8.

Psalmvs 120.

[15] 1.

So offt die grimme noth/

So offt der herbe spott/

So offt der bläiche todt

Auff meine Seele sich verschworen:

Wen aller trost verschwandt:

Hab ich hertz aug vndt handt

Zu Gott der hellffer heist/ gewendet?

Die seufftzer die ich ihm gesendet/

Die stiegen ihm nach beiden ohren.


2.

Mein seuftzen/ meine bitt'

Erweichte sein gemütt/

Das er/ der brun der gütt/

Vom himmel auff mein elend sahe.

Es sahe meinen schmertz

Sein ewigtrewes hertz/

Erzog mich aus der wehmüt strickẽ.

Ja wen ich wolt' in angst ersticken:

War er mitt seinem beistandt nahe.


3.

Herr der du mich erhört/

Wen dich mein Geist geehrt.

Wie das mich itzt versehrt/

Der natterzungen tolles zischen?

Soll mich den jede stundt/

Der falschen läster mundt

Das lügen-reiche maul verletzen?

Mein Gott! wen wirstu mich ergetzen/

Vndt diese threnen mir abwischen?


4.

Mag was mitt dieser pein/

Woll zuvergleichen sein?[16]

Sie rent durch marck vndt bein/

Als wen ein pfeill vom bogen fehret.

Wie wen die lichte macht

Der donnerflamm' erkracht/

Vndt die wacholder streuch' anzündet/

Das eilendt ast vndt laub verschwindet/

Vndt strumpf/ vndt würtzel gantz verzehret.


5.

Ach! soll ich dieses landt

In das du mich verbandt/

Da als dein grim' entbrandt

Mein Heilandt länger noch bewohnen!

O führe mich von hier:

Herr soll ich für vndt für

Bey Mesech vndt bey Kedar sitzen!

Was kan dir doch mein elendt nützen?

Ach Herr/ kom vndt fang' an zu schonen.


6.

Ich habe meine zeit

In frembder dinstbarkeit/

In wehmutt/ ach vndt leidt/

Bis auff den augenblick verschwendet/

Ich sehne mich nach ruh/

Sie richten hader zu

Kom führe mich/ wo ich dis leben/

Nur kan zu deinem dinst hingeben/

Bis meine Bilgramschafft vollendet.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 15-17.
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