290. Der Altvater und der Peterstein.

[340] (Nach Berndt, Wegweiser durch das Sudetengebirge. Breslau 1828 in 8°. S. 513. 605, der aber, ohne seine Quelle zu nennen, die Sage aus Mosch, Heilquellen Schlesiens S. 273-292 entlehnte.)


Der Altvater ist der höchste Berg nicht nur der südöstlichen Hochgebirgsgruppe des sogenannten Gesenkes im Fürstenthum Neisse, sondern überhaupt des ganzen Gesenkes selbst (4620 Fuß hoch). Seines breiten abgerundeten baumlosen, im Frühling durch seine weiße Schneedecke weithin kenntlichen Scheitels wegen heißt er der (Neisser) Schneeberg. Den Namen Altvater oder Vaterberg hat er wegen seiner Höhe empfangen, weil alle neben ihm liegenden Berge sich zu ihm wie Kinder verhalten. Die mächtige Janowitzer Haide, welche sich gegen Mittag von ihm in einem langen Rücken fortzieht und ihm an Höhe fast gleich kommt, heißt die Mutter, und der Peterstein, welcher sich am Abhange der letztern, zwischen ihr und dem Vaterberge, mit der feinen Felsengruppe erhebt, der Sohn. Der kleine Altvater ist die niedrige baumlose Fortsetzung des Vaterberges zwischen der Mittel- und kleinen Oppa gegen Morgen.

Vor mehreren Jahrhunderten zog, fröhlich und wohlgemuth, wie es der Künstler pflegt, Peter Hagenbach, der Maler, durch das böhmische Land, das ihm das Dasein gegeben. Er kam aus Italien, dem Lande der Kunst, und daß er nicht umsonst in der florentinischen Schule gewesen, bewiesen manche Briefe von hoher Hand und seine Schöpfungen im Gebiete der Kunst. Schon hatte er in manchem Kloster Arbeit gefunden und war eben im Begriff nach Prag zurückzukehren, als ein Bote von der Aebtissin Ignatia zu Spieglitz ihn einlud, in ihr Kloster zu kommen und hier einige heilige Geschichten zu malen.

Peter Hagenbach besann sich nicht lange, und schon am folgenden Morgen schritt er durch das bethauete Gras gegen Osten hin und auf die Gegend los, in welcher Spieglitz lag. Er ward bei seiner Ankunft von der Aebtissin mit mütterlicher Freundlichkeit empfangen, und Alles, was er zu Arbeit und Bequemlichkeit bedürfen würde, versprach sie gern und schleunig zu besorgen.

So begann nach wenigen Tagen der Vorbereitung die Arbeit. Ein Altarblatt, weniger ausgezeichnet durch wahren Werth, als merkwürdig, weil es aus des Klosters Stiftungszeit herrührte, war das erste, was Petern übergeben ward, damit er es durch Ausbesserung vor völliger Vernichtung schützen möchte. Der Maler arbeitete fleißig und mit Lust, und wenn er auch in Anordnung und Gruppirung hier sein Talent nicht zeigen konnte, so bearbeitete er doch das Detail des Gemäldes mit Geist und Geschmack.

Der verständigen gutmüthigen Aebtissin, weit und über ihre Zeit gebildet, entgingen die eifrigen Bemühungen des jungen Mannes nicht. Oft kam sie zu sehen, was er mache, und mehrmals erschien sie sogar in Begleitung des ganzen Convents in der Kirche, die Geschicklichkeit des jungen Malers zu zeigen und seinen Eifer zu loben. Die gute Aebtissin wähnte,[340] wo Unschuld und Tugend aus den Augen eines Mannes leuchteten, sei auch für Nonnen keine Gefahr, und bald gestattete sie den Schwestern den Maler täglich zu besuchen, wenn sie nur wollten.

Peter, voll Ehrfurcht gegen diese geheiligten Personen, beachtete sie, außer durch Bezeigung schuldiger Höflichkeit, wenig, und bald verloren sich ihre Besuche so, wie sie vorher zugenommen. Nur zwei Schwestern besuchten den Maler täglich fort, und ihre schönen jugendlichen Gestalten, die bescheidene Schüchternheit in ihrem Wesen und die Theilnahme an der Kunst, die sie so sichtbar verriethen, machte sie dem Künstler werth, obschon die Heiligkeit ihres Standes ihn in gewaltiger Entfernung von ihnen zurückhielt.

Eines Tages aber brachen die beiden Schwestern ihr Schweigen. »Verzeiht, Meister«, begann die eine, »wenn ich durch eine Frage Euern Fleiß unterbreche. Eure Kunst hat in uns eine Neigung erweckt, sie zu erlernen, und wir wünschten wohl zu wissen, ob Ihr uns Eueres Unterrichts werth haltet? Ihr werdet an uns lernbegierige und dankbare Schülerinnen haben, und durch die Gewährung unserer Bitte selbst die Frau Aebtissin nicht wenig erfreuen.«

»Sehr gern«, antwortete Peter mit einiger Verlegenheit, »werde ich Euere Wünsche erfüllen, wenn die Frau Aebtissin es wünscht, und es wird mich freuen, wenn ich durch meine wenigen Bemühungen dazu beitragen kann, in die Einförmigkeit Eueres Lebens einen Genuß zu verflechten, welcher, weit entfernt, mit der Heiligkeit Eueres Berufs zu streiten, demselben einen unbekannten Reiz und eine ausgedehntere Wirksamkeit verleihen wird.«

Während dieser Rede hatte Peter seine Augen auf die beiden Frauen gerichtet, und staunend ruhte noch, nachdem er lange geendet, sein Auge auf der reizenden Gestalt Cäciliens, welche mit allen Reizen ihrer heiligen Namensschwester den Ausdruck des tiefsten Gefühls und der lautersten Unschuld verband. Die Jungfrauen, nicht weniger verwirrt, verließen bald die Kirche und ließen den armen Maler mit verwundetem Herzen auf seinem Gerüste zurück, von welchem er jetzt unaufhörlich in den Kreuzgang hinausblickte, wo die Jungfrauen verschwunden waren.

Am folgenden Tage ließ die Aebtissin den Maler kommen, theilte ihm selbst den Wunsch mit, welchen die Jungfrauen ausgesprochen, und ließ eine gegen Morgen gelegene Zelle räumen, welche das vortheilhafteste Licht gab. In wenig Tagen wanderte Peter, mit Allem versehen, was für seinen Unterricht nöthig war, dem neuen Lehrzimmer zu, nicht wenig in Unruhe, wie das mit solcher Unterweisung werden sollte.

Er war im Reiche der Liebe zwar keineswegs unbekannt, denn er hätte sonst kein Maler sein müssen, aber seine Liebe war mehr ein Sinnenrausch gewesen, der eben so schnell verflog, als er gekommen, und so lebte er treulich nach dem Sprichwort: »Andere Städtchen andere Mädchen.«

Peter fand in seinen Schülerinnen ein Paar jener herrlichen Seelen, welche, zu gut für das Leben im Sturme der Welt, dem Himmel mehr angehörten, dem sie sich geweiht, und ohne zu wissen, was sie in der Welt verloren, die ganze Fülle ihres Gemüths der mütterlichen Ignatia und ihren geistlichen Schwestern aufschlossen, deren widersprechende Gemüthsarten die weise Sorgfalt zweier würdigen Beichtväter eines benachbarten Klosters dem Ganzen unschädlich zu machen wußte. Was den Maler aber wunderte,[341] war die Fertigkeit, mit welcher Cäcilie die leichten Umrisse nachbildete, welche er ihr vorlegte, und nun erfuhr er, daß Cäcilie die Tochter eines Malers aus Brünn sei, welcher vor drei Jahren verstorben, und die Tochter in ihrem 13. Jahre der Aebtissin Ignatia vermacht habe, in deren Kloster er auch vormals gearbeitet. Mit jeder Stunde entfaltete Cäcilie ihr Talent, und was sie schuf, war mit so vielem Geiste ausgeführt, und mit so reiner, lebendiger Phantasie gedacht, daß Peter, der geniale Maler, sie auch dann hätte ans Herz drücken mögen, wenn sie selbst von einem häßlichen Körper umhüllt gewesen wäre.

Schon hatte der Unterricht Peters einige Wochen gedauert, als plötzlich Marie, seine zweite Schülerin, erkrankte. Cäcilie war über diesen Unfall aufs schmerzlichste betrübt, wachte unabläßig an ihrem Lager, und verließ es nur dann, wenn die Zeit nahte, wo sie Peters Unterricht genießen sollte. Aber dann war sie auch bei jedem Worte ihres Lehrers ganz Ohr; jeder leise, auch nur scheinbare Tadel verwundete sie tief, weil sie ihrem Lehrer mißfällig geworden, und häufig entquollen ihrem Auge Thränen, wenn Peter verstimmt und traurig an ihrer Staffelei erschien. In Beiden keimte die Liebe, aber die reine, unbefangene Unschuld kannte sie ja nicht, und der erfahrnere Maler glaubte sich stärker, als er in der That war.

Indessen war Mariens Krankheit gewachsen, selbst der Arzt zweifelte an ihrer Rettung; wie hätte sie Cäcilie verlassen mögen. Acht Tage und acht Nächte wachte sie unaufhörlich an ihrem Lager, und erst dann, als nach dieser Zeit der Arzt versicherte, daß die Gefahr vorüber sei, betrat sie wieder das Zimmer, in welchem ihr Freund sie in die Kunst einweihte.

»O, mein Freund«, sprach sie, und ergriff zitternd die Hand des Bewegten, »mir war, als ob mich eine Ewigkeit von Euch geschieden; o, wie freut sich mein Herz, daß ich Euch nun wiedersehe.« Ein Strom von Thränen stürzte bei diesen Worten aus ihren Augen und benetzte die Hände, die sie mit heißen Küssen bedeckte.

Im freudigen Erschrecken faßt der Maler die Weinende in seine Arme. Seine Erfahrung hatte die Stimme seines bessern Menschen nicht erstickt, und gleich einem Wetterstrahl durchblitzte mit einem Male der Gedanke an die Gefahr des liebenden Mädchens seine Seele.

»Meine Cäcilie, geliebtes herrliches Mädchen«, rief er mit zitternder Stimme, »was hast Du gethan! Indem Du mir in Deiner Liebe des Lebens höchste Seligkeit gezeigt, öffnest Du mir zugleich die Pforten namenlosen Jammers. Cäcilie, Du Braut des Himmels, hast Du vergessen, daß Du keinen irdischen Bräutigam mehr haben kannst? O, meine geliebte unglückliche Cäcilie.«

Ruhig hielt bei diesen Worten die Jungfrau den Geliebten umschlungen und blickte sehnsuchtsvoll durch Thränen in seine Augen. »O«, sprach sie, »mein Freund hat vergessen, welch' eine gute Mutter wir an unsrer Ignatia haben, sie wird gewiß meine Bitte erfüllen und Dir hier einen Wohnplatz gestatten. Die Gottesbraut will ja keine irdische Ehe. Sie wird glücklich sein, wenn Du nur ihr nahe bist; sie wird sich an den Gedanken gewöhnen, daß eine andere Dein Lebensglück begründen wird, und wird nicht jammern, wenn ihr auch darüber das Herz brechen sollte.«[342]

Gerührt drückte sie der Meister an seine Brust. »Genug, Geliebte, heute vermag ich nicht zu rathen, mein Herz ist zu voll von Seligkeit und doch auch von Angst; aber morgen hoffe ich Dir einen Weg zeigen zu können, der doch noch zum Heile führen soll. Bis dahin sei ruhig, verbirg unsere Liebe und hoffe Alles von der Zukunft.«

Mit diesen Worten drückte er den Kuß der Liebe auf ihre Lippen und eilte zum Kloster hinaus. Tausend Gefühle bestürmten sein liebendes Herz, tausend Pläne gingen durch seinen Kopf. Schlaflos brachte er die Nacht hin, und als der Morgen mit seinem rosigen Athem die nördlichen Berge des mährischen Gesenkes behauchte, war sein Entschluß gefaßt.

»Gott hat mein Gebet erhöret«, sprach er am andern Tage zur Jungfrau, »und hat mir Muth gegeben, einen Entschluß zu fassen, der uns wohl vor Verstrickung unseres Gewissens bewahren soll, die Aebtissin selbst soll entscheiden, und was sie spricht, dem, meine Geliebte, dem wollen wir folgen. Jetzt forsche nicht nach und sei Herr über Dich!«

Als die Aebtissin am Nachmittage herbeikam, die Fortschritte der Jungfrau zu schauen, da redete Herr Peter zu ihr, wie er etwas auf dem Herzen habe, worinnen sie ihm rathen möge, und wie er sie so verehre und hochschätze, daß er Alles thun wolle, wie sie es recht glaube.

Und nun begann er seine eigne Geschichte zu erzählen, aber nur mit der Abänderung, daß er seine Geliebte an den Grenzen Italiens verlassen. Die Aebtissin war über sein Bekenntniß nicht wenig erstaunt, aber den wahren Hergang der Sache ahnete sie nicht.

»Meister Peter«, sprach sie, »in Eurer Sache Rath zu ertheilen, ist nicht leicht. Entweder ich muß Euere Liebe tadeln und alle weitere Verbindung zwischen Euch widerrathen, oder die Aebtissin muß vor der Stimme der Pflicht die Stimme der Natur und der Menschlichkeit hören. Ach nur zu gern thue ich das Letztere, da ich weiß, wie schrecklich ein Dasein ist, dem man das Glück seines Lebens geopfert, und da die Pflichten für mein Kloster bei diesem Rathe nicht in Gefahr kommen, so hört, was ich Euch sage. Wir leben jetzt in einer Zeit, wo die Rechte der Natur vor den Ausgeburten mönchischer Tücke den Sieg davon tragen. Ueberall stehen Männer auf, welche die Mißbräuche geistlicher Gewalt aufdecken, und selbst in die Klöster dringt der göttliche Strahl und erleuchtet wohlthätig manches gebrochene Herz in düstrer Zelle. Schon hat die Verbesserung kirchlicher Einrichtungen, die in Sachsen begonnen, in Schlesien um sich gegriffen, und selbst in Schwaben keimt der gute Same, den man ausgeworfen, fröhlich auf. Die Klöster sind geöffnet, und freudig eilen Mönche zu den Geschäften des bürgerlichen Lebens, und Klosterfrauen in die stille, selige Wirksamkeit des mütterlichen Lebens, zu welchem sie die Natur bestimmt, und alle freuen sich von Neuem ihres Daseins. So eilet denn hin an die Grenzen Italiens, wo die Geliebte Eures Herzens wohnt, suchet klug und vorsichtig sie zur Flucht zu bereden, und seid Ihr dann auf deutschem Boden, dem Boden der Freiheit, dann wendet Euch getrost zu einem Lande, wo klösterliche Begriffe verschwunden sind, und genießt das Glück der Liebe in den Armen einer tugendhaften Gattin. Gott wird Euer Schirm sein!«

Herr Peter war durch diesen Rath so überrascht, daß er in einiger Verwirrung der Aebtissin dankte. Als er aber zu Hause das ganze Wagstück[343] überlegte, als er bei seiner Bekanntschaft mit dem ganzen Kloster und dem Vertrauen, das er in selbigem genoß, eine hohe Wahrscheinlichkeit des Gelingens seines Unternehmens fand: da wußte er seiner Freude kein Ende, und konnte kaum die Zeit erwarten, wo Cäcilie ihrer Staffelei zueilen würde.

Die Stunde kam und mit ihr Cäcilie. Freudetrunken verkündete Peter der Zitternden der Aebtissin Rath, und küßte wehmüthig lächelnd die Thränen von dem blühenden Gesicht der Jungfrau. »Gott, Du zeigst mir großes Erdenglück«, sprach Cäcilie. »Aber wirst Du mir vergeben, wenn ich mein Gelübde breche, das ich am Altare Dir geleistet? Und doch, ich bin zu schwach, dem neuen Gefühle zu widerstehen, das mein ganzes Wesen durchdringt, und das Du, o Gott, ja auch und früher in mich gelegt, als den Willen, in ewiger Jungfrauschaft Dir zu dienen.«

Peter, welcher nicht geglaubt, daß die Jungfrau so willig sich zur Flucht verstehen würde, war jetzt der glücklichste Mensch der Erde. So oft die Lehrstunden begannen, sprachen die Liebenden über die Ausführung des Plans, und kaum waren jene beendigt, so setzte sich der Meister vor die Staffelei, um das nachzuholen, was die Schülerin versäumt hatte; die Aebtissin mußte täglich Fortschritte bemerken. Endlich hatte man den Tag bestimmt, an welchem die Flucht erfolgen sollte, den Namenstag der Heiligen, welcher das Kloster geweiht war, zu dessen Mauern dann Schaaren frommer Pilger wallfahrteten, ihre Sünden zu büßen.

Still und vorsichtig hatte Peter Alles vorbereitet, als der verhängnißvolle Tag heiter über die Erde heraufzog. Tausende von Pilgern durchströmten Klosterhof und Kreuzgang und zogen die arme, ihrer kaum mächtigen Cäcilie doch etwas von dem ab, was ihre ganze Seele beschäftigte, und was zu ertragen sonst kaum möglich geworden sein würde. Ihr zerstörtes Wesen entschuldigte sie mit Unpäßlichkeit, und die gütige Ignatia gewährte ihr gern am Abend die Bitte, die nächtlichen Hora's versäumen zu dürfen. Dies lag in dem Plane der Liebenden. Denn kaum durchhallte der feierliche Chorgesang die Stille der Nacht, so schlich Cäcilie still und langsam durch die öden Gänge des Klosters nach dem Kreuzgange, aus welchem eine Pforte hinausführte in den Garten. Schon hatte Peter durch einen Schlüssel, den er sich zu verschaffen gewußt, dieselbe geöffnet und bald traten Beide hinaus in Gottes freie Natur, welche ihren reinen, mit Sternen besäeten Himmel über ihnen ausspannte. Am Ende des Gartens war ein kleines Häuschen an die Klostermauer gebaut, in dessen Räumen der Gärtner Leitern, Stangen und andere Geräthschaften zu verwahren pflegte, und zu welchem Peter dadurch ein Recht erlangt, daß seine Gerüste und Geräthschaften, welche er zum Malen in der Kirche gebraucht, hier aufbewahrt wurden. Hierher führte er seine Geliebte, nahm vorsichtig die Schindeln von dem Dache, die er erst am Abend vorher gelöset, und ließ eine Leiter an der Mauer hinabgleiten. Kräftig umschlang er das zitternde Mädchen und schritt die Leiter hinab; das Schwerste war vollendet, die Jungfrau war frei.

Weinend sank Cäcilie auf den Rasen. »Heilige Jungfrau«, rief sie schluchzend, »vergieb mir diese Sünde! Gehe nicht mit mir ins Gericht!«

Indessen der Geliebte sie mit der einen Hand sanft fortzog, schleppte er mit der andern die Leiter bis zum nahen Teiche, band mittelst einiger[344] Stricke schwere Steine, die er vorher dorthin gewälzt, an dieselbe, und versenkte sie so in die Tiefe des Wassers. Darauf lud er die Geängstigte auf den Rücken und eilte mit ihr rüstig dem nicht fernen Schneeberge zu.

Der Morgen dämmerte noch nicht, als sie die Waldung erreicht hatten, welche sich nach dem Schneeberge hinaufzieht. Hier eröffnete Herr Peter der Geliebten, daß sie nun sich der männlichen Tracht bedienen müsse, bis sie ihren sichern Zufluchtsort erreicht haben würden.

»Alles, was Du willst, mein Geliebter«, schluchzte das Mädchen, und ging mit den Kleidern in das Dickicht, wo sie das zweifache Dunkel des Waldes und der Nacht vor den Augen des Bräutigams verbarg.

Bald brach die Morgendämmerung herein, und von unten aus der gesegneten Hügelebene Mährens schlugen sanft die Töne der Frühglocken von Klöstern, Kapellen und Kirchen herüber an den Saum des Gebirges. Noch ruhte ein grauer Schleier über der tiefen Erde, und ein kalter Ostwind strich über sie hin. Doch bald mehrte sich des Himmels Feuer; der Glanz des jungen Tages strömte mild über die Fluren, über Berge und Gründe, und bald küßten die ersten Strahlen der hervorbrechenden Sonne die Thränen der Wehmuth von den Wangen der Jungfrau.

Aber nur kurze Zeit währte die Freude über das glücklich gelungene Werk bei den Liebenden. Bald wälzten sich dicke Nebel aus den Gründen des Schneebergs und verhüllten sogar die nächsten Gegenstände um die Pilger her.

So irrten sie bis über Mittag, als plötzlich kleine Glöckchen durch den Nebel herübertönten, welche von einer Schafheerde herkamen, die hier weidete. Dem Hirten derselben, der den Liebenden gleich einem rettenden Engel erschien, sagte Herr Peter, daß sie gen Landeck gewollt, aber im Nebel den Weg verloren hätten.

»Nach Landeck?« fragte der Hirt und schüttelte bedenklich das Haupt; »da mögt Ihr wohl zusehen, daß Ihr den Weg findet, doch dürfte es Euch schwer werden, bei solchem Nebel aus diesem Heere von waldbedeckten Bergen Euch herauszufinden!«

Nun beschrieb er Beiden den Weg, stärkte sie aus seiner Flasche und geleitete sie dann nach einer offenen Hütte, unter deren Dache eine weiche moosige Lagerstätte bereitet war. Dann übergab er ihnen noch etwas Brod, nannte ihnen nochmals die Richtung, in welcher sie zu steuern hätten, empfahl sie dem Schutze der heiligen Jungfrau und kehrte dann wieder zu seinen Schafen zurück.

Die Liebenden beschlossen die Nacht hier zuzubringen, in der Hoffnung, daß morgen der Nebel weichen würde. Sorgsam bedeckte Herr Peter Cäcilien mit trocknem Moose, suchte ihre Bedenklichkeiten wegen ihrer Flucht zu zerstreuen, und schlief dann ruhig und getröstet an der Seite des entschlummerten Mädchens ein.

Der Morgen brach an, aber noch leuchtete den Liebenden kein Hoffnungsstern, und da sie nur wenig Lebensmittel mehr übrig hatten, so mußte endlich der Weg angetreten werden. Cäcilie weinte stille Thränen, aber unverdrossen folgte sie dem Geliebten ihres Herzens, und sog, wenn sie Kräfte und Trost verließen, neue Stärkung aus seinen Blicken. Durch Wald und Sumpf, über Felsen und Steine, bergauf bergab waren sie[345] wieder mit unsäglichen Beschwerden geirrt; stundenlang hatte Peter Cäcilien auf seinen Armen getragen und noch hatten sie keinen Weg, keine Hütte und keinen Menschen gefunden; ihre Lebensmittel waren zu Ende, aber immer sprach eines dem andern Trost ein und stellte sich stärker als er in der That war.

Aber ihr Leiden sollte höher steigen, denn plötzlich änderte sich der Wind, und vom Norden her stürmten Wolken von Schnee, so daß die Armen fast kein Auge zu öffnen vermochten. In dieser Noth sah sich Peter nur nach einem Ruheplatze für die Nacht um. Unter die zur Erde herabhängenden Aeste einer gedrungenen Fichte legte er die arme Cäcilie, die nicht mehr zu gehen vermochte, und machte sich im Stillen Vorwürfe, daß er an dem Unglück eines Engels schuld sei, der, statt mit ihm und durch ihn glücklich zu werden, die Ruhe im Grabe finden sollte. Cäcilie tröstete ihn, aber konnte doch den Kampf in ihrem Innern nicht verbergen, denn unwillkührlich entschlüpfte ihren Lippen bald der Name der mütterlichen Ignatia, bald der ihrer geliebten Freundin Maria.

So verfloß die schreckensvolle Nacht, und als der Tag anbrach, beleuchtete sein Licht ein weites Schneegefilde, in welchem die Unglücklichen nur ihr Grab sahen. Cäcilie lag in der größten Erschöpfung, ihr Angesicht war bleich, das sonst so schöne Auge war geschlossen; sie lag in einem heftigen Fieber. Peter war außer sich vor Schmerz, klagte sich laut weinend als den Mörder seiner geliebten Cäcilie an.

»Laß mich hier ruhen, geliebter Freund«, sprach endlich Cäcilie mit matter Stimme, »und suche wenigstens Dich zu retten, der Du höhere Ansprüche an die Welt hast, als ich schwaches Weib. Laß mich sterben auf meiner Mutter Erde, und gelingt es Dir, Dich zu retten, so kehre zurück, meine Gebeine in geweihter Erde zu bestatten. Gott wird mir gnädig sein und der Sünderin vergeben.«

»Nein«, rief Peter mit wildem Schmerz, »nein, meine Geliebte, Du darfst nicht sterben. Komm, ich fühle neue Kraft in meinen Adern, Gott wird sich unsrer erbarmen und uns nicht verderben lassen in dieser Einöde. Komm, Geliebte, fasse Muth, Du wirst nicht sterben!«

Mit diesen Worten ergriff er das fast leblose Mädchen, schloß sie in seine Arme und durchwatete aufs Neue, vom wüthendsten Hunger gepeinigt, den hohen Schnee, bis er endlich, nach einigen Stunden Steigens, auf einer kahlen Schneefläche hinsank. Nur wenige Schritte von dieser Stelle erhob sich ein Fels, in dessen Schutz er seine dem Tode nahe Geliebte niederlegte.

»So wollen wir denn hier sterben«, sprach er gefaßt; »so soll der Tod uns nun vereinen, wo das Leben uns, wenn auch nur kurze Zeit, so schön gelacht!«

»Lebe wohl, mein theuerster, mein geliebtester Freund«, sprach mit matter Stimme die Halbtodte, »und tausend, tausend Dank für Deine Liebe! Ach, die Welt war doch so schön, und Dank dem Himmel, daß er mich noch ihre höchste Seligkeit schmecken ließ, Deine Liebe. – Jetzt weiß ich erst, was Leben ist. – Nun sterbe ich mit Dir in Deinen Armen. – Ach, mein Geist sehnt sich hinüber in das schöne Land, wo wir ungetrennt sein, wo wir alle große edle Menschen finden werden, die diese Erde verlassen[346] haben. – Komm, mein einzig Geliebter, gieb mir den letzten Kuß auf dieser Erde, den Kuß der Vergebung, wenn ich Dich jemals betrübt, – und dann – gute Nacht!«

»Gute Nacht«, jammerte Peter über der bleichen Gestalt, »gute Nacht!« Und so sank er, die Scheidende mit kraftlosen Armen umschlingend und mit Küssen bedeckend, an ihrer Seite nieder. Sein Auge war gebrochen, Fieberfrost durchzog seine Glieder, er fühlte, daß auch sein Ende nicht fern sein könne.

Da leuchtete plötzlich ein milder Glanz in sein gebrochenes Auge, und eine sanfte, warme Luft wehte erquickend um den Felsen her. Gestärkt schlug er seine brechenden Augen auf, und siehe, eine hohe freundliche Gestalt, St. Peter selbst, stand himmlisch lächelnd vor ihm.

»Steht auf«, sprach er, »und folgt mir!« Und damit berührte er Peter und Cäcilien, die, vor wenigen Augenblicken dem Tode nahe, mit neuer wunderbarer Kraft ausgerüstet sich emporrichteten und der hohen Gestalt folgten, welche über die Schneefläche hinwegschwebte.

Nach kurzer Wanderung sahen sich die Liebenden auf einer Berghöhe, welche eine mildere Luft umwehte. Der Schnee schmolz vor ihren Augen; der Berg bekleidete sich mit einer grünen Rasendecke, und bald schossen liebliche Blumen daraus hervor, welche in die schöne Zeit des Sommers versetzen. Bald zerriß auch die Nebeldecke, und der Sonne milder Strahl goß vollends Leben in die Glieder der Unglücklichen.

Freudetrunken blickten sie bald hinauf in den blauen, sonnenklaren Himmel, bald herab auf die dunklere Erde, und erstaunt flog ihr Blick über das beschneite Gebirge hier hinaus auf das im schönsten Farbenschmucke des Herbstes ruhende Mähren, und aus einer fernen Bläue vom Schneeberge her bezeichnete Berg auf Berg den Leidensweg, den sie genommen.

Gerührt und ehrfurchtsvoll sanken die Geretteten vor dem Himmlischen nieder, und ihr dankbares Herz zerfloß in ein inniges Gebet.

Da schlug die Gestalt mit ihrem Stabe auf die Erde, und heraus stieg mit einem dumpfen Donner ein Felsenstück, beladen mit Früchten und erquickenden Speisen, und noch heute ist dasselbe zu sehen und wird von den Umwohnern der Tafelstein genannt.

Und abermals berührte der Heilige mit seinem Stabe die Erde, da sprang ein Quell hervor von geistigem lebenden Wasser und rieselte den Blumenteppich hinab nach dem Thale. Dankbar erkannten Peter und Cäcilie des Himmels Gnade, und als sie mit dem heilbringenden Tranke eine neue, nie gekannte Seligkeit einsogen, da gelobten sie, das Auge gen Himmel gewandt, dem Vater aller Wesen Tugend und Frömmigkeit bis in das Grab und sahen den Himmel offen, und in einer hell leuchtenden Wolke, umgeben von einem Kreise seliger Engel, Gott über der Erde schweben, und sie sanken auf den Rasen und verharrten mit gesenktem Auge lange Zeit im Gebet.

Als sie nun erwachten, war der Berggipfel verschwunden und sie sahen sich in einem tiefen, mit Wald bedeckten Thale, durch welches ein brausender Bach floß; an ihrer Seite rauschte eine reine, starke Quelle mit mächtigen Perlen hervor, und als sie von derselben tranken, erkannten sie das heilbringende Wasser, welches sie auf dem Berge geschmeckt.[347]

Indessen nun die Geretteten in heißen Umarmungen das Glück des wiedergeschenkten Lebens genossen, trat ein alter Greis an sie heran und grüßte sie mit freundlichem Gesicht.

»Wundert Euch nicht, ihr Fremdlinge«, sprach er, »wenn ich erstaunt bin, in dieser Wildniß Euch zu finden. Ich bin ein Einsiedler bei der Kapelle des h. Hubertus, und gewohnt, Niemanden zu sehen als Landleute und Bergknappen, die von Zeit zu Zeit zu dieser Kapelle wallfahrten. Gewiß habt Ihr Euch also verirrt und seid diejenigen, von welchen ich heut im Traume gehört. – Denn wißt, daß mich diese Nacht ein ganz wunderbares Traumgesicht aufgeweckt. Ich war, so sagte mir der Traum, in der Kapelle und betete vor dem Gnadenbilde, als mir plötzlich der heilige Petrus erschien und sprach: ›Gehe heut, wenn der Abend sich naht, hinab an den Fuß des Berges Hinnewieder, dort wirst Du am jenseitigen Ufer des Baches eine alte Fichte finden, aus deren Schoße ein Brunnen perlt mit Wasser des Lebens. Allda weile, bis Du zwei Fremdlinge findest, die in der Irre gehen, die nimm mit Dir in Deine Klause, bewirthe sie wohl und führe sie am andern Tage gen Würbenthal.‹ Da verschwand die Gestalt, ich erwachte und warte hier schon den ganzen Tag Eurer Ankunft. So kommt denn und ruht aus in meiner Klause, und wollt Ihr morgen Euren Weg fortsetzen, so geleite ich Euch nach Würbenthal, wie mir der heil. Petrus befohlen!«

Gerührt und dankbar gen Himmel blickend folgten die Geretteten, und als sie die warme heimliche Klause des Waldbruders aufgenommen, da priesen sie laut die göttliche Hilfe, die ihnen in ihrer Noth zu Theil geworden. Der Waldbruder aber breitete das Wunder überall aus und bald mehrten sich die Wallfahrer. Mit Verwunderung erblickten sie oben auf dem Berge den Tafelstein und unten den brausenden heilenden Quell, und brachten bald Kranke aller Art hierher, um von dem Wasser zu trinken, und diese genasen. Seit dieser Zeit ist der Quell auch nicht wieder versiegt, und hat später gar dem Badeort Hinnewieder das Dasein gegeben, aus welchem alljährlich Hunderte von Menschen mit erneueter Gesundheit und erhöhtem Frohsinn in die Heimath zurückkehren. Auch erhielten die Berge, wo die Erscheinungen erfolgt waren, und die man bisher unter dem Namen des »hohen Rücks« begriffen, die Benennung Peterstein und Vaterberg, unter welcher man sie noch jetzt kennt.

Am folgenden Morgen geleitete der Einsiedler die Wanderer nach Würbenthal, und nachdem er sie hier auf die Straße nach Zuckmantel gebracht und ihnen seinen Segen gegeben, kehrte er zu seiner Klause zurück.

Es war ein schöner kalter Herbstmorgen, der Himmel war klar und rein über ihnen ausgespannt, und die Sonne, welche die Liebenden so lange entbehrt, schien doppelt freundlich auf sie herabzulächeln; nur an den tiefen Thälern um Einsiedel lagerten graue Nebelmassen und schützten den Reif, der in blitzender Farbenpracht Gras und Bäume umzog, vor dem schmelzenden Strahl der schönen Sonne.

Den Reisenden ging das Leben gleichsam neu auf und ihr Herz drohte vor seligem Gefühl zu zerspringen. Einmal über das andere fielen sie sich um den Hals und genossen in heißen Küssen das Glück der Liebe und des wiedergeschenkten Lebens.[348]

»Glück auf!« rief plötzlich zur Seite eine Stimme und ein freundlicher Bergmann kroch aus dem Dickicht nahe bei Herrmannstadt hervor. »Wollt Ihr mir Gefährtschaft vergönnen? Ich denke Ihr wandert nach Zuckmantel, und dorthin will auch ich!«

»Sehr gern«, entgegnete Herr Peter, »und wenn Du etwa weiter reisest, so könntest Du wohl mit uns einen Weg haben. Wir gedenken nach Neisse zu gehen.«

»Nein, dorthin geht mein Weg nicht«, versetzte der Bergmann. »Ich bin aus Reinerz und habe seit Kurzem in Mora auf einer Grube gearbeitet. Jetzt bin ich feirig. Man hat mir als Ketzer zu Mora meine Arbeit genommen, und nun steuere ich in die Heimath zurück, wo mich Gott nicht verlassen wird.«

Mit Aufmerksamkeit hörte Herr Peter dem Bergmann zu und gab bald dem wackern Manne Gelegenheit, von seinem Glauben zu sprechen, weshalb er aus Mora vertrieben worden. Die Aeußerungen des Mannes verriethen ein so tiefes Gefühl, ein so gutes Herz, einen so gebildeten Verstand, und seine Grundsätze schienen so wahr und christlich, daß Herr Peter, nachdem er heimlich einige Worte zu Cäcilien gesprochen, ausrief: »Mein Freund, wir ziehen mit Dir; nimm uns mit nach Reinerz!«

Der Bergmann war hierüber sehr erfreut. Willig richtete er sich während der Reise nach den Schwächen seiner Gefährten, und wenn die Müdigkeit die zarte Cäcilie überfiel, so erbot er sich stets, den zarten Knaben zu tragen.

Nach einigen Tagen kamen sie in Reinerz an, wurden hier, wo die neuen Glaubensbegriffe schon Wurzel gefaßt, freundlich von den Einwohnern aufgenommen und waren in kurzer Zeit in dem Wesentlichen der neuen Lehre unterrichtet.

»In dieser Lehre«, sprach einst Cäcilie, »die so rein und göttlich ist, hat uns Gott den Weg zu unsrer Vereinigung gezeigt. Ignatia, o meine mütterliche Ignatia, Du hattest Recht, daß Du uns diesen Weg zeigtest, jetzt werden wir glücklich sein, mein Gewissen ist befreit von seiner Last!«

»Nun, so wirst Du denn mein Weib, mein geliebtes glückliches Weib, das mir Gott selbst aus seinen Händen geschenkt hat«, rief Peter mit Entzücken aus. – »Aber wir wollen auch in seiner Furcht leben, die Lieben, welche er uns schenkt, in ihr erziehen, und einst in seiner Furcht selig scheiden.«

Nach wenigen Tagen vereinigte ein evangelischer Priester die beiden Glücklichen und versah sie bald darauf mit Briefen an seine Glaubensgenossen in Sachsen. Von den Segenswünschen der wackern Reinerzer begleitet, zogen sie in dieses Land ab. Herr Peter wandte sich an den Hof des Kurfürsten, ward hier bald mit dem edlen Meister Lucas Kranach bekannt und wegen seiner Geschicklichkeit sehr geschätzt, und noch sollen Bilder von seiner Hand mit Kranachs Zeichen geschmückt, dort befindlich sein.

Mit seiner Cäcilie lebte er in einer hochbeglückten Ehe und erzielte gar viele liebliche Knaben und Mädchen, und noch soll das Geschlecht der Hagenbache in Sachsen kräftig blühen.[349]

Es giebt jedoch noch zwei andere Sagen über diese beiden Berge.64 Sie lauten also: Ein Schäfer hütete einst noch spät Abends seine Heerde auf einer schönen Wiese nahe an einem Dorfe in Mähren. Plötzlich rief eine Stimme hinter ihm seinen Namen Konrad. Voll Schrecken blickte er um sich und sah die Erde aufgethan; aus der Oeffnung kam eine weiße Gestalt mit einem großen weißen Barte hervor, der ihr bis auf den Leib herabhing. »Gieb mir Dein bestes Schaf«, sprach die Gestalt, »Du wirst es nicht bereuen und wirst erfahren, wer ich bin.« Konrad weigerte sich zwar anfangs, doch endlich gab er sein bestes Schaf. Da sprach der Greis: »Ich bin der bekannte Altvater dieser Gegend, der oberste der Berggeister. Da Du mir Dein bestes Schaf gegeben hast, so komme zu mir in mein Schloß, ich will Dich in meine Schatzkammer führen und Du kannst Dir daraus etwas nehmen.« Aus Furcht wagte der Schäfer anfangs kaum mitzugehen, doch gab ihm seine Begierde nach Reichthum bald Muth. Als sie an die Thüre des Zauberschlosses gekommen waren, that sich dieselbe durch einen Druck auf und Konrad sah goldene und andere kostbare Sachen. »Dieses Goldstück kannst Du Dir nehmen, aber nicht mehr, sonst ist es Dein Unglück.« Mit diesen Worten entfernte sich der Geist. Da sich nun der Schäfer allein sah und für unbemerkt hielt, so nahm er nicht nur das bezeichnete Goldstück, sondern auch noch einen goldenen Leuchter. Als er darauf hinausgehen wollte, fand er keinen Ausgang mehr. Der Geist erschien ihm wieder und schwang mit zürnendem Angesichte seinen Zauberstab. Donner und Blitz folgten; die erschütterte Erde that sich auf und verschlang den habsüchtigen Schäfer. Seitdem steht da, wo die schöne Wiese lag, ein hoher Berg, welcher der Altvater genannt wird.

Der Peterstein trägt auf seinem höchsten Punkte eine Felsengruppe von Glimmerschiefer, bei welcher einzelne seltne Pflanzen wachsen. Westlich von diesem Gestein liegen zwei Bruchstücke eines steinernen Monuments, auf denen noch zu lesen ist: »G.V.Z.J.E. 1681 und Joseph †.« Oestlich auf der Seite gegen Karlsbrunn trifft man noch zwei andere zertrümmerte Steinstücke, auf denen man die Jahrzahl 1760 erkennen kann. Wahrscheinlich sind dies die Ueberreste von Grenzzeichen, welche muthwillige Hände von dem Gipfel des Petersteines herabgeworfen haben, um das Eisen zu stehlen, womit sie befestigt waren. Die Sage erzählt aber, ein Graf, der ehemalige Besitzer der Janowitzer Herrschaft, habe einst sich auf der Jagd in der Umgebung dieses Berges verirrt, sei nach langem Umherirren an diese Felsengruppe gekommen, habe hier am Gesteine das Bild des heiligen Petrus erblickt, sich in seiner Herzensangst vor demselben niedergeworfen und zu demselben inbrünstig gebetet, es möge ihn der Heilige doch auf den rechten Pfad leiten. Aus Dankbarkeit ließ der Gerettete zur Erinnerung ein Denkmal von Stein errichten, auf dessen einer Seite der heilige Petrus und auf dessen andrer Christus am Kreuze abgebildet waren. Von diesem Denkmale sollen die oben genannten Steinstücke herrühren und der Fels den Namen der Peterstein bekommen haben.[350]

Nach einer andern Sage flüchtete einmal aus Wien oder einer andern Stadt ein liebendes Paar, dessen Verbindung die Eltern der Braut nicht zulassen wollten, in dieses Gebirge. Am Petersteine sanken Beide sterbensmatt hin, ohne Stärkung, ohne Kunde des Weges. Da erschien ihnen auf ihr inniges Gebet der h. Petrus, wies sie auf den rechten Weg nach Karlsbrunn hinab und tröstete sie obendrein mit der Hoffnung, daß sie durch den Ehebund vereinigt werden und ein kummerloses Leben führen würden. Diese Hoffnung ging auch in Kurzem in Erfüllung und der Berg wurde sofort wegen der Erscheinung des h. Petrus der Peterstein genannt.

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Mitgetheilt v.A. Kastner, Einiges über Sagen, namentlich Schlesiens etc. Neisse 1845 in 4°. S. 11 etc. Der Herr Verfasser hält die eben erzählte für apokryph, oder wenigstens für verändert.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 340-351.
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