275. Das Jagdschloß an der Katzbach.

[301] (Romantisch behandelt von Peschel. S. 1 etc.)


Graf Peter Vlast, ein Wende aus einem deutschen Küstenlande an der Ostsee, hatte für seinen Lehnsherrn um die russische Fürstin Maria werben sollen, allein er wußte die Fürstin sammt ihren Schätzen für sich zu gewinnen, entfloh mit ihr und ließ sich in Polen zur Zeit Boleslaus III. nieder. Unter jenen Schätzen befand sich aber auch die Hand des Märtyrers Stephan, welche Maria von ihrer Mutter, einer Griechin aus Constantinopel, erhalten hatte. Er schenkte die Hand dem Herzoge und erhielt zum Gegengeschenke die Stadt Koschenblatt und eine Strecke Landes in Oberschlesien. Zu dieser gehörte auch Goldberg und seine Umgegend. Nun kam er einst zum Besuche dorthin um zu jagen und begab sich begleitet von seinen Dienern und Bergknappen an einem schönen Sommertag in das Thal der Katzbach. Da sah er auf einmal die Rabendocken vor sich und auf seine Frage, was es mit diesen wunderlichen Felsengebilden für eine Bewandniß habe, erfuhr er die Verwandlung der Seifenthaler Schenke in dieselben. Er beschloß also, sich die Felsenwände näher anzusehen und wollte sein Roß in die Katzbach treiben, da dehnten sich auf einmal die Wellen derselben zu einem wilden, reißenden Strome auseinander, so daß es unmöglich schien, mit einem Rosse durchzuschwimmen, und am andern Ufer trat plötzlich ein langer, dürrer, grauköpfiger Mann, einen weißen Stab in der Rechten,[301] ihm gegenüber und rief mit furchtbarer Stimme: »Zurück Verwegener!« Dies hielt den Grafen nicht ab, sein Roß in die Katzbach zu spornen und hinüber zu schwimmen, als er aber am andern Ufer angelangt war, da war der Greis verschwunden, statt seiner aber kam ein ungeheurer Eber aus dem Thal der Goldwäsche heraus und stürzte nach der Gegend zu, wo der Graf und sein ihm unterdessen nachgekommenes Gefolge hielt. In wilder Hetzjagd stürmte nun Alles dem Eber nach, immer enger ward das Thal, schon konnte man den Eber nicht mehr sehen, so viele Krümmungen machte der Weg, als auf einmal das Roß des Grafen einen Seitensprung that, der bei einem Haar dasselbe mit seinem Reiter hinab in das steinige Bett der Katzbach geschleudert hätte. Es hatte sich vor einem häßlichen Zwerge in grauem Wamse gescheut, der mit seinen rollenden kleinen Augen von einer Erhöhung am Felsen den bestürzten Grafen anglotzte und also sprach: »Hüte Dich weiter zu ziehen, schon mein Vater hat Dich an den Rabendocken davor gewarnt, und lasse meine schöne blauäugige Schwester in Frieden!« Da warf der Graf seinen Jagdspieß nach dem Unholde, allein dieser floh pfeilschnell den Berg hinauf und lange noch tönte sein Hohngelächter aus dem Walddickicht. Indessen kam das Bellen der Hunde wieder näher und die Knappen riefen freudig, die Spur des Ebers sei wiedergefunden und so ging die Jagd immer weiter. So kamen sie denn auf eine herrliche Waldwiese, rings umgeben von hohen Fichten und Tannen, und einer der Jäger rieth dem Grafen hier auszuruhen und die Verfolgung des Ebers aufzugeben, da es doch möglich sei, daß derselbe kein wirkliches Thier, sondern ein Teufelsgespenst sei, der sie sonst wohin locken wolle. Dies leuchtete auch dem Grafen ein und er that das Gelübde, daß, falls er Goldberg wieder glücklich erreiche, er zum Dank für seine Errettung auf dem Nikolaiberge eine Kirche erbauen wolle (die heute noch stehende Begräbnißkirche der Stadt). Da trat auf einmal einer der Knappen vor den Grafen hin und sprach: »Seht, Herr, hier am Walde sitzt auf einem Fichtenstamme ein holdes Mädchen, sie scheint in dieser verzauberten Gegend plötzlich aus der Erde gewachsen zu sein, denn Niemand hat sie kommen sehen und jetzt sitzt sie hier, thut, als wenn sie uns gar nicht sähe, und windet einen Kranz aus Wiesenblumen.« Der Graf sah sich nach ihr um und urplötzlich kam eine solche Sehnsucht und ein so heißes Verlangen nach dem schönen blonden, blauäugigen Mägdlein über ihn, daß er alle Warnungen seiner Umgebung vor dem Teufelsspuk im Katzbachthale vergaß und auf sie losschritt und mit freundlicher Stimme sie fragte, wer sie sei und was sie hier mache. Sie antwortete ihm unbefangen, sie wohne hier in diesem Thale mit ihrer Mutter, und zeigte dabei auf eine kleine Mooshütte, die aber freilich bis dahin auch noch Niemand bemerkt hatte, sie seien mit einander aus fernen Landen hierher gekommen, hätten sich hier angebaut und den Ort, weil er ihnen ein neues, schönes Land zu sein geschienen, Neuländel genannt. Der Graf nahm die Schöne bei der Hand und ließ sich von ihr in die enge Hütte führen, deren einziger Schmuck ein schön geschnitzter Eberkopf war. Auf seine Frage, wo ihre Mutter sei, erfuhr er, sie sei in den Wald gegangen um Beeren zu suchen. Der Graf, seiner überströmenden Gefühle nicht mehr Herr, drang in sie, ihm einen Kuß zu geben, allein sie weigerte sich schalkhaft, indem sie sagte, wen sie einmal berühre, der sei für[302] alle Zeiten mit ihr verbunden. Da auf einmal stürzte ein Knappe herein und sagte, der häßliche Zwerg habe sich auf der Wiese gezeigt und schrecke die Rosse. Der Graf eilte ins Freie, allein Alles war ruhig und als er sich nach den nähern Umständen der Störung erkundigte, da war es nicht einmal mehr gewiß, ob seine Leute den Zwerg oder den Eber gesehen hätten. Mittlerweile war das Mädchen dem Grafen gefolgt und redete es ihm aus, daß überhaupt hier ein Zauberspuk stattgefunden, sie und ihre Mutter hätten hier nie etwas Unheimliches gesehen, und so verscheuchten ihre Worte bei dem Grafen den bereits aufsteigenden Verdacht, daß das Mädchen gar vielleicht eine böse Zauberin und die Schwester des häßlichen Zwerges sein könne. Er versprach ihr also wiederzukommen und kehrte nach Goldberg zurück, indem er sich heimlich vornahm, in jenem Thale ein Jagdschloß bauen zu lassen. In der darauf folgenden Nacht hatte er aber einen häßlichen Traum, er sah sich in den Armen der schönen Unbekannten, da trat, bleich und entstellt, seine Gemahlin Maria zwischen ihm und die Schöne und legte einen grinsenden Todtenkopf in seine zitternde Hand. Beim Erwachen tröstete er sich damit, daß ja seine Gattin auf seinem Schlosse auf dem Zobtenberge weile und ihm vielleicht Gleiches mit Gleichem vergelte, er sendete also flugs Maurer und Zimmerleute in jene Gegend, um dort in kürzester Frist ein Schlößchen zu erbauen. Allein wie groß war sein Erstaunen, als selbige schon um Mittag zurückkehrten und sein Leibknappe, den er zur Beaufsichtigung mitgeschickt hatte, ihm sagte, sie brauchten kein Schloß zu erbauen, an der Stelle der Mooshütte von gestern hätten sie das schönste Jagdschloß, das man sich nur denken könne, angetroffen, sonst aber sei die Gegend öde und verlassen gewesen. Da konnte der Graf nicht mehr zweifeln, daß er es mit einer bösen Zauberin zu thun habe und beschloß von ihr abzulassen, leider aber nahm er sich vor, sie noch einmal zu sehen, und lenkte sein Roß wieder nach dem Thale von Neuländel. Er fand alles wie gestern, nur das Jagdschloß stand wie aus der Erde emporgewachsen vor ihm, er trat hinein und das schöne Mädchen kam ihm auf der Treppe entgegen, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in einen herrlichen, aber mit wunderbaren Gestalten geschmückten Saal, an dessen hinterer Wand jener Eber, der ihn den Tag zuvor so geäfft hatte, als Hauptfigur angebracht war. Der Graf wollte zwar wieder umkehren, denn er konnte jetzt nicht mehr in Zweifel sein, daß die Schöne kein menschliches Wesen, sondern irgend eine Zauberin sei, allein sie sah ihn mit solchen süßen Blicken an, sie verstrickte ihn so in ihre Umarmungen, daß er eine andere Natur hätte sein müssen, als er war, um derartigen Verlockungen zu widerstehen. Er dachte zwar noch schwach an seine entfernte Gattin, allein das sündige Element war viel zu stark in ihm, als daß die Erinnerung an dieselbe ihn hätte aus den Netzen des schönen Mädchens retten können. Zumal da sie ihm sagte, er könne so wie so keinen Ehebund mit ihr schließen, sie sei als Tochter des Waldgeistes des Riesengebirges überhaupt unsterblich und vermöge mit einem sterblichen Menschen nur einen Herzensbund einzugehen, nie aber einen kirchlichen, da sie ja überdem nicht Christin sei oder werden könne. So ließ er sich denn von der schlauen Zauberin berücken, seiner Gemahlin untreu zu werden, weil er meinte, er werde ja überhaupt durch nichts an sie gebunden sein, allein wie ward ihm, als sie ihm später mittheilte, daß er, wenn auch nicht durch das[303] Band der Ehe, doch durch das des Blutes jetzt für immer an sie gefesselt sei, daß sie ihm auf jedem Schritte folgen werde und daß ihm ihre Rache drohe, wenn er irgend etwas gegen ihren Willen unternehmen wolle. Mit diesen Worten verschwand sie, der Graf aber stürzte fast bewußtlos vor Aufregung und Gewissensbissen aus dem Zauberpalaste und jagte nach Goldberg zurück, jedoch nicht ohne vorher, als er in die Nähe der Rabendocken gekommen war, das höhnische Gelächter des Zwerges vernommen zu haben, der ihm zurief, daß sie nun verwandt zusammen wären und er sich nicht mehr vor ihm zu grauen Ursache habe.

Als er nach Goldberg zurückgekehrt war, kam ihm sein Leibdiener mit der, wie er meinte, für ihn freudigen Nachricht entgegen, daß während seiner Abwesenheit seine Gemahlin Maria vom Zobten angelangt sei, allein statt zu ihr zu eilen und sie zu bewillkommen, zitterte der Graf bei dieser Kunde wie vom Fieberfrost geschüttelt zusammen und vertraute endlich diesem seinem Vertrauten, daß er sich von der Waldschönen habe verführen lassen und seiner Gemahlin untreu geworden sei. Der Diener aber sprach ihm Muth ein und sagte, er möge sich nicht ängstigen, in der Nähe dieser frommen Frau habe die Hölle keine Macht über ihn und so begab er sich denn zu ihr, die ihn noch nicht erwartet hatte und für seine glückliche Wiederkehr betend auf den Knieen lag. Als sie aber bei seinem Eintritt ins Zimmer aufsprang um ihn zu umarmen, da stand auch die Waldschöne zwischen ihnen, aber nicht mehr in ihrer früheren lieblichen Gestalt, sondern jetzt als ein finsterblickender Dämon, dessen rachesprühenden Blicke dem Grafen das Blut in den Adern erstarren machten. Der Graf aber faßte sich ein Herz, schlug ein Kreuz und hieß sie das Zimmer verlassen, da sie als ein Geist der Hölle an seiner frommen Gattin keinen Theil habe, und da nun auch letztere ihm verzeihend ihn in ihre Arme schloß, da sprach das Waldmädchen teuflisch lachend: »Hier nimm sie hin, ich gebe Dir Deinen Schwur zurück, Du verdienst es nicht von einer unsterblichen Frau geliebt zu werden!« Mit diesen Worten legte sie der zurückweichenden Maria58 die Hand aufs Herz und gleichzeitig stürzte dieselbe mit einem lauten Schmerzensschrei entseelt zu Boden. Als aber der Graf sich auf den leblosen Körper seiner unglücklichen Gattin verzweiflungsvoll niederwarf, da rauschte etwas neben ihm und siehe der greuliche Zwerg stand neben ihm und sprach: »Die Stunde unserer Rache ist da, Du hast die Unsterblichen beleidigt, täglich wirst Du in der schwärzesten Nacht hundert Mal den Tod herbeirufen, er aber wirb nicht kommen und kein Mitleid soll in die Finsterniß Deines Kerkers dringen!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen und war verschwunden, als auch das Zimmer sich mit Bewaffneten füllte, der von Herzog Wladislaw II. abgesendete Ritter Tobias war gekommen, um ihn gefangen zu nehmen, weil er unklug genug gewesen war, einmal im Scherz an der Treue der Gemahlin desselben, der Tochter des deutschen Kaisers Heinrich V., Agnes, zu zweifeln und diese ihren Gatten angestachelt hatte, schwere Rache dafür an ihm zu nehmen. Er ward fortgeschleppt, ins Gefängniß geworfen, an beiden Augen[304] geblendet (1145) und aller seiner Güter beraubt. Allerdings gelangte er im folgenden Jahre, als der schwache und grausame Wladislaw und seine ränkesüchtige Gemahlin aus Polen hatten flüchten müssen, durch den Bruder des Herzogs Boleslaus IV. wieder in den Besitz seines Vermögens, kehrte auch 1148 wieder nach Polen zurück, allein sein Augenlicht erhielt er doch nicht wieder (nach einer dunkeln Sage soll dies aber der Fall gewesen sein) und er starb den 20. Februar (oder 22. April) 1153 und ward in der St. Vincenzkirche zu Breslau, die er erbaut hatte, beigesetzt. Für Schlesien und Polen hat er in Beziehung der Beförderung des Christenthums mehr als irgend ein anderer Mann gethan, denn er hat auf seine Kosten 77 Kirchen nebst mehreren Klöstern erbauen lassen.

58

Wahrscheinlich ist dies seine zweite Gemahlin, die ebenfalls Maria hieß und die Tochter eines französischen Herzogs war, gewesen, denn die russische Maria, die Tochter des Fürsten Jaropelk Wladimir, war kurz nach ihrer Berehelichung mit ihm gestorben.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 301-305.
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