637. Das Teufelsbad bei Osterode.750

[591] In der Nähe des Städtchens Osterode liegt ein Erdfall, von Bergen eingeschlossen, dessen trübes Wasser, wie das Volk behauptet, eine unergründliche Tiefe hat. Hier in diesem Gewässer soll der Teufel oft um Mitternacht sich baden und die in der höllischen Glut ermatteten Glieder erfrischen. In der Nähe des Teufelslochs oder Teufelsbades halten sich auch noch der wilde Jäger und Frau Holle auf. Wanderer, welche herzhaft genug waren in nächtlicher Stunde das Erlengebüsch zu passiren, das mit seinem schattigen Grün den schauerlichen Fleck umkränzt, sahen in den schwärzlichen Fluthen menschenähnliche Glieder schwimmen, bald emportauchend, bald wieder vom Strudel in die Tiefe hinabgezogen. Ein Feuerregen soll sich auch manchmal sprühend aus dem Wasserbecken ergossen haben, während dessen Wellen siedend in die Höhe stiegen. Auch in der Gestalt einer riesenhaften schwarzen Schlange, die sich spielend bald zusammenrollte, bald in tausendfachen Windungen auf- und niedertauchte, hatte man den Bösen schon erblickt. Bisweilen hat er[591] sogar Wanderer, auf welche er in seiner ganzen Schreckensgestalt mit Hörnern, Pferdefuß und Krallen einen Angriff machte, so lange geängstigt und hin- und hergetrieben, bis sie in das mit Wasser gefüllte Loch hinabsanken oder er hat sie wohl auch durch Irrlichter hineingelockt. Andere hat er nur zu seiner Kurzweil erschreckt, indem er als ein wüthender Eber auf sie zurannte oder indem er in der Gestalt einer Rohrdommel im Thale umherging und ein widerwärtiges Geschrei erhob. Die Heerden umkreiste er, in einen Wehrwolf verwandelt und trieb die Schafe in das Moor, aus dem die Hirten sie nicht zu retten vermochten. Daher vermeiden es die Leute, welche von Osterode nach Herzberg gehen wollen, bei Nacht am Teufelsbade vorbeizugehen und auch bei Tage thun sie es nur, wenn sie Eile haben und keinen Umweg machen wollen.

Einst nahte in der Stille der Nacht ein flüchtiger Verbrecher diesem von andern Menschen gemiedenen Orte, weil er hoffte, hier am sichersten gegen seine Verfolger zu sein; freilich gelang es ihm selbst nur mit Mühe, das Grausen, welches ihm die schauerliche Gegend einflößte, zu überwinden, um hier die Nacht zuzubringen. Mit Anbruch des Tages wollte er dann seine Flucht fortsetzen und hoffte so in ein fremdes Land entkommen zu können. Nachdem er sich von Laub und Moos ein Lager bereitet, streckte er sich nieder, doch kein Schlaf kam in seine Augen, theils ließ ihm das böse Gewissen keine Ruhe, theils führte ihm seine Phantasie fortwährend gräßliche Bilder vor seine Augen, so daß er von jedem Geräusch des Windes, von jedem zur Erde fallenden Blatte in Schrecken gesetzt wurde. Seine Angst erreichte den höchsten Grad, als er endlich gar Tritte vernahm, die ganz in der Nähe erschollen. Bald erblickte er den, welcher ihn durch das Geräusch seines Ganges so sehr erschreckt hatte. Es war ein Köhler von hoher Gestalt, das Gesicht von Ruß geschwärzt, einen mächtigen Knotenstock in der Hand. Der Räuber wagte gleichwohl nicht den Kommenden anzurufen, sondern blieb ruhig auf seinem Lager zusammengekauert liegen. Allein der Köhler entdeckte ihn trotz der Dunkelheit und fragte ihn mit barscher Stimme, wer er sei und was er hier mache. Der Flüchtling versetzte, er habe sich, der Gegend unkundig, vom Wege verirrt und beschlossen, die Nacht hier zuzubringen, weil er vor Müdigkeit nicht viel weiter habe kommen können. Da meinte der Köhler, das glaube er wohl, denn ein in der Gegend Bekannter werde sich so schon schwerlich diesen Ort zum Nachtquartier gewählt haben, allein wenn er hier ohne Obdach, aller Witterung ausgesetzt, die Nacht über bleiben werde, werde er vor Kälte und Nässe erstarren, er solle mit ihm nach seinem Meiler kommen und sich dort wärmen, am andern Morgen früh wolle er ihn dann auf den richtigen Weg bringen. Der Räuber mußte wohl oder übel das Anerbieten annehmen und so führte ihn denn der Köhler über Berg und Thal durch dichtes Gebüsch und Waldebenen der Kreuz und Quere, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Indeß wollte sich kein Meiler zeigen und der Flüchtling gewahrte mit Schrecken, daß er von dem Köhler im Kreise herumgeführt worden sei, denn er sah sich plötzlich wieder bei den hohen Erlen und Tannengruppen und vor ihm lag der Spiegel des unheimlichen Teufelsloches. Da versagten seine Beine den Dienst und er vermochte dem grausigen Führer nicht weiter zu folgen. Letzterer aber drehte sich plötzlich herum und sprach: »Ihr seid wohl vom schnellen Gehen erhitzt, wollt Ihr nicht ein Bad nehmen?[592] Hier ist ein kühles ruhiges Wasser!« Mit diesen Worten trat er auf den tödtlich Erschrockenen zu und als dieser Miene machte zu fliehen, da wuchs auf einmal die Gestalt des Köhlers ins Ungeheure, seine langen Arme streckten sich aus und mit seinen, mit spitzen Krallen versehenen Händen packte er jetzt den in die Kniee sinkenden Verbrecher, zog ihn an sich und preßte ihm Hals und Brust zusammen, dann aber hob er ihn hoch in die Höhe und schleuderte ihn mit furchtbarer Gewalt hinab in das Teufelsbad, daß das schmutzige Wasser hoch aufspritzte, hierauf sprang er ihm selbst nach und riß den ohnmächtigen Widerstand Versuchenden mit sich in die Tiefe hinab.

Bei Braunlage im Harze hielt sich in einer tief versteckten Felsenhöhle einst ein grausamer Räuber, Namens Germar, auf, der die ganze Umgegend durch seine greulichen Missethaten in Schrecken setzte. Oft hatte man schon versucht, seinen Schlupfwinkel zu entdecken, allein immer vergebens. Einzelne konnten sich auch nicht an ihn wagen, denn er war furchtbar stark, sonst auch gut bewaffnet und zum Ueberfluß auch noch von zwei starken Hunden begleitet und auch seine ganze Gestalt von furchtbarer Häßlichkeit, sein struppiger Bart und seine zottigen Haare flößten Jedem, der ihn nur von Ferne sah, Schrecken ein. Einst begegnete ihm, als er durch den Wald strich, ein greiser Priester, der sich von der Unsicherheit des Weges nicht hatte abschrecken lassen, einem armen Kranken Trost zu bringen. Der gottlose Räuber, der die thörichte Hoffnung hegte, vielleicht Geld in der Tasche des Greises zu finden, schlug ihn nieder, fand aber nichts in der Tasche des Gemordeten. Um jedoch demselben wenigstens eine Kleinigkeit abzunehmen, hing er sich den Rosenkranz des Erschlagenen um den Hals, dann ließ er ihn auf der Erde liegen und setzte seinen Weg weiter fort. Nicht lange mochte er gegangen sein, so traf er ein altes Köhlerweib, welches unter der Last eines schwerbeladenen Tragkorbs gebeugt einherschritt. Sogleich streckte er seine Hände darnach aus, um ihr denselben zu entreißen, denn er hoffte, sich daran für die Erwartungen schadlos zu halten, welche durch die Armuth des Priesters so eben getäuscht waren. Doch in dem Augenblick, wo er den Korb erfaßt hat, drehte sich das Weib herum und streckte ihm ihre Krallenfinger entgegen. Der Räuber erkannte in dem rußigen Gesichte des Köhlerweibes die Züge des bösen Feindes und sank entsetzt zusammen. Doch der Teufel vermochte in diesem Augenblick dem, der ihm längst verfallen war, kein Leid anzuthun, ihn schützte der Rosenkranz des Geistlichen, welchen der Räuber am Halse trug. Mit den Worten: »Bald sehen wir uns wieder!« verschwand der Teufel, während der Räuber ohnmächtig am Boden lag. Als er erwachte, tönten ihm noch immer jene Worte in den Ohren, doch Alles, was er an diesem Tage erlebte, kam ihm als ein wüster Traum vor. Unwillig, daß er keine größere Ausbeute davongetragen, zerriß er die Schnur des um seinen Hals hängenden Rosenkranzes und die Kügelchen fielen zur Erde nieder. Dann beschloß er, um sich nach den erlebten Schrecknissen wieder zu zerstreuen, einmal zu erproben, ob er auf der Jagd glücklicher wäre. Denn auch das Wildschützen-Handwerk zog ihn durch das unstete Schweifen im Walde und die damit verknüpften Gefahren an. Kaum hatte er jenen Gedanken gefaßt, so erblickte er einen mächtigen Keuler mit starken gekrümmten Hauern, der in schwerfälligen Sätzen durch das Dickicht rauschte. Sogleich löste er die zusammengekoppelten Hunde vom Riemen und schickte[593] sich zur Verfolgung des Ebers an. Dieser rannte immer fort durch die Büsche, über Höhen und Thäler und hielt sich immer in geringer Entfernung von den Rüden und ihrem Herrn, ohne daß es denselben gelungen wäre, ihn einzuholen. Schon war der Räuber mehrere Stunden lang dem Wilde gefolgt und hatte sich weit von seinem Schlupfwinkel entfernt. Der Rehberg, die Achtermannshöhe und der Brocken lagen fern zurück, vor ihm breitete sich eine Ebene aus. Die Sonne war schon längst herabgesunken und die Sterne begannen bereits zu schimmern. Da verzweifelte der Wildschütz, daß es ihm gelingen würde, den flüchtigen Eber zu erreichen. Von der langen Verfolgung ermattet, beschließt er umzukehren und ruft schon seine Rüden zurück. Doch sieht er in diesem Augenblick, wie der Eber in geringer Entfernung zusammensinkt. Er nimmt noch einmal seine Kräfte zusammen und eilt darauf zu. Allein der Keuler hat sich wieder aufgerafft und setzt über ein grünes Feld in langsamem Laufe weg. Schon ist der Räuber ihm ganz nah; da sinkt er mit seinen Doggen in das Teufelsbad, welches ihm als eine grüne Fläche erschienen war. Und der Eber stürzt in seine wahre Gestalt verwandelt auf seine Beute zu.

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S. Sagen und Geschichten aus der Vorzeit des Harzes S. 134. etc. Andere Sagen erzählt Pröhle S. 173.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 591-594.
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