Der zweyte Auftritt.

[28] Cato. Arsene. Phönice. Catons Gefolge.


CATO.

Ich höre, Königinn,

Du bist so kummervoll, als Rom; als ich itzt bin.

Das Schicksal drücket dich und uns mit schweren Händen.

Arsaces ist nun todt: wohin willst du dich wenden?

Indessen warte nur auf keinen Trost von mir!

Du bist so unverzagt in deiner Noth, als wir.

Du magst dich wie du willst, mit fremder Kleidung decken;[28]

Man sieht ein römisch Herz in deinem Busen stecken.

Nunmehr erkläre dich: indem dein Vater fällt,

Und dir ein stolzes Volk die Krone zugestellt:

Ob jener theure Bund, den er und wir beschworen,

Durch seinen Tod die Kraft und Gültigkeit verloren?

ARSENE.

Nein, Herr, er steht noch fest. Der unbesiegte Phrat

Verehrt den Friedensschluß mir dir und deiner Stadt.

War dir Arsaces treu; ich bins mit stärkerm Triebe:

Nur denke mir nicht mehr an des Pharnaces Liebe!

CATO.

Wie? Königinn!

ARSENE.

So ists. Denn als vor kurzer Zeit

Ein Krieg der Römer Staat und unser Reich entzweyt:

So weist du selber wohl, wie Crassus umgekommen;

Als unsrer Parther Schwert ihm Volk und Sieg genommen.

Allein du weist wohl nicht, was da Pharnaces that?

Mein Bruder, der nach mir das Rund der Welt betrat,

Pakor, der jüngste Sohn von meines Vaters Ehe,

Um den ich itzo noch in tiefer Trauer stehe,

Der unsers Volkes Lust, der Feinde Schrecken ward;

Den ließ Pharnaces selbst, nach Meuchelmörder Art,

In einer strengen Schlacht durch Hinterlist ermorden:

Dieweil des Bruders Arm ihm selbst zu stark geworden.

CATO.

Verdammtes Bubenstück! ich hab es nicht gewußt:

Doch rührt mich, Königinn! der Schmerz in deiner Brust.[29]

ARSENE.

Ja, Cato, glaube nur sein grausames Verfahren:

Weil Schwert und Arme stets von Lastern blutig waren.

Er hatte diesen Mord bisher durchaus versteckt:

Nur gestern hat ihn mir der Bösewicht entdeckt,

Der selbsten dazumal das Blut Pakors vergossen;

Weil sein Gewissen ihm die Lippen aufgeschlossen.

Nun, da der Parther Reich in Fried und Ruhe steht:

Sollt' er der Bräutgam seyn, der mir zur Seite geht?

Wer schon in Lastern steckt wird insgemein verwegen.

Pharnaces wagte sich, mir Netz und Strick zu legen;

Er kam an unsern Hof und suchte mich zur Braut:

Ich ward ihm spinnenfeind, so bald ich ihn geschaut.

Und dennoch ließ ich mich, gleich zahmen Opferthieren,

Geduldig bis nach Rom, zur Hochzeitfeyer, führen.

Doch hab ich Hymens Joch bisher noch nicht gesehn:

Der Römer Zwiespalt machts, daß es noch nicht geschehn.

Der Krieg, Pompejens Fall, und Cäsars Siegeszeichen,

Die ließen den Pharnaz aus seinem Staat nicht weichen.

Und dieses zwang auch mich, zu dir, o Held! zu fliehn.

Nun kömmt er gleichfalls her, die Hochzeit zu vollziehn.

Wiewohl, ich wüßte nicht, was ich beginnen sollte,

Wenn seine Raserey dieß Band erzwingen wollte.[30]

CATO.

Prinzessinn, diese Stadt kann deine Zuflucht seyn,

Selbst Cato schleußt sich itzt in ihre Mauern ein.

Rom seufzet, und man sieht das Capitol in Flammen!

Hier zieht die Freyheit noch die letzte Kraft zusammen,

Mit der die Republik gewiß zu Grunde geht,

Und, wenn sie einmal fällt, wohl niemals aufersteht.

Das beste Kriegesvolk hat sich hierher gezogen;

Doch ist uns sonderlich die Tugend selbst gewogen.

Die schützet Thurm und Wall, ja selbst die Billigkeit

Scheut hier die Waffen nicht, und folgt uns in den Streit.

Hier laß ich unsern Rath noch einst zusammen kommen.

An Anzahl hat er zwar sehr merklich abgenommen,

Doch an der Hoheit nicht, so ihm die Tugend giebt,

Die mehr ein redlich Herz, als Glanz und Ansehn liebt.

Hier können Könige noch eins so sicher wohnen;

Als wo man sie verehrt, als auf den höchsten Thronen.

Das Recht beschützt dich selbst; drum dämpfe Gram und Pein,

Und baue nur, wie Rom, hinfort auf mich allein.

Mein Schicksal lenkt mich stets die Bosheit zu bestreiten,

Und sollt ich gleich dadurch mir selbst ein Grab bereiten!

ARSENE.

Nein, Herr! ich bitte, gib der Ahndung kein Gehör!

Das höchstbedrängte Rom braucht so ein Haupt noch mehr.

Denn zweene können itzt nicht wohl vermisset werden,

Im Himmel Jupiter, und Cato hier auf Erden.[31]

Wiewohl es kömmt vieleicht Pharnaz in kurzem her;

Darum entfern ich mich. Sein Anblick fällt mir schwer.


Sie geht ab.


CATO allein.

Ich spüre neuen Trieb Arsenen zu beschützen.

Allein was seh ich doch aus ihren Augen blitzen?

Sie gleicht der Porcia! Mein Kind lebt fast in ihr!

Doch, Phokas läßt sich sehn; was will er doch bey mir?


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 28-32.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Arnim, Bettina von

Märchen

Märchen

Die Ausgabe enthält drei frühe Märchen, die die Autorin 1808 zur Veröffentlichung in Achim von Arnims »Trösteinsamkeit« schrieb. Aus der Publikation wurde gut 100 Jahre lang nichts, aber aus Elisabeth Brentano wurde 1811 Bettina von Arnim. »Der Königssohn« »Hans ohne Bart« »Die blinde Königstochter« Das vierte Märchen schrieb von Arnim 1844-1848, Jahre nach dem Tode ihres Mannes 1831, gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Gisela. »Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns«

116 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon