Max vor Dendermonde

[222] Wie freundlich winkt dem Wandrer die Festung Dendermond',

Wenn sie die blanken Zinnen im Abendgolde sonnt!

Dir, Max, winkt sie nicht freundlich, dir sperren Meuter das Thor

Und pflanzen ihre Fahnen auf Mauer und Thurm empor.


Der Abt von Dendermonde mit seinen Mönchen saß

Beim kargen Klostermahle und leerte Glas auf Glas:

»Surgamus jetzt, Brüder in Christo! laßt uns nie müßig stehn,

Stets thätig in der Pflicht sein, drum laßt uns spazieren gehn!«


Zu Dendermond' die Aebtissin, das Aug' von Thränen naß,

Sankt Abelards Legende mit ihren Nonnen las:

»Schön ist der Abend, laßt uns chorsingen heut im Frei'n,

Da heulen doch keine Doggen in heil'ge Psalme drein.«


Die Nonnen und die Mönche, mit Rosenkranz und Brevier,

Die wallen hinaus zum Stadtthor, ins grünende Revier.

Die Nonnen singen: »O Christe, du Bräut'gam süß und traut!«

Die Mönche seufzen: »Maria, o komm', du süße Braut!«
[222]

Und als sie kamen selbander in einen grünen Wald,1

Da rauscht es in den Zweigen, da brüllt es donnernd: halt!

Es brechen gewappnete Krieger durchs struppige Gesträuch,

Den Mönchen klappern die Zähne, die Nonnen werden bleich.


Und muthig durch das Dickicht wühlt sich ein schnaubend Roß,

Der Reiter, hoch und edel, hält mitten im Kriegertroß:

»Ei, Gottwillkommen!« rief er, »habt weiten Weg gehabt.

Gott grüß' euch, Frau Aebtissin, willkommen schön, Herr Abt.


Euch grüßet Max von Oestreich; – bin jetzt zwar selbst im Feld;

Doch räum' ich gern zur Herberg' heut' Nacht euch Zelt an Zelt.

Zwar halt' ich karge Tafel, für Durst und Hunger genug,

Doch dampft noch manche Schüssel und blinkt manch voller Krug.


Mir geht's nicht grad' zum Besten, drum möcht' ich mich zerstreun,

Doch lust'ge Mummereien vor Allem mich erfreun;

Jetzt kommt mir just so 'n Schwank ein, drum hab' ich mir gedacht:

Ihr leiht uns Kapuz' und Kutten und Schleier für heut Nacht.«


Den Mönchen wackeln die Bärte, die Nonnen werden roth,

Und leis im Chore lispelt's: »Herr, hilf uns aus der Noth!«

Doch Max spricht zu den Kriegern: »Ihr Treuen auf und theilt

Euch in Kapuz' und Schleier; dann rasch in die Stadt geeilt!


Es fahr' in des Abtes Kutte mein Barbanson hinein,

Mein lust'ger Rath, Freund Kunze, du sollst Aebtissin sein.

Es ist ein närr'scher Feldzug, drum gibt's zu thun für dich;

Will's Gott, so seht ihr balde in Dendermond' auch mich!«


Schon stehn in Kutt' und Schleier jetzt Mönch' und Nonnen gereiht.

Wie läßt so stattlich Kunzen das falt'ge Nonnenkleid!

Und als die schöne Aebtissin den Schleier ihm umgehängt,

Da dacht' er sich so Manches, was so ein Narr sich denkt.
[223]

Zu Dendermond' auf dem Walle, da steht ein Mann zur Wacht,

Der lehnt am Speere, singend hinaus in die Vollmondnacht:

»Eine Affe und ein Pfaffe, der Reim paßt gut und fein,

Es liebt ja Pfaff' und Affe die Dirnen und den Wein.«


»Ho, ho, verbrenn' dir der Donner den ungewaschnen Schlund!

Ist das dein Nachtgebetlein? – Schließ' auf, du Lästermund!«

So rief der neue Abbas vor Dendermonde's Thor,

Und ungeduldig brummten die Nonnen rings im Chor.


»Verzeihung! ah, Herr Abbas! – Doch seltsam, traun, ist das:

Heut flucht der Abt wie 'n Mörder, die Aebtissin spricht im Baß.«

Der Wächtersmann, kopfschüttelnd, der lispelt still die Worte;

Die eh'rnen Angeln knarren, und offen steht die Pforte.


»Ei, willst dein Sperrgeld, Bursche? du singst gar schön und rein,

Drum will ich ein Lied dich lehren, es klingt zwar eben nicht fein,

Doch ist's ein frommes Liedlein, bringt flugs dich ins Himmelreich.«

So rief die Frau Aebtissin und schwang das Schwert zum Streich.


Hei, wie die Schwerter sausen, wie's durch die Straßen eilt!

Wie Sturmgeläut' und Feldruf wild durcheinander heult!

Nie führten Nonnen, wie heute, so derben kräft'gen Streich,

Nie warben so viele Seelen die Mönche dem Himmelreich!


Vor'm Thor dröhnt die Drommete, es scharrt wie Rossehuf,

Es schmettern und wirbeln die Trommeln. Ha, Max, das ist dein Ruf'

Willkommen in Dendermonde! Laß hoch dein Banner wehn

Und siegverkündend hernieder in alle Lande sehn!


Am Morgen ruft der Sieger zu sich der Meutrer Haupt:

»Willkomm'! hätt' euch zu sehen so bald noch nicht geglaubt!

Merkt euch's: wir kamen als Priester, als Rächer nicht, herein,

Und Amt des Priesters ist ja versöhnen und verzeihn!«

Fußnoten

1 Zur historischen Beglaubigung dieses Waldspazierganges verweise ich an Dr. Joseph Grünbecks Lebensbeschreibung Kaiser Maximilians I. (Tübingen 1721), namentlich an das Kapitel: »Von seiner suptielen Ueberfallung der vesten Stadt Tarmundt« (S. 64).


Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 222-224.
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Der letzte Ritter
Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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