Eine Begegnung

[254] Zwei Lager stehn bei Nas'by auf der Haide,

Des Königs hier und dort des Parlaments;

Des Sturms Vorboten wandeln schon durch beide,

Wie durch die Hallen auch des Firmaments.


Im Lager sind's die wechselnden Gefühle,

Gestört Gebet, gelöster Liederschall;

In Lüften sind's Windstöße, dumpfe Schwüle,

Der Vögel Angstflug, irrer Blätterfall.


Ein alter Eichbaum mitten auf der Haide

Streckt rechts und links wie Arme sein Geäst;

Der Wind bewegt's, ein Drohen scheint's für beide,

Wenn's nicht ein Winken zum Versöhnungsfest.


Die Nacht bricht an, die Wetterwolken sinken,

Der Sturm ist los, die Tropfen fallen schwer,

Und immer heft'ger wird des Baumes Winken:

Vereint euch, Schutzbedürft'ge, um mich her!
[255]

Die Nacht ist schwarz gleich einem Leichentuche

Auf dem allein das Kreuz der Blitze ruht,

Der Tropfenfall erschwoll zum Wolkenbruche,

Zu Geiseln dreht der Sturm die Regenfluth.


Zwei Krieger fliehn, gestört im Feindespähen,

Zum Eichbaum unter Schirm des Laubgeflechts;

Die Hast der Flucht, die Nacht ließ sie nicht sehen,

Daß links der Eine kam, der Andre rechts.


Des Sturmes Geister trieben so im Bunde

Zum Baum des Friedens zwei der Feinde jetzt,

Wie einst ein überfrommer Herr durch Hunde

Saumsel'ge Christen zum Altar gehetzt.


Erst stehn sie fern; doch Leib an Leib zu gleiten,

Sich zu umklammern drängt sie Sturm und Fluth;

Des Einen Reitermantel hüllt den Zweiten,

Und jenen schirmt des andern breiter Hut.


Komm, Blitz des Herrn, von seinem Licht ein Funken,

Und leuchte hell in beider Angesicht,

Daß sie, erkennend sich, es schauen trunken,

Wie Stuarts Hand in Cromwells Hand sich flicht!


Vielleicht nicht auseinander grauend eilten

Die Hände, die der Sturm zum Bund gebracht;

Vielleicht, wie ihr Gewand sie schirmend theilten,

Auch thäten sie mit Fetzen ird'scher Macht.
[256]

Komm, Blitz des Herrn, ein Pfeil aus seinem Grimme,

Und triff und schmettre nieder diese Zwei!

Vielleicht, daß wenn verstummt der Feldherrn Stimme

Der Haß verkühl' und wieder Friede sei.


Nicht will's der Herr! Was reif zum Kampf soll kämpfen,

Was nicht verschmelzen kann, das bleib' entzweit!

Der Haß will auch sein Blühn; ihr sollt's nicht dämpfen:

Ein Gottesurtheil nur dem Geisterstreit!


Der Sturm verbraust. Die beiden Krieger scheiden.

Im Herzen alten Haß und alten Muth

Ließ ungeschwächt der Schlachten Herr in beiden,

Die, nicht es ahnend, Herz an Herz geruht.


Wie aus der Scheid' ein blanker Degen flammte

Der Tag empor, – ihm nach der Schwerter Glanz!

Ein blut'ger Kampf! Aus bittern Wehn doch stammte

Ein löblich Kind: Die Freiheit Engellands.


Der alte Eichbaum mitten auf der Haide

Streckt rechts und links wie Arme sein Geäst.

Er winkt; doch Staub sind längst die Heere beide;

Winkt er nur Todten zum Versöhnungsfest?


Dieß Lied von fernem Land aus fernen Tagen,

Das wie ein Wandervogel niedersinkt,

Was will es hier? – Euch mahnen will's und sagen,

Daß mancher Baum in deutschem Land – noch winkt.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 254-257.
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