1832

1398.*


1832, 1. Januar.


Mit Friedrich von Müller

und Clemens Wenzeslaus Coudray

Zwischen 5 und 6 Uhr trafen Coudray und ich ihn sehr heiter und aufgelegt, ja er neigte sehr zu seiner Lieblingsform, der Ironie.

Als ich das Verbot von Raumer's ›Untergang Polens‹ rügte, vertheidigte er es lebhaft. »Preußens frühere Handlungsweise gegen Polen jetzt wieder aufzudecken und in übles Licht zu stellen, kann nur schaden, nur aufreizen. Ich stelle mich höher, als die gewöhnlichen platten moralischen Politiker; ich spreche es geradezu aus: Kein König hält Wort, kann es nicht halten, muß stets den gebieterischen Umständen nachgeben; die Polen wären doch untergegangen, mußten nach ihrer ganzen verwirrten Sinnesweise untergehen; sollte Preußen mit leeren Händen dabei ausgehen, während Rußland und Österreich zugriffen? Für uns arme Philister ist die entgegengesetzte Handlungsweise Pflicht, nicht für die Mächtigen der Erde.«

Sodann zeigte er uns die schöne Medaille Alexanders von Medici, auch einen herrlichen bronzenen Knopf aus jener Zeit, einen Amor vorstellend, zwischen zarten[128] Arabesken. Man trug dergleichen Knöpfe am Hute. Die Mahagoni-Schatulle, worin diese Antiquitäten und viele andere Münzen verwahrt waren, stand offen, als wir eintraten. Er schloß sie sogleich mit sichtbarer Freude, etwas vor uns zu verbergen, und holte erst später mit Feierlichkeit jene Seltenheiten heraus. Auch ein Gemälde der neuentstandenen Insel Nerita, zwischen Sicilien und Malta, mit dem vulcanischen Feuerwerk, ließ er uns schauen. »Seht hier das neueste Backwert des Weltgeistes.«

Andere Zeichnungen und Lithographien, die er vorführen wollte, waren nicht gleich zur Hand und wir wurden auf einandermal vertröstet.

Einst, erzählte er, sei er in Karlsbad mit einem österreichischen Magnaten zu Tisch gesessen, der sich entschuldigte, daß er Goethes Werke noch nicht gelesen, weil er sich zum Princip gemacht, Autoren erst dann zu lesen und anzukaufen, wenn keine veränderten Editionen mehr zu fürchten seien, d.h. nach ihrem Tode. »Sie sollten nach Wien kommen; dort macht man etwas aus solchen Leuten wie Sie sind.«

Ein andermal sagte Goethe: »Ein heftiger, wenngleich ungerechter Angriff, bleibt kühn und ehrenhaft; jede Vertheidigung ist immer mißlich, sei sie auch noch so gut gemacht. Das war immer unsre Maxime.«[129]


1399.*


1832, 5. Januar.


Mit Friedrich Soret

Von meinem Freunde Töpffer in Genf waren einige neue Hefte Federzeichnungen und Aquarellbilder eingegangen, größtentheils landschaftliche Ansichten aus der Schweiz und Italien, die er auf seinen Fußreisen nach und nach zusammengebracht. Goethe war von der Schönheit dieser Zeichnungen, besonders der Aquarellbilder, so sehr frappirt, daß er sagte, es sei ihm als sähe er Werke des berühmten Lory. Ich bemerkte, daß dies noch keineswegs das Beste von Töpffer sei und daß er ganz andere Dinge zu senden habe. »Ich weiß nicht was Ihr wollt!« erwiederte Goethe. »Was sollte es denn noch besser sein! Und was hätte es zu sagen wenn es auch wirklich noch etwas besser wäre! Sobald ein Künstler zu einer gewissen Höhe von Vortrefflichkeit gelangt ist, wird es ziemlich gleichgültig, ob eins seiner Werke etwas vollkommener gerathen ist als ein anderes. Der Kenner sieht in jedem doch immer die Hand des Meisters und den ganzen Umfang seines Talents und seiner Mittel.«[130]


1400.*


1832, 17. Februar.


Mit Friedrich Soret

Ich hatte Goethen ein in England gestochenes Portrait von Dumont zugeschickt, das ihn sehr zu interessiren schien.

[130] »Ich habe das Bild des bedeutenden Mannes oft und wiederholt betrachtet,« sagte er, als ich ihn heute gegen Abend besuchte. »Anfangs hatte es etwas Zurückstoßendes für mich, welches ich jedoch der Behandlung des Künstlers zuschreiben möchte, der die Züge etwas zu hart und tief eingegraben. Aber je länger ich den im hohen Grabe merkwürdigen Kopf ansah, desto mehr verschwanden alle Härten und es trat aus dem dunkeln Grunde ein schöner Ausdruck von Ruhe, Güte und geistreich-feiner Milde hervor, wie sie den klugen, wohlwollenden und für das allgemeine Beste thätigen Mann charakterisiren und der Seele des Beschauers so wohl thun.«

Wir sprachen darauf weiter über Dumont, besonders aber über die Memoiren, die er in Bezug auf Mirabeau geschrieben, und worin er die mannigfaltigen Hilfsquellen aufdeckt, die Mirabeau zu benutzen verstanden, auch die vielen Leute von Talent namhaft macht, die er zu seinen Zwecken in Bewegung gesetzt und mit deren Kräften er gearbeitet. »Ich kenne kein lehrreicheres Buch,« sagte Goethe, »als diese Memoiren, wodurch wir in die geheimsten Winkel jener Zeit tiefe Blicke thun, und wodurch uns das Wunder Mirabeau natürlich wird, ohne daß dieser Held dadurch irgend etwas von seiner Größe verliert. Nun kommen aber die neuesten Recensenten der französischen Journale, die über diesen Punkt einwenig anders denken. Die guten Leute glauben, der Verfasser jener Memoiren[131] wolle ihnen ihren Mirabeau verderben, indem er das Geheimniß seiner übermenschlichen Thätigkeit enthüllt und auch andern Leuten einigen Antheil an dem großen Verdienste vindicirt, das bisher der Name Mirabeau allein verschlang.

Die Franzosen erblicken in Mirabeau ihren Hercules, und sie haben vollkommen recht. Allein sie vergessen, daß auch der Koloß aus einzelnen Theilen besteht, und daß auch der Hercules des Alterthums ein collectives Wesen ist, ein großer Träger seiner eigenen Thaten und der Thaten anderer.

Im Grunde aber sind wir alle collective Wesen, wir mögen uns stellen wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, das wir im reinsten Sinne unser Eigenthum nennen! Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. Das begreifen aber viele sehr gute Menschen nicht und tappen mit ihren Träumen von Originalität ein halbes Leben im Dunkeln. Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten, keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr alles ihrem eigenen Genie zu danken zu haben. Die Narren! Als ob das überall anginge! Und als ob sich die Welt ihnen nicht bei jedem Schritte aufdränge und aus ihnen trotz ihrer eigenen Dummheit etwas machte! Ja ich behaupte, wenn ein solcher Künstler nur an den Wänden dieses[132] Zimmers vorüberginge und auf die Handzeichnungen einiger großen Meister, womit ich sie behängt habe, nur flüchtige Blicke würfe, er müßte, wenn er überall einiges Genie hätte, als ein Anderer und Höherer von hier gehen.

Und was ist denn überhaupt Gutes an uns, wenn es nicht die Kraft und Neigung ist, die Mittel der äußern Welt an uns heranzuziehen und unsern höhern Zwecken dienstbar zu machen? Ich darf wohl von mir selber reden und bescheiden sagen wie ich fühle. Es ist wahr, ich habe in meinem langen Leben mancherlei gethan und zustande gebracht, dessen ich mich allenfalls rühmen könnte. Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollten, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen, und das Gesehene und Gehörte mit einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben. Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornirte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, was sie dachten, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu thun, als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesäet hatten.

Es ist im Grunde auch alles Thorheit, ob einer[133] etwas aus sich habe, oder ob er es von andern habe; ob einer durch sich wirke, oder ob er durch andere wirke: die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze, es auszuführen; alles übrige ist gleichgültig. Mirabeau hatte daher vollkommen recht, wenn er sich der äußern Welt und ihrer Kräfte bediente wie er konnte. Er besaß die Gabe, das Talent zu unterscheiden, und das Talent fühlte sich von dem Dämon seiner gewaltigen Natur angezogen, sodaß es sich ihm und seiner Leitung willig hingab. So war er von einer Masse ausgezeichneter Kräfte umgeben, die er mit seinem Feuer durchdrang und zu seinen höhern Zwecken in Thätigkeit setzte. Und eben daß er es verstand, mit andern und durch andere zu wirken, das war sein Genie, das war seine Originalität, das war seine Größe.«[134]


1401.*


1832, 26. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Abends. Er frug nach Professor Kunze's1 Vorlesungen, und dies gab bald Veranlassung zu den[134] interessantesten Äußerungen seinerseits, da sich seine Theilnahme an unsern Naturstudien fortwährend steigerte, als er hörte, daß wir an der Farbenlehre stünden.

»Die Sache ist eigentlich sehr einfach, aber gerade darum schwer. Die größten Wahrheiten widersprechen oft geradezu den Sinnen, ja fast immer. Die Bewegung der Erde um die Sonne – was kann dem Augenschein noch absurder sein? Und doch ist es die größte, erhabenste, folgenreichste Entdeckung, die je der Mensch gemacht hat, in meinen Augen wichtiger als die ganze Bibel.

Es ist mit der Farbenlehre wie mit dem Whist oder Schachspiel. Man kann einem alle Regeln dieses Spiels mittheilen und er vermag es doch nicht zu spielen. Es kommt nicht darauf an, jene Lehre durch Überlieferung zu lernen, man muß sie selbst machen, etwas thun.

Die Natur spielt immerfort mit der Mannichfaltigkeit der einzelnen Erscheinungen, aber es kommt darauf an, sich dadurch nicht irren zu lassen, die allgemeine stetige Regel zu abstrahiren, nach der sie handelt.

Ihr andern habt es gut, Ihr geht in den Garten, in den Wald, beschaut harmlos Blumen und Bäume, während ich überall an die Metamorphosenlehre erinnert werde und mit dieser mich abquäle.

Im Jahre 1834 kommt der große Komet; schon habe ich an Schrön nach Jena geschrieben, eine vorläufige[135] Zusammenstellung der Notizen über ihn zu machen, damit man einen so merkwürdigen Herrn wohl vorbereitet und würdig empfange.«


1 Kunze in Weimar, zur Zeit Hofrath und Professor der Mathematik, wurde von v. Müller auch bestimmt, über Goethe's Farbenlehre sich zu verbreiten. Als Kunze's Vorlesung nicht polemisch ausfiel, äußerte Goethe...: »Das muß ein artiger junger Mann sein.«[136]


1402.*


1832, 2.(?) März.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe erzählte bei Tische, daß der Baron Karl v. Spiegel ihn [am 25. Februar] besucht, und daß er ihm überdiemaßen wohl gefallen. »Er ist ein sehr hübscher junger Mann,« sagte Goethe; »er hat in seiner Art, in seinem Benehmen ein Etwas, woran man sogleich den Edelmann erkennt. Seine Abkunft könnte er ebensowenig verleugnen, als jemand einen höhern Geist verleugnen könnte. Denn beides, Geburt und Geist, geben dem, der sie einmal besitzt, ein Gepräge, das sich durch kein Incognito verbergen läßt. Es sind Gewalten wie die Schönheit, denen man nicht nahe kommen kann, ohne zu empfinden daß sie höherer Art sind.«[136]


1403.*


1832, 3. März.


Mit Karl Wilhelm Göttling

In der alten Literatur zog ihn vorzüglich Euripides an, den er sehr schätzte. Das Fragment vom Drama ›Phaethon‹ interessirte ihn so sehr, daß er bei[136] einem Besuch des Professor G[öttling] am 3. März eine abermalige Revision der Herstellung verhieß. Er sagte unter anderm: »Sie wissen, daß mir Hermann seine Ausgabe der ›Iphigenia‹ dedicirt hat. Es hat mich gefreut, auch darum, weil ihr Philologen in euren Urtheilen constant bleibt. Ich werde von ihm tenuem spiritum Grajae Camenae Germanis monstrator genannt, womit er fast scheint haben andeuten zu wollen, daß ihm Euripides nicht sehr hoch stehe. Aber so seid Ihr! Weil Euripides einpaar schlechte Stücke wie ›Elektra‹ und ›Helena‹ geschrieben und weil ihn Aristophanes gehudelt hat, so stellt Ihr ihn tiefer, als andere. Nach seinen besten Producten muß man einen Dichter beurtheilen, nicht nach seinen schlechtesten. Überhaupt seid ihr Philologen, obgleich Ihr einen gewissen unverächtlichen Geschmack habt und durch eure solide, stämmige Bildung immer einen großen Einfluß auf die Literatur behaupten werdet, doch eine Art Wappenkönige. Wie diese nur das für ein gutes Geschlecht halten, welches seit Jahrhunderten dafür gegolten hat, und wie sie z.B. meinen Stamm deshalb für einen schwachen halten würden, so thut Ihr es in der Literatur mit Euripides: weil der seit langer Zeit angefochten wird, fechtet Ihr ihn auch an. Und was für prächtige Stücke hat er doch gemacht! Für sein schönstes halte ich die ›Bakchen‹. Kann man die Macht der Gottheit vortrefflicher und die Verblendung der Menschen geistreicher darstellen, als es hier geschehen ist? Das[137] Stück gäbe die fruchtbarste Vergleichung einer modernen dramatischen Darstellbarkeit der leidenden Gottheit in Christus mit der antiken eines ähnlichen Leidens, um daraus desto mächtiger hervorzugehen, in Dionysus.«[138]


1404.*


1832, erstes Drittel des März.


Mit Johann Peter Eckermann

Wir sprachen über die tragische Schicksalsidee der Griechen.

»Dergleichen,« sagte Goethe, »ist unserer jetzigen Denkungsweise nicht mehr gemäß, es ist veraltet und überhaupt mit unsern religiösen Vorstellungen in Widerspruch. Verarbeitet ein moderner Poet solche frühere Ideen zu einem Theaterstück, so sieht es immer aus wie eine Art von Affectation. Es ist ein Anzug, der längst aus der Mode gekommen ist, und der uns, gleich der römischen Toga, nicht mehr zu Gesicht steht.

Wir Neuern sagen jetzt besser mit Napoleon: die Politik ist das Schicksal. Hüten wir uns aber mit unsern neusten Literatoren zu sagen, die Politik sei die Poesie, oder sie sei für den Poeten ein passender Gegenstand. Der englische Dichter Thomson schrieb ein sehr gutes Gedicht über die Jahreszeiten, allein ein sehr schlechtes über die Freiheit, und zwar nicht aus Mangel an Poesie im Poeten, sondern aus Mangel an Poesie im Gegenstande.[138]

Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses thut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Bornirtheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.

Der Dichter wird als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und das er ergreift und bildet wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt, und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er hinabschießt, in Preußen oder in Sachsen läuft.

Und was heißt denn: sein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurtheile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln: was soll er denn da Besseres thun? und wie soll er denn da patriotischer wirken? An einen Dichter so ungehörige und undankbare Anforderungen zu machen wäre ebenso als wenn man von einem Regimentschef verlangen wollte: er müsse, um ein rechter Patriot zu sein, sich in politische Neuerungen verflechten und darüber seinen nächsten Beruf vernachlässigen. Das Vaterland[139] eines Regimentschefs aber ist sein Regiment, und er wird ein ganz vortrefflicher Patriot sein, wenn er sich um politische Dinge gar nicht bemüht, als soweit sie ihn eingehen, und wenn er dagegen seinen ganzen Sinn und seine ganze Sorge auf die ihm untergebenen Bataillone richtet und sie so gut einzuexerciren und in so guter Zucht und Ordnung zu erhalten sucht, daß sie, wenn das Vaterland einst in Gefahr kommt, als tüchtige Leute ihren Mann stehen.

Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.

Sie wissen, ich bekümmere mich im Ganzen wenig um das, was über mich geschrieben wird, aber es kommt mir doch zu Ohren, und ich weiß recht gut, daß, so sauer ich es mir auch mein Leben lang habe werden lassen, all mein Wirken in den Augen gewisser Leute für nichts geachtet wird, eben weil ich verschmäht habe, mich in politische Parteiungen zu mengen. Um diesen Leuten recht zu sein, hätte ich müssen Mitglied eines Jacobinerclubs werden und Mord und Blutvergießen predigen! – Doch kein Wort mehr über diesen schlechten Gegenstand, damit ich nicht unvernünftig werde, indem ich das Unvernünftige bekämpfe.«

Gleicherweise tadelte Goethe die von andern so sehr gepriesene politische Richtung in Uhland. »Geben Sie acht,« sagte er, »der Politiker wird den Poeten aufzehren.[140] Mitglied der Stände sein und in täglichen Reibungen und Ausregungen leben, ist keine Sache für die zarte Natur eines Dichters. Mit seinem Gesange wird es aus sein, und das ist gewissermaßen zu bedauern. Schwaben besitzt Männer genug, die hinlänglich unterrichtet, wohlmeinend, tüchtig und beredt sind, um Mitglied der Stände zu sein, aber es hat nur Einen Dichter der Art wie Uhland.«[141]


1405.*


1832, 10. März.


Mit Pauline Hase und Laura Weiße

Wir setzten uns in einen Einspänner und hatten unterwegs noch tausend Witze, wie wir aber in Weimar ankamen nur gerade Zeit, die Locken aufzumachen; es schlug zwölf, die Zeit, wo Goethe Besuche annimmt, wenn er dazu gestimmt ist. Wir konnten uns nicht mehr besinnen, ob wir noch wollten, ob nicht. Wir standen endlich in seinem Hause; ich fragte den Kammerdiener in Todesangst zitternd, ob wir den Herrn Geheimen Rath einen Augenblick sehen könnten; er ging hinein. Ich kann Dir das Gefühl nicht beschreiben, was ich hatte: jetzt war keine Rückkehr möglich; wir lachten immer noch, aber es vergingen mir immer so die Gedanken, daß ich ohnmächtig zu werden fürchtete. Der Kammerdiener kam: Es würde sehr angenehm sein[141] – und führte uns in eine Stube indeß. Es war eine fürchterliche Gluth darin; drei Stühle standen wie für uns hingesetzt an einem kleinen runden Tisch am Fenster; einer hatte ein schönes Schlafkissen, seinen Platz zu bezeichnen. An den Wänden hingen Handzeichnungen, unter dem Spiegel standen niedliche Arbeiten und mancherlei Spielzeug seiner Enkel, die viel bei ihm sind.

Nach ungefähr drei Minuten kam er. Wie viele sagen: es ist einem, als wenn man in den Boden geschlagen würde – so war es uns nicht, aber als er so ruhig und langsam hereintrat und so freundlich auf uns zukam, war es überaus ergreifend und ich mußte mich ungeheuer zusammennehmen, ihn anreden zu können.

Das Gespräch konnte sich natürlich nicht sehr aus den Gegenständen eines ersten Zusammenkommens herausbewegen, doch war die ganze, unbeschreiblich ruhig freundliche Weise, die er hatte, so rührend von dem großen Manne, so vertrauenerweckend, daß sich die frühere Angst ganz verlor. Er sprach: von seinem früheren öfteren Aufenthalt in Jena, wie jetzt all' die Beziehungen dort für ihn aufgehört hätten, als einen alten Mann, dem viele vorausgehen; von den Unruhen überall, insbesondere von Leipzig; flüchtig über englische und italienische Sprache und über unsere Vorliebe für eine derselben u.s.w. Wunderlich seltsam kam es mir vor, wie er fragte, wie es Frommanns ging, was Alwine machte und ob ich die junge Froriep[142] noch gekannt hätte. Es war mir wunderbar, daß er nach Bekannten, über Bekannte von mir fragte. Du [Elwine Härtel] kannst der Froriep, wenn Du sie siehst, sagen, daß er von ihr sagte: Es wäre eine hübsche Frau, ein liebenswürdiges, natürliches Kind.

Als ich aufstand, gab er uns beiden freundlich die Hand und sagte: Meine lieben Damen, ich habe mich sehr gefreut, daß Sie sich meiner hier erinnert haben. Er ging mit uns bis zur Thür und wir entzückt in den Gasthof zurück, denn ein Besuch bei der jungen Frau von Goethe, den wir, im Fall es uns verunglückte, machen wollten, damit sie ein Wort zu ihm noch sagen möchte, war ganz unnöthig und wir hatten mehr Lust, uns darüber auszusprechen, über das, was wir vollbracht.[143]


1406.*


1832, 10. März.


Mit Clemens Wenzeslaus Coudray

Den 10. März ward mir zum letzten Mal die Freude, einige Abendstunden mit Goethe in traulicher Unterhaltung zu verleben, wie dieses seit vielen Jahren wöchentlich ein- auch zweimal zu geschehen pflegte. Bei diesen Besuchen hatte er gewöhnlich die Güte, die aus dem Gebiete der Kunst und Technik eingegangenen Novitäten mir zur Ansicht mitzutheilen, und bot sich somit nicht selten Stoff zu einer höchst interessanten und[143] für mich belehrenden Unterhaltung dar; oder er ließ sich auch gerne von meiner Geschäftsthätigkeit erzählen, wo er dann an jedem Unternehmen von einiger Wichtigkeit lebhaften Antheil nahm. Bei Durchsicht der Risse, die man ihm von allen unseren größeren Bauten zu zeigen pflegte, forschte er jedesmal zunächst nach dem vorliegenden Zweck, und dann ließ er sich erklären, wie wir solchen mit den vorhandenen Mitteln zu erreichen gesucht. Diese seine rege Theilnahme erstreckte sich aber nicht allein auf die Werke der schönen Baukunst, nein, alles Gemeinnützige umfaßte er mit gleicher Wärme, daher denn auch unsere neuen Chausseeanlagen ihn sehr interessirten. Noch neuerlich ließ er sich die Risse der dermalen in Bau begriffenen Kunststraße von Weimar über Blankenhain nach Rudolstadt mittheilen, und versprach er, nächstens von dem ihm lieben Orte aus unsern Bureauplatz ohnweit Blankenhain zu besuchen, wo mit Beseitigung großer Localschwierigkeiten im eigentlichen Sinne des Wortes ein Kunststraßenbau ausgeführt und zur Verbindung ganzer Anhöhen in einer Länge von 300 Fuß ein in der Mitte 36 Fuß hoher Erddamm aufgetrieben wird.

Seinem Verlangen gemäß hatte ich an diesem Abend einen kleinen Kegel von Holz mitgebracht, der sich zerlegen läßt so, daß die durch die 5 Schnitte entstehenden Figuren – das Dreieck, der Zirkel, die Ellipse, die Parabel und Hyperbel – anschaulich werden. Ich mußte ihm erklären, wie diese Curven mittels Proportionen[144] in Grund- und Aufrissen dargestellt werden, wobei er bemerkte, daß er sich in früherer Zeit zwar nicht viel mit Mathematik, jedoch mit der Reißkunst gerne beschäftigt habe. Besondere Theilnahme schenkte er daher auch den ohnlängst ausgestellten Arbeiten der Zöglinge in unserer Gewerkschule und erfreute mich mit Zusendung eines ansehnlichen Geschenkes im Namen der Frau Großherzogin Kaiserlichen Hoheit zum Ankauf von Vorbildern, Reißzeugen und Zeichenmaterialien als Prämien für die verdientesten Schüler.

Nach dem vorgedachten Modell meines Kegels verlangte Goethe, daß ich ihm einen ähnlichen verfertigen lassen möchte, jedoch sollte dessen Basis das Doppelte seiner Höhe erhalten, sodaß er nicht in einen spitzen, sondern in einen rechten Winkel auslaufe, wobei er äußerte, daß er diesen Kegel so für seine Zwecke brauche.[145]


1407.*


1832, 11. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Abends ein Stündchen bei Goethe in allerlei guten Gesprächen. Ich hatte mir eine englische Bibel gekauft, in der ich zu meinem großen Bedauern die apokryphischen Bücher nicht enthalten fand, und zwar waren sie nicht aufgenommen als nicht für ächt gehalten und als nicht göttlichen Ursprungs. Ich vermißte den durch und durch edeln Tobias, dieses Musterbild eines frommen[145] Wandels, ferner die Weisheit Salomonis und Jesus Sirach: alles Schriften von so großer geistiger und sittlicher Höhe, daß wenig andere ihnen gleichkommen. Ich sprach gegen Goethe mein Bedauern aus über die höchst enge Ansicht, wonach einige Schriften des Alten Testaments als unmittelbar von Gott eingegeben betrachtet werden, andere gleich treffliche aber nicht, und als ob denn überhaupt etwas Edles und Großes entstehen könne, das nicht von Gott komme und das nicht eine Frucht seiner Einwirkung.

»Ich bin durchaus Ihrer Meinung,« erwiederte Goethe. »Doch giebt es zwei Standpunkte, von welchen aus die biblischen Dinge zu betrachten. Es giebt den Standpunkt einer Art Urreligion, den der reinen Natur und Vernunft, welcher göttlicher Abkunft. Dieser wird ewig derselbige bleiben und wird dauern und gelten, solange gottbegabte Wesen vorhanden. Doch ist er nur für Auserwählte und viel zu hoch und edel, um allgemein zu werden. Sodann giebt es den Standpunkt der Kirche, welcher mehr menschlicher Art. Er ist gebrechlich, wandelbar und im Wandel begriffen, doch auch er wird in ewiger Umwandlung dauern, solange schwache menschliche Wesen sein werden. Das Licht ungetrübter göttlicher Offenbarung ist viel zu rein und glänzend, als daß es den armen, gar schwachen Menschen gemäß und erträglich wäre. Die Kirche aber tritt als wohlthätige Vermittlerin ein, um zu dämpfen und zu ermäßigen, damit allen geholfen und damit[146] vielen wohl werde. Dadurch, daß der christlichen Kirche der Glaube beiwohnt, daß sie als Nachfolgerin Christi von der Last menschlicher Sünde befreien könne, ist sie eine sehr große Macht. Und sich in dieser Macht und diesem Ansehen zu erhalten und so das kirchliche Gebäude zu sichern, ist der christlichen Priesterschaft vorzügliches Augenmerk.

Sie hat daher weniger zu fragen, ob dieses oder jenes biblische Buch eine große Aufklärung des Geistes bewirke und ob es Lehren hoher Sittlichkeit und edler Menschennatur enthalte, als daß sie vielmehr in den Büchern Mose auf die Geschichte des Sündenfalls und die Entstehung des Bedürfnisses nach dem Erlöser Bedeutung zu legen, ferner in den Propheten die wiederholte Hinweisung auf Ihn, den Erwarteten sowie in den Evangelien sein wirkliches irdisches Erscheinen und seinen Tod am Kreuze, als unserer menschlichen Sünden Sühnung, im Auge zu halten hat. Sie sehen also, daß für solche Zwecke und Richtungen und auf solcher Wage gewogen sowenig der edle Tobias als die Weisheit Salomonis und die Sprüche Sirachs einiges bedeutende Gewicht haben können.

Übrigens, ächt oder unächt sind bei Dingen der Bibel gar wunderliche Fragen. Was ist ächt, als das ganz Vortreffliche, das mit der reinsten Natur und Vernunft in Harmonie steht und noch heute unserer höchsten Entwickelung dient! Und was ist unächt, als das Absurde, Hohle und Dumme, was keine Frucht[147] bringt, wenigstens keine gute! Sollte die Ächtheit einer biblischen Schrift durch die Frage entschieden werden, ob uns durchaus Wahres überliefert worden, so könnte man sogar in einigen Punkten die Ächtheit der Evangelien bezweifeln, wovon Marcus und Lucas nicht aus unmittelbarer Ansicht und Erfahrung, sondern erst spät nach mündlicher Überlieferung geschrieben, und das letzte von dem Jünger Johannes, erst im höchsten Alter. Dennoch hatte ich die Evangelien alle vier für durchaus ächt; denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: Durchaus! Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Princips der Sittlichkeit. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: Durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind, und alle Pflanzen und Thiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: Verschont mich und bleibt mir mit euern Absurditäten vom Leibe! ›Den Geist dämpfet nicht!‹ sagt der Apostel [Paulus]. Es ist gar viel Dummes[148] in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornirte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotirte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotirten Bischofs denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armuth und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demuth zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Carrosse einherbraust!

Wir wissen gar nicht,« fuhr Goethe fort, »was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Bornirtheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Cultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christenthum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Muth, mit festen Füßen auf Gottes Erbe zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Cultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern wie er will, über die Hoheit und sittliche Cultur des Christenthums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen!

[149] Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter umsichgreifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen wie sie wollen und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur eins ist.

Auch das leidige protestantische Sectenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester; denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußern Cultus nicht mehr sonderlichen Werth legen.

Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christenthum des Worts und Glaubens immer mehr zu einem Christenthum der Gesinnung und That kommen.«

Das Gespräch wendete sich auf große Menschen, die vor Christus gelebt, unter Chinesen, Indiern, Persern und Griechen, und daß die Kraft Gottes in ihnen ebenso wirksam gewesen als in einigen großen Juden des Alten Testaments. Auch kamen wir auf die Frage, wie es mit Gottes Wirkungen stehe in großen Naturen der jetzigen Welt, in der wir leben.

»Wenn man die Leute reden hört,« sagte Goethe, »so sollte man fast glauben, sie seien der Meinung, Gott habe sich seit jener alten Zeit ganz in die Stille zurückgezogen, und der Mensch wäre jetzt ganz auf[150] eigene Füße gestellt und müsse sehen wie er ohne Gott und sein tägliches unsichtbares Anhauchen zurechtkomme. In religiösen und moralischen Dingen giebt man noch allenfalls eine göttliche Einwirkung zu, allein in Dingen der Wissenschaft und Künste glaubt man, es sei lauter Irdisches und nichts weiter als ein Product rein menschlicher Kräfte.

Versuche es aber doch nur einer und bringe mit menschlichem Wollen und menschlichen Kräften etwas hervor, das den Schöpfungen, die den Namen Mozart, Rafael oder Shakespeare tragen, sich an die Seite setzen lasse. Ich weiß recht wohl, daß diese drei Edeln keineswegs die einzigen sind, und daß in allen Gebieten der Kunst eine Unzahl trefflicher Geister gewirkt hat, die vollkommen so Gutes hervorgebracht als jene Genannten, allein, waren sie so groß als jene, so überragten sie die gewöhnliche Menschennatur in ebendem Verhältniß und waren ebenso gottbegabt als jene.

Und überall: was ist es und was soll es? – Gott hat sich nach den bekannten imaginirten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hatte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höhern Naturen wirksam, um die geringern heranzuziehen.«[151]


1408.*


1832, 12. März.


Mit Clemens Wenzeslaus Coudray,

Friedrich von Müller

und Johann Peter Eckermann

Am 12 .... ließ mich Goethe zum Mittagessen einladen. Ich hatte mich etwas vor 2 Uhr eingefunden und traf ihn mit der Durchsicht von Skizzen und Zeichnungen beschäftigt, die er in früherer Zeit selbst gefertigt hatte. Goethe sagte mir: »Ich bin im Begriff auszusuchen, was des Aufbewahrens nicht werth ist und vernichtet werden soll.« Ich erlaubte mir hierauf zu erwiedern, daß von diesen Skizzen auch sie unbedeutendste aufbewahrt werden möchte; denn jede habe ihren eigenen Werth und in allen sei der Genius zu erkennen, der sie entworfen habe; gewiß werde für jeden seiner vielen Verehrer der Besitz auch flüchtigsten dieser Entwürfe dereinst unendlich kostbar bleiben. Ich benutzte diese Gelegenheit, um die Zeichnungen von Goethes eigener Hand, deren Durchsicht mich schon mehrmal ergötzt hatte, noch einmal zu besehen, und fand unter anderen eine mir nicht unbekannt dünkende Straßenansicht in Kurhessen, die mir Goethe als eine Poststation auf der Straße von Fulda nach Frankfurt erklärte, wo er solche, auf Postpferde wartend, aus dem Fenster des Posthauses mit einer Schreibfeder und Dinte ohne Vorzeichnung mit Bleistift frei entworfen hatte. Auf diese Weise sind wohl mehrere dieser Skizzen entstanden, von welchen ein Theil auf blauem Papier[152] in leichten Umrissen entworfen, mit Sepia schattirt und die Lichter weiß aufgesetzt sind; einige wenige sind colorirt. Bei einer solchen, einen effectvollen Sonnenuntergang darstellend, verweilte ich mit besonderem Wohlgefallen und konnte solches nicht zurückhalten, worauf Goethe, die Zeichnung anschauend, äußerte: »Ja, auch im Scheiden groß!«

Der Diener Friedrich brachte sodann den Kasten mit Zeichnungen beiseite und deckte den Tisch.

Von unserem Freunde, dem Architekten Zahn, waren aus Neapel Mittheilungen eingegangen über die neuesten Ausgrabungen in Pompeji. Diese Kunstgegenstände, besonders zwei Zeichnungen des ihm zu Ehren ›Casa di Goethe‹ genannten Hauses und des darin gefundenen großen Mosaikgemäldes – muthmaßlich die Schlacht des Alexander gegen die Perser bei Arbela, und zwar den Hauptmoment darstellend, in welchem Alexander, mit seinen Lanzenträgern die Schaaren des Feindes durchbrechend, den Wagen des Darius erreicht, welcher sich zur Flucht wendet – in demselben Zimmer zur Kunstschau aufgestellt, gaben uns nach dem Essen Anregung zu einer ungemein heiteren und geistreichen Besprechung, an welcher auch der hinzugekommene Herr Geheimrath v. Müller Antheil nahm. Herr.. Eckermann, der mit anwesend war, sagte mir nachher, daß sich Goethe über unsere Auffassung und Deutung dieses merkwürdigen antiken Kunstwerkes sehr freundlich geäußert habe. Ich glaubte diesen kostbaren Fund in dem[153] nach Goethe benannten Hause zugleich als einen neuen Beweis der Beständigkeit seines Glückes ansprechen zu können, das ihm von frühester Jugend bis in das höchste Alter stets treu zur Seite gegangen, und wir freuten uns gemeinsam schon imvoraus auf die weiteren Mittheilungen aus Pompeji und auf Nachrichten von den durch Zahn veranstalteten Ausgrabungen der mit Pompeji vom Vesuv verschütteten Städte Hoplontis und Resina.[154]


1783.*


1832, 14. März.


Mit Friedrich und Karl Werner

Ich kann den heutigen Tag nicht würdiger beschließen, als Ihnen, [Kammerrath Frege] Nachricht von einem für mich und meinen Sohn wichtigen Ereigniß zu geben.[200] Wir erhielten heute morgen die Anzeige, daß Goethe uns um 12 Uhr heute empfangen wolle. Mit welchen Empfindungen ich das Haus wieder betrat, wie freundlich mir das Salve an der Schwelle des Zimmers entgegenleuchtete, in welchem ich seit 25 Jahren (so lange ist es, daß ich das Weimarische Hoftheater verlassen) nicht wieder gewesen war, können Sie sich denken. Seine ehrwürdige Gestalt erschien, mit freundlicher Würde empfing er mich, und mit sichtlichem Wohlgefallen nahm er den Enkel seiner von ihm durch Gedicht und Denkmal verewigten Lieblingsschülerin Christiane Neumann, nachmalige Becker, auf. Nachdem er sich in Kenntniß gesetzt, daß Karl seine reinen architektonischen Studien in Leipzig unter des würdigen Schnorr v. Carolsfeld Leitung begonnen, hierauf sich seit vier Jahren in München der Architekturmalerei gewidmet hatte, betrachtete er das auf der Staffelei aufgestellte Ölgemälde, den Brückenthurm von Prag, für den Baron Rothschild in Wien bestimmt, mit Aufmerksamkeit. »Ach das ist heitre blaue Luft; Sie vermeiden das Düstere, Nächtliche der modernen Schule.« Er ließ sich sein Vergößerungsglas geben, um die architektonischen Verzierungen genau betrachten zu können. »Malen Sie mit der Brille?« Karl verneinte. »Da können Sie von Glück sagen. – Viele gut ausgeführte Staffage, gut gestellte Figuren in ihrer Landestracht! Das Ganze macht einen freundlichen Eindruck, ein Bild des heiteren Lebens. Recht gut! Recht gut!« Anbei ein zweites[201] Gemälde: Inneres einer zerfallenen Wallfahrtskirche in Tirol; herannahendes Gewitter, einige davonfliegende Vögel, ein Rabe auf dem dürren Zweige einer Tanne sitzend, im Vordergrund ein kleiner See, in welchem sich die noch hell beleuchtete Ruine und die nahen Hochgebirge spiegeln. »Gar keine Staffage! Gut, sehr gut! Bei einem Gegenstande dieser Art mag man sich gern ungestört der Betrachtung hingeben. Ist es treu, oder hat die Phantasie manches hinzugefügt?« »Ganz treu« – war die Antwort. »Um so interessanter.« Nun nahm er die Mappe mit Aquarellen und Studien vor und setzte sich. Das Innere einer Trinkhalle im Schlosse des Grafen Körning-Seefeld bei München sprach ihn sehr an; er rühmte die richtigen Verhältnisse der Zeichnung, die interessante Beleuchtung, und vernahm mit Vergnügen, daß der Besitzer besorgt sei, alles in gutem und brauchbarem Stande zu erhalten, auch rücksichtlich der alten Möbeln, die Hirschgeweihe an den Wänden pp. und ergötzte sich an dem behaglichen Aussehen des alten Castellans, der einzigen Figur im ganzen Bilde. »Man erwirbt sich ein Verdienst, diese Überreste der alten Zeit zu zeichnen und auf diese Weise zu erhalten, die man mit einem beispiellosen Leichtsinn von allen Seiten zugrunde gehen läßt.« Einen umgestürzten Baum in einer Studie verglich er mit einem hingestreckten Rittersmann. Im Höllenthal erschienen ihm die spitzen Felsblöcke wie große Elefantenzähne. Als er die Naturstudie zu der oben erwähnten Wallfahrtskirche sah, rief[202] er »Ach!« und stellte sich sogleich mit fast jugendlicher Schnelle vor die Staffelei. »So muß es sein! Sehen Sie: auf der Skizze ist der Sonnenschein hinter der Ruine auch auf der linken Seite fortgeführt und verbindet beide Teile innig miteinander. Wenn Sie dieses Licht auch auf dem Bilde so fortführen, was mit wenig Mühe geschehen kann, so verschwindet das gewissermaßen Trennende, und das Bild macht ein wohlverbundenes effectvolles Ganzes.« Bei und nach der Beschauung der übrigen architektonischen und landschaftlichen Studien äußerte er sich folgendermaßen: »Sie haben sich den Charakter und die Eigenthümlichkeiten der alten Architektur sehr zu eigen gemacht; die Art und Weise der Auffassung ist lobenswerth. Sie haben viel gearbeitet und fleißig gearbeitet, und was mich vorzüglich freut: Ihre Studien sind in einem so guten Zustande, so nett erhalten, wie es nicht immer der Fall ist.« Bei Erwähnung des Reiseplans nach Italien, klopfte er auf die Mappe und sagte: »Sie haben tüchtige Pässe bei sich.« Hierauf sagte er zu meinem Sohn: »Sie lassen mir Ihre Arbeiten einige Tage da, damit ich sie mit den Meinigen mit Muße betrachten kann.«

Unsere Abreise, die schon auf morgen bestimmt war, wurde daher auf Sonnabend verschoben. Als er uns entließ, sagte er: »Ich hoffe Sie noch einmal bei mir zu sehen.« Eine ganze Stunde waren wir bei ihm gewesen.[203]


1784.*


1832, 15. März.


Mit Heinrich Meyer

Zu Herrn Hofrath Meyer1, Goethe's vieljährigem Freund, der am Donnerstag bei ihm zu Mittag speiste, hatte er mit Bezug auf den Prager Brückenthurm unter anderem geäußert: »Welche Wirkung müßte das Bild machen« – indem er mit der Hand das an den Thurm angebaute Brückenzollhaus zudeckte – »wenn dieß Hans nicht da wäre? Aber es ist Portrait, und wenn ein Prager es sähe, würde er sagen: so ist es nicht in der Wirklichkeit. Nun so muß der Werner sich trösten; denn wenn er andere historische Stoffe bearbeitet, so muß er ja auch der Wahrheit öfters die Schönheit opfern.«


1 In der Vorlage steht offenbar irrig »Merck«.[204]


1409.*


1832, 16. März.


Mit Karl Vogel

Da wurde ich am 16. März zu ungewöhnlich früher Stunde, schon um 8 Uhr Morgens, zu Goethe beschieden. In der Regel sah ich ihn in ärztlicher und amtlicher Beziehung jeden Vormittag erst um 9 Uhr und hatte am vorigen Tage nach langer Unterhaltung ihn sehr heiter und wohl um diese Zeit verlassen. Ich fand ihn im Bette schlummernd. Bald erwachte er, konnte sich indessen nicht sogleich völlig ermuntern und klagte, er habe sich bereits gestern während der Rückfahrt von einer, in sehr windigem kalten Wetter zwischen 1 und 2 Uhr Nachmittags unternommenen Spazierfahrt unbehaglich gefühlt, darauf nur wenig und ohne rechten Appetit essen mögen, das Bette zeitig gesucht und in demselben eine, zum größten Theile schlaflose Nacht,[154] unter öfters wiederkehrendem, trocknem, kurzem Husten, mit Frösteln abwechselnder Hitze und unter Schmerzen in den äußern Theilen der Brust unangenehm genug verbracht. Am wahrscheinlichsten sei eine Erkältung, die er sich vor dem Ausfahren bei dem Herübergehen aus seinem sehr stark geheizten Arbeitszimmer über den kalten Flur in die, nach der Straße zu gelegenen Gesellschaftszimmer leicht zugezogen haben könne, Ursache der gegenwärtigen Leiden.[155]


1785.*


1832, 16. März.


Mit Walther von Goethe

Als wir [Werner Vater und Sohn] uns heute um zwölf Uhr beurlauben wollten, ward uns der Bescheid, daß der Geheimrath v. Goethe sich unwohl befände und noch zu Bette läge. Nachmittags vier Uhr kam der vierzehnjährige Enkel Walther v. Goethe zu uns,[204] dankte im Namen seines Großvaters noch einmal für den Genuß, den ihm die Bilder und Zeichnungen gemacht hätten und ließ es nochmals bedauern, daß er uns nicht hätte noch einmal sprechen können.[205]


1410.*


1832, 16. März.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Am Abend des 16. März sah und sprach der Kranke.. den Hofrath Riemer und bat denselben, ihn von seinen Sprachstudien zu unterhalten.[155]


1411.*


1832, 18. März.


Mit Karl Vogel

Als ich ihn Abends besuchte, lobte Goethe sein Befinden und war sehr gesprächig, besonders aber pries er in einem langen launigen Sermon den Goldschwefel, nach dessen Herkommen und ärztlichem Gebrauch er sich umständlich erkundigte.[155]


1412.*


1832, 19. März.


Mit Karl Vogel

Am Morgen traf ich den Kranken neben dem Bette sitzend, sehr aufgeräumt und nur noch körperlich etwas schwach. Er hatte in einem französischen Heft gelesen, fragte gewohntermaßen nach mancherlei Vorfällen und zeigte großes Begehren nach dem, zum Frühstück seit einigen Jahren herkömmlichen Glase Madeira. Ich fand keinen Grund seiner Neigung entgegen zu sein, und er trank und aß mit vielem Behagen, blieb auch fast den ganzen Tag über auf. – Gegen Abend traf ich ihn bei der Musterung von Kupferstichen, sprach mit ihm durch, was sich während seiner Krankheit in dem, ihm untergebenen Departement ereignet hatte, zeigte ihm die Berliner Choleramedaille, über welche er sich in sehr witzigen Bemerkungen ausließ, spaßhafte Entwürfe zur Darstellung desselben Gegenstandes vorbrachte und sich vorzüglich darüber sehr vergnügt äußerte, daß er am folgenden Morgen imstande sein würde, sein gewohntes Tagewerk wieder vorzunehmen.[156]


1413.*


1832, 20. März.


Mit Karl Vogel u.a.

Die ersten Stunden der folgenden Nacht, vom 19. auf den 20. März, schlief der Kranke sanft bei vermehrter[156] Hautausdünstung. Gegen Mitternacht wachte er auf, empfand zuerst an den Händen, welche bloß gelegen hatten, und von ihnen aus später dann auch am übrigen Körper von Minute zu Minute höher steigende Kälte. Zum Frost gesellte sich bald herumziehender reißender Schmerz, der, in den Gliedmaßen seinen Anfang nehmend, binnen kurzer Zeit die äußern Theile der Brust gleichfalls ergriff, und Beklemmung des Athems sowie große Angst und Unruhe herbeiführte... Die Zufälle wurden immer heftiger, dennoch erlaubte der, sonst bei den geringsten Krankheitsbeschwerden nach ärztlicher Hülfe stets so dringend verlangende Kranke dem besorgten Bedienten nicht, mich zu benachrichtigen, weil ja nur Leiden, aber keine Gefahr vorhanden sei.

Erst den andern Morgen um halb 9 Uhr wurde ich herbeigeholt. Ein jammervoller Anblick erwartete mich. Fürchterlichste Angst und Unruhe trieben den, seit lange nur in gemessenster Haltung sich zu bewegen gewohnten, hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen vergeblich suchte, bald auf den neben dem Bette stehenden Lehnstuhl. Der Schmerz, welcher sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, preßte dem Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre livide Höhlen gesunken, matt, trübe; der Blick drückte die gräßlichste[157] Todesangst aus. Der ganze eiskalte Körper triefte von Schweiß, den ungemein häufigen, schnellen und härtlichen Puls konnte man kaum fühlen; der Unterleib war sehr aufgetrieben; der Durst qualvoll. Mühsam einzeln ausgestoßene Worte gaben die Besorgniß zu erkennen, es möchte wieder ein Lungenblutsturz auf dem Wege sein.

Hier galt es schnelles und kräftiges Einschreiten.

– – – – – – – – – – – – – – – – –

Gegen Abend war kein besonders lästiger Zufall mehr vorhanden. Goethe sprach einiges mit Ruhe und Besonnenheit, und es machte ihm sichtbare Freude, als ich ihm erzählte, daß im Laufe des Tages ein höchstes Rescript eingegangen sei, welches eine Remuneration, für deren Ertheilung er sich angelegentlich verwendet hatte, gebetenermaßen verwillige.[158]


1414.*


1832, 21. März.


Ferneres während Goethes Krankheit


a.

[Es] hatte die Frau v. Vaudreuil, Gemahlin des hiesigen französischen Gesandten, ihr Bild, von Professor Müller in Eisenach in Farben gezeichnet, Goethen als Geschenk zugesendet und dieser hatte sich an dessen Anblick mit den Worten ergötzt: »Nun, der Künstler soll gelobt werden, der nicht verdarb, was die Natur so schön vollendete.«

[158] Auch hatte er einige Tage vorher ›Seize mois ou la Revolution‹ von Salvandy erhalten; dieses Buch mußte Friedrich... aufschneiden und nebst zwei Lichtern ihm bringen, allein er konnte nur darin blättern, zu lesen vermochte er nicht.


b.

Er forderte seinen Enkel Walther auf, ihm die Raupachische Posse ›der versiegelte Bürgermeister‹ zu erzählen. ..... Auch hat er, als ... ein Steindruck seines eigenen, von Stieler gemalten, wohlgelungenen Portraits aus München eintraf, geäußert: er sei zur Gegengabe an Frau von Vaudreuil bestimmt, und er habe schon vier Zeilen gedichtet, – so nach seiner Art, – die er darunter schreiben wolle sobald er wiederhergestellt sein werde.

Gegen 11 Uhr Nachts bat er seine Schwiegertochter, sich zu Bett zu begeben und auch die Kinder zur Ruhe zu bringen. Er fragte nach den Hausfreunden, von denen er ganz richtig voraussetzte, daß sie in der Nähe wären, und äußerte: es wäre durchaus nicht nöthig, daß jemand anders, als der Bediente und der Copist John bei ihm wache. Zugleich verlangte er die aufgezeichneten Namen derjenigen zu sehen, welche sich an diesem Tage nach seinem Gesundheitszustande erkundigt hatten, verweilte bei dem Durchlesen derselben bei einzelnen länger und erinnerte, man müsse die bewiesene Theilnahme ja nicht vergessen,[159] wenn er wieder gesund wäre. Er forderte dann die Familienglieder noch einmal auf, sich zur Ruhe zu begeben, indem durch dieses Nachtwachen unnütz die Kraft verschwendet würde. Seinem Bedienten merkte er an, daß er von Nachtwachen sehr erschöpft sei, aber er fühlte auch, daß ein Fall eintreten könnte, wo ihm dessen schleunigste Hülfe unentbehrlich wäre; daher befahl er ihm, sich durch Schlaf zu erquicken und zwar nicht in dem Bette, das in der nur wenig entfernten Bedientenstube stand, sondern in seinem eigenen Bette, welches leer war, da er die ganze Nacht im Lehnstuhle zubrachte. Den Copist John dagegen forderte er zum Wachen auf, indem er ihm sagte: »Sie bleiben bei mir und sind aufmerksam, damit ich nicht etwa vorwärts falle, wenn ich einschlafe.«

Gegen 12 Uhr schlummerte er etwa drei Viertelstunden ganz ruhig, dann mitunter noch minutenlang und fühlte sich durch Drang zum Husten und Schwierigkeit des Schleimauswurfs mitunter beklommen. Während der Nacht sagte er einigemal zum Copisten John: »Halten Sie nur treulich bei mir aus! es kann doch nur noch ein paar Tage dauern.«[160]


1415.*


1832, 22. März.


Letzter Tag

Morgens gegen 6 Uhr ließ er sich im Lehnstuhl aufrichten und ging aus seinem Schlafcabinette einige[160] Schritte in sein Arbeitszimmer. Hier, wo sie sich die Nacht hindurch verborgen gehalten, traf er seine Schwiegertochter an, zu welcher er freundlich scherzend sagte: »Ei, ei, Frauenzimmerchen! bist Du denn auch schon wieder heruntergekommen?« – Er ging jedoch, sich sehr matt fühlend, sogleich wieder auf den Lehnstuhl in seinem Schlafzimmer zurück.

.... Obgleich der Arzt bestimmt erklärt hatte, daß keine Hoffnung vorhanden sei, ihn von dem zurückgetretenen Katarrhalfieber zu retten, so wollten doch nicht alle in dem vordern Zimmer anwesenden Freunde dieser schmerzlichen Mittheilung Glauben beimessen, zumal da das Barometer seit gestern bedeutend gestiegen war und sie aus Erfahrung wußten, welchen starken Einfluß der Zustand der Luft auf Goethes Gesundheit ausübe. Auch der Kranke selbst sprach am Morgen gegen seine Schwiegertochter die Hoffnung auf Wiedererlangung seiner Gesundheit und Kräfte aus, indem er sagte: der April brächte zwar Stürme, aber auch schöne Tage, an denen er sich durch Bewegung in der freien Natur wieder stärken wolle; ja, den Arzt bat er, er möchte ihm keine Arznei mehr geben; es gehe ja so gut.

Gegen Sonnenaufgang verschlimmerte – wie der Arzt vorausgesagt – der Zustand sich bedeutend, und die Kräfte sanken mehr und mehr. Man hatte das Zimmer ganz dunkel gelassen, um den Kranken dadurch ruhiger zu erhalten, allein er sagte: »Gebt mir Licht;[161] die Dunkelheit ist unangenehm.« Bald aber schienen seine Augen zu leiden; denn er hielt wiederholt die Hand wie einen Schirm über dieselben, als wenn er sie schützen, oder etwas in der Ferne sehen wollte, sodaß man ihm den grünen Schirm gab, welchen er Abends bei dem Lesen zu tragen pflegte. Er forderte dann seine Schwiegertochter auf, sich neben ihn zu setzen, ergriff ihre Hand und hielt sie lange in der seinigen.1

Gegen 9 Uhr verlangte Goethe, Wasser mit Wein vermischt zu trinken, und als ihm dieses gebracht wurde, richtete er sich im Lehnstuhle auf, ergriff das Glas mit fester Hand und trank es aus, jedoch erst nach der Frage: »Es wird doch nicht zu viel Wein darunter sein?« Dann rief er John herbei und unterstützt von diesem und seinem Bedienten stand er vom Stuhle ganz auf. Vor demselben stehend, fragte er: welchen Tag im Monat man habe, und auf die Antwort, daß es der 22. sei, erwiederte er: »Also hat der Frühling begonnen, und wir können uns um so eher erholen.« Er setzte sich dann wieder in den Armstuhl und verfiel in einen sanften Schlaf mit angenehmen Träumen; denn er sprach unter anderm: »Seht den schönen weiblichen Kopf – mit schwarzen Locken – in prächtigem[162] Colorit – aus dunklem Hintergrunde.« Überhaupt schien ihn ganz und gar die Kunst zu beschäftigen; denn er äußerte kurz darauf: »Friedrich, gieb mir die dort stehende Mappe mit Zeichnungen!« Da keine Mappe, sondern ein Buch an der bezeichneten Stelle stand, reichte ihm der Bediente dieses, allein der Kranke versetzte darauf: »Nicht das Buch, sondern das Portefeuille!« Der Diener versicherte, es sei kein Portefeuille, sondern nur ein Buch da, und nun ermunterte sich Goethe ganz aus dem Halbschlaf und sagte scherzend: »Nun, so war es ja wohl ein Gespenst.«

Kurz darauf verlangte er kaltes Geflügel zum Frühstück. Man brachte ihm dieses; er nahm etwas davon in den Mund und wünschte zu trinken. Friedrich reichte ihm ein Glas mit Wasser und Wein, von welchem er aber nur wenig trank und die Frage an den Bedienten richtete: »Du hast mir doch keinen Zucker in den Wein gethan, der mir schadet?« Er bestellte darauf, was er zu Mittag essen wollte und überdies für den Sonnabend [den 24. März], an welchem Tage der Hofrath Vogel bei ihm speisen sollte, ein Lieblingsgericht desselben. So war er bis zum letzten Augenblicke liebend für seine Freunde besorgt .... Goethe ließ sich abermals von seinem Copisten John und Friedrich aufrichten, um in sein Arbeitszimmer zu gehen, allein er kam nur bis an den Eingang, wankte und setzte sich bald wieder in den Lehnstuhl.

Als er hier ein Weilchen saß, forderte er ein Manuscript[163] von Kotzebue. Es war keins zu finden und man eröffnete ihm dieses. Er erwiederte darauf: es müsse dann entwendet worden sein. Es fand sich später, daß dieses Verlangen nach dem Kotzebue'schen Manuscripte nicht durch eine bloße Phantasie erzeugt worden sei; er hatte sich nämlich vor wenigen Tagen mit seiner Bearbeitung von Kotzebue's ›Schutzgeist‹ – einem Stücke, das er sehr liebte – beschäftiget und es seinem Enkel Wolf geschenkt. Man fand es später auf dem Schreibtische des letztern liegen.

Sein Geist beschäftigte sich darauf mit seinem vorausgegangenen Freund Schiller. Als er nämlich ein Blatt Papier an dem Boden liegen sah, fragte er: warum man denn Schiller's Briefwechsel hier liegen lasse; man möge denselben doch ja aufheben. Gleich darauf rief er Friedrichen zu: »Macht doch den zweiten Fensterladen in der Stube auch auf, damit mehr Licht hereinkomme!« Dies sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Als nun das Sprechen ihm immer schwerer wurde, und er doch noch Darstellungs- und Mittheilungsdrang fühlte, zeichnete er erst mit gehobener Hand in die Luft, wie er auch in gesunden Tagen zu thun pflegte; dann schrieb er mit dem Zeigefinger der Rechten in die Luft einige Zeilen. Da die Kraft abnahm und der Arm tiefer sank, so schrieb er etwas tiefer und zuletzt – wie es schien, dasselbe – auf dem, seine Beine bedeckenden Oberbette zu wiederholten Malen.[164] Man bemerkte, daß er genau Interpunctionszeichen setzte, und den Anfangsbuchstaben erkannte man deutlich für ein großes W; die übrigen Züge vermochte man nicht zu deuten.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Da die Finger anfingen blau zu werden, so nahm man ihm den grünen Arbeitsschirm von den Augen und fand, daß sie schon gebrochen waren. Der Athem wurde von Augenblick zu Augenblick schwerer, ohne jedoch zum Röcheln zu werden; der Sterbende drückte sich, ohne das geringste Zeichen des Schmerzes, bequem in die linke Seite des Lehnstuhls, und die Brust, die eine Welt in sich erschuf und trug und hegte, hatte ausgeathmet.


1 Frau Hase geb. Härtel schreibt am 3. April 1832 an Elwine Härtel: Goethe habe die Hand seiner Schwiegertochter mit den letzten, von ihm gesprochenen Worten verlangt: »Nun, Frauenzimmerchen, gieb mir Dein gutes Pfötchen!« und habe die Hand beim Eintritt des Todes noch festgehalten.[165]


Quelle:
Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896, Band 8, S. 155-166.
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