es vorzüglich darauf an, daß er ein angeborenes Fundament und Wohlwollen besitze, daß er auf jeder Stufe rein gesehen und empfunden, und daß er ohne Nebenzwecke gerade und treu gesagt habe[20] wie er gedacht. Dann wird sein Geschriebenes, wenn es auf der Stufe recht war, wo es entstanden, auch ferner recht bleiben, der Autor mag sich auch später entwickeln und verändern wie er wolle.«
Ich gab diesen guten Worten meine vollkommene Beistimmung. »Es kam mir in diesen Tagen ein Blatt Maculatur in die Hände,« fuhr Goethe fort, »das ich las. Hm! sagte ich zu mir selber, was da geschrieben steht, ist gar nicht so unrecht, du denkst auch nicht anders und würdest es auch nicht viel anders gesagt haben. Als ich aber das Blatt recht besehe, war es ein Stück aus meinen eigenen Werken; denn da ich immer vorwärts strebe, so vergesse ich was ich geschrieben habe, wo ich denn sehr bald in den Fall komme, meine Sachen als etwas durchaus Fremdes anzusehen.«
Ich erkundigte mich nach dem ›Faust‹, und wie er vorrücke. »Der läßt mich nun nicht wieder los,« sagte Goethe, »ich denke und erfinde täglich daran fort. Ich habe nun auch das ganze Manuscript des zweiten Theils heute heften lassen, damit es mir als eine sinnliche Masse vor Augen sei. Die Stelle des fehlenden vierten Actes habe ich mit weißem Papier ausgefüllt, und es ist keine Frage, daß das Fertige anlockt und reizt, um das zu vollenden, was noch zu thun ist. Es liegt in solchen sinnlichen Dingen mehr als man denkt, und man muß dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hilfe kommen.«
[21] Goethe ließ den gehefteten neuen ›Faust‹ hereinbringen, und ich war erstaunt über die Masse des Geschriebenen, das im Manuscript als ein guter Folioband mir vor Augen war.
»Es ist doch alles –« sagte ich – »seit den sechs Jahren gemacht, die ich hier bin, und doch haben Sie bei dem andern Vielen, was seitdem geschehen, nur sehr wenige Zeit darauf verwenden können. Man sieht aber, wie etwas heranwächst, wenn man auch nur hin und wieder etwas hinzuthut.«
»Davon überzeugt man sich besonders wenn man älter wird,« sagte Goethe, »während die Jugend glaubt es müsse alles an Einem Tage geschehen. Wenn aber das Glück mir günstig ist, und ich mich ferner wohl befinde, so hoffe ich in den nächsten Frühlingsmonaten am vierten Act sehr weit zu kommen. Es war auch dieser Act, wie Sie wissen, längst erfunden, allein da sich das Übrige während der Ausführung so sehr gesteigert hat, so kann ich jetzt von der frühern Erfindung nur das Allgemeinste brauchen, und ich muß nun auch dieses Zwischenstück durch neue Erfindungen so heranheben, daß es dem andern gleich werde.«
»Es kommt doch in diesem zweiten Theil –« sagte ich – »eine weit reichere Welt zur Erscheinung als im ersten.«
»Ich sollte denken,« sagte Goethe. »Der erste Theil ist fast ganz subjectiv; es ist alles aus einem befangenern, leidenschaftlichern Individuum hervorgegangen[22] welches Halbdunkel den Menschen auch so wohlthun mag. Im zweiten Theile aber ist fast gar nichts Subjectives, es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere, leidenschaftlosere Welt, und wer sich nicht etwas umgethan und einiges erlebt hat, wird nichts damit anzufangen wissen.«
»Es sind darin einige Denkübungen,« sagte ich, »und es möchte auch mitunter einige Gelehrsamkeit erfordert werden. Es ist mir nur lieb, daß ich Schellings Büchlein über die Kabiren gelesen, und daß ich nun weiß, wohin Sie in jener famosen Stelle der ›Classischen Walpurgisnacht‹ deuten.«
»Ich habe immer gefunden,« sagte Goethe lachend, »daß es gut sei, etwas zu wissen.«
1831, 18. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Wir reden über verschiedene Regierungsformen, und es kommt zur Sprache, welche Schwierigkeiten ein zu großer Liberalismus habe, indem er die Anforderungen der einzelnen hervorrufe, und man vor lauter Wünschen zuletzt nicht wisse, welche man befriedigen solle. Man werde finden, daß man von oben herab mit zu großer Güte, Milde und moralischer Delicatesse auf die Länge nicht durchkomme, indem man eine gemischte und mitunter verruchte Welt [23] zu behandeln und in Respect zu erhalten habe. Es wird zugleich erwähnt, daß das Regierungsgeschäft ein sehr großes Metier sei, das den ganzen Menschen verlange, und daß es daher nicht gut, wenn ein Regent zu große Nebenrichtungen, wie z.B. eine vorwaltende Tendenz zu den Künsten, habe, wodurch nicht allein das Interesse des Fürsten, sondern auch die Kräfte des Staats gewissen nöthigern Dingen entzogen würden. Eine vorwaltende Neigung zu den Künsten sei mehr die Sache reicher Privatleute.
Goethe erzählte mir sodann, daß seine ›Metamor phose der Pflanzen‹ mit Sorets Übersetzung gut vorrücke, und daß ihm bei der jetzigen nachträglichen Bearbeitung dieses Gegenstandes, besonders der Spirale, ganz unerwartet günstige Dinge von außen zu Hilfe kommen. »Wir beschäftigen uns,« sagte er, »wie Sie wissen, mit dieser Übersetzung schon länger als seit einem Jahre, es sind tausend Hindernisse dazwischengetreten, das Unternehmen hat oft ganz widerwärtig gestockt, und ich habe es oft im Stillen verwünscht. Nun aber komme ich in den Fall, alle diese Hindernisse zu verehren, indem im Laufe dieser Zögerungen außerhalb, bei andern trefflichen Menschen, Dinge herangereift sind, die jetzt als das schönste Wasser auf meine Mühle mich über alle Begriffe weiter bringen und meine Arbeit einen Abschluß erlangen lassen, wie es vor einem Jahre nicht wäre denkbar gewesen. Dergleichen ist mir in meinem Leben öfter begegnet, und man kommt [24] dahin, in solchen Fällen an eine höhere Einwirkung, an etwas Dämonisches zu glauben, das man anbetet, ohne sich anzumaßen es weiter erklären zu wollen.«
1831, 19. Februar.
Bei Goethe zu Tische mit Hofrath Vogel. Goethen war eine Broschüre [von Lappenberg] über die Insel Helgoland zugekommen, worin er mit großem Interesse las und uns das Wesentlichste daraus mittheilte.
Nach den Gesprächen über eine so eigenthümliche Localität kamen ärztliche Dinge an die Reihe, und Vogel erzählte als das Neueste des Tages von den natürlichen Blattern, die trotz aller Impfung mit einem Male wieder in Eisenach hervorgebrochen seien und in kurzer Zeit bereits viele Menschen hingerafft hätten.
»Die Natur,« sagte Vogel, »spielt einem doch immer einmal wieder einen Streich, und man muß sehr aufpassen, wenn eine Theorie gegen sie ausreichen soll. Man hielt die Schutzblattern so sicher und so untrüglich, daß man ihre Einimpfung zum Gesetz machte; nun aber dieser Vorfall in Eisenach, wo die Geimpften von den natürlichen dennoch befallen worden, macht die Unfehlbarkeit der Schutzblattern verdächtig und schwächt die Motive für das Ansehen des Gesetzes.«
[25] »Dennoch aber –« sagte Goethe – »bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe, indem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohlthaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen.«
»Ich bin auch der Meinung,« sagte Vogel, »und möchte sogar behaupten, daß in allen solchen Fällen, wo die Schutzblattern vor den natürlichen nicht gesichert, die Impfung mangelhaft gewesen ist. Soll nämlich die Impfung schützen, so muß sie so stark sein, daß Fieber entsteht; ein bloßer Hautreiz ohne Fieber schützt nicht. Ich habe daher heute in der Session den Vorschlag gethan, eine verstärkte Impfung der Schutzblattern allen im Lande damit Beauftragten zur Pflicht zu machen.«
»Ich hoffe, daß Ihr Vorschlag durchgegangen ist,« sagte Goethe, »sowie ich immer dafür bin, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgiebt als billig.«
Es kam sodann zur Sprache, daß man jetzt auch in der Zurechnungsfähigkeit der Verbrecher anfange weich und schlaff zu werden, und daß ärztliche Zeugnisse und Gutachten oft dahin gehen, dem Verbrecher an der verwirkten Strafe vorbei zu helfen. Bei dieser Gelegenheit lobte Vogel einen jungen Physicus, der in ähnlichen Fällen immer Charakter zeige, und der noch kürzlich bei dem Zweifel eines Gerichts, ob eine [26] gewisse Kindesmörderin für zurechnungsfähig zu halten, sein Zeugniß dahin ausgestellt habe, daß sie es allerdings sei.
1831, 20. Februar.
Mit Goethe zu Tische. Er eröffnet mir, daß er meine Beobachtung über die blauen Schatten im Schnee, daß sie nämlich aus dem Wiederschein des blauen Himmels entstehen, geprüft habe und für richtig anerkenne. »Es kann jedoch beides zugleich wirken,« sagte er, »und die durch das gelbliche Licht erregte Forderung kann die blaue Erscheinung verstärken.« Ich gebe dieses vollkommen zu und freue mich, daß Goethe mir endlich beistimmt.
»Es ärgert mich nur,« sagte ich, »daß ich meine Farbenbeobachtungen am Monte-Rosa und Montblanc nicht an Ort und Stelle im Detail niedergeschrieben habe. Das Hauptresultat jedoch war, daß in einer Entfernung von achtzehn bis zwanzig Stunden mittags bei der hellsten Sonne der Schnee gelb, ja röthlichgelb erschien, während die schneefreien dunkeln Theile des Gebirgs im entschiedensten Blau herübersahen. Das Phänomen überraschte mich nicht, indem ich mir hatte vorhersagen können, daß die gehörige Masse von zwischenliegender Trübe dem die Mittagssonne reflectirenden [27] weißen Schnee einen tiefgelben Ton geben würde, aber das Phänomen freute mich besonders aus dem Grunde, weil es die irrige Ansicht einiger Naturforscher, daß die Luft eine blaufärbende Eigenschaft besitze, so ganz entschieden widerlegt; denn wäre die Luft in sich bläulich, so hätte eine Masse von zwanzig Stunden, wie sie zwischen mir und dem Monte-Rosa lag, den Schnee müssen hellblau oder weißbläulich durchscheinen lassen, aber nicht gelb und gelbröthlich.«
»Die Beobachtung,« sagte Goethe, »ist von Bedeutung und widerlegt jenen Irrthum durchaus.«
»Imgrunde –« sagte ich – »ist die Lehre vom Trüben sehr einfach, sodaß man gar zu leicht zu dem Glauben verführt wird, man könne sie einem andern in wenig Tagen und Stunden überliefern; das Schwierige aber ist, nun mit dem Gesetz zu operiren und ein Urphänomen in tausendfältig bedingten und verhüllten Erscheinungen immer wiederzuerkennen.«
»Ich möchte es dem Whist vergleichen,« sagte Goethe, »dessen Gesetze und Regeln auch gar leicht zu überliefern sind, das man aber sehr lange gespielt haben muß, um darin ein Meister zu sein. Überhaupt lernt Niemand etwas durch bloßes Anhören, und wer sich in gewissen Dingen nicht selbst thätig bemüht, weiß die Sachen nur oberflächlich und halb.«
Goethe erzählte mir sodann von dem Buche eines jungen Physikers [Vaucher, Histoire philosophique des plantes d'Europe], das er loben müsse wegen der Klarheit, [28] mit der es geschrieben, und dem er die theologische Richtung gern nachsehe.
»Es ist dem Menschen natürlich,« sagte Goethe, »sich als das Ziel der Schöpfung zu betrachten und alle übrigen Dinge nur in Bezug auf sich und insofern sie ihm dienen und nützen. Er bemächtigt sich der vegetabilischen und animalischen Welt, und indem er andere Geschöpfe als passende Nahrung verschlingt, erkennt er seinen Gott und preist dessen Güte, die so väterlich für ihn gesorgt. Der Kuh nimmt er die Milch, der Biene den Honig, dem Schaf die Wolle, und indem er den Dingen einen ihm nützlichen Zweck giebt, glaubt er auch, daß sie dazu sind geschaffen worden. Ja, er kann sich nicht denken, daß nicht auch das kleinste Kraut für ihn da sei, und wenn er dessen Nutzen noch gegenwärtig nicht erkannt hat, so glaubt er doch, daß solches sich künftig ihm gewiß entdecken werde.
Und wie der Mensch nun im allgemeinen denkt, so denkt er auch im Besondern, und er unterläßt nicht, seine gewohnte Ansicht aus dem Leben auch in die Wissenschaft zu tragen und auch bei den einzelnen Theilen eines organischen Wesens nach deren Zweck und Nutzen zu fragen.
Dies mag auch eine Weile gehen, und er mag auch in der Wissenschaft eine Weile damit durchkommen, allein gar bald wird er auf Erscheinungen stoßen, wo er mit einer so kleinen Ansicht nicht ausreicht, [29] und wo er ohne höhern Halt sich in lauter Widersprüchen verwickelt.
Solche Nützlichkeitslehrer sagen wohl: der Ochse habe Hörner, um sich damit zu wehren. Nun frage ich aber: Warum hat das Schaf keine? und wenn es welche hat, warum sind sie ihm um die Ohren gewickelt, sodaß sie ihm zu nichts dienen?
Etwas anderes aber ist es, wenn ich sage: Der Ochse wehrt sich mit seinen Hörnern, weil er sie hat.
Die Frage nach dem Zweck, die Frage Warum? ist durchaus nicht wissenschaftlich. Etwas weiter aber kommt man mit der Frage Wie? Denn wenn ich frage: Wie hat der Ochse Hörner? so führt mich das auf die Betrachtung seiner Organisation und belehrt mich zugleich, warum der Löwe keine Hörner hat und haben kann.
So hat der Mensch in seinem Schädel zwei unausgefüllte hohle Stellen. Die Frage Warum? würde hier nicht weit reichen, wogegen aber die Frage Wie? mich belehrt, daß diese Höhlen Reste des thierischen Schädels sind, die sich bei solchen geringen Organisationen in stärkerm Maße befinden, und die sich beim Menschen trotz seiner Höhe noch nicht ganz verloren haben.
Die Nützlichkeitslehrer würden glauben, ihren Gott zu verlieren, wenn sie nicht den anbeten sollen, der dem Ochsen die Hörner gab damit er sich vertheidige. Mir aber möge man erlauben, daß ich den verehre, [30] der in dem Reichthum seiner Schöpfung so groß war, nach tausendfältigen Pflanzen noch eine zu machen, worin alle übrigen enthalten, und nach tausendfältigen Thieren ein Wesen, das sie alle enthält: den Menschen.
Man verehre ferner den, der dem Vieh sein Futter giebt und dem Menschen Speise und Trank so viel er genießen mag, ich aber bete den an, der eine solche Productionskraft in die Welt gelegt hat, daß, wenn nur der millionteste Theil davon ins Leben tritt, die Welt von Geschöpfen wimmelt, sodaß Krieg, Pest, Wasser und Brand ihr nichts anzuhaben vermögen. Das ist mein Gott!«
1831, 21. Februar.
Goethe lobte sehr die neueste Rede von Schelling [›an die Studirenden der Ludwig-Maximilians-Universität... am Abend des 30. Decembers 1830‹], womit dieser die Münchener Studenten beruhigt. »Die Rede,« sagte er, »ist durch und durch gut, und man freut sich einmal wieder über das vorzügliche Talent, das wir lange kannten und verehrten. Es war in diesem Falle ein trefflicher Gegenstand und ein redlicher Zweck, wo ihm denn das Vorzüglichste gelungen ist. Könnte man von dem Gegenstande und Zweck seiner Kabirenschrift dasselbige sagen, so würden wir ihn auch da rühmen [31] müssen; denn seine rhetorischen Talente und Künste hat er auch da bewiesen.«
Schelling's ›Kabiren‹ brachten das Gespräch auf die ›Classische Walpurgisnacht‹, und wie sich diese von den Brockenscenen des ersten Theils unterscheide.
»Die alte Walpurgisnacht,« sagte Goethe, »ist monarchisch, indem der Teufel dort überall als entschiedenes Oberhaupt respectirt wird; die classische aber ist durchaus republicanisch, indem alles in der Breite nebeneinander steht, sodaß der eine so viel gilt wie der andere, und niemand sich subordinirt und sich um den andern bekümmert.«
»Auch –« sagte ich – »sondert sich in der classischen alles in scharf umrissene Individualitäten, während auf dem deutschen Blocksberg jedes einzelne sich in eine allgemeine Hexenmasse auflöst.«
»Deshalb,« sagte Goethe, »weiß auch der Mephistopheles, was es zu bedeuten hat, wenn der Homunculus, ihm von thessalischen Hexen redet. Ein guter Kenner des Alterthums wird bei dem Worte thessalische Hexen sich auch einiges zu denken vermögen, während es dem Ungelehrten ein bloßer Name bleibt.«
»Das Alterthum –« sagte ich – »mußte Ihnen doch sehr lebendig sein, um alle jene Figuren wieder so frisch ins Leben treten zu lassen und sie mit solcher Freiheit zu gebrauchen und zu behandeln, wie Sie es gethan haben.«
»Ohne eine lebenslängliche Beschäftigung mit der[32] bildenden Kunst,« sagte Goethe, »wäre es mir nicht möglich gewesen. Das Schwierigste indessen war, sich bei so großer Fülle mäßig zu halten und alle solche Figuren abzulehnen, die nicht durchaus zu meiner Intention paßten. So habe ich z.B. von dem Minotaurus, den Harpyien und einigen andern Ungeheuern keinen Gebrauch gemacht.«
»Aber was Sie in jener Nacht erscheinen lassen,« sagte ich, »ist alles so zusammengehörig und so gruppirt, daß man es sich in der Einbildungskraft leicht und gern zurückruft und alles willig ein Bild macht. Die Maler werden sich so gute Anlässe auch gewiß nicht entgehen lassen; besonders freue ich mich, den Mephistopheles bei den Phorkyaden zu sehen, wo er im Profil die famöse Maske probirt.«
»Es stecken darin einige gute Späße,« sagte Goethe, »welche die Welt über kurz oder lang auf manche Weise benutzen wird. Wenn die Franzosen nur erst die ›Helena‹ gewahr werden und sehen, was daraus für ihr Theater zu machen ist! Sie werden das Stück wie es ist verderben, aber sie werden es zu ihren Zwecken klug gebrauchen, und das ist alles was man erwarten und wünschen kann. Der Phorkyas werden sie sicher einen Chor von Ungeheuern beigeben, wie es an einer Stelle auch bereits angedeutet ist.«
»Es käme darauf an,« sagte ich, »daß ein tüchtiger Poet von der romantischen Schule das Stück durchweg als Oper behandelte, und Rossini sein großes Talent [33] zu einer bedeutenden Composition zusammennähme, um mit der ›Helena‹ Wirkung zu thun. Denn es sind darin Anlässe zu prächtigen Decorationen, überraschenden Verwandlungen, glänzenden Costümen und reizenden Balleten, wie nicht leicht in einem andern Stück, ohne zu erwähnen, daß eine solche Fülle von Sinnlichkeit sich auf dem Fundament einer geistreichen Fabel bewegt, wie sie nicht leicht besser erfunden werden dürfte.«
»Wir wollen erwarten,« sagte Goethe, »was uns die Götter Weiteres bringen. Es läßt sich in solchen Dingen nichts beschleunigen. Es kommt darauf an, daß es den Menschen aufgehe, und daß Theaterdirectoren, Poeten und Componisten darin ihren Vortheil gewahr werden.«
1831, 22. Februar.
[Eckermann erfährt vom Oberconsistorialrath Schwabe die vielseitige Thätigkeit desselben, namentlich seine Erfolge als Schriftsteller im Schulfach.]
Darauf, mit Goethe zu Tische, rede ich über Schwabe, und Goethe stimmt in dessen Lob vollkommen ein. »Die Großherzogin,« sagte er, »schätzt ihn auch im hohen Grade, wie denn diese Dame überall recht gut weiß, was sie an den Leuten hat. Ich werde ihn zu meiner Portraitsammlung zeichnen lassen, und Sie [34] thun sehr wohl, ihn zu besuchen und ihn vorläufig um diese Erlaubniß zu bitten. Besuchen Sie ihn ja, zeigen Sie ihm Theilnahme an dem, was er thut und vorhat. Es wird für Sie von Interesse sein, in einen Wirkungskreis eigener Art hineinzublicken, wovon man doch ohne einen nähern Verkehr mit einem solchen Manne keinen rechten Begriff hat.«
Ich verspreche dieses zu thun, indem die Kenntniß praktisch thätiger, das Nützliche befördernder Menschen meine wahre Neigung ist.
1831, 23. Februar.
Vor Tische bei einem Spaziergange auf der Erfurter Chaussee begegnet mir Goethe, welcher halten läßt und mich in seinen Wagen nimmt. Wir fahren eine gute Strecke hinaus bis auf die Höhe neben das Tannenhölzchen und reden über naturhistorische Dinge.
Die Hügel und Berge waren mit Schnee bedeckt, und ich erwähne die große Zartheit des Gelben, und daß in der Entfernung von einigen Meilen, mittels zwischenliegender Trübe, ein Dunkles eher blau erscheine als ein Weißes gelb. Goethe stimmt mir zu, und wir sprechen sodann von der hohen Bedeutung der Urphänomene, hinter welchen man unmittelbar die Gottheit zu gewahren glaube.
[35] »Ich frage nicht,« sagte Goethe, »ob dieses höchste Wesen Verstand und Vernunft habe, sondern ich fühle, es ist der Verstand, es ist die Vernunft selber. Alle Geschöpfe sind davon durchdrungen, und der Mensch hat davon so viel, daß er Theile des Höchsten erkennen mag.«
Bei Tische kam das Bestreben gewisser Naturforscher zur Erwähnung, die, um die organische Welt zu durchschreiten, von der Mineralogie aufwärts gehen wollen. »Dieses ist ein großer Irrthum,« sagte Goethe. »In der mineralogischen Welt ist das Einfachste das Herrlichste, und in der organischen ist es das Complicirteste. Man sieht also, daß beide Welten ganz verschiedene Tendenzen haben, und daß von der einen zur andern keineswegs ein stufenartiges Fortschreiten stattfindet.«
1831, 24. Februar.
Bei Tische erzählt mir Goethe, daß Soret bei ihm gewesen, und daß sie in der Übersetzung der ›Metamorphose‹ einen hübschen Fortschritt gemacht.
»Das Schwierige bei der Natur« – sagte Goethe – »ist: das Gesetz auch da zu sehen, wo es sich uns verbirgt, und sich nicht durch Erscheinungen irre machen zu lassen, die unsern Sinnen widersprechen. Denn es[36] widerspricht in der Natur manches den Sinnen und ist doch wahr. Daß die Sonne stillstehe, daß sie nicht auf- und untergehe, sondern daß die Erde sich täglich in undenkbarer Geschwindigkeit herumwälze, widerspricht den Sinnen so stark wie etwas, aber doch zweifelt kein Unterrichteter, daß es so sei. Und so kommen auch widersprechende Erscheinungen im Pflanzenreiche vor, wobei man sehr auf seiner Hut sein muß, sich dadurch nicht auf falsche Wege leiten zu lassen.«
1831, 27. Februar.
»Karl X. und seine Minister waren verloren, als sie beim Antritt seiner Regierung die Presse freigaben. Probire doch einmal Holland und die Niederlande die Freiheit der Meereswogen und Bergströme zu proclamiren!«
1831, Februar oder März. (?)
Ich dachte Goethe über die Poesie seines Sohnes etwas Schönes zu sagen; er sagte: »Das ist nun so gekommen wie ein Pistolenschuß,« und schien eben keine Freude daran zu haben.
1831, 2. März.
Heute bei Goethe zu Tische kam das Gespräch bald wieder auf das Dämonische, und er fügte zu dessen näherer Bezeichnung noch Folgendes hinzu.
»Das Dämonische,« sagte er, »ist dasjenige, was[37] durch Verstand und Vernunft nicht auszulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.«
»Napoleon,« sagte ich, »scheint dämonischer Art gewesen zu sein.«
»Er war es durchaus,« sagte Goethe, »im höchsten Grade, sodaß kaum ein anderer ihm zu vergleichen ist. Auch der verstorbene Großherzog war eine dämonische Natur, voll unbegrenzter Thatkraft und Unruhe, sodaß sein eigenes Reich ihm zu klein war, und das größte ihm zu klein gewesen wäre. Dämonische Wesen solcher Art rechneten die Griechen unter die Halbgötter.«
»Erscheint nicht auch,« sagte ich, »das Dämonische in den Begebenheiten?«
»Ganz besonders,« sagte Goethe, »und zwar in allen, die wir durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen vermögen. Überhaupt manifestirt es sich auf die verschiedenste Weise in der ganzen Natur, in der unsichtbaren wie in der sichtbaren. Manche Geschöpfe sind ganz dämonischer Art, in manchen sind Theile von ihm wirksam.«
»Hat nicht auch,« sagte ich, »der Mephistopheles dämonische Züge?«
»Nein,« sagte Goethe; »der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen, das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Thatkraft.
Unter den Künstlern,« fuhr Goethe fort, »findet es sich mehr bei Musikern, weniger bei Malern. Bei [38] Paganini zeigt es sich im hohen Grade, wodurch er denn auch so große Wirkungen hervorbringt.«
Ich war sehr erfreut über alle diese Bezeichnungen, wodurch es mir nun deutlicher wurde, was Goethe sich unter dem Begriff des Dämonischen dachte.
Wir reden sodann viel über den vierten Band [von Goethes ›Aus meinem Leben‹, den er zur Durchsicht Eckermann mitgetheilt hatte], und Goethe bittet mich, aufzuzeichnen was noch daran möchte zu thun sein.
1831, 3. März.
Mittags mit Goethe. Er sah einige architektonische Hefte durch und meinte, es gehöre einiger Übermuth dazu, Paläste zu bauen, indem man nie sicher sei, wie lange ein Stein auf dem andern bleiben würde. »Wer in Zelten leben kann,« sagte er, »steht sich am besten. Oder wie gewisse Engländer thun, die von einer Stadt und einem Wirthshaus ins andere ziehen und überall eine hübsche Tafel gedeckt finden.«
1831, 6. März.
Mit Goethe zu Tische in mancherlei Unterhaltungen. Wir reden auch von Kindern und deren Unarten,[39] und er vergleicht sie den Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach von selber abfallen, und wobei man es nicht so genau und so streng zu nehmen brauche.
»Der Mensch,« sagte er, »hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besondern Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein anderer, von den frühern Tugenden und Fehlern ist keine Spur mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten. Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen, wie wir sein werden.«
Zum Nachtisch las Goethe mir sodann einige seit 1775 sich erhaltene Fragmente von ›Hanswurst's Hochzeit‹. Kilian Brustfleck eröffnet das Stück mit einem Monolog, worin er sich beklagt, daß ihm Hanswurst's Erziehung trotz aller Mühe so schlecht geglückt sei. Die Scene sowie alles Übrige war ganz im Tone des ›Faust‹ geschrieben. Eine gewaltige productive Kraft bis zum Übermuth sprach sich in jeder Zeile aus, und ich bedauerte bloß, daß es so über alle Grenzen hinausgehe, daß selbst die Fragmente sich nicht mittheilen lassen. Goethe las mir darauf den Zettel der im Stück spielenden Personen, die fast drei Seiten füllten und sich gegen Hundert belaufen mochten. Es waren alle erdenklichen Schimpfnamen, mitunter von der derbsten [40] lustigsten Sorte, sodaß man nicht aus dem Lachen kam. Manche gingen auf körperliche Fehler und zeichneten eine Figur dermaßen, daß sie lebendig vor die Augen trat; andere deuteten auf die mannigfaltigsten Unarten und Laster und ließen einen tiefen Blick in die Breite der unsittlichen Welt voraussetzen. Wäre das Stück zu Stande gekommen, so hätte man die Erfindung bewundern müssen, der es geglückt, so mannigfaltige symbolische Figuren in eine einzige lebendige Handlung zu verknüpfen.
»Es war nicht zu denken, daß ich das Stück hätte fertig machen können,« sagte Goethe, »indem es einen Gipfel von Muthwillen voraussetzte, der mich wohl augenblicklich anwandelte, aber im Grunde nicht in dem Ernst meiner Natur lag und auf dem ich mich also nicht halten konnte. Und dann sind in Deutschtand unsere Kreise zu beschränkt, als daß man mit so etwas hätte hervortreten können. Auf einem breiten Terrain wie Paris mag dergleichen sich herumtummeln, sowie man auch dort wohl ein Béranger sein kann, welches in Frankfurt oder Weimar gleichfalls nicht zu denken wäre.«
1831, um 8. März.
Am 4. März sollte mich ein harter Schlag treffen: mein geliebter Vater starb nach langen, schweren Leiden...
[41] Erst nach mehreren Tagen ließ mich Goethe zu sich kommen. Er empfing mich mit ernstem Gesicht und sagte: »Ich habe einen alten Getreuen, Du hast einen trefflichen Vater verloren. Genug!« Und mit einem Händedruck und raschem Lebewohl entließ er mich.
1831, 8. März.
Heute mit Goethe zu Tische erzählte er mir zunächst, daß er den ›Ivanhoe‹ lese. »Walter Scott ist ein großes Talent,« sagte er, »das nicht seines Gleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er giebt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganz neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.«
Wir sprachen sodann über den vierten Band der Biographie und waren im Hin- und Widerreden über das Dämonische begriffen, ehe wir es uns versahen.
»In der Poesie«, sagte Goethe, »ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt.
Desgleichen ist es in der Musik im höchsten Grade, denn sie steht so hoch, daß kein Verstand ihr beikommen kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die Alles [42] beherrscht und von der Niemand im Stande ist sich Rechenschaft zu geben. Der religiöse Cultus kann sie daher auch nicht entbehren; sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen wunderbar zu wirken.
So wirft sich auch das Dämonische gern in bedeutende Individuen, vorzüglich wenn sie eine hohe Stellung haben, wie Friedrich und Peter der Große.
Beim verstorbenen Großherzog war es in dem Grade, daß niemand ihm Widerstehen konnte. Er übte auf die Menschen eine Anziehung durch seine ruhige Gegenwart, ohne daß er sich eben gütig und freundlich zu erweisen brauchte. Alles, was ich auf seinen Rath unternahm, glückte mir, sodaß ich in Fällen, wo mein Verstand und meine Vernunft nicht hinreichte, ihn nur zu fragen brauchte was zu thun sei, wo er es denn instinctmäßig aussprach und ich immer im Voraus eines guten Erfolgs gewiß sein konnte.
Ihm wäre zu gönnen gewesen, daß er sich meiner Ideen und höhern Bestrebungen hätte bemächtigen können; denn wenn ihn der dämonische Geist verließ und nur das Menschliche zurückblieb, so wußte er mit sich nichts anzufangen und er war übel daran.
Auch in Byron mag das Dämonische in hohem Grade wirksam gewesen sein, weshalb er auch die Attrativa in großer Masse besessen, sodaß ihm denn besonders die Frauen nicht haben widerstehen können.«
»In die Idee vom Göttlichen,« sagte ich versuchend, [43] »scheint die wirkende Kraft, die wir das Dämonische nennen, nicht einzugehen.«
»Liebes Kind,« sagte Goethe, »was wissen wir denn von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn unsere engen Begriffe vom höchsten Wesen sagen! Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert Namen nennen, so würde ich doch noch zu kurz kommen und im Vergleich so grenzenloser Eigenschaften noch nichts gesagt haben.«
1831, 9. März.
Goethe fuhr heute fort mit der höchsten Anerkennung über Walter Scott zu reden.
»Man liest viel zu viel geringe Sachen,« sagte er, »womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich immer nur das lesen, was man bewundert, wie ich in meiner Jugend that, und wie ich es nun an Walter Scott erfahre. Ich habe jetzt den ›Rob Roy‹ angefangen und will so seine besten Romane hintereinander durchlesen. Da ist freilich alles groß: Stoff, Gehalt, Charaktere, Behandlung, und dann der unendliche Fleiß in den Vorstudien, sowie in der Ausführung die große Wahrheit des Details! Man sieht aber, was die englische Geschichte ist, und was es sagen will, wenn einem tüchtigen Poeten eine [44] solche Erbschaft zu Theil wird. Unsere deutsche Geschichte in fünf Bänden ist dagegen eine wahre Armuth, sodaß man auch nach dem ›Götz von Berlichingen‹ sogleich in's Privatleben ging und eine ›Agnes Bernauerin‹ [von v. Törring] und einen ›Otto von Wittelsbach‹ [von v. Babo] schrieb, womit freilich nicht viel gethan war.«
Ich erzählte, daß ich ›Daphnis und Chloe‹ [Schäferroman von Longos] lese und zwar in der Übersetzung von Courier. »Das ist auch ein Meisterstück,« sagte Goethe, »das ich oft gelesen und bewundert habe, worin Verstand, Kunst und Geschmack auf ihrem höchsten Gipfel erscheinen, und wogegen der gute Virgil freilich ein wenig zurücktritt. Das landschaftliche Local ist ganz im Poussin'schen Stil und erscheint hinter den Personen mit sehr wenigen Zügen vollendet.
Sie wissen, Courier hat in der Bibliothek zu Florenz eine neue Handschrift gefunden mit der Hauptstelle des Gedichts, welche die bisherigen Ausgaben nicht hatten. Nun muß ich bekennen, daß ich immer das Gedicht in seiner mangelhaften Gestalt gelesen und bewundert habe, ohne zu fühlen und zu bemerken, daß der eigentliche Gipfel fehlte. Es mag aber dieses für die Vortrefflichkeit des Gedichts zeugen, indem das Gegenwärtige uns so befriedigte, daß man an ein Abwesendes gar nicht dachte.«
Nach Tische zeigte Goethe mir eine von Coudray gezeichnete höchst geschmackvolle Thür des Dornburger Schlosses, mit einer lateinischen Inschrift, ungefähr [45] dahin lautend, daß der Einkehrende freundlich empfangen und bewirthet werden solle und man dem Vorbeiziehenden die glücklichsten Pfade wünsche.
Goethe hatte diese Inschrift in ein deutsches Distichon verwandelt und als Motto über einen Brief gesetzt, den er im Sommer 1828 nach dem Tode des Großherzogs bei seinem Aufenthalte in Dornburg an den Obersten v. Beulwitz geschrieben. Ich hatte von diesem Briefe damals viel im Publicum reden hören, und es war mir nun sehr lieb, daß Goethe mir ihn heute mit jener gezeichneten Thür vorlegte ..... Goethe legte den Brief und die Zeichnung in eine besondere Mappe zusammen.
1831, 10. März.
Diesen Mittag ein halbes Stündchen bei Goethe. Ich hatte ihm die Nachricht zu bringen, daß die Frau Großherzogin beschlossen habe, der Direction des hiesigen Theaters ein Geschenk von tausend Thalern zustellen zu lassen, um zur Ausbildung hoffnungsvoller junger Talente verwandt zu werden. Diese Nachricht machte Goethen, dem das fernere Gedeihen des Theaters am Herzen liegt, sichtbare Freude.
Sodann hatte ich einen Auftrag anderer Art mit ihm zu bereden. Es ist nämlich die Absicht der Frau [46] Großherzogin, den jetzigen besten deutschen Schriftsteller, insofern er ohne Amt und Vermögen wäre und bloß von den Früchten seines Talents leben müßte, nach Weimar berufen zu lassen und ihm hier eine sorgenfreie Lage zu bereiten, dergestalt, daß er die gehörige Muße fände, jedes seiner Werke zu möglichster Vollendung heranreisen zu lassen, und nicht in den traurigen Fall käme, aus Noth flüchtig und übereilt zu arbeiten, zum Nachtheil seines eigenen Talents und der Literatur.
»Die Intention der Frau Großherzogin,« erwiderte Goethe, »ist wahrhaft fürstlich, und ich beuge mich vor ihrer edeln Gesinnung, allein es wird sehr schwer halten, irgend eine passende Wahl zu treffen. Die vorzüglichsten unserer jetzigen Talente sind bereits durch Anstellung im Staatsdienst, Pensionen oder eigenes Vermögen in einer sorgenfreien Lage. Auch paßt nicht jeder hierher, und nicht jedem wäre wirklich damit geholfen. Ich werde indeß die edle Absicht im Auge behalten und sehen was die nächsten Jahre uns etwa Gutes bringen.«
1831, 11. März.
Mit Goethe zu Tische in mannigfaltigen Gesprächen. »Bei Walter Scott,« sagte er, »ist es eigen, daß eben sein großes Verdienst in Darstellung des Details ihn [47] oft zu Fehlern verleitet. So kommt im ›Ivanhoe‹ eine Scene vor, wo man Nachts in der Halle eines Schlosses zu Tische sitzt und ein Fremder hereintritt. Nun ist es zwar recht, daß er den Fremden von oben herab beschrieben hat, wie er aussieht und wie er gekleidet ist, allein es ist ein Fehler, daß er auch seine Füße, seine Schuhe und Strümpfe beschreibt. Wenn man Abends am Tische sitzt und Jemand hereintritt, so sieht man nur seinen obern Körper. Beschreibe ich aber die Füße, so tritt sogleich das Licht des Tages herein und die Scene verliert ihren nächtlichen Charakter.«
Ich fühlte das Überzeugende solcher Worte und merkte sie mir für künftige Fälle.
Goethe fuhr sodann fort mit großer Bewunderung über Walter Scott zu reden. Ich ersuchte ihn, seine Ansichten zu Papiere zu bringen, welches er jedoch mit dem Bemerken ablehnte, daß die Kunst in jenem Schriftsteller so hoch stehe, daß es schwer sei, sich darüber öffentlich mitzutheilen.
1831, 14. März.
Mit Goethe zu Tische, mit dem ich mancherlei berede. Ich muß ihm von der ›Stummen von Portici‹ [Dichtung von Scribe, Musik von Auber] erzählen, die [48] vorgestern gegeben worden, und es kommt zur Sprache, daß darin eigentlich gegründete Motive zu einer Revolution gar nicht zur Anschauung gebracht worden, welches jedoch den Leuten gefalle, indem nun jeder in die leergelassene Stelle das hineintrage, was ihm selber in seiner Stadt und seinem Lande nicht behagen mag. »Die ganze Oper,« sagte Goethe, »ist im Grunde eine Satire auf das Volk; denn wenn es den Liebeshandel eines Fischermädchens zur öffentlichen Angelegenheit macht und den Fürsten einen Tyrannen nennt, weil er eine Fürstin heirathet, so erscheint es doch wohl so absurd und so lächerlich wie möglich.«
Zum Nachtische zeigte Goethe mir Zeichnungen nach Berliner Redensarten, worunter die heitersten Dinge vorkommen, und woran die Mäßigkeit des Künstlers gelobt wurde, der an die Carricatur nur heran-, aber nicht wirklich hineingegangen.
1831, 16. März.
Mit Goethe zu Tische, dem ich das Manuscript vom vierten Band seines ›Lebens‹ zurückbringe und darüber mancherlei Gespräche habe.
Wir reden auch über den Schluß des ›Tell‹, und ich gebe mein Verwundern zu erkennen, wie Schiller den Fehler habe machen können, seinen Helden durch [49] das unedle Benehmen gegen den flüchtigen Herzog von Schwaben so herabsinken zu lassen, indem er über diesen ein hartes Gericht hält, während er sich selbst mit seiner eigenen That brüstet.
»Es ist kaum begreiflich,« sagte Goethe; »allein Schiller war dem Einfluß von Frauen unterworfen wie andere auch, und wenn er in diesem Fall so fehlen konnte, so geschah es mehr aus solchen Einwirkungen als aus seiner eigenen guten Natur.«
1831, 18. März.
Mit Goethe zu Tische. Ich bringe ihm ›Daphnis und Chloe‹, welches er einmal wieder zu lesen wünscht.
Wir reden über höhere Maximen, und ob es gut und ob es möglich sei, sie andern Menschen zu überliefern. »Die Anlage, das Höhere aufzunehmen,« sagte Goethe, »ist sehr selten, und man thut daher im gewöhnlichen Leben immer wohl, solche Dinge für sich zu behalten und davon nur so viel hervorzukehren, als nöthig ist um gegen die andern in einiger Avantage zu sein.
Wir berühren sodann den Punkt, daß viele Menschen, besonders Kritiker und Poeten, das eigentlich Große ganz ignoriren und dagegen auf das Mittlere einen außerordentlichen Werth legen.
[50] Der Mensch,« sagte Goethe, »erkennt nur das an und preist nur das, was er selber zu machen fähig ist, und da nun gewisse Leute in dem Mittleren ihre eigentliche Existenz haben, so gebrauchen sie den Pfiff, daß sie das wirklich Tadelnswürdige in der Literatur, was jedoch immer einiges Gute haben mag, durchaus schelten und ganz tief herabsetzen, damit das Mittlere, was sie anpreisen, auf einer desto größern Höhe erscheine.«
Ich merkte mir dieses, damit ich wissen möchte, was ich von dergleichen Verfahren künftig zu denken.
Wir sprachen sodann von der ›Farbenlehre‹, und daß gewisse deutsche Professoren noch immer fortfahren ihre Schüler davor als vor einem großen Irrthum zu warnen.
»Es thut mir nur um manchen guten Schüler leid,« sagte Goethe, »mir selbst aber kann es völlig einerlei sein; denn meine Farbenlehre ist so alt wie die Welt und wird aufdielänge nicht zu verleugnen und beiseite zu bringen sein.«
Goethe erzählte mir sodann, daß er mit seiner neuen Ausgabe der ›Metamorphose der Pflanzen‹ und Soret's immer besser gelingenden Übersetzung gut fortschreite. »Es wird ein merkwürdiges Buch werden,« sagte er, »indem darin die verschiedensten Elemente zu einem Ganzen verarbeitet werden. Ich lasse darin einige Stellen von bedeutenden jungen Naturforschern eintreten, wobei es erfreulich ist, zu sehen, daß sich jetzt in Deutschland unter den Bessern ein so guter Stil [51] gebildet hat, daß man nicht mehr weiß, ob der eine redet oder der andere. Das Buch macht mir indeß mehr Mühe als ich dachte; auch bin ich Anfangs fast wider Willen in das Unternehmen hereingezogen, allein es herrschte dabei etwas Dämonisches ob, dem nicht zu widerstehen war.«
»Sie haben wohl gethan,« sagte ich, »solchen Einwirkungen nachzugeben; denn das Dämonische scheint so mächtiger Natur zu sein, daß es am Ende doch recht behält.«
»Nur muß der Mensch« – versetzte Goethe – »auch wiederum gegen das Dämonische recht zu behalten suchen, und ich muß im gegenwärtigen Fall dahin trachten, durch allen Fleiß und Mühe meine Arbeit so gut zu machen, als in meinen Kräften steht und die Umstände es mir anbieten. Es ist in solchen Dingen wie mit dem Spiel, was die Franzosen Toccadille1 nennen, wobei zwar die geworfenen Würfel viel entscheiden, allein wo es der Klugheit des Spielenden überlassen bleibt, nun auch die Steine im Bret geschickt zu setzen.«
1 Nicht: Codille.
1831, 20. März.
Goethe erzählte mir bei Tische, daß er in diesen Tagen ›Daphnis und Chloe‹ gelesen.
»Das Gedicht ist so schön,« sagte er, »daß man [52] den Eindruck davon, bei den schlechten Zuständen, in denen man lebt, nicht in sich behalten kann, und daß man immer vonneuem erstaunt, wenn man es wieder liest. Es ist darin der hellste Tag, und man glaubt lauter herculanische Bilder zu sehen, sowie auch diese Gemälde auf das Buch zurückwirken und unserer Phantasie beim Lesen zu Hilfe kommen.«
»Mir hat,« sagte ich, »eine gewisse Abgeschlossenheit sehr wohl gethan, worin alles gehalten ist. Es kommt kaum eine fremde Anspielung vor, die uns aus dem glücklichen Kreise herausführte. Von Gottheiten sind bloß Pan und die Nymphen wirksam, eine andere wird kaum genannt, und man sieht auch, daß das Bedürfniß der Hirten an diesen Gottheiten genug hat.«
»Und doch, bei aller mäßigen Abgeschlossenheit,« sagte Goethe, »ist darin eine vollständige Welt entwickelt. Wir sehen Hirten aller Art, Feldbautreibende, Gärtner, Winzer, Schiffer, Räuber, Krieger und vornehme Städter, große Herren und Leibeigene.«
»Auch erblicken wir darin,« sagte ich, »den Menschen auf allen seinen Lebensstufen, von der Geburt herauf bis in's Alter; auch alle häuslichen Zustände, wie die wechselnden Jahreszeiten sie mit sich führen, gehen an unsern Augen vorüber.«
»Und nun die Landschaft!« sagte Goethe, »die mit wenigen Strichen so entschieden gezeichnet ist, daß wir in der Höhe hinter den Personen Weinberge, Äcker und Obstgärten sehen, unten die Weideplätze mit dem Fluß [53] und einwenig Waldung, sowie das ausgedehnte Meer in der Ferne. Und keine Spur von trüben Tagen, von Nebel, Wolken und Feuchtigkeit, sondern immer der blaueste reinste Himmel, die anmuthigste Luft und ein beständig trockener Boden, sodaß man sich überall nackend hinlegen möchte.
Das ganze Gedicht,« fuhr Goethe fort, »verräth die höchste Kunst und Cultur. Es ist so durchdacht, daß darin kein Motiv fehlt und alle von der gründlichsten besten Art sind, wie z. B. das von dem Schatz bei dem stinkenden Delphin am Meeresufer. Und ein Geschmack und eine Vollkommenheit und Delicatesse der Empfindung, die sich dem Besten gleichstellt, das je gemacht worden! Alles Widerwärtige, was von außen in die glücklichen Zustände des Gedichts störend hereintritt, wie Überfall, Raub und Krieg, ist immer auf das Schnellste abgethan und hinterläßt kaum eine Spur. Sodann das Laster erscheint im Gefolg der Städter, und zwar auch dort nicht in den Hauptpersonen, sondern in einer Nebenfigur, in einem Untergebenen. Das ist Alles von der ersten Schönheit.«
»Und dann,« sagte ich, »hat mir so wohl gefallen, wie das Verhältniß der Herren und Diener sich ausspricht. In erstern die humanste Behandlung, und in letztern bei aller naiven Freiheit doch der große Respect und das Bestreben, sich bei dem Herrn auf alle Weise in Gunst zu setzen. So sucht denn auch der junge Städter, der sich dem Daphnis durch das Ansinnen [54] einer unnatürlichen Liebe verhaßt gemacht hat, sich bei diesem, da er als Sohn des Herrn erkannt ist, wieder in Gnade zu bringen, indem er den Ochsenhirten die geraubte Chloe auf eine kühne Weise wieder abjagt und zu Daphnis zurückführt.«
»In allen diesen Dingen,« sagte Goethe, »ist ein großer Verstand; so auch, daß Chloe gegen den beiderseitigen Willen der Liebenden, die nichts Besseres kennen als nackt nebeneinander zu ruhen, durch den ganzen Roman bis an's Ende ihre Jungfrauschaft behält, ist gleichfalls vortrefflich und so schön motivirt, daß dabei die größten menschlichen Dinge zur Sprache kommen.
Man müßte ein ganzes Buch schreiben, um alle großen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen. Man thut wohl, es alle Jahre einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit aufs Neue zu empfinden.«
1831, 21. März.
Wir sprachen über politische Dinge, über die noch immer fortwährenden Unruhen in Paris und den Wahn der jungen Leute, in die höchsten Angelegenheiten des Staates mit einwirken zu wollen.
»Auch in England,« sagte ich, »haben die Studenten vor einigen Jahren bei Entscheidung der katholischen [55] Frage durch Einreichung von Bittschriften einen Einfluß zu erlangen versucht, allein man hat sie ausgelacht und nicht weiter davon Notiz genommen.«
»Das Beispiel von Napoleon,« sagte Goethe, »hat besonders in den jungen Leuten von Frankreich, die unter jenem Helden heraufwuchsen, den Egoismus aufgeregt, und sie werden nicht eher ruhen, als bis wieder ein großer Despot unter ihnen aufsteht, in welchem sie das auf der höchsten Stufe sehen, was sie selber zu sein wünschen. Es ist nur das Schlimme, daß ein Mann wie Napoleon nicht so bald wieder geboren wird, und ich fürchte fast, daß noch einige hunderttausend Menschen daraufgehen, ehe die Welt wieder zur Ruhe kommt.
An literarische Wirkung ist auf einige Jahre gar nicht zu denken, und man kann jetzt weiter nichts thun, als für eine friedlichere Zukunft im Stillen manches Gute vorzubereiten.«
Nach diesem wenigen Politischen waren wir bald wieder in Gesprächen über ›Daphnis und Chloe‹. Goethe lobte die Übersetzung von Courier als ganz vollkommen. »Courier hat wohl gethan,« sagte er, »die alte Übersetzung von Amyot zu respectiren und beizubehalten und sie nur an einigen Stellen zu verbessern und zu reinigen und näher an das Original hinanzutreiben. Dieses alte Französisch ist so naiv und paßt so durchaus für diesen Gegenstand, daß man nicht leicht eine vollkommenere Übersetzung in irgend einer andern Sprache von diesem Buche machen wird.«
[56] Wir redeten sodann von Courier's eigenen Werken, von seinen kleinen Flugschriften und der Vertheidigung des berüchtigten Tintenflecks auf dem Manuscript zu Florenz.
»Courier ist ein großes Naturtalent,« sagte Goethe, »das Züge von Byron hat sowie von Beaumarchais und Diderot. Er hat von Byron die große Gegenwart aller Dinge, die ihm als Argument dienen, von Beaumarchais die große advocatische Gewandtheit, von Diderot das Dialektische, und zudem ist er so geistreich, daß man es nicht in höherm Grade sein kann. Von der Beschuldigung des Tintenflecks scheint er sich indeß nicht ganz zu reinigen; auch ist er in seiner ganzen Richtung nicht positiv genug, als daß man ihn durchaus loben könnte. Er liegt mit der ganzen Welt im Streit, und es ist nicht wohl anzunehmen, daß nicht auch etwas Schuld und etwas Unrecht an ihm selber sein sollte.«
Wir redeten sodann über den Unterschied des deutschen Begriffs von Geist und des französischen esprit. »Das französische esprit,« sagte Goethe, »kommt dem nahe, was wir Deutschen Witz nennen. Unser Geist würden die Franzosen vielleicht durch esprit und âme ausdrücken; es liegt darin zugleich der Begriff von Productivität, welchen das französische esprit nicht hat.«
»Voltaire« – sagte ich – »hat doch nach deutschen Begriffen dasjenige, was wir Geist nennen. Und da nun [57] das französische esprit nicht hinreicht, was sagen nun die Franzosen?«
»In diesem hohen Falle,« sagte Goethe, »drücken sie es durch génie aus.«
»Ich lese jetzt einen Band von Diderot,« sagte ich, »und bin erstaunt über das außerordentliche Talent dieses Mannes. Und welche Kenntnisse, und welche Gewalt der Rede! Man sieht in eine große bewegte Welt, wo einer dem andern zu schaffen machte und Geist und Charakter so in beständiger Übung erhalten wurden, daß beide gewandt und stark werden mußten. Was aber die Franzosen im vorigen Jahrhundert in der Literatur für Männer hatten, erscheint ganz außerordentlich. Ich muß schon erstaunen, wie ich nur eben hineinblicke.«
»Es war die Metamorphose einer hundertjährigen Literatur,« sagte Goethe, »die seit Ludwig dem Vierzehnten heranwuchs und zuletzt in voller Blüthe stand. Voltaire hetzte aber eigentlich Geister wie Diderot, d'Alembert, Beaumarchais und andere herauf; denn um neben ihm nur etwas zu sein, mußte man viel sein, und es galt kein Feiern.«
Goethe erzählte mir sodann von einem jungen Professor der orientalischen Sprachen und Literatur in Jena [Stickel], der eine Zeit lang in Paris gelebt und eine so schöne Bildung habe, daß er wünsche, ich möchte ihn kennen lernen. Als ich ging, gab er mir einen [58] Aufsatz von Schrön über den zunächst kommenden Kometen, damit ich in solchen Dingen nicht ganz fremd sein möchte.1
1 Das folgende Stück läßt vermuthen, daß der letzte Absatz sich auf ein Gespräch vom 22. März bezieht.
1831, 22. März.
Gerade an demselben Monatstage, an welchem ein Jahr später der größte Dichtergeist unseres Volkes dieser Erde entschwebte, am 22. März 1831, war ich zum letzten Mal bei Goethe, indem ich, wieder nach damaliger Sitte, mich als neuernannten außerordentlichen Professor der Theologie dem Herrn Staatsminister glaubte vorstellen zu müssen. Auf meine Anmeldung brachte der Bediente die Antwort: Se. Excellenz sei zwar unwohl, ich möge aber heraufkommen.
Ich wurde in das etwas enge Gemach geleitet, welches nach dem Garten hinausgeht. Das Meublement mit dem Schreibtisch und dem Bücherregale darauf, das eine einzige Bücherreihe enthielt, war in hohem Grade einfach ausgestattet. Goethe saß seitwärts davon auf einem Stuhl und hatte das leidende Bein gerade ausgestreckt über einem zweiten Stuhl ruhend.
Meine leider allzukurze Aufzeichnung aus jener Zeit lautet unter dem angeführten Datum folgendermaßen: [59] ›Eine lange Zeit bei Goethe zugebracht; in seiner Studirstube saß er, an einem bösen Fußleidend. Er belobte die Weise, wie ich meine Wissenschaft trieb, und gab mir zum Abschied die Hand. Die letztere Erklärung der Siegelinschrift hatte ihm zugesagt.‹
Das Nähere ist mir von diesem letzten Beisammensein in guter Erinnerung geblieben. Die Unterhaltung bezog sich nämlich zunächst auf meine akademischen Vorlesungen, über deren Erfolg er mich befragte. Ich durfte berichten, daß mein Auditorium in den exegetischen Vorträgen gewöhnlich mit sechzig Zuhörern gefüllt sei, und daß ich mich bemühe, nach drei Gesichtspunkten das Alte Testament zu erläutern: zuerst durch genaue grammatisch-historische Interpretation des hebräischen Textes, dann den religiösen, theologischen Gehalt der einzelnen Stellen erörternd, und endlich Sach- und Gedankenparallelen aus den verwandten Literaturkreisen des Orients heranziehend; dieses, um den jungen Theologen einen freiern, weitern Blick über den engbeschränkten Horizont nur ihrer Fachstudien hinaus zu gewähren.
Die Unterhaltung wendete sich dann auf den ›Westöstlichen Diwan‹, über dessen Entstehung Goethe mittheilte: es seien Mißhelligkeiten eingetreten, die ihn zu dem Entschluß gebracht hätten, in ein fernes Land zu ziehen; so habe er sich nach Jena begeben und jene Schrift zubereitet. Er erzählte, daß er sich in seiner Jugend auch mit dem Hebräischen und ein wenig mit [60] Arabisch beschäftigt habe. Als ich dann meiner Bewunderung Ausdruck gab, wie vortrefflich und mustergültig seine Übersetzung des arabischen Heldengedichtes im ›Diwan‹ sei, richtete sich sein Haupt empor; obwohl sitzend, war es doch, als ob seine Gestalt größer und größer würde; in majestätischer Hoheit, wie ein olympischer Zeus, hob er an:
Unter dem Felsen am Wege
Erschlagen liegt er,
In dessen Blut
Kein Thau herabträuft. –
Mittags begannen wir Jünglinge
Den feindseligen Zug,
Zogen die Nacht hindurch,
Wie schwebende Wolken, ohne Ruh.
Jeder war ein Schwert,
Schwert umgürtet;
Aus der Scheide gerissen,
Ein glänzender Blitz.
Sie schlürften die Geister des Schlafes;
Aber wie sie mit den Köpfen nickten,
Schlugen wir sie,
Und sie waren dahin!
Während er diese Strophen mit volltönender Stimme recitirte, – für einen Greis in seinen Jahren welch' bewundernswürdig treues Gedächtniß! – war es, als ob sie sich ihm, wie einem vom poetischen Raptus Ergriffenen, neu erzeugten; seine Augen waren groß und weit geöffnet, Blitze schienen aus ihnen hervorzusprühen.[61] – Der Eindruck war in Wahrheit überwältigend und wird mir, so lange ich athme, unvergeßlich bleiben ....
Nachher bat er mich noch, ihm von Zeit zu Zeit etwas über meine Studien und Forschungen mitzutheilen. Aber wie ich beim Abschied seine dargebotene Hand zum ersten Mal berührte, sollte es auch zum letzten Mal sein.
1831, 22. März.
Goethe las mir zum Nachtisch Stellen aus einem Briefe eines jungen Freundes [Mendelssohn-Bartholdy] aus Rom. Einige deutsche Künstler erscheinen darin mit langen Haaren, Schnurrbärten, übergeklappten Hemdkragen auf altdeutschen Röcken, Tabakspfeifen und Bullenbeißern. Der großen Meister wegen und um etwas zu lernen scheinen sie nicht nach Rom gekommen zu sein. Rafael dünkt ihnen schwach, und Tizian bloß ein guter Colorist.
»Niebuhr hat Recht gehabt,« sagte Goethe, »wenn er eine barbarische Zeit kommen sah. Sie ist schon da, wir sind schon mitten darinne; denn worin besteht die Barbarei anders als darin, daß man das Vortreffliche nicht anerkennt?«
Der junge Freund erzählt sodann vom Carneval, von der Wahl des neuen Papstes und der gleich hinterdrein ausbrechenden Revolution.
[62] Wir sehen Horace Vernet, welcher sich ritterlich verschanzt, einige deutsche Künstler dagegen sich ruhig zu Hause halten und ihre Bärte abschneiden, woraus zu bemerken, daß sie sich bei den Römern durch ihr Betragen nicht eben sehr beliebt mögen gemacht haben.
Es kommt zur Sprache, ob die Verirrung, wie sie an einigen jungen deutschen Künstlern wahrzunehmen, von einzelnen Personen ausgegangen sei und sich als eine geistige Ansteckung verbreitet habe, oder ob sie in der ganzen Zeit ihren Ursprung gehabt.
»Sie ist von wenigen einzelnen ausgegangen,« sagte Goethe, »und wirkt nun schon seit vierzig Jahren fort. Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleichzuthun. Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd, und man ergriff sie mit beiden Händen. Denn um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von seiner Frau Mutter. Man kann nur etwas aussprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhangs in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein!«
1831, 25. März.
Goethe zeigte mir einen eleganten grünen Lehnstuhl, den er dieser Tage in einer Auction sich hatte kaufen lassen.
[63] »Ich werde ihn jedoch wenig oder gar nicht gebrauchen,« sagte er; »denn alle Arten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand. Ausgenommen daß man von Jugend auf daran gewöhnt ist, sind prächtige Zimmer und elegantes Hausgeräthe etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.«
1831, 27. März.
Das heiterste Frühlingswetter ist nach langem Erwarten endlich eingetreten ..... Goethe ließ in einem Pavillon am Garten decken, und so aßen wir denn heute wieder im Freien. Wir sprachen über die Großfürstin, wie sie im Stillen überallhin wirke und Gutes thue und sich die Herzen aller Unterthanen zu eigen mache.
»Die Großherzogin,« sagte Goethe, »hat so viel Geist und Güte als guten Willen; sie ist ein wahrer Segen für das Land. Und wie nun der Mensch überall bald empfindet woher ihm Gutes kommt, und wie [64] er die Sonne verehrt und die übrigen wohlthätigen Elemente, so wundert es mich auch nicht, daß alle Herzen sich ihr mit Liebe zuwenden, und daß sie schnell erkannt wird wie sie es verdient.«
Ich sagte, daß ich mit dem Prinzen ›Minna von Barnhelm‹ angefangen, und wie vortrefflich mir dieses Stück erscheine. »Man hat von Lessing behauptet,« sagte ich, »er sei ein kalter Verstandesmensch; ich finde aber in diesem Stück so viel Gemüth, liebenswürdige Natürlichkeit, Herz und freie Weltbildung eines heitern frischen Lebemenschen, als man nur wünschen kann.«
»Sie mögen denken,« sagte Goethe, »wie das Stück auf uns junge Leute wirkte, als es in jener dunkeln Zeit hervortrat! Es war wirklich ein glänzendes Meteor. Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existire, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte. Die beiden ersten Acte sind wirklich ein Meisterstück von Exposition, wovon man viel lernte und wovon man noch immer lernen kann.
Heutzutage will freilich niemand mehr etwas von Exposition wissen; die Wirkung, die man sonst im dritten Act erwartete, will man jetzt schon in der ersten Scene haben, und man bedenkt nicht, daß es mit der Poesie wie mit dem Seefahren ist, wo man erst vom Ufer stoßen und erst auf einer gewissen Höhe sein muß, bevor man mit vollen Segeln gehen kann.«
Goethe ließ etwas trefflichen Rheinwein kommen,[65] womit Frankfurter Freunde ihm zu seinem letzten Geburtstage ein Geschenk gemacht. Er erzählte mir dabei einige Anekdoten von Merck, der dem verstorbenen Großherzog nicht habe verzeihen können, daß er in der Ruhl bei Eisenach eines Tages einen mittelmäßigen Wein vortrefflich gefunden.
»Merck und ich,« fuhr Goethe fort, »waren immer miteinander wie Faust und Mephistopheles. So moquirte er sich über einen Brief meines Vaters aus Italien, worin dieser sich über die schlechte Lebensweise, das ungewohnte Essen, den schweren Wein und die Moskitos beklagt, und er konnte ihm nicht verzeihen, daß in dem herrlichen Lande und der prächtigen Umgebung ihn so kleine Dinge wie Essen, Trinken und Fliegen hätten incommodiren können.
Alle solche Neckereien gingen bei Merck unstreitig aus dem Fundament einer hohen Cultur hervor, allein da er nicht productiv war, sondern im Gegentheil eine entschieden negative Richtung hatte, so war er immer weniger zum Lobe bereit als zum Tadel, und er suchte unwillkürlich alles hervor, um solchem Kitzel zu genügen.«
Wir sprachen über Vogel und seine administrativen Talente, sowie über *** [Freiherr v. Fritsch] und dessen Persönlichkeit. »***,« sagte Goethe, »ist ein Mann für sich, den man mit keinem andern vergleichen kann. Er war der Einzige, der mit mir gegen den Unfug der Preßfreiheit stimmte; er steht fest, man kann sich an [66] ihm halten, er wird immer auf der Seite des Gesetzlichen sein.«
Wir gingen nach Tische ein wenig im Garten auf und ab und hatten unsere Freude an den blühenden weißen Schneeglöckchen und gelben Crocus. Auch die Tulpen kamen hervor, und wir sprachen über die Pracht und Kostbarkeit der holländischen Gewächse solcher Art. »Ein großer Blumenmaler,« sagte Goethe, »ist gar nicht mehr denkbar: es wird jetzt zu große wissenschaftliche Wahrheit verlangt, und der Botaniker zählt dem Künstler die Staubfäden nach, während er für malerische Gruppirung und Beleuchtung kein Auge hat.«
1831, 28. März.
Ich verlebte heute mit Goethe wieder sehr schöne Stunden. »Mit meiner ›Metamorphose der Pflanzen‹,« sagte er, »habe ich so gut wie abgeschlossen. Dasjenige, was ich über die Spirale und Herrn von Martius noch zu sagen hatte, ist auch so gut wie fertig, und ich habe mich diesen Morgen schon wieder dem vierten Bande meiner Biographie zugewendet und ein Schema von dem geschrieben, was noch zu thun ist. Ich kann es gewissermaßen beneidenswürdig nennen, daß mir noch in meinem hohen Alter vergönnt ist, die Geschichte meiner Jugend zu schreiben, und zwar eine Epoche, die in mancher Hinsicht von großer Bedeutung ist.«
[67] Wir sprachen die einzelnen Theile durch, die mir wie ihm vollkommen gegenwärtig waren.
»Bei dem dargestellten Liebesverhältniß mit Lili,« sagte ich, »vermißt man Ihre Jugend keineswegs, vielmehr haben solche Scenen den vollkommenen Hauch der frühen Jahre.«
»Das kommt daher,« sagte Goethe, »weil solche Scenen poetisch sind und ich durch die Kraft der Poesie das mangelnde Liebesgefühl der Jugend mag ersetzt haben.«
Wir gedachten sodann der merkwürdigen Stelle, wo Goethe über den Zustand seiner Schwester redet. »Dieses Capitel,« sagte er, »wird von gebildeten Frauen mit Interesse gelesen werden; denn es werden viele sein, die meiner Schwester darin gleichen, daß sie bei vorzüglichen geistigen und sittlichen Eigenschaften nicht zugleich das Glück eines schönen Körpers empfinden.«
»Daß sie,« sagte ich, »bei bevorstehenden Festlichkeiten und Bällen gewöhnlich von einem Ausschlag im Gesicht heimgesucht wurde, ist etwas so Wunderliches, daß man es der Einwirkung von etwas Dämonischem zuschreiben möchte.«
»Sie war ein merkwürdiges Wesen,« sagte Goethe; »sie stand sittlich sehr hoch und hatte nicht die Spur von etwas Sinnlichem. Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging. Frauen, die eine gleiche [68] Abneigung haben oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden was dieses sagen will. Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheirathet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in einem Kloster recht eigentlich an ihrem Platze gewesen.
Und da sie nun, obgleich mit einem der bravsten Männer verheirathet, in der Ehe nicht glücklich war, so widerrieth sie so leidenschaftlich meine beabsichtigte Verbindung mit Lili.«
1831, 29. März.
Wir sprachen heute über Merck, und Goethe erzählte mir noch einige charakteristische Züge.
»Der verstorbene Großherzog,« sagte er, »war Mercken sehr günstig, sodaß er sich einst für eine Schuld von viertausend Thalern1 für ihn verbürgte. Nun dauerte es nicht lange, so schickte Merck zu unserer Verwunderung die Bürgschaft zurück. Seine Umstände hatten sich nicht verbessert, und es war räthselhaft welche Art von Negotiation er mochte gemacht haben. Als ich ihn wiedersah, löste er mir das Räthsel in folgenden Worten.
›Der Herzog,‹ sagte er, ›ist ein freigebiger trefflicher Herr, der Zutrauen hat und den Menschen hilft[69] wo er kann. Nun dachte ich mir: betrügst du diesen Herrn um das Geld, so wirkt das nachtheilig für tausend andere; denn er wird sein köstliches Zutrauen verlieren, und viele unglückliche gute Menschen werden darunter leiden, daß einer ein schlechter Kerl war. Was habe ich nun gethan? Ich habe speculirt und das Geld von einem Schurken geliehen; denn wenn ich diesen darum betrüge, so thut's nichts, hätte ich aber den guten Herrn darum betrogen, so wäre es Schade gewesen.‹«
Wir lachten über die wunderliche Großheit dieses Mannes.
»Merck hatte das Eigene,« fuhr Goethe fort, »daß er im Gespräch mitunter he! he! herauszustoßen pflegte. Dieses Angewöhnen steigerte sich wie er älter wurde, sodaß es endlich dem Bellen eines Hundes glich. Er fiel zuletzt in eine tiefe Hypochondrie, als Folge seiner vielen Speculationen, und endigt damit, sich zu erschießen. Er bildete sich ein, er müsse bankrott machen; allein es fand sich, daß seine Sachen keineswegs so schlecht standen, wie er es sich gedacht hatte.«
1 Vielmehr viertausend Gulden.
1831, 30. März.
Wir reden wieder über das Dämonische.
»Es wirft sich gern an bedeutende Figuren,« sagte Goethe; »auch wählt es sich gern etwas dunkle Zeiten. [70] In einer klaren prosaischen Stadt, wie Berlin, fände es kaum Gelegenheit sich zu manifestiren.«
Goethe sprach hierdurch aus was ich selber vor einigen Tagen gedacht hatte, welches mir angenehm war, so wie es immer Freude macht, unsere Gedanken bestätigt zu sehen.
Gestern und diesen Morgen las ich den dritten Band seiner Biographie, wobei es mir war wie bei einer fremden Sprache, wo wir nach gemachten Fortschritten ein Buch wieder lesen, das wir früher zu verstehen glaubten, das aber erst jetzt in seinen kleinsten Theilen und Nüancen uns entgegentritt.
»Ihre Biographie ist ein Buch,« sagte ich, »wodurch wir in unserer Cultur uns auf die entschiedenste Weise gefördert sehen.«
»Es sind lauter Resultate meines Lebens,« sagte Goethe, »und die erzählten einzelnen Facta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen.«
»Was Sie unter andern von Basedow erwähnen,« sagte ich, »wie er nämlich zur Erreichung höherer Zwecke die Menschen nöthig hat und ihre Gunst erwerben möchte, aber nicht bedenkt, daß er es mit allen verderben muß, wenn er so ohne alle Rücksicht seine abstoßenden religiösen Ansichten äußert und den Menschen dasjenige, woran sie mit Liebe hängen, verdächtig macht – solche und ähnliche Züge erscheinen mir von großer Bedeutung.«
[71] »Ich dächte,« sagte Goethe, »es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch ›Wahrheit und Dichtung‹, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, ›Wahrheit‹ aus seinem Leben geschrieben. Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen! Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht oft an ihnen vorüber ohne daß sie es gewahr werden. Ein Factum unsers Lebens gilt nicht insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.«
1831, 30. März.
Abends war ich nur eine halbe Stunde bei Goethe. Er war freundlich, doch minder theilnehmend und lebendig, wie sonst, weil er noch immer etwas leidend am Fuße ist. Nach außen lehnte er jede Beziehung ab; »ich will nichts von den Freuden der Welt, wenn sie mich nur auch mit ihren Leiden verschonen wollte. Wenn man etwas vor sich bringen will, muß man sich knapp zusammennehmen und sich wenig um das kümmern was andere thun.«
1831, 31. März.
Goethe war in der letzten Zeit abermals sehr unwohl, sodaß er nur seine vertrautesten Freunde bei sich sehen konnte. Vor einigen Wochen mußte ihm ein Aderlaß verordnet werden; dann zeigten sich Beschwerden und Schmerzen im rechten Beine, bis denn zuletzt sein inneres Übel durch eine Wunde am Fuße sich Luft machte, worauf sehr schnelle Besserung erfolgte. Auch diese Wunde ist nun seit einigen Tagen wieder heil, und er ist wieder heiter und graziös wie vorher.
Heute hatte die Frau Großherzogin ihm einen Besuch gemacht und kam sehr zufrieden von ihm zurück. Sie hatte nach seinem Befinden gefragt, worauf er denn sehr galant geantwortet, daß er bis heute seine Genesung noch nicht gespürt, daß aber ihre Gegenwart ihm das Glück der wiedererlangten Gesundheit aufs Neue empfinden lasse.
1831, 31. März.
Heute brachte ich mehrere Stunden bei ihm zu. Anfangs mit Conta, der von München erzählte, dann kam der Großherzog, später noch Spontini auf seiner Rückreise von Paris. Er gefiel mir sehr wohl als feiner, lebendiger Mann; jetzt beschäftigt ihn die Composition [73] einer von Jouy gedichteten Oper »Les Athéniennes,« deren Motive Goethe sehr lobte.
Daß ich ihn im vordern, sogenannten Deckenzimmer traf, war schon ein gutes Zeichen, er hatte früh Besuch von der Hoheit gehabt. Im Ganzen war er heute viel munterer, Spontini und mehreres politische und literarische, was ich erzählte, heiterten ihn auf. Walter Scott's ›Napoleon‹ könne man nur dann mit Behagen lesen, wenn man sich einmal entschließe, eine stockenglische Sinnes- und Urtheilsweise über jene große Welterscheinung kennen zu lernen. In solcher Beziehung habe er Geduld genug gehabt, es im Englischen völlig hinaus zu lesen. Viel sprach er über Klinger's Tod1, der ihn sehr betrübt hat. »Das war ein treuer, fester, derber Kerl, wie keiner.
In früherer Zeit hatte ich auch viele Qual mit ihm, weil er auch so ein Kraftgenie war, das nicht recht wußte was es wollte. Seine ›Zwillinge‹ gewannen den Preis vor Leisewitzen's ›Julius von Tarent‹ wegen der größeren Leidenschaftlichkeit und Energie. Seinen ›Weltmann und Dichter‹ habe ich nie gelesen. Es ist gut, daß Klinger nicht wieder nach Deutschtand kam; der Wunsch darnach war eine falsche Tendenz. Er würde sich in unserem sansculottischen Weimar und resp. Deutschland nicht wieder erkannt haben; denn seine Lebenswurzel war das monarchische Princip.«
[74] Zuletzt erzählte er eine Anekdote von den zwei vornehmen Zöglingen im Cadetten-Institut, die Klinger absichtlich gegen die Gesetze ausprügeln ließ.
1 25. Januar 1831.
1831, 1. April.
Mit Goethe zu Tische in mannichfaltigen Gesprächen. Er zeigte mir ein Aquarellgemälde von Herrn v. Reutern, einen jungen Bauern darstellend, der auf dem Markt einer kleinen Stadt bei einer Korb- und Deckenverkäuferin steht. Der junge Mensch sieht die vor ihm liegenden Körbe an, während zwei sitzende Frauen und ein dabeistehendes derbes Mädchen den hübschen jungen Menschen mit Wohlgefallen anblicken. Das Bild componirt so artig, und der Ausdruck der Figuren ist so wahr und naiv, daß man nicht satt wird es zu betrachten.
»Die Aquarellmalerei,« sagte Goethe, »steht in diesem Bilde auf einer sehr hohen Stufe. Nun sagen die einfältigen Menschen, Herr v. Reutern habe in der Kunst niemand etwas zu verdanken, sondern habe alles von sich selber. Als ob der Mensch etwas anderes aus sich selber hätte als die Dummheit und das Ungeschick! Wenn dieser Künstler auch keinen namhaften Meister gehabt, so hat er doch mit trefflichen Meistern verkehrt und hat ihnen und großen Vorgängern und der überall [75] gegenwärtigen Natur das Seinige abgelernt. Die Natur hat ihm ein treffliches Talent gegeben, und Kunst und Natur haben ihn ausgebildet. Er ist vortrefflich und in manchen Dingen einzig, aber man kann nicht sagen, daß er alles von sich selber habe. Von einem durchaus verrückten und fehlerhaften Künstler ließe sich allenfalls sagen, er habe alles von sich selber, allein von einem trefflichen nicht.«
Goethe zeigte mir darauf von demselbigen Künstler einen reich mit Gold und bunten Farben gemalten Rahmen mit einer in der Mitte freigelassenen Stelle zu einer Inschrift. Oben sah man ein Gebäude im gothischen Stil; reiche Arabesken mit eingeflochtenen Landschaften und häuslichen Scenen liefen zu beiden Seiten hinab; unten schloß eine anmuthige Waldpartie mit dem frischesten Grün und Rasen.
»Herr von Reutern wünscht,« sagte Goethe, »daß ich ihm in die freigelassene Stelle etwas hineinschreibe; allein sein Rahmen ist so prächtig und kunstreich, daß ich mit meiner Handschrift das Bild zu verderben fürchte. Ich habe zu diesem Zweck einige Verse gedichtet und schon gedacht, ob es nicht besser sei, sie durch die Hand eines Schönschreibers eintragen zu lassen. Ich wollte es dann eigenhändig unterschreiben. Was sagen Sie dazu, und was rathen Sie mir?«
»Wenn ich Herr von Reutern wäre,« sagte ich, »so würde ich unglücklich sein, wenn das Gedicht in einer fremden Handschrift käme, aber glücklich, wenn es von [76] Ihrer eigenen Hand geschriebe