Das XIII. Kapitel.

Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musketierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.

[166] Die alte Meuder, welche sowohl als der Knan dieser Erzählung zuhörete, ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bist du gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger gewesen!« – »Was? Mutter,« antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet Ihr Euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem Bubenspiel umgangen? Es mußten vierfüßige Tierer sein, und darzu keine kranke, wann ich sie würdigen sollte, selbige mir zuzuschreiben. Und zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste War, deren ich mich annahm zu beuten; und gleichwohl hab ich ihrer hin und wieder so viel, rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie allesammen mit den Schwänzen an die Hörner zusammengebunden wären, sie gewißlich von hier bis auf Euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein soll. Was vermeint Ihr dann wohl, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein und fette Hämmel gestohlen? Bedeucht Euch auch wohl, daß ich vor dem großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und Enten, zu gedenken?« – »Ja ja!« sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich, deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Betteln ernähren müssest!« Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schollen und sagte: »Schweigt nur still, liebe Mutter! Euer Simplicius hats kein Haar besser gemacht und gleichwohl noch seine beide Füße übrig, woraus Ihr genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht tut, der tut auch seinen Beruf nicht genug.« Die Meuder antwortet, der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn schon darum geben; dann wann der gütige Vatter das Kind gnugsam gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann, die Rute[166] ins Feuer zu werfen. »Nein, Mutter, Ihr werdet Euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also lautet:


›Sobald ein Soldat wird geboren,

Sein ihm drei Bauren auserkoren,

Der erste, der ihn ernährt,

Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert,

Und der dritt, der vor ihn zur Höllen fährt‹;


und das zwar nit unbillig, dann es habens in verwichenen Kriegstrublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme Soldaten selbsten, indem sie nicht nur die Krieger beides, schuldige und unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sondern auch ihre eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie nur zukommen können.« Simplicius sagte: »Was darfs viel des Disputierens? Es war halt Gaul als Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten Schelmen, und hingegen diese von jenen Diebe genannt, so daß diesen Reden nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befande. Und dannenhero war nötig, daß der edel Friedenschluß alles Beschehene aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du vor diesmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.«

»Den hat mir,« antwortet Springinsfeld, »die Courasche, das Rabenaas, aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wollte, wann es nicht die Folge meiner Histori erfordert. In dieser Vettel kam ich, nach dem ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld ledig gemacht hatte. Ich kann aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr darzu, und ebendeswegen wollte ich lieber die Geschichten, so sich zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen. Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf entdeckt, so mag sie dort lesen, wer will; ich mag einmal mein eigne Guckgaugerei nicht selbst ausblasen; sondern es ist mir genug, wann ich glauben muß, sie werde meiner sowenig als deiner verschonet haben. Das ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wohl andere Kerl, als ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte; ja sie hätte auch meritiert, von den allervornehmsten und ehrlichsten Kavaliern bedient zu werden, wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war[167] in den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt und fertig und in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar insationabilis, daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran getan, wann er ihr zur Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals gehängt und sie ohne Urteil und Recht in ein Wasser geworfen hätte. Diese Unholde, als sie meiner müd worden, brachte beides, durch Schmieralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittieren mußte. Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit, hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich grohe Angst ausstunde, bis ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.

Nachdem ich nun diese Bestia solchergestalt verlassen und unter dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Württenbergische, folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich daselbst mit andern Völkern mehr konjungiert, und doch sonst nichts ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst wurde auf einer Partei unter die Schwedische gefangen, unter denen ich auch ein Musketierer werden mußte, bis mich die Kaiserlichen ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden Würzburg, Wertheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Mannheim und andere Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westfalen geschickt, des Kurfürsten von Köln selbige Bistumer unter dem berühmten Pappenheimer vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich mußte eine Pike tragen, welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen, als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wollte; dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer; derowegen trachtete ich auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden möchte; ein Musketierer ist zwar ein wohlgeplagte arme Kreatur, aber wann ich ihn gegen einen elenden Pikenierer schätze, so besitzt er noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor Ungemach ausstehen müssen, und es kanns auch keiner glauben, ders nicht selber erfahret; und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der einen Pikenierer niedermacht, den er sonst verschonen könnte, einen Unschuldigen ermordet und solchen Totschlag nimmermehr verantworten kann. Dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen werden sie genennet) gleich kreiert sein, ihre[168] Brigaden vor dem Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so tun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe mein Tage viel scharfe Okkasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, daß ein Pikenierer jemand umgebracht hätte.

Wir lagen an der Weser, dort um Hameln, als ich meinen Kameraten überredet, daß er mir seine Muskete auf die Mauserei verliehe und so lang mein Pike trug, bis ich wiederkäme und eine Beut mitbrächte. Es glückte mir; dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der alle Weg und Winkel wohl wußte, erkundigten einen Güterwagen, so von Bremen nach Kassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen Musketierer zur Convoi bei sich hatte. Demselben giengen wir zu Gefallen allerdings bis an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musketierer, den Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil von Ballen und Fassen, was wir konnten, worinnen es viel Seidenwar und englisch Tuch setzte. Das allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichstalern, welches ich zwar fande, aber mit meinen Kameraten treulich teilete. Wir sprachen den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer Zeit einen langen Weg hinder sich legten, entronnen wir aller Gefahr und langten eben bei den Unserigen an, als Pappenheim sich fertig gemacht, den Bannier vor Magdenburg hinwegzuschlagen.

Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davonzufliehen, ehe wir recht an ihn kamen, also konnte solches so eilends nicht geschehen, daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz lassen mußte; und nachdem wir alles wohl ausgerichtet, die Garnison zu uns genommen und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruiniert und zersprengt hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, sondern unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den Tillyschen befande, mit einer leidentlichen Verehrung zuwegen, daß er mich entließe.

Also wurde ich meiner verdrießlichen Pike wieder los, mondierte mich und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor einen Freireuter Aufenthalt, so lang bis ich wieder zu meinem Regiment, darunter ich gehörte, gelangen möchte.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 166-169.
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