Das VI. Kapitel.

Der Autor kontinuiert vorige Materia und erzählet den Dank, den er von der Courasche vor seinen Schreiberlohn empfangen.

[134] Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre, und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in Italia seine Matreß oder allem Ansehen nach er vielmehr ihr Knecht gewesen; maßen sie ihm auch (wann es anders wahr ist, was mir diese Schandvettel angeben) den Namen Springinsfeld zugeeignet.« – »Schweig! daß dich der Hagel erschlag, du Schurk!« sagte Springinsfeld, »oder ich schmeiß dir, Plackscheißer, der Teufel soll sterben, die Kandel übern Kopf, daß dir der rote Saft hernachgehet.« Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel, aber Simplicius war ebenso geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns, enthielte ihne derowegen vorm Streich und bedrohete, ihn zum Fenster hinauszuwerfen, wann er nicht zufrieden sein wollte. Indessen kam der Wirt darzu und gebote uns den Frieden mit ausdrucklicher Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Turnhüter und Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel oder wohl gar uns alle drei an ein ander Ort führen sollten. Ob ich nun gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so wollte ich doch gleichwohl die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum Ammeister gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen; aber der Wirt, so Springinsfelds Dukaten gesehen und einige davon zu kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß ichs underwegen ließe, wie wohl Springinsfeld noch immerhin wie ein alter böser Hund gegen mir grißgrammete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangne Schmach vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein sollte, solang ich nur selber wollte.

Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den sogenannten Zigeinern hinwegkommen wäre, und mit was vor Geschäften dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passiert hätten. Ich antwortet: »Mit Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, Herumrammlen, Tabak saufen, Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war Kochen und Feuern, ohne daß etliche alte Hexen hie und da saßen, die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[135] zu underrichten; teils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetöten Pulver, das nicht laut kläpfte, zu fällen wußten, maßen ich weder an Wild noch Zahmen kein Mangel bei ihnen verspüren konnte. Wir waren kaum zween Tag dort stillgelegen, als sich wieder eine Partei nach der andern bei uns einfande, darunder auch solche waren, die ich bishero noch nicht gesehen, etliche (die zwar nit beim besten empfangen wurden) antizipierten bei der Courasche (ich schätze aus ihrem allgemeinen Säckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Teil gelanget an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns, Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wohlgemäste Schwein mit sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beutten einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbottenen Arbeit ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war. Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer und Baurenhöf hinweggefüchslet oder hin und wieder von den Herden hinweggewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Kompagnien bei uns ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg; zwar nicht alle als Zigeiner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der Zigeiner, die ich, solang ich bei ihnen gewesen, observiert habe.

Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courasche zu ebenso geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo selbsten.

Ich dorfte täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil Courasche nicht mehr Zeit nahm, mir zu diktieren; und alsdann mochte ich mit andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courasche selbst leistete mir die mehriste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz; sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit leben und auf den alten Kaiser, doch vorsichtig und listig genug, hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, ebenso geschwind als vorteilhaftig sich aus dem Staub machen.[136] Einesmals fragte mich Courasche, wie mir dies freie Leben gefiele; ich antwortet: ›Überaus wohl!‹; und obgleich alles erlogen war, wao ich gesagt, so henkte ich jedoch noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch ein Zigeiner zu sein. ›Mein Sohn,‹ sagte sie, ›wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist der Sach bald geholfen.‹ – ›Ja, mein Frau,‹ antwortet ich, ›wann ich auch die Sprach könnte.‹ – ›Dies ist bald gelernet,‹ sagte sie: ›ich hab sie ehe als in einem halben Jahr begriffen! Bleibet Ihr nur bei uns, ich will Euch ein schöne Beischläferin zum Heurat verschaffen.‹ Ich antwortet, ich wollte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rat gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu kriegen getraute. Des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen, ohne (welches das schlimmste wär) daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen Eltern zu hoffen hätte. ›Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn,‹ sagte das Rabenaas weiters, ›und kannst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann du nämlich siehest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen wollte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen, die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.‹ Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr Springinsfeld gewünscht; und indem ich ihr diesergestalt das Maul machte, als wann ich bei ihr verbleiben wollte, hoffte ich desto ehender die Freiheit, mit andern auszugehen und also Gelegenheit zu bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen.

Eben um dieselbige Zeit kam eine Schar Zigeiner; die brachten eine junge Zigeinerin mit sich, die schöner war, als die Allerschönste aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte sowohl als andere bald Kundschaft zu mir, (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist, deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich wäre angangen, wann mich nicht die Sorg, ich wurde auch hexen lernen müssen, darvon abgeschröckt und ich nicht zuvor der Courasche Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört hätte. Eben darumb traute ich destoweniger und sahe mich desto besser vor, doch erzeigte ich mich[137] gestältiger gegen ihr als gegen einer andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courasche, zu schreiben hätte; als ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnötig, daß es die Jungfer wüßte, war sie nit allein wohl damit zufrieden, sonder ich merkte auch an der Courasche selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an mich zu tun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte; dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.

Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeinerin klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackent bei einem Feuer, der Zigeinergewohnheit nach, [mich] wollte schmieren lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wollte. Ich schämbte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte mir gehen wie Apulejo, welcher durch dergleichen Schmiersalb in ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunnde; dannenhero ward ich gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Kondition, daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen sollte, und alsdann wollte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu solcher Verrichtung nun machten wir uns etwas fern von unserm Läger ein absonderlichs Feuer und täten dabei, was wir abgeredet hatten.

Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen früh sahe ich mit haut und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wußte es noch nicht an mir, bis mich die Courasche vexierte und sagte: ›So, mein Sohn! ich sehe wohl, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeiner worden.‹ – ›Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter‹, antwortet ich; sie aber sagte: ›Beschaue deine Hände!‹ und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor die meinige erkannte, sonder darvor erschrack. ›Diese Salbung, mein Kind!‹ sagte sie, ›gilt bei uns soviel als bei den Türken die Beschneidung, und welche dich gesalbet hat, die mußt du auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.‹ Und mit dem fieng das Teufelsgesindel miteinander an zu lachen, daß sie hätten zerbersten mögen.[138]

Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein zusammenfluchen mögen. Aber was wollte oder sollte ich anders tun, als nach deren Willen mich zu akkommodiern, in welcher Gewalt ich damals war. ›Hei!‹ sagte ich, ›was geschneids dann auch mich? Vermeinet ihr dann wohl, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? höret nur auf zu lachen und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll.‹ – ›Wann du wilt, wann du wilt,‹ antwortet Courasche, ›doch dergestalt, wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.‹

Ich war damals mit der Courasche Lebenslauf all bereit fertig, ohne daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor Diebsstück, darzu hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeinerin worden; derowegen begehrte ich gar höflich bie versprochene Bezahlung; sie aber sagte: ›Ho, mein Sohn! du bedarfst jetzt kein Geld, es wird dir noch wohl kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.‹ Ich gedachte: ›Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit halten sollst?‹ und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen wollte, setzte und ordnete sie mich vor der ägyptischen Nation obersten Secretarium durch ganz Teutschland und tat Promessen, daß mein heurat mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heuratgute mitgegeben werden sollten. Und damit ich dieses desto steifer glauben sollte, dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit underlassen, mich mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit zu underhalten. Diese Geschichte war kaum verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach sambt Weib und Kind etwan selbe dreißigst das Vielertal herunder marschierten, auf welchem Weg Courasche ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war under den Furieren und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der ansehenlichsten Zigeiner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag marschierten wir vollents bis an den Rhein und blieben zunächst an einem Dorf, allwo ein Überfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen, über Nacht, um den folgenden Tag vollents über Rhein zu gehen. Aber des Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, siehe, da befande sich der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeiner und seine Braut so gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als nur die holdselige Farbe zur freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 134-139.
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