Die Erste Abhandelung.

[11] Papinianus.


Wer über alle steigt / und von der stoltzen Höh

Der reichen Ehre schaut wie schlecht der Pöfel geh /

Wie unter jhm ein Reich in lichten Flammen krache /

Wie dort der Wellen Schaum sich in die Felder mache /

Und hier der Himmel Zorn mit Blitz und Knall vermischt

In Thürm und Tempel fahr / und was die Nacht erfrischt

Der heisse Tag verbrenn' / und seine Sieges-Zeichen

Siht hier und dar verschränckt mit vielmal tausend Leichen;

Hat wol (ich geb es nach) viel über die gemein.

Ach! aber! ach wie leicht nimmt jhn der Schwindel ein

Und blendet unverhofft sein zitterndes Gesichte /

Daß er durch gähen Fall wird ehr man denckt zu nichte.

Wie leichte bricht der Fels auff dem er stand gefast /

Und reist jhn mit sich ab! bald wird der Gipffel Last

Dem Abgrund selbst zu schwer / daß Berg und Thal erzittert /

Und sich in Staub und Dampff in weite Brüche splittert;[11]

Bald saust der rauhe Nord / und steht er dem zu fest

So bringt der faule Sud die ungeheure Pest

Die man Verläumbdung heist! wehn hat die nicht bekriget?

Wehn hat sie / wenn der Neid ihr beyfällt / nicht besiget?

Was ists Papinian daß du die Spitz erreicht?1

Daß keiner dir an Stand / noch Macht / noch Hoheit gleicht?

Daß Läger / Hof und Rath / und Reich / dir anvertrauet?

Daß Hauptmann und Soldat bloß auff dein wincken2 schauet?

Daß dich das Römsche Volck der Länder Vater nennt?

Daß dich Sud / Ost und West / und raue Scyth' erkennt?

Daß du mit Schwägerschafft3 den Kaysern nah verbunden?

Daß dich Sever stets trew / du jhn stets Freund befunden?

Daß er in dem er schid,4 die Kinder dir befahl?

Und baut auff deine Brust sein höchstes Ehren-Mahl?

Wenn eben diß die Klipp' an der dein Schiff wird brechen!

Nun mich die Warheit nicht umb Laster kan besprechen

Ist Tugend mein Verweiß / die als sie durch die Nacht

Mit hellen Strahlen drang und sich durchläuchtig macht /

Viel Nebel hat erweckt5 die sich in Dünste theilen

Und umb und neben mich als Donner-Wolcken eilen

Von harten Knallen schwer und schwanger mit der Noth

Erhjtzt durch rote Glut gestärckt mit Ach und Tod.

Welch rasen steckt euch an in Zanck verwirrte Brüder!6

Ists billich daß ein Mensch selbst wüt' in seine Glieder /

Und eifer in sein Fleisch? Wie? Oder mag das Reich

Das ersten Grund gelegt auff brüderliche Leich /

Nicht unter beyden stehn? Ist euch der Länder mänge /

Die grosse weite See / ja selbst die Welt zu enge?

Man theilte ja vorhin,7 wofern deß Blutes Band

Euch nicht mehr zwingen kan / so scheid euch Flut und Sand!

Nah / dient es länger nicht / wofern nicht Rom soll zittern[12]

Ob einem Jammer-Spiel. Mir ahnts! es wil sich wittern

Ich schaw deß Brudern Faust im brüderlichen Haar

Die grosse Stadt in noth / die Länder in gefahr /

Die Flott in lichtem brand / den hohen Thron zustücket /

Und mich durch eines Fall (doch ohne Schuld) erdrücket.

Doch klag ich Rom / nicht mich / ich scheue keinen Tod

Den mir von langer Hand die Eisen-feste Noth

An diese Seiten gab / man ließ vor vielen Zeiten

Zu meinem Untergang den Werckzeug zubereiten.

Verläumbdung schliff das Beil / das durch den Hals wird gehn

Wenn mir der heisse Neid wird über Haupte stehn.

Und hierumb hat man längst das Volck auff mich verhetzet /

Und Lügen umbgestreut / und meinen Ruhm verletzet

Der nach mir leben wird / man murmelt hir und dar:

Man hält mich in Verdacht / und schätzt für wahr und klar

Was Argwohn von mir dicht / die Läger sind beflecket /

Die Kirchen nicht zu rein / der Rath selbst angestecket /

Wer könt es denn nicht sehn daß meine Zeit außrinnt:

Wenn jeder / Tag für Tag / mir zu verterben spinnt.

Was hab ich denn verwürckt? Unredliche Gemütter!

Kommt Kläger! tretet vor! entdeckt wie herb und bitter

Auch eure Zunge sey! Ich fliehe die gemein,8

(Sprecht jhr) und schliesse mich vor Freund und Frembden ein.

Wahr ists daß ich bißher den Umbgang was beschnitten;

Seid dem / daß ich mich muß vor Freund und Frembden hütten /

Die / was mein offen Hertz freymütig von sich gibt /

Das gar nicht schmeicheln kan und Falschheit nie gelibt /

Verkehrt und gantz vergällt dem Fürsten zugetragen.

Schämt ihr euch nicht mein Wort verkehrt mir nach zu sagen;

So stört mein einsam seyn durch eur gereusche nicht.

Mein Hof ist dennoch frey / ich halte stets Gericht /

Geb' offentlich Verhör / auch wenn der lichte Morgen[13]

Den Himmel noch nicht siht / und sich der Tag verborgen.

Ich fahre keine Witt'b mit rauen Worten an /

Ich helffe wo ich mag / den ich nicht retten kan

Laß ich doch sonder Trost nicht von dem Angesichte /

Und klage wenn ich nicht / was jemand wüntscht / verrichte.

Man gibt mir ferner Schuld daß ich der Götter Ehr

Als auß den Augen setz' und nicht der Christen Lehr9

Mit Flamm' und Schwerdt außreut'. Ists aber wol zu loben

Daß man so grimmig wil auff dise Leute toben /

Und Leich auff Leichen häufft da niemand recht erkennt

Was ihr Verbrechen sey?10 Wer jetzund Christen nennt

Wil stracks daß man zur Qual auch ohn erforschen eile /

Da doch das heilge Recht gesetzte Zeit und Weile

Beym Blut-gericht' erheischt! man strafft / ich weiß nicht was /

Und schir ich weiß nicht wie / welch Recht spricht billich das;

Daß man ein erbar Weib11 der Unzucht übergebe

Und in ein offen Haus auß ihrem Zimmer hebe /

Umb daß sie Christum liebt. Ist das die Röm'sche Zucht?

Ist diß ein neues Recht: So sey diß Recht verflucht!

Man wirfft mir weiter vor daß ich der Fürsten rasen

Und grimme Zwytracht stärck' und Flammen helff' auffblasen /

Die ich mit meinem Blut zu dämpffen willig bin.

Nim grosse Themis nim den Schandfleck von mir hin!

Ich der die gantze Zeit auch mit gefahr deß Lebens

Den Bassian gehemmt / den Antonin vergebens

Zu Freundschafft anermahnt / werd' umb ein Stück verdacht /

Drob sich mein Geist entsetzt. Wer hiß der Läger macht

Den Brüdern in gemein den theuren Eid ablegen?

Noch gleichwol wolt ich sie zu theilen nechst bewegen!

Ihr Götter dieses Reichs! wofern bey solchem Stand

Mein Rath auß Boßheit kam so waffnet eure Hand

Mit Blitzen wider mich / und last es nicht geschehen

Daß ich mein eigen Haus muß ausser Zweytracht sehen![14]

Noch ferner sprengt man auß / als ring' ich nach dem Thron /

Und sucht auß diesem Zwist der Antoninen Kron;

Fahrt / rasende fahrt fort / also mir nachzustellen;

So wird die Lügen selbst in eurem Mund erhällen.

Hat die Aufflag in mir wol irgends einen Schein?

Kommt mit dem Anschlag auch mein Leben überein?

Wen hab ich umbgekaufft das Werck mit mir zu wagen?

Wem die Verrätherey / den Meyneid vorgetragen?

Hab ich das Läger je zu meinem Dienst ersucht?

Kan diß mein' Einsamkeit? Kan diß der Freunde Flucht?

Sind mir die fernen Reich' und eingetheilten Waffen

Mit Pflichten zugethan? So kommt ergrimmte Straffen

Und fodert mich zur Pein! ists denn ein eitel wahn

Warumb bedenckt man nicht was ich bißher gethan?

Gilt ein vergiffter Mund mehr als ein rein Gemüte;

So fege frembder Schuld mein unbefleckt Geblüte.

Und diß wird nun mein Lohn; daß ich so manche Nacht

Entfernt von süsser Ruh / in Sorgen durchgebracht /

Daß ich so manchen Tag Staub / Sonn und Frost getragen

Daß ich auff See und Land behertzt den Leib zu wagen

Mein und der Feinde Blut auff dieser Brust vermischt /

Durch meiner Glieder Schweiß der Länder Angst erfrischt /

Der Parthen Macht gestützt / den Nil und Phrat gezwungen /

Den stoltzen Rhein umbpfählt / den Balth ans Joch gedrungen /

Der Römer Recht erklärt / der Fürsten Schatz erfüllt /

Der Läger Trotz gezäumt / der Völcker Sturm gestillt /

Die Stadt in Hungers-Noth mit Ostens Korn gespeiset /

Jetzt West / jetzt wüsten Sud / und rauhen Nord durchreiset /

Dort Schantzen hin gesetzt / hir Mauren auffgebaut /

Hier Thamm und Wahl gesänckt / und wo dem Frieden graut /

Der Britten rauhe Ströhm' und Klippen-reiche Wellen

Mit Brücken überlegt / nie vor erkante Quällen[15]

Den Arabern entdeckt / mein Leben in Gefahr

Für Freyheit deines Raths / O Rom / und dein Altar

Schir Tag für Tag gewagt / mir nichts zu schwer geschätzet /

Durch eignen Guts Verlust / gemeines Best' ergetzet /

Der Feinde List entdeckt / und Frembd' in Bündnüß bracht /

Verjagt' ins Reich versetzt / und die verschworne Macht

In erster Glut erstöckt / was könt ich anders hoffen!

Ein Schatten-reicher Baum wird von dem Himmel troffen:

Ein Strauch steht unversehrt. Wer die gemeine Noth

Zu lindern sich bemüht; sucht nichts als eigenen Tod.

Wer sich für alle wagt / wird auch nicht einen finden /

Auff dessen rechte Trew er könn in schiffbruch gründen.


Papinianus. Der Käyserin Cämmerer.


CÄMMERER.

Glück zu!

PAPINIANUS.

Woher so früh?

CÄMMERER.

Recht auß der Frauen Saal

Das werthe Mutter-Hertz das stets in neue Qual

Durch diese Zwytracht sinckt / bemüht mich jhn zu grüssen

Und wil sich seiner Trew durch mich versichert wissen.

PAPINIANUS.

Wie? Zweiffelt Julie an unverfälschter Gunst!

CÄMMERER.

Die ungewissen Fäll umbhüllt mit trübem Dunst

Der Augen falscher Schein / der Klang vergällter Lippen /

Der Hertzen Wanckelmut sind leider harte Klippen /

An welchen Redli[ch]keit gar offt zu scheitern fährt.

Es weiß Papinian was ihren Geist beschwert.

Zugleich daß sie auff jhn all ihr Vertrauen setze /

Und weil er sicher steht / sich unvergänglich schätze.

Doch steckt der Neid den Hof mit so viel Seuchen an

Das niemand sonder Furcht. Wo man verläumbden kan:[16]

Beut Argwohn stets die Faust / wo Argwohn zugenommen:

Hat Schmertz die Oberhand und Haß den Thron bekommen.

PAPINIANUS.

Was mischt man so viel Wort' und hält was noth zurück?

Zagt Julia auffs new? Entdeckt uns was sie drück.

Auffrichtig hab ich stets zu wandeln mich beflissen

Nie der Verläumbder Mund (das niemand kan) zu schlissen.

CÄMMERER.

Man gibt ihr ein; es sey was mehr denn unerhört;

Daß Printzen / die in Haß / doch einen Mann geehrt /

Daß Geta sich zu letzt werd ohne Beystand finden;

Weil er sich läst zu sehr von Bassian verbinden.

Viel ists Papinian wenn uns der Käyser libt:

Und mit dem letzten Geist die Freundschafft übergibt /

Weit mehr / wenn dessen Huld wil gleich als erblich werden /

Und wenn deß Fürsten Leib verkehrt in Staub und Erden /

Sein Nachsaß unverfälscht die Neigung unterhält:

Das höchst und was anjetzt uns als unglaublich fällt

Ist / wenn zwey Hertzen hart umb eine Krone zancken;

In beyder Hold zu stehn / von keinem abzuwancken.

PAPINIANUS.

Daß mich Sever erhub / und an die Seite setzt /

Und (in dem mancher sich durch rauhen Fall verletzt)

Als mit der Faust erhilt; muß ich mit ruhm erkennen

Und zwar mein Glück / doch mehr / deß Käysers Urtheil nennen.

Das rede nun vor mich. War es der Tugend Lohn?

Was klagt ihr an mir an? Hat er der Fürsten Kron

Und Leben mir vertraut / als er die Zeit vollendet

Und Himmel-auff den Geist / nach so viel Sig gesendet:

So hat er einen Schatz / ja last mir anvertraut /

Weil er mein Hertz erkennt und gar genaw durchschaut /

Hab ich sein hoffen nun / das er geschöpfft / betrogen

Und letzten Willen nicht untadelhafft vollzogen:[17]

So richte Reich und Welt. Ist denn sein Wuntsch vollbracht:

Warumb zeucht Julia die Freundschafft in Verdacht.

Wofern ja Bassian auffrichtig mir geneiget:

(Sein Aug' entdeckt mir was / ob wol die Lippe schweiget!)

Wird hierdurch Geta nichts von Nutz und Schutz entgehn.

Ein Freund kan für jhn mehr denn ein verhaster stehn.

Denn daß ich seitwerts ab von jhm mich trennen solte /

Wenn Antonin durch mich was schädlichs suchen wolte;

Kommt meiner Ehr und Eyd und Redlichkeit zu nah.

Hier steht Papinian wie jhn das Läger sah;

Als er den hohen Schwur den Brüdern abgeleget /

Und durch sein Vorbild / Rath und Stadt und Heer beweget.

Man such jhn anders nicht. Wer aber bringt euch bey

Daß ich dem ältern mehr durch gunst verbunden sey?

Weil ich Ampts halber muß fast täglich mit jhm handeln?

Siht man mit Geta mich nicht schier viel öffter wandeln?

Bringt meine Wort' hervor! legt alles auff die Wag!

Diß ist die Lantze nicht die mich verletzen mag!

CÄMMERER.

Mehr wundert Julien daß man noch nie verspüret;

(Wie schwer auch Bassian von etlichen verführet)

Ob je Papinian, und wie / sich widersetzt.

PAPINIANUS.

Daß bald der Fürst auff diß / und bald auff den verhetzt:

Darff langer Worte nicht. Ob ichs gebillicht habe /

Ist leider was man fragt. Deß strengen Himmels Gabe

Ist diß was in uns wacht / das ihr Gewissen heist;

Das uns von innen warnt / und nagt / und rejtzt / und beist.

Wenn dieses schon zu schwach die Menschen zu gewinnen;

Wird man mit Reden nicht die Geister brechen können.

Doch that ich offt was mehr / als mir mein Stand erlaubt /

Zu wenig thät der Fürst der mir zu wenig glaubt.

CÄMMERER.

Es hört jhn niemand je deß Fürsten irrthum schelten.

PAPINIANUS.

Diß hilt man preisens werth / nun läst man michs entgelten![18]

Daß ich dem Pöfel nicht die Ohren füllen kan

Mit frembder Laster Dunst; gebt ihr vor Laster an.

O thörichte der nichts als lästern kan und schänden /

Wenn er vom Trunck erhjtzt und mit nicht festen Händen

Den Wein zum Hals eingeust; erzittert und erschrickt

Wenn der den er verletzt / unzaghafft jhn beschickt /

Behertzt in gegenwart die schmach zu widerlegen.

Wer richten kan und soll ob der auff rechten Wegen

Dem j[e]der folgen muß sucht selbst deß Fürsten Ohr

Und trägt dem Völcklin nicht der grossen Thorheit vor.

CÄMMERER.

Sie eifert daß er nechst die Theilung vorgeschlagen!

PAPINIANUS.

Weil Rom zwey Sonnen nicht auff einen Tag wil tragen.

CÄMMERER.

Verstossen auß der Stadt: Verstossen von dem Reich!

PAPINIANUS.

Zwey Kronen spürt ich dort: Hier furcht' ich eine Leich.

CÄMMERER.

Entfernte kan man leicht durch schlaue Lüste dämpffen.

PAPINIANUS.

Anwesend' unversehns durch strenge Macht bekämpffen.

CÄMMERER.

Was heist von Rom verschickt? In fernes Elend zjhn.

PAPINIANUS.

Auff einem Thron dem Haß und steter Furcht entfljhn.

CÄMMERER.

Die Freunde können hir die herbe Zwytracht schlichten.

PAPINIANUS.

Und Feinde (leider) hir mehr Haß und Zanck anrichten.

CÄMMERER.

Es war der Fürsten Rath der diesen überwug.

PAPINIANUS.

Weil sich die Mutter selbst zu sehr ins Mittel schlug.[19]

CÄMMERER.

Man könte zwar das Reich / doch nicht die Mutter theilen /

PAPINIANUS.

O könte sie das Reich und dessen Brüche heilen.


Plautia. Papinianus. Der Cämmerer.


PLAUTIA.

Recht auß! nur (leider!) sie ists die den Brand entsteckt.

Sie / die die Unruh selbst und Seuch im Reich erweckt /

Und zweiffelt sie an uns? Was sucht man ferner Zeichen?

Must ihrer Statsucht nicht in fernes Elend weichen

Was keusch und redlich war / als sie den Hof betrat

Den sie mit Blut besprjtzt / mit Haß vergifftet hat?

O Schwester! werthes Hertz! wer hat das Band zutrennet /

Krafft dessen Antonin in deiner Lieb entbrennet!

Der nachmals dich so früh und unverdint verstiß

Und an Charibdens Strand12 in tollem Zorn verwiß.

Was hat sie weiter vor! Papinian mein Leben!

Wil sie daß er zu letzt soll Plautien vergeben?

Sucht sie umb daß er mich noch nicht verlassen kan:

Wie er zu stürtzen sey? Euch Götter ruff ich an!

Euch die man frölich nennt wenn nun die Braut verhüllet,13

Und ihres Liebsten Wuntsch mit Gegenwart erfüllet!

Euch Götter ruff ich an! die ihr die Röm'sche Macht /

Die ihr deß Fürsten Thron und weite Burg bewacht!

Euch Götter ruff ich an! den Glaub und Trew vertrauet!

Die jhr verdeckte Schuld ja Seel und Geist durchschauet!

Seyd Richter zwischen uns! und wo ihr steuren könnt;

So steuret dem was mir nicht Eh' und Ruhe gönnt!

So steuret dem / das wächst durch Argwohn / Haß und Flammen

Und seinen Ehrgeitz nährt durch tödten und verdammen![20]

CÄMMERER.

Durchlauchtigst ich erstarr; und weiß nicht wo ich sey:

Wil sie mit diesem Grimm der Fürsten Mutter bey?

Wie? Oder hab ich selbst den rauhen Zorn verschuldet?

PLAUTIA.

Ich hab' es gar zu lang' und mehr als lang' erduldet /

Und Zung und Wort gehemmt. Erlaubt: Ich breche loß /

Und geb euch / (hört nur zu) die gantze Seele bloß.

Ihr wolt mein Ehgemahl der Welt verdächtig machen /

Ihr lockt und rejtzt auff jhn deß tollen Pöfels Rachen /

Man spürt jhm Tag und Nacht auff allen Gängen nach /

Fängt seine Reden auff / beschmützt mit herber Schmach

Den wol-verdienten Fleiß; sucht heimlich umbzukauffen

Die jhm zu Diensten stehn / man siht Verräther lauffen

Umb Vor- und Hinter-Hof / in dem er euch erhebt /

Und für der Fürsten Heil und Mutter Ehre lebt.

Was rejtzt euch aber an den theuren Freund zu hassen?

Nichts / als nur daß er nicht wil Plautien verlassen.

Daß er mich nicht von sich heist zu Plautillen gehn.

Diß ist die gantze Sach / (es kan's ein Kind verstehn)

Das ander / das euch muß zu einem Vorwand dinen

Ist Nebel / Dunst und Dampff. Was darff man sich erkühnen

Zu forschen wehm wir trew? Wofern nicht Redli[ch]keit

Uns beyden pflichtig macht / und etwan auff die Seit

Haß oder Wolthat beugt / so könt ihr überlegen

Was jeder uns erwis / durch wessen Faust und Degen

Mein Vater untergieng.14 Wer auff sein Haus entbrand /

Wer meine Schwester fern in Ceres Insel bannt.

Ists wahr nun; wie es wahr / daß Bassian betrübet

Uns / die Fürst Geta mehr denn wol sein Bruder liebet;

Warumb denn gibt man vor / man ziel auff jenes Theil /

Uns ist ein fest Gemüt vor keine Neigung feil.

Wir ehren beyder Kron / so trew deß einen wincken

Als werth deß andern Hold / eh wird Calisto sincken

Wohin der grause Styx die Schweffel-Wellen schickt:

Den jemand darthun / daß uns minste Schuld bestrickt.[21]

CÄMMERER.

Den Eifer gibt Ihr ein / bloß ungewiß vermuten.

PLAUTIA.

Gewiß ists: Daß mir offt die Hertzens-Wunden bluten.

CÄMMERER.

Die Wunden / die Sie selbst Ihr durch Gedancken macht.

PLAUTIA.

Gedancken / die ihr frisch bißher zu Wercke bracht.

PAPINIANUS.

Genung! man weiß vorhin wie unser Haus gesonnen!

Durch schmeicheln ward ich nie; durch pochen nicht gewonnen.

Ich bin der Ehren satt / der Aempter überdruß /

Der Heuchler grosses Heer / der ungewisse Schluß

Den man auff Schrauben setzt / der Räthe zages zittern /

Der Zeitungs-Träger Gifft die Fürst auff Fürst erbittern /

Und was ich jetzt nicht rühr' ermuntert mein Gemüt;

Daß ich die Lachesis umb schnell' Entbindung bitt.

Ob gleich der Jahre Reiff den Scheitel noch nicht färbet15

Und sich der Stirnen Haut in ernste Runtzeln kerbet.

Vielleicht wird (wenn ich hin) noch jemand frey von Neid /

Erwegen; wer ich war / wie ich der Zeiten Leid /

Großmütig überwand / und was mir angetragen /

Ja Schrecken / Furcht und Ach / hab auß der acht geschlagen /

Nicht Freund auß Gunst gestärckt / nicht Feind auß Haß betrübt /

Ja die mich unterdrückt biß in den Tod gelibt /

Und daß mir Redli[ch]keit nie auß der Brust zu rücken;

Ob schon der Zangen Grimm mich riss' in tausend Stücken.

PLAUTIA.

Vergiffter Zungen Stich reist über Zang und Pfal.

CÄMMERER.

Einbildung ist ihr selbst die allergrimmste Qual.[22]

PLAUTIA.

Man gibt ihr Ursach Tod / und mehr uns vor zu stellen.

CÄMMERER.

Ich kam nicht an den Ort Sie weiter zu vergällen /

Auch ruffen mir Geschäfft. Ich geh! entzündet nicht

Ein Feuer / das schon glimmt und durch die Aschen bricht.

PLAUTIA.

Wil das Verhängnüß mich durch Glut zur Aschen machen:

So werdet ihr gewiß mit in der Flammen krachen.


Plautia. Papinianus.


PAPINIANUS.

Mein Hertz! es ist nicht ohn / es greifft die Seelen an

Und presst den grossen Geist / der sich nicht hemmen kan

Wenn Trotz mit schlauer List gewaffnet ein wil brechen:

Doch (leider!) es ist schlecht sich nur mit Worten rächen /

Wenn jener Schwerdter wetzt: Deß Vatern grosser Stand

Verfiel auff einen Tag. Das Glück das nur auff Pfand

Uns seine Schätze leiht; holt Zins und Haupt-Gut wieder

Wenn niemand sichs versiht. Wo sind die starcken Glieder

Der weiten Freundschafft hin? Es fordert noch was mehr /

Und wo nicht meinen Leib / doch unser beyder Ehr.

Sie lasse Julien und ihren Argwohn fahren /

Und nehme sich in acht. Wer sich nur kan verwahren

Wenn alles sincken wil / erhält das höchste Gut.

PLAUTIA.

O wolte / wollte Gott / daß Bassian mein Blut /

Daß Julia diß Hertz / zum Opffer stracks begehrte!

Hier ist sie die es jhn den Augenblick gewehrte.

Doch nein! es ist was mehr / die Schwester meld ich nicht /

Der der Cyclopen Fels die steten Seuffzer bricht /

Mein Trost es kam mir vor eh sich Matuta regte

Und sich die braune Nacht von ihrem Platz bewegte;

Mich daucht /

PAPINIANUS.

Es ist nicht Zeit auff Träum' anjetzt zu sehn![23]

Wer wachend umb sich schaut / beobacht was geschehn /

Und spürt wie hoch die Lufft von Donner-Wolcken schwanger;

Schleust leichtlich das die Glut erhjtzt auff Hof und Anger.

Und bergt sich wo er kan. Wer auff der Wache steht:

Muß stehn / ob schon der Strahl jhm durch die Adern geht /

Solt auch auff jhn allein sich gleich der Blitz erheben.

Ade! die Stund ist hier. Ich muß Verhöre geben.


Reyen der Hofe-Junckern Papiniani.


Wie selig ist der Hof und Macht /

Und der beperlten Zepter Pracht /

Auß den vergnügten Sinnen stellt /

Und sich in engen Gräntzen hält /

Der nicht nach leichtem Glück und hohen Aemptern steht

Und bloß mit reiner Seel und Gott zu Rathe geht.


Er zeucht zwar nicht in Purpur auff

Kein scharff- mit Stahl-bewehrter Hauff /

Umbgibt sein unbewahrte Seit

Er führt kein Heer zu rauhem Streit /

Er schreibt den Fürsten nicht Gesetz und Schlüsse vor;

Doch hat er Wonn und Lust die sein Gemüt erkor.


Ob seine Taffel nicht besetzt

Mit allem was das Aug ergetzt

Ob er nicht bey schon nahem Tag

Spät' Abend-Mahlzeit halten mag /

Und fern-gepresten Wein auß edlen Steinen trinckt

Biß daß der Morgen-Stern der göldnen Sonnen winckt;


Ob niemand nach erkauffter Müh

Fällt zitternd vor jhm auff die Knie;[24]

Ob er nicht herrscht in dem Gericht /

Und über Hals und Leben spricht;

Auch nicht deß Fürstens Schatz in seine Koffer schleust /

Und frembde Fantasie ins Königs Sinnen geust.


Ob er nicht reiche Schlösser baut

Auch nicht sich selbst im Kupffer schaut;16

Ob nicht sein Ebenbild der Welt

In Alabaster vorgestellt;

Ob jhn kein Thracisch Roß halb-tantzend einher trägt /

Ob auff sein wincken nicht das gantze Land sich regt;


Doch siht er auß der stillen Ruh

Dem unbedachten Pöfel zu.

Und weiß nichts von dem blassen Neid /

Nichts von dem innern Hertzensleid /

Das in Palästen wohnt und dem die Jahre kürtzt

Der offt von höchster Höh in tieffsten Abgrund stürtzt.


Jhm reicht man kein gebiesamt Gifft /

Das Drachen-Eyter übertrifft.

Er weiß nicht was Verläumbdung sey /

Und ist von Furcht und zagen frey.

Man hält auff seinen Leib Verräther nicht in Sold /

Und kaufft sein Haus nicht umb mit new-gepregtem Gold.


Wo Purpur nicht die Mauren deckt

Wird kein Auffmercker leicht versteckt.

Trug / Meuchelmord / Spieß / Dolch und Bley;

Laurt hinter der Tappezerey.

Er lacht wenn sich die Schaar der Opffer-Knecht erhjtzt

Und auff sein Ampt und Stand durch falsch weissagen spjtzt.


Er lebt vor sich jhm selbst zu gut

Bebaut das Land mit gleichem Mut /[25]

Vertreibt die bange Traurigkeit;

Mit Fällen längst verjährter Zeit.

Und was die Reich empört und Throne stürtzen kan

Das siht er unverzagt gleich einem Schaw-Spiel an.


Er forscht durch Fleiß und sinnen auß

Der nassen Amphitriten Haus

Versteht wenn Cynthia auffgeh

Und Hermes fünckel auß der Höh

Erfindet sich in sich und was noch mehr / die Noth

Liegt unter seinem Fuß / er pocht den grimmen Tod.


Sein Hertz ist heilger Götter voll /

Und wenn er hier gesegnen soll

Und jhn das Alter rufft zur Ruh;

Schleust er gar sanfft die Augen zu.

Wie daß uns denn was hoch / doch für und für verletzt

Vor dem was niedrig ist und stets erquickt / ergetzt?

Quelle:
Andreas Gryphius: Großmütiger Rechtsgelehrter oder Sterbender Aemilius Paulus Papinianus. Stuttgart 1965, S. 11-26.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon