Uber den Untergang der Stadt Freystadt

Was soll ich mehr noch sehn? nun grimme Pestilentzen/

Nun bleicher Hunger-Angst verwüstet deine Gräntzen;

Nun der Carthaunen Blitz/ nun Hauptmann und Soldat/

An unserm Gut und Blut sich statt gefressen hat;

Zeucht eine Nacht noch auf/ voll tausendfacher Plagen:

Recht eine Nacht voll Nacht/ voll Ach! und Jammer-Klagen:

Und reißt/ O Freystadt/ was bißher noch von dir stund

Gleich einem Cederbaum mit Ast und Stumpff zu Grund/

Eh'r iemand diß vermeint. Die Sonne war gewichen/

Der Himmel stund besternt; und Morpheus kam geschlichen

Mit seiner Träume Schaar; der Sorgen Feind die Ruh'/

Schloß der nun müden Schaar die trägen Augen zu.

Als das Geschrey angieng! O was für Donner-Schläge

Empfind ich noch in mir/ wenn ich den Blick erwege:

Den ersten Jammerblick: Die schnelle Lufft ersaußt/

Der Monden fleucht bestürtzt/ der Winde wütten braust/

Und Freystadt kracht im brand': Es steigen Dampff und Flammen/

Und Funcken Himmel' an: Dort fält ein Hauß zusammen

Und schlägt das ander' ein. Was nicht von diesem schmaucht

Ist schon Staub/ Asch' und Grauß: Wo jener Hauffen raucht/

War vor der schönste Saal: Wo sind der Thürme Spitzen?

Wo ist das Rathhauß hin? Und wo die Richter sitzen?

Die Kirchen brasselt auch! soll denn kein Ertzt noch Stein/

O Freystadt/ frey an dir von seinem Sterben seyn?

Schützt keiner Mauren Krafft? sind keiner Retter Hände?

Ist alles helffen aus/ und gehn die kleinen Wände

Zusammt den grossen ein? O ja! diß ist der Schluß/

Der alles/ was noch stund/ zu boden werffen muß!

So sinckt ein krancker Leib/ den schon der Todt erkohren/

(Der Artzt thu'/ was er kan/ sein bessern ist verlohren.)

So wird die grosse Welt/ auf angesetzte Zeit[171]

Durch schweffellichte Glut des Donners abgemayt/

Verlodern und vergehn! was seh' ich dort für Hauffen?

Bestürtzt und Thränen-voll! mit ihren Kindern lauffen?

O Kinder! die ihr kaum das Vaterland erkannt/

Schaut wie/ was euch gebaut/ noch eh' ihr hin/ verbrandt.

Stadt! hochgestürtzte Stadt! must du dir selbst anzünden

Den Holtzstoß/ auf dem Zier/ und Gut/ und Lust verschwinden.

Hat doch des Himmels-Zorn: Hat doch das scharffe Schwerdt:

Hat doch der Feinde Grimm dich nicht so umgekehrt/

Wie du dich selbst hinrichtst. Was wünschen wir die Sonnen?

Weil Lufft und Flamme scheint: Was diese Nacht zerronnen/

Sieht auch wer gantz nicht sieht: Oh man schon um und an

Den Schaden noch nicht recht/ für Rauchen sehen kan.

Wir sehen keine Stadt! wie ist der Ort verworren

Mit dunckelrother Glut: Die Häuser sind verschorren

In Asch' und in sich selbst: Wird auch noch iemand seyn/

Der aus den Kohlen sucht ein halb-verbrandt Gebein

Von denen die der Schlaff dem Feuer hat verrathen!

Wir schauen derer Noth/ die in den Flammen braten/

Und schauen keinen Rath. Ihr Musen! ach umsunst!

Auch euer Schatz vergeht. Es hat die tolle Brunst

In diß/ was heilig heist/ sich grimmig eingedrungen:

Und mit der Blätter Rest weit über Feld geschwungen!

Und was ein weiser Sinn erforschet und erdacht/

Wodurch ein sterblich Mensch sich ewig hat gemacht/

Nimmt eine Stunde weg. Wir treten itzt mit Füssen/

Diß was wir gestern Kunst und grosse Weißheit hiessen!

O Eitelkeit der Welt! wie solt' ein Mensch bestehn

Wenn/ was die Zeit abtheilt/ muß für der Zeit vergehn.

Und mag ein zartes Fleisch ihm lange Raitung machen?

Wenn Felsen und Metall so unversehns zu krachen?

Und mag wohl iemand seyn der keine Laster scheut/

Wenn der sonst sanffte Gott mit solchen Straffen dräut!

Weil doch der Sünden Glut uns diese Brunst erreget/

Die Freystadt eingefeurt und frey in Grauß geleget?

O daß mein Deutschland sich mit diesem Zunder trägt;

In den der Wetter Macht mit schnellen Funcken schlägt/

Der uns zu Aschen brennt/ wenn Boßheit wird verschwinden/[172]

Denn wird/ was itzund hin/ sich reicher wieder finden/

Denn wirst du todte Stadt aus deiner Kohlen Grufft

Dein itzt verscharrtes Haupt auffheben in die Lufft.

Denn sol/ wo Wolcken ietzt von Rauch' und Flammen ziehen/

Dein' auffgesetzte Zier gleich einer Rosen blühen.

Denn wird/ was ietzund bricht/ durch zuthun weiser Hand

Erlangen/ was man wüntscht/ und in recht neuem Stand

Sich breiten für und für. Es werden deine Mauren

Nicht mehr voll Jammer stehn: Und wo man ietzund trauren

Und Zetter ruffen hört/ wo ietzt des Höchsten Grimm

Ohn Maß und Ende tobt/ da wird die Jubel-Stimm

Erschallen voll von Lust. Die neugebauten Thürme/

Des Hauses schöne Pracht wird Sicherheit im Schirme

Erhalten: Ja der Spieß/ das halbverroste Schwerdt

Wird werden in ein Beil und einen Pflug verkehrt/

Auch wird die werthe Treu/ die Treu/ die wir verlohren

Von aller Redligkeit stehn bey uns neugebohren.

Wie denck ich doch so weit? Ich/ der ich dieser Näh'/

Nun dritten Untergang mit nassen Augen seh'!

Und was geht itzt nicht ein! Wie selig sind zu schätzen

Die/ welchen keine Noth die Klau' ins Hertz kan setzen.

Weil sie der Todt entsetzt. Wir sind recht lebend-todt/

Und theilen unser Zeit in tausendfache Noth

Wir theilen Leib und Gut! was nicht die Pest genommen/

Hat Büchs' und Säbel hin! was diese nicht bekommen/

Frist die erhitzte Glut! was läst der Flammen Raub

Von Freystadt? Was du siehst/ die Handvoll Asch' und Staub.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 3, Tübingen 1963, S. 158-159,171-173.
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