Gute Lehren

[252] Der tapfre kluge Held Roland

Kam wandernd an der Loire Strand,

Das Wasser ist nicht sein Element,

Hei, wer da schwimmen und fliegen könnt',

Als Fischlein darinnen zöge,

Als Vöglein darüber flöge!


»Ho, Fährmann, rudre flink heran

Und hol' mich hinüber auf gutem Kahn;

Doch wisse zuvor, ich bin ein Held

Nicht ohne Ruhm, doch ohne Geld,

Der Degen klingt in der Scheide,

Der Säckel verstummt im Leide.«


»Ei, Ritter, ihr zahlt wohl bessern Sold,

Weisheit geht über Silber und Gold;

Gebt mir drei Lehren klug und fein,

Das soll mein liebster Fährlohn sein!

Das Geld versinkt im Weine,

Klugheit hilft auf die Beine.«


Und als er stieß vom Ufer ab,

Roland die erste Lehr' ihm gab:[253]

»Ein Anfang ist kein Meisterstück,

Doch guter Anfang halbes Glück.«

Der Ferge meint: »Erträglich!

Mir sang's die Amme schon täglich.«


Und als inmitten des Stroms der Kahn,

Da hub Roland zum zweiten an:

»Nichts Halbes thu' ein ganzer Mann,

Der ganz vollende, was er begann!«

Der Ferge seufzt: »Verständlich!

Doch wann kommt Neues endlich?«


Und als der Kahn nun drüben am Strand,

Da sprach zum dritten Held Roland:

»Sei leicht der Anfang oder schwer,

Das Ende nur bringt Lob und Ehr.«

Der Ferge murmelt leise:

»Fast bin ich selbst so weise!«


»Nun, Freund, des Paktes sind wir quitt,

Doch nimm noch Eins als Aufgeld mit:

Wenn stets dein Handel diesem gleicht,

Dann trägst du deinen Reichthum leicht,

Ersparst du Streit den Erben,

Wirst nicht als Krösus sterben.«


Ans Ufer Held Roland sich schwang

Und schritt des Wegs fürbaß mit Sang;

Der Schiffer ruderte heim gemach

Und dachte den guten Lehren nach;

Die Wellen flüstern und kreisen

Und singen die alten Weisen.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 252-254.
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