Der sechste Auftritt.

[389] Atalanta. Amaryllis. Menalkas. Die vorigen.


ATALANTA.

So laßt mich doch nur gehn! Was hab ich euch gethan,

Daß ich, wie mirs gefällt, auch nicht mehr jagen kann?

Ihr hindert ja dadurch mein einziges Vergnügen.[389]

MENALKAS.

Wie? Schwester? willst du stets die Bestien bekriegen?

Willst du denn allezeit durch Busch und Wälder ziehn,

Und als ein wildes Thier der Menschen Umgang fliehn?

AMARYLLIS.

Sind wir denn nicht so gut, als Hasen oder Hunde?

Dort bringst du Tage zu, und hier kaum eine Stunde.

ATALANTA.

Du weist die Ursach wohl. In Wäldern bin ich frey;

Zu Hause quält mich nur der Schäfer Phantasey

Mit ihrer Liebespein. Die will und werd ich fliehen:

Und sollt ich endlich gar in eine Wüste ziehen.

DAMON.

Das merk dir, Corydon!

CORYDON.

Ich hab es längst gewußt!

MENALKAS.

Und warum neigt sich denn die gar zu harte Brust

So gar vom Lieben ab? Es ist ja keine Sünde!

ATALANTA.

Vom Lieben? weil ich noch nichts liebenswürdig finde.

Die Schäfer unsrer Flur sind gar zu weich und zart:

Und hätten sie nicht noch die Spuren von dem Bart;

So wollt ich ganz gewiß bey allen Büschen schwören,

Daß sie kein Männervolk, und lauter Weiber wären.


Geht ab.


NISUS.

Nun! das war arg geschimpft![390]

DORIS.

Indessen ists doch wahr!

Nun geh, und bring ihr noch dein Herz zum Opfer dar,

Du armer Corydon! Geh, frag doch Amaryllen,

Mein Damon, ob sie dir die Wünsche will erfüllen?

AMARYLLIS.

Was sagst du? welchen Wunsch? Was hat er dir gesagt?

DORIS.

Er hat dich, wie er spricht, um deine Huld befragt,

Und gleich Versicherung von deiner Gunst bekommen:

Drum hat er auch bereits den Glückwunsch angenommen.

AMARYLLIS.

Wie? Damon? sagst du das?

DAMON.

Ja, ich gesteh es frey;

Und glaube noch dazu, daß es kein Irrthum sey.

Menalkas hats gehört – – –

AMARYLLIS zum Menalkas.

Sprich, hast du was gehöret?

Wie? Bruder, weist du was?

DAMON lächelnd.

Er hat dich nur gestöret;

Weil er zugegen war, hast du mir ganz versteckt,

Durch die gedruckte Hand, die Zärtlichkeit entdeckt.[391]

MENALKAS.

Ich weis zwar alles das, was offenbar geschehen;

Doch um die Heimlichkeit, da mögt ihr selber sehen.

AMARYLLIS.

Ey, Schäfer! schone mich. Du mußt sehr eitel seyn!

Was bildest du dir wohl von meinem Herzen ein?

Wenn du so pralen kannst, so mag ich dich nicht lieben;

Gesetzt, ich hätt dir schon mein Herz einmal verschrieben.

Nein, Pralern bin ich feind! vor allen andern, dir.

NISUS.

Nun, das war deutsch geredt. Hey! so gefällt sie mir!

CORYDON.

Ich hab es wohl gedacht.

DORIS.

Das hieß recht abgegeben!

AMARYLLIS.

Dir sag ichs, Corydon, du bist mein ganzes Leben.

CORYDON.

Ich hab, o Schäferinn, mein Herze schon verschenkt;

Weil mich mein ganzer Trieb zu Atalanten lenkt.

Ich geh und suche sie.


Geht ab.


AMARYLLIS.

Dir folg ich aller Orten.


Geht ab.


MENALKAS.

Ein andermal, mein Freund, sey nicht so frech in Worten.


Geht mit der Doris ab.[392]


NISUS.

Leb wohl, Herr Bräutigam!


Geht ab.


DAMON.

Das Spotten macht mich toll!

Ich schwöre, daß es euch noch alle reuen soll.


Geht ab.


Ende des zweyten Aufzuges.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 389-393.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon