786. Das Fegefeuer des westphälischen Adels.908

[736] Im Jahre des Herrn 1430 ist eines Tages durch das Heyersthor der Stadt Paderborn über die Heyersstraße und von da an bis auf den Domhof[736] ein Mensch gelaufen, mit verbrannten Kleidern, fliegenden Haaren und verstörtem Antlitze, der hat mit kläglicher, aber durchdringender Stimme in einem fort geschrieen: »Hört, Ihr Leute, hört, o hört die schreckliche Geschichte, ich bin im Fegefeuer gewesen!« Dabei hob er unter jammervollen Geberden seine rechte Hand in die Höhe, an der die drei vordersten Finger wie abgebrannt waren. Dieses Betragen und Schreien war aber den guten Bürgern Paderborns um so auffallender, als sie Alle den Mann, den ehrsamen Schneider Pankratius, sehr wohl kannten und ihn seit langen Jahren friedliebend und ruhig und ehrbar unter sich hatten leben sehen. Aller Neugierde ward also daher in einem hohen Grade erregt, namentlich als der Schneider auf ihre Frage, in welchem Fegefeuer er gewesen sei, antwortete: »im Lutterberge.« Da gab es aber einen gewaltigen Aufstand und ein gewaltiges Gedränge im Domhofe, denn seit langen Zeiten war es bekannt, daß im Schooße des Lutterberges, der nicht weit vom Kloster Bödecken liegt, das Fegefeuer für die abgeschiedenen Seelen der westphälischen Edelleute sein solle. Wie es aber darin aussehe, was darin getrieben werde, wie man darin lebe und überhaupt wie Alles darin sei, darüber wußte man noch nichts und wollte es von dem Schneider hören. Endlich erholte sich Meister Pankratz und gewann Zeit sich zu sammeln und das, was ihm geschehen war, zu erzählen.

Am Tage vor diesem Auflaufe hatte nämlich der Schneider von den Klosterherren zu Bödecken eine Botschaft bekommen, ungesäumt nach Kloster Bödecken aufzubrechen und dem Bruder Schneider daselbst bei Anfertigung vieler neuen Mönchskutten, die bei einem baldigst dort zu erwartenden Besuche des Bischofs getragen werden sollten, Beistand zu leisten. Der Schneider hatte nun aber wegen dringender Arbeit nicht alsogleich aufbrechen können, sich jedoch bei Anbruch der Dämmerung auf den Weg gemacht, weil er hoffte, unter dem Schutze des hellen Mondenlichts sonder Gefahr bis in die Nähe des Klosters zu kommen. Das Kloster selbst hoffte er noch vor Mitternacht zu erreichen und zweifelte nicht, bei dem Bruder Pförtner, der sein Freund war und an dessen Zellenfenster er zu klopfen gedachte, Einlaß und einen guten Imbiß und ein warmes Bette zu finden. In dieser Hoffnung schritt er rüstig fürbaß und dachte an keine Gefahr. Auf einmal, als er in der Nähe des berüchtigten Lutterberges angelangt war, kamen ihm ängstliche Gedanken in die Seele, alle schauerlichen Sagen, die er von demselben gehört, fielen ihm wieder ein und er fing an schnellere und immer schnellere Schritte zu machen, um baldigst vor diesem unheimlichen Orte vorbei zu kommen. Dabei fing er an fortwährend Kreuze zu schlagen und wagte dabei weder vor noch hinter sich zu sehen, sondern lief immer mit zugemachten Augen auf der wohlbekannten Straße vorwärts. Auf einmal hört er ganz in der Nähe des entsetzlichen Berges, der wie ein drohender Riese vor ihm lag, lautes Geräusch hinter sich, sein ganzer Körper erbebte, seine Beine schlotterten, seine Füße versagten ihm den Dienst, seine Finger vermochten kein Kreuz mehr zu schlagen und dabei kam der Lärm immer näher und näher. Auf einmal sah sich der in kaltem Angstschweiß gebadete Mann von einer ungeheuren Masse schwarzer, theils geharnischter, theils nicht geharnischter Gestalten umgeben, die zu Fuße und auf schwarzen, aber wie Feuer leuchtenden Rossen ihn entsetzlich bei dem bleichen Mondenlichte[737] mit glühenden feurigen Augen anglotzten. Sie thaten ihm nichts und sprachen auch nichts, aber ein Paar große Hunde, die sie bei sich hatten und die ebenfalls schwarz und feurig waren, kamen ganz nahe an ihn heran und als diese beiden Ungethüme mit ihren glühenden Augen so ganz dicht an ihm waren und sogar sich anschickten, mit ihren großen, eitel Feuer sprühenden Mäulern ihn zu beriechen und zu belecken, da konnte der arme Schneider seine Angst nicht mehr in sich verschließen, er mußte ihr Luft machen und mit lauter Stimme rief er: »Habt Gnade, Ihr gestrengen Herren, habt Barmherzigkeit!«

Die ganze Gesellschaft schlug ein wahrhaft höllisches Gelächter auf, wozu die Hunde gräßlich heulten. Dann nahm einer der Vornehmsten, gewappnet und auf einem großen pechschwarzen Rosse sitzend, sich des armen Schneiders an und rief ihm mit sanfter Stimme zu, er solle sich nicht fürchten, sondern sagen, wer er sei und wie er hierher komme. Dieses Zureden gab dem Schneider wieder einigen Muth und er berichtete treuherzig und mit kläglicher Stimme, daß er ein armer Schneider aus Paderborn sei, der in's Kloster Bödecken habe gehen wollen, um den Mönchen daselbst neue Habite zu machen. Als die Gestalten aber hörten, daß er ein Schneider sei, erscholl wieder Gelächter und Hundegeheul wie vorhin. Der hohe Ritter aber wandte sich zu seinen Genossen und äußerte, daß der Geselle anstatt den Mönchen, ihren Schneidern helfen möchte, indem es ihm ja ganz gleich sein könne, für wen er arbeite. »Blos mit dem Unterschiede«, riefen Einige lachend aus dem Haufen, »daß er bei uns mit einer brennenden Nadel und mit glühendem Zwirne nähen muß!« Da schrie der Schneider auf's Neue um Gnade, was aber Niemand beachtete. Ein Reisiger aber, der in Knappenkleidung auf einem schwarzen Hengste im Hintergrunde hielt, nahm auf einen Wink des Ritters den Schneider hinter sich auf's Roß und nun jagte der ganze Schwarm lachend und tobend, begleitet von Hundegeheul, dem Lutterberge zu, an dessen Fuße sie abstiegen und die Knechte mit den Pferden auf die Seite zogen. Dann ging der ganze Zug durch ein großes Thor, das sich von selbst öffnete, in das Innere des Berges und der Schneider mußte folgen. Alle Angst und Furcht wich aber hier dem Erstaunen, das sich des Meisters Pankratz bemächtigte.

Er befand sich im Innern des hohen weiten Lutterberges in einem einzigen großen, ungeheuern, unermeßlichen Saale, der von dem einen Ende des Berges zum andern, von der einen Seite zur andern und bis oben an die Spitze hinan zu reichen schien. Der Saal war so groß und so weit und so hoch, daß er nachher versicherte, der Dom in Paderborn nebst der Jesuitenkirche und der Chorkirche, sowie der Abdinghofkirche hätten alle zusammen Raum darin und wenn man sich auch jede von ihnen hunderttausendmal so groß und hoch dächte. Und in diesem ganzen Saale war kein einziges leeres Plätzchen, jeder Fleck besetzt, in jeder Ecke herrschte lautes Leben.

Da merkte denn der Schneider, daß er sich wirklich in dem Fegefeuer des westphälischen Adels befinde, von dem er schon so viel hatte erzählen hören. Aber nicht blos die Herren waren hier, sondern auch ihre Knechte und Diener, namentlich erkannte er einen Kriegsknecht des Grafen von Westphalen wieder, der bei Lebzeiten einst sein Nebenbuhler bei seiner Frau gewesen war. Der Mann stand hinter dem Stuhle seines Herrn und wartete[738] diesem auf, schien aber den Schneider nicht zu bemerken oder nicht zu kennen. Diese Entdeckung reizte seine Neugierde immer mehr und so sah er sich denn das Treiben der Einzelnen desto genauer an. Hier saß ein Haufen, der sich an einer vollen reichbesetzten Tafel gütlich that und dabei sang und jauchzte; Andere saßen zechend und jubelnd hinter großen vollen Humpen, noch Andere spielten mit Würfeln und Karten, wieder Andere unterhielten sich von ihren Kriegsthaten und sonstigen Abenteuern. Alle waren sehr froh und lustig, doch aber bemerkte der Schneider, daß ihre Lustigkeit nicht recht von Herzen gehen müsse, denn die Essenden verzogen ununterbrochen den Mund, sowie sie etwas hineinsteckten, bald nach der rechten, bald nach der linken Seite, den Trinkern sogar, wenn sie die Humpen an die Lippen setzten, fuhr eine schwefelichte Flamme hinein, so daß sie nur diese und nicht Wein und Bier zu trinken schienen, ebenso rieben die Spieler sich gewaltig die Hände, wenn sie Karten oder den Würfelbecher angerührt hatten, und daß Alle auf glühenden Stühlen saßen, konnte der Schneider gar leichtlich an dem ewigen plötzlichen Aufstehen und Herumrutschen und an den sauren, den Schmerz verbeißenden Gesichtern sehen, welche Alle, vorzüglich die Singenden und Jubelnden dabei schnitten.

Eine Zeitlang sah der Schneider diesem Treiben im Ganzen zu, dann aber vergnügte er sich damit, einzelne Personen unter dem Haufen herauszusuchen, von deren Leben er Zeuge und wegen deren er oft neugierig gewesen war, was nach ihrem Tode wohl aus ihnen werden würde. Da fielen seine Augen auf einen Mann mit einem schönen frommen Gesicht, der nicht weit von ihm an einer großen Tafel den Ehrenplatz einnahm. Die Züge desselben schienen ihm bekannt, er betrachtete sie genauer und erkannte auf einmal den Bischof Wilhelm von Paderborn, der das Jahr vorher gestorben war. Derselbe hatte, nachdem er bereits mehrere Jahre vorher seine bischöfliche Würde niedergelegt, die Gräfin Adelheid von Tecklenburg, mit der er in Bielefeld Hof gehalten, mit Erlaubniß des heiligen Vaters geheirathet und war ihm durchaus nicht als ein böser Mann bekannt gewesen. Gleichwohl saß derselbe hier und speisete glühenden braunen Kohl, den er im Leben gern gegessen hatte, und verzog dabei jämmerlich das Gesicht, erzählte dabei von einer Saujagd, die er auch im Leben sehr geliebt hatte. Bei jedem Worte aber zuckte er mit dem Munde, als wenn, so wie er nur Feuer einschluckte, so auch nur Feuer aus seinem Munde käme. Neben dem Bischofe aber saßen eine Menge Domherren, Pröbste, Dechanten und Cantoren, denen es nicht besser erging als ihrem Präses, und die der Schneider Alle im Leben recht gut gekannt hatte.

Ueberhaupt machte der Schneider bald die Bemerkung, daß, sowie der geistliche Stand an besonderen Tischen für sich allein saß, auch die Ritter jedesmal familienweise beisammen saßen. Auch war ihm das sehr verwunderlich, daß er gar keine Frauenzimmer in diesem Fegefeuer fand, sondern blos Herren und ihre Knechte. Vergebens dachte er darüber nach, wo denn wohl die Weiber und Töchter der westphälischen Edelleute bleiben möchten. Denn daß diese entweder gleich in den Himmel oder auch gleich in die Hölle kämen, konnte er sich nicht gut denken, und zu fragen hatte er keinen Muth.

Nachdem der Schneider dieses Alles eine Zeit angesehen hatte, erhob sich nicht weit von ihm an einem Tische, an welchem die Seelen der edlen[739] Herren von Barecken sich mit Tafeln beschäftigten, ein arger Streit und Zank. Es war nämlich in dem Augenblicke eine neue Seele angelangt, ein junges Herrchen mit einem glatten, sogar halbgelehrten Gesichte. Dieser sah sich einige Zeit forschend in dem Gewölbe um, schritt dann, als er den Tisch der Edeln von Barecken gewahrte, keck darauf zu und wollte sofort auf einem leeren Stuhle Platz nehmen. Da sprang aber schnell ein alter, großer und starker Ritter mit einem breiten dunkeln Gesichte und starken Schnauzbarte von seinem Sitze auf, riß dem neuen Ankömmling den Stuhl aus den Händen und rief ihm mit gewaltiger Stimme zu, er solle sich augenblicklich von diesem Platze fortpacken, und als derselbe fragte, warum? so schrie ihn der alte Ritter an, weil er ein feiger und unehrlicher Gesell sei, der des Namens des edlen Geschlechtes von Barecken unwerth sei, da er dem Gottesurtheil mit Christian von Mantoll ausgewichen sei. Ehe aber der junge Herr noch hierauf etwas erwidern konnte, erhoben sich alle am Tische Sitzenden, fielen über ihn her und schleppten ihn zu einer langen schmalen Bank von glühendem Eisen, auf der die Knappen und Knechte der Familien saßen und hier hießen sie ihn Platz nehmen.

Gleich darauf trug sich aber wieder etwas Anderes zu, das dem Schneider nicht weniger merkwürdig erschien. An den Tisch der Grafen und edlen Herren von der Lippe sprangen nämlich in geschäftiger Eile mehrere Diener, setzten daran einen großen mit Lorbeeren geschmückten Sessel und verkündeten, daß der Graf Simon von der Lippe soeben gestorben sei und gleich erscheinen werde. Ueber diese Botschaft freuten sich nun die Grafen von der Lippe und alle Anwesenden sehr, denn der Graf Simon war Zeit seines Lebens als ein sehr tapferer und muthiger Mann bekannt gewesen. Nur einer der Anwesenden zeigte über diese Nachricht sich nicht besonders erfreut und dies war der Bischof Wilhelm von Paderborn, der in seinem Leben manche Fehde mit ihm gehabt hatte, ja einmal sogar von demselben gefangen worden war. Derselbe drehete auch sein vor Zorn glühendes Gesicht auf die Seite, als der Graf Simon eintrat. Es war dieser ein großer stattlicher Herr und ward von seinen Verwandten mit den größten Freudenbezeigungen empfangen und von denselben im Triumphe zu seinem Ehrensessel geführt. Hier wurden ihm alsbald die herrlichsten Speisen und die köstlichsten Weine aufgetragen. Allein so sehr der edle Graf sich auch über diesen ehrenvollen Empfang zu freuen schien, so sah der Schneider doch, daß er bei dem Essen der Speisen und dem Trinken des Weines ein entsetzlich erbärmliches Gesicht schnitt, worüber aber einige jüngere Herren von der Lippe, die wahrscheinlich der Sache schon länger und besser gewohnt waren, recht herzlich lachten. Gleich darauf aber freute sich der Graf Simon noch mehr, denn es kam ein Diener, der ihm etwas in's Ohr sagte und lange heimlich mit ihm sprach, dann aber davonlief und schnell mit einem großen Sessel zurückkehrte, den er an die Seite des edlen Grafen stellte. Hierüber wurden Alle neugierig und wollten wissen, was dies zu bedeuten habe; Graf Simon aber berichtete ihnen, er habe eben die Nachricht erhalten, daß in dieser Nacht sein langjähriger Freund, Ritter Busso von der Asseburg verschieden sei und in Kurzem hier eintreffen werde. Für diesen würdigen Freund habe er diesen Sessel an seine Seite setzen lassen. Darüber entstand nun abermals eine große Freude, daß ein so berühmter Ritter an ihren Tisch kommen solle.[740]

Jetzt hatte aber der Schneider so viel gehört und gesehen, daß seine Neugierde befriedigt war und daß er Zeit hatte, an sich selbst zu denken. Schwer fiel ihm aber der Gedanke auf's Herz, was mit ihm werden solle, denn er dachte sich, daß er aus diesem Fegefeuer wohl niemals wieder herauskommen werde, sondern ewig hier sitzen müsse. Zwar hatte bis dahin noch Niemand sich um ihn bekümmert und er war scheinbar unbeachtet mitten unter dem wilden Treiben gewesen, allein er sah sich vergeblich nach einem Ein- oder Ausgang aus dem Saale um, durch den er unbemerkt hätte herausschlüpfen können. Er sah nicht einmal, wo er selbst hereingekommen war. Auf einmal ward er nebst den übrigen Knappen und Knechten, die an seiner Seite standen, zum Essen gerufen und an eine Tafel geführt, die ganz links in einer Ecke stand. Folgen mußte er zwar, er setzte sich aber nicht auf den schmalen feurigen Eisenstreifen, der die Bank ausmachte und rührte auch die Speisen nicht an, die ihm doch etwas zu heiß schienen. Obgleich sonst von gutem Appetite, spürte er jetzt nicht den mindesten Hunger, so schöne und würzige Speisen ihm auch entgegendufteten. Da wurde auf einmal sein Leibgericht, Forellen mit frischen Erbsen, alles in einer köstlichen Brühe gekocht, aufgetragen; da lachte dem Schneider das Herz im Leibe, er konnte nicht widerstehen und rasch griff er mit der rechten Hand in die Schüssel, aber mit einem lauten furchtbaren Schrei zog er sie wieder zurück, denn von den drei vordersten Fingern seiner rechten Hand war nichts mehr da, sie waren bis auf den Grund weggebrannt. Er heulte entsetzlich und schrie und fluchte und sprang umher wie besessen. Darüber erhob sich in dem ganzen weiten Gewölbe ein unbändiges Gelächter. Alles sprang von den Sitzen auf und drängte sich herbei, um den armen Schneider heulen und springen zu sehen und alle lachten, was sie nur lachen konnten, selbst der Bischof Wilhelm und seine Domherren vergnügten sich an den Grimassen des kleinen Männleins.

Doch nicht lange dauerte dies, denn auf einmal ward die allgemeine Aufmerksamkeit durch ein gewaltiges Geräusch abgezogen, welches sich draußen vor dem Berge erhob. Es war als wenn über hundert Ritter in schweren Rüstungen mit Lanzen und Schwertern und auf wilden schnaubenden Rossen herangesprengt kämen. Alles drängte sich nach dem Geräusche hin, auch der lamentirende Schneider ward zu seinem Glück dahin mit fortgerissen. Denn als er jetzt auf einmal den Eingang des Fegefeuers offen sah, nahm er den Zeitpunkt wahr, in dem ein großer Ritter mit vielen Knappen hereingeführt und von dem Grafen Simon von der Lippe mit dem Freudenausrufe: »Da bist Du ja, mein Busso!« bewillkommnet wurde, und entwischte glücklich von Niemandem bemerkt durch die offene Thüre aus dem vermaledeieten Berge.

Draußen war der Mond noch oben am Rande des Himmels und im Untergehen begriffen, dagegen tauchte die Morgenröthe bereits empor. Der Schneider lief, was er laufen konnte, ohne sich weder umzusehen noch auszuruhen, bis er auf dem Domhofe zu Paderborn erschöpft niedersank. Seines Geschäfts im Kloster Bödecken hatte er rein vergessen.

Verwunderungsvoll hatte man dem Schneider zugehört, als er alles dieses erzählte. Ein Theil glaubte ihm, weil die Sage von dem Fegefeuer des westphälischen Adels im Lutterberge ihnen schon bekannt war, ein anderer Theil aber meinte, der Schneider habe entweder geträumt oder sei von[741] bösen Geistern arg gefoppt worden. Dem widersetzte sich aber derselbe entschieden und hob zum Zeichen, daß dem nicht so sei, seine verbrannte Hand hoch in die Höhe. Doch so recht traute man ihm auch da noch nicht, erst als am andern Tage die Nachricht einlief, daß in derselben Nacht, von welcher der Schneider gesprochen, der Graf Simon von der Lippe und der Ritter Busso von der Asseburg plötzlich des Todes verblichen seien, erst da glaubte man, daß der Schneider wahrgesprochen und seit dieser Zeit ist es ganz unzweifelhaft, daß in dem Lutterberge bei Bödecken das Fegefeuer für die abgeschiedenen Seelen des westphälischen Adels ist.

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Nach Wittius, Historia Westphaliae p. 613-616. Von Stahl S. 46 etc. und Ziehnert Bd. II. S. 170 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 736-742.
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