Das siebzehnte Kapitel.

[233] Simplex nun über das Mittelmeer reist,

Wird verführt an ein Ort, das Rot Meer heißt.


Also wanderte ich dahin des Vorsatzes, die allerheiligste und berühmteste Örter der Welt in solchem armen Stand zu besuchen; dann ich bildete mir ein, daß Gott einen sonderbaren gnädigen Blick auf mich geworfen; ich gedachte, er hätte ein Wohlgefallen an meiner Gedult und freiwilligen Armut, und würde mir derowegen wohl durchhelfen, wie ich dann dessen Hülfe und Gnade handgreiflich verspüret und genossen. In meiner ersten Nachtherberge gesellete sich ein Botenläufer zu mir, der vorgab, er sei bedacht, ebenden Weg zu gehen, den ich vor mir hätte, nämlich nach Loretto. Weilen ich nun den Weg nit wußte, noch die Sprache recht verstund, er aber vorgab, daß er kein sonderlicher schneller Laufer wäre, wurden wir eins, beieinander zu bleiben und einander Gesellschaft zu leisten. Dieser hatte gemeiniglich auch an den Enden zu tun, wo ich meines Schloßherrn Schreiben abzulegen hatte, allwo man uns dann fürstlich traktierte. Wann er aber in einem Wirtshaus einkehren mußte, nötigte er mich zu ihm und zahlte vor mich aus, welches ich die Länge nicht annehmen wollte, weil mich dauchte, ich würde ihm auf solche Weise seinen Lohn, den er so säurlich verdienen mußte, verschwenden helfen. Er aber sagte, er genieße meiner auch, wo ich Schreiben zu bestellen habe, als wo er meinetwegen schmarotzen und sein Geld sparen können. Solchergestalt überwanden wir das hohe Gebürge und kamen miteinander in das fruchtbare Italia, da mir mein Gefährt ererst erzählete, daß er von obgedachtem Schloßherrn abgefertigt wäre, mich zu begleiten und zehrfrei zu halten; bat mich derowegen, daß ich ja bei ihm verliebnehmen und das freiwillige Almosen, das mir sein Herr nachschickte, nicht verschmähen, sonder lieber als dasjenige[233] genießen wollte, das ich ererst von allerhand unwilligen Leuten erpressen müßte. Ich verwunderte mich über dieses Herrn redlich Gemüt, wollte aber darum nicht, daß der verstellte Bot länger bei mir bleiben noch etwas mehrers vor mich auslegen sollte, mit Vorwand, daß ich allbereit mehr als zu viel Ehr und Guttaten von ihm empfangen, die ich nicht zu wiedergelten getraute; in Wahrheit aber hatte ich mir vorgesetzt, allen menschlichen Trost zu verschmähen und in niedrigster Demut, Kreuz und Leiden mich allein an den lieben Gott zu ergeben, und mich ihm zugelassen. Ich hätte auch von diesem Gefährten weder Wegweisung noch Zehrung angenommen, wann mir bekannt gewesen, daß er zu solchem End wäre abgefertigt worden.

Als er nun sahe, daß ich kurzrund seine Beiwohnung nicht mehr haben wollte, sondern mich von ihm wandte, mit Bitt, seinen Herrn meinetwegen zu grüßen und ihm nachmalen vor alle erzeigte Wohltaten zu danken, nahm er einen traurigen Abscheid und sagte: »Nun dann wohlan, werter Simplici! obzwar Ihr jetzt nicht glauben möchtet, wie herzlich gern Euch mein Herr Gutes tun möchte, so werdet Ihrs jedoch erfahren, wann Euch das Futter im Rock zerbricht oder Ihr denselben sonst ausbessern wollet.« Und damit gieng er davon, als wann ihn der Wind hinjagte.

Ich gedachte: »Was mag der Kerl mit diesen Worten andeuten? ich will ja nimmermehr glauben, daß seinen Herrn dies Futter reuen werde. Nein, Simplici,« sagte ich zu mir selbst, »er hat diesen Boten einen so weiten Weg auf seine Kosten nicht geschickt, mir ererst hier aufzurupfen, daß er meinen Rock füttern lassen; es stecket etwas anders darhinder.« Wie ich nun den Rock visitierte, befand ich, daß er unter die Näht einen Dukaten an den andern hatte nähen lassen, also daß ich ohn mein Wissen ein groß Stück Geld mit mir davongetragen. Davon wurd mir mein Gemüt ganz unruhig, also daß ich gewollt, er hätte das Seinige behalten. Ich machte allerhand Gedanken, worzu ich solches Geld anlegen und gebrauchen wollte: bald gedachte ichs wieder zuruckzutragen und bald vermeinte ich, wieder eine Haushaltung damit anzustellen oder mir irgendeine Pfrund zu kaufen; aber endlich beschloß ich, durch solche Mittel Jerusalem zu beschauen, welche Reise ohne Gelt nicht zu vollbringen.

Demnach begab ich mich den geraden Weg auf Loretto und von dannen nach Rom. Als ich mich daselbst eine Zeitlang aufgehalten, meine Andacht verrichtet und Kundschaft zu etlichen Pilgern gemachet hatte, die auch gesinnet waren, das Heilige[234] Land zu beschauen, gieng ich mit einem Geneser aus ihnen in sein Vatterland. Daselbst sahen wir sich nach Gelegenheit um, über das Mittelländische Meer zu kommen, trafen auch auf geringe Nachfrage gleich ein geladen Schiff an, welches fertig stund, mit Kaufmannsgütern nach Alexandriam zu fahren, und nur auf guten Wind wartete. Ein wunderliches, ja göttliches Ding ists ums Gelt bei den Weltmenschen! Der Patron oder Schiffherr hätte mich meines elenden Aufzugs halber nit angenommen, wanngleich ich eine göldene Andacht und hingegen nur bleiern Gelt gehabt hätte; dann da er mich das erstemal sahe und hörete, schlug er mein Begehren rund ab; sobald ich ihm aber eine Handvoll Dukaten wies, die zu meiner Reise employiert werden sollen, war der Handel ohn einziges ferneres Bitten bei ihn schon richtig, ohne daß wir sich um den Schifflohn miteinander verglichen, worauf er mich selber instruierte, mit was vor Proviant und andern Notwendigkeiten ich mich auf die Reise versehen sollte. Ich folgete ihm, wie er mir geraten, und fuhr also in Gottes Namen dahin.

Wir hatten auf der ganzen Fahrt Ungewitters oder widerwärtigen Windes halber keine einzige Gefahr; aber den Meerräubern, die sich etlichemal merken ließen und Mienen machten, uns anzugreifen, mußte unser Schiffherr oft entgehen, maßen er wohl wußte, daß er wegen seines Schiffs Geschwindigkeit mehr mit der Flucht, als sich zu wehren, gewinnen könnte; und also langten wir zu Alexandria an, ehender als sichs alle Seefahrer auf unserm Schiff versehen hatten, welches ich vor ein gut Omen hielt, meine Reise glücklich zu vollenden. Ich bezahlte meine Fracht und kehrete bei den Franzosen ein, die alldorten jeweils sich aufzuhalten pflegen, von welchen ich erfuhr, daß vor diesmal, meine Reise nach Jerusalem fortzusetzen, unmüglich sei, indem der türkische Bassa zu Damasco eben damals in armis begriffen und gegen seinem Kaiser rebellisch war, also daß keine Karawane, sie wäre gleich stark oder schwach gewesen, aus Ägypten in Judäam passieren mögen, sie hätte sich dann freventlich, alles zu verlieren, in Gefahr geben wollen.

Es war damals eben zu Alexandria, welches ohnedas ungesunde Luft zu haben pfleget, eine giftige Kontagion eingerissen, weswegen sich viele von dar anderwärtlichen hin reterierten, sonderlich europäische Kaufleut, so das Sterben mehr förchten als Türken und Araber. Mit einer solchen Compagnia begab ich mich über Land auf Rosseten, einen großen Flecken am Nilo gelegen. Daselbst saßen wir zu Schiff, und fuhren auf dem Nilo[235] mit völligem Segel aufwärts bis an ein Ort, so ungefähr eine Stunde Wegs von der großen Stadt Alkayr gelegen, auch Alt-Alkayr genennet wird; und nachdem wir allda schier um Mitternacht ausgestiegen, unsere Herbergen genommen und des Tags erwartet, begaben wir uns vollends nach Alkayr, der jetzigen rechten Stadt, in welcher ich gleichsam allerhand Nationen antraf. Daselbst gibet es auch ebenso vielerlei seltsame Gewächse als Leute; aber was mir am allerseltsamsten vorkam, war dieses, daß die Einwohner hin und wieder in darzu gemachten Öfen viel hundert junge Hühner ausbrüteten, zu welchen Eiern nit einmal die Hennen kamen, seit sie solches gelegt hatten; und solchem Geschäft warten gemeiniglich alte Weiber ab.

Ich habe zwar niemalen keine so große, volkreiche Stadt gesehen, da es wohlfeiler zu zehren als eben an diesem Ort; gleichwie aber nichtsdestoweniger meine übrige Dukaten nach und nach zusammengiengen, wanns schon nit teur war, also konnte ich mir auch leicht die Rechnung machen, daß ich nit würde erharren können, bis sich der Aufruhr des Bassä von Damasco legen und der Weg sicher werden würde, meinem Vorhaben nach Jerusalem zu besuchen; verhängte derowegen meinen Begierden den Zügel, andere Sachen zu beschauen, worzu mich der Vorwitz anreizete. Unter andern war jenseit des Nili ein Ort, da man die Mumia gräbt; das besichtigete ich etlichmal; item an einem Ort die beide Pyramides Pharaonis und Rhodope; machte mir auch den Weg dahin so gemein, daß, obschon ich fremd und unkenntlich, alleinig dahin führen dorfte. Aber es gelung mir zum letztenmal nit beim besten; dann als ich einsmals mit etlichen zu den ägyptischen Gräbern gieng, Mumia zu holen, wobei auch fünf Pyramides stehen, kamen uns einzige Rauber auf die Haube, welche derorten die Straußenfänger zu fangen ausgangen waren: diese kriegten uns bei den Köpfen und führten uns durch Wildnussen und Abwege an das Rote Meer, allwo sie den einen hier, den andern dort verkauften.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 233-236.
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