Herr Abbé

[191] Sprach der alte Prinz zum Sohn:

»Kind, ich dien' um Frankreichs Lohn,

Bin an Kindern reich,

Nicht an Gütern gleich;

Taugst zu anderm nicht auf Erden,

Magst mir ein Prälate werden.«


Hübsch in Notredame stehn,

Psalmen singen soll Eugen;

Seltsamer Abbé,

Flieht des Münsters Näh',

Trägt Gesporn statt seidner Socken,

Schwingt Rappiere statt der Glocken!


Hält nicht sehr auf Kleiderpracht,

Ist der Dose mehr bedacht,

Ein Abbé zum Glück

Nur in diesem Stück;

Aber klopft er drauf, so schallt es

Wie ein Schuß, von Pulver wallt es!
[191]

Mädchen läßt er ungeneckt,

Tag und Nacht im Buch er steckt;

Grad in diesem Stück

Kein Abbé zum Glück!

Sein Brevier ist's, mögt ihr rathen,

Nein, doch Alexanders Thaten!


Glühend steigt es ihm zu Haupt;

Unfrisirt, tabakbestaubt

Fliegt er in das Schloß:

»Herrscher, kühn und groß,

Gib mir Rang in Frankreichs Heere

Daß ich's führ' in Sieg und Ehre.«


König Louis ihn scharf beschaut:

»Seid mit Pulver zwar vertraut,

Doch, mein Herr Abbé,

Bleibt nur beim Rapé,

Das Rapier doch mögt Ihr lassen,

Einst den Bischofsstab zu fassen.«


Schönes Frankreich, nun Ade!

Gegen Wien trabt dein Abbé;

Kaiser Leopold,

Jedem Schwarzrock hold,

Heißt in Oestreich ihn willkommen:

»Offen steht mein Reich den Frommen.«


»Ist im lieben Portugall

Sanct Antonius Feldmarschall,[192]

Taugt wohl ein Abbé

Mir in Türkennäh';

Beten hilft so gut wie Raufen,

Und ein Sieg auch ist das Taufen.«


Die Dragoner, schlachtgereiht,

Sehn das kuttenbraune Kleid,

Lachen durch die Reihn:

»Kapuzinerlein,

Lies uns Messe, weih' die Fahne,

Pred'ge, neuer Kapistrane!«


Und das Pfäfflein früh und spat

Predigt gut in Feld und Rath;

Springt einst rasch vom Pferd,

Hält im Mund sein Schwert,

Klimmt empor zum Türkenwalle;

Diese Predigt lobten Alle.


Und vor Belgrad auf der Schanz'

Betet er den Rosenkranz.

Riß vielleicht die Schnur?

Daß auf Stadt und Flur

Schwarz und dicht die Betkorallen

Aus dem Paternoster fallen!


Dann in Wälschland und am Rhein

Räuchert er den Franzmann ein;

Dieser Weihrauch doch

Nicht nach Amber roch,

Rauchfaß auch und heil'ge Kerze

War von etwas grobem Erze.
[193]

In Cremona holt vom Bett

Er den Feind zur frühen Mett';

Marschall Villeroi

Stand im Schlafrock da,

Frierend auf des Lagers Wiese,

Eugens beste Morgenprise!


Daß solch frommes Thun geehrt,

Weiht der Pabst ihm Hut und Schwert,

Deutschlands Kaiser gab

Ihm den Marschallstab,

Hängt ihm selbst des Vließes Orden

Uebers Kleid mit goldnen Borden.


Brittenschiffe schmückt sein Nam',

Auch ein Bot' aus Frankreich kam:

»König Louis Euch beut,

Eures Ruhms erfreut,

Gruß und Rang in Frankreichs Heere,

Daß Ihr's führt zu Sieg und Ehre.«


Prinz Eugenius sinnt nicht lang:

»Eurem König schönen Dank!

Folgsam seiner Lehr'

Ward ich Missionär,

Hab' in Oestreich eine Sendung,

Führte gern sie zur Vollendung!


Auch den Bischofsstab ich fand

Freilich nicht in seinem Land;[194]

Doch von Zeit zu Zeit,

Da die Grenz' unweit,

Komm' ich, will der Herr mich schirmen,

Gern auch in sein Kirchspiel firmen.«


Also ehrten Land und See

Oestreichs kleinen Herrn Abbé.

Seiner Priesterhand

Segen strömt aufs Land;

Einig schwören's Pfaff und Laien:

»Ja, das sind die heil'gen Weihen!«

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 191-195.
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