Sanct Stephans Eid

[357] Wie die Glocken hell des Morgens heut zu Weissenburg getönt!

Jetzt ist's wieder still geworden, und der König ist gekrönt! –

Sieh, nun tritt er aus dem Dome, purpurstrahlend, glanzverklärt,

Auf dem Haupt die neue Krone, in der Hand das blanke Schwert.


Englein schmiedeten die Krone, wie die fromme Sage spricht,

Aus Demanten sonnenhelle, aus Rubinen morgenlicht!

Doch ein derber Schmied zu Dobschan ließ erglüh'n am Flammenherd,

Schlug mit Hämmern auf dem Amboß das gewalt'ge scharfe Schwert.


Vor dem Stadtthor ragt ein Hügel, dessen Pfade Teppich schmückt,

Drein des Landes helle Farben, roth und weiß und grün, gestickt;

Unten harrt der greise Kanzler, hält empor mit stolzem Muth

Hoch das sammtne Purpurkissen, drauf des Landes Satzung ruht.


Rings geschaart in weitem Kreise Ungarns edle Völkerkraft!

Hohe bärtige Magnaten mit dem Kern der Ritterschaft,

Aebt' und Bischöf' in den Infuln mit dem Krummstab und Brevier,

Und des Reiches Bannerträger mit dem flatternden Panier!
[358]

Auf den Hügel sprengt der König, jung und blühend, hoch zu Pferd,

Nord- und südwärts, west- und ostwärts, schwingt er flink sein blankes Schwert;

Dann gleichwie ein goldnes Standbild, steht er ruhig festgebannt,

Und empor zum blauen Himmel hebt er feierlich die Hand:


»Sei gegrüßt, mein Volk, und höre! Nimm aus meines Kanzlers Hand

Die Geschenke deines Königs, meiner Liebe erstes Pfand!

Freien Willens, freien Herzens geb' ich Freiheit dir und Recht,

Dem ich mich der erste beuge huldigend als treuer Knecht!


Ich beschwör's beim ew'gen Himmel, der im Sturm selbst Segen sprüht,

Ich beschwör's beim eignen Herzen, das im Zorn selbst Liebe glüht,

Nicht zu herrschen blind nach Willkür, nein, nach Recht und Satzung stets!

Fürsten sind nicht immer weise, nie ein Thor ist das Gesetz.


Und, beim Himmel, aufrecht halten will ich's heilig, fest und treu,

Nie nach eignem Hirn es deuteln, nach Gelüst es modeln neu!

Will auch nicht in seiner Klammer halten mehr ein einzler Stein,

Falle drob doch nicht das ganze wohlgefugte Bauwerk ein!


Wend' es Gott, daß je ich führe in den Kampf fürs Unrecht euch,

Daß dem Schild des Brudermörders meines Volks Geschichte gleich,

Drauf, so prunkvoll auch das Wappen, grausenhaft ein Blutfleck spricht!

Keine Thräne, keine Quelle wäscht ihn wieder rein und licht!


Ich beschwör' es, zu bewahren glänzend meines Landes Ruhm,

Blank wie Krieger ihren Panzer, sorgsam, wie ein Heiligthum!

Einem garbenreichen Saatfeld ist des Volkes Glück wohl gleich,

Doch sein Ruhm dem Aetherdome, glanzerfüllt und sternenreich!
[359]

Ich beschwör's, zu treuem Rathe gern mein Ohr und Herz zu leih'n,

Nie des Freien Wort zu fesseln, sei er noch so schwach und klein!

Nicht in reichen Fürstengärten, wo ihr sie zu finden hofft,

Auf verlaßner, stiller Haide blüht die schönste Rose oft.


Ich beschwör's, mit eurem Gute hauszuhalten karg und weis',

Dran der Wittwe Thränen kleben, und des armen Landmanns Schweiß!

Wie doch könnte jenem munden noch sein süßer goldner Wein,

Der die schönste seiner Perlen in den Becher warf hinein?


Ich beschwör's, zu sein ein Vater meinem Volke immerdar!

Haltet nicht dieß Herz zu enge für die große Kinderschaar!

Vaterherz ist doch an Liebe doppelt groß und reich und warm,

Zu umschlingen und zu schirmen reicht um all' ein Vaterarm!«


Längst verweht sind schon die Lüfte, die der Königseid durchhallt,

Ueber jene grünen Fluren sind Jahrhunderte gewallt,

Jenes Bollwerk von Vasallen, rings als Riesenwand erhöht,

Ist in Asch' und Staub zerfallen und in alle Wind' gesät!


Doch es wahrt die Burg zu Ofen Stephans Mantel, Kron' und Schwert,

Wächter blank in Waffen, schirmen jener Schätze theuren Werth;

Wenn sie einen König krönen, wird er damit angethan.

Ach, daß man doch Stephans Geiste keine Wächter stellen kann!


Sieht das Volk dann Stephans Mantel, wünscht es auch sein Herz hinein!

Sieht sein Schwert es wieder schwingen, – möcht' es doch sein Arm auch sein!

Sieht es seine Krone blinken, – weckte seinen Geist sie neu!

Hört es Stephans Eidschwur tönen, – hielt ihn Jeder auch so treu!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 357-360.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Spaziergänge eines Wiener Poeten
Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
Spaziergänge eines Wiener Poeten: Textkritisch herausgegeben und kommentiert von Ralf Bogner.
Spaziergänge eines Wiener Poeten
Spaziergänge Eines Wiener Poeten (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon