Der zweyte Auftritt.

[83] Cato. Porcius. Arsene. Phönice.


ARSENE.

Ich komme zu dir her, der Römer Blut zu sparen:

Ich eile Cäsars Schritt, aus Lust zum Frieden, vor:

Drum gönne meinem Wunsch nur ein geneigtes Ohr.

Mein Unglück wird so lang als Roms Verderben währen:

Das Bürgerblut erweckt mir gar zu viele Zähren.

So bald der Tod den Pfeil auf eure Krieger zückt,

So wird er, wie mich dünkt, in meine Brust gedrückt.

Ich muß die Römer mehr, als meine Parther lieben:

Vieleicht thu ich zuviel mit den verkehrten Trieben!

Als Königinn bin ich den Königsfeinden hold,

Die ich nach meiner Pflicht, recht tödtlich hassen sollt.

Mein Herz empört sich stark und murrt so sehr darwider,

Als trät, ich die Natur und ihr Gesetz darnieder.[83]

CATO.

O liebten sich doch auch die guten Römer so!

So würden wir noch einst nach Schmerz und Unglück froh.

Du hast ein größer Herz, als Königinnen haben:

Es liegt was Römisches in deiner Brust begraben.

Arsene, glaub es nur, ja mach es offenbar,

Der Götter Fügung selbst erklärt es schon für wahr.

PORCIUS seitwärts.

Das hab ich nur gewünscht! Pharnaz hat nicht gelogen!

ARSENE.

Mich dünkt, das ganze Heer ergreift schon Schwert und Bogen.

Der Stillstand ist bald aus! darum verlängert ihn!

Selbst, Cäsar, will sich hier um meine Gunst bemühn.

CATO.

Wie? Cäsar, deine Gunst?

ARSENE.

Ich weis sein Herz zu lenken,

Der Himmel scheint mir ja ein großes Reich zu schenken:

Der größten Ehrbegier genügt an meinem Thron.

Und so bezwing ich dann auch Cäsars Neigung schon!

Alsdann soll er nebst mir der Parther Reich regieren,

Und Rom wird keinen Zwang von seinem Zepter spüren:

Der Frieden soll die Frucht von meiner Liebe seyn.[84]

CATO.

Was hör ich! Welch ein Schmerz nimmt Geist und Glieder ein!

Du liebest Cäsarn selbst? O Himmel! was für Plagen

Soll meine Tugend noch erdulden und ertragen?

An mir versucht das Glück fast alles, was es kann:

Weil ihm mein Widerstand vieleicht zu Weh gethan.

Ihr Götter! War der Schimpf nicht groß genug zu nennen,

Sie durch die Krone schon beflecket hier zu kennen?

Und muß es gar geschehn, daß des Tyrannen Bild

Durch zarte Liebesglut ihr Innerstes erfüllt!


Er wendet sich von ihr.


ARSENE.

Was macht dich so bestürzt? Was kann dich so bewegen?

Kann das, was ich gesagt, so vielen Schmerz erregen?

Was hab ich denn versehn, daß mich dein Zorn betrifft?

Sprich, Cato!

CATO.

Nimm und lies; es ist Arsacens Schrift.

ARSENE.

Mit Zittern faß ich hier des liebsten Vaters Zeilen:

Es scheint ein harter Fall mein Herz zu übereilen.


Sie öffnet den Brief und liest.


»Es würde grausam seyn, wenn ich erblassen sollte,

Und deine Tochter dir noch länger bergen wollte.

Durch ihre Tugenden ist sie der Ehre werth,[85]

Die ihr in deiner Huld und Liebe wiederfährt.

Erkenne denn dein Kind, und lieb es in Arsenen:

Und will sie meinen Thron und Purpur nicht verhönen;

So nimm doch ihrer Hand der Parther Zepter nicht,

Indem ihr Regiment der Welt viel Heil verspricht.«

PORCIUS erstaunt.

Was hör ich? Kann es seyn? Die Schwester Porcia,

Die man für todt geschätzt, steht in Arsenen da?

PORCIA bestürzt.

Wer? ich? des Cato Kind? Welch plötzliches Entsetzen!

Dieß Glück ist herrlicher, als Kron und Thron zu schätzen.


Zum Cato.


Mein Vater! Süßes Wort! das mir viel schöner klingt,

Als was ein Königreich für stolze Titel bringt.

Die Regung der Natur bewog mich, dich zu lieben,

Ein unbekannter Zug hat mich hieher getrieben.

Du weist, wie deutlich sich mein Herz bereits entdeckt,

Obgleich das Schicksal mich in fremden Schmuck versteckt.

Itzt regt sich das Geblüt mit freudigerm Ergießen:

O! zwinge dich also, mich in den Arm zu schließen,

Und sieh mich doch einmal mit Vateraugen an![86]

Verbanne deinen Schmerz! der Zorn sey abgethan!

Bestrafe nicht an mir die Fehler des Geschickes,

Und würdige dein Kind doch endlich eines Blickes!

CATO kehret sich zu ihr.

Ich hab es wohl gespürt, daß dich mein Schmerz bewegt:

Es war ein heimlich Band in unser Blut gelegt;

So heftig regten sich die eingepflanzten Triebe!

Und kurz, ich fühlte selbst die zärtste Vaterliebe.

Allein, ein Königsthron ist viel zu schlecht für dich;

Und Cäsarn hold zu seyn, der größte Schimpf für mich!

Besieg, als Römerinn, und Tochter, Lieb und Ehre,

Und zeige, daß dein Herz dem Cato angehöre!

PORCIA.

Ach allzuschwerer Sieg! Wie hart fällt beydes mir!

PORCIUS.

Was säumt denn Porcius? dieß Glück gehört auch dir.

Ja, Schwester! laß auch mich dir in die Arme fallen,

Und sieh in meiner Brust ein Bruderherze wallen.

Auch ich war dir geneigt, als einer Königinn;

Und wünschte: Wäre sie doch eine Römerinn!

Nun ist es zwar entdeckt, doch anders, als ich dachte:

Indem ich mir auf dich ganz andre Rechnung machte.

PORCIA.

Mein Bruder! liebe mich hinführo brüderlich![87]

CATO aufgebracht.

Was bist du so bestürzt? entschleuß und fasse dich!

Du seufzest? Schäme dich! Willst du mein Blut beflecken?

Und deines Vaters Haus in Schimpf und Schande stecken?

Ihr Götter! welch ein Schmerz!

PORCIA.

Mein Vater! – – laß mich doch!

CATO zornig.

Ich bin dein Vater nicht, wo Cäsars Liebe noch

In deiner Seele brennt. Ersticke solche Flammen!

PORCIA bewegt.

Wie konnt ich Cäsars Huld und Liebe doch verdammen?

Ich wußte ja noch nicht, wer mich zur Welt gebracht!

Das Schicksal hat mir selbst dieß Unglück zugedacht.

CATO.

Der Thränenstrom verräth die Schwäche deiner Seelen.

O! kannst du nicht einmal die Zärtlichkeit verhölen:

So nenne dich hinfort nur meine Tochter nicht;

Und komme mir durchaus nicht mehr vors Angesicht!

PORCIA mit Thränen.

Ach! Ach! kaum hab ich dich als Vater kennen lernen,

Und du willst mich von dir schon wiederum entfernen![88]

Ich Unglückselige! der Götter Grausamkeit

Hat mich bisher verweyst; du gehst noch eins so weit!

Sprich, muß ein Römer denn, um Rom getreu zu scheinen,

In seiner Seele gar die Menschlichkeit verneinen,

Und unempfindlich seyn?

CATO aus tiefen Gedanken erwachend.

Was sagst du? Rede nun!

Sprich, soll denn die Natur der Tugend Eintrag thun?

PORCIA beweglich.

Und muß die Tugend denn Natur und Trieb ersticken?

Wiewohl, es ist zu hart, dich niemals zu erblicken!

Verbinde, wenn du kannst, was Rom, was Vaterland,

Was meine Liebe will, durch ein beglücktes Band!


Gesetzt, und hernach eifrig.


Wo nicht, so will ich doch die schnöde Flamme dämpfen;

Ich will mein eigen Herz und Cäsars Glut bekämpfen:

Ihr Götter! hört es an: ich bin ganz eifersvoll,

Zu zeigen, wer ich bin, so hart mirs gehen soll!

CATO umarmet sie.

Nun nenn ich dich mein Kind. Aus solchen Tugendproben,

Erkenn ich mein Geblüt. Den Vorsatz muß ich loben!

PORCIUS.

Mein Vater, Cäsar kömmt: ich gehe – –[89]

CATO.

Bleibe du:

Du gleichfalls, Porcia; hört unsern Reden zu.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 83-90.
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