Zweiter Auftritt


[117] Die Vorigen. Fräulein Karoline.


FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Komm, Karoline, komm! dein Bruder nimmt sich hier deiner recht an!

FRÄULEIN KAROLINE. Ich habe es allezeit gehört: kein Mensch ist so böse, der nicht auch etwas Gutes an sich hätte.

HERR VON KALTENBRUNN droht ihr. Je, du Vogel! ist das mein Dank?

FRÄULEIN AMALIE lachend. Da siehst du es!

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Je nun! ist denn das was Schlimmes, daß ich sage, du hast eine gute Eigenschaft an dir? Freunde und Verwandten hinter ihrem Rücken zu verteidigen, das ist doch gewiß was Gutes.

HERR VON KALTENBRUNN. Ja, ja! du lobst die Leute immer so, daß sie nicht viel Ehre davon haben. Es ist ein trefflicher Ruhm, wenn ein Mensch doch noch eine gute Eigenschaft an sich hat!

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Nun, nun! es soll mir sehr lieb sein, wenn du dir ehestens noch viel mehrere Tugenden angewöhnest.[117]

FRÄULEIN AMALIE zum Herrn von Kaltenbrunn. Laß sie zufrieden, Bruder, sie ist heute sehr spöttisch.

FRÄULEIN KAROLINE. Das muß man wohl sein, wenn einen alles in den Harnisch bringt.

FRÄULEIN AMALIE. Wer hat dir denn nun wieder was getan?

FRÄULEIN KAROLINE. Ihr alle, und Sie eben auch, Herr Doktor Hippokras.

DR. HIPPOKRAS erschrocken. Ich, gnädiges Fräulein? Wieso?

FRÄULEIN KAROLINE. Ja, Sie. Wie können Sie es vor Ihrem Gewissen verantworten, daß Sie heute bei Tische die Oberstin in ihrer Schwachheit so bestärket haben?

DR. HIPPOKRAS. Wieso?

FRÄULEIN KAROLINE. Je, Sie haben sie ja zu einem lebendigen Lazarette gemacht. Wollen Sie denn die Frau zu Tode ängstigen?

HERR VON KALTENBRUNN. Daran hat er sehr wohl getan. Wir haben ihn darum gebeten.

FRÄULEIN KAROLINE. Wer? wir?

FRÄULEIN AMALIE. Nun, er und ich: heißt man das sonst nicht wir?

FRÄULEIN KAROLINE schüttelt den Kopf. Wahrhaftig! Ihr seid treffliche Leute! Hat die Oberstin das um euch verdient, daß ihr ihr alles Unglück an den Hals hexen wollt?

FRÄULEIN AMALIE. Wir begehren ihr nichts anzuhexen.

HERR VON KALTENBRUNN. Sie darf keine von den Krankheiten haben. Sie darf nur heute noch glauben, daß sie sie hat.

FRÄULEIN KAROLINE. Warum aber das?

FRÄULEIN AMALIE erbittert. Zum hundertundneunundneunzigsten Male beantworte ich nicht gern eine Sache. Ich denke, wo du nicht alle Stunden ein nagelneues Gedächtnis bekömmst, so mußt du wissen, wovon vor Tische die Rede war.

HERR VON KALTENBRUNN. Weißt du denn nicht mehr, daß die Muhme heute ein Testament machen muß?

FRÄULEIN KAROLINE lachend. Wo sie will!

HERR VON KALTENBRUNN stampft mit dem Fuße. Ich sage, sie soll und muß; und sollten wir ihr auch einbilden, daß der Schlag sie gerühret hätte.

FRÄULEIN KAROLINE schüttelt den Kopf. Nun, gewiß! ihr seid unsinnig![118]

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Ja! wir sind nun einmal so unsinnig, daß wir glauben, Familiensachen in Ordnung zu bringen, das sei was Wichtigers als Spazierenfahren.

FRÄULEIN KAROLINE verwundernd. Was soll das heißen? Den Stich versteh' ich nicht!

HERR VON KALTENBRUNN lächelnd. Es geht doch gewisse Personen an, die die Oberstin gern auf der Landstraße wollten sterben sehen.

FRÄULEIN KAROLINE schüttelt verwundernd den Kopf. Ich weiß nicht, was ihr haben wollt.

DR. HIPPOKRAS zu Karolinen. Mein gnädiges Fräulein, man glaubt, daß Sie der gnädigen Frauen den Anschlag von der Spazierfahrt gegeben haben.

FRÄULEIN KAROLINE. Ich?

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Ja, es gibt gewisse Leute, die sich diesen Dienst von deiner schwesterlichen Liebe versprechen.

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Sie tun mir zuviel Ehre an; aber es ist mir leid, daß ich sie nicht verdiene.

HERR VON KALTENBRUNN zu Karolinen. So hast du es ihr nicht geraten?

FRÄULEIN KAROLINE. Nein. Aber es ist mir recht leid.

HERR VON KALTENBRUNN. Wieso? Leid?

FRÄULEIN KAROLINE. Ja, ja! es ist mir leid: denn ich würde ihr nichts Schlimmes geraten haben und bei euch ...

FRÄULEIN AMALIE heftig. Nichts Schlimmes geraten haben? Sie schlägt die Hände zusammen.

FRÄULEIN KAROLINE. Nein, gewiß nicht. Zum Doktor. Sagen Sie mir einmal, Herr Doktor, könnte wohl der Oberstin bei ihrer ziemlichen Stärke, die sie nun schon wieder erlangt hat, etwas gesunder sein, als wenn sie sich bei dem heutigen sehr schönen Wetter in einen bequemen Wagen setzte und zu ihrem Schwager, dem Landrat von Ziegendorf, führe?

FRÄULEIN AMALIE erstaunt. Wie? zu ihrer Schwester? daß die ihr etwa aus dem Sinne redete, uns etwas zu vermachen? Kann auch wohl das lautere Gift der Muhme ungesünder sein als der Ziegendorfin ihr Haus!

FRÄULEIN KAROLINE zum Doktor. Antworten Sie mir als ein ehrlicher Mann auf Ihr Gewissen, Herr Doktor Hippokras.

DR. HIPPOKRAS bedenklich. Ja, ja ... man hat Exempel ... daß[119] dergleichen Veränderungen ... manchen Kranken ... sehr dienlich gewesen ... sind.

FRÄULEIN KAROLINE. Aber glauben Sie nicht, Herr Doktor, daß sie auch heute der Oberstin gesund sein würde?

DR. HIPPOKRAS bedenklich. Ja ... das ... könnte wohl ... sein.

FRÄULEIN AMALIE heftig. Wie? Was? Herr Doktor?

HERR VON KALTENBRUNN springt erstaunt hinzu. Was sagen Sie, Herr Doktor? Sind Sie ein gewissenhafter Medikus? Mein Tage vertraue ich Ihnen meine künftige Schwindsucht nicht an!

FRÄULEIN AMALIE erschrocken. Ach! ich bin des Todes!

DR. HIPPOKRAS zur Karoline. Sie sehen, gnädiges Fräulein, wie mir's hier geht. Halte ich es mit einer Partei, so ist es der andern nicht recht: und halte ich es mit der andern, so verderbe ich es abermals.

FRÄULEIN KAROLINE zum Doktor. Drum ist es am besten, mein lieber Herr Doktor, man halte es mit keiner andern Partei als mit der Wahrheit. Man sage, wie die Sache ist, so hat man keine Not.

HERR VON KALTENBRUNN. Ja, ja! du kannst treffliche Predigten halten. Ich verspreche dir, daß du auf einem von den Gütern, die mir die Oberstin vermachen wird, mein Kaplan sein sollst. Des Sonntags will ich dir immer eine Stunde zuhören.

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Du bist sehr glücklich, daß die Sache nicht möglich ist!

HERR VON KALTENBRUNN sieht nach der Uhr und erschrickt. Potztausend! Bald verplaudere ich die Zeit, da der Verwalter kommen soll, den ich herbestellt habe. Ich muß erst mit ihm sprechen, ehe er zur Oberstin kömmt. Er will abgehen.

DR. HIPPOKRAS. Und ich will mit Dero Erlaubnis so lange, bis die gnädige Frau von der Mittagsruhe erwachet, die alte Kammerfrau besuchen, die am Fieber krank liegt.

FRÄULEIN KAROLINE zum Doktor. Ach! die alte Zeitungsträgerin möchte immer sterben!

HERR VON KALTENBRUNN zum Doktor. Kommen Sie, kommen Sie! Herr Doktor. Da geht wieder eine neue Strafpredigt an.


Der Doktor und Herr von Kaltenbrunn gehen ab.[120]


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 117-121.
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