170. Der rothe Mann zu Tangermünde.229

[152] Vor uralten Zeiten lebte in der kleinen Straße zu Tangermünde ein altes ehrwürdiges Ehepaar; ein kleines Häuschen war ihr Eigenthum und ihr Erwerb bestand in Handarbeiten und Bienenzucht, welche letztere der Mann in seinem Hausgärtchen betrieb. Eines Tages war der Greis auch in seinem Garten und sah nach seinen arbeitsamen Lieblingen. Die Frau wollte ihn zum Mittagessen hereinrufen und trat in die Hinterthür des Hauses,[152] welche in den Garten führte. Sie fand aber ihren Mann nicht allein, sondern gewahrte, daß derselbe einen Zuschauer bei seiner Arbeit hatte, dessen sonderbare Tracht und unheimliches Aussehen sie mit Schrecken erfüllte. Ein langes, feuerfarbenes Gewand umschloß die kleine Gestalt und eine rothe Kappe bedeckte sein Haupt, welches mit todtbleichem Gesichte sich über die Schulter des emsig arbeitenden Greises neigte. Entsetzt zog sich das Mütterchen zurück und wagte es nicht, ihren Gatten zu rufen. Ihr Schrecken aber ward noch vermehrt, als sie, im Wohnzimmer angekommen, auf ein altes seit undenklichen Zeiten an der Wand dieses Hauses hängendes Gemälde blickte, welches täuschende Aehnlichkeit mit dem Fremden im Garten hatte. Als nach längerer Zeit ihr Mann ins Zimmer trat und sie fragte, warum sie ihn denn nicht schon längst zum Essen gerufen, da wagte sie es, ihn nach dem Fremden zu fragen. Ihr Mann aber wollte von keinem Fremden etwas wissen und meinte, sie müsse geträumt haben und wolle ihn wohl zum Besten haben. Da sie natürlich das Gegentheil behauptete, so entstand zwischen den beiden Eheleuten ein Zank, der erste in ihrer langen Ehe. Als nun die Frau am andern Tage wieder um Mittag ihren Mann aus dem Garten zum Essen hereinrufen wollte, sah sie dieselbe gespenstige Gestalt ihrem Mann bei der Arbeit zuschauen. Der Fremde und der Alte sprachen kein Wort mit einander, ja sie gewahrte, wie ihr Mann dicht zu der Erscheinung hintrat, sogar durch sie hindurch zu gehen schien und darauf ihr freundlich zunickend sagte: »Nun, ist das Essen fertig und siehst Du etwa wieder den gestrigen Besuch neben mir?« Diese Worte gaben der armen Frau die Ueberzeugung, ihr Mann habe entweder ein Bündniß mit dem Bösen gemacht oder dem letztern gelüste nach seiner Seele. Sie antwortete deshalb nicht, sondern ging noch an demselben Tage zu ihrem Beichtvater, um demselben ihre Besorgnisse mitzutheilen. Dieser gab ihr den Rath, des andern Tags zur Mittagsstunde in den Garten zu gehen, vor der Erscheinung ein Kreuz zu schlagen und dieselbe im Namen Jesu Christi zu fragen: von wannen kommst Du? und: wohin willst Du? Dann werde der Geist, ob heilig oder unheilig, ihr gewiß Antwort geben. Die alte Frau erwartete mit Zagen und Beben den folgenden Tag. Ihr Mann ging, obgleich sie ihn drängte, nicht in den Garten, und so mußte sie allein die Beschwörung unternehmen. Mit der Mittagsglocke war auch die feuerfarbene Gestalt da. Die Frau that zitternd die ihr gebotenen Fragen. Da berührte die Erscheinung mit eiskalter Hand ihre Backe, so daß sie ohnmächtig niederstürzte. Ihr Mann fand sie ausgestreckt auf der Stelle, wo im Garten sich zwei Steige kreuzen, liegen, hat aber selbst den Rothmann nicht erblickt. Die Frau starb, nachdem sie ihrem Manne und dem Beichtvater die Begebenheit erzählt hatte, am dritten Tage und nahm fünf schwarze Streifen im Gesicht als Malzeichen des bösen Geistes mit ins Grab. Seitdem geht der rothe Mann in dem Garten besonders am Kreuzsteige um, spricht aber nie und thut Niemand etwas zu Leide.

So hat die Urenkelin der erwähnten Frau ihren Kindeskindern oft erzählt. In dem Garten, in welchem sich die Begebenheit zugetragen haben soll, findet sich nah zehn Fuß tief in der Erde ein altes Gemäuer. Beim Graben in der Gegend des Kreuzsteiges fand man vor langen Jahren ein Gewölbe, in welchem sich ein menschliches Gerippe befand, dessen Kopf mit[153] einem Hohlziegel bedeckt war. Noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts lebte in dem genannten Hause ein zweijähriges Mädchen, welches durch nichts, selbst nicht durch Androhung harter Strafen bewogen werden konnte, über den Kreuzsteig im Garten zu gehen. Ueberall in den Nebengängen lief es furchtlos herum, fragte man es aber, warum es nicht über den Kreuzsteig gehen wolle, da antwortete es ängstlich: rothe Mann, rothe Mann! Es verlor auch die Furcht vor dem Kreuzsteige nicht bis in sein fünftes Lebensjahr, in welchem es starb, und gab als Grund seiner Abneigung nur an, es stehe dort ein rother Mann. Möglich daß das Kind eine Art zweites Gesicht hatte und Dinge sah, die andern Augen verborgen blieben.

Fragt man nun aber, was dieser Sage zu Grunde liegt, so wird eine zweite erzählt, die allerdings etwas zu romantisch klingt, als daß sie ächt sein könnte. Es hatte nämlich einst ein Sohn des Tangermünder Stadthauptmanns Helmreich durch diesen Rothmann seine Geliebte und mit ihr einen großen Schatz bekommen. Derselbe liebte nämlich ein armes Mädchen, und sollte von seinem Vater gezwungen werden, die Tochter einer reichen Wittwe, gegen welche letzterer große Verbindlichkeiten hatte, zu heirathen. Nun war keine Aussicht vorhanden, daß sich die Liebenden je einander bekommen würden. Da saß eines Abends das Mädchen seiner Liebe, deren Mutter das genannte Haus einst besaß, kummererfüllt in der Laube des dazu gehörigen Gartens bis tief in die Nacht hinein, plötzlich erblickte sie im Lichte des Vollmonds auf dem Kreuzsteige ein kleines rothes Männchen stehen, sie wollte angsterfüllt ins Haus flüchten, da trat das Männchen zu ihr, sprach ihr Muth ein und hieß sie die andere Nacht wiederkommen, er wolle ihr helfen. Dies that sie auch und das Männchen war wieder da, setzte sich zu ihr in die Laube und erzählte ihr, er sei der abgeschiedene Geist eines wendischen Prinzen, der einer christlichen Jungfrau wegen das Christenthum angenommen und seine frühere Braut, ein schönes Wendenmädchen, wegen jener verlassen habe. Letztere sei gerade dazu gekommen, wie er der Christenjungfrau in der Nähe des Elbufers seine Liebe gestanden, aus Verzweiflung sei sie ins Wasser gesprungen und von ihm hier begraben worden. Von ihrem Vater zur Strafe des ewigen ruhelosen Herumirrens auf der Erde verflucht, bis er durch ein treues Liebespaar, welches sich durch keine Hindernisse von einander trennen lasse, von dieser Pein erlöst werde, habe er zwar ein Kloster erbaut und demselben all sein Gut und Geld geschenkt, auch sei er selbst als Mönch daselbst gestorben, allein seine Seele irre bis diese Stunde noch unerlöst hier umher. Er hieß nun das Mädchen den andern Abend wieder zurückkehren und einen Spaten mitbringen. Die Jungfrau ließ auch nicht lange auf sich warten, das Männchen führte sie an den Kreuzsteig und hieß sie muthig in die Erde graben und sich durch nichts irre machen zu lassen. Das muthige Mädchen that auch so, und obwohl ein furchtbares Unwetter heraufzog und ein Blitzstrahl eine dicht an diesem Steige stehende Eiche in Brand setzte, fuhr sie doch fort zu graben und fand auch bald einen eisernen Kasten voll von Gold und Geschmeide. Sie bedeckte ihn wieder mit Erde und eilte ins Haus zurück, am andern Morgen aber ging sie abermals heraus, hob den Schatz und händigte ihn ihrem Geliebten ein, der damit die Verpflichtungen seines Vaters gegen die Wittwe deckte und nun dafür von ihm[154] die Erlaubniß erhielt, seiner Geliebten sein Wort zu halten und sie zu ehelichen. Am Abend ihrer Hochzeit eilten beide um Mitternacht in den Garten, um dem guten Rothmann für seine Hilfe zu danken, allein sie mochten ihn noch so sehr rufen, er erschien nicht und Niemand hat ihn dann lange Zeit wieder erblickt; zur Erinnerung an ihn ließ aber das dankbare Ehepaar ihn so, wie die Jungfrau ihn erblickt, abconterfeien und in dem Hause aufhängen. Allein es scheint doch, als wäre seine Erlösung noch nicht ganz vollständig gewesen, sonst hätte er ja nicht wiederkommen können, und doch geht aus obiger Erzählung hervor, daß er noch hin und wieder zurückgekehrt ist und sich einzelnen Personen gezeigt hat.

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Nach Kahlbau a.a.O. S. 73, 149 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 152-155.
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