Wallys Tagebuch

[87] Es ist zu spät, das Leben ihres Bluts

Ist tödlich angesteckt, und ihr Gehirn,

Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,

Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien

Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher.

Shakespeare


Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, in welchem ich mich bewege, nun doch auch in allen seinen Teilen auszufüllen. Wie beglückt mich Cäsars Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Außenwelt und mich wenigstens schriftlich mit ihr beschäftigen, soweit sie ein Recht dazu hat. Viele verdienen es, daß ich auf sie achte: nicht alle. Cäsar sagt mir, ich wäre egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar grausam. Er meint es gewiß damit aufrichtig. Ich will mich auch mit den andern beschäftigen; aber schriftlich: täglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich –


Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab' ich gegen meinen Vorsatz gesündigt, und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen Tagen, so tat ich's fünfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel schneller, als mein bleierner Stil folgen kann. Cäsar sagte mir, man müsse die Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man und vergnüge sich. Cäsar hat immer recht.

Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig' ich ihnen, was ich von ihnen schrieb und daß ich sie doch[87] liebe. Ich will Delphinen charakterisieren, sie ist so verschieden von mir.

Delphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerter Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weißer Kantenstrich, wie man ihn unter Hüten trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiß und hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung. Delphine hat einen kleinen Fuß. Sie geht sehr schön. Das will viel sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht rein, es ist mit zu viel Weiß gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne Wölbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie hat einige hübsche Gewohnheiten. So faßt sie z.B. oft mit der linken Hand in die Gegend der Stirn, öffnet sie, schließt mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt diesen Kreis allmählich zu öffnen, indem sie aus der Tränendrüse des linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die Öffnung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges. Diese sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist deshalb so hinreißend, weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt. Der größte Zauber in Delphinens Erscheinung kömmt aber von ihrer eigentümlichen Seelenstimmung her. Diese muß man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie nicht ganz erschöpft. Besser würde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn Musik drückt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin, wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung in der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, für Opern im französischen Geschmack, kurz, für das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen[88] Organe spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend sind die meisten Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreißender sein als dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie hervorgebrachte: »O Gott!«, womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. »O Gott!« Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Überwundensein, ihre Hingebung an die Menschheit, an die sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche Töne anschlagen! Delphine ist so willenlos, daß sie die Beute jeder prononcierten Absicht wird. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst: Sie würde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie nötig ist es, bei einer solchen Willensschwäche, daß sie in die Hut eines Mannes kömmt, der so viel geistiges Leben besitzt, um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eignen Willenskraft! Delphine liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht, ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, daß sie dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen muß. Delphine besitzt äußerlich die Reize nicht, einen Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen können, weil ihre Hülflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines bloß verständigen logischen Gesprächs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen, wenn es entweder auf einen gemütlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Über einen Fall, den man ihr bloß erzählt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen für gut hält und alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel lesen. Sie liest, aber fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lektüre darin zu bilden suchen, was über die Musik und das bloße Gefühl hinausliegt. Ihr Organ macht, daß sie schön, ihre keusche Seele, daß sie fast alles richtig liest. Ich hörte sie[89] Gretchen im »Faust« lesen, so wahr und hold, wie es der Peche in Wien und Höffert in Braunschweig kaum gelingen möchte. Cäsar muß ihr Bücher geben. Was er wohl über sie urteilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir doch einmal: er müsse jede lieben, die ihn liebe, und würde auch jeder treu sein in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwäche. Sie können sich aber nicht begegnen. Delphine ist eine Jüdin.


Ich habe das gestern nur so hingeworfen, daß Delphine eine Jüdin ist. Aber welche eigentümliche Richtung mußte dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin, irgendeines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen sie den größten Teil gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein Mädchen, das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht, welche ganz Gefühl ist, und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt! Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Verehrung kömmt in Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Konfirmation ist unter uns den Juden nicht erlaubt – wie auffallend ist dies alles, und doch hat man es dicht neben sich!

Glücklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion irgendeine Ängstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des Gefühls muß für sie schon hinreichend sein, die Nähe des Himmels zu spüren. Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht, die die Christin erst erklimmen muß, um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im Grunde, wenn die Religion die[90] Tugend befördert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Münster, daß man ihn zwar ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenturme gelangen kann. Eins aber bemerk' ich, was charakteristisch ist. Niemals könnt' ich als Christin über meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen würde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist.

Für christliche Männer, welche widerspenstig gegen den Katechismus sind, muß die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf, sondern weiden sich an der reinen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem übertreffen soll. Bei einer Jüdin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe, Rücksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche (aber wollüstig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles: darum schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff, sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt.

Cäsar entdeckt, glaub' ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar sein, wenn er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu dürfen!

Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns, aber in andern Ländern geschlossen werden; natürlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen[91] oder jüdischen Priester; es ist eine rein zivile Ehe vor den Gerichten, ein Akt der geselligen Übereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte deshalb seine Neigung zu Delphinen ins Äußerste treiben. Schon bemerk' ich, wie eifrig er sie sucht.


Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt! Ohne weiteres konnt' ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas, das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiß ich aus meinem frühern Leben, wie unglücklich ich war, daß ich über diese Dinge nichts zu denken wagte. Oh, wie mächtig ist der Liebe Zauber! Ein männliches Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller unsrer Gedanken und muß die stille Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist. Wie sicher fühl' ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt alles auf sich: er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts.


Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Cäsar sich Delphinen immer mehr nähert, wenn ich mir die grausame Wirkung denke, die ein Verhältnis zwischen beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte: was muß dann kommen, wenn ich die Trümmer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe, über die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Not gedämmte Gewalt über mich, daß ich glauben muß, die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Überflutung in mir hervor, welche selbst den Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe. Sterben muß ich, nicht weil Cäsar imstande war, eine andre mir, ein Mädchen einer Frau (ob er es wohl weiß, eine Unberührte einer Unberührten) vorzuziehen, sondern weil dann alles[92] in mir zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch' ich Cäsar nur, um mich zu beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben. Er kömmt.


Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hieße den gegenwärtigen Zustand meines Innern fortleugnen. Würd' ich diese Mühe haben, wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gäbe! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein andres, als daß er in ein System überging und zuletzt selbst eine Religion wurde. Konnt' es abergläubigere und bigottere Atheisten geben, als Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren!


Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen möchte! In einer Reisebeschreibung las ich, daß einer der ersten Gottesleugner der Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter Indianer kam und zuletzt von ihnen als göttliches Wesen verehrt wurde, er, der Gott geleugnet hatte!


Diese satanischen Ironien reizen mich. Sollte es möglich sein, daß es noch einst im Himmel einen Gottesdienst gibt! Das Christentum (man lese nur die Offenbarung Johannis) gefällt sich in diesem lächerlichen Widerspruch, als wenn Gott vor sich selber Weihrauch streuen müsse. Er etabliert im Himmel eine vollendete Kirche mit Chören der Seligen und Altären, auf welchen die Cherubim thronen. Goethe benutzte diese Maschinerie für die Kanonisierung seines Faust.

Aber was jag' ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben freilich lindernde Kraft, aber ich schäme mich, aus meinem Schmerze Tatsachen heraufzuwühlen und mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten.
[93]

Wir sollen Gott fürchten und lieben! Dies eine Gebot untergräbt meine Ruhe; denn ich kann es weder befolgen noch mich anklagen deshalb, weil ich es nicht tue. Wir sollen Gott zürnen, heißt das Gebot meiner Weltansicht, welche eine unglückliche ist und freilich sich nicht damit zufriedengibt, daß jährlich vier Jahreszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren ißt, welche mit Zucker und Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten Verhältnissen. Wir kriechen tierisch auf dem Boden und werden nur allmählich aufgerichtet, wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung. Not, Mühsal verfolgt uns überall; selten ein Genuß, der nicht durch eine Anstrengung erkauft ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen. Wir wälzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf; warum müssen wir es tun? Der Fluch, nicht der Segen der Götter begleitet uns. Warum sind wir? Oh, könnt' ich mir irgendeinen erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos kriechen müssen? Was bezweckte Gott damit? War dies eine Grille von ihm? Was kömmt darauf an, ob das Gute oder Böse in der Weltordnung produziert wird? Ich bin so unglücklich. Ich weiß hierauf keine Antwort.

Die Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen, ließ Gott bei der Schöpfung oder bei der ewigen Schöpfung, bei unsrer Geburt, ohne die entsprechende Fähigkeit, auch Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott duldete es, daß der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es, daß noch heute der Atheismus wie das größte Verbrechen von den Völkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab er uns nicht die Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er die Folgen, warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin überein, daß man von Gott nichts wissen[94] könne. Dann weiß ich auch nicht, warum sie an ihn glauben. Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz Gottes anzunehmen war eine ganz äußerliche, politische und polizeiliche Übereinkunft der Völker. Denn warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten!

Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmähliche Verschwinden des Bewußtseins! Und dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd' ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig bin und es nun heißt: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen Natur, daß ich mich nie entschließen kann, das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige, was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fähigkeit, unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche wir vermissen sollen.


Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Cäsar hörte: die »Fragmente des Wolfenbüttler Ungenannten«, welche Lessing herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfränkisches Wesen; aber das hab' ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Die vollständige Prüfung des Christentums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek. Sie wollen das Buch nicht herausgeben. Sie fürchten, daß aus dem vergilbten Papiere jener[95] Kritik Motten fliegen, die das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, daß der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße!


Die »Fragmente« nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nüchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten Mienen jener Fischer und Zöllner, welche das Christentum predigten, den Schalk entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt! Und doch jammert mich's jener kindlichen, märchenhaften Sage, die der Autor mit so vieler Gelehrsamkeit vernichtet! Nur eines bestimmt mich, ihm beizupflichten, der Hinblick auf das, was uns umgibt, auf unsre Priester, auf – ach! wie hängt das alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht!

Ganz männlich werden meine Ausdrücke!


Und doch können die »Fragmente« nicht befriedigen. Sie deuten auf eine Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche Bildung kaum noch begnügen würde. Die Frage muß höher liegen. Sie dringt dort nicht in das Innre der Christuslehre ein, sie hält sich nur an deren historische Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo?


Ich war gefaßt auf diese Eiseskälte, mit der mir Cäsar seinen Entschluß anzeigt. Was ich vermutete, ist eingetroffen. Delphinens Situation reizt ihn. Er wird um ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurteile, und ich werde ihn verloren haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Tränen für diesen Verlust. Ich bin in einer fürchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels? Oh, jetzt sind mir die Blitze des Schicksals[96] willkommen, denn die Donner, welche ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betäubung meiner Gedanken. Ich muß Licht haben, Aufschluß, Einsicht! Ich denke an Cäsar nicht mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? Oh, das sah' ich alles voraus.


Ich bin krank, ich fühl' es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im Geistigen wie im Körper Wachstum eine Krankheit?


Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung alter Gemälde. Auf vielen, die Transfigurationen und Glorien der Heiligen vorstellen, sah' ich Engel, welche die Geige spielten. Dies würde mir weniger auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten getan hätten.

Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lächerlichkeit aus. Die Poesie würde es nicht können. Die Poesie hat diese Einfachheit nicht; sie würde solche Anomalien immer nur als Travestie geben.

Und wie entwürdigt sie sich, wenn sie es tut! Man sollte den Spott über das Heilige, das Wühlen der Mistkäfer in duftenden Blumen, bitter verfolgen, auch die Freigeister sollten es; sie, die alle Sorge tragen müssen, nicht mit den Spöttern verwechselt zu werden.


Es würde mir viel leichter werden, den göttlichen Begriffen mit Sicherheit nachzuhängen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festhalten könnte. Aber dies ist unmöglich. Ich habe schon früh an dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte schon als Kind mir zuweilen alles wegdenken, was ich sahe und denken konnte, Europa, Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schöpfung, und dann war es immer, als stürzt' ich von einer unermeßlichen Höhe ins Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt. Fast möcht' ich sagen, ich bin seither mit Eindrücken beladener, und es würde mir schwieriger sein[97] als ehemals, eine solche Vorstellung des Nichts zu fixieren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe Leere, worin das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts selbst ist, nämlich dasselbe Nichts, das später doch ein Etwas wurde! Gott, der in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies die Welt selbst vergöttern heißen würde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir, und ich glaube, Frauen werden ihn niemals hegen können, weil sie durch sich selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzuteilen. Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben; das Christentum unterstützt uns darin. Die Vorstellung eines über uns thronenden Werkmeisters ist ein Bedürfnis, das unsere Phantasie immer geltend machen wird. Jedes andre, ach, alles, alles ist uns verschlossen.


Cäsar wird in Ländern wohnen, wo das französische Recht herrscht. Er ist glücklich, sich ohne die Kirche verheiraten zu dürfen. Eine bürgerliche Verbindung wird zwischen ihm und Delphinen stattfinden. Wenn er nur meinen Zustand schonte! Aber er kennt ihn nicht. Wüßte er, wie mich seine leichte Manier über die Religion so tief verwundet! Das Peinlichste ist dies, daß er sich öfter das Ansehen gibt, als ließen sich einige Wahrheiten sogar im christlichen Glauben unumstößlich beweisen. Dann tut er's und beginnt über die schwierigsten Punkte Entwickelungen, welche er mit ernster Miene durchführt und, wenn er zu Ende ist, für phantastischen Witz erklärt. So begann er neulich folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines Begriffes, den ich noch gar nicht anrührte, weil ich mit seinen Prämissen noch nicht im reinen bin. Er sagte: Die bloße Vaterschaft Gottes ist relativ, sie ist unerkennbar oder, wie Jakob Böhme gesagt hat, ein dunkles Tal. Licht und Erkenntnis kömmt erst durch den Sohn. Beide dürfen nicht isoliert gedacht werden, ihre Ergänzung, ihre[98] Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist. Gott als das bloße Alles oder das bloße Nichts ist unerkennbar. Gott muß sich etwas gegenüberstellen, einen Schatten seiner selbst, er mußte sich negieren aus seiner Ruhe heraus und schuf die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann müßte die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Tätigkeit Gottes, und alles in Gott Tätige, auf die Außenwelt Bezügliche, ist in ihm das Englische. Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens, und ihre Zahl ist so unendlich, wie, fast möchte man sagen, die Atome der Welt. Die Engel wohnten ursprünglich in Gott; denn seine Tätigkeit ist seinem Sein immanent. Darum mußten die Engel auch gut sein ursprünglich. Luzifer aber empört sich, Luzifer, der Lichtbringer, der die Finsternis erhellt. Dies Empören ist eine Tätigkeit Gottes, das heißt Gott wird das Gegenteil seiner selbst, Gott wird Satan. Ja, die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche für Gott durchaus nicht vorhanden ist, da sie nur sein Atem ist. Die Natur vor Gott ist so, als wäre sie nicht. Vor Gott gibt es auch einen Teufel, als gäb' es ihn nicht. Je höher bei dem einen oder andern das philosophische Bewußtsein ist, desto weniger existiert für ihn auch der Teufel. Im Christentum ist der Teufel ideell gänzlich ausgetrieben, denn Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Prozeß büßen lassen. Er wurde gekreuzigt, und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des Geistes, der Freiheit und der Wahrheit.

Was hatt' ich nun von dieser Improvisation! Mit einer Art von komischem Atheismus schloß Cäsar seine mystische Deduktion, welche Menschen von größerer Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewähren mag. Ich soll schon an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt.
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Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht. Ich mußte der Welt zeigen, daß ich Cäsars Entfernung ertragen kann, ich mußte es mir selbst zeigen. Aber es erquickt mich nichts mehr. Cäsars Liebe war die schönste Zerstreuung meiner unglücklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung. Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmut aufgelöst, daß ich in die Kammer stürze, wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen. Ich räumte auf in der Verwirrung, um mich zu zerstreuen. Ein Stilett fiel mir in die Hand. Wie mag das hierhergekommen sein?


Ich glaube, Cäsar müßte sich schämen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine Überzeugung, die vielleicht folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg muß ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab' ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernsthafte Meinung über Religion und Christentum zu sagen. Ich zittre, wenn seine Darstellung einläuft.

Das Stilett gehörte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in welchem ich mich jetzt befinde.


Cäsar sagte mir oft, als Kind hab' er sich fortwährend damit geängstigt, daß er keines natürlichen Todes sterben würde. Die Katastrophe des jungen Sand hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht, daß sie ihnen auch einst abgeschlagen würden. Keiner, sagte er, glaubte so würdig zu sein wie Sand, und keiner glaubte deshalb auch, auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen als Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, daß er oft stundenlang heimlich mit entblößtem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht habe, daß ihm die Tränen geflossen seien aus Verzweiflung, so sterben zu müssen. Es war immer ein wehmütiges, liebes[100] Lächeln, das bei solchen Geständnissen auf seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess' ihn nicht. Für alles brauch' ich ihn. Er soll mir zu allem Beweise geben!


Ich lese das Buch »Rahel«, aber nur in Bruchstücken. Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut schwer wäre, sondern relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer machte. Ich glaube, daß diese Frau unter Denken verstanden hat, die Dinge immer von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenüber dem gewöhnlichen Wege. Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel, die nichts sagen, nämlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, daß hier etwas war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergeßlichkeit! Man hat so wenig in ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es zuschlägt, alles zu haben. Darin seh' ich recht, wie nur die Männer imstande sind, zu produzieren, auch Gedanken.


Bettina!- Spielerei – alte Gedanken; nur klassische, neue Formen. So sprechen, gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln – wie es einem gerad' einfällt? Ich konnt' es einmal; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen, sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spekulation.


Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan. Aber es ist immer nur Lea, die man erhält, niemals Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern Körbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten[101] Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders machen als die andern? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren? Sie gibt nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen läßt, oder als Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation übertäubter als beim Untertauchen. Pietismus aber ist die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man Wasser im Ohre hat.


Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, daß ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben können, die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind? Cäsar erzählte mir einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie paßt auf meinen Zustand. Kann ich sie noch?

Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu löschen vergessen hatte. Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper – –

Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren, vielleicht find' ich die Geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte.


Hier ist sie:

Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch flackerte die Lampe, welche er zu löschen vergessen hatte, und zog, wie sie größer oder schwächer wurde, wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an[102] den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild: er mußte an die Welt denken, welche draußen schlummerte, und dachte zuerst an Julien.

»Meine Julie!« sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hörte die Uhr picken, die auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zügen und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann saß er auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.

»Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben!« flüsterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er.

Die Straßen waren still und öde. Man sieht auf ihnen niemand, auch Alfreden nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man kann Alfred nicht sehen. Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja, er hätte schwören mögen, daß er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.

»Es ist nicht möglich«, flüsterten seine Gedanken; »sie wohnt im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleißiger sein, sie muß künftig im zweiten Stock wohnen!«

Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weißen Rouleau brach sich der Schall. Er mußte lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft.

»Wie!« dachte er, »wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammertür pochtest.«

Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus, das ihm offenzustehen schien, mußte über den Garten- und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen.

Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt[103] gleichsam höher als Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklären konnte. Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender Laut ließ sich hören. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nachthäubchen und mit bloßen Schultern am Fenster, das sie öffnete.

Alfred war nun dicht vor ihr. »Was ist ihr nur?« dachte er; »sie erschrickt, sie öffnet den Mund, als wollte sie um Hülfe rufen; was zitterst du, mich zu erkennen, Julie?«

»Alfred!« schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße. Alfred war ein Nachtwandler. Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder in ihr weißes, weiches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie lebt noch, aber kümmerlich; die Tränen zehren sie auf.


Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausführlicher sein. Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswert ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht. Nämlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möchte. Man tue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahiere von allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht, auf das Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht bloß im allgemeinen, sondern ganz im Detail, wie man ißt und schläft. Bei jedem Spaziergange richt' ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die Nacht erst sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst aber dem Allgemeinen angehöre. Wie vielen Stolz das gibt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts erschüttern, denn er[104] hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer großen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch Hülfe für mich! Ich fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken.


Jetzt weiß ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen möglich machen. Die Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie würden es nicht aushalten können, wenn nicht die Erde für sie gleichsam verschwände und sie nichts übrigbehielten als den gestirnten Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette. Ich müßte in die Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Nämlich die Natur und das Grün. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich, und wer poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und Ströme wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rückgrat und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und alles, was so nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern zu hören glauben, diese große Tatsache, die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist. Das Irdische faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft.


Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, daß ich kaum geschrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, geschrieben zu werden: die Verzweiflung und das Gräßliche. Nämlich jene grausamen, blutsaugenden Träume, die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende, von gräßlichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie combinier' ich! Was für Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, während mein Puls ganz richtig und medizinisch[105] schlägt. Muß ich sterben, was verbrach ich, daß mir Raben erscheinen müssen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt von der Decke, wo eine Öffnung, hinunter in den Sarg, und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muß das Schafott sein. Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper, paßt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischränder beider Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Körper, und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schöner Jüngling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dort – eine grüne Flur – ein Mädchen, das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran, spricht nicht, sondern lächelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe zu Galathee, du Lieber! Und sie küßt seinen blassen Mund. – »Oh«, röchelt er, »drücke nicht!« Doch sie hört nicht, sie drückt, der Reifen springt – Herr Jesus, was geht mit mir vor! –


Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis. Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermaßen.

Quelle:
Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin. Stuttgart 1979, S. 87-106.
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