Warnung

[235] Auf Flanderns Fluren liegt noch des Winters Mantel von Schnee

Drauf glänzen wie Silberverbrämung Kanäle, Weiher und See.

Und Brügge's Thürme und Zinnen erschimmern in blauer Fern',

Wie auf dem weißen Mantel ein goldgestickter Stern.


Da ritt ein Zug von Männern, tief in die Wämser verhüllt,

Die Bärte vom Reife perlend, durchs knisternde Schneegefild.

An König Maxens Seite trieb Kunz manch lustigen Scherz,

Ihm weinte vor Frost das Auge, ihm lachte vor Wärme das Herz.


Da schaute gerührt der König die Flur, die vor ihm lag:

»Seht, welch gewaltiger Zeuge, was Menschenkunst vermag!

Da liegst du wie im Brautschmuck, mein liebes Flandernland,

Im weißen Schlummerkleide, umgürtet vom Silberband.«


Drauf Kunz: »Ja, ja, da liegst du wie eine Dirne der Stadt,

So ohne reizende Hügel, so flach, so glatt und platt,

Den Gürtel etwas locker, geschmückt bei Nacht und Tag,

Und findest doch deinen Buhlen; Beweis, was Kunst vermag!


All' jene Seen und Lachen hast du zu Spiegeln da,

Die alten Jungfern brauchen gar viele Spiegel ja!

Zum Glück sind sie gar winzig, von etwas trübem Glanz,

Denn sonst erschräk'st du selber, sähst du dich treu und ganz.
[235]

Und eine Sprache lallst du, wie ein Wälscher in Deutschland spricht,

Sein Wälsch hat er vergessen, und Deutsch erlernt' er nicht; –

Als gute Hausfrau fegst du stets Speicher und Scheuern rein,

Und, sie nicht zu bestäuben, führst du kein Korn hinein.


Und ach dein Keller, o Jammer! wie ein wäss'rig Trinkgedicht,

Vor lauter Wasser findet heraus den Wein man nicht.

Mein Herr und König, ich dächte, ihr ließt die Dirne sein,

Es heißt, wen sie umarme, dem krache Ripp' und Bein.


Denkt nur des alten Recken – die Mähr' ist euch bekannt –

Der schlief bei einer Dirne einst im Philisterland,

Da stahl sie ihm bei Nachtzeit den schönen goldnen Zopf!

Bei Jungfer Flandria, däucht mir, gilt's gleich zum Schopf den Kopf.«


Darauf ihn schalt der König: »Ei laß den Grillenfang!

Dem eidgetreuen Fürsten sei vor Gefahr nicht bang;

Dann strahlt sein Wort und Glaube als Leuchte durch die Nacht,

An seinen goldnen Pforten steht dann die Treu' als Wacht.«


»Narr bin ich und Junggeselle, so trug ich nie die Kron',

Drum ward solch hohe Erkenntniß bis jetzt mir nicht zum Lohn;

Doch, denk' ich, sei's wohl besser, ein freier Narr zu sein,

Als ein gefangner Weiser, und König obendrein.


Item, es lebt ein Sprichwort auf jedem Mund im Land:

Laßt kochen der Mönche Keuschheit, verliebter Leute Verstand,

Als Brüh' gießt Junkerdemut und Flämmlingstreue drauf,

Gebt's einer Milbe zum Imbiß, so steht sie nüchtern auf.


Nicht lustet's mich, Genosse im Kerker euch zu sein,

Darum lebt wohl, mein König, und denkt der Warnung und mein'

Mein lieber Max, o höre den Ruf, den Treue spricht,

Noch einmal fleh' ich, wandle durch Brügge's Pforten nicht!«
[236]

So sprach der von der Rosen. Max schüttelt die finstern Brau'n,

Doch als durchs Thor er einritt, faßt ihn ein heimlich Grau'n

Die Ahnung rasch bekämpft' er und trat ins Fürstenhaus,

Der Kunze aber sprengte zum andern Thor hinaus.


Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 235-237.
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Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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