44. Gott-Lobendes Frülings Lied

[360] 1.

Angenehme Frülings Zeit /

Ebenbild der Ewigkeit /

Spiegel künfftig-süsser Wonne /

wie die klare See der Sonne!

Königin der Jahres-theile /

schon-gekrönt mit Blumen Zier!

meine Feder setzt ihr für /

dich zu rühmen in der Eile.


2.

Gottes süsser Athem-Tufft

blies' aus / deiner Bisen-Lufft /

erste Tochter seiner Witze /

seines schönen Wesens Blitze /

all-verneutes Erden-Leben!

Fünklein seiner Lieblichkeit /

die er dorten uns bereit!

Lufft / in der die Freuden schweben!


3.

Blumen-Adler / Noha-Taub!

du bringst uns Erlaubnus-Laub /[361]

in die Neue Welt zu gehen.

Fönix / der nun zu erstehen

aus des Winters Asche pfleget!

überschwänglich-süsse Lust!

alles Uberflusses Brust /

welche Milch und Nectar heget!


4.

Tugend-Freundin / Weißheit-Ruh /

Musen-Schwester! laß mir zu /

meine ungestimmte Leyren /

die schon lange Zeit must feyren /

dich-erhebend' anzustimmen /

und ein Liedlein dir zu Preiß:

zwar auff meine Bauren Weiß /

die nicht Sternen-an kan klimmen /


5.

Safft aus Gottes Allmacht-qvell /

strahle seiner Wunder-Seel /

Krafft der unergründten Kräffte /

schönstes Himmel-Lauffs geschäffte /

Haupt-Ergetzung aller Sachen!

du bleibst von mir unerreicht /

keine Macht noch Pracht dir gleicht.

kurz! du bist des höchsten Lachen.
[362]

6.

Ich verlieb mich zwar in dich:

doch seh ich noch übersich.

Bist zwar schön: doch nur ein Schatten

künfftig-heller Wunder-Thaten.

Dorthin / die Gedanken fanken /

richten ihre Flügelfahrt.

Doch / in dem ich der erwart /

will ich Gott für diese danken.


Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 360-363.
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